Du hast lange darüber nachgedacht, ob es klug ist, herzukommen. Jetzt, wo in der Luft der köstliche Duft längst abgebackener Waffeln und klebriger Zuckerwatte hängt und sich bis ins letzte Klassenzimmer ausgebreitet hat, bist du noch immer unschlüssig. Dabei ist es zu spät, um noch mit sich zu hadern; immerhin bist du ja jetzt hier: in der Schule, deren Adresse dir Matthew gegeben hat.
Wie erwartet, hast du weder ihn noch Alfred in den letzten Tagen zu Gesicht bekommen. Somit ist dir viel Zeit zum Nachdenken geblieben: über Alfred, über deine Arbeit, über dich, über euch und über das, was zwischen euch passiert ist. Vor allem aber auch darüber, dass Alfred nicht zu dir zurück gekommen ist.
Du nimmst das nicht persönlich, denn du hast schon vor Matthews Besuch den leisen Verdacht gehegt, dass es nicht an dir liegt. Es liegt an Alfred und an den Problemen, die er mit sich selber hat. Höchstwahrscheinlich möchte er schlicht und ergreifend nicht, dass du seiner momentanen Stimmung beiwohnst. Wenn du Matthews Worte richtig verstanden hast, ist Alfred derzeit niedergeschlagen – womöglich sogar depressiv. Nicht lachen zu können, nicht glücklich sein zu können – aus welchen Gründen auch immer – wird einem in einem Land, das einen Traum anpreist, zu dessen Kern das Glücklichsein gehört, quasi als Verbrechen angelastet. So als verstoße man mit purer Absicht gegen die Verfassung. Das nennt sich dann Landesverrat und ist ganz und gar unverzeihlich...
Da bleibt dir nur zu hoffen übrig, dass Alfreds Medikamente möglichst bald anschlagen.
Abgesehen von der allgegenwärtigen künstlichen Beleuchtung und dem alles überwuchernden Weihnachtsschmuck, ist es draußen zappenduster. Der Winter hat sich tief über die Stadt gesenkt und dich vorhin ganz unkompliziert ein warmes, bequemes Outfit wählen lassen. Die stillose Plastikwanduhr zeigt zwanzig nach sechs, als du dich nun vom Haupteingang aus in Richtung der Treppe zum naturwissenschaftlichen Trakt der Schule bewegst. Wie dir sämtliche Aushänge und Programmhinweise verraten, sind die meisten Aktivitäten vormittags und mittags abgehalten worden. Das erklärt auch, wieso man die verbliebene Anzahl an Besuchern an zwei Händen abzählen kann...
Mit raschen Schritten nimmst du die Stufen und folgst den Ausschreibungen. An der Wand hängt ein großes Plakat, auf dem u.a. Werbung für die Vorführung chemischer Versuche und für das Astronomieprojekt gemacht wird. Die Raumnummern, die bei dem Projekt angegeben sind, lassen dich den Gang nach rechts hinab abbiegen. Über dir brennen lange, grelle Flurlampen. Zu deinen Füßen finden sich Spuren enormer Besuchermengen: eine klebrige Lache getrockneter Limonade, benutzte Servierten, der Mülleimer an der linken Seite quellt über vor lauter Papptellern und Bechern, Konfettireste und ein kaputter Luftballon an einer Schnur. Du könntest ewig so weitermachen und dir die Überbleibsel anschauen, die andere Leute hinterlassen haben. Ein Glück, dass du hier nicht aufräumen musst. Du möchtest dir gar nicht vorstellen, wie es in den Räumlichkeiten aussieht, wo Essen verkauft wurde...
Die Wände der Flure sind mit hohen Spinden gesäumt, deren metallene Fronten regelmäßig von geöffneten Klassenzimmertüren aufgelockert werden. Aus einer kommt dir ein junges Pärchen entgegen, beide glucksend und Händchen haltend. Er zieht seine Freundin dicht an sich, ehe die beiden aus deinem Blickfeld verschwinden. Aus dem Untergeschoss schwappt ein Rest neuaufgelegter Weihnachtsklassiker durchs Gebäude und verliert sich, je weiter du