Du machst dir Vorwürfe ohne Ende. Es ist alles deine Schuld. Hättest du doch nur deine verdammte Klappe gehalten! Hättest du ihn doch nur nicht in dieses merkwürdige Gespräch verstrickt! Warum nur hast du ständig das Gefühl, alles falsch zu machen?

Es ist über zwei Wochen her, seit Alfred sich zuletzt hat blicken lassen und du wünschst dir nichts sehnlicher als zu wissen, dass es ihm gut geht. Oder zumindest so gut wie es die Umstände erlauben.

Wahrscheinlich hast du eh total daneben gelegen mit deiner waghalsigen Vermutung und er hat keine Lust auf irgend so eine Kaffeeverkäuferin, die meint, die Psychotante raushängen lassen zu müssen. Du hast vollstes Verständnis dafür. Du würdest dir nur wünschen, er käme her und würde es dir ins Gesicht sagen. Das letzte Bild, was du von ihm gespeichert hast, ist das Bild eines fliehenden Jungen, in dessen kindlichem Gesicht die Augen weit aufgerissen waren. Immerzu darauf bedacht, einem Angriff auszuweichen. Dabei macht er auf Außenstehende einen so robusten Eindruck...

Dir geht es wie in jenen Tagen, als dir alles wie verhext erschien. Du seine Aura zu spüren glaubtest, er aber nie wirklich anwesend war. Der Tisch hinten rechts bleibt meist leer. Nur gelegentlich quartiert sich ein frisch verliebtes Studentenpärchen dort ein und hält pseudointellektuelle Diskussionen über Aspekte der Kunstgeschichte der New Yorker 30er Jahre. Du hast im Verlauf ihrer drei Besuche schon zu viel gehört, als dass du dich in den nächsten fünf Jahren je wieder freiwillig in ein Museum begeben möchtest. Die beiden gehören zu jener Sorte Mensch, die man auch zwei Tische weiter noch problemlos hört, obwohl man sie nicht hören will.

Du möchtest Alfred summen hören. Du möchtest ihm Kaffee oder Kakao mit Sahne und einen großen Cookie bringen. Du möchtest dich von ihm wieder mit ins Weltall nehmen lassen und wissen, was aus seinen Ideen fürs Projekt geworden ist. Wie ist sein Referat gelaufen? Setzt er die Schule in den Sand oder hangelt er sich durch?

Du hast darüber nachgedacht und bist zu dem Ergebnis gekommen, dass wenn er wirklich so enorm zwischen motiviert und unmotiviert switched, er womöglich arge Probleme in der Schule hat. Du hast gelesen, dass es nicht unüblich ist, in den depressiven Phasen schlechte Noten zu schreiben und durch Abwesenheit zu glänzen. Ebenso kann dies in den manischen Phasen der Fall sein, weil sich Betroffene lieber mit anderen Dingen befassen. Oder aber Alfred steckt in diesen Phasen all seine Energie ins Lernen. So wie er seine Energie in die Skizzen gesteckt hat.
Aber wenn er gemalt hat, kam er dir gar nicht so sonderlich überdreht vor. Vielleicht war dieser Alfred ja der, der zwischen den Phasen Zuhause ist. Wenn du ihn nur wiedersehen könntest...

Natürlich hast du ihn schon versucht zu finden, aber weder google noch Facebook waren dir dabei von Nutzen. Zu viele Namensvetter, wenn du das F. weg lässt. Keine ergiebigen Treffer, wenn du es in die Suche involvierst. Du hast, was das betrifft, keine Hoffnung mehr...

Du hast nur noch Angst um ihn. Die Angst wird schlimmer, als auch die 4. Woche rum ist, in der du ihn nicht mehr zu Gesicht bekommst.

„Frag gar nicht erst", ist der Satz, mit dem dich deine Kollegen mittlerweile standardmäßig begrüßen, weil es eine Angewohnheit von dir geworden ist, sich bei ihnen zu erkundigen, ob Alfred vielleicht morgens oder mittags hier war. Aber er war nie da...

Du raufst dir die Haare und fühlst dich schlapp. Ausgelaugt von all den Grübeleien und Sorgen. In den hintersten Winkeln deiner Nase ist noch ein Überbleibsel von seinem guten Geruch gespeichert, den du an jenem Tag aufgesogen hast, als du direkt neben ihm gesessen und dir seine Skizzen angeschaut hast. Jener Tag, an dem du gleich mehrmals das Gefühl hattest, er würde dir gerne einen Arm um die Taille legen, wage es aber nicht.

