Kapitel 7:

Die letzte Woche bis zu den Osterferien war eigentlich relativ schnell vorüber gegangen. Zumindest für so ziemlich jeden Schüler, außer Harry. Seit seiner Begegnung mit Draco Malfoy in der Gemeinschaftsdusche kam es ihm so vor, als würde die Welt an ihm vorbeilaufen, ohne dass er wirklich etwas davon mitbekam. Harry hatte sich seitdem immer wieder gefragt, wie er es so weit hatte kommen lassen können. Was hatte dieser verdammte Slytherin an sich, dass Harrys Gedankenwelt sich nur noch um ihn drehte? Über sieben Jahre hatten sie sich gestritten, geprügelt, bekämpft und gehasst. Doch jetzt auf einmal stellte sich diese Welt einmal komplett auf den Kopf und streckte ihm die Zunge raus. Und das alles nur, weil der Slytherin ihn aus irgendeinem Grund quasi entführt und für seine Zwecke missbraucht hatte.

Harry wusste bis heute nicht, was genau der Grund war, doch eines stand für ihn fest: Malfoy wollte ihm damit sicherlich auf irgendeine Weise eins auswischen. Vielleicht steckte ein größerer Plan dahinter, den Harry noch nicht verstanden hatte, aber das war nur eine Frage der Zeit. Und dieser Meinung war er nicht allein. Am vergangenen Wochenende hatte er alles Geschehene nicht mehr für sich behalten können. Er hatte sich mit Hermine und Ron in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Gemeinschaftsraum getroffen und ihnen alles erzählt. Vom ersten Kuss in der Eulerei, über das Zusammentreffen im 6. Stock, bis zur Duschszene. Nicht nur einmal war ihm dabei die Hitze bis in die Ohren gestiegen. Und von seinen beiden Freunden ganz zu schweigen. Hermine hatte während seiner Erzählungen kein einziges Wort gesagt und nur geschockt die Lippen aufeinander gepresst. Rons Augen waren mit jedem Satz größer geworden und sein Mund stand am Ende soweit offen, dass ein Quaffel darin Platz gefunden hätte. Harry ließ das Gespräch Revue passieren:

Schaut mich nicht so an. Ich weiß doch auch nicht, was mit mir los ist. Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, wie ich auf diese bescheuerte Idee gekommen bin, so etwas von Malfoy zu verlangen und ihn auch noch machen zu lassen." Harry ließ bedrückt den Kopf hängen. „Mann, ich weiß nicht, was ich sagen soll, Harry. Ich meine, es ist Malfoy! Dieses Frettchen muss dich irgendwie verzaubert haben." „Ron, ich glaube nicht, dass…" „Nimm ihn doch nicht noch in Schutz! Hast du überhaupt verstanden, was du da gemacht hast? Was IHR da gemacht habt?" Ron sprang aufgebracht von seinem Sessel auf. „Ron, beruhig dich doch bitte. Du machst es nicht gerade leichter für Harry." „Aber… Hermine! Du musst mir doch Recht geben. Harry hätte so etwas unter normalen Umständen nie mit sich machen lassen. Welche Flüche gibt es, um einen Menschen derart zu verändern?"

Hermine schüttelte nur den Kopf. „Ich weiß nicht, Ron. Ich glaube nicht, dass Harry verflucht ist.", sagte sie leise und sah erst Ron, dann Harry an. „Ich bin nicht verflucht. Ich kann es doch auch nicht erklären. Ich kann einfach an nichts anderes mehr denken. Glaubt mir, ich wünschte, es wäre jemand anderes, als ausgerechnet Malfoy…" Ron wollte es einfach nicht glauben. „Und was ist, wenn das noch Nachwirkungen des Amortentia sind? Oder durch die Gedächtnislöschungen?"

Hermine sah ihren Freund mitleidig an. „Ron…" „Nein, nicht ‚Ron'. Harry ist es, der nicht normal tickt und wenn ihr das nicht einsehen wollt, muss ich wohl alleine herausfinden, was hier los ist." Damit drehte Ron sich um und stieg die Wendetreppe zum Schlafsaal empor. .

