Kapitel 3
30. September 1707, Mittelmeer, Erde
Intrepid
Wie geht es Ihnen, Malcolm?", fragte Jonathan Archer seinen Waffenoffizier.
"Nicht sehr gut, Sir", antwortete dieser mit einem leicht blassen Gesicht.
Sie waren nun schon seit fast siebzehn Stunden auf den Wassern des Mittelmeeres unterwegs. In weiser Voraussicht hatte Dr. Phlox Malcolm ein Mittel gegen dessen Aquaphobie gegeben, doch die Wirkung schien nun langsam nachzulassen. Dementsprechend unwohl fühlte sich der Brite. Er saß bewegungslos am Fuße des Mastes der Intrepid und wagte es nicht auf das sie umgebende Wasser zu blicken.
"Vielleicht sollten Sie sich etwas hinlegen", schlug Hoshi besorgt vor.
"Nein, nein", winkte Malcolm ab, "es geht schon. Wir werden ja hoffentlich bald da sein."
"Wir werden das Festland wohl nicht vor Sonnenuntergang erreichen", meldete T'Pol vom Bug des kleinen Segelbootes.
Die Vulkanierin blickte durch ein elektronisches Fernglas in Richtung Westen, wo sich eine größere Landmasse abzeichnete.
"Haben Sie eine Idee, was wir da vor uns haben?", fragte Archer, während er an T'Pols Seite trat.
"Seit unserem Aufbruch von der Enterprise war ich damit beschäftigt, unsere Position noch genauer zu berechnen", antwortete sie. "Ohne ein genaues Datum zu kennen, ist das jedoch schwierig."
Die Vulkanierin griff kurz in eine Tasche ihrer zivilen Kleidung, die das gesamte Außenteam vor dem Beginn der Reise angelegt hatte, und holte einen vulkanischen Tricorder heraus. Auf dem kleinen Bildschirm des Geräts erschien eine Karte vom Mittelmeer. Mit ein paar kurzen Eingaben vergrößerte T'Pol einen Ausschnitt, der in der Gegend westlich von Italien lag.
"Wenn meine Berechnungen keine allzu großen Abweichungen aufweisen, müssten wir uns in dieser Region des Mittelmeeres befinden."
"Dann könnte dieses Land vor uns Korsika sein."
"Das wäre möglich."
"Oh, Korsika", rief Hoshi erfreut. "Ich wollte dieser Insel schon immer mal einen Besuch abstatten."
Erstaunt blickten Archer und T'Pol zur Asiatin. Diese konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
"Auf Korsika sprechen die Einwohner ihren ganz eigenen italoromanischen Dialekt. Und nicht nur das. Über die ganze Insel verteilt sprechen sie fast ein Dutzend verschiedene Varianten davon. Erst nach dem 18. Jahrhundert wurde Französisch als Amtssprache eingeführt. Es muss unglaublich faszinierend sein, die Entwicklung dieser Sprache über die Jahrhunderte zu verfolgen."
"Ich befürchte für linguistische Streifzüge wird uns wenig Zeit bleiben, Hoshi", bremste Archer den Enthusiasmus seines Kommunikationsoffiziers.
Etwas beschämt blickte die kleine Asiatin auf die Bodenplanken des Bootes. Vor lauter Begeisterung für die Kultur, auf die sie stoßen würden, hatte sie fast ihre eigentliche Mission vergessen. Archer versuchte sie zu vertrösten.
"Vielleicht werden wir ja wenigstens die Gelegenheit haben etwas zu essen, bevor wir unseren zeitreisenden Freund suchen. Ich habe gehört, die korsische Küche soll recht vielfältig sein."
Sofort erschien wieder ein Lächeln auf Hoshis Gesicht.
"Sie sollen einige sehr interessante Pastagerichte kennen", ergänzte sie Archers Ausführungen. "Und aus Fisch sollen sie wahrlich kleine Kunstwerke zaubern können."
Ein leises Stöhnen war vom hinteren Teil der Intrepid zu vernehmen.
"Ich würde es vorziehen, wenn wir im Moment nicht über Essen sprechen würden", meldete sich Malcolm. "Und besonders nicht über Fisch."
Hoshi warf Archer ein weiteres Lächeln zu, bevor sie sich um den jetzt noch etwas blasser aussehenden Malcolm kümmerte.
"Kann ich Ihnen irgendwie helfen?", fragte sie den Briten.
"Das ist nett, dass Sie sich um mich sorgen, Hoshi, aber ich muss damit ganz allein klar kommen."
"Seit wann leiden Sie eigentlich an Aquaphobie?"
