So, hier kommt Kapitel 6! Das lang erwartete Wiedersehen von Luna und Neville!
Kapitel 6 – In der Höhle des Löwen
„Was soll das finstere Gesicht, Longbottom?"
Neville drehte sich um und erblickte Rodolphus Lestrange, der, mit einem Glas Champagner in der Hand, auf ihn zukam. Der schwarzhaarige junge Mann verdrehte leicht seine Augen. Er hatte für solche Empfänge und Festlichkeiten nichts übrig und das wussten alle Todesser nur zu gut. Lestrange war jedoch der einzigste, der sich traute, ihn damit aufzuziehen. Anstelle dem älteren Todesser zu antworten, nickte Neville ihm zur Begrüßung zu und beobachtete weiterhin das Treiben in dem riesigen Ballsaal der Festung des Dunklen Lords.
Der Mann mit den etwas längeren dunkelbraunen Haaren, die er zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden hatte, stellte sich neben den hochgewachsenen Neville und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Champagnerglas. „Ach, sei doch keine Spaßbremse! Schnapp dir 'ne Braut und vergnüg dich!" Lestrange nickte in Richtung eines Grüppchens an jungen Frauen, die alle sehnsüchtig in Nevilles Richtung blickten. „Genügend Auswahl hast du ja…"
Neville schüttelte den Kopf und nahm sich selbst ein Glas Champagner von dem Tablett eines vorbeigehenden Buttlers. Er betete zu Merlin, dass Lestrange durch sein deutlich vorgetragenes Desinteresse bald abziehen würde und es sah so aus, als würde sein Wunsch zumindest teilweise erfüllt werden, denn Lestrange stellte sein mittlerweile leeres Glas in einer Nische ab und sah sich im Raum um. „Na gut, dann werde ich mir die Freiheit nehmen, für dich eine Frau aufzureißen. Rühr dich ja nicht von der Stelle!"
Mit einem leisen Lachen sah Neville Rodolphus nach, wie er in der Menschenmenge, die den schwarzen Marmorsaal bevölkerte, verschwand. Gelangweilt drehte er sich mit dem Vorsatz um, auf den großen Balkon hinauszugehen, als er mit einer anderen Person zusammenstieß. Er behielt die ganze Zeit über seine unbeteiligte und distanzierte Ausstrahlung, aber zu seiner großen Überraschung sah die blonde junge Hexe, mit der er kollidiert war, keineswegs eingeschüchtert aus, geschweige denn schien es ihr Leid zu tun. Nachdem sie sich von ihrem anfänglichen Schreck erholt hatte, verengte sie ihre blauen Augen zu Schlitzen und sah ihn mit einem Blick an, für den man Nevilles Meinung nach einen Waffenschein brauchte. „Bei Merlins Unterhose, passen Sie doch auf!", fauchte sie und Neville hätte es nicht verwundert, wenn in diesem Moment Rauch aus ihren Nasenlöchern gestoben wäre.
Er war nicht in der Stimmung, sich mit ihr einen Streit zu liefern, deswegen erwiderte er nichts, sondern stellte seine Ohren auf Durchzug, um sich für den Schwall an Beschwerden zu rüsten, die mit Sicherheit jeden Moment auf ihn einstürzen würden. Aber die Schimpftirade der blonden Frau blieb aus. Der Todesser hatte das Gefühl, als würde er von oben bis unten geröngt und als der Blick der jungen Hexe immer merkwürdiger wurde, fühlte er sich sehr unbehaglich.
Neville räusperte sich und verbannte den gereizten Tonfall aus seiner Stimme, um einigermaßen neutral zu klingen – was ihm nicht ganz gelang! „Entschuldigung, aber was starren Sie mich auf einmal so an? Habe ich etwas im Gesicht, oder was ist los?" Die Blonde antwortete nicht direkt, sondern öffnete und schloss ihren Mund ein paar Mal, bevor sie schließlich etwas sagte. Es war nur ein Wort und sie sprach so leise, dass er sie fast nicht gehört hätte.
„Neville?"
Wurmschwanz zitterte am ganzen Körper, als er eine Hand erhob und an die mächtige Eichenholzdoppeltüre klopfte, hinter der ein Raum lag, der für den Rattenähnlichen der Innbegriff der Hölle war. Aber einer musste die Post schließlich zu ihm bringen und da er als einzigster Todesser nicht zu dem Empfang für die potentiellen neuen Anhänger des Dunklen Lords eingeladen war, fiel diese undankbare Aufgabe ihm zu.
