Es ist nicht bei einem Besuch von Alfred geblieben. Er ist wieder gekommen, quasi regelmäßig im Laufe des letzten Monats. Jedes Mal mit seiner guten Laune und seinen Skizzen im Gepäck. Jedes Mal in der Spätschicht und jedes Mal nach deiner Empfehlung für ihn fragend. Mittlerweile hast du ihm schon jede Cookiesorte serviert und ihn etliche Kuchen probieren lassen. Er kennt sämtliche Cream Coffees und andere Getränkespezialitäten, die Kaffee enthalten. Aber wirklich nur Kaffee. Er besteht auf Koffein.
Manchmal bist du versucht, ihm zu sagen, dass ihm weniger Koffein vielleicht nicht schaden würde. Er ist beinahe ekstatisch, wenn man es kritisch betrachtet. Er hat diese Eigenart nervös auf den Füßen zu wippen, während er am Tresen steht oder am Tisch sitzt und an den Bildern arbeitet. Sein Körper kennt keinen Stillstand. Meist trommeln seine Finger auf der Holzplatte der Theke; nicht ungeduldig, nur melodisch gut gelaunt. So als fließe Musik durch sein Blut und er müsse tanzen und die ganze Welt solle sich ihm anschließen. Er verfügt über eine Vielzahl dieser kleinen Eigenarten.
Du hast allerdings nicht die Zeit, ihn permanent zu beobachten. Denn manchmal sind tatsächlich noch andere Kunden da und manchmal bleibt er auch gar nicht so lange, sondern lässt sich, einen Ohrstöpsel im Ohr, den anderen leger herabbaumelnd, das Getränk im 2go-Becher geben. Immer die größte Größe. Du fragst schon gar nicht mehr. Er liebt Haselnusssirup, Sahne, Schokoladensoße und Double Chocolate Chip Cookies.
Er hasst es hingegen, wenn andere Kunden dich respektlos behandeln. So wie dieser widerwärtige Anzugträger mit schütterem Haar, der dir mit den Augen die Kleidung vom Leib zu reißen versucht. Nicht, dass dich nie jemand anzüglich angeschaut hat, aber als du ihm seinen Cappuccino servierst, hält er dich plötzlich am Handgelenk fest, steckt dir eine Visitenkarte eines nahe gelegenen Hotels zu und grinst dich mit wackelnden Augenbrauen an.
„Nein, danke!", machst du unmissverständlich klar und rupfst die Visitenkarte, auf die er seine Zimmernummer gekritzelt hat, aus deinem Schürzenbund, um sie achtkantig auf den Tisch zu knallen. Für wen oder was hält dich dieser Typ eigentlich?
„Der Kunde ist König. Schon vergessen?!" Seine Augen werden eng, seine Brauen sinken düster herab. Der Griff um dein Handgelenk tut plötzlich weh, als du versuchst, dich zu befreien. In deinem Inneren bildet sich eine dicke Blase, bis zum Bersten gefüllt mit Panik.
„Was'n hier los?!", schiebt sich Alfreds Stimme unerwartet und ganz unschuldig zwischen euch. Der Anzugträger schaut auf; sein Griff lockert sich deutlich, als er merkt, sehr weit aufschauen zu müssen, bis er Alfreds Gesicht erreicht. Doch diesem scheint gar nicht in den Sinn zu kommen, welche Auswirkung allein seine Statur auf andere Menschen haben kann.
Du nutzt die Gunst der Stunde und reißt dich endgültig los. Als du hastig zur Theke zurückgehst, trottet dir Alfred hinterher, offenbar sehr irritiert von dem, was er gerade beobachtet hat. Sein Blick wechselt gleich mehrmals zwischen dir und dem verdrießlich in seinen Cappuccino stierenden Kunden.
„Kennst du den?", will er schließlich wissen. Du schüttelst lediglich den Kopf. Irgendwie ist dir schlecht.
„Was wollte der denn?"
„Mir 'nen höheren Stundenlohn zahlen!" Es macht dich immer noch wütend. So wütend, dass deine Finger leicht beben, als du beginnst, mit einem feuchten Lappen manisch die Theke abzuwischen. Du weißt nicht, ob Alfred einfach nur naiv ist oder womöglich prüde und verklemmt. Seine Lippen öffnen sich ein Stückchen, indessen sich seine Augen weiten und dir unverhohlen beim Wischen zusehen. Das bedeutungsschwangere Schweigen zwischen euch verdrängt jeden Ton aus dem Radio.
