„Warst du schon einmal mit einem Mann zusammen?"
„So?" sagte Will mit hochgezogenen Augenbrauen und blickte bedeutungsvoll auf Hannibals nackte Brust. „Noch nie."
„Wolltest du schon einmal so mit einem Mann zusammen sein?"
„Nein", antwortete Will abwesend, während seine ausgebreitete Hand über Hannibals Bizeps hoch und runter schwebte.
Keine peinlichen Highschool Erfahrungen, keine Experimente im College, kein geteiltes Sechser Pack Bier und seine unvermeidlichen Folgen.
Nie.
Will blickte durch seine Wimpern in Hannibals Augen. „Du bist der erste."
Hannibal summte – ein Brummen, das tief in seiner Kehle vibrierte. Es gefällt ihm, dachte Will und der unausgesprochene Besitzanspruch ließ ihn angenehm schaudern.
„Seit wann – "
Will beugte sich hinunter und küsste ihn. Nicht lange, nur kurz, ein Augenblick, aber mit Nachdruck. Als er sich zurückzog, streiften seine Lippen Hannibals Wange und er konnte den Ansatz von Bartstoppeln spüren.
„Ich finde, Sie reden entschieden zu viel, Dr. Lecter."
Hannibal lächelte – nicht mit dem Mund, sondern auf seine spezielle Art mit den Augen, die Will auf Halbmast betrachteten.
Er schlang einen Arm um Wills Taille und zog ihn runter. Nicht ruppig, aber bestimmt und der Ruck ließ Will nach Atem schnappen.
Bereits seit geraumer Zeit fühlte er ein sanftes, unaufgeregtes Ziehen in seinen Hoden.
Sicher die Nebenwirkungen des Medikamentes, welches der gute Doktor ihm so umsichtig verschrieben hatte.
Männer? Nein. Nie. Ausschließlich Frauen. Hannibal war der erste Mann, den er nicht strickt unter platonischen Gesichtspunkten betrachtete.
Und es ließ sich nicht abstreiten, dass Hannibals Körper die reine Definition von Männlichkeit darstellte.
Die breite, flache Brust, die Will zaghaft berührte, mit den Fingerspitzen durch das ergrauende Haar streifend, das dort üppig wuchs, während sich der Brustkorb langsam hob und senkte.
Die Arme, die sich um seine Mitte geschlungen hatten und ihn festhielten. Will dachte daran, wie sie auf dem Feld miteinander gerungen hatten und er wusste, dass Hannibal stärker war als er.
Er könnte ihn aufheben und tragen und so arrangieren, wie es ihm gefiel und Will hätte ihm körperlich wenig entgegensetzen, auch wenn er alles andere als ein Hänfling war.
Es war anders, ja, ungewohnt auch, neu, keine Frage und doch war es leicht, so leicht für ihn, sich darauf einzulassen. Es war, als würde er aus seiner eigenen Haut schlüpfen. All den alten Ballast – die ständige Furcht vor dem Anders Sein, dem Nicht Normal sein – hinter sich lassen.
Hier in der Dunkelheit von Hannibal Lecters Schlafzimmer, gab es nichts, wovor er Angst haben musste. Es gab nur sie beide.
Keine Augen die ihn misstrauisch und manchmal auch verängstigt musterten. Jack, Alana, Beverly – sie alle sahen ihn mit diesem Blick an. Mit dem „Ich mache mir große Sorgen um dich, Will Graham" Blick, den er seit seiner jüngsten Kindheit kannte.
Und hasste.
In Hannibals Augen jedoch spiegelte sich nichts dergleichen, nur Akzeptanz. Vollkommen und unerschütterlich und so wundervoll sonderbar.
Das war ein unbekanntes, berauschendes Gefühl, das sich intensivierte, jedes Mal, wenn sich ihre Lippen trafen. Es brachte sein Blut in Wallung und sein Herz zum stolpern.
Und ganz offensichtlich war er damit nicht allein.
Nein, dachte Will, als er in Hannibals geöffneten Mund leckte und anschließend an seiner Unterlippe saugte, was sich da hart an seinen Oberschenkel presste war mit Sicherheit keine Fernbedienung, die im Bett vergessen worden war.
Sondern eine ausgewachsene Erektion, die seiner eigenen in nichts nachstand.
Will seufzte leise, als er sich ein Stück nach unten schob, bis ihre Becken sich auf gleicher Höhe befanden. Er verlagerte sein Gewicht auf die Knie, welche er links und rechts neben Hannibals Körper in die Matratze bohrte.
Hannibal lag unter ihm, zwischen seinen Beinen, und obwohl der Stoff von Wills Boxershorts und Hannibals Pyjamahose sie von direktem Hautkontakt trennte, sandte die erste Berührung ihrer Unterleiber elektrische Schockwellen durch seinen Körper.
„Fuck", zischte Will durch seine zusammengepressten Zähne, während er die Stirn an Hannibals Halsbeuge presste.
Ein dunkles Grollen antwortete ihm, Finger fanden den Weg unter sein T-shirt, schoben es hoch und krallten sich in die freigelegte Haut. Will stockte der Atem. Ein süßer, kleiner Schmerz, der nicht ablenkend, sondern eher anspornend wirkte.
