Kapitel 1

Am Ende des Zeitstroms, irgendwo über der Erde

S.S. Enterprise NX-01

Das Wasserballspiel war gerade in die letzte entscheidende Phase gelangt, als Captain Archer dasselbe merkwürdige Phänomen erlebte wie die drei Offiziere in Daniels' Quartier. Nur wenige Sekunden später meldete sich Hoshi von der Brücke. Archer brauchte jedoch nicht erst ihren dringenden Ruf um zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er kannte sein Schiff. Und nun war es dabei auf seinen Heimatplaneten zu stürzen.

"Können Sie unseren Orbit stabilisieren?", rief Archer, als er die Brücke betrat.

"Negativ, Sir", antwortete Ensign Travis Mayweather von der Conn her. "Die Triebwerke reagieren nicht."

Archer trat an die Seite des jungen Piloten. Die Anzeigen auf der Steuerkonsole verrieten nichts Gutes. Wenn sie in diesem Tempo weiter fielen, würden sie in drei Minuten die Stratosphäre erreichen.

"Rufen Sie das Sternenflotten-Hauptquartier", rief Archer zu Hoshi.

"Habe ich bereits versucht, Sir. Ich bekomme keine Antwort", antwortete die junge Asiatin verzweifelt.

"Warum antworten die nicht?", dachte Archer laut.

In diesem Moment kamen Trip, T'Pol und Malcolm auf die Brücke.

"Was war los bei euch?", fragte der Captain die drei.

"Wir haben das Gerät gefunden, welches die Chronitonen ausgesendet hat", antwortete T'Pol als erste.

"Ich habe versucht es auszuschalten", ergänzte Trip etwas verlegen, "und dabei muss ich wohl irgendetwas ausgelöst haben."

"Das sieht dir ähnlich", kommentierte Archer den Bericht seines Chefingenieurs. "Sieh mal nach, ob du die Triebwerke wieder in Gang bekommen kannst."

"Ja, Sir!"

Trip verschwand im Turbolift. Malcolm saß bereits wieder an seiner Konsole und löste den taktischen Alarm aus. T'Pol versuchte derweil herauszufinden, was mit dem Schiff passiert war.

Die Minuten des untätigen Wartens ließen Archer nervös auf seinem Stuhl hin und her rutschen. Er fand es äußerst beunruhigend, wenn er keine Kontrolle darüber hatte, was sein Schiff gerade tat. Am liebsten würde er einfach aussteigen und die Enterprise mit seiner eigenen Muskelkraft wieder in ihren Orbit befördern. Doch das war natürlich nur ein illusorischer Gedanke. Er musste sich der Realität stellen.

"Captain, wir dringen in die Stratosphäre ein", meldete Ensign Mayweather.

Auf dem Bildschirm war jetzt ein leuchtendes rotes Glühen zu sehen, welches durch die Reibung von Luftmolekülen an der Außenhülle der Enterprise verursacht wurde.

"Polarisieren Sie die Außenhülle", befahl Archer Lieutenant Reed. "Vielleicht können wir so verhindern, dass sie sich zu sehr aufheizt."

Malcolm bestätigte den Befehl mit einem knappen Nicken.

Trips Stimme meldete sich aus dem Intercom: "Tucker an Brücke, ich kann euch wieder minimale Manövriertriebwerke anbieten. Für den Warp- und Impulsantrieb brauche ich aber mindestens drei Stunden."

"Die wirst du wohl nicht mehr haben, Trip. Wir können nur noch versuchen, den Sinkflug mit den Manövriertriebwerken etwas zu stabilisieren."

Archer gab schnell Befehle an alle seine Führungsoffiziere aus:

"Mr. Mayweather, versuchen Sie unsere Geschwindigkeit zu reduzieren und bringen Sie uns auf einen Kurs, der uns möglichst über Wasser führt. T'Pol, halten Sie Ausschau nach Leuten, die wir eventuell gefährden könnten. Trip, sichere die unteren Decks und bereite alles für eine Notlandung vor. Hoshi, sagen Sie allen, dass sie sich in die oberen drei Decks begeben sollen."

Alle reagierten genauso professionell, wie sie es gelernt hatten. Archer konnte sich voll und ganz auf seine Crew verlassen, selbst wenn die Situation äußerst kritisch wurde. Wahrscheinlich hatte keiner von ihnen erwartet, dass ihre Mission auf diese Weise zu Ende gehen würde.

