Es herrschte herrliches Wetter in Baltimore.

Zum ersten mal seit Wochen zeigte sich die Sonne an einem stahlblauen Himmel, keine Wolken weit und breit. Die warmen Strahlen lockten viele Menschen auf die Straßen, die das zaghafte Versprechen von Frühling mit dem ersten Eis des Jahres auskosteten.

Hannibal Lecter griff in seine Jackentasche, fand die kleine Rolle und trennte sich an der Perforierung eine Plastiktüte ab, die er mit einer Hand an seinem Bein aufschlug. Er sah nach links, nach rechts, nach unten und erblickte den Hund, der erwartungsvoll zu ihm aufsah.

Allem Anschein nach mit einem Lob rechnete.

„Fein gemacht", murmelte Hannibal durch seine Zähne, steckte die Hand in die Plastiktüte und sammelte die dampfenden Hinterlassenschaften des Tieres ein.

Er wurde das Gefühl nicht los, das die ganze Stadt ihn bei dieser Tätigkeit beobachtete.

Als Ex-Chirurg hat man keine Schwierigkeiten mit Körperausscheidungen jeglicher Art. Besonders nicht, wenn man eine so künstlerische, nebenberufliche Tätigkeit wie Hannibal ausführte.

Lehrjahre waren auch für angehende Ärzte keine Herrenjahre und er hatte in seiner Laufbahn schon so einiges gesehen und mitgemacht.

In jedem Fall handelte es sich dabei um Menschen. Darin lag eine gewisse berufliche, sowie persönliche Befriedigung.

Ganz anders sieht die Situation aus, wenn man einem Hund hinterher läuft, um dessen Exkremente einzusammeln. Die puren Ausmaße seines Geschäfts allein waren beeindruckend, wenn man bedachte, wie klein sein Körper eigentlich war.

Jedenfalls brauchte sich der Terrier vor größeren Vertretern seiner Artgenossen nicht verstecken, was das betraf.

Natürlich konnte er einem Tier keine böswilligen Absichten unterstellen, aber wenn er in die großen, schokoladenbraunen Augen sah, meinte er eine gewisse Häme entdecken zu können.

Ein Schatten legte sich über ihn und der Geruch eines charakteristischen Aftershaves stieg ihm in die Nase. Hannibal schloss die Augen und betete zu einem Gott, an den er nicht glaubte, dass er sich irrte.

„Dr. Lecter, was für eine Überraschung!"

Selbstverständlich irrte er sich nicht.

Hannibal hörte das Grinsen heraus, den belustigten Unterton. Wenn er jetzt sein Skalpell dabei hätte, könnte er für nichts garantieren, nicht mal am helllichten Tag auf offener Straße. Die Vorstellung, ihm die Mundwinkel bis zu den Ohren aufzuschneiden, um sein Lächeln zu verewigen, war beinahe zu verführerisch.

Ein Bild, das er sich einprägen würde. Vielleicht ergab sich eines Tages noch eine günstigere Gelegenheit.

„Frederick! Das gute Wetter hat Sie ebenfalls ins Freie gelockt."

Hannibal reichte ihm die Hand, die eben noch in der Plastiktüte gesteckt hatte. Dr. Chiltons Lächeln fror ein, er zögerte, ergriff die Hand aber trotzdem und schüttelte sie kurz, widerstand danach dem Drang, sich die Finger an der Hose abzuwischen.

Hannibal lächelte.

„Der Tag ist doch zu schön, um ihn im Haus zu verbringen. Ideal für einen Spaziergang", sagte Chilton und betrachtete den Terrier, der zu Hannibals Füßen saß.

„Ich habe schon davon gehört, dass Sie jetzt einen Hund besitzen, aber man kann es schwer glauben, bevor man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat."

Die High Society von Baltimore war doch nur ein Dorf und auf Miss Woodbury war Verlass. Wahrscheinlich hatte sie sich damit gebrüstet, dass Hannibal Lecter den Hund ihrer Mutter adoptiert hatte. Das gab ein gutes Gesprächsthema auf jeder Cocktail-Party ab.

Sei es ihr gegönnt.