Will kreiste die Hüften, langsam und wiegend, vor und zurück und Hannibal kam ihm mit dem Becken entgegen. Das war keine bewusste Entscheidung, wie sich einen Kaffee aufzubrühen, oder morgens vor der Arbeit Joggen zu gehen.
Es kam natürlich, unwillkürlich, es war eine Macht, der er sich nicht entziehen konnte, nichts, was einem beigebracht wurde. Man tat es einfach, weil es das richtige war. Weil es gut war.
Weil es gut tat.
Oh, und wie oft hatte er es sich ausgemalt, aber niemals, nicht in hunderten von Fantasien, selbst nicht mit seiner Gabe der ungefilterten Empathie, kam das wirkliche, reale Ereignis an die Wahrheit des tatsächlichen Augenblicks heran.
Wie hätte er sich Hannibals leises Seufzen und Stöhnen, das Nippen an seinem Ohrläppchen, das Lutschen und Saugen an der empfindlichen Haut über seiner Halsschlagader auch nur ansatzweise akkurat ausmalen können?
Oder seine eigene Reaktion darauf, sei es körperlich oder emotional.
Unmöglich.
Will spürte die Berührung von Fingern, die den Saum seiner Unterwäsche folgten und schauderte. Ja, sein Schwanz war hart und zuckte, entzog sich jeglicher Kontrolle, leckte. Der Stoff war durchnässt.
Bereits jetzt, ohne direkte Berührung.
„Darf ich – ?" murmelte Hannibal, sein Akzent rollte dunkel und schwer auf der Zunge und Will konnte nur nicken.
Er traute seiner eigenen Stimme nicht mehr.
Hannibal nahm ihn in die Hand und Will entschlüpfte ein Laut, der sich anhörte, wie das Flehen aus einer fremden Kehle. Er war sich sicher, dass er nicht derjenige sein konnte, dem solche Töne entgleisten.
Aber es war so.
Oh und die Befriedigung war köstlich, der Griff um sein Zentrum bestimmt, fast fordernd, aber warm, so warm. Seine Hüfte drängte sich in die Hitze der Hand, die ihn umschloss. Wills Kiefer klappte nach unten, seine Zunge fühlte sich taub an, Speichel sammelte sich in seinen Mundwinkeln.
„Will."
Sein Name klang wie ein Gebet. Wie eine Litanei. Wie Fluch, Segen und Erlösung gleichermaßen.
„Sieh mich an."
Aber er konnte nicht. Wie könnte er? Ohne es zu beenden, hier, jetzt und gleich. Er spürte es, den Zug in seinen Hoden, das Ziehen, welches sich prickelnd durch seinen Magen, über die Wirbelsäule bis hoch in den Nacken und in seinem Hinterkopf ausbreitete.
Er war nah dran, sehr nah.
Hannibal stoppte seine Handbewegungen und hielt ihn nur noch mit einer lockeren Faust umschlossen. Will ächzte frustriert, schob die Hüfte vor, Reibung suchend, doch Hannibals andere Hand hielt ihn in Schach.
Will öffnete widerwillig die Augen, aber er blickte zur Seite und in der Dunkelheit des Schlafzimmers schwebte ein leuchtend gelbes Augenpaar neben dem Bett.
Will schnappte nach Atem und wich zurück, wollte es jedenfalls, kam aber nicht weit, da Hannibal ihn fest im Griff hatte.
Benny sprang mit einem schrillen Bellen, das in Wills Ohren klingelte, auf die Matratze, reckte den Hintern in die Luft und wackelte wild mit dem Schwanz. Er bellte erneut, zeigte die Zähne und es sah so aus, als würde er grinsen.
„Oh Gott", stöhnte Will und vergrub das Gesicht an Hannibals Brust. „Benny, geh weg."
Aber Benny dachte nicht daran wegzugehen, ganz im Gegenteil. Er schien Wills abwinkende Hand eher als Spielaufforderung zu verstehen.
Hannibal bewegte sich unter Will. Er hielt ihn immer noch und griff wieder fester zu. Will fluchte leise, krallte seine Finger in Hannibals Schulter.
„Ich kann nicht, wenn er dabei zusieht."
Hannibal lächelte milde. „So?"
Ignoriert zu werden, gefiel Benny überhaupt nicht, also kletterte er über Wills Rücken und eine seiner Pfoten bohrte sich dabei unabsichtlich in seine Niere. Will zuckte zusammen vor Schmerz, biss sich auf die Lippen.
Verlor seine Erektion.
Jetzt bellte Benny von der anderen Seite der Matratze. Es klang wie ein abgehacktes Lachen.
Hannibal gab einen leisen, verärgerten Ton von sich, als er sich unter Will hervor rollte. Benny sprang vom Bett runter, bellte wieder und hüpfte im Kreis.
Will musste widerwillig lachen, biss sich auf die Unterlippe und berührte Hannibal am Unterarm, als sich dieser auf die Bettkante setzte.
Er drehte sich um und sah Will über die Schulter hinweg an. Ein warmes Gefühl breitete sich in Wills Brust aus.
„Lass ihn am Leben", sagte Will. „Bitte."
Hannibal betrachtete ihn noch einen Augenblick länger, bevor er sich zu ihm runter beugte und ihm einen Kuss auf den Mund gab. Danach strich er Will die Haare aus der Stirn, stand auf und ging.
Benny folgte seinem Herren ohne Aufforderung.