Hermine war damals noch bei ihm sitzen geblieben und hatte auch ihre Bedenken geäußert. Ihrer Meinung nach war es auch nicht unwahrscheinlich, dass Ron Recht hatte. Im gleichen Atemzug hatte sie jedoch auch verkündet, dass sie sich alle drei die letzte Woche vor den Ferien noch aufs Lernen zu konzentrieren hatten und alles Weitere auch noch diese eine Woche warten konnte. Nach diesen Worten war auch Hermine verschwunden und seitdem hatte sie ihre Einstellung zu dem Gesagten nicht geändert. Ron hatte sich ebenfalls nicht mehr zu dem Thema geäußert. Zwar sprachen sie noch miteinander, doch zwischen ihnen lag eine unangenehme Spannung, die Harry noch zusätzlich in den Wahnsinn trieb.

Immerhin war der Freitag jetzt fast rum und Harry musste nur noch das Quidditchspiel hinter sich bringen, danach würde er zumindest mit Hermine wieder über seine Sorgen mit Malfoy reden können. Dieser hatte sich die ganze Woche äußerst unauffällig verhalten. Im Grunde so, wie vor der ganzen Geschichte, als sie sich noch gegenseitig ignoriert hatten, was Harry noch irritierender fand, als eventuell beleidigende Sprüche. Doch so gerne er schon wieder über den Blonden und seine Verhaltensweisen nachgedacht hätte, er hatte jetzt ein Quidditchspiel zu gewinnen und dafür musste sein Kopf frei sein. Er stand schon in kompletter Quidditch-Montur vor der hölzernen Tür zum Spielfeld und wartete zusammen mit seinen Mannschaftskollegen darauf, dass das Spiel endlich losging.

Die Tür öffnete sich endlich und Harry betrat unter ohrenbetäubendem Jubel mit den anderen den Rasen. Neben ihnen betraten auch die Slytherins das Spielfeld und Harrys Herz machte einen Salto. Der Blonde sah genauso gut aus, wie letzten Freitag. Harry konnte sich nicht helfen, aber die Quidditch-Kleidung saß an keinem so gut, wie an Malfoy. Fast so, als wäre sie an seinen Körper angepasst worden, mit dem Ziel, diesen zum attraktivsten Mann des Spiels wählen zu können. Harry verfluchte sich selbst. Er musste diese Gedanken abwenden, sich endlich auf Professor Hoochs Worte konzentrieren und hoffen, dass er den Schnatz schnell finden würde.

Beide Mannschaften machten sich bereit und warteten auf den Startpfiff. Dann stießen sie sich von der Erde ab und schossen in die Luft.

Harry genoss den warmen Wind in seinem Gesicht. Er flog möglichst hoch und umrundete einmal das Spielfeld. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Spielfeldes erkannte er den Blondschopf, der ebenfalls auf der Suche nach dem goldenen Ball war. Harry wusste, dass es stets Malfoys Taktik gewesen war, möglichst in seiner Nähe zu fliegen, um dann im Falle des Falles schneller an den Schnatz zu kommen, als Harry, um sich die Sucherei zu ersparen. Doch dieses Mal schien es, als würde Malfoy weiterhin großen Abstand zu ihm halten, wie er es schon die komplette Woche über getan hatte. Es war nicht so, als wenn Harry die Nähe des Anderen gesucht hätte, aber ein bisschen komisch hatte es sich schon angefühlt. Harry konnte sich auch nicht vorstellen, dass Malfoy von seiner Abfuhr in der Dusche gekränkt war, doch scheinbar hatte sich irgendetwas geändert. Seit einer Woche hatte Harry nicht mehr in diese geheimnisvollen grauen Augen gesehen.

Harry schüttelte den Kopf, um die Gedanken von sich zu scheuchen. Er hatte jetzt verdammt noch mal keine Zeit, über den Slytherin nachzudenken. In großem Bogen flog er noch einmal um das Spielfeld, an den Tribünen vorbei, gefolgt von weiterem Jubel. Entfernt nahm er war, dass Gryffindor schon 30 zu 0 Punkte führte und es auf Seiten der Slytherins schon einen Ausfall gegeben hatte. Ein noch junger Treiber Slyhtherins hatte den auf ihn zukommenden Klatscher nicht bemerkt und wurde von diesem am Kopf getroffen und somit von Besen gehauen. Die Chancen standen also gar nicht so schlecht für Gryffindor, wieder einmal einen Sieg nach Hause zu tragen.