Eine ihm nur allzu bekannte, emotionslose und hohe Stimme erteilte ihm nicht nur die Erlaubnis einzutreten, sie befahl es schon fast: „Herein!" Kalter Schweiß war auf Wurmschwanz Stirn ausgebrochen und in einem letzten Versuch, sich repräsentierfähig zu machen, strich der kleine Mann sein mit unzähligen Flecken übersähtes Hemd glatt.
Dann trat er ein.
Das Büro des Dunklen Lords unterschied sich vom Aussehen her nicht sonderlich von den übrigen Räumen der Festung. Überall wohin Wurmschwanz blickte, sah er nur schwarzen Marmor und dunkles Holz. Die schweren, schwarzen Samtvorhänge vor den bodenlangen Fenstern waren alle zugezogen und die einzigste Lichtquelle im Raum war eine einsame Kerze, die in einem silbernen Kerzenhalter brannte.
Lord Voldemort stand am Kamin, in dem kein Feuer brannte, und blickte auf die Asche in der Feuerstelle. Nagini wand sich neben ihm in einem schwarzen Ledersessel.
Wurmschwanz huschte geduckt auf den schwarzen Schreibtisch seines Herrn im hinteren Teil des rechteckigen Raums zu, um dort wie immer die Post abzulegen. Er hatte das antike Möbelstück schon fast erreicht, als ihn die Stimme des Dunklen Lords auf der Stelle gefrieren ließ. „Nein Wurmschwanz, bring mir die Briefe hierher!" Er hatte sich nicht in Richtung des untersetzten kleinen Mannes umgedreht, sondern lediglich eine Hand ein wenig erhoben, um die Umschläge in Empfang zu nehmen.
Wurmschwanz rührte sich vor Schreck einige Augenblicke lang nicht – was ein Fehler war! „Na? Wird's bald?" Voldemort hatte seine Stimme nicht im geringsten erhoben, er hatte nur einen drängenderen Tonfall hinzugefügt und das reichte vollkommen aus, um jedem Beine zu machen.
Als hätte man eine Videoaufnahme zuerst pausiert und jetzt wieder die Play – Taste gedrückt, legte sich Wurmschwanz fast selbst auf die Nase, so eilig hatte er es, zu seinem Herrn zu kommen.
Zitternd legte er die mit roten Siegeln verschlossenen Briefumschläge in dessen Hand und trat danach schnell ein paar Schritte zurück, so unangenehm war es für Wurmschwanz, direkt neben Voldemort zu stehen.
Während der Dunkle Lord den ersten Brief öffnete und zu lesen begann, stahl sich Wurmschwanz so unauffällig wie möglich aus dem Raum – das heißt, er hatte es vor!
Aber die Stimme Lord Voldemorts nagelte ihn erneut an Ort und Stelle fest. „Wohin so eilig, Wurmschwanz?" Der kleine Mann rang mit sich und druckste herum. „Ich? Ja, also… Ich bin… Ich meine, ich wollte-" Aber er kam nicht mehr dazu, einen vollständig zusammenhängenden Satz zu formulieren, denn da schoss auch schon der rote Strahl des Cruciatus Fluchs auf ihn zu.
Den Bruchteil einer Sekunde später lag Wurmschwanz am Boden und schrie voller Schmerz. Ihm war, als würden heiße Messer jeden Zentimeter seines Körpers malträtieren. Voldemort stand über ihm und sah dem Ganzen gelassen zu. Ein kleines Lächeln lag auf seinen dünnen Lippen, als Wurmschwanz Schreie von den Wänden des Raumes wiederhallten. Erst nachdem er eine angemessene Zeit hatte verstreichen lassen, ließ er Gnade walten und hörte auf, Wurmschwanz zu foltern. Der kleine Mann lag keuchend und japsend am Boden und rang verzweifelt nach Luft.
Der Dunkle Lord ging unbeteiligt zurück zu dem Kamin, auf dessen Sims er den Brief abgelegt hatte, den er bereits geöffnet und gelesen hatte. „Ich habe noch einen Auftrag für dich…" Wurmschwanz Magen krampfte sich bei dem Gedanken an die Aufgaben, die er bereits für seinen Herrn erledigen musste, schmerzhaft zusammen aber er wagte es nicht, etwas zu sagen. Ein Cruciatus am Tag reichte ihm völlig! Lord Voldemort sah auf die engstehende Schrift auf dem Pergament. „Ich habe eine beunruhigende Nachricht von einem unserer Geheimdienste bekommen… Es gibt Gerüchte über eine noch aktive Widerstandsorganisation, die hier in London ihr Hauptquartier haben soll."
