Kapitel 3:
Draco rannte. Er musste so weit wie möglich von dem Gryffindor weg. Entfernt nahm er die lauten Klänge der Glocken wahr, die die nächste Unterrichtsstunde einläuteten, doch es war ihm egal. Er konnte jetzt nicht den ganzen Nachtmittag auf dem Schlossgelände verbringen, während er irgendein gefährliches Wesen fütterte und dabei auch noch andauernd in der Nähe des Schwarzhaarigen war. Nein, er musste sich was einfallen lassen. Etwa auf Höhe des dritten Stocks kam ihm sein Freund Blaise schon wild gestikulierend und rufend entgegen. Der kam wie gerufen.
„Draco… wo bleibst du denn so lange? Ich muss dir was erzählen… und außerdem fängt jetzt…" „Jaja, erzähl mir das heute Abend. Du musst mir jetzt einen Fluch an den Hals jagen. Egal was, wichtig ist, dass ich ein paar Stunden in den Krankenflügel muss. Frag nicht, mach einfach. Ich erklär dir später alles." Blaise schaute einigermaßen verwirrt drein, fasste sich aber schnell wieder. „Na gut, auf deine Verantwortung hin. Das wird Madam Pomfrey eine Zeit lang beschäftigen. Gute Besserung, Kumpel." Und mit einem schiefen Grinsen murmelte er erst einen Furunkel- und zu allem Überfluss auch noch einen Bindehautentzündungs-Fluch.
Mit einem schmerzverzerrten Gesicht und leicht ironischem Tonfall, rief Malfoy seinem Freund noch ein „Danke." zu, bevor er sich eilends in den Krankenflügel begab. Ihm war alles Recht, Hauptsache er würde Potter heute nicht mehr zu Gesicht bekommen. Was hatte er sich eigentlich dabei gedacht? Hatte er wirklich geglaubt, er könnte Potter küssen und alles würde sich plötzlich nach seinen Wünschen und Träumen verändern? Hätte Draco momentan nicht so Schmerzen gehabt, hätte er über sich selbst gelacht. Doch eine Frage ließ ihn einfach nicht los: Warum hatte es so lange gedauert, bis der Gryffindor ihn von sich gestoßen hatte? Er hatte eindeutig mitgemacht und Draco war sich der knisternden Momente zwischen ihnen noch deutlich bewusst. Ob doch noch ein Fünkchen Hoffnung bestand?
Schmerzerfüllt und übersäht mit hässlichen Furunkeln kam er im Krankenflügel an und wurde auch sofort von Madam Pomfrey empfangen, die ihn schon von weitem hatte kommen sehen. Er erklärte ihr ächzend etwas von „Fünftklässler… verdammte Gryffindors…hinterrücks…" und ließ sich zum nächsten Krankenbett geleiten. Madam Pomfrey kündigte schon an, dass sie die Furunkel schnell wegbekäme, doch die Bindehautentzündung etwas Zeit in Anspruch nehmen würde. Blaise hatte ganze Arbeit geleistet. So musste er den Gryffindor sicherlich für heute nicht mehr sehen. Was ihn jedoch nicht davon abhielt, unaufhörlich an diesen zu denken.
„Mann, wo bleibst du denn? Ich wollte dich gerade suchen gehen. Wo warst du so lange?" Harry hatte den ganzen Weg von der Eulerei bis zur Eingangshalle vollkommen apathisch zurückgelegt und konnte nicht mal sagen, wie lange er gebraucht hatte. Das Einzige, was er ständig vor Augen gehabt hatte, war die Szene mit Malfoy, die sich in der Eulerei abgespielt hatte. Erst Ron holte ihn wieder ins Hier und Jetzt zurück. „Ich… erzähl es dir später. Lass uns gehen." Die beiden verließen die Eingangshalle schnellen Schrittes und machten sich auf den Weg Richtung Verbotenen Wald.