Unter anderen Umständen hätte Archer den Anblick äußerst beeindruckend gefunden. Auf dem Hauptschirm erstreckte sich der Horizont wie ein blaues Band, kleine weiße Wolken zogen davor ihre Bahn und dahinter zeigte sich die Sonne in einem strahlend roten Licht. Doch der Captain der Enterprise hatte keine Zeit sich auf die Schönheit der Aussicht zu konzentrieren. Nur noch wenige Minuten trennten die Enterprise von der immer näher kommenden Erdoberfläche. Sie flogen Richtung Westen. Unter ihnen zogen die Landmassen Asiens dahin, die ab und zu durch blaue Flecken verschiedener Größe unterbrochen wurden. Archer hoffte, dass sie wenigstens eine weiche Landung hinbekommen würden. Dazu war es allerdings notwendig auch eine weiche Oberfläche zu finden – idealerweise Wasser oder einen Strand. Das schlimmste, was ihnen jetzt noch passieren könnte wäre ein harter felsiger Untergrund.

"Noch 20 km", meldete Ensign Mayweather.

"Schaffen wir es bis zum Mittelmeer?", fragte Archer den Piloten.

"Ich bin mir nicht sicher, Sir. Im Weltraum könnte ich Ihnen jede Entfernung sagen, aber hier auf der Erde …"

Unser Weltraumnomade, dachte Captain Archer. Wenigstens hat er seinen Humor noch nicht verloren.

"Wir müssten es gerade so schaffen", meldete T'Pol, nachdem sie einige Eingaben in ihre Konsole gemacht hatte.

"Noch 10 km."

Auf dem Hauptschirm zeichnete sich im Schein der untergehenden Sonne hinter einigen hohen Erhebungen eine große Wassermasse ab. Sie flogen nun unterhalb der Wolkendecke. Archer fragte sich, wie wohl die Enterprise in diesem Moment von der Erdoberfläche aussah. Doch er schob diesen Gedanken schnell beiseite. Es galt sein Schiff so sicher wie möglich runter zu bringen. Er betätigte eine Schaltfläche auf der Armlehne seines Stuhls und öffnete damit den schiffsweiten Kanal.

"An alle, bereiten Sie sich auf den Aufprall vor."

Der ließ auch nicht lange auf sich warten. Als die Enterprise die Wasseroberfläche berührte, schüttelte sie sich heftig durch. Die Besatzungsmitglieder auf der Brücke mussten sich an ihren Sitzen festhalten um nicht genauso durchgeschüttelt zu werden. Aus einigen Konsolen stoben Funken. An Hoshis Station fiel ein Monitor von seiner Halterung. Die Asiatin gab mit einem Handzeichen zu verstehen, dass ihr nichts passiert war. Die Einzige, die sich relativ mühelos an ihrer Station halten konnte, war T'Pol. Archer bewunderte die Vulkanierin für ihre große physische Stärke.

Ein weiteres Mal traf das Schiff auf die Wasseroberfläche. Wie ein Surfbrett, das mit zu hoher Geschwindigkeit auf das Wasser geschossen wurde, flog die Enterprise über die Wellen.

"Wie ist unsere aktuelle Geschwindigkeit?", fragte Captain Archer nach vorne.

"214 km/h", antwortete Travis. "Sie nimmt schnell ab, wenn wir auf Wasser treffen."

Unwillkürlich dachte Archer an seine Kindheit, als sein Vater ihm beibrachte kleine flache Steine so über das Wasser zu schießen, dass sie von der Oberfläche abprallten und mehrere Hüpfer schafften, bevor sie versanken. Er hoffte nur, dass die Enterprise nicht genauso versank.

"Können Sie in der Nähe irgendwelches Festland ausfindig machen?"

"5 km nördlich liegt eine kleine Insel", meldete T'Pol.

"Travis, versuchen Sie uns mit dem restlichen Schub so nah wie möglich zu dieser Insel zu bringen."

"Aye, Sir."

Wieder stoben Funken. Einige merkwürdige Geräusche waren von außerhalb des Schiffes zu vernehmen.

"Captain, die Hülle auf der Unterseite hat sich verzogen", meldete sich Trips aufgeregte Stimme aus dem Intercom.

"Wollen wir hoffen, dass das unser kleinstes Problem bleibt", erwiderte Archer auf diese Meldung.

Ein heftiger Ruck ging in diesem Moment durch das Schiff. Auf vielen Decks fielen Schränke um und Mannschaftsmitglieder purzelten über den Boden. Auch Captain Archer wurde aus seinem Sitz gerissen. Als er sich wieder aufrappelte, kam die erfreuliche Meldung von der Conn.

"Captain, wir sind gelandet."