Kapitel 2
Am Ende des Zeitstroms, Mittelmeer, Erde
S.S. Enterprise NX-01
Sie hatten großes Glück gehabt. Falls man bei einem Absturz überhaupt noch von Glück reden kann. Die Schäden an der Enterprise beschränkten sich auf die Verziehungen auf der Unterseite und einige leichtere Schäden auf diversen Decks. Captain Archer inspizierte gerade gemeinsam mit Chefingenieur Tucker die Schäden auf dem E-Deck.
"Wie lange wirst du für die Reparatur brauchen?", fragte Archer.
"Mindestens vier Tage, würde ich sagen", antwortete Trip. "Das größere Problem wird sein, wieder von der Erdoberfläche wegzukommen."
Archer nickte. Darüber hatte er auch schon nachgedacht. Er hoffte, dass irgendjemand bei der Sternenflotte sie bald vermissen und eine Rettungsmission starten würde. Mit den vereinten Kräften mehrerer Schiffe sollte es möglich sein, die Enterprise wieder in ihr natürliches Element zu befördern.
"Sie's mal positiv, Trip. Jetzt bist du doch noch ans Mittelmeer gekommen."
Trip bedachte Archer mit einem wenig erfreuten Lächeln.
"Das ist alles bloß meine Schuld, Jon", sagte er.
Archer legte seinem Freund die Hand auf die Schulter.
"Hey, komm. Die Enterprise ist das erste Schiff der Sternenflotte, das eine Notlandung sicher überstanden hat. Unsere Erfahrung könnte zukünftigen Raumschiffbesatzungen und -konstrukteuren von großem Nutzen sein. Wir können froh sein, dass wir nochmal mit einem blauen Auge und einem verstauchten Fuß davon gekommen sind."
"Ich fürchte, ich muss Sie da korrigieren, Captain", sagte T'Pol, die sich gerade zu ihnen gesellt hatte.
"Wie meinen Sie das?"
"Wir bekommen immer noch keinen Kontakt zum Sternenflotten-Hauptquartier und ich denke, ich weiß mittlerweile auch warum."
Archer und Trip schauten einander ungläubig an. Als T'Pol ihren Bericht ausführte wuchs der Unglaube in ihren Blicken noch weiter.
"Ich habe den Chronitonenfluss weiter analysiert. Es sieht so aus, als ob er dafür verantwortlich war, dass wir hier gelandet sind. Ich habe die Spur zurückverfolgt. Der Fluss endete nicht allzu weit von unserer derzeitigen Position."
"Was meinen Sie mit ›Er endete‹?", fragte Archer.
"Der Chronitonenfluss hörte auf, als wir hier angekommen sind."
"Und was genau meinen Sie mit ›hier‹?"
"Chronitonen sind Partikel, die den Zeitfluss verändern können. Die Partikel, die das Gerät in Daniels' Quartier ausgestrahlt hat, haben das ganze Schiff eingehüllt und in einen Zeitstrom befördert."
"Willst du damit sagen, dass wir gerade durch die Zeit gereist sind?", fragte Trip.
"Genau das will ich damit sagen."
Archer und Trip warfen sich erneut einen ungläubigen Blick zu.
"Konnten Sie feststellen wo – ich meine, wann wir gelandet sind?", fragte Archer.
"Da vor wenigen Minuten die Sonne untergegangen ist, konnte ich die Sternkonstellationen nutzen um den Zeitpunkt unserer Landung auf einen Zeitraum von einigen Jahren einzugrenzen. Falls meine Berechnungen korrekt sind, befinden wir uns zu Beginn des 18. Jahrhunderts Ihrer Zeitrechnung – genauer gesagt zwischen den Jahren 1705 und 1710."
"Deshalb konnten wir das Sternenflotten-Hauptquartier nicht erreichen", sagte Archer.
Trip nickte.
"Weil es noch nicht existiert."
Diese Nachricht musste Archer erst einmal verdauen. Kurzzeitig lehnte er sich an die Wand hinter ihm, um sich dann aber schnell wieder aufzurichten. Er wollte seinen Offizieren nicht zeigen, dass er ihre Lage für ziemlich hoffnungslos hielt. Er dachte noch einmal über alles nach, was T'Pol berichtet hatte. Da kam ihm ein Gedanke, der vielleicht doch noch ein wenig Hoffnung versprach.
"Sie sagten, der Chronitonenfluss endete hier, in dieser Zeit und nicht allzu weit von hier."
"Das ist korrekt", bestätigte die Vulkanierin.
"Das würde bedeuten, dass irgend jemand Daniels' Gerät genutzt hat um den Zeitstrom hierher zu lenken. Dann muss es hier eine Art Sender oder so etwas Ähnliches geben. Und auch wenn wir nicht allzu viel von der Technologie des 31. Jahrhundert verstehen, würde ich trotzdem zwanzig Dilithiumkristalle darauf verwetten, dass es jemanden gibt, der diesen Sender bedient hat."
T'Pol nickte knapp.