Harry durchsuchte jeden Zentimeter in seiner Nähe und flog langsam weiter, bis ihn plötzlich ein helles Licht blendete. Das Sonnenlicht wurde ungefähr 30 Meter von ihm entfernt von dem kleinen goldenen Ball reflektiert, der einige Sekunden auf der Stelle schwebte.

Harry beugte sich sofort auf seinem Besen nach vorne, um ihm Geschwindigkeit zu geben. Noch hatte er den Schnatz im Blick. Wenn jetzt nichts dazwischen kommen würde, wäre das Spiel bald beendet. Nur noch wenige Meter. Er konnte quasi das angenehme Material schon in seiner Hand spüren. Doch plötzlich sah er im Augenwinkel jemanden auf sich zukommen. Er wollte seinen Blick nicht von dem Schnatz abwenden, um diesen nicht zu verlieren, aber das brauchte er auch gar nicht, um zu wissen, wer da von der Seite angeflogen kam: Draco Malfoy. Harry hatte seinen Gegner komplett aus den Augen verloren, als er den Schnatz entdeckt hatte. Und nun war der Slytherin drauf und dran, ihn zu überholen. Eingeholt hatte er ihn schon und flog einen knappen Meter neben ihm. Es fehlten nur noch ca. fünf Meter bis zum Sieg, Harry streckte schon seine Hand nach vorne aus.

„Hey Potter, du bist mir noch was schuldig." Diese eine Sekunde, in der Harry von diesem Satz abgelenkt war, ließ seine Konzentration so stark schwächeln, dass es Gryffindor den Sieg kostete. Der Blonde hielt den kleinen Ball mit den rasend schnell schlagenden Flügeln in seiner schlanken Hand in die Luft gestreckt. Die grüne Slytherinseite tobte vor Freude. Hüte, Fanartikel und grüne Funken flogen von den Tribünen und landeten allesamt auf dem Spielfeld. Harry musste feststellen, dass seine Teamkollegen mit ziemlich enttäuschten Gesichtern zurück zum Boden flogen und auf ihn warteten. Das Endergebnis dieses Spiels lag bei 160 zu 80 Punkten für Slytherin. Harry wollte sich auch gerade auf den Weg nach unten machen, als er neben sich wieder den Blonden bemerkte. Er drehte sich nach links und sah diesem direkt in die Augen.

Malfoy zwinkerte ihm zu und flog dann geschwind an ihm vorbei, um sich von seinem Team feiern zu lassen. Harry hing immer noch in der Luft, unfähig, sich zu bewegen, bis schließlich Ginny zu ihm geflogen kam. „Harry? Alles in Ordnung mit dir? Du musst dir keine Vorwürfe machen, es war echt knapp. Beim nächsten Mal gewinnen wir wieder." Aufmunternd lächelte sie ihn an. Harry versuchte das Lächeln zu erwidern. „Jaa… du hast Recht. Wir haben immer noch eine Chance auf den Pokal." „Na siehst du. Komm jetzt, Ron und Hermine warten auch schon. Wir wollen trotzdem ein bisschen feiern, weil jetzt Ferien sind." Harry nickte bloß und folgte ihr dann stumm, bis sie den Boden erreicht hatten. Ron und Hermine kamen auf ihn zu.

„Mann, das war 'ne ganz schön enge Geschichte. Malfoy kam plötzlich angeschossen und ich schwöre dir: Wäre dieser Bastard nicht einen halben Kopf größer als du, hätte er keine Chance gehabt." Harry wusste, dass sein Freund ihn aufbauen wollte, doch dieser konnte nicht ahnen, was wirklich passiert war. „Jaa, ist nun rum. Ich war auch nicht in Bestform. Das nächste Spiel gewinnen wir wieder. Ich habe gehört, wir wollen trotzdem feiern?" Er grinste seine Freunde an und war erleichtert, dass diese zurückgrinsten. Glücklicherweise wollten sie ihre Ferien auch in Hogwarts verbringen und nicht nach Hause reisen. Hermines Gründe lagen natürlich in der Bibliothek und Ron hatte einfach keine Lust, ständig unter den Fittischen seiner Mutter zu stehen.