Jetzt drehte er sich um und sah Wurmschwanz mit seinem stechenden Blick direkt in die Augen. „Schaff mir Severus her! Diese Sache hat höchste Priorität!" Mit einem Wink seiner blassen Hand signalisierte er seinem Diener zu verschwinden. Dieser rappelte sich auf und eilte mit vornübergebeugtem Oberkörper auf die rettende Türe zu.
Nachdem diese ins Schloss gefallen war, streichelte der Dunkle Lord seine Schlange, während er über den soeben erhaltenen Brief nachdachte. Ihm war es völlig schleierhaft, wie sich ohne sein Wissen und praktisch direkt vor seiner Nase, eine Widerstandsorganisation bilden konnte. Vielleicht handelte es sich ja auch um eine Fehlinformation.
Wer weiß…
Neville war, als hätte man alle Geräusche um ihn herum auf lautlos gestellt. Er hörte nur noch das Rauschen seines eigenen Blutes und das stete Pochen seines Herzens, das jetzt allerdings viel schneller schlug also noch vor ein paar Augenblicken. Er sah die blonde junge Frau vor sich ganz genau an. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor… Und sie schien ihn ebenfalls zu kennen. Und anscheinend nicht als einen der zwanzig besten Todesser, denn sonst hätte sie ihn bestimmt mit Mr. Longbottom angeredet!
Sie war gut eineinhalb Köpfe kleiner als er und ihre Haut war alabasterweiß. Weißblonde Haare umrahmten ihr Gesicht und sie hatte sie zu einer eleganten Hochsteckfrisur frisiert. Als Neville in ihre großen blauen Augen blickte, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Eine Erinnerung regte sich in seinem Kopf, aber in dem Moment, in dem er nach ihr greifen wollte, verschwand sie wieder hinter dem Schleier des Vergessens.
Die Hexe trug ein schulterfreies Kleid aus weißem Chiffon, das ihre zierliche Figur umspielte. Das Armband, das sie trug, erregte schließlich seine Aufmerksamkeit. Es war ein hellblaues Band, das sie mehrmals um ihr schmales Handgelenk geschlungen hatte. An einem Ring baumelte ein kleiner goldener Anhänger in Form eines Rechtecks. Das hatte er schon einmal gesehen!
Lichtgeschwindigkeit war das richtige Wort, um zu beschreiben, wie schnell Nevilles Blick von dem Armband und wieder zu dem Gesicht der jungen Frau wanderte. Und dann fügte sich alles wie ein Puzzle in seinem Kopf zusammen.
„Luna?", fragte er verblüfft.
Mechanisch nickte die Blonde und schaffte es schließlich, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuwürgen. Dann verfinsterte sich ihr Blick nun schon zum zweiten Mal an diesem Abend und sie setzte zu der Strafpredigt an, die Neville schon viel früher erwartet hätte – allerdings mit etwas anderem Inhalt!
„Neville, du Verräter! Du hast echt Glück, dass das hier ein Raum voller Todesser ist, denn sonst hättest du dich vor mir in Acht nehmen müssen! Wir alle haben dir vertraut! Harry, Ron, Hermine, Ginny, ich, ALLE, Neville! Und du hast einfach so die Seiten gewechselt. Du elender Feigling, du-"
Neville hätte gar nicht geglaubt, dass die sonst so stille Luna Lovegood zu einem Wutausbruch fähig war. Aber jedes Wort traf ihn unweigerlich mitten ins Herz. Ja, er war ein mieser Verräter, das wusste er und das war einer der vielen Gründe, weshalb er sein Dasein als Todesser so sehr hasste.
Er sah betreten auf seine Schuhe, als er hinter sich die Stimme von Rodolphus Lestrange vernahm. „So Longbottom, diese Lady habe ich dir höchstpersönlich als Tanzpartnerin ausgewählt. Na, was sagst du?"
Neville warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter und sah eine nicht ganz unansehnliche, dunkelhaarige Frau mit viel zu viel Make Up neben dem älteren Todesser stehen. Sie klimperte mit ihren eindeutig falschen Wimpern und zog eine Schnute. Nein!
„Ich sage: Tut mir Leid!" Rodolphus runzelte die Stirn und blickte von Neville zu der Hexe neben sich hin und her. Nevilles Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wie könnte er am besten aus dieser Situation herauskommen? Er spürte, wie Luna hinter ihm nervös ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte. Das ist es!
Nevilles Gesicht hellte sich augenblicklich auf, als er sich an Rodolphus wandte. „Tut mir Leid für deine Bemühungen Lestrange, aber ich habe bereits eine Tanzpartnerin gefunden!" Damit griff er nach Lunas Hand und zog sie hinter sich her auf die Tanzfläche. Die Blonde war so geschockt, dass sie keinen Widerstand leistete und mit einem verdatterten Gesichtsausdruck dem schwarzhaarigen jungen Mann hinterherstolperte.
