Jemand scheint deinen Wunsch erhört zu haben. Zumindest kommt Alfred spätestens jeden zweiten Tag im Café vorbei, oftmals ohne sich überhaupt noch an einen Tisch zu setzen. Meist zieht er's vor, bei dir an der Theke zu stehen und euer Schwätzchen wird nur gelegentlich von anderen Kunden unterbrochen. Unterm Strich bedeutet das, du hast ihn in dieser Woche schon drei Mal zu Gesicht bekommen und so langsam hegst du den Verdacht, dass er – obwohl er so groß und offenherzig ist – auch ziemlich schüchtern sein muss. Er scheint nicht zu wissen, ob oder wie er diese letzte Distanz zwischen euch überbrücken soll. Er berührt deine Finger, wenn du ihm seine Kaffeetasse reichst und dann grinst er, schlägt aber die Augen nieder, kratzt sich im Nacken oder fegt sich die Haare aus der Stirn.

Du für deinen Teil bist froh darüber, nicht rot wie eine überreife Tomate zu werden. Die Dinge sind eben eindeutig – zumindest von deiner Seite aus. Auf deinem Smartphone begrüßt dich jeden Abend nach der Schicht eine Nachricht von einer Freundin, die nach dem aktuellen Stand im Falle Alfred fragt. Das geht doch eigentlich niemanden etwas an, aber du möchtest trotzdem am liebsten der ganzen Welt jedes noch so kleine Detail erzählen, während du grinsend zur Bahnhaltestelle eilst und den kräftigen Wind nicht mal mehr spürst. An deinen Fingern haftet noch das Gefühl von Alfreds Haut und vor deinem geistigen Auge siehst du ihn, wie er dich in sein kleines Universum zieht und einzig und allein für dich die Sonne scheinen lässt.

Du möchtest wissen, wie Sternschnuppen schmecken.

Vertieft in deine Tagträume, passiert es dann. Bester Laune stellst du einem Studenten seinen Kaffee auf den Tisch und stößt ihn dabei höchst ungeschickt um. Die schwarze Lache breitet sich in Sekundenschnelle über die halbe Tischplatte aus und erreicht das dicke Buch, welches aufgeschlagen dort liegt. Der Student zieht gerade noch rechtzeitig seinen Laptop beiseite und springt zugleich fluchend vom Stuhl auf.

„Oh Gott, das tut mir so Leid!", entschuldigst du dich hastig, während du bereits einen Stoß Servierten aus dem Spender reißt und damit das Unglück einzudämmen versuchst. Zum Glück steht vorne an der Theke eine deiner Kolleginnen, sodass du dich dem Malheuer widmen kannst, ohne die übrige Kundschaft warten zu lassen. Der Kaffee ist schnell in den Servierten verschwunden. Doch das Buch hat deutliche Flecken abbekommen.

„Ich bring das sofort in Ordnung!", versprichst du, als du das schwere, weiß-blaue Blätterwerk vom Tisch hievst und damit zum Spülbecken rennst. Ein frischer Lappen mit klarem Wasser soll dir helfen. Bedacht tupfst du über die braunen Flecken und bleichst diese vorsichtig aus den Seiten heraus. Es sind ja nicht viele, aber dir ist das trotzdem furchtbar unangenehm, zumal der Student einen ziemlich zerknirschten Eindruck macht. Der rund 600-Seiten umfassende Koloss wiegt eine geschätzte Tonne und ist hoffentlich keine Leihgabe der Unibibliothek.

...gesteigerten Antrieb... Rastlosigkeit, überspitzte Aktivität, Sprunghaftigkeit, ungewöhnlich hohe Kreativität, ein Gefühl des nicht-geerdet-seins...

Deine tupfenden Bewegungen werden langsamer, als die Worte langsam zu dir durchdringen und Gestalt annehmen.

...übertriebenes Selbstbewusst... Gereiztheit, Geltungsdrang, Überheblichkeit... kann in Extremfällen bis hin zum Größenwahn reichen...

Deine Hand hält jetzt inne, indessen all deine Aufmerksamkeit an den Worten klebt. Fieberhaft fliegen deine Pupillen über die großen Seiten hinweg und reißen weitere Satzteile an sich.

...Manie ... Hyponamie ...Depression... Switching… Stimmungsschwünge... Antriebslosigkeit, gedrückte Stimmung... Apathie, wiederkehrende Todesgedanken...

