Kapitel 4:

„Hey Draco. Was machen die Furunkel?" Blaise kam grinsend in den Krankenflügel. Sein blonder Freund saß auf einem der Betten, das Hemd noch halb geöffnet und die grüne Krawatte neben sich liegend. „Du hast ganze Arbeit geleistet. Die alte Pomfrey musste zusätzlich zum Gegenzauber auch noch Salbe auf meinem ganzen Körper verteilen. Überall." Draco verzog angewidert das Gesicht, während Blaise laut lachte. „Du wolltest es doch so haben. Ist jetzt wenigstens alles wieder weg?" „Jaa… ich war mich gerade am Anziehen. Dein Timing ist wie immer perfekt." Draco stand auf, knöpfte sich das Hemd weitestgehend zu und hängte sich die Krawatte locker um den Hals.

„Willst du bis nach dem Abendessen warten oder erzählst du mir jetzt schon, was die ganze Aktion zu bedeuten hatte?" „Ich erzähle es dir nach dem Essen…" „Okay, wie du willst. Dann kann ich dir ja erzählen, was mir wieder passiert ist…"

Die beiden verließen den Krankenflügel und begaben sich auf den Weg zur großen Halle. Blaise erzählte von seinem „Zusammentreffen" mit dem rothaarigen Gryffindor, doch Draco hörte nur mit einem Ohr zu. Er hoffte, dass sie spät genug in die große Halle kamen, um einem bestimmten Zauberer nicht begegnen zu müssen. Draco war immer noch zu verwirrt von der Szene in der Eulerei, als dass er die Nähe des Schwarzhaarigen schon hätte ertragen können.

Die letzten Stunden hatte er genug Zeit gehabt, um über das Vergangene nachzudenken. Jeden einzelnen Moment hatte er sich noch mal in Erinnerung gerufen. Doch er war einfach zu keinem Ergebnis gekommen. Immer blieb die Frage offen, wieso der Gryffindor seinen Kuss erwidert hatte und was schlussendlich der Auslöser dafür war, dass dieser plötzlich so harsch reagiert hatte. Und jedes Mal hatte die Erinnerung, an die knisternde Nähe zwischen ihnen beiden, seinen Puls wiederholt beschleunigen lassen. Klar, er hatte den Gryffindor an den beiden Abenden, an denen dieser unter dem Zauber des Amortentia-Trankes gestanden hatte, auch geküsst. Doch das war anders gewesen, da hatte ihn praktisch der Trank geküsst. In der Eulerei jedoch war es wirklich Harry Potter selbst gewesen, pur, ganz ohne Magie.

„… und dann fragt der allen Ernstes, ob diese kleinen süßen Echsen beißen… Ich dachte, mich beißt ein Hippogreif. Da hättest du echt dabei sein müssen, Darco…. Draco?" „Mmhh? Jaa… beim nächsten Mal mach ich mit…" Blaise sah seinen Freund ungläubig an. Mittlerweile waren sie an der Großen Halle angekommen. „Also ich bin echt mal gespannt, was du nachher zu erzählen hast. Scheint deine Gedanken ja sehr zu fesseln…" Draco achtete immer noch nicht auf seinen Freund. Viel zu gespannt war er darauf, ob er am Gryffindortisch den Grund seiner schlaflosen Nächte sitzen sehen würde.

Sie betraten die Große Halle und Draco ließ seinen Blick über die lange Tafel schweifen, doch soweit er erkennen konnte, war weder Harry, noch einer seiner zwei Freunde zugegen. Einerseits seufzte Draco erleichtert auf, andererseits merkte er einen Stich in seiner Magengegend. Ein kleiner Teil von ihm hatte sich gewünscht, den Gryffindor sehen zu können. Der Anblick dessen hätte sicher noch mal die Bilder vom Mittag aufgefrischt. Weiterhin in Gedanken versunken setzten die beiden Slytherins sich auf ihren Stammplatz am Kopf des Tisches und nahmen sich vom bereits etwas länger stehenden, aber immer noch prachtvollen Essen.