Viele Schüler warteten schon auf dem Gelände, darunter auch einige Slytherins, doch weit und breit war kein Malfoy zu sehen. Auch Hagrid ließ noch auf sich warten. Die beiden jungen Männer erreichten Hermine, die sie schon von weitem strafend ansah. „Warum seid ihr schon wieder zu spät? Ihr habt Glück, dass wir Hagrid als Lehrer haben." „Ich kann nichts dafür, Harry wollte Abigail besuchen und kam einfach nicht wieder. Stimmts, Harry?", verteidigte sich Ron sofort. Doch Harry antwortete nicht. Er suchte immer noch vergeblich die Slytherins nach dem einen bestimmten Blondschopf ab. „Harry? Alles in Ordnung mit dir?" „Was? Ja… nein… ach es ist kompliziert…"
Gerade wollte Hermine stirnrunzelnd nachhaken, als auch schon Hagrid mit einem großen Behältnis zu der Schülerschar stieß. „Aufgepasst! Hab' hier'n paar frisch geschlüpfte Mokes. Bildet zweier oder dreier Gruppen und dann holt euch einen. Aber ganz vorsichtig. Soll'n doch keine Angst vor euch bekommen…" Harry sah seine Freunde vielsagend an. „Hermine, holst du uns eins von diesen Teilen und wir suchen uns eine ruhige Ecke?" Hermine machte sich schon auf den Weg, während Harry und Ron sich schon mal von der Gruppe entfernten und ein Plätzchen suchten, an dem sie ungestört miteinander reden konnten.
Als Hermine mit einer winzigen grünen Echse in einer kleinen Schachtel wieder zurückkam, fing Harry an zu erzählen, was er in der Eulerei beobachtet und dass er mit Malfoy eine kleine „Auseinandersetzung" hatte. Die Kuss-Szene ließ er erst mal außen vor. Zum einen war er sich selbst nicht mehr sicher, ob das wirklich passiert war und zum anderen wollte er sich vor seinen Freunden nicht die Blöße geben, ohne sich gewehrt zu haben, von dem Slytherin geküsst worden zu sein. Außerdem wussten sie auch noch nichts von seinem Traum und das sollte auch erst mal so bleiben.
Ron und Hermine sahen ihn mehr oder weniger erstaunt an, als er mit seiner Erzählung am Ende angelangt war. „Ich wusste doch, dass das Frettchen was damit zu tun hat. Der hat die ganze Zeit an einem Plan gearbeitet, während wir dachten, dass diese Kriege endlich vorbei sind, dabei war das nur die Ruhe vor dem Sturm!" Ron redete sich in Rage. Für ihn war schnell klar, dass der Slytherin etwas Böses im Schilde führte. Hermine stimmte dem Rothaarigen zu. „Das Ganze ist schon sehr verdächtig. Warum sollte Malfoy ein Vergissmeinnicht besorgen, wenn er nichts mit deinen Erinnerungslücken zu tun hat? Das macht keinen Sinn." „Sag ich doch. Am liebsten würde ich grad da rüber gehen und dieser Schlange die Wahrheit aus dem Leib prügeln. Wo ist er überhaupt?"
Ron streckte sich, um besser über die Schüler schauen zu können, doch auch er konnte den blonden Slytherin nicht ausfindig machen. „Der ist im Krankenflügel, ein paar Slytherin-Mädchen haben eben darüber geredet, als ich unseren Moke geholt habe. Sagtest du nicht eben noch, dass ihr nicht wirklich handgreiflich geworden seid? " Harry hob überrascht eine Augenbraue. „Es ist auch nichts passiert. Wir haben uns weder verflucht, noch verprügelt…" Harrys Gesichtsausdruck wechselte von Erstaunen zu Besorgnis. Er wusste nicht warum, aber aus irgendeinem Grund fühlte er sich schuldig dafür, dass der Slytherin im Krankenflügel lag.
Als er merkte, dass Hermine ihn argwöhnisch am Beobachten war, versuchte er, die Aufmerksamkeit von ihm abzulenken: "Ach, der ist wahrscheinlich mit einem Hausgeist kollidiert und fühlt sich jetzt nicht wohl…" Harry lachte gekünzelt um die Situation aufzulockern, doch an den Gesichtern seiner Freunde erkannte er, dass er nur Ron hatte täuschen können, der natürlich direkt mit den wildesten Spekulationen um sich warf. Hermine dagegen sah ihn leicht besorgt und mit diesem durchdringenden Blick an.
„Soweit ich mitbekommen habe, soll er wohl verhext worden sein… Irgendwelche Gryffindors…"
„Weiß man, wer es war? Ich glaube ich schicke eine Dankeskarte." „Wenn dich das so sehr interessiert, geh doch einfach in den Krankenflügel und frag Malfoy selbst, Ron." Hermine verdrehte die Augen. „Ich wollte euch doch noch von meinem Plan erzählen, dann finden wir vielleicht eher raus, was passiert ist." Zwar war Ron kurz irritiert von Hermines Worten, doch die Neugier war größer als die Schadenfreude und so wartete er stumm darauf, dass Hermine fortfuhr.
