Kapitel 4

1. Oktober 1707, Mittelmeer, Erde

S.S. Enterprise NX-01

Travis hielt sich an der Konsole vor ihm fest, als sich das Shuttle schüttelte. Er blickte aus dem halbkugelförmigen Fenster, wo er zu seiner Linken Commander Tucker in dem zweiten Shuttle sah. Auch er schien Mühe zu haben, sich in seinem Sitz zu halten.

"Commander", rief Travis in den offenen Kommunikationskanal, "wie sieht es bei Ihnen aus?"

"Ich habe das Gefühl, das Shuttle fällt gleich auseinander", rief ein leicht angespannt klingender Tucker zurück. "Hat sie sich schon bewegt?"

Travis kontrollierte seine Positionsanzeigen.

"Keinen Zentimeter, Sir."

"Wir müssen den Output der Triebwerke noch mehr verstärken", rief Commander Tucker. "Aktivieren Sie die Zusatzdüsen."

"Halten Sie das für eine gute Idee, Commander?"

Kurze Stille im Komm-Kanal.

"Ich denke, die Shuttles können noch was aushalten. Und wenn es schief geht, dann bin ja sowieso ich derjenige, der alles wieder zusammenflicken muss."

"Also gut."

Trotz der Versicherung des Chefingenieurs war Travis etwas mulmig zumute, als er seine Hand zu dem kleinen roten Knopf ausstreckte.

"Zünden Sie die Düsen auf mein Zeichen", rief Tucker. "Ich zähle bis drei. Eins, zwei, drei."

Aus dem Heck der beiden Shuttles stob heißes Plasma heraus, so als ob eine kleine Wasserstoffbombe in ihren Triebwerken explodiert wäre. In gewisser Weise war es auch genau das, was gerade passierte. Die zusätzliche Beschleunigung, die sie den kleinen Raumfahrzeugen verschaffte, zeigte auch bereits seine Wirkung. Mit einem leichten Ächzen setzte sich die Enterprise in Bewegung. Durch zwei starke Seile aus Kohlenstofffasern war sie mit den beiden Shuttles verbunden, die sie von ihrer Position zu ziehen versuchten.

"Es funktioniert", jubelte Travis. "Sie bewegt sich."

"Prima", stimmte nun auch Commander Tucker in den Jubel mit ein. "Lassen Sie uns eine leichte Rechtskurve versuchen. Drosseln Sie ihre Triebwerke auf die Hälfte der derzeitigen Leistung."

"Aye, Sir."

Es funktionierte. Travis Shuttle zog etwas weniger stark an dem Raumschiff der NX-Klasse und dies veranlasste es einen weiten Bogen nach Steuerbord zu beschreiben, wo in wenigen Kilometern Entfernung ein kleines Eiland darauf wartete, der ihrem natürlichen Element entfremdeten Enterprise als Trockendock zu dienen.

Die beiden Shuttles aus dem unter Wasser liegenden Shuttle-Hangar zu bekommen, war bereits ein Kunststück gewesen. Travis hatte die Idee, die kleinen Raumfähren mit Hilfe der Greifer wie mit einer Angel aus dem Wasser zu fischen. Und wer war besser dafür geeignet diesen wagemutigen Plan auszuführen, als der beste Pilot in der Sternenflotte.

Sie ließen zuerst eines der Shuttles ins Wasser hinab. Ensign Mayweather saß am Steuer, während Commander Tucker den Greifer auslöste. Dieser gab dem kleinen Schiff einen Impuls, der es unter Wasser in Richtung Bug der Enterprise beförderte. Das Auftauchen erledigten dann die Manöverdüsen. Mit dem zweiten Shuttle waren sie auf dieselbe Weise verfahren. Commander Tucker wollte Travis für seine kreative Idee lobend beim Captain erwähnen, wenn dieser von seiner Mission zurückkehrte.

Oder sollte er besser sagen, falls dieser von seiner Mission zurückkehrte. Seit nunmehr fünfzehn Stunden hatte sich das Außenteam nicht mehr gemeldet. Das bedeutete entweder, dass sie Funkstille wahren mussten um nicht unter der einheimischen Bevölkerung aufzufallen oder es war ihnen etwas zugestoßen. Trip vertraute hierbei seinem Bauch und der bestätigte ihm eher die letztere Möglichkeit. Aus diesem Grund wollte er so schnell wie möglich die Insel erreichen. Dann würde er seinem äußerst fähigen Technikerteam die Reparaturen übergeben und sich zusammen mit Travis auf die Suche begeben.

Doch wie so oft wenn man es eilig hatte, schien sich die Zeit endlos zu dehnen. Die Insel schien überhaupt nicht näher zu kommen. Nervös blickte Trip auf den Geschwindigkeitsmesser im Cockpit des Shuttles. Sonderlich schnell kamen sie tatsächlich nicht voran. Doch wenn sie den Triebwerken noch mehr abverlangten, könnten sie wirklich riskieren, die kleinen Raumschiffe auseinanderzureißen. So musste er sich in Geduld üben.