Den Lappen gegen ein Handtuch eintauschend, lässt du dieses mit viel mehr Kraft als nötig wäre über die Theke sausen. Irgendwie ist dir der ganze Vorfall schrecklich unangenehm. Viel zu unangenehm, um Alfred anzugucken oder ihn zu fragen, was er trinken möchte. An deinem Handgelenk scheint immer noch ein unsichtbarer Abdruck zu haften, der juckt und brennt und dich pochend an das unverschämte Benehmen des Mannes erinnert.
Als du wieder aufschaust, siehst du, wie Alfred schnurstracks zum Tisch des Mannes zurückgeht. Der Mann blickt daraufhin verblüfft auf. Was auch immer Alfred zu ihm sagt, wirst du nie erfahren. Doch der Mann schnappt sich sogleich seinen schwarzen Designermantel und verlässt fluchtartig in seinen tadellos polierten Businessschuhen das Café. Den Cappuccino gedankenlos zurücklassend.
In dir scheint sich alles um 180 Grad zu drehen, als sich Alfred wieder dir zuwendet und, samt mächtig stolzem Siegerlächeln, eine triumphierende Daumen-hoch-Geste zeigt. In deinem Bauch wird es daraufhin kuschelig warm, ebenso wie auf deinem Gesicht, dessen Muskeln sich unter einem dankbaren Lächeln entspannen. Aus Alfreds Ohrstöpseln, von denen wieder mal nur einer im Ohr verstaut ist, dröhnt „We're the Champions" in gecoverter Version von Green Day.
Fünf Tage später, als Alfred längst wieder weg ist, fällt dir plötzlich auf, dass du ihm vorhin einen Cookie eingepackt hast – er aber gar keinen bestellt oder gar bezahlt hat! Gesagt hat er aber auch nichts. Nur freudig gestrahlt, als du ihm das liebevoll zugefaltete Tütchen angereicht hast. Sein herzliches Danke kam dir direkt suspekt vor und hat dich irgendwo tief in der Seele berührt, aber worauf es zurückzuführen war, konntest du dir in dem Moment nicht erklären. Jetzt schon. Für den Rest des Tages spürst du dich mit hitzigen Wangen durch den Laden huschen und beschimpfst dich kontinuierlich selber, wie dir nur so was passieren konnte? Wo war dein Verstand, als du die Bestellung für ihn fertig gemacht und nebenbei mit ihm geredet hast?
Ja, ihr redet mittlerweile viel miteinander – oder zumindest verhältnismäßig viel für einen Kunden und eine Verkäuferin. Zwischen euch findet Smalltalk statt. Alles ist belanglos, aber du kannst dich im Nachhinein immer an jedes Wörtchen erinnern. Du magst, wie sich seine Lippen formen, wenn er redet. Wie er voller Elan gestikuliert und dich in die Unterhaltung involviert. Dir hat nie jemand auf verbaler Ebene so selbstverständlich eine Hand gereicht. Erst recht nicht, ohne dafür eine Gegenleistung zu fordern, die du nicht zu geben bereit warst.
An manchen Abenden ertappst du dich dabei, aus dem Fenster zu sehen und auf Regen zu hoffen, der wiederum Alfred her treibt. Jedes Mal, wenn dann plötzlich die Türe aufschwingt, springt dein Blick hoffnungsvoll zum Eingang und du fühlst dich wie k.o. geschlagen, wenn es nicht Alfred ist. Dabei ist es wirklich lächerlich: er ist nur ein Kunde und du bist nur eine Verkäuferin. Im Grunde weiß er so gut wie gar nichts von dir und wenn du ganz ehrlich bist, weißt du auch nicht sonderlich viel von ihm. Du mixt seine Getränke und servierst ihm gigantische Cookies. Aber du weißt nicht, wo er zur Schule geht. Du weißt aber, dass seine iPhone-Hülle der amerikanischen Flagge nachgeahmt ist und als Klingelton die Nationalhymne ertönt. Er mag bequeme Klamotten und er mag es anscheinend auch, all seine Energie und Konzentration in die Dinge zu investieren, die ihm am Herzen liegen. Zwischen euch gibt es vergnügte Hallos und Blicke, die dich nicht mehr los lassen. Du würdest es nicht zugeben, aber seit Alfred regelmäßig das Café frequentiert, hast du auf youtube ein paar Tipps für schlichte, aber schöne Alltagsfrisuren gesucht, die du allesamt erfolgreich umsetzt. Er soll nicht denken, dass das Kreativste, was du zu bieten hast, ein effer Pferdeschwanz ist. Um dein Outfit musst du dir wiederum weniger Sorgen machen. Die Arbeitskleidung bekommst du ja vom Geschäft zur Verfügung gestellt und für oberflächlich hältst du deinen Alfred sowieso nicht.
Die Dinge ändern sich, als er knapp eine Woche lang nicht auftaucht und dann plötzlich mit einigen anderen Schülern im Schlepptau durch die Tür stolpert. Dein Kollege und du sind beide noch da; es ist Samstag, da arbeiten grundsätzlich zwei Leute in der Spätschicht. Alfred ist so laut, dass du ihn schon von der Straße aus krakeelen hörst. Du weißt nicht wirklich, was los ist – ob es an dir liegt oder an ihm oder an den anderen Schülern, die allesamt in seinem Alter zu sein scheinen –, doch im sonst so beschaulichen Café bricht plötzlich helle Aufruhr aus. Du kommst dir vor wie im Hühnerstall, als Alfred es sich ungebeten zur Aufgabe macht, jedem Empfehlungen aussprechen zu wollen. Einige sagen ihm unmissverständlich ins Gesicht, dass sie sich selbst etwas aussuchen können. Andere scheinen sich nicht zu trauen. Es ist ein wildes hin und her, bei dem letztlich kaum mehr jemand weiß, wer nun was bekommen soll und dir ist schwindelig, weil du keine Ordnung in das Chaos bringen kannst. Alfred vereitelt es – und er scheint es nicht mal zur Kenntnis zu nehmen. Er ist nur laut und präsent. Unangenehm präsent. Vereinnahmt einen Schülern nach dem nächsten, unterbricht jeden ungeniert und meint, Entscheidungen für alle fällen zu können.
„Und ich will 'nen Hazelnut Cream Mochaccino! Extra groß, du weißt schon!" Seine Worte klatschen dir wie Spucke ins Gesicht. Für geschätzte zwei Sekunden bist du völlig perplex und stehst wie angewurzelt hinterm Tresen, weil du glaubst, dich verhört zu haben. Nichts an seinen Augen ist mehr offen oder gar warmherzig und sein Ton ist diktierend, regelrecht arrogant. Einfach nur unverschämt und respektlos von oben herab.
Das kommt davon, wenn man versehendlich Cookies verschenkt...
Abrupt drehst du dich weg und beschäftigst dich ausgiebig mit der Bestellung, um Alfred nicht länger ins hochnäsige Gesicht schauen zu müssen. Das ist irgendwie nicht der Junge, der die letzten Male hier zu Gast war. Aber du darfst trotzdem nicht weniger gastfreundlich sein. Selbst wenn er übertrieben laut spricht, auch nachdem sich die Gruppe endlich an einen langen Tisch gesetzt hat. Sie scheinen wohl an einem Schulprojekt zu arbeiten – oder sie versuchen es zumindest. Sonderlich fruchtbar ist die Sache nicht. Jeder will einen Beitrag leisten, aber Alfred übertönt sie alle und versucht, jede Entscheidung übers Knie zu brechen. Die Dinge sollen so und so gemacht werden – denn so will er es! Und was er will, sei nun mal am besten. Er strotzt nur so vor Selbstüberzeugung.
„Das ist doch totaler Schwachsinn!", wird es einem der anderen Jungen mit borstigen, blonden Haaren irgendwann zu bunt. Schon vorher hat er sich zusehendst Alfreds Lautstärke angenähert, doch jetzt scheint es ihm ein für alle Male genug zu sein. Beleidigungen jagen über den Tisch und reißen die Gruppe entzwei. Der Junge geht irgendwann wutentbrannt und ihm schließen sich drei weitere an. Alfred bleibt, höchst empört und ihnen nachrufend, sie sollen bloß nicht heulen, wenn ihr Projekt nicht den ersten Platz gewinnt. Es können eben nicht alle geborene Sieger sein, so wie er.
Du hättest nicht gedacht, dass der Junge, der so eine schöne Ausstrahlung hat und sich in den vergangenen Wochen so tief in deine Gedanken schleichen konnte, zugleich so einen hässlichen Charakter besitzt...
Normalerweise bist du relativ gut darin, Menschen einzuschätzen, wenn du sie ein paar Mal getroffen hast. Doch in diesem Falle hast du dich wohl gründlich verschätzt.
Die beiden anderen Schüler, die bei Alfred geblieben sind, scheinen sich in keiner Weise gegen ihn durchsetzen zu können. Während er wie ein Wasserfall redet, nicken sie untergeben und wollen gelegentlich Einwand erheben, doch er macht sie mundtot. Du willst gar nicht wissen, was für ein Projekt das ist. Dir tun die beiden Jungen schlicht und ergreifend leid, da sie sich nicht von Alfreds Tyrannei befreien können.
Du wirst ihm nie wieder einen Cookie spendieren und Erleichterung überkommt dich, als Alfred samt Anhang endlich das Café verlässt. Sie waren gar nicht all zu lange hier, aber es kam dir wie eine qualvolle Ewigkeit vor. Es war dir regelrecht unangenehm hinzusehen und Alfreds peinliches Getue mitzuverfolgen. All deine Muskeln sind starr und tun weh. Rücken und Schultern scheinen verspannt, von deiner Brust ganz zu schweigen. In deinem Hals spürst du dein Herzklopfen so bitter nachhallen wie die Nachwehen eines Erdbebens.
„Hoffentlich kommen die nie wieder!", raunt dein Kollege unmissverständlich, kaum dass sich die Türe schließt und du kannst lediglich nicken. Irgendwas tief in dir tut weh, aber was es ist, kannst du nicht mit Bestimmtheit sagen. Womöglich liegt es daran, dass Alfred dich so arglistig getäuscht hat. Dass er einen auf lieb und nett gemacht hat und jetzt, da du sein wahres Gesicht kennst, bist du von dir selbst enttäuscht: du hättest nicht auf so einen Kerl hereinfallen dürfen.
Andererseits, warum machst du dir so viele Gedanken? Er ist nur ein Kunde, sonst nichts.
Ein Kunde, der Tags drauf mit der gleichen widerwärtigen Selbstgefälligkeit deine Laune zerstört. Jedes Wort und jedes Lächeln, was du ihm als Antwort gibst, ist so falsch wie schief geklebte Tapete. Du musst realisieren, dass sich Alfred gestern nicht nur vor seinen Mitschülern projizieren wollte, sondern offenbar durch und durch ein aufgeblasener Idiot ist. Du donnerst wirsch seinen Kaffeebecher auf den Tresen und drehst dich ohne ein verabschiedendes Wort von ihm weg. Dein Glück, dass die Spülmaschine gerade wieder fertig ist und du so einen perfekten Vorwand hast, um dich nicht länger mit ihm zu beschäftigen.
„Wow! Easy, babe!", kommentiert er deine Geste feixend und lacht. Aber er lacht so anders als vor kurzem noch, deswegen wirfst du ihm lediglich einen kurzen Blick und den Hauch eines gekünstelten Lächelns zu.
„Hab zu tun, sorry."
Er stößt hörbar Luft aus.
„Ich bin jawohl wichtiger als Kaffeetassen! Ich bin ein zahlender Kunde! Also behandel mich auch so!"
Dir wird speiübel, als du das hörst. Das Glas zwischen deinen Fingern scheint deine Haut zu verbrennen. Alfred steht dort drüben, etwa drei Meter von dir entfernt und hat einen Arm auf die Theke gelehnt. Die Augenbrauen hat er selbstgerecht verzogen und du wünschst dir gerade händeringend, dass noch jemand anders anwesend wäre.
„Du hast doch deine Bestellung bekommen", versuchst du dich diplomatisch zu geben. Das letzte, was du willst, ist, dass Alfred mit seiner beharrlich ekelhaften Arroganz eine Beschwerde bei deinem Chef einreicht. Dein Chef akzeptiert nämlich viel, aber keine unzufriedene Kundschaft...
Es ist wieder Glück im Unglück, dass in diesem Augenblick die Türe aufgeht und ein Pärchen Mitte 30 das Café betritt.
„Bitch!", knallt dir Alfred erbost an den Kopf und stolziert aus dem Laden, als gehöre ihm die Welt. Als sei er der King.
Du kannst überhaupt nicht fassen, was da gerade geschehen ist. Noch viel weniger kannst du glauben, was er zuletzt gesagt hat. Doch an den Gesichtern des Pärchens erkennst du, dass es keine Einbildung war. Der Mann und die Frau schauen etwas irritiert drein, ehe der Mann sich räuspert und zwei Kaffee zum Mitnehmen bestellt. Du bist der Arbeit dankbar dafür, dich an ihr festhalten zu können. Unter dir scheint sich ein Abgrund aufgetan zu haben.