Harry wollte sich noch schnell umziehen – duschen würde er in nächster Zeit erst mal wieder im Gryffindorturm – und dann gingen sie zu dritt, gefolgt von Ginny und ein paar anderen Gryffindors zurück ins Schloss.

Der Abend war schon angebrochen, viele Schüler waren direkt nach dem Quidditch-Spiel abgereist und so war die Große Halle relativ leer, als die 3 daran vorbeigingen. Lediglich ein paar Ravenclaws und Hufflepuffs saßen an ihren Tischen um zu Abend zu essen. Dass kein Slytherin anwesend war, war natürlich deren Sieg zu schulden. Gerüchte über die Partys der Schlangen waren im ganzen Schloss bekannt. Oftmals hieß es, dass gerade an einem anstehenden Wochenende der komplette Teil des Kerkers, in dem die Slytherins hausten, bis zum Sonntagabend als Partystätte missbraucht wurde. Es sollte auch immer viel Alkohol fließen und manche sagten, dass gerade die älteren Slytherins regelrechte Orgien feierten. Den genauen Wahrheitswert dieser Gerüchte kannte wohl keiner, der nicht selbst schon mal an einer dieser Partys teilgenommen hatte, doch was sich jeder denken konnte, war, dass die Schlangen an einem Tag wie diesem, mit einem Sieg im Quidditch, garantiert noch heftiger feiern würden.

Harry, Ron und Hermine brauchten nicht lange, um sich für die kleine Gryffindor-Feier fertig zu machen. Als sie aus ihren Schlafsälen kamen, war der Gemeinschaftsraum schon gut gefüllt. Auch einige Gryffindors wollten ihre Ferien lieber zu Hause verbringen, als in Hogwarts, doch diejenigen, die übrig geblieben waren, hatten dafür gesorgt, dass es ein schöner Abend werden würde. Auf den Tischen war einiges an Speisen präsentiert, für die garantiert kein Zauberer einen Finger krumm gemacht hatte, wie Hermine missmutig verlauten ließ. Auch war der Gemeinschaftsraum stärker mit roten und goldenen Bannern geschmückt und im Hintergrund lief in angenehmer Lautstärke eine rockige Musik.

Die drei setzten sich in eine Ecke mit mehreren Sesseln und einer Couch, in der schon Ginny und Neville saßen und scheinbar auf sie warteten, denn es standen fünf Flaschen Butterbier auf dem kleinen Beistelltisch. „Hi, ihr drei. Alles klar bei euch?", begrüßte Neville seine Freunde sofort. Sie sprachen über das Quidditch-Spiel und natürlich über die Slytherins. Auch Neville hatte diverse Gerüchte gehört, dass die Slytherins wohl das ganze Wochenende durchfeiern wollten. Außerdem hatte Ginny aus einer angeblich sicheren Quelle erfahren, dass die Schlangen am Samstagabend so etwas wie einen Maskenball veranstalten wollten. Harry schoss augenblicklich ein bestimmtes Bild in den Kopf: Malfoy mit Maske. Darüber durfte er gar nicht erst weiter nachdenken, sonst würde er noch ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.

Leider hatte er keinen Einfluss auf das Gespräch, das sich weiterhin um besagten Maskenball drehte. Die wildesten Spekulationen kamen zutage, bei denen auch die Namen Malfoy und Zabini fielen. „Ich habe sogar gehört, dass Zabini alles nagelt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Unabhängig vom Geschlecht. Muss wohl an seiner Mutter liegen, die ihrem Sohn schon mehr Stiefväter besorgt hat, als man zählen kann. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber laut Sienna Jones soll er sogar was mit Malfoy gehabt haben. Könnt ihr euch das vorstellen?" Harry verschluckte sich an seinem Butterbier. Hermine klopfte ihm auf den Rücken, doch die Tränen standen ihm von der Husterei schon in den Augen. Als er wieder annähernd normal atmen konnte, erkannte er, dass seine Freunde ihn fragend ansahen. „Entschuldigt. Diese Vorstellung ist einfach zu komisch.", versuchte er die Situation zu retten. Neville und Ginny stimmten ihm zu, doch ein Blick Richtung Ron und Hermine sagte ihm, dass die beiden ganz anders über die Sache dachten.