„Eine Anschaffung, die mein Leben bereichert hat."

„Was nicht zu übersehen ist!" sagte Chilton mit Blick auf den Beutel in Hannibals Hand.

Irgendwo im Universum existierte eine Parallelwelt, in welcher jetzt der Inhalt der Tüte in Dr. Frederick Chiltons Gesicht gelandet wäre.

„So ein Tier bringt bestimmt viel frischen Wind ins Haus!"

„Eine willkommene Abwechslung."

„Eine große Umstellung", erwiderte Chilton und versuchte unbedarft zu klingen, was ihm jedoch gründlich misslang. „Sie sind wie kleine Kinder, diese Hunde. Man darf sie nicht aus den Augen lassen!"

Aus jeder einzelnen Silbe tropfte Genugtuung in großzügigen Portionen. Chilton sonnte sich in seiner Schadenfreude, ohne zu bemerken, dass der Hund sich ihm näherte und interessiert an seinem Hosenbein schnüffelte.

„Wie geht es Will Graham?" fragte er und das Grinsen auf seinem Gesicht kringelte sich wie eine Schlange. „Sicher begrüßt er den Zuwachs in Ihrem Haushalt."

Unterschätzen durfte man Frederick Chilton nicht. Hinter den zweitklassigen Anzügen und protzigen Siegelringen blitzte ab und zu eine bemerkenswerte Scharfsinnigkeit durch.

Bevor Hannibal diese getarnte Unterstellung kommentieren konnte, hob der Jack Russell Terrier sein Bein und pinkelte Dr. Frederick Chilton auf den Schuh.

Es waren nur ein paar Tropfen, nicht mehr als eine kleine Markierung, aber der Aufschrei war markerschütternd, der Ton hoch und feminin.

Chilton sprang zurück wie von einer Tarantel gestochen und stolperte dabei fast über seine eigenen Füße. Ekel, Entsetzen und Wut vermischten sich zu einem ungewollt komischen Gesichtsausdruck, der Mund formte ein stummes O der Fassungslosigkeit.

Hannibal reichte Chilton ein Taschentuch, welches er ihm nach kurzem Zögern mit mehr Kraftaufwand als nötig aus den Fingern riss.

Er neigte den Kopf zur Seite und betrachtete, wie Chilton vergeblich versuchte, den Urin auf seinem Schuh zu beseitigen.

„Dr. Chilton, sehen Sie, Sie haben absolut recht, Hunde sind wie kleine Kinder. Ihre Erziehung kostet viel Zeit und Nerven, doch am Ende wird man immer belohnt."

Hannibal tätschelte den Kopf des Terriers. Chilton hob den Kopf und funkelte ihn an.

„Sie geben einem so viel zurück!"

Es war in der Tat unmöglich, den Hund alleine zu lassen. Beim letzten Versuch, der nicht mal länger als drei Stunden andauerte, hatte das Tier die ganze Nachbarschaft zusammen gebellt und alles verwüstet, was nicht niet und nagelfest war.

Zu Hannibals Erstaunen und großem Entsetzen hatte es der Terrier sogar geschafft, die unterste Schublade seiner Kommode zu öffnen und seine älteste Krawattensammlung zu plündern.

Hannibal konnte einer Schlipsspur von seinem Schlafzimmer aus quer durchs halbe Haus folgen.

Gefunden hatte er den Hund im Gästebad unter einem Berg von zerfetztem Klopapier, aus dem zwei braune Ohren raus guckten.

Ab sofort war die Tür zum Schlafzimmer abgeschlossen und der Hund wurde mitgenommen.

Überall hin.

Während der Therapiesitzungen lag er in einem Körbchen unter Hannibals Schreibtisch und da er sich ruhig verhielt und die meiste Zeit über schlief, fiel den wenigsten Patienten seine Anwesenheit überhaupt auf.

Aber natürlich konnte dieses ausgesprochen unprofessionelle Arrangement keineswegs zum Dauerzustand werden. Eine langfristige Lösung musste sich finden.