Jener Tag kommt dir wie eine uralte Erinnerung vor. Wie ein Foto, das vor Urzeiten gemacht wurde und bei dem versäumt wurde, Personen, Datum, Ort und Uhrzeit auf der Rückseite zu notieren. Jetzt, da alle Zeitzeugen längst verstorben sind, ist es nur noch ein Motiv, das keiner mehr zuordnen kann...

Warum kommt er nicht wieder?

Du hältst es nicht aus. An dir nagt die Befürchtung, dass er sich was angetan haben könnte oder dass er schon wieder blind anderen Leuten vor den Kopf stößt. All das muss aufhören. Du hast weiter darüber nachgedacht. Darüber, dass seine Familie wohl nichts sagt und darüber, dass seine Freunde es hinnehmen.

Was, wenn es so ist, wie von dir angenommen? Wenn seine Familie es für spätpubertäre Launen hält und Alfred gar nicht unbedingt Freunde hat, weil sich niemand freiwillig dieses Auf und Ab antut? Was, wenn alles, was er hatte, die Abende mit dir im Café waren?
Die bloße Vorstellung macht dich ungeheuer traurig und du fragst dich, ob er jemals an dich denkt oder ob es nur dir so geht? Du bereust, dass du zu schüchtern warst, um jemals nach seiner Handynummer zu fragen oder ihm vorzuschlagen, ob ihr euch nicht mal wo anders treffen wollt als im Wouter's. Andererseits hätte er genauso den Mund aufkriegen können und hat es nicht geschafft. Oder er wollte schlicht und ergreifend nicht...

Anscheinend musst du dich ein für alle mal damit abfinden, dass er nur ein Kunde gewesen ist und du nur eine Kaffeeverkäuferin.

Im Radio beginnen die Nachrichten, die immer zur vollen Stunde gebracht werden, und signalisieren dir, dass du für heute die Türe zuschließen darfst. Was du die letzten Minuten gemacht hast, kannst du ohnehin nicht rekonstruieren. Immer häufiger erwischst du dich dabei, Löcher in die Luft zu starren und gedanklich vollkommen abwesend zu sein. Das tut dir nicht gut...

Seufzend drückst du dich von der Theke ab, gehst zur Türe hinüber und schließt sie ab. Jetzt musst du nur noch die Maschine befüllen, sie anstellen und nach ein paar anderen Kleinigkeiten schauen, die immer nach Ende der Spätschicht anfallen. Nichts Weltbewegendes.
Als du damit durch bist, kehrst du Tür und Fenstern den Rücken zu und möchtest dich gerade auf den Weg durch die Hintertüre machen, als dir plötzlich etwas seltsam vorkommt. Einen kontrollierenden Blick über die Schulter werfend, schreckst du zusammen, als du eine Gestalt unmittelbar vor der verschlossenen Türe erkennst, die direkt ins Innere späht.

Dein Herz, das aus dem Takt geraten ist, springt wieder an wie ein stockender Automotor. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, hast du Alfred auf Anhieb erkannt. Seine Silhouette entfernt sich ein Stückchen von der Scheibe, als ihm klar wird, dass du ihn bemerkt hast. Seine Augen vereinbaren immer noch dieses aufgeregte Gemisch aus Furcht, Misstrauen und Flehen in sich, das dich auf direktem Wege an ihn zieht. Ohne zu überlegen, marschierst du zur Türe zurück. Aber auch er tritt beiseite und scheint sich erst wieder fangen zu müssen.

In dem Moment, als du die Tür öffnest und eine schneidende Brise in dein Gesicht schlägt, zieht er seine Jacke dichter um den Körper. Einen Schal oder eine Mütze sucht man bei ihm vergebens, trotz täglich strenger werdender Kälte.

„Hey, alles klar?" Das bunte Licht der Werbetafel, welche zum Geschäft nebenan gehört, färbt ihn orange, blau und grün ein, indessen er dich breit angrinst. Er hat zu viel Energie und hibbelt. Außerdem macht er den Eindruck, als sei es das Normalste der Welt, vor geschlossenen Geschäften rumzulungern und die Mitarbeiter zu beobachten.

Nickend winkst du ihn herein.
„Sicher. Und bei dir?"

„Alles bestens! Alles bestens!" Es scheint fast gesungen. Dir wird flau im Magen, als du die Türe hinter Alfred zuziehst. Mit flachsenden Schritten schlendert er durch den Laden und betrachtet alles dermaßen interessiert, als würde er es zum ersten Mal in Augenschein nehmen.
„Krieg ich noch 'n Kaffee?"