Ginny ergriff wieder das Wort: „Auf jeden Fall muss dieser Maskenball ziemlich extravagant und ausschweifend sein. Auch wenn es Slytherins sind, ich würde mir das schon gerne mal anschauen." Die kleine Runde sah erstaunt die Rothaarige an, bis Ron einwandte: „Was willst du denn auf einem Slytherin-Maskenball? Um nicht erkannt zu werden, müsste es schon ein Masken- und Mützenball sein." Die Geschwister hauten sich gegenseitig noch ein paar Sprüche um die Ohren, während die anderen in ein haltloses Gelächter verfielen. Harry war froh, dass das Gespräch diese Wendung genommen hatte. Einen Malfoy, Arm in Arm mit Zabini, war nun wirklich das Letzte, das er sich vorstellen wollte.

Der Abend verlief weiterhin lustig. Hermine, Neville und Ginny schauten Ron und Harry eine Weile bei einer Partie Zauberschach zu, bevor sie ein paar neue Scherzartikel aus ‚Weasleys Zauberhafte Zauberscherze' ausprobierten, die ein paar Drittklässler hatten liegen lassen, als diese kurz nach Mitternacht in ihre Schlafsäle verschwunden waren. In Verbindung mit den vielen Flaschen Butterbier, die sie mittlerweile vernichtet hatten, bekam auch das langweiligste Effektbonbon noch einen hohen Spaßfaktor und die fünf waren nicht die einzigen, die sich noch amüsierten. Einige Sechst- und Fünftklässler spielten in einer anderen Ecke des Gemeinschaftsraumes ebenfalls mit einigen Scherzartikeln und lautes Grölen drang immer wieder zu Harry und den anderen durch.

Gegen zwei Uhr morgens waren auch die letzten Flaschen Butterbier geleert und die letzten Snacks verputzt. Nur noch wenige Schüler außer Harry und seinen Freunden befanden sich im Gemeinschaftsraum und redeten leise miteinander. Die Musik war auf eine angenehme Lautstärke heruntergedreht und langsam machte sich bei allen Müdigkeit breit. Neville verabschiedete sich gerade von den Anderen und verschwand schon im Schlafsaal. Harry und Ron wollten sich gerade von den Mädchen verabschieden, als plötzlich ein schwarzhaariges Mädchen durch das Portal in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum gestolpert kam. Es war eine Mitschülerin von Ginny, Ann McDermott, die aufgeregt den Gemeinschaftsraum absuchte und schlussendlich mit dem Blick an Harry hängen blieb.

„Harry Potter… ich habe hier etwas für dich." Ann kam auf die vier zu und hielt ein Paket in der Hand. Harry nahm es skeptisch entgegen und drehte es vorsichtig in der Hand. Ein Absender war nicht zu erkennen. „Von wem ist das?", wollte er wissen. „Also ich hab es von Colin bekommen und der wiederrum von Jakob und der von einem Ravenclaw, dessen Name ich vergessen habe und der, warte mal, wie war das noch gleich…" Ann schien angestrengt zu überlegen. „… Also ich weiß nur noch, dass es wichtig ist, dass du das Paket bekommst. Gute Nacht." Mit diesen Worten verließ auch sie den Gemeinschaftsraum in Richtung Schlafsaal.

„Was war das denn?", fragte Ron irritiert in die Runde. Harry und Hermine sahen genauso verwirrt aus, während Ginny unbeeindruckt mit den Schultern zuckte. „Sie ist einfach merkwürdig. Ich bin es schon gewohnt. Willst du nicht lieber das Paket aufmachen, Harry?"

Ginnys Augen funkelten vor Spannung. Auch die anderen beiden wandten sich wieder dem Paket in Harrys Händen zu. „Ich weiß nicht so recht, Harry. Du weißt ja nicht mal, von wem das ist." Ron warf seiner Freundin einen vernichtenden Blick zu. „Ach Hermine, was soll das schon großartig sein? Sieh es dir doch mal an. Das ist richtig liebevoll eingepackt. Mit Schleife und dem ganzen Quatsch. Das wird garantiert von einer Verehrerin von Harry sein." Bei Rons Worten legte Hermine den Kopf schief und besah sich das Paket noch mal genauer. „Du wirst wohl Recht haben. Dann mach mal auf, Harry." Dieser sah einmal jeden seiner Freunde an, bevor er schmunzelnd den Kopf schüttelte. „Wer sagt denn, dass ihr wissen dürft, was hier drin ist? Vielleicht ist das etwas, was ihr gar nicht sehen sollt." Die drei sahen sich an und schienen über Harrys Worte nachzudenken. Dann grinsten sie ihn an und Ginny ergriff das Wort: „Du glaubst doch selbst nicht, dass wir dich jetzt einfach davon ziehen lassen. Wir wollen wissen, was da drin ist."