"Ihre Schlussfolgerungen klingen logisch", sagte sie und ahnte, was der Captain dachte. "Allerdings wissen wir nicht, welche Absichten dieser jemand mit der Erzeugung des Zeitstroms beabsichtigte. Wir können nicht davon ausgehen, dass er gefunden werden will."
"Ich vertraue da auf meinen Instinkt. Und der sagt mir, dass die Zeitreise der Enterprise ein Unfall war. Wenn Trip das Gerät nicht ausversehen aktiviert hätte, wäre vielleicht gar nichts passiert."
Archer blickte seine beiden Offiziere an. T'Pol machte keinen sehr überzeugten Eindruck und auch Trip schien nicht so sicher zu sein, auf welche Seite er sich stellen sollte. Doch als Captain hatte Archer das letzte Wort.
"Ich denke, wir sollten versuchen denjenigen zu finden, der den Zeitstrom erzeugt hat. Vielleicht kann er uns helfen wieder in unsere Zeit zurückzukommen."
Das Außenteam war schnell zusammengestellt. Archer würde die Leitung übernehmen. T'Pols umfangreiche wissenschaftlichen Kenntnisse würden auf jeden Fall gebraucht werden, wenn sie den unbekannten Zeitreisenden gefunden hätten. Hoshis Anwesenheit war selbstverständlich, da sie nicht wissen konnten, mit welchen fremden Sprachen sie es zu tun bekämen. Nummer vier im Außenteam bildete Malcolm. Durch die lange Familientradition der Reeds in der Royal Navy zu dienen, hatte auch er viel über antike Segelschiffe gelernt, die ihnen in dieser Zeit als Haupttransportmittel zur Verfügung stehen würden. Davon abgesehen verstand er viel vom Umgang mit Waffen aus nahezu allen Jahrhunderten.
"Du bleibst hier, Trip", beantwortete Archer die Anfrage seines Chefingenieurs ebenfalls dem Außenteam zugeteilt zu werden. "Die Reparaturen an der Enterprise haben oberste Priorität für dich. Versuch die Shuttles startklar zu bekommen und mit ihnen das Schiff zu der Insel zu schleppen. In einem Trockendock kann man schließlich viel leichter Reparaturen durchführen."
Trip verzog zwar kurz das Gesicht, doch er bestätigte den Befehl mit einem kurzen Nicken.
"Wir melden uns alle drei Stunden und erstatten Bericht. Es kann sein, dass wir auch mal Funkstille halten müssen. Falls du länger als 24 Stunden nichts von uns hörst, hast du die Erlaubnis mit den Shuttles nach uns zu suchen."
"Okay", bestätigte Trip knapp. Sein Blick verriet Sorge. "Pass auf dich auf, Jon."
"Das werde ich."
Die beiden Männer betraten nun zum ersten Mal ohne einen schützenden Raumanzug die Außenhülle der Enterprise. Ein seltsames Gefühl war das, dort zu stehen, wo normalerweise das Vakuum des Weltraums die Hülle aus Duranium umgab. Jetzt atmeten sie kühle Nachtluft. Beim Blick nach oben konnte man die gewohnten Sterne sehen. Und auch unten waren Sterne zu sehen, fast so, als wären sie noch im Weltraum. Doch waren diese Sterne nur Reflexionen auf der Oberfläche des Mittelmeeres.
Am Bug der Enterprise, dort wo der Hauptdeflektor aus dem Wasser ragte, lag ein kleines Segelboot. Glücklicherweise hatte die Enterprise einige Holzplanken an Bord. Dr. Phlox hielt in ihnen denobulanische Flankwürmer, die den terranischen Holzwürmern sehr ähnlich waren. Angeblich sollten ihre Sekrete ein sehr gutes Mittel gegen jede mögliche Art der Grippe sein. Die Wirkung dieses Wundermittels würden sie nun wohl nicht mehr erleben können. Trips Ingenieure zimmerten – nachdem sie alle Flankwürmer entfernt hatten – ein kleines aber widerstandsfähiges Boot daraus. Für das Segel verwendeten sie diverse Stoffvorräte, die sie im Frachtraum fanden. Das Ergebnis sah zwar etwas improvisiert aus, sollte sie aber sicher zum nicht weit entfernten Festland bringen können, wo sie das ursprüngliche Ziel des Chronitonenflusses vermuteten.
Ein Techniker hatte den obskuren Vorschlag das Boot Patchy zu nennen. Mr. Reed hielt das allerdings für kein gutes Omen und schlug stattdessen den Namen Intrepid vor. Trip dagegen war eher für einen weiblichen Namen wie Sylvia. Archer entschied sich auf das Wort des Mannes mit der meisten Seefahrtserfahrung zu verlassen und so wurde das kleine Segelboot schließlich auf den Namen Intrepid getauft, was unerschrocken bedeutete. Er hoffte, dass der Name auch Wirkung zeigen würde, denn ebenso unerschrocken mussten sie sich nun in eine ihnen unbekannte Zeit begeben um denjenigen zu finden, der sie – wenn auch unbeabsichtigt – in dieses Jahrhundert befördert hatte, damit er ihnen dabei helfen konnte, wieder in ihre eigene Zeit zurückzukehren.