Das ist jetzt nicht sein Ernst, oder? Du beißt dir abwägend auf die Unterlippe und versuchst einen klaren Gedanken zu fassen. Am liebsten würdest du ihm einfach sagen, ihm keinen Kaffee mehr zu geben, wenn er ohnehin schon so aufgekratzt wirkt.
„Sorry, hab die Maschinen schon alle gereinigt", bedienst du dich am erstbesten Vorwand, den du finden kannst. „Aber wir haben ja noch andere Sachen."

Mit einem Lächeln huschst du hinter die Theke und holst zwei große Pappbecher hervor. Dann füllst du Wasser in den Wasserkocher und stellst diesen an, während Alfred wild drauf los erzählt, dass er spät dran sei, weil er in ein Kino in einem anderen Bezirk wollte, sich aber in der Zeit vertan hat und dann sei seine Bahn auf Grund eines Unfalls ausgefallen und überhaupt. Es ist etwas schwierig, seinen kopflosen Sätzen zu folgen. Aber du nickst und versuchst es, derweil du zwei Beutel Trinkschokolade hervor holst und in die leeren Becher kippst. Das fertig gekochte Wasser schüttest du anschließend hinauf und reichst ihm dann einen der Becher.
„Hier. Ein Kakao für Arme."

„Keine Sahne?"

„Jetzt nicht mehr..."

„Aber ich brauch Sahne! Und habt ihr nicht auch so Beutelkaffee oder so was?" Er knatscht mehr, als dass er fordert. Du schüttelst einfach nur verneinend den Kopf.
„Nein! Außerdem, wer sich hier wochenlang nicht blicken lässt, braucht nicht nach Feierabend mit Sonderwünschen ankommen."

Deine Ansage scheint ihn ein wenig in die Realität zurückzuholen. Sein Mund klappt auf, doch es kommt kein Ton und bis das verlegene Lachen ertönt, dauert es einen kurzen Moment.

„Ach das...", meint er schließlich und wendet sich von dir ab, um zu seinem Stammplatz rüberzuschauen. Doch du hast längst alle Stühle hochgestellt.

„Ja, das!" Plötzlich klingst du wütend. „Wo um alles in der Welt bist du gewesen?!"

Er legt den Kopf leicht schief, da ihm deine Anfuhr irgendwie unangenehm ist.
„Don't panic, okay?!" Nur weil er nicht arrogant klingt, heißt das nicht, dass du ihn damit durchkommen lässt. Du hast dir Sorgen gemacht! Du hast dir Vorwürfe gemacht! Du bist vor Kummer halb wahnsinnig geworden und was macht er? Abends hier aufkreuzen und dir verklickern, dass du keine Panik schieben sollst. Den Teufel wirst du tun! Du würdest ihm am liebsten deinen brütendheißen Kakao ins dümmliche Gesicht schütten! Dein ganzer Körper ist vor lauter Zorn angespannt wie ein Flitzebogen und es fehlt nicht viel, damit du deinen Becher zwischen den Fingern zermalmst.

Ein lautes Hupen auf der Straße zerreißt unerwartet die Anspannung zwischen euch wie Papier. Dein Blick schnellt aus dem Fenster und du siehst, wie ein Auto im letzten Moment eine Vollbremsung hinlegt. Irgendjemand schreit etwas Zensurwürdiges, doch dann schiebt sich der Verkehr auch schon wieder anstandslos weiter voran.

Beinahe...

Du atmest durch.

Beinahe wäre das schief gegangen...

Als du Alfred wieder anschaust, hat dieser sich mit dem Rücken gegen die Theke gelehnt. Seine Hände umschließen den großen Pappbecher und drehen diesen nutzlos umher. Auf dem Gesicht blüht nur noch ein Nachzügler seines Lächelns. Du musst erneut tief Luft holen, als dir bewusst wird, warum er so lange nicht hier war. Du bist damals zu weit gegangen und er ist vor dir weggelaufen. Es grenzt fast an ein Wunder, dass er überhaupt zurück gekehrt ist. Ihn anzufauchen dürfte das Kontraproduktivste sein, was du in diesem Moment tun kannst. Außerdem, wie viele Leute verlieren wohl noch ihre Geduld bei ihm? Es müssen viele sein, die sich sein Hin und Her nicht bieten lassen wollen und ihm lieber die Meinung geigen, anstatt dieses „Spielchen" ewig mitzumachen...