Harry seufzte geschlagen und murmelte „Als ob ich je eine andere Wahl gehabt hätte…", bevor er sich wieder in den Sessel setzte und das Paket auf seinem Schoß platzierte. Die anderen taten es ihm gleich und beobachteten ihn gespannt. Harry betrachtete zum ersten Mal das eckige Paket genauer. Es war in hellbraunem Papier eingewickelt und ein silbernes Band war zur Schleife drum herum gebunden. Harry zog an einem Ende des Bandes und die Schlaufe öffnete sich. Dann riss er vorsichtig das Papier ab und zum Vorschein kam ein normaler Karton. Er öffnete die oberen Laschen und bemerkte als erstes eine kleine Pergamentrolle, die auf einem Haufen zerknülltem Papier lag. Er entrollte sie und las vor:

Bist du ein wahrer Löwe?

Stell deinen Mut unter Beweis,

trau dich in die Schlangengrube

und erlebe eine Nacht,

wie du sie noch nie erlebt hast!"

Harry stoppte und las die Worte für sich noch einmal. Dann sah er, dass weiter unten noch etwas stand. „Hier steht noch die Zeit, also Samstagabend, 23:00 Uhr und eine Beschreibung zu einem Raum. Irgendwo im Kerker." Harry blickte auf und sah in die Augen seiner Freunde, doch auch diese konnten mit diesen kurzen Zeilen nicht viel anfangen. Er zuckte mit den Achseln, dann begann er damit, das zerknüllte Papier aus dem Karton zu nehmen. Urplötzlich hielt er inne und sein Herzschlag beschleunigte sich. Unter dem ganzen Papier lag eine auf schwarzem Samt gebettete Maske. Harry hob sie vorsichtig aus dem Karton, um sie sich genauer anzuschauen und kaum konnten die Anderen einen Blick darauf werfen, vernahm Harry einen erstickten Schrei, der von Ginny zu kommen schien. „Das… das ist eine Maske. Harry, eine Maske.", murmelte sie, die Hände erschrocken vor dem Mund haltend, mit großen Augen.

„Das sehen wir Ginny. Danke für diesen überflüssigen Kommentar.", meinte Ron bissig und rollte seine Augen. „Ron! Du hast ja keine Ahnung, du Dummkopf. Das ist eine Einladung zum Maskenball der Slytherins. Ganz eindeutig." Nun schaute auch Ron entgeistert in die Runde. „Aber warum sollte jemand Harry…" Ron brachte seinen Satz nicht mehr zu Ende. Sein Blick verfinsterte sich. „Nicht schon wieder…" Auch Hermine sah besorgt in Harrys Richtung. „Was ‚schon wieder'? Wovon redet ihr?", wollte Ginny sofort wissen, die natürlich bemerkt hatte, wie die Stimmung sich schlagartig geändert hatte. „Das ist etwas komplizierter…", versuchte Harry die Neugier der Rothaarigen zu befriedigen. „Weißt du, ich bin nicht dumm. Ich kann Zusammenhänge verstehen, wenn man sie mir erklärt.", erwiderte Ginny jedoch nur, sichtlich sauer.

Harry mochte Ginny zu sehr als Freundin, als dass er sie jetzt hätte wegschicken können. Einen kurzen Blick mit seinen anderen beiden Freunden austauschend holte er sich die Genehmigung, Ginny in die Geschehnisse einzuweihen. Er erzählte in Schnellfassung das, was ihm bisher alles wiederfahren ist und ließ das ein oder andere kleine Details aus, was nicht wirklich wichtig für das Verstehen seiner Erzählung war. Auch Ginny reagierte erst mal mit einem schockierten Blick und Stille. Doch relativ schnell fand sie ihre Sprache wieder. „Und das hier ist jetzt von Malfoy…", sprach sie aus, was alle dachten. „Also wenn du mich fragst, solltest du hingehen." Sie erntete einen schockierten Blick von ihrem Bruder. „Was? Wie soll Harry denn besser herausfinden, was Malfoy für ein Spiel spielt? Das ist doch die Gelegenheit. Geh hin, genieß den Abend, merk dir genau, wie alles ist, um es mir hinterher zu erzählen und flöss Malfoy etwas Veritaserum ein."

