Kapitel 8:
Nervös sah Harry auf seine Uhr. 22:56 Uhr. Er würde leicht zu spät kommen. Der Beschreibung in dem Brief folgend, hatte Harry sich vor wenigen Minuten auf den Weg in die Kerker gemacht, die Maske fest in der Hand. Es kam ihm unheimlich lang vor, den Weg vom obersten Turm bis zum Erdgeschoss zurückzulegen. Und von dort aus ging es noch einige Treppen weiter runter in die Kerker. Mit jedem Schritt wurde es kälter und Harry hoffte nur, dass es auf diesem Ball nicht auch so kalt sein würde. Er schritt eine Steintreppe hinab und hatte das Gefühl hier schon mal gewesen zu sein. Harry musste nicht lange überlegen, um sich daran zu erinnern, wie er, Ron und Hermine in ihrem 2. Schuljahr auf Nicks Todestagsfeier gehen mussten. Die Erinnerung daran ließ ihn erschaudern. Aller Ansicht nach führte die Beschreibung genau in diesen Raum, den er noch so negativ in Erinnerung hatte. Harry zweifelte ein bisschen an seiner Entscheidung, diesen Ball zu besuchen. Doch jetzt war er schon so weit. Umkehren kam auch nicht mehr infrage.
Noch bevor er die letzte Kurve vor dem Raum erreicht hatte, zog er sich die Maske auf. Wieder blieb sie ohne Probleme auf seiner Nase sitzen und Harry spürte dieses Kribbeln, als Zeichen der Verwandlung. Dann bog er um die Ecke und sah einen jungen Mann mit Maske und Smoking vor einer verschlossenen Tür stehen. In der Hand hielt er einen schwarzen Beutel. Als Harry näher kam, sah der Kerl auf und lächelte. „Willkommen, willkommen. Bereit für einen Abend voller Überraschungen?" „Ähm… Ich… denke schon." Stotterte sich Harry was zusammen. Der junge Mann vor ihm grinste. „Du machst wohl das erste Mal mit, was?!" Harrys Herz machte einen Satz. War es so auffällig, dass er keine Ahnung hatte, was ihn hinter dieser Tür erwarten würde? Er versuchte, sich zu entspannen und antwortete etwas lockerer: „Joa, hatte mich bisher nicht so interessiert. Jetzt wollte ich dann doch mal mitmachen." Die blauen Augen seines Gegenübers wanderten einmal an Harry auf und ab und das Grinsen hatte plötzlich etwas Diabolisches an sich.
„Du wirst nicht enttäuscht sein. Dürfte ich dich bitten, einen Ring aus diesem Beutel zu ziehen?" „Ähm… klar." Harry steckte etwas verwundert seine Hand in den schwarzen Beutel und griff nach dem erstbesten Ring, den er ertastet hatte. Er zog ihn raus und hielt einen schmalen, goldenen Ring zwischen seinen Finger. Ganz einfach, ohne Schnörkel oder Stein.
„Den solltest du die ganze Zeit tragen. Irgendwann startet dann… na du weißt schon… also solltest du auf jeden Fall lange genug bleiben. Du weißt doch, wovon ich rede, oder?" Der Fremde zwinkerte ihm zu. „Ja… klar…" versuchte Harry überzeugend zu antworten. Er steckte sich den Ring über den rechten Ringfinger und sah zu, wie dieser sich der Größe seines Fingers anpasste.
„So, dann wünsche ich dir viel Spaß. Ich muss jetzt weitermachen. Da kommen die nächsten…" Der Fremde öffnete ihm die Tür und Harry trat ein.
Die vielen Eindrücke, die auf ihn einströmten, musste er erst mal verarbeiten. Es war zwar ziemlich dunkel hier, ein einziger Kronleuchter mit nur wenigen Kerzen hing an der Decke und ein paar umherschwebende Kerzen beleuchteten die Umgebung schwach. Außerdem herrschte eine angenehme Wärme, ganz anders als damals. Im Hintergrund lief in etwas lauterer, aber angenehmer Lautstärke Musik. Langsame, düstere Klänge und tiefe Bässe dröhnten in seinen Ohren. Man hätte meinen können, dass die Musik etwas depressiv war, doch dafür klang sie zu… sexy, zu berauschend. Harry konnte nicht glauben, dass er in dem gleichen Kellerraum stand, wie schon vor mehr als sechs Jahren. Er schritt langsam weiter in den Raum und war schnell von mehreren Menschen umgeben, die alle ziemlich schicke Kleidung und Masken trugen. Die meisten männlichen Gäste trugen einen Smoking oder zumindest Hemd und Krawatte, oder so wie er Fliege, wohingegen die jungen Frauen in Harrys Nähe allesamt prächtige Kleider trugen und bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass auch deren Masken alle irgendetwas Besonderes an sich hatten. Viele waren mit Federn geschmückt, die bunt leuchteten, einige wechselten ihre Farben.