Das kleine Orchester hatte gerade angefangen einen Walzer zu spielen und Neville kramte sein Wissen aus Professor McGonnagals Tanzkurs anlässlich des Weihnachtsballs in seinem vierten Jahr in Hogwarts heraus.
Als er sich zu Luna umdrehte, um die klassische Tanzhaltung einzunehmen, hatte sich die junge Hexe wieder gefangen. „Du willst jetzt nicht ernsthaft tanzen?", fragte sie den Zauberer bissig. Dieser zuckte mit den Schultern und antwortete mit einer Gegenfrage: „Hast du was Besseres vor?" Luna antwortete darauf nicht, sondern schüttelte nur ihren Kopf, bevor sie ihre Hand in Nevilles legte und sie langsam zu tanzen anfingen.
Anfangs sah die blonde Hexe überall hin, nur nicht in Nevilles Richtung und dieser mied ihren Blick ebenso. Als die eisige Stille, die zwischen ihnen herrschte, nicht mehr auszuhalten war, machte der junge Mann einen Versuch, um eine Unterhaltung anzufangen. „Und wie geht es dir so… mit… allem?" Lunas Blick wanderte von der mit silbernem Stuck dekorierten Decke zu Nevilles braunen Augen und fand dort ehrliches Interesse und auch ein wenig Besorgnis vor. Er sah noch genauso aus, wie vor einem Jahr – natürlich hatten sich ein paar Dinge noch verändert, aber nur minimal.
Aber jetzt ist er ein Todesser, Luna, er ist der Feind! Sie biss sich auf die Unterlippe. Aber, erwiderte eine zweite Stimme. Aber bestimmt hatte er einen guten Grund, warum er die Seiten gewechselt hat… Das leuchtete ein.
Luna sah erneut zu Neville hoch. „Ja, es geht mir den Umständen entsprechend gut…" Sie brachte sogar ein kleines Lächeln zustande. Die Angst, die sie um ihren Vater hatte und den Orden des Phönix erwähnte sie in weiser Voraussicht nicht.
Sie atmete einmal tief durch. Sie musste einen Versuch wagen! „Wieso bist du eigentlich damals Du-weißt-schon-wem beigetreten?" Nevilles Gesichtsausdruck war unergründlich. Luna konnte nicht sagen, ob er ob der Frage überrascht war oder ob er damit gerechnet hatte.
Es vergingen ein paar Augenblicke bevor der Todesser antwortete. „Ich-Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das nicht so genau weiß… Als ich Harry wie tot in Hagrids Armen gesehen habe, ist irgendwie die Hoffnung auf einen Sieg in mir gestorben. Jetzt im Nachhinein betrachtet muss ich dir zustimmen: ich war und bin ein totaler Feigling!"
Kaum hatte Neville geendet, kam auch der Walzer zu einem Ende und nachdem er Luna, ganz der Gentleman, von der Tanzfläche geführt hatte, entstand eine lange Stille zwischen den beiden. Luna rang ihre Hände, bevor sie aufsah und Neville anlächelte. „Tja, danke für den Walzer. Du bist wirklich ein guter Tänzer. Das hat Ginny nach dem Weihnachtsball erzählt…" Neville nickte nur und sah auf seine Hände. „Also, dann werde ich mich mal auf den Weg nach Hause machen…" Luna wollte sich gerade umdrehen, als Neville sie am Arm zurückhielt. „Ich weiß, dass du nein sagen wirst, aber ich mache dir trotzdem einen Vorschlag: Ich fände es sehr schön, wenn wir uns kommenden Freitagabend zu einem Drink oder so treffen könnten… Um zu reden und, na ja, um uns auf den neuesten Stand zu bringen. Sagen wir um acht im ‚Bleeker'? Es steht dir absolut frei zu kommen. Wenn du kommst, dann würde ich mich sehr freuen; wenn du nicht kommst… na ja, dann werde ich dir auch nicht böse sein."
Neville lächelte sie vorsichtig an und Luna war aufgrund seines Vorschlags mehr als überrascht. „Ich werde es mir überlegen. Trotzdem danke für die Einladung! Gute Nacht Neville, es war schön dich wiederzusehen." Dann machte sich die Blonde ohne weiteres auf den Weg zur Garderobe und zum Ausgang.
Und? Wie fandet ihr das Wiedersehen zwischen den Beiden? Wird Luna eurer Meinung nach Nevilles Einladung annehmen und kommen?
Bis zum nächsten Mal,
watercave