Du hast nicht die geringste Ahnung, was das ist. Aber dir wird ganz komisch, schwindelig und schlecht. All das kommt dir doch irgendwie bekannt vor...

In einer Kurzschlussreaktion schaust du zum Tisch, wo der Student sitzt und soeben ein eingehendes Handytelefonat entgegen nimmt. Dann flitzt du samt Buch durch die Tür in die Hinterzimmer, die nur fürs Personal zugänglich sind. Im leeren Büro knallst du das Buch auf den Kopierer und lässt diesen in Windeseile die aktuellen Seiten sowie zwei Seiten davor und dahinter kopieren. Die noch warmen Blätter faltest du überstürzt zusammen und schiebst sie dann in deine Handtasche, die auf einem der Stühle im Aufenthaltsraum steht.

In deinem Inneren hallt dein Herzklopfen unangenehm laut wider und lässt dich das Buch wie eine Verbrecherin zurück zum Tisch tragen. Mit verschwitzten Händen und einer Gänsehaut am gesamten Körper. Der werte Student telefoniert noch immer und schenkt dir nicht sonderlich viel mehr als ein mürrisches Nicken. Deine Kollegin war bereits so aufmerksam, ihm einen neuen Kaffee zu bringen.

In dir steht alles Kopf und du kannst dich nicht erinnern, was in den letzten Stunden vor Feierabend noch geschieht, doch kaum darfst du gehen, eilst du nach Hause. In der Bahn setzt du dich nicht hin und als du endlich durch die Haustür schneist, hast du keine Zeit, um deine leichte Übergangsjacke oder gar deinen Schal auszuziehen. Du stehst mitten im Flur und fummelst hitzig die Seiten aus deiner Handtasche, faltest sie auseinander und beginnst zu lesen.

Als du nach knapp einer dreiviertel Stunde durch das klobige Fachvokabular durch bist, musst du dich setzen. Unter dir scheint kein Boden mehr zu sein und die Luft ist so dünn, dass dein Gehirn ob eines akuten Sauerstoffmangels nicht gescheit funktionieren kann.

Doch eines ist sicher: all das, was du da gelesen hast und unter der Überschrift bipolare (manisch-depressive) Erkrankung läuft, kennst du. Nicht von dir, sondern von Alfred.
Natürlich, du bist nicht in der Position, ein Urteil zu fällen oder gar eine Diagnose zu stellen. Aber du machst dir Sorgen. Du machst dir sogar verdammt große Sorgen. Denn was du gelesen hast, scheint ungeheuer viel Sinn zu ergeben.

Mit schweren Schritten begibst du dich zu deinem Bett hinüber und klappst dein Notebook auf. Google zu rate ziehend, beginnst du, deine Recherchen zu vertiefen. Immer in der Hoffnung, dich zu irren. Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet dir so etwas auffällt und seinen übrigen Mitmenschen nicht?
Oder sind sie es vielleicht einfach schon gewöhnt und deswegen betriebsblind? Kann man das so sagen? Was, wenn Alfreds Familie es als altbekannte Launenhaftigkeit hinnimmt und seine Freunde... tja, welche Freunde? Die Mitschüler, die er vergrault hat und die jetzt eine eigene Projektgruppe ohne ihn bilden? Mit anderen Freunden hast du ihn ja nie gesehen und erwähnt hat er erst recht keine.

Aber falls das alles tatsächlich so stimmt, was sollst du dann tun? Untätig daneben stehen wird ihm nicht helfen – und dir dreht sich jetzt noch der Magen um, wenn du an die letzte Phase denkst, in der Alfred sich in Selbstherrlichkeit und Arroganz verloren hat. Du willst nicht, dass er wieder darein verfällt. Du willst nicht, dass er wieder ein unausstehlicher Kotzbrocken wird, dem es später leid tut und der dann womöglich gar nicht weiß, warum er so über die Stränge geschlagen ist. Möglicherweise wundert er sich zwar im Stillen darüber, traut sich allerdings nicht, mit jemandem über dieses Problem zu reden. Dich würde all das nicht wundern.

Entsprechend überrascht es dich auch nicht, wie deprimiert er vor einiger Zeit gewirkt hat, als er mit traurigen Augen in sich zusammen gesackt im Laden aufgetaucht ist und seinen Kakao nicht ausgetrunken hat. Du kannst dir nicht vorstellen, was er in dieser Zeit für Gedanken gehegt hat. Aber du kannst dir vorstellen, dass es nicht die schönsten waren...