Harry sah sich weiter um. An der kompletten Wand zu seiner Linken war ein riesiges Buffet aufgebaut. Natürlich nur mit den feinsten Leckereien. Er bemerkte, dass sein Magen leicht grummelte und ihm wurde klar, dass es vielleicht doch nicht so gut gewesen war, das Abendessen ausfallen zu lassen. Er bahnte sich seinen Weg zum Buffet. Bisher hatte er noch niemanden in irgendeiner Weise unter den ganzen maskierten Menschen erkennen können. Okay, das war auch Ziel und Zweck der Maskerade und wenn Hermine Recht hatte, dann würde er auch niemanden ansatzweise erkennen können, da jeder komplett verändert zu seinem eigentlichen Ich aussehen würde. Harry fragte sich, wie er so jemals Malfoy finden sollte. Doch erst Mal wollte er zusehen, dass er eine Kleinigkeit zu Essen bekäme. Die Platten waren gefüllt mit den besten Leckereien, die die Hogwartsküche zu bieten hatte. Suppen, Pasteten, Fleisch, Beilagen in Hülle und Fülle und jede Menge Süßspeisen.
Er griff sich einen der Teller von dem nahestehenden Stapel und ging am Buffet entlang. Alles roch herrlich köstlich, die Gerüche reichten von würzig-aromatisch bis hin zu schokoladig-fruchtig, ohne dass sie sich allzu sehr vermischten. Harry nahm sich eine Kleinigkeit von etwas das aussah wie überbackene Kartoffelstückchen und ein paar weitere Kleinigkeiten, die sehr appetitlich aussahen. Dazu nahm er sich eine Flasche Butterbier und stellte sich an einen der wenigen Stehtische, die in einer Ecke des Raumes vereinzelt rumstanden. Während er aß, sah er sich etwas genauer um. Der Raum war schon ziemlich voll und der Ball schien schon seit längerem im Gange zu sein. Er fragte sich, ob er die Uhrzeit falsch gelesen hatte, war sich aber sicher, dass in der Einladung 23:00 Uhr gestanden hatte. Manche der unbekannten, maskierten Slytherins waren am Tanzen oder unterhielten sich in kleinen Gruppen. Andere standen, wie Harry selbst, an einem Stehtisch und aßen, während auch sie sich mit anderen unterhielten. Harry ließ seinen Blick weiter durch den Raum streifen. Auf der anderen Seite schien sich so etwas wie eine Bühne zu befinden. Entweder würde noch etwas darauf aufgeführt oder es war schon beendet, denn ein paar kostümierte Zauberer waren dabei, diverse Utensilien, die Harry aus der Ferne nicht klar definieren konnte, wegzuzaubern.
„Hey du. Willst du vielleicht etwas magisches Pulver? Ich habe nicht mehr viel.", wurde Harry aus seinen Beobachtungen gerissen. Ein Mädchen stand vor ihm, ein komplett oranges Kleid tragend, mit einer dazu passenden Maske und langen, schwarzen Haare, die das verdeckte Gesicht umrandeten. Sie lächelte ihn zuckersüß an und hielt ihm ein Glas mit rotem Pulver hin. „Ich… ähm… was ist das?" Harry beobachtete, wie sich Lippen der Fremden zu einem gefährlichen Lächeln kräuselten. „Du bist wohl neu hier." Harry hätte sich ohrfeigen können für seine Dämlichkeit. Wenn er nicht auspasste, könnte er auch gleich seine Maske abnehmen und laut „Hallo, hier bin ich." schreien. „Ähm… Nein, ich hab dich nur nicht verstanden. Ich nehme etwas." „Okay… wie du meinst. Das macht dann 3 Galleonen." Harry verschluckte sich fast an dem Schluck Butterbier, den er gerade genommen hatte, um nicht so angespannt zu wirken. „3 Galleonen?" Doch bevor Harry sich noch verraten würde, kramte er die 3 goldenen Münzen aus seiner Tasche und wollte sie der Fremden vor ihm überreichen.
