Will erwachte mit einem atemlosen Keuchen.
Er war komplett nassgeschwitzt, durchs T-Shirt bis zu dem Handtuch auf der Matratze, welches in weiser Voraussicht dort lag. Die Bettdecke – kaum mehr als ein Laken – klebte an seiner Haut, sodass er mehrere Versuche benötigte, um sich von ihr zu befreien.
Der Stoff wurde ungeduldig, fast schon panisch mit Beinen und Füßen weg gestrampelt. Er setzte sich auf, machte die Nachttischlampe an und starrte auf seinen Schoß.
„Oh Gott."
Er rieb sich mit dem Handballen den Schlaf aus den Augen, soviel Kraft dabei aufwendend, dass schwarze und weiße Punkte hinter seinen Lidern aufblitzten. Die Misere war nicht einzigartig – zumindest nicht in letzter Zeit.
Der Traum verblasste bereits, doch er benötigte diese Bilder nicht mehr, immerhin hatte er jetzt etwas besseres als das.
Eine Erinnerung.
Ein Schlucken, als er den Bund seiner Unterhose nach unten zog. Ein scharfer Atemzug, als seine Erektion an die frische Luft gelangte und zuckte.
„Das darf doch nicht wahr sein."
Die Beweise waren eindeutig. Doch obwohl sein Samen bereits auf seiner Haut und in seiner Unterwäsche zu trocknen begann, fühlte er keine süße Erleichterung, in keinster Weise.
Wenn überhaupt, wurde er mit jeder wachen Sekunde härter.
Will ließ sich mit einem verzweifelten Stöhnen zurück ins Bett fallen. Ein Arm landete über seinem Gesicht, der andere lag auf dem Bauch und seine Hand bildeten eine Faust in seinem T-Shirt. Er stellte seine Beine auf und presste die Oberschenkel zusammen.
Seine Haut stand in Flammen.
Es ging ihm nicht gut. Vielleicht hatte er Fieber.
Aber seine Durchblutung funktionierte spitzenmäßig. Er fühlte sich mit rücksichtsloser Gewalt in seine leistungsfähigsten Jugendjahre zurück katapultiert. Damals hatte beinahe alles, was auf zwei Beinen lief, seine Libido gereizt.
Und jetzt genügte die Erinnerung an einen Kuss.
Ein Film, der sich wie in einer endlos Dauerschleife in seinem Kopf abspielte.
Immer und immer wieder. Mit krankhafter Besessenheit, jeden Blickwinkel neu betrachtend, so als hätte er etwas verpasst, so als könnte er etwas entdecken, das ihm im Rausch des Augenblicks entgangen war.
Will griff sich zwischen die Beine, streichelte die Innenseite seiner Schenkel, wanderte höher und wieder zurück, hin und her, gefährlich nah und doch weit weg. Ein Ächzen, ein leises Seufzen. Er bog sein Rückgrat durch, öffnete die Beine weiter, schob die Hüfte vor, krallte sich ins eigene Fleisch und ließ wieder los.
Ein süßer Schmerz, der länger verweilte.
Sein Atem ging flach, er stemmte die Fersen in die Matratze, schob das Becken vor, presste die Handfläche auf die seidige Haut. Nur einmal, nur kurz. Ein hilfloses Wimmern entschlüpfte seinem Mund und er biss sich umgehend auf die Lippen, unterdrückte einen Fluch.
Er dachte an das Funkeln hinter der einstudierten Fassade, das Aufblitzen eines furchterregenden Hungers, während die dunklen Augen ihn betrachteten, als wollten sie ihn verschlingen.
Vollständig konsumieren.
Ihm lief ein kalter Schauer den Rücken runter.
Er dachte an das Lächeln an seinem Mund, den Druck der langen, spitzen Zähne auf seiner Haut, dachte an die Hand in seinem Nacken, welche ihn stützte.
Oder am Entkommen hinderte.
Zum ersten Mal hatte Will gesehen – verstanden und gesehen, dass in Hannibal etwas gefährliches lauerte und das war beunruhigend.
Aber es war auch aufregend.
Er nahm sich in die Hand und seine Nervenenden begrüßten die Aufmerksamkeit, sendeten elektrisierende Schübe in seinen Schoß, jedes Mal wenn sein Daumen rau über die Spitze fuhr.
Nass, er war so - nass und es scherte ihn nichts mehr, weil das Bedürfnis, sich anfassen zu müssen, Erlösung zu erlangen, sämtliche Gedanken aus seinem Kopf spülte.
Wieder bog er den Rücken durch, stieß die Hüften vor, rauf und runter, spürte den sich aufbauenden Druck, kam ihm mit kreisenden Bewegungen entgegen.
Er war nah dran, ganz nah dran, seine Hoden verkrampften sich, zogen sich zusammen, beinahe schmerzhaft und –
Das Telefon klingelte.
Der Rhythmus war raus, aber er kam trotzdem. In zitternden Schüben, heiß und zähflüssig zwischen seinen Fingern.
Einen Schrei unterdrückend, indem er sich in die Faust biss.