Natürlich könnte er ihn einfach irgendwo abgeben. Es gab genügend Hundepensionen in der Stadt, denen er das Tier für einige Stunden am Tag überlassen könnte. Sicher gegen horrende Unsummen von Geld, aber es war nicht der finanzielle Aspekt an der Geschichte, der ihm zu schaffen machte.

Eher nagte sein Stolz an ihm wie ein fauler Zahn. Es schmeckte bitter nach Niederlage, den Hund in fremde Hände abzugeben, somit schied auch ein professioneller Hundesitter aus.

Abgesehen davon, würde er niemals einer fremden Person Zutritt zu seinem Haus gewähren.

Natürlich lag die Sache auf der Hand, er musste sein Verhalten ändern und dem Hund eine ordentliche Erziehung beibringen.

Und ihm fiel nur ein Mensch ein, den er fragen konnte und nebenbei noch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen würde.

So saß er an seinem Schreibtisch, nachdem der letzte Patient gegangen war, zückte sein Handy und wählte Grahams Nummer.

„Dr. Lecter?"

Ein Knacken in der Leitung, ein Rascheln und Stimmenwirrwarr im Hintergrund.

„Hallo Will. Störe ich gerade?"

„Der Empfang hier ist schlecht. Einen Moment, ich gehe raus."

Hannibal wartete geduldig, hörte Will mit jemandem sprechen und nahm an, dass es sich um Jack Crawford handelte. Es dauerte fast zwei Minuten, bis er wieder am Telefon war. Er klang etwas außer Atem.

„Entschuldigung, jetzt sollte es besser sein, hoffe ich."

„Anstrengender Tag?", fragte Hannibal.

Ein langgezogener Seufzer antwortete ihm. „Kann man wohl sagen. Frischer Tatort."

„Schlimm?"

„Ich komme klar", sagte Will Graham und Hannibal hörte das Klicken von Tabletten gegen Plastik, gefolgt von einem trockenen Schlucken.

Er konnte es fast vor sich sehen, wie Will die Hand unter seine Brille schob und sich müde über die Augen rieb. Vielleicht fragte er sich, warum Hannibals Tabletten nicht wirkten, während sie in Wirklichkeit längst ihre Arbeit taten.

Allerdings unterstützten sie gewisse Symptome, statt die Ursachen zu behandeln. Wenn Will auf ihn gehört hatte und jeden Tag zwei von den Pillen vor dem Schlafen gehen schluckte, würde sich ihre ganze Wirkung in spätestens zwei Tagen entfalten.

Hannibal gedachte anwesend zu sein, wenn das passierte.

„Leider hab ich nicht viel Zeit, Jack hält mich auf Trab." Genervt und energielos. Vor allem genervt. „Wir können morgen Abend drüber reden."

„Deswegen rufe ich an, Will. Leider muss ich unseren Termin absagen."

Eine Pause am anderen Ende der Leitung. Die Stille war so vollkommen, dass Hannibal einen Moment fürchtete, die Verbindung sei abgebrochen.

„Oh..."

Die Enttäuschung war Will anzuhören und vielleicht fühlte Hannibal sich ein bisschen schlecht, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, welches er gut aus seiner Stimme filtern konnte.

„Ich habe einige Fragen, die ich mit einem Experten klären muss, bezüglich meines Familienzuwachses und diese sind so dringlich, dass ich sie nicht länger aufschieben möchte."

„Verstehe", sagte Will.

„Wann bist du morgen Abend zu Hause?"

Wieder vergingen einige Sekunden, bevor die zögerliche Antwort seine Ohren durch die Leitung erreichte. Hannibal streichelte den Hund, der hechelnd durch seine Beine streifte.

„Oh."

„Ist das eine Uhrzeit?"

„18 Uhr, schätze ich."

„Wäre dir 19 Uhr dann recht?"

„Sicher", sagte Will und klang überhaupt nicht sicher.

„Ich bringe den Hund mit, oder ist das ein Problem?"

„Nein, natürlich nicht."

„Ausgezeichnet", sagte Hannibal. Der Hund drehte sich unter seinen Fingern auf den Rücken und streckte sich. „Kümmere dich nicht ums Essen. Ich werde dir etwas kochen."