„Das würde ich an deiner Stelle lieber nicht machen. Es sei denn, du möchtest diese Nacht um 3 Galleonen ärmer und dafür unberechenbar high verbringen." Harry hatte sich etwas erschreckt, als diese Stimme plötzlich wie aus dem Nichts neben seinem Ohr aufgetaucht war. „Wenn du wirklich das erste Mal hier bist, solltest du deine Sinne lieber erst mal bei dir behalten." Harry drehte sich um und erkannte im Dunklen leider nicht mehr, als eine schlanke, große Gestalt mit dunklen Haaren. Das Einzige, das deutlich zu erkennen war, war die goldene Maske, auf der sich viele winzige rote Steinchen immer wieder neu formierten und hell leuchteten. Harry war fasziniert von solch einer Zauberkunst. Er versuchte, die Augen des Fremden ausfindig zu machen, doch das Leuchten der Steine warf einen zu großen Schatten, sodass die komplette Augenpartie im Dunklen lag. Gedankenverloren steckte Harry das Geld wieder zurück in seine Tasche und richtete seinen Blick wieder auf die Fremde in orange. „Tut mir leid. Nächstes Mal vielleicht.", versuchte er die junge Frau vor ihm zu vertrösten, wohl wissend, dass das hier wahrscheinlich sein erster und einziger Besuch sein würde.
Schmollend warf sie dem Unbekannten hinter Harry einen scharfen Blick zu, bevor sie auf dem Absatz kehrt machte und verschwand. Harry merkte, dass sich etwas hinter ihm bewegte und er wusste, dass ‚sein Retter' um ihn herum ging, um sich nun an den frei gewordenen Platz am Tisch zu stellen. In diesem Moment kam auch zufälligerweise eine Kerze vorbeigeschwebt und Harry nutzte die Gunst der Stunde, um sich den Fremden genauer anzuschauen. Dieser hatte kurze schwarze Haare, trug ein schwarzes Hemd und eine ebenfalls schwarze Hose, die noch enger zu sitzen schien, als Harrys. Außerdem trug der Fremde eine dunkelrote Krawatte. Bevor Harry jedoch die freien Teile des Gesichtes besser betrachten konnte, war die Kerze schon wieder weg und der Fremde stand ihm gegenüber am Tisch. Harry fühlte, wie sich Nervosität in ihm breit machte.
„Danke, dass du mich davor bewahrt hast, die ganze Nacht unter Drogen zu stehen. Ich wusste nicht, dass hier sowas verteilt wird.", dankte Harry seinem Gegenüber aufrichtig.
„Nichts zu danken. Es wäre wahrscheinlich nicht wirklich schlimm gewesen, weil sie dir nicht viel gegeben hätte. Für 3 Galleonen hättest du normalerweise fast das ganze Glas bekommen, wenn du schon öfter hier gewesen wärst, aber so ist es nun mal bei uns Slytherins. Eigentlich gehört es auch dazu, an solchen Abenden ein bisschen magisches Pulver zu benutzen, das wirst du selbst bald mitbekommen." Harry verstand nur Bahnhof. Also war davon auszugehen, dass jeder in diesem Raum ein höchst wahrscheinlich illegales Pulver zu sich genommen hatte? Okay, was erwartete er? Das hier war schließlich ein Kerker voll mit Slytherins, passen würde es. „Okay, dann trotzdem danke. Hättest du ja nicht machen müssen." „Jaja, schon in Ordnung. Wie ich sehe, hat man dir auch einen Ring angedreht? Da wollte dich wohl auch niemand aufklären, was?" Der Fremde lachte leise.
„Nein, warum? Was ist mit dem Ring?" Harry starrte den kleinen goldenen Ring an seinem Finger an und versuchte zu erkennen, ob sein Gegenüber auch einen trug. Dieser hatte die Hand auf dem Tisch abgelegt und ein silberner Ring mit einem großen weißen Stein befand sich an dem schlanken Daumen. Der Fremd drehte seine Hand leicht in Harrys Richtung, sodass dieser den Ring besser erkennen konnte. Ertappt sah Harry auf seinen Teller und merkte, wie ihm die Wärme in die Wangen schoss. „Ja, ich habe auch einen. Du wirst schon früh genug herausfinden, was es damit auf sich hat." Wieder lachte er leise und Harry schluckte beunruhigt. „Aber sag mal, von wem hast du eine Einladung bekommen? Du scheinst kein Slytherin zu sein, sonst wüsstest du, wie das hier abläuft." Harry sah erschrocken auf, natürlich erkannte er immer noch nicht mehr, als vorher.
„Keine Angst, du bist nicht der Einzige, der kein Slytherin ist. Hier sind auch einige Ravenclaws unterwegs und solange du kein Gryffindor bist, ist alles cool."