Ginny erntete fassungslose Blicke. Gerade Ron schien mehr als bestürzt. „Das kannst du doch nicht ernst meinen, Ginny. Harry erzählt dir, was dieses Frettchen gemacht hat und du rätst ihm, auch noch einen Kopfsprung in diese offensichtliche Falle zu machen? Du scheinst deinen Verstand heute Abend versoffen zu haben. Ich glaube, es ist Zeit ins Bett zu gehen." „Nein Ron. Ich glaube, du solltest besser ins Bett gehen. Meiner Meinung nach ist das keine Falle. Ich habe aus Harrys Erzählungen rausgehört, dass Malfoy anscheinend gerne… Zeit… mit Harry verbringt. Und ich denke, dass er Harry schon viel früher hätte verletzen können, wenn er gewollt hätte. Ich habe nicht das Gefühl, dass es Malfoy darum geht, sich für irgendwas an Harry zu rächen. Aber es ist deine Sache, Harry. Du musst entscheiden."

Harry war überrascht, aber auch froh über Ginnys Offenheit. Hermine hatte sich bisher noch gar nicht geäußert, was sich jetzt änderte. „Also ich muss ganz ehrlich sein. Ron, es tut mir leid, aber Ginnys Idee ist gar nicht so verkehrt." „WAS? Jetzt fang du nicht auch noch so an! Es geht hier um Malfoy! Seit der ersten Klasse macht der uns das Leben zur Hölle. Und jetzt, wo Voldemort tot ist, soll er sich komplett verändert haben? Tut mir leid, aber das ist zu viel verlangt. Harry, wenn du da wirklich hingehst und dir irgendwas passiert, helfe ich dir nicht aus der Scheiße. Das kannst du vergessen." Aufgebracht verließ Ron den Gemeinschaftsraum. Harry war sich unschlüssig, ob er seinem Freund hinterher sollte, oder nicht, schließlich hatte er sich selbst noch nicht zu der ganzen Sache geäußert. Hermine sah genauso aus, wie er sich fühlte. Sie schien auch zu überlegen, ob sie Ron noch aufhalten sollte, entschied sich dann aber dagegen.

„Ron wird sich wieder beruhigen. Das hat er bisher immer, wenn irgendwas war, was ihm nicht gepasst hat. Aber jetzt mal zurück zu dir. Was ist deine Meinung dazu?" Harry musste nicht lange überlegen. „Ich werde hingehen. Selbst wenn es eine Falle ist: Mit ein paar Slytherins werde ich locker fertig. Und Ginny, deine Idee ist vom Prinzip gar nicht so schlecht. Aber ich will mich nicht auf Malfoys Niveau herablassen und ihm irgendwas ins Getränk mischen." Ginnys Blick spiegelte Stolz und Entschlossenheit wieder. „Du bist nicht umsonst der berühmteste Zauberer der Welt. Und jetzt lass uns mal diese Maske genauer betrachten…" Harry hielt die Maske in seiner Hand. Sie war sehr leicht und fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, da sie scheinbar mit Seide überzogen war. Der Stoff leuchtete in einem Silbergrau und hatte aufgestickte grüne Ornamente und Schnörkel, die um die Augenöffnungen bis zur Außenkante der Maske verliefen. Bei genauerem Hinsehen erkannte Harry, dass die Ornamente teilweise aus winzigen Schlangen bestanden, die ineinander geschlängelt waren.