Der Anrufer bewies Durchhaltevermögen. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, der ihn um diese Uhrzeit anrufen würde und Will meinte, ihn schon am penetranten Klingeln zu erkennen.
Ignorieren war zwecklos.
Er griff nach seinem Handy und antwortete, immer noch atemlos, mit hämmerndem Herzschlag in den Ohren.
„Jack?"
„Will, ich brauch dich so schnell wie möglich in Gwynns Falls, Leakin Park."
Keine Entschuldigung für die Störung zu so später Stunde. Will wusste auch, warum. Es tat ihm einfach nicht leid. Kein Bullshit mit Jack Crawford.
Das wusste Will zu schätzen.
„Ich bin schon unterwegs. Details?"
„Das Opfer ist noch nicht identifiziert, aber der Tatort ist so frisch wie nie zuvor." Jack machte eine Pause und als er wieder sprach, breitete sich eine Gänsehaut auf Wills Körper aus.
„Wir glauben, es war der Chesapeake Ripper."
Der Kaffee schmeckte nach nassen Socken, aber er war heiß und schwarz. Hauptsache Koffein. Obwohl der Frühlingsanfang vor der Tür stand, war es nachts noch beeindruckend kalt. Die Mütze hatte sich gelohnt.
„Wie ist die Stimmung?" fragte Will.
„Bescheiden", antwortete Beverly Katz und trank einen Schluck aus ihrer Thermosflasche. „Jack ist überzeugt, dass wir es mit dem Ripper zu tun haben."
Bei ihrem Ton runzelte Will die Stirn. „Und du?"
„Du fragst mich?"
„Amüsiere mich."
Beverly seufzte und blickte über den abgesperrten Hügel, der abwechselnd in blaues und rotes Licht getaucht wurde. Von seinem Standpunkt aus konnte Will nicht sehen, was sich auf der anderen Seite befand.
„Es sieht nach ihm aus. Der Stil, die Brutalität, der Hang zum Melodramatischen."
„Aber du glaubst es nicht."
Sie schüttelte langsam den Kopf, wärmte sich mit beiden Händen an ihrem Kaffee, immer noch in die Ferne starrend.
„Irgendwann macht jeder mal Fehler, so sagt man doch, oder?" Beverlys mandelförmigen Augen nahmen ihn ins Visier, während sie lächelte. „Es wäre einfach zu schön, um wahr zu sein und ich habe Angst, dass ich mich zu früh freue!"
„Wie meinst du das?"
„Wir haben das Bernsteinzimmer gefunden", sagte sie und nickte an ihm vorbei.
Will folgte ihrem Blick und sah einen Jungen, der zitternd in einer Decke eingewickelt auf einer Parkbank saß. Ein Sanitäter nahm ihm gerade Blut ab.
Jetzt wusste er genau, was Beverly meinte. Obwohl seine Skepsis naturgemäß überwog, war es schwer, die Euphorie zu dämpfen, die in seiner Brust anschwoll.
Sein Puls hämmerte mit spürbarer Wucht durch seinen Körper.
Ein Zeuge.
„Kann ich mit ihm reden?"
„Du kannst es versuchen", sagte Beverly. „Er steht unter Schock."
Will gab Beverly seinen Becher und nickte, als sie ihm diesen abnahm. Er ging langsam, aber eigentlich wollte er rennen. Er hatte das Gefühl, dass sich der Junge vor seinen Augen in Luft auflösen würde, bevor er ihn erreichte.
Wie eine Fata Morgana.
„Hi", sagte Will und stellte sich vor, aber der Junge schwieg, starrte auf den Boden zwischen seinen Füßen und zog die Decke vor seiner Brust zusammen.
Er war 16, höchstens 18 Jahre alt, nur ein halbes Hemd. Die Hälfte seines Gesichts lag im Schatten seiner Baseballmütze. Will setzte sich neben ihn und ignorierte das Zucken, welches von dem Jungen aus ging, als dieser dem Drang widerstand, vor ihm zurückzuweichen.
„Verdammt kalt, oder? Möchtest du was trinken? Kaffee, Tee? Oder Kakao?"
Der Junge schnaufte, drehte den Kopf und ließ den Blick kurz über Wills Gesicht huschen, der zurück lächelte, bevor die Augen wieder unter dem Schirm der Mütze verschwanden.
„Wodka?"
„Whiskey hab ich Angebot", sagte Will und dachte an den Flachmann in seiner Jackentasche.
„Nehme ich auch", antwortete der Junge und reckte das Kinn in die Höhe.
„Kann ich mir vorstellen, aber mein Boss läuft hier irgendwo herum und wenn der sieht, wie ich seinen minderjährigen Kronzeugen abfülle, macht er Kleinholz aus mir."
Der Junge lachte und Will versuchte ein ernstes Gesicht zu machen als er sagte: „Du hast ihn bestimmt schon gesehen, mit dem willst du dich lieber nicht anlegen!"
„Okay, schon gut. Ich hab eh nicht dran geglaubt."
„Wie heißt du?"
„Aaron."
„Was hast du gesehen, Aaron?"