Deutlich ruhiger als eben noch, lehnst du dich neben ihn an die Theke und nimmst einen Schluck Kakao, der dir heiß die Speiseröhre hinunterfließt.
„Bleib beim nächsten Mal einfach nicht wieder so lang weg, okay?! Wie läuft's in der Schule?" Heißen Kakao zu trinken war wohl nicht die beste Idee. Dein Gesicht scheint zu brennen. Dass Alfred dir ob deiner offensichtlichen Besorgnis einen verdutzten Blick zuwirft, macht es nur schlimmer. Du guckst lieber auf den Boden als zu ihm hinauf. Nicht, dass er dich noch auslacht...

„Nein äh, bestimmt nich'!" Dir gefällt, dass sein Ton ruhiger wird. „Und Schule, ach, so gut wie geritzt! Ich mach das schon!" Dir gefällt nicht, wie er Optimismus als Schutzschild benutzt.

Ihn heimlich aus dem Augenwinkel betrachtend, fällt dir auf, dass er mit den Zehen des linken Fuß tippelt und den Kopf in den Nacken gelegt hat. So als stünde an der Decke eine Regieanweisung für sein Leben. Doch da oben prangen nicht mal Sterne. Nur runde Lämpchen, deren Licht einem in die Augen sticht und die sich tupfenartig auf seinen Brillengläsern spiegeln.

„Wow, gib dir das: man könnte die da miteinander verbinden, dann kriegt man die Freiheitsstatue! Naja, fast, man muss sich was dazu denken. Hier und hier." Er lacht wieder, gedrückt und schnell verstummend, als du nicht drauf eingehst.
„Siehst du nicht..?", fragt er dich vorsichtig und deutet mit dem Zeigefinger der rechten Hand zur Decke. Du folgst seinem Blick aber nicht. Dein Blick bleibt bei seinem Gesicht. Wenn er dich weglotsen will, ist sein Versuch gescheitert. Aber seine Enttäuschung tut dir trotzdem weh.

„Alfred...", beginnst du, ohne zu wissen, was du eigentlich sagen willst. Offenbar brauchst du das aber auch gar nicht, denn er ist es, der dir dieses Mal die Worte zur Verfügung stellt.
„Es war nicht immer so schlimm..."

Was? Die Frage liegt dir auf der Zunge, aber du bringst sie nicht über die Lippen, sondern verstehst von alleine.
Alfreds rechte Hand schließt sich wieder um den Becher, auf den er erneut hinunter guckt. Sein Blick ist fernab von den Lampen und dem Licht. Sein Pony fällt ihm tief ins Gesicht und verdeckt Stirn sowie einen Teil seiner Augenpartie.
„Und es ist auch nur manchmal anstrengend...", grinst er zu gequält, als dass du ihm glauben kannst.

Weil er danach nichts mehr sagt, schweigt ihr. In den Nasen der Geruch von Instanttrinkschokolade und in den Ohren der durchs dicke Glas größtenteils absorbierte Krach der breiten Straße.
„Denkst du nicht, man sollte was dagegen tun, dass es anstrengend ist?", tastest du dich nach einigen leisen Minuten wieder ans Gespräch heran. Als er dich jetzt anschaut, wirkt er nur noch verzweifelt und ratlos. Viel zu klein im viel zu großen Körper.
„Ach, da kann man doch nix tun."

Dir kommt erstmalig in den Sinn, dass er sich vermutlich für verrückt hält, weil er sich selbst nicht versteht und weil er diese kontrastreichen Phasen in keiner Weise kontrolliert bekommt. Sie kontrollieren ihn. Zugeben möchte er das selbstverständlich nicht, vor niemandem.

„Doch, da kann man was mach-"

„Mein Bruder ärgert sich manchmal so was von über mich. Eigentlich ist er ja der Ruhigere von uns beiden. Aber der kann auch voll abgehen und dann knallt der dir echt alles an den Kopf. So Sachen wie ‚Als wir fünf waren, hast du die ganze Schokolade aus meinem Adventskalender geklaut und dich nie dafür entschuldigt!' oder so was eben! Er sagt immer, ich sei total bekloppt." Alfred lacht bitterlich. „Und dass ich nich' auf die Menschheit losgelassen werden sollte."

„Bist du deswegen nicht hergekommen?" Weil er befürchtet hat, sich niemandem mehr zumuten zu können? Und weil er es fast schon mal geschafft hat, dass du nichts mehr mit ihm zu tun haben möchtest?