Harry hielt die Luft an. Jetzt durfte er bloß nichts Falsches sagen. „Glück gehabt. Und die Einladung hab ich übrigens von Ma-… Draco." Harry atmete aus. Er hoffte, bei dem Anderen keinen Verdacht geschöpft zu haben. Eine vorbeischwebende Kerze warf etwas Licht auf sie und Harry nutzte die Gelegenheit, um sich nun endlich das Gesicht des Fremden genauer anzusehen.
Sein Blick blieb an dessen Lippen hängen, die leicht schief lächelten. „Soso… Draco." Der Fremde betonte den Namen auf eine merkwürdige Art, so als würde mehr dahinter stecken. Aber Harry ließ sich nicht beirren, er ließ seinen Blick an dem Gesicht rauf wandern und sah direkt in zwei sturmgraue Augen. Harrys Herz blieb für einen Moment stehen und er starrte eine Weile zu lange in dieses allzu bekannte Grau. Konnte es wirklich sein, dass er hier gerade mit Malfoy selbst so locker am Reden war? „Ist alles in Ordnung?", hörte er entfernt die Stimme des Anderen, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Harry blinzelte kurz, dann war der Schein der Kerze auch schon wieder verschwunden und er sah nur noch Dunkelheit in den Augen des Anderen.
„Ja, entschuldige. Ich habe nur…", setzte Harry an, doch seine Worte gingen in einem plötzlichen Glockenläuten unter. Das Licht aller Kerzen erlosch auf einmal und vollkommen unerwartet hallte eine Stimme laut durch die Dunkelheit: „Es ist Mitternacht. Zeit für alle noch anwesenden Minderjährigen, den Ball zu verlassen. Allen anderen wünsche ich jetzt weiterhin viel Vergnügen."
Harrys Augen hatten nicht mal genug Zeit gehabt, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, da leuchteten auf einmal alle Kerzen wieder und hüllten den Raum erneut in ein dämmriges Licht. Sofort fiel Harry auf, dass der Fremde von eben nicht mehr an seinem Tisch stand. Harry sah sich suchend um. Er bemerkte, wie sich etliche, scheinbar minderjährige Schüler langsam in Richtung Tür bewegten. Doch er konnte nirgendwo seine anonyme Bekanntschaft entdecken. Konnte es sein, dass Harry sich geirrt hatte? Dass er sich die grauen Augen nur eingebildet hatte und der Fremde ohne eine Verabschiedung jetzt den Ball verlassen hatte, weil er noch keine 17 war? Harry schnaubte frustriert. Bisher war der Abend gar nicht so schlecht gelaufen. Er griff nach seiner Butterbierflasche, doch seine Hand verharrte in der Luft, als er auf dem Tisch etwas bemerkte,
das vorher noch nicht dort gelegen hatte: Ein Vergissmeinnicht.
Harry wollte seinen Augen nicht trauen. Er griff vorsichtig nach der Blume und wusste, dass sie echt war, dass die Begegnung mit Malfoy echt gewesen war. Er hatte es sich also doch nicht eingebildet. Nur wo steckte dieser jetzt? Die Anzahl der Menschen in diesem Raum hatte sich fast halbiert, so schwer konnte es doch nicht sein, diesen einen Slytherin ausfindig zu machen. Harry wollte sich aufmachen, den eigentlich Blonden zu suchen, doch erneut ertönte die laute Stimme von eben. „Nachdem jetzt alle Minderjährigen verschwunden sind, können wir in wenigen Minuten mit unserer Versteigerung beginnen. Alle Freiwilligen, macht euch bereit." Harry sah irritiert in die Menge. Alle schienen aufgeregt zu sein und tuschelten untereinander. Er beobachtete eine Gruppe junger Frauen in seiner Nähe. Sie alle starrten auf ihre Hände. Harry tat es ihnen gleich, erkannte jedoch keinen Unterschied zu sonst. Gerade wollte er etwas skeptisch seine Suche fortführen, als ein warmes Glühen um seinen Finger seine Aufmerksamkeit erregte. Er sah auf seine Hand herab. Der Ring um seinen Finger gab eine angenehme Wärme von sich und leuchtete immer stärker. Das Strahlen wurde so hell, dass das Licht bis zur Decke schien.