Trip versuchte die Zeit mit belangloser Konversation zu überbrücken – oder mit anderen Worten: Smalltalk.

"Travis, wenn wir es wieder schaffen, in unsere Zeit zurück zu kommen; was ist das erste, was sie tun werden?"

"Oh, das lässt sich schwer sagen, Commander. Es gibt vieles, was ich gerne tun würde."

"Also, das erste, was ich tun werde, ist ein Besuch auf Risa. Schön ausspannen; sich um nichts kümmern müssen. Das ist Erholung pur."

"Was würde wohl Commander T'Pol dazu sagen?", fragte Travis.

Trip hörte das Grinsen auf dem Gesicht des jungen Piloten.

"Denken Sie nicht sowas von mir, Travis. Ich mag vielleicht früher jeder außerirdischen Schönheit hinterher geschaut haben, aber die Zeiten sind vorbei, seit T'Pol und ich zusammen sind."

"Und was ist mit der hübschen Orionerin, die wir vor vier Monaten an Bord hatten?"

Trip merkte, wie er rot wurde. Gut, das Travis hundert Meter von ihm entfernt war und es nicht sehen konnte.

"Das zählt nicht", antwortete er dennoch etwas verlegen. "Sie wissen genauso gut wie ich, dass Orionerinnen irgendwelche Pheromone aussenden, die nahezu jeden Mann willenlos machen."

Trip hörte Travis lachen.

"Ich weiß, was Sie meinen, Commander. Aber gerade das macht diese grünhäutigen Schönheiten so interessant."

"Fangen Sie mir jetzt nicht wieder mit Ihren Weltraumnomaden-Geschichten an."

"'20.000 Meilen unter dem Meer'", sagte Travis plötzlich.

"Was meinen Sie?"

"Das erste, was ich tun werde, wenn wir wieder in unserer Zeit sind: Ich werde mir mal wieder den Film '20.000 Meilen unter dem Meer' ansehen."

"Das ist nicht Ihr Ernst, oder?", fragte Trip ungläubig. "Haben Sie nicht hier schon genug vom Meer?"

Travis lachte wieder.

"Das ist ein echter Klassiker, Commander. Er ist übrigens auch vom technischen Standpunkt aus gesehen sehr interessant."

"Falls Sie damit sagen wollen, dass Sie mich einladen wollen …"

"Genau das will ich damit sagen."

"Ich werd's mir überlegen", sagte Trip.

"Sie werden es nicht bereuen, Sir."

Das werden wir erst noch sehen, dachte Trip.

Inzwischen hatten sie die Insel fast erreicht. Sonderlich einladend sah das Eiland nicht aus. Eine felsige Küste erstreckte sich von einem Ende zum anderen. Zur Mitte der Insel hin erhob sich ein einige hundert Meter hoher Gipfel. Man konnte fast denken, die ganze Insel wäre ein großer Granitblock, den einst ein Riese hier ins Wasser fallen gelassen hatte.

"Wie sollen wir auf diesem Felsen ein Trockendock einrichten?", sprach Trip seine Gedanken laut aus.

"Commander, erkennen Sie die Insel nicht?"

Trip bemerkte die Begeisterung in Travis' Stimme. Offenbar war der Pilot der Annahme, diese Insel sei etwas ganz besonders.

"Tut mir leid, Travis", erwiderte der Chefingenieur auf die zuvor gestellte Frage. "Ich bin noch nicht so viel rumgekommen auf der guten alten Erde."

Wieder war ein Lachen aus dem Komm-Kanal zu vernehmen.

"Ich sehe schon, Sie haben einen größeren Nachholbedarf was die Klassiker des Films angeht, als ich dachte."

Etwas verständnislos blickte Trip nach rechts aus dem Fenster. Was hatte ihre derzeitige Situation mit Filmen zu tun?

"Diese Insel, die wir vor uns haben, Sir, ist Montecristo, bekannt aus ‚Der Graf von Montecristo'. Es gibt von diesem Roman von Alexandre Dumas bestimmt ein Dutzend Verfilmungen und Sie haben keine einzige davon gesehen?"

"Sieht ganz so aus", kommentierte Trip die Ausführungen des großen Filmkenners in dem Shuttle neben ihm. "Und wie kann uns dieser Graf dabei helfen die Enterprise zu reparieren?"

"Eigentlich gar nicht. In der Geschichte kommt er nur auf die Insel um einen Schatz auszugraben, der aber sicherlich rein fiktiv ist. Ich finde es nur spannend einen Schauplatz aus einem berühmten Werk der Weltliteratur zu betreten."

"Dann nutzen Sie mal Ihre großen Kenntnisse über die Weltliteratur und denken Sie nach, ob Ihr Graf von Montecristo einen Platz erwähnt hat, wo er an Land gegangen ist."