„Ihr wisst doch, dass Rita Kimmkorn ein Animagus ist und so einige Informationen illegal herausgefunden hat…" „Oh bitte, Hermine, sag nicht, dass du irgendwas mit dieser alten Schnepfe zu tun haben willst.", unterbrach Ron sie direkt mit verzweifeltem Ton in der Stimme. „Lass mich doch mal ausreden!" Hermines Blick ließ Harry kurz schmunzeln, obwohl auch er sich fragte, was diese ‚Reporterin' mit dem Plan zu tun haben sollte. „Also, um dich zu beruhigen: Ich habe nicht vor, in irgendeiner Weise jemals noch mal Kontakt zu dieser ‚Person' aufzunehmen. Es geht hier viel mehr um die Art und Weise, wie sie an ihre Informationen gekommen ist." „Warte… du willst dich in einen Käfer verwandeln?" „Ronald Weasley! Jetzt halt endlich mal deine Klappe." Ron verzog schmollend seine Lippen, unterbrach sie aber nicht mehr.
„Ich habe, während du faul in der Sonne gelegen hast, in der Bibliothek nachgeforscht und einen ziemlich komplizierten Zauber gefunden, mit dem ich jede beliebige Feder sozusagen in eine Spionagefeder verwandeln kann. Sie speichert Gespräche, die in unmittelbarer Nähe stattfinden. Wenn ich nun diese Gespräche noch mal nachvollziehen möchte, muss ich einen bestimmten Zauber sprechen und die Feder beginnt alles Gehörte aufzuschreiben. Vom Anfang bis zum Ende." Ron staunte seine Freundin beeindruckt an. „Mensch, Hermine. Du überraschst mich immer wieder aufs Neue."
Hermine schaute die zwei jungen Männer unglücklich an und seufzte. Harry verstand sofort, dass die Sache einen Haken zu haben schien. „Okay Hermine, raus mit der Sprache. Was stimmt mit diesem vielversprechenden Zauber nicht?" Hermine schluckte. „Nun ja, ihr wisst ja, ich bekomme hin und wieder die Erlaubnis, die Verbotene Abteilung zu betreten um bestimmte Bücher lesen zu können… Und dieser Zauber ist äußerst schwarz-magisch und verstößt gegen einige Schulregeln." Ron machte eine wegwischende Geste mit seiner Hand und grinste abenteuerlustig. „Wir haben schon gegen so viele Schulregeln verstoßen, dass es auf die paar auch nicht mehr ankommt. Wann beginnen wir mit dem Zauber?"
Hermines Wangen nahmen ein leichtes rosa an, während sie nuschelte: „Ich habe die Feder schon fertig…" Harry und Ron sahen sie mit großen Augen an. „Jetzt tut nicht so, als hätte ich etwas Unmögliches getan. Es geht hier schließlich um Harry. Und wie du schon sagtest: darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Wir müssen jedoch noch eine Hürde überwinden: Die Feder muss irgendwie zu Zabini und sollte auch ständig in dessen Nähe sein. Und natürlich müssen wir die Feder auch irgendwie wieder zurückbekommen… Aber wo ich eben diesen kleinen Moke gesehen habe, ist mir die Idee gekommen, dass wir die Feder einfach klein zaubern können und sie dann nur noch irgendwie in Zabinis Hosentasche bekommen müssen…" „Hermine, du bist einfach der Hammer. Was würden wir nur ohne dich machen? Das mit der Feder lass mal meine Sorge sein. Wo hast du sie denn? Jetzt finden wir heraus, was hier für ein Spiel gespielt wird." Ron grinste breit und sprang voller Tatendrang auf.
Harry hätte sich eigentlich freuen müssen, dass seine Freunde so schnell einen Plan in die Tat umsetzen konnten. Doch irgendwie war ihm die Sache nicht so ganz geheuer. Natürlich wollte er herausfinden, warum er schon das zweite Mal seine Erinnerungen an einige Stunden verloren hatte und was es mit dieser Blume auf sich hatte. Doch nach den jüngsten Ereignissen war er sich nicht mehr so sicher, ob er auch wollte, dass seine Freunde herausfanden, was da am Laufen war.
„Harry, ist alles in Ordnung? Du siehst nicht so begeistert aus…" Hermine war natürlich sofort aufgefallen, dass Harry nicht so euphorisch an die Sache ranging, wie ihr gemeinsamer rothaariger Freund.