„Da haben wir unsere fünf Auserwählten. Ich möchte euch auf die Bühne bitten." Harry bemerkte, dass mittlerweile ein maskierter Zauberer mit erhobenem Zauberstab auf der Bühne stand und scheinbar auf fünf Auserwählte wartete. Aus der Menge lösten sich nach und nach vier Leute, alle mit einem leuchtenden Ring. Harry sah sich um. Er war der Einzige, dessen Ring noch leuchtete. Ein dicker Knoten breitete sich in seinem Hals aus. Scheinbar gehörte er zu diesen Auserwählten und sollte auf die Bühne. Die umstehenden Maskierten drehten sich schon um und sahen ihn fragend an. Harry räusperte sich, doch der Knoten in seinem Hals wollte nicht verschwinden. Langsamen Schrittes bewegte er sich Richtung Bühne und bemerkte die starrenden Blicke der Menge um ihn herum. Es dauert Ewigkeiten, bis er endlich die hölzerne Plattform erreicht hatte. Die vier anderen standen schon in einer Reihe nebeneinander und Harry stellte sich zögernd dazu.
Er hatte das Gefühl, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren, auch wenn er kein einziges Augenpaar selbst erkennen konnte.
„Hier wären sie also. Schaut sie euch an. Hattet ihr heute vielleicht schon nette Gespräche? Dann hebt euer Zauberstäbe und bietet, was das Zeug hält. Fangen wir mit der Dame in weiß ganz rechts an. Oooh, ich sehe da schon einige Zauberstäbe aufblitzen. Einer nach dem Anderen. Du fängst an, was hast du zu bieten, junger Freund?" Der moderierende Zauberer zeigte in die Menge auf einen jungen Mann mit blauer Maske, der helle Funken aus seinem Zauberstab hatte sprühen lassen.
„Ich biete der jungen Dame eine seltene magische Nadel, die all ihre Kleidungswünsche erfüllt."
„Oho… ob das ein Wink mit dem Zauberstab sein soll?", scherzte der Auktionator und ignorierte die obszöne Geste, die ihm der Bieter zuwarf. Er wandte sich an den nächsten Zauberer, der seinen Zauberstab in die Höhe hielt. Jeder der darauf folgenden bot der jungen Frau in weiß verschiedene Dinge an, von denen Harry noch nie gehört hatte und die garantiert größtenteils schwarzmagisch und illegal waren. Die Maskierte entschied sich am Ende für einen jungen Mann mit Smoking und Zylinder, der ihr eine Pflanze schenken wollte, von der Harry ebenfalls noch nicht gehört hatte.
„So, mein maskierter Freund. Du darfst nun entscheiden, welche der fünf Türen du für dich und deine neue Errungenschaft wählen möchtest." Harry drehte sich um, als der Auktionator hinter die Bühne zeigte. Dort waren fünf Türen, jeweils mit einer Zahl von eins bis fünf, die Harry vorher gar nicht aufgefallen waren. Der Bieter überlegte nicht lange und wählte die Tür mit der 1. Nachdem die beiden hinter der Tür verschwunden waren, ging die Show weiter. Harry wurde langsam nervös. Was zur Hölle ging hier vor und was passierte hinter diesen Türen? Wer war auf die Idee gekommen, man könne sich Personen ersteigern und warum war er eine davon? Aber für einen Rückzieher war es jetzt definitiv zu spät. Er konnte nur hoffen, dass diese Aktion kein übles Ende nehmen würde. Die Versteigerung war wieder voll im Gange, für die zweite Person hatten wesentlich mehr Zauberer einen leuchtenden Zauberstab in die Höhe gehalten und es dauerte etwas länger, bis der dieses Mal männliche Auserwählte auf der Bühne eine maskierte Hexe ausgewählt hatte. Und auch sie verwanden nach kurzen Überlegungen hinter einer der Türen. Dieses Mal die Tür mit der 3.
So ging es auch mit den zwei anderen Auserkorenen weiter, bis schließlich Harry an der Reihe war.
Ihm schlug das Herz bis zum Hals. Wieder hatte er das Gefühl, dass alle Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Der maskierte Zauberer neben ihm fragte wieder in die Menge, wer sich nun für den letzten Auserwählten interessiert und Harry staunte nicht schlecht. Wenn er richtig sah, leuchteten nun mit die meisten Zauberstäbe auf. Fast alle Hexen schienen an ihm interessiert, aber auch ein paar wenige Zauberer. Harry fragte sich, ob Malfoy auch dabei war, doch er konnte diesen in der Menge nicht klar ausmachen. Er hatte keine andere Wahl als abzuwarten und die gleiche Handhabung wie seine Vorgänger über sich ergehen zu lassen. Und die dauerte. Harry bekam einige unmoralische Angebote von Dingen, die er im Schaufenster von Borgin & Burke's erwarten würde. Einige Hexen boten ihm sogar ‚eine unvergessliche Nacht' an und Harry fragte sich, was passieren würde, wenn er gar kein Angebot annehmen würde, um augenscheinlich sich selbst für eine Nacht zu verkaufen.