Deine Internetrecherche hält dich bis tief in die Nacht wach. Du schläfst zu wenig, denn abgesehen von der Spätschicht, in der du abends arbeitest, hast du ja den Rest des Tages auch noch jede Menge um die Ohren und musst entsprechend früh aufstehen. Trotzdem bedauerst du nicht, für Alfred ein paar Stunden Schlaf entbehrt zu haben. Als du letztlich das Licht löschst und im Dunkeln an die Zimmerdecke stierst, ist dein Verstand komplett überflutet. All die Worte scheinen wie aneinander geklebt und haben unmittelbar hinter deiner Stirn eine schier unendliche Kette gebildet. Unabhängig davon, auf welches Kettenglied du dich zu konzentrieren versuchst, es läuft immer auf die gleiche Frage hinaus:
Wie sollst du dich jetzt verhalten?

Was, wenn du Unrecht hast?

Was, wenn du Recht hast?

Ist es klug, Alfred darauf anzusprechen? Oder wäre das das Dümmste überhaupt? Was, wenn er nichts von all dem hören will und womöglich nie wieder ins Café kommt?

Wenn du nur wüsstest, was du tun sollst...


Du massierst dir die Schläfen, als du zwei Abende später einen Moment für dich hast und im Laden nur das gleichmäßige Gurgeln der Spülmaschine und das Radio zu hören sind. Tom Petty schmettert gemeinsam mit den Heartbreakers „American Girl": Take it easy, baby!

Aber du kannst hier nichts leicht nehmen…

Erst recht nicht, als die Türe aufgeht und Alfred das Café betritt. Du siehst ihn und du siehst auch, dass er nicht mehr so euphorisch ist wie bei seinen letzten Besuchen. Das ist nicht gut... Er lächelt zwar und begrüßt dich wie sonst auch, aber da ist ein gewisser Schwermut in seinen Augen, den er zu verstecken bemüht ist. Dir wird innerlich ganz kalt, da dir Worte wie „Niedergeschlagenheit", „Antriebslosigkeit" und „selbstmordgefährdet" durchs Gedächtnis schießen. Alles Dinge, die eine depressive Phase prägen und von denen du innigst hoffst, dass sie ihre Finger von deinem Alfred lassen.

Er fragt nach Kakao mit Haselnusssirup und Sahne.

Du richtest die Tasse mit einer extra großen Portion Sahne an, dann trägst du sie zum Tisch hinten rechts in der Ecke und stellst sie dort ab. Selbst setzt du dich ihm genau gegenüber. In all den Monaten, in denen Alfred schon her kommt, hast du dich nie eigenmächtig zu ihm gesetzt. Du hast dich nur dann zu ihm gesetzt, wenn er dich quasi eingeladen hat. Wenn er dir angedeutet hat, Platz zu nehmen. Das ist jetzt anders.

Er lächelt, während er dir für den Kakao dankt und den Löffel in die Tasse taucht. Mehr mit der Geste beschäftigt ist als damit, dich anzusehen. Dein Blick tastet sein Gesicht ab. Entdeckt feine Augenringe und eine stramme Muskulatur, die krampfhaft am Lächeln festzuhalten versucht. Auf deiner Schürze sind zwei Flecken Mokka und ein paar Spritzer Karamellsoße, die allesamt längst eingetrocknet sind.

„Bist du müde?", fragst du, als ihr den provisorischen Begrüßungssmalltalk hinter euch gebracht habt und an Alfreds Oberlippe wieder ein Tupfen Sahne klebt.

„Ach wo!", winkt er ab. „Nur irgendwie schlecht geschlafen."

Es ist gelogen. Du würdest behaupten, dass er mehr als müde ist und dass mehr als eine unruhige Nacht dafür verantwortlich gemacht werden kann.

„Aber jetzt ist ja zum Glück Wochenende!", schiebt er eilig nach, um dich zu beruhigen. Du sollst dir keine Gedanken machen. Das sagen seine Stimme und seine Mimik.

Du nickst langsam.
„Schon was vor? Ich mein, außer dein Geld in einem puristischen Café zu verpulvern."

Seine Augen werden groß hinter den feinen Brillengläsern und erst da fällt dir auf, ihn nie so forsch nach seinen sonstigen Freizeitplänen gefragt zu haben. Meistens ist er ja hier. Das wird euch wohl gerade beiden bewusst.