Falsche Frage. Das Lächeln verschwand und wurde durch einen besorgten Gesichtsausdruck ersetzt. Er wippte nervös mit den Beinen und schaute mehrmals über die Schulter. Will legte ihm eine Hand auf den Rücken.
„Dir kann nichts mehr passieren, das FBI wird dich beschützen."
Will hörte die Zweifel in seiner eigenen Stimme und Aaron tat es auch. Der Junge leckte sich über aufgesprungene Lippen, räusperte sich.
„Er hat – " Aaron schüttelte den Kopf und sah Will so eindringlich an, dass es ihm heiß und kalt den Rücken runter lief. Er wünschte, er könnte ihm helfen, aber wusste, das stand außerhalb seiner Macht.
Mit diesen Dämonen würde Aaron allein zurecht kommen müssen. Bis zum Rest seines Lebens. Niemand wusste das besser, als Will.
„ – ihn auf – gegessen. Er hat ihn gegessen, vor meinen Augen."
Eine klamme Hand griff nach seinem Arm, krallte sich fest.
„Er hat ihm den Bauch aufgeschnitten und ihm die Eingeweide raus gerissen und sie gegessen!"
Aaron lächelte ohne eine Spur Humor.
„Ich glaube, er hat mich gesehen. Aber ich war schnell, hab mich versteckt, die Polizei gerufen. Ich glaube, er hat mich gesehen. Ich glaube, er wollte mich auch essen."
Aaron gluckste hilflos und Will erschauderte, stellte aber trotzdem die Frage, auf die er eine Antwort haben musste.
„Kannst du ihn wiedererkennen?"
„Glauben Sie an Monster, Mr. Graham?"
Will dachte darüber nach, kam aber zu dem Schluss, dass Aaron nichts geringeres als die Wahrheit verdiente. Er nickte langsam und in Aaron entspannte sich etwas. Er nickte zurück.
„Ich auch. Ich habe eins gesehen."
Sein Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Es war Hannibal. Wills Puls beschleunigte sich.
„Hallo Will."
„Hallo Dr. Lecter."
Eine Pause am anderen Ende der Leitung, ein leises Schnaufen, milde amüsiert.
„Solltest du nicht mittlerweile bei meinem Vornamen angekommen sein?"
„Gewohnheitssache", schnappte er kurz angebunden und fluchte leise in sich hinein. Die Eindrücke der Nacht klebten an ihm wie eine zweite Haut.
Es würde Stunden dauern, ehe er sie abschütteln konnte. Oder Wochen. Oder Jahre.
Oder niemals, flüsterte eine dunkle Stimme in seinem Kopf, die er hasste. Er bleckte die Zähne.
„Jack hat mich angerufen, ich werde dich abholen."
„Das ist nicht nötig. Wir sind mit dem gröbsten durch und ich fahre jetzt nach Hause."
„Ich kann dich nach Hause fahren."
„Das ist völlig absurd, viel zu umständlich."
Beinahe drei Stunden hin und zurück, nur um ihn durch die Gegend zu kutschieren. Auf gar keinen Fall.
„Dann übernachte bei mir."
Will war froh über die Kälte, so konnte er seine Gesichtsfarbe auf die frische Luft schieben, falls ihn jemand fragen sollte. Er hörte Hannibals Atem am anderen Ende der Leitung, ein leises, warmes Lachen, in das er sich verkriechen wollte.
„Ich habe ein Gästezimmer."
Einen Moment lang war die Vorstellung tatsächlich so verlockend, dass er ernsthaft darüber nachdachte. Schließlich dauerte es nicht lange nach Baltimore, nicht so lang, wie nach Wolf Trap zu fahren.
„Ich muss die Hunde füttern."
„Natürlich", sagte Hannibal.
Sie schwiegen beide. Will trat von einem Fuß auf den anderen und sah über die Schulter, wobei er auf Beverlys Blick traf. Sie hob den Daumen und grinste. Will drehte sich weg und ging auf sein Auto zu.
„Aber es bleibt bei unserer Verabredung."
Eine halbe Frage, angespannt.
„Wir freuen uns sehr darauf", erwiderte Hannibal. „Ich habe auch eine Alternative, wenn du Rosen nicht magst."
Will setzte sich in sein Auto und machte die Klimaanlage an.
„Keine Blumen. Ernsthaft."
„Will."
„Hannibal."
Er streifte sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich durch die Haare und übers Gesicht. Spürte ein Lächeln auf seinen Zügen.
„Nacht", sagte Will und legte auf, bevor Hannibal antworten konnte.
Er legte den Gang ein und wollte gerade zurücksetzen, als er sich fast zu Tode erschreckte. Jimmy Price klopfte an seine Fensterscheibe, machte mit der Faust eine Kurbelbewegung in der Luft und Will gehorchte, ließ das Fenster runter.
„Gut, dass ich Sie noch erwische Mr. Graham!" Er fummelte einen Zettel aus der Innenseite seiner Jackentasche und reichte ihn durch. „Die Tabletten, die ich überprüfen sollte. Hier sind die Ergebnisse!"