Harry drehte die Maske. Die Innenseite war komplett schwarz und ohne irgendwelche Schnörkel. Ihm fiel auf, dass sich an der Maske gar kein Gummi befand, mit dem er die Maske normalerweise um seinen Kopf spannen konnte. „Hier fehlt doch was. Wie soll die denn halten?" Harry drehte die Maske noch mal, doch er hatte nichts übersehen. „Das ist bestimmt eine magische Maske. Die müsste von alleine halten. Gib mal… autsch!" Ginny hatte nach der Maske gegriffen, doch diese schien sich mit einem Zauber verteidigt zu haben. Die Rothaarige strich über ihre Finger, zu erkennen war nichts, doch scheinbar wollte die Maske von niemand anderen berührt werden, als von Harry. „Na dann halt nicht.", schmollte Ginny und beäugte die Maske nun etwas kritischer. „Setz sie dir einfach mal ans Gesicht, dann werden wir ja sehen, was passiert." Harry war zwar auch noch etwas skeptisch, folgte dann aber ihrem Vorschlag und setzte sie sich auf die Nase, sodass er ohne Probleme durch die beiden Löcher schauen konnte.

Und Ginny behielt Recht. Die Maske hielt ohne sein weiteres Zutun problemlos an seinem Gesicht. Das einzige ungewöhnliche war, dass plötzlich ein leichtes Kribbeln durch sein Körper ging. Und dann beobachtete er, wie sowohl Hermine, als auch Ginny plötzlich vor ihm zurückschreckten. „Was habt… ach du meine Güte, was ist mit meiner Stimme?" Harry hörte sich selbst nicht so, wie sonst. Seine Stimme klang plötzlich viel tiefer und rauer und die beiden jungen Frauen ihm gegenüber bekamen noch größere Augen. Hermine war die erste, die nach kurzem Zögern wieder etwas sagte: „Harry? Bist du es?" „Natürlich bin ich es. Was soll diese Frage?", antwortete er mit dieser ungewohnten Stimme. „Naja… du siehst nicht wirklich aus, wie du…", brachte nun auch Ginny hervor. „Was soll das heißen?" „Warte kurz." Hermine zog ihren Zauberstab aus der Tasche und verwandelte mit einem kurzen Spruch einer der vor ihr stehenden Flaschen in einen Spiegel und überreichte ihn Harry.

Harry hätte den Spiegel fast fallen lassen. Er erschreckte sich vor seinem eigenen Spiegelbild. Beziehungsweise vor dem, der ihn da aus dem Spiegel heraus anblickte. Das Gesicht hatte dieselbe Maske auf, doch die Ornamente und Schlangen waren sich langsam am Bewegen und glitzerten auffallend. Doch was viel erschreckender war, war die Tatsache, dass sich Harrys Äußerliches, bis auf seine Augen, total verändert hatte. Seine kurzen, schwarzen und ungebändigten Haare waren zu etwas längeren, dunkelbraunen Haaren geworden, die, wie einmal locker mit der Hand durchgefahren, leicht nach hinten fielen, bis auf ein paar Strähnen, die ihm kinnlang im Gesicht hingen. Dazu kam, dass er nicht mehr in seinen ausgeblichenen Jeans und T-Shirt vor seinen Freundinnen saß, sondern er trug eine schwarze, eng sitzende Hose und ein dunkelgrünes Hemd mit schwarzer Fliege. Harry war leicht überfordert und sah hilfesuchend die beiden jungen Frauen an.

„Es sieht so aus, als wöllte jemand sicherstellen, dass du definitiv nicht als du erkannt wirst. Und auch nicht als Gryffindor…", stellte Ginny unnötigerweise fest. Hermine schüttelte langsam den Kopf. „Ich glaube, das ist was anderes. Ich meine, ich habe schon mal etwas über diesen Zauber gelesen. Ein objektabhängiger Tarnzauber, der vorzugweise für Masken benutzt wird, damit die Maskerade noch mysteriöser ist. Vielleicht bist du nicht der einzige, der nicht mehr aussieht, wie er selbst. Bist du immer noch sicher, dass du hin willst?" Harry besah sich noch mal im Spiegel und nickte dann. „Ja, ich gehe hin." Seine fremde Stimme hallte noch in seinem Kopf wieder, als er die Maske wieder abnahm und sich sein Äußeres wieder zurückverwandelte. Harry legte die Maske behutsam zurück in den Karton und kurz darauf verabschiedeten sich die drei voneinander, um ins Bett zu gehen, obwohl Harry sich ziemlich sicher war, dass es noch eine Weile dauern würde, bis er einschlafen würde.