Harry versuchte ein normales Lächeln aufzusetzen. „Keine Sorge. Es ist alles in Ordnung. Ich habe nur nicht so gut geschlafen. Wie willst du das machen, Ron?" Während Ron anfing, seinen Plan zu erklären, registrierte Harry, dass Hermine ihn weiterhin ungläubig ansah, jedoch nichts mehr sagte. „… und wenn ich bei den Slytherins angekommen bin, verhext du mich mit einem Beinklammerfluch, ich stolpere in Zabinis Richtung und schon ist die Feder in dem ganzen Trubel in seiner Hosentasche verschwunden. Das ist doch ein Plan, oder?!" Ron strahlte enthusiastisch über das ganze Gesicht. Harry grinste seinen Freund an. Er hatte keine andere Wahl. Vielleicht würde bei ihrer Aktion etwas ganz anderes rauskommen, als er jetzt dachte. „Der Plan klingt gut. Und du bist dir sicher, dass niemand merkt, wie du ihm eine Feder in die Hosentasche steckst?"
„Das werde ich dir zeigen! Hermine, gib mir mal die Feder." Hermine zögerte kurz, zuckte dann mit den Schultern und kramte eine große, schwarze Feder aus ihrer Tasche. Ron nahm sie ihr aus der Hand und zielte mit seinem Zauberstab darauf. „Reducio!" Die drei beobachteten, wie die Feder stetig kleiner wurde, bis sie die von Ron gewünschte Größe erreicht hatte. Sie war gerade mal so groß wie eine Münze. „Das dürfte reichen, oder?" Harry und Hermine nickten zustimmend. Ron wartete, bis Hagrid alle Mokes an die restlichen Gruppen verteilt hatte und nun zu jeder einzelnen Gruppe ging, um deren Arbeit mit den Wesen zu begutachten. Als der Halbriese sich Richtung Blaise Zabini und Theodore Nott bewegte, machte Ron sich schon auf den Weg zu seinem großen Auftritt.
Schnellen Schrittes näherte er sich den Dreien bis auf einen Meter und rief dann „Hey Hagrid, ich hab da mal eine…" und schon ging alles sehr schnell. Harry wartete nur den kurzen Moment ab, bis Ron nah genug an der kleinen Gruppe dran war, dann verhexte er seinen Freund schon mit einem gezielt gesetzten, leise gemurmelten Beinklammerfluch. Ron fiel, wie geplant, nach vorne und riss den schwarzhaarigen Slytherin mit sich auf den Boden.
„WEASLEY! Was zur Hölle machst du da? Geh… runter… von mir…" Blaise versuchte, den auf sich liegenden Ron von sich wegzudrücken. Harry musste sich ein Lachen verkneifen. Das Bild, das sich ihm bot, war einfach zu komisch. Er hörte, wie Hermine den Beinklammerfluch wieder löste, um Ron aus seiner Lage zu befreien.
„Was sollte das, Rotschopf? Kannst du nicht vernünftig gehen?" „Jaja, reg dich ab, Zabini. War für mich auch nicht gerade ein Genuss, auf DICH zu fallen." Einige Schüler beobachteten interessiert, was sich vor ihnen abspielte. Ron hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet und stand mit schief sitzender Kleidung und einem großen Grasfleck an der Hose direkt vor Blaise, der sich noch mit den Händen über seine eigene Kleidung fuhr, um eventuell vorhandenen Schmutz abzuklopfen. „Is' alles in Ordnung, Jungs?" Hagrid wartete auf das OK der beiden, dass sich niemand verletzt hatte, dann sprach er weiter. „Wolltest was fragen, oder Ron?" Der Angesprochene kratzte sich am Hinterkopf. „Ähm… ja… ich wollte wissen… also… beißen diese Viecher?" Ron wusste sich in dem Moment nicht anders zu helfen, als die erstbeste Frage zu nehmen, die ihm einfiel.
„Ist das dein Ernst, Weasley? Hast du dir die Teile mal angesehen? Und für so eine dämliche Frage rennst du mich um…" Der schwarzhaarige Slytherin drehte sich weg, um mit Theodore ein paar eindeutige Gesten auszutauschen. Ron beachtete die beiden nicht weiter. Er wusste etwas, das die beiden nicht wussten: Ab jetzt würden sie dauerhaft belauscht werden von einer kleinen schwarzen Feder, die sich in der Tasche einer wahrscheinlich viel zu teuren Hose befand.
„Also jetzt beißen se noch nicht… Aber wenn se gewachsen sin', dann kann's schon gefährlicher werden…" Hagrid grinste über beide Ohren. „Okay, danke Hagrid. Wollte nur sicher gehen." Und damit machte sich Ron mit nach oben gestrecktem Daumen als Zeichen seines Erfolgs wieder auf den Weg zurück zu seinen Freunden.