„Äh..." Du hast ihn offenbar eiskalt erwischt. Sein Lächeln friert ein und er weiß nichts weiter zu tun, als euren Blickkontakt abrupt zu unterbrechen und den Becher nervös kreisen zu lassen, bevor er miserabel scherzt. „Vielleicht sollt' ich einfach weniger Kaffee trinken."

„Du trinkst gerade Kakao." Deine Bemerkung steht lange unbeantwortet im Raum. Die Schokolade hat dank der momentanen Situation einen faden Nachgeschmack auf deiner Zunge hinterlassen und du schiebst umständlich Worte in Gedanken umher. Aber alles scheint dir unangebracht. Trotzdem, irgendwo musst du den Faden wieder aufnehmen.
„Du hast doch sicher einen Hausarzt?", fängst du also einfühlsam an.

Er nickt, noch immer ohne dich anzuschauen. Es scheint ihm gerade lieber zu sein, an seinem Kakao zu nippen, indessen seine linke Hand ihren Weg in seine Jackentasche gefunden hat, wo die Finger rastlos tippeln, eine Faust bilden, diese wieder auflösen und das Prozedere von vorne beginnen.

„Ruf da doch mal an und lass dir einen Termin geben?"

Er schüttelt den Kopf.
„Ach, wofür?! Mir geht's doch gu~ut!", lügt er postwendend, angetrieben von einer gigantischen Angst, deren Anwesenheit du im Nacken spüren kannst. Sie hat ihn gänzlich überwuchert und das ist Beweis genug dafür, wie lange er schon weiß, dass mit ihm tatsächlich etwas nicht stimmt.

Du wirst dich allerdings hüten zu sagen, was du gelesen hast. Du wirst nicht mit irgendwelchen Krankheiten und Symptomen um dich werfen, die ihn nur noch mehr erschrecken und von denen du nicht mal mit Bestimmtheit sagen kannst, ob sie auf ihn zutreffen. Eventuell liegt seinem Verhalten eine ganz andere Ursache zugrunde.

„Ja, im Moment vielleicht", sagst du schließlich leise. So leise, dass du nicht mal mit Gewissheiten sagen kannst, ob er es hört. Dich herumdrehend, stellst du dein Getränk auf die Theke und beugst dich weit genug über diese hinüber, um den Streuer mit Schokopulver zu fassen zu bekommen. Eine staubig braune Wolke entsteht, als du den Kakao scheinbar achtlos auf die freie Arbeitsfläche pulverst.

„Eh..?" Alfred, dem dein Verhalten Rätsel aufgibt, hat sich ebenfalls herumgewandt und verfolgt jetzt gespannt, wie du kurz abwartest, bis sich die feinen Schokopartikel gelegt haben. Dann streichst du sie mit dem rechten Zeigefinger glatt, ehe du in der Mitte eine Waagerechte ins Kakaopulver einzeichnest. Dein Finger malt weiter, beginnt links leicht oberhalb der Waagerechten und verläuft ein bisschen auf der gleichen Höhe, ehe du die Kurve nach oben ausschlagen lässt, um sie danach nach unten zu ziehen, unter die Linie, wo die Kurve allmählich einen Tiefpunkt ansteuert und sich dann mühsam wieder in Richtung Mittellinie kämpft. Jene erklimmt und leicht darüber endet.

„Ich will nicht, dass du demnächst wieder da bist oder da." Dein Zeigefinger deutet auf die höchstgelegene und tiefstgelegene Stelle.

Alfreds Adamsapfel macht einen schier riesigen Satz, so heftig schluckt er, saugt seine Unterlippe ein und starrt auf das Kakaobild. Es ist seine Stimmungskurve. Es sind die letzten Monate, so wie du sie erlebt hast. Du weißt nicht, ob du etwas verpasst hast, als er fern geblieben ist. Aber selbst wenn dem so sein sollte, so begreift er doch sehr wohl, was du ihm zu verstehen geben möchtest:
Es ist nicht gesund. Es ist keine Launenhaftigkeit.

Tief in seinem Inneren weiß er das schon lange...

Als wolle er die Wahrheit wegblinzeln, flackern seine Augenlider. Von der improvisierten Stimmungskurve aus Kakao kann er sich allerdings hartnäckig nicht losreißen.