"Solange ich mich erinnern kann", antwortete Malcolm. "Als Kind wollte ich unbedingt der Familientradition der Reeds Genüge tun und auf einem Schiff dienen, das über die Meere segelt. Aber schon bei meiner ersten Seefahrt mussten meine Eltern feststellen, dass ich Angst vor dem Wasser hatte. Und an dem Zustand hat sich bis heute nichts geändert."
"Aber das ist doch eigentlich nur ein … psychologisches Problem. Haben Sie nie daran gedacht sich … naja … von einem Therapeuten behandeln zu lassen."
Malcolm lachte etwas verächtlich.
"Zu einem Psychoanalytiker gehen? Oh nein! Ein Reed hat auch seinen Stolz. Einer meiner Großonkel hatte auch Aquaphobie, aber er hat sich seiner Angst gestellt und hat sich freiwillig zum U-Boot-Dienst gemeldet. Ich bevorzugte dann doch den einfacheren Weg und bin in die Sternenflotte eingetreten."
"Und weil sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen wollten, hat Sie nun ihr Stolz wieder eingeholt", sagte Hoshi mitleidsvoll.
Er blickte sie lange an. Dann nickte er.
"Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht hat mich mein Stolz tatsächlich daran gehindert der Wahrheit ins Auge zu sehen", Malcolm lachte "… oder besser gesagt: dem Psychoanalytiker."
Der Brite schenkte Hoshi ein bei ihm selten gesehenes Lächeln.
"Danke, Hoshi."
Die Asiatin beugte sich zu Malcolm herunter und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
"Keine Ursache. Ich helfe gerne."
Während sich Hoshi und Malcolm am Heck der Intrepid unterhielten, besprachen Captain Archer und T'Pol am Bug das weitere Vorgehen. Sobald sie das Festland erreicht hatten, mussten sie die Spur des Zeitreisenden wieder aufnehmen. T'Pol hatte bereits ihren Tricorder so programmiert, dass er noch übrig gebliebene Chronitonen aufspüren konnte. Sie würden diesen 'Brotkrümeln', wie es Archer ausdrückte, folgen können, bis sie die gesuchte Person gefunden hatten. Sie mussten lediglich versuchen den Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. Falls es sich dennoch nicht vermeiden ließ, dann gab es nur ein kleines Problem.
"Haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit Ihren Ohren machen?", fragte Archer.
"Da wir keine Möglichkeit hatten, eine kosmetische Behandlung durchzuführen, werde ich auf eine praktische, wenn auch wenig effiziente Methode zurückgreifen meine außerirdische Herkunft zu verbergen", antwortete T'Pol.
Sie holte aus einer anderen Tasche ein blaues Tuch heraus, welches an einer Seite verknotet war. Sie streifte sich das Tuch über den Kopf und zog es so weit herunter, dass es die Spitzen ihrer vulkanischen Ohren bedeckte.
Archer schmunzelte. T'Pol sah nun fast aus wie ein waschechter Seemann.
In diesem Augenblick lenkte ein Ruf von Hoshi seine Aufmerksamkeit zum Heck des Bootes.
"Captain, ich glaube, wir bekommen Gesellschaft", rief die Asiatin.
Als sich Archer umdrehte, sah er bereits, was Hoshi damit meinte. Hinter ihnen war fast wie aus dem Nichts ein Schiff aufgetaucht und es schien sich sehr schnell in ihre Richtung zu bewegen.
"Können Sie erkennen, was es für ein Schiff ist?", fragte Archer in T'Pols Richtung.
Die Vulkanierin blickte erneut durch ihr Fernglas. Als keine Antwort kam, blickte sich Archer fragend um. Statt einer verbalen Antwort reichte ihm T'Pol das Fernglas.
Es war ein großes Schiff. Drei Masten. Archer versuchte einen Namen oder eine Flagge zu erkennen. Doch nichts dergleichen konnte er an diesem Schiff entdecken.
Höchst merkwürdig, dachte er.
"Malcolm, sehen Sie sich das mal an", sagte er zu dem seeerfahrenen Briten und reichte ihm das Fernglas weiter.
Mit viel Überwindung und ein wenig Hilfe von Hoshi stand Malcolm auf und schaute nun ebenfalls in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
"Sieht aus wie eine Dreimaster-Galeone", sagte er. "Keine Beflaggung erkennbar. Das lässt eigentlich nur zwei Möglichkeiten zu. Entweder, sie haben ihre Flagge bei einem Sturm verloren oder ..."
Alle blickten nun zu Malcolm. Langsam senkte er das Fernglas und blickte besorgt in die Gesichter seiner Mannschaftskameraden.
"... es handelt sich um Piraten."