Blaise beobachtete seinen Freund weiterhin skeptisch. Der Blonde starrte unentwegt zur Tür der Großen Halle und aß nur halbherzig das, was auf seinem Teller lag. Und plötzlich wurden Dracos Augen größer und das Stück Hackfleischpastete verharrte auf halbem Weg auf seiner Gabel. Draco verhielt sich selten so merkwürdig. Es sei denn man sprach ihn auf Harry Potter an. Und plötzlich ging Blaise ein Licht auf. Er drehte sich um und sah, wie eben jener mit Hermine Granger und Ron Weasley die Große Halle betrat und geradewegs in ihre Richtung sah. Blaise drehte sich wieder um, um zu sehen, was Draco machte, doch der starrte immer noch Potter hinterher ohne eine Miene zu verziehen.

„Draco… reiß dich mal am Riemen. Es ist nur Potter." Draco blinzelte kurz und registrierte dann, dass Blaise mit ihm sprach. „Ja… nur Potter… Du hast keine Ahnung…" „Dann erklär es mir endlich. Du isst sowieso nix. Lass uns in den Gemeinschaftsraum verschwinden und dann redest du mal Klartext. Los, komm." Blaise stand auf und teilte Draco mithilfe von wilder Gestikulation mit, ihm augenblicklich zu folgen. Sie verließen die Große Halle geradewegs Richtung Kerker. Unterwegs sprach keiner von ihnen ein Wort. Erst als sie den großen, grün gestalteten Gemeinschaftsraum betraten, ergriff Blaise erneut das Wort.

„Lass uns in unseren Schlafraum gehen, da haben wir mehr Ruhe." Blaise hätte auch die paar Zweitklässler wegschicken können, die sich im Gemeinschaftsraum tummelten, doch um ganz sicher zu gehen, dass sie nicht gestört wurden, war es besser, sofort in ihren gemeinsamen Schlafraum zu gehen. Das ebenfalls grün-silber gestaltete Zimmer war sehr geräumig, da es die gleiche Größe, wie die Schlafräume anderer Häuser hatte, mit dem Unterschied, dass sie hier nur zu zweit drin schliefen. Glücklicherweise waren die Kerkerräume von Hogwarts dementsprechend groß genug. Ein weiterer Vorteil der Slytherinzugehörigkeit.

Blaise schloss die Tür hinter ihnen, während Draco sich auf den Rand seines Bettes setzte. „So und nun raus mit der Sprache. Was ist vorgefallen?" Draco schluckte, dann ließ er sich nach hinten fallen und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen. „Ich habe Potter geküsst." Blaise schaute verdutzt. „Ich dachte, das war der Plan. Dafür hab ich doch extra meine Mutter gebeten, mir ein bisschen von ihrem Amortentia zu schicken. Wo ist denn da jetzt das…" „Ich habe ihn geküsst, OHNE dass er vorher Amortentia zu sich genommen hat. Das war heute Mittag. Im Eulenturm. Aber das ist ja noch nicht das schlimmste. Ich glaube, er kommt meinem Geheimnis auf die Schliche. Und dann kann ich das Ganze vergessen. Für immer…" Blaise ging auf Dracos Bett zu, immer noch mit einem mehr als überforderten Gesichtsausdruck.

„Halt, halt, halt. Eins nach dem anderen. Warum hast du Potter denn geküsst? Warst du wieder mal zu gierig, Mann?" „Nein, es hat sich einfach so ergeben… Potter kam gerade rein, als ich das Vergissmeinnicht entgegennahm…" „Du bist auch so ein Idiot. Wie oft habe ich versucht, dir zu erklären, dass man bei einer Straftat möglichst versucht, KEINE Hinweise zu hinterlassen?! Aber du mit deinem Riesen Slytherin-Ego wolltest ja nicht auf mich hören. Ey, sowas kannst du nur machen, wenn du absolut sicher gehen kannst, dass sowieso niemand herausfindet, dass du beteiligt bist!" „Ach halt's Maul, Zabini." „Ja und jetzt weiter. Du hast immer noch nicht erzählt, wie es zu dem Kuss kam." „Würdest du mich nicht als unterbrechen, wären wir schon fertig…. Aber okay." Blaise rollte entnervt mit den Augen.