Dein Zeigefinger, der noch tiefbraun vor lauter Kakaopulver ist, peilt zaghaft seine Wange an. Bei der ersten Berührung kehrt Alfred in die Gegenwart zurück. Sein Blick springt zu dir, als du den zweiten Punkt auf seiner Wange tupfst und schließlich den Smiley komplettierst, indem du eine geöffnete Klammer als Mund unter die Punkte setzt.
„Lass dir einen Termin geben. Du schaffst das!", sprichst du unbeirrbar und schenkst ihm den dazugehörigen Optimismus. Weil du weißt, dass er stark ist und weil du weißt, dass auch er etwas ändern will, aber wohl noch nicht den Mut dazu gefunden hat.

Dass sich seine Gesichtsmuskulatur sichtbar entspannt, deutest du schon mal als gutes Zeichen. Dann spricht er deinen Namen, leise aber präzise. Dir eine Gänsehaut und zugleich eine hitzige Röte bescherend. Sein Blick und dein Blick haben ineinander gefunden, sodass der Moment euch dichter beisammen drängt und dich sogar schon seinen Atem spüren lässt. Die Luft zirkuliert warm über deine Nasenspitze und plätschert über deine Lippen hinweg, trägt das Aroma von Schokolade und Sternenstaub bis tief in deinen Magen hinab. Nie war dein Bedürfnis, Sternschnuppen zu kosten, so groß.

Alfreds Lächeln wirkt unter diesen Umständen nicht länger wie ein Ergebnis plastischer Chirurgie. Es hat eine gesunde, eine natürliche Basis. Ist auf Vertrauen gebaut. Gerade möchte er wieder zum Sprechen ansetzen, als es plötzlich laut und deutlich zu klingeln und summen beginnt. Die Melodie drängt sich ungehobelt zwischen euch und hinterlässt einen meterweiten Graben. Du fühlst dich achtlos von Alfred weggezerrt, obwohl ihr theoretisch noch immer nebeneinander an der Theke steht.

„Hi, Matt-!", nimmt Alfred nun schnell das Gespräch entgegen. „..äh.. nein! Natürlich hab ich's nich' vergessen! Ich-" Er stockt zulange zwischen den Worten, deswegen wird sowohl dir als auch dem Menschen am anderen Ende der Leitung umgehend klar, es mit lauter Lügen zu tun zu haben.

„..doch..doch! Sorry! Ich bin schon unterwegs! Ja, ich weiß, aber...!" Er ist nicht mal laut, sein Gesprächspartner aber wohl auch nicht. Du nimmst an, dass anstelle von Ärger Enttäuschung in Alfreds Ohr schwappt. Zumindest wirkt er entschuldigend und zerknittert, indessen er schnell in sein iPhone spricht, sich mit der Hand durchs blonde Haar streicht und ein paar Schritte entlang des Tresens macht. Hin und zurück, gestikulierend, beschwichtigend, beschwörend.

Du tust so, als würdest du höflich weghören, obwohl das unmöglich ist.

„..ehrlich, ich bin in 'ner Viertelstunde da, okay?! Kannst dich 100 pro drauf verlassen! Bis gleich!" Sein iPhone in die Tasche zurück stopfend, ist Alfred im Inbegriff zu gehen. Ein zerknirschtes „shit!" fluchend, vergisst er glatt seinen Kakao, den er eben geistesabwesend auf die Theke gestellt hat, und ist gleich darauf bei der Türe.

„Alfred!", schreist du, woraufhin er dir einen gleichermaßen flüchtigen wie auch entschuldigenden Blick zuwirft.

„Sorry, ich muss sofort los! Mein Bruder killt mich sonst!"

Du bezweifelst stark, dass der gutmütige Junge, der einmal mit Alfred zusammen hier war, ihn einen Kopf kürzer machen wird. Dafür scheint er nun wirklich nicht der Typ zu sein. Andererseits weißt du aber auch nicht, worum es gerade ging und was Alfred vergessen hat. Es ist auf jeden Fall wichtig genug für Alfred, um blindlings alles stehen und liegen zu lassen und davon zu stürmen.

„Aber was ist mit-!?"

„Ich denk an den Termin, don't worry! Wir sehen uns!"

Deine Hand hängt in der Luft. Erstarrt in einer Geste, die Alfred am Ärmel packen und noch für ein paar Sekunden hier behalten möchte. Doch zwischen deinen Fingern ist nichts weiter als Luft und Leere. Alfred ist fort. Er rennt mit deinem Herzen und einem Smiley aus Kakaopulver auf der Wange durch New York.