Geräuschvoll rückt Alfred auf seinem Stuhl ein wenig näher an den Tisch, räuspert sich und zieht eine Grimasse.
„Ich hätt' so Bock auf Kino oder zocken, aber ich muss voll viel für die Schule machen..."

„Schreibt ihr etwa 'ne Arbeit?"

„Ne, ich muss ein Referat halten. Die Arbeit haben wir schon geschrieben..."

„Oh, und?"

Sein Gesicht zieht sich trotz Grinsen noch weiter zusammen.
„Hab sie in den Sand gesetzt. Deswegen ja das Referat..."

„Nicht gelernt?"

„Doch..!" Die Finger seiner rechten Hand spielen mit dem langen Löffel, drehen diesen hin und her.
„Also jein, ich wollte lernen, aber irgendwie..." Anstatt den Satz zu beenden, zuckt er gespielt gelassen mit den Schultern und legt den Löffel auf den Tisch.

„Keine Motivation gehabt?", fragst du, während er einen tiefen Schluck Kakao nimmt, nickt und dann weitertrinkt – nur um dir nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Als er die Tasse abstellt, grinst er schon wieder.

„Ist eh nur Bio!"

„Ist das nicht anstrengend?"

„Was? Bio?" Seine Hand hält noch immer den Griff der kantigen, weißen Tasse fest wie einen Anker umschlungen. „Bio doch nich'!"

„Nein, ich meinte nicht Bio..."

„Sondern?", lüpft er leicht seine Augenbrauen, indessen du unhörbar tief einatmest und nicht weißt, warum du drauf und dran bist, mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Down sein. So down, dass du zu nichts mehr zu gebrauchen bist."

Für geschätzte fünf Sekunden ist er völlig schockiert von dem, was du sagst. Er wird richtig blass. Das Weiß zieht sich über sein Nasenbein und scheint bis zu den Ohren zu reichen. Dann lacht er schnell und winkt noch schneller ab. So als wolle er deine Theorie und seine Verunsicherung gemeinsam hinfort jagen.
„Bin ich doch gar nicht! Echt mal, alles okay!"

„Oder wenn du so aufgedreht bist, dass du gar nicht mehr wirklich realisierst, was du tust oder sagst..." Du fährst fort, so als habe es seine letzte Aussage nicht gegeben. Doch daran, dass Alfred immer bleicher um die Nasenspitze wird, ist für dich deutlich sichtbar, ihn an einem wunden Punkt getroffen zu haben.

„Wie-wie kommst du jetzt da drauf?", stammelt er gepresst lachend und scheint einen Kloß im Hals zu haben. Seinen schönen Augen wohnt etwas Flehendliches inne, das sich ungeniert zu dir hinüber lehnt und dich bittet, nicht weiterzusprechen. Du sollst still sein. Es tut ihm weh...

„Sagt deine Familie denn nichts?", begegnest du ihm mit einer Gegenfrage. Sein Blick springt daraufhin über deine Schulter zum Fenster hinaus. Panik.

Er hat Panik.

Du realisierst es viel zu spät.

„Warum sollten sie was sagen? Ich weiß gar nich', was du plötzlich hast. Du bist echt komisch, weißt du?!" Er versucht es so zu drehen, als wärst du die Dumme. Als wärst du diejenige, mit der irgendwas nicht stimmt. Aber er hat sein komplettes Selbstbewusstsein verloren und versucht vergeblich, sich mit Kakao Mut anzutrinken.

Was sollst du denn jetzt bloß machen?

Du hast das Gefühl, die Situation läuft wie im Zeitraffer an dir vorbei. Gerade noch hast du Alfred die randvolle Kakaotasse hingestellt und plötzlich ist diese leer. Rückstände der Schokolade zieren seine Mundwinkel, auch nachdem er sich schnell mit dem Handrücken über die Lippen gewischt hat und dann wie von der Tarantel gestochen aufspringt.
„Sorry, ich muss los! Wie gesagt, hab noch voll viel zu tun. Das Referat für Bio und dann noch einen Essay für Englisch und in Physik muss ich auch noch so 'nen mega langen Text lesen! Wir sehen uns, okay? Bis dann!"

Er flieht vor dir. Seine Worte sind wie Schutt und Steine, über die du so schnell nicht hinweg klettern kannst. Du rufst ihm noch eine Verabschiedung hinterher, doch er wirft dir nur einen schwer zu deutenden Blick über die Schulter zu. So als habe er Angst vor dir und vor dem, was du sagst...