Die letzte Hexe hatte ihr Angebot abgegeben und der ganze Raum wartete gespannt darauf, wie es weiterging. „Das war das letzte Gebot für heute. Und nun frage ich dich: Für wen entscheidest du… Halt! Was sehen meine Augen da? Ein Zauberer, der übersehen wurde?" Harry folge dem Blick des Anderen in die Menge und erkannte ganz am Ende der Menge ein kleines Licht. Ein wenig Hoffnung keimte in ihm auf. „Sprich, Unbekannter. Wie lautet dein Angebot?" Harry wartete mit wild klopfendem Herzen. „Ich biete nicht weniger als Ungewissheit. Ungewissheit über den weiteren Verlauf dieser Nacht." Harry horchte auf. Diese Stimme kam ihm doch bekannt vor. Das war die Stimme des Fremden, der wahrscheinlich Malfoy war. „Ich nehme dieses Angebot an." Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge. Er war heute Abend der Einzige gewesen, der sich nicht für das andere Geschlecht entschieden hatte. Doch momentan war das Harry ziemlich egal. Er blendete alles um ihn herum aus und hatte nur noch Augen für die Person, die da aus der Dunkelheit auf die Bühne zuschritt.
„Das war knapp, mein unbekannter Freund. Leider kannst du nun nicht mehr wählen, es bleibt nur noch Tür 4." Harry beobachtete, wie die vertraute Erscheinung des Fremden näher kam und mit einem eleganten Satz bei ihm auf der Bühne war. Danach ging alles sehr schnell. Harry wurde von ihm am Arm gepackt und am Ende der Bühne mit runtergezogen um direkt hinter der Tür mit der Nummer 4 zu verschwinden. Entfernt bekam Harry noch mit, wie der Auktionator der Menge etwas verkündete, dann fiel die Tür auch schon hinter ihnen zu und Harry stand in einem dunklen Raum. Bevor sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten, hörte neben sich ein leise gemurmeltes „Lumos" und die Spitze des anderen Zauberstabs erleuchtete den Raum.
„Kannst du die Kerzen anmachen?" Eine einfache Aufforderung, der Harry sofort nachkam. Nach und nach erleuchteten immer mehr Kerzen den Raum und gaben ein warmes gelbes Licht ab. Harry konnte nun endlich genau erkennen, wo er sich befand.
Das Zimmer war relativ klein, aber sehr gemütlich gehalten. In der einen Ecke stand ein großes Himmelbett aus hölzernen Balken mit schweren weißen Vorhängen, in der anderen befand sich ein Kamin, dessen Feuer gerade von dem anderen Zauberer entfacht wurde, mit kleinem Holzcouchtisch und einem roten Sofa davor. In der Mitte des Raumes lag ein großer flauschiger Teppich und direkt links von Harry stand ein hölzerner großer Schrank. Auch die Wände sahen aus, als wären sie aus Holzbalken zusammengesetzt, nichts ließ darauf deuten, dass sie sich hier in einem Kerkerraum befanden. Einzig die kleine Runde Scheibe in der gegenüberliegenden Wand ließ einen Blick in die dunklen Tiefen des Sees gewähren, sodass eindeutig klar war, dass sie sich unter der Erde befanden.
Harry beobachtete, wie der andere Zauberer den Schrank öffnete und eine Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit, sowie zwei kleine Gläser herausholte. Damit setzte er sich aufs Sofa und schenkte in beide Gläser ein. „Willst du dich nicht setzen?", riss er Harry aus seinen Beobachtungen.
„Ähm, doch…" antwortete Harry schnell und setzte sich in Bewegung. Er fragte sich, ob Malfoy dieses Versteckspiel die ganze Nacht durchziehen wollte. Doch erst mal entschloss sich Harry dazu, mitzumachen. Wer wusste schon, was er so alles herausfinden würde.
Harry setzte sich neben den Anderen auf die alt wirkende Couch und stellte fest, dass diese unheimlich bequem war. Entspannt seufzte er leise, was von einem leisen, angenehmen Lachen quittiert wurde. „Was? Das ist echt bequem." Harry ließ seinen Kopf nach hinten sinken und schloss die Augen. Bis jetzt lief der Abend gar nicht so verkehrt.
„Magst du auch einen Schluck?" Harry sah auf. „Was ist das?" „Feuerwhiskey. Und ein ziemlich guter, wenn ich das beurteilen darf." Harry besah sich skeptisch das Glas auf dem kleinen Tisch. „Ich weiß nicht. In letzter Zeit ist mir was Merkwürdiges passiert. Schon zwei Mal wurde mir ein Zaubertrank eingeflößt, den ich gar nicht zu mir nehmen wollte." Harry sah dem Anderen in die Augen und meinte, ein kurzes Aufblitzen darin gesehen zu haben.
„Oh, das ist natürlich nicht so erfreulich. Aber du kannst mir vertrauen. Das hier ist einfach nur Feuerwhiskey." „Okay, dann lass ich mich mal auf das Risiko ein." Bevor Harry nach dem Glas greifen konnte, hielt es ihm der Andere schon entgegen. „Danke." Harry griff nach dem Glas und berührte dabei ganz kurz Malfoys Finger. Beinahe hätte der seine Hand wieder zurückgezogen, doch im letzten Moment konnte er seinen Griff um das Glas verstärken und es so ohne Unfall entgegennehmen. Er nahm einen Schluck und spürte, wie die Flüssigkeit heiß seine Kehle runterlief. Vielleicht wäre ein wenig Alkohol gar nicht so verkehrt, um den Gryffindor-Mut in Harry noch mal so richtig zu entfachen. „Ich hätte da mal ein paar Fragen.", brachte er nach einem zweiten Schluck schon hervor. „Frag ruhig. Wir werden sehen, ob die Antworten befriedigend für dich sein werden." Harry bemerkte den leicht amüsierten Unterton in der Stimme seines Sitznachbarn, ging aber nicht darauf ein.
„Du scheinst das hier alles schön öfter gemacht zu haben. Also, was ist das hier für eine kranke Veranstaltung, bei der Menschen versteigert werden? Ich meine, wie viele Zauberer haben da draußen für mich und die anderen Gebote abgegeben, die, wenn wir ehrlich sind, wahrscheinlich nicht alle legal sind? Und was passiert danach? Sitzen die anderen auch nur in gemütlichen Zimmern und trinken Feuerwhiskey? Ich schätze mal nicht."
Harry merkte, wie Malfoy tief Luft holte. Es war seltsam, nicht das bekannte Blond zu sehen. „Wo fange ich da am besten an? Also du hast ja diesen Ring. Jeder, der an der Versteigerung mitmachen will, ob als Bieter oder als Auserwählter, bekommt einen Ring am Anfang des Abends. Im Laufe des Abends lernt man natürlich Zauberer und Hexen kennen oder interessiert sich für jemanden, den man aber nicht anspricht. Dieses Interesse wird an die Ringe Übertragen und gespeichert. Um Mitternacht wird ein Zauber gesprochen und die 5 Ringe der Zauberer und Hexen, die das meiste Interesse auf sich gezogen haben, leuchten auf."
Malfoy ließ ihm kurz Zeit, um die Erklärung zu verarbeiten. „Okay, soweit hab ich es verstanden. Und dann können die Zauberer, die natürlich vorher schon Interesse an der jeweiligen Person hatten, ihr Interesse wiederum auf sich selbst lenken, indem sie ihr unmoralische Angebote machen? Das ist… naja… ganz schön unsittlich." „Wir sind hier größtenteils Slytherins. Natürlich ist das unsittlich. Das ist der Grund, warum wir es so häufig machen. Womit wir auch schon zu deiner letzten Frage kommen: Die anderen sitzen jetzt natürlich nicht einfach in den Zimmern und trinken gemütlich ein Gläschen Feuerwhiskey. Da geht es wahrscheinlich jetzt richtig zur Sache. Viele ändern zu jedem Maskenball ihre Erscheinung und sehen immer wieder anders aus. Im Grunde hat hier fast schon jeder mit jedem geschlafen. Solange die Maske aufbleibt, ist es jedoch äußerlich immer eine andere Person." Harry nahm einen großen Schluck Feuerwhiskey. Wenn es von Anfang an Malfoys Ziel gewesen war, ihn hier her zubekommen um seine Gelüste an ihm auszutoben, hätte er es sich doch einfacher machen können und ihm irgendwie noch mal Amortentia verabreichen können.
Harry stellte sein Glas ab und sah Malfoy direkt in die Augen. „Und was hast du jetzt mit mir vor?"
Er konnte sehen, dass sein Gegenüber hart schluckte, da sich dessen Adamsapfel deutlich auf und ab bewegte, jedoch nichts erwiderte. Also ergriff Harry die Offensive. „Wie wäre es, wenn wir die Masken abnehmen?" „Der Sinn eines Maskenballs ist es, diese eben nicht abzuziehen, Po-…" Malfoy verstummte mitten im Satz. „Ja? Du kannst deinen Satz ruhig beenden, Malfoy."
Kurz sah Harry den Schock in Malfoys Körperhaltung, doch dann entspannte sich dieser wieder und ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. Harry beobachtete, wie der Andere zu seiner Maske griff und diese langsam von seinem Gesicht abnahm. Neben der Maske verschwand mit einem verschwommenen Flimmern auch die Illusion von Malfoys verändertem Aussehen. Harry tat es ihm gleich und nahm auch seine Maske ab. Das kurze Kribbeln ging durch seinen Körper und er war wieder er selbst.
Malfoy betrachtete ihn von oben bis unten und schmunzelte vor sich hin.
„Was ist so komisch, Malfoy?" „Du trägst tatsächlich Jeans und T-Shirt." Harry sah irritiert an sich runter. „Natürlich, was soll ich sonst tragen?" Dann fiel Harry auf, dass Malfoys Kleidung immer noch dieselbe war, wie vorher und er wurde rot. „Du brauchst dir nicht einzubilden, dass ich in Jeans und T-Shirt hier hergekommen wäre, wenn du die Maske nicht entsprechend verzaubert hättest." Ungläubig zog Malfoy eine Augenbraue nach oben. „Wenn du meinst." „Ja, mein ich."
Harry kam nicht umhin, sich Malfoy genauer anzuschauen und er musste sich selbst eingestehen, dass dieser in der schwarzen, engen Hose und dem Hemd mit roter Krawatte ziemlich attraktiv aussah. Aber momentmal. Harrys Blick wanderte zu Malfoys Maske und zurück zu dessen Krawatte. „Das sind die Gryffindor-Farben.", murmelte er mehr zu sich selbst. „Das hast du gut erkannt, Potter. Farbenblind bist du schon mal nicht." Harry bekam ein überhebliches Grinsen von seinem Gegenüber geschenkt, bevor dieser einen Schluck von dem Feuerwhiskey nahm.
„Spiel dich nicht so auf, Malfoy. Und jetzt erklär mir gefälligst, was das alles hier soll. Ist es dir zu langweilig geworden, mich mit irgendwelchen Liebestränken gefügig zu machen?" Harry musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Zu viele Empfindungen auf einmal überschlugen sich in ihm: Zum einen die schon angekündigte Ungewissheit über das, was hier noch passieren könnte, zum anderen fühlte Harry, dass der Anblick Malfoys ihn auf angenehme Weise nervös machte und gleichzeitig war er zunehmend aufgebracht über die Unverfrorenheit, mit der der Slytherin ihm hier begegnete.
Harry bemerkte, dass ein Schatten über Malfoys Gesicht huschte und dessen überheblicher Blick einen schmerzlichen Ausdruck bekam. „Ich will dich nicht mit irgendwelchen Liebestränken gefügig machen… Es ist nur… Ich…" „Was, Malfoy? Spuck es doch einfach aus!" „Das ist nicht so einfach, Potter." „Ach ja? Weißt du, was einfach ist? Ich marschier jetzt hier raus und du kannst sehen was du machst. Und glaub ja nicht, dass ich mich noch mal auf sowas einlasse. Ich dachte wirklich, das hier würde zu etwas führen, aber da habe ich mich wohl geirrt." Harry stand auf und war mit wenigen Schritten an der Tür angekommen. Er griff nach dem hölzernen Türgriff und versuchte die Tür zu öffnen, doch es tat sich nichts.
„Der Raum ist magisch verschlossen. Nur wenn einer von uns in Lebensgefahr schwebt, öffnet sich die Tür, ansonsten dauert es bis morgen früh." Malfoy war aufgestanden und schritt langsam auf Harry zu, hielt jedoch noch einen guten Meter Abstand. „Das mit der Lebensgefahr bekommen wir hin." Harry richtete seinen Zauberstab auf Malfoy. „Potter… Gib mir doch wenigstens eine Chance." „Denkst du, du hättest noch eine Chance verdient?" Malfoy blickte ihm fest in die Augen. „Ja, das denke ich. Ich bin zwar ein Slytherin, aber das heißt nicht, dass ich keine Gefühle habe. Und das in der Dusche war auch verletzend. Nachdem du deine Erinnerungen wiederbekommen hast, dachte ich, du könntest verstehen, was los ist. Aber du scheinst immer noch zu denken, dass ich dir schaden will." Harry ließ langsam den Zauberstab sinken, ohne den Blickkontakt mit Malfoy zu unterbrechen. „Aber… was willst du dann?" Harry beobachtete, wie der Blonde langsam auf ihn zuschritt, den letzten Meter überwand, bis er direkt vor ihm stand und Harry den Blick leicht nach oben richten musste, um in das intensive Grau schauen zu können. „Dich…"