„Wie gesagt, Potter kam halt genau in dem Moment rein und hat natürlich die Blume gesehen. Du kannst dir vorstellen, dass er erst mal ziemlich irritiert war und dann natürlich ziemlich wütend…" Draco erzählte detailgetreu, was innerhalb der wenigen Minuten alles geschehen war. Natürlich ließ er auch die beiden Küsse nicht aus und beendete die Erzählung mit einem tiefen Seufzer. Blaise hatte sich alles ohne weitere Unterbrechungen angehört und holte jetzt tief Luft.

„Dir ist schon klar, dass du am Arsch bist? Selbst wenn Potter in dem Moment noch nicht alles gerafft hat, spätestens diese Granger wird wohl Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um herauszufinden, was hinter der ganzen Sache steckt. Und dann ist es aus, mein Freund. Hast du dir während deines Kurzurlaubs im Krankenflügel schon mal irgendwelche Gedanken gemacht? Denn ewig kannst du Potter jetzt nicht aus dem Weg gehen."

Draco hatte sich während seinen Erzählungen wieder aufgesetzt und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Er schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe keine Ahnung. Ich verstehe auch nicht, dass Potter auf den Kuss eingegangen ist. Könnte es… also meinst du, es könnte sein, dass…" „Dass Potter auf dich stehen könnte? Ganz ehrlich? Er wäre doof, wenn er es nicht täte." Blaise grinste seinen blonden Freund aufmunternd an. Draco erwiderte das Grinsen mehr oder weniger heiter.

Er konnte sich glücklich schätzen, Blaise seinen Freund nennen zu können. Der schwarzhaarige hatte ihm schon das ein oder andere Mal mächtig geholfen. Vor allem in der Zeit, als er merkte, dass der Gryffindor ihn fast jede Nacht in seinen Träumen heimsuchte.

Blaise hatte ihn damals darauf angesprochen, dass Draco nachts hin und wieder Potters Namen im Schlaf murmelte. Kurze Zeit später hatte er ihm auch schon anvertraut, dass er sich schon längere Zeit mit einem Ravenclaw traf. So kam es dann auch dazu, dass Blaise derjenige war, mit dem er seine ersten körperlichen Erfahrungen gemacht hatte. Doch Blaise hatte schnell gemerkt, dass Dracos Herz wohl immer nur für den schwarzhaarigen Gryffindor schlagen würde, und so konzentrierte er sich meistens darauf, sein Liebesleben mit unschuldigen Slytherins oder Ravenclaws auszufüllen. „Willst du wissen, was ich denke? Du solltest offensiv an die Sache rangehen. Potter schien es doch eindeutig gefallen zu haben. Wahrscheinlich hat der einfach gedacht, dass das wieder irgendein komisches „Du-bist-mein-Erzrivale-ich-muss-etwas-machen-das-dich-zur-Weißglut-bringt-Ding zwischen euch ist. Was ja, wenn wir mal ehrlich sind, gar nicht so abwegig ist."

„Wahrscheinlich hast du Recht. Ich werde mal darüber nachdenken." Draco seufzte. Er hatte noch eine komplette Woche vor sich, in der er den Gryffindor noch ein paar Mal im Unterricht sehen würde.

„Du wirst nicht nur darüber nachdenken. Du wirst es auch umsetzen. Wenn dir bis morgen Abend nichts eingefallen ist, machen wir es nach meinem Plan. Und glaub mir, mein Freund, dann hast du keine andere Wahl mehr…" Blaise grinste ihn verheißungsvoll an. „Mmhh… vielleicht werde ich auf das Angebot zurückkommen." Draco zwinkerte seinem Freund zu, der sich gerade erhoben hatte. „Warte mal, du hast da was…" Draco griff an Blaise' Hosentasche um eine kleine schwarze Feder zu entfernen, die nur noch leicht mit ihrem Kiel im Stoff festhing.

„Oh... nur 'ne Feder. Du solltest jetzt auch ins Bett gehen, sonst bekommen deine Augenringe noch Augenringe." „Da hast du wohl Recht…", gab Draco geistesabwesend zu, während Blaise schon auf dem Weg zu ihrem gemeinsamen Badezimmer war. Draco sah sich die kleine Feder noch eine Zeit lang an. Irgendwie faszinierte sie ihn auf merkwürdige Art und Weise. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass ihn die Feder an Eulen erinnerte und Eulen an die Momente mit Potter. Draco zuckte ergeben mit den Schultern, legte die Feder auf seinen Nachttisch und wollte sich als nächstes ins Badezimmer begeben, doch dann fiel ihm ein, dass er zuerst noch etwas anderes erledigen musste…

Harry wachte am Dienstagmorgen recht früh auf und sein erster Gedanke galt dem blonden Slytherin. Seit dem Abendessen war ihm dessen Blick nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Malfoy hatte ihn bei Betreten der Großen Halle schockiert mit großen Augen angesehen und ist kurz darauf mit Zabini verschwunden. Was zur Hölle hatte er ihm nur getan? Erst hatte der Blonde sich äußerst merkwürdig im Eulenturm verhalten, dann fehlte er den Rest des Tages und zum krönenden Abschluss diese Szene beim Abendessen. Die ganze Sache war mehr als mysteriös und bedurfte schneller Aufklärung.

Als auch Ron endlich wach war und sie sich fertig gemacht hatten, verließen die beiden den Schlafraum, um sich mit Hermine im Gemeinschaftsraum zu treffen. Gemeinsam gingen sie Frühstücken und stellten fest, dass weder Malfoy, noch Zabini anwesend waren. Allerdings waren sie auch ziemlich früh dran. Harry wusste, dass er den Blonden spätestens in Zaubertränke wiedersehen würde. Und so war es auch. Der Vormittag hatte sich, wie immer bei Zaubereigeschichte, etwas hingezogen, doch nach dem Mittagessen ging es in die Kerker und dort standen Malfoy und Zabini von einer kleinen Gruppe Slytherins umgeben und warteten ebenfalls darauf, dass der Unterricht begann.

„Ach, schaut mal, wer da ist. Potter und sein Gefolge. Hey Weasley, ich hab gehört, du hast jetzt seit neustem auch noch die Fähigkeit des Laufens verloren. Oder findest du Blaise einfach nur so umwerfend?" Der Blonde grinste in alter Manier so überheblich, wie sie es von ihm gewohnt waren, würdigte Harry jedoch keines Blickes. Ron ballte seine Hand zu einer Faust, doch er hielt sich zurück. Die Slytherins um Malfoy herum lachten. Sie alle konnten sich natürlich noch zu gut an den gestrigen Moment erinnern.

„Ich wusste auch gar nicht, dass du so eine Angst vor kleinen Echsen hast. Pass auf, dass du keine in deinem Bett findest…" Dracos Andeutung brachte die Schar Slytherins dazu, noch lauter zu lachen. „Halt lieber dein Maul, Malfoy. Vielleicht kommt Seidenschnabel dich sonst noch mal besuchen…" Jetzt war es an Ron, ein andeutungsvolles Grinsen aufzusetzen. Auch Harry wollte gerade zu einem verbalen Schlag ausholen, als schon Professor Slughorn um die Ecke bog und freundlich über das ganze Gesicht strahlte. Die Schüler verteilten sich im Klassenzimmer und nahmen an ihren Tischen Platz. Harry versuchte einen Blick auf Malfoy zu werfen, doch der saß mit dem Rücken zu ihm ziemlich weit vorne, während Harry, Ron und Hermine in der letzten Reihe Platz nahmen.

Malfoy schien wieder ganz normal zu sein. Zumindest so normal, wie dieser eben sein konnte, mit seinen üblichen Sprüchen und Sticheleien. Was Harry dazu brachte, noch intensiver über den gestrigen Tag nachzudenken. Irgendetwas passte da ganz und gar nicht zusammen. Doch viel Zeit zum Nachdenken bekam er nicht. Professor Slughorn beauftragte sie mit dem Brauen eines besonderen Gegengiftes für bestimmte, schwerwiegende Gifte und erwähnte, dass dieser Trank Prüfungsrelevant sei, was Hermine dazu brachte, ihn und Ron zu den Vorratsschränken zu scheuchen. Harry bemerkte, dass Malfoy und Zabini schon fast alle benötigten Zutaten in ihren Armen hielten und zurück an ihren Platz gingen.

„Mann, Harry… Zabini trägt die gleiche Hose wie gestern. Das heißt, wie könnten uns die Feder zurückholen und vielleicht schon etwas herausfinden." Harry nickte nur stumm. Sein Blick war immer noch auf den Blondschopf gerichtet, der sich einfach nicht zu ihm umdrehen wollte.

Zurück an ihrem Tisch begannen sie die Zutaten laut Rezept zu verarbeiten. Hermine war ihnen wie immer einen großen Schritt voraus und bemängelte zwischendurch ihre Arbeit. Doch auch sie war der gleichen Meinung wie Ron. Sie konnten es nicht riskieren, die Feder zu verlieren. Während Hermine zuerst in Ruhe ihren Trank brauen wollte, weil „am Ende des Unterrichts noch genug Zeit sei", war Ron mit seinen Gedanken schon in die verschiedensten Pläne versunken, um möglichst unauffällig an die Feder zu kommen.

„Ich hab's Leute. Passt auf und staunt…" Ron zog vorsichtig seinen Zauberstab aus seinem Umhang und richtete ihn halb von seinem Umhang versteckt in die Richtung, in der Zabini saß. „Ron, was hast du….", wollte Hermine noch fragen, doch da murmelte der Rothaarige schon die verhängnisvollen Worte: „Accio Feder." Natürlich geschah, was geschehen musste und so überhaupt nicht von Ron gedacht war: Jede einzelne Feder im Raum schoss mit gefährlicher Geschwindigkeit auf Ron zu, federkielseitig voraus.

„Protego!" Hermine hatte schnell genug geschaltet, um Ron vor den unfreiwillig angreifenden Federn zu schützen. Die Federn prallten am Schutzschild ab und fielen der Reihe nach auf Rons Tisch.

„Mr. Weasley, wenn Sie eine Feder benötigen, fragen Sie das nächste Mal bitte. 20 Punkte Abzug für Gryffindor für diese unnötige Störung des Unterrichtes. Und bringen Sie die Federn bitte ihren rechtmäßigen Eigentümern zurück. Alle anderen bitte weitermachen!" Natürlich hatte sich die komplette Klasse nach den Dreien umgedreht und der ein oder andere konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Insbesondere die Slytherins lachten lauthals. Rons Gesicht nahm langsam aber sicher die Farbe seiner Haare an. „Was hast du dir dabei gedacht?", zischte Hermine ihm zu. „Ich wollte doch nur die verzauberte Feder herzaubern…", murmelte Ron verlegen, während er die Federn zusammensammelte, um sie danach an seine Mitschüler zu verteilen.

„Vielleicht hättest du deinen Plan besser durchdenken sollen. Aber nun gut. Jetzt ist es passiert. Hast du sie schon gefunden?" Hermine suchte mit ihrem Blick die restlichen Federn auf Rons Tisch ab, ohne Erfolg. „Nein, Harry, hast du sie gesehen?" Auch Harry warf noch mal einen Blick über die wenigen Federn vor Ron und sah sogar unter dem Tisch nach, bevor er mit einem Kopfschütteln verneinte. „Das kann nur eins bedeuten: Sie befindet sich nicht mehr in Zabinis Kleidung." Hermine sprach die unglückliche Wahrheit aus. „Was ist, wenn er sie gefunden hat?", fragte Ron aufgebracht, während er die letzten Federn in die Hand nahm. „Nichts. Sie sieht aus, wie eine einfache Feder. Entweder er hat sie verloren, oder entsorgt, wie es jeder von uns machen würde, wenn er eine Feder in seiner Kleidung finden würde."

Ron seufzte leise. „Und dafür dieser Stress…" Er startete seinen Weg durch den Klassenraum, um die Federn zu verteilen. Harry beobachtete ihn dabei, war jedoch in Gedanken ganz woanders. Wenn sie nun nicht mehr an die Feder rankämen, würde er wohl erst mal nicht erfahren, was er so dringend wissen wollte. Niedergeschmettert ließ auch er ein leises Seufzen verlauten, das Hermine auf ihn aufmerksam machte. „Hey… ich weiß, das ist doof gelaufen. Ich kann noch einmal eine Feder verzaubern und wir versuchen es erneut. Aber lass den Kopf nicht hängen. Wir kriegen das schon hin." Aufmunternd lächelte sie ihm zu. „Ich weiß, irgendwie schaffen wir das wohl. Aber es ist einfach so nervenaufreibend, nicht zu wissen, was mit mir geschehen ist und was vielleicht noch geschieht. Ich dachte, ich hätte endlich meine Ruhe, nachdem Voldemort besiegt ist."

Hermine schaute ihn mitfühlend an. Mittlerweile war Ron wieder zurück, der mindestens ebenso zerknittert aussah, wie Harry. „Mann, das war ja 'ne Vollpleite. Was machen wir jetzt?" Hermine erklärte auch Ron noch mal, dass davon die Welt nicht untergehen würde und sie einen neuen Versuch starten könnten. Und dass sie sich jetzt erst mal wieder auf ihren Zaubertrank konzentrieren mussten. Ron und Harry tauschten vielsagende Blicke aus, bevor sie sich wieder einmal ihren Zaubertränken widmeten. „Mach dir nichts draus, Kumpel. Ist ja nicht das erste Mal, dass wir vor einem Problem sitzen und nicht wissen, wie wir es lösen sollen.", flüsterte Ron seinem Freund zu, damit Hermine nicht mitbekam, dass sie nur mehr oder weniger konzentriert an ihren Tränken weiterarbeiteten.

Harry wollte ihm gerade zustimmen, als seine Aufmerksamkeit von einer Bewegung ein paar Reihen weiter vorne abgelenkt wurde. Malfoy bewegte sich von seinem Platz weg nach vorne zum Pult, an dem Professor Slughorn schon voller Spannung wartete. Er stellte eine kleine Phiole mit dem fertig gebrauten, bläulich schimmernden Trank mit den Worten „Bitteschön, Professor." auf dem Pult ab und drehte sich wieder um. Während er zu seinem Platz zurückging, schenkte er Harry einen langen und intensiven Blick, bevor er wie gewohnt, sein überhebliches Lächeln aufsetzte. Harry versuchte wegzuschauen, doch er konnte den Blick einfach nicht abwenden und war wie gebannt von dem Blonden. Dieser unterbrach ihren Blickkontakt erst, als er sich wieder neben seinem Freund niederließ.

Harry schluckte. Das konnte doch nicht wahr sein. Sein Herz schlug auf einmal wesentlich schneller und sein Magen fühlte sich an, als säße er vor einer schwierigen Prüfung. Er verbarg sein Gesicht in den Handflächen und fuhr sich dann mit beiden Händen durch die Haare, während er gequält seine Augen schloss. „Hey Potter, warum so niedergeschlagen? Ist der Trank zu schwer für den Retter der Zaubererwelt?" Das hatte Harry gerade noch gefehlt. Er öffnete seine Augen, nur um festzustellen, dass Malfoy gerade mit seinem sauberen Kessel an ihm vorbeiging und ihn überlegen ansah.

Harry versuchte den Seitenhieb zu ignorieren, indem er sich wieder seinem Zaubertrank zuwandte, was jedoch gehörig in die Hose ging. Er vertauschte dummerweise zwei Zutaten und bekam als Dankeschön für seinen Fehler eine langsam aber stetig anschwellende, grüne Masse, die sich ihren Weg aus dem Kessel bahnte. Frustriert, aber glücklicherweise von den Slytherins unkommentiert, leerte er den Inhalt seines Kessels mit einem Schwenker seines Zauberstabs und fing noch mal von vorne an, in dem Bewusstsein, auch diesen Trank nicht mehr fertigstellen zu können.

Immerhin ließ Malfoy keinen Spruch mehr fallen. Im Gegenteil, der Blonde würdigte ihn für den Rest der Unterrichtsstunde keines Blickes mehr, was Harry nur noch mehr verwirrte.

Die letzten Minuten vergingen wie in Zeitlupe und Harry sehnte nur noch das Geräusch der Schulglocken herbei, die das Ende dieses Schreckens verkünden würden. Als es endlich soweit war, füllte er den unfertigen Trank, den er in der Zeit noch hatte herstellen können, in ein kleines Fläschchen, verkorkte es und brachte es nach seinen Freunden zu Professor Slughorn. Ron und Hermine waren schon fast aus dem Klassenraum draußen, als er plötzlich eine Hand an seiner Schulter fühlte. Er drehte sich um und sah direkt in dieses unverschämte Grau. „Malfoy, was willst du?" Harry registrierte, dass er in dem Strom von Schülern, die scheinbar alle gleichzeitig durch die Tür durchwollten, nicht wirklich ausweichen konnte, während der Blonde ihm immer näher kam. Harrys Blut pochte in seinen Adern.

Er merkte, wie die Hand auf seiner Schulter verschwand und plötzlich an seiner eigenen Hand wieder auftauchte. „Ich gebe dir gerne Nachhilfe, Potter…" Ein Flüstern, dass Harry erschaudern ließ. Gleichzeitig spürte er, wie eine andere Hand seine eigene kurz berührte und sich dann etwas in seiner Handinnenfläche befand. Der Slytherin machte ein paar große Schritte und drückte sich durch die restlichen Schüler. Kurz bevor er durch die Tür verschwand, drehte er sich noch mal um und zwinkerte Harry zu. Harry erstarrte für einen kurzen Augenblick, dann blickte er auf seine Hand und stellte fest, dass sich dort ein flach eingewickeltes, kleines Päckchen befand. Von der Situation noch leicht überfordert hörte er plötzlich eine bekannte Stimme: „Mr. Potter, ich war heute etwas überrascht über Ihre Leistung. Was hast Sie denn so abgelenkt?"

Harry drehte sich schlagartig um und sah Professor Slughorns fragendes Gesicht. „Ich… ähm… denke, ich hatte zu wenig Schlaf…" „Dann sollten Sie heute wohl früh zu Bett gehen. Ich erwarte beim Nächsten Mal wieder Großes von Ihnen. Und jetzt husch husch!" Slughorn wies ihn mit einer Geste an, den Kerkerraum zu verlassen und Harry tat nichts lieber als das, das Päckchen in seiner Hand immer noch fest umklammert. Vor der Tür stieß Harry auf seine wartenden Freunde und steckte, wie aus einem Reflex, das Päckchen in seinen Umhang, bevor es einer von ihnen sehen konnte. Zusammen gingen sie in den nächsten Unterricht, doch für Harry war der Rest des Tages lerntechnisch gelaufen. Viel zu verstörend waren die gesamten Geschehnisse, als dass er sich auch nur annähernd auf Verwandlung hätte konzentrieren können.

Während er dem Unterricht und den Gesprächen unter seinen Freunden und den anderen Gryffindors nur mit einem Ohr zuhörte, tauchten immer wieder die wildesten Bilder vor seinem inneren Auge auf. Bilder seines Traumes vermischten sich mit den Erlebnissen im Eulenturm und diese wiederum mit Malfoys Blicken und Worten. Das Ganze war dermaßen verwirrend, dass er sich nichts sehnlichster herbeisehnte, als das Ende des Tages, um endlich herauszufinden, was es mit dem Päckchen auf sich hatte. Und eines war sicher: Das wollte er für sich alleine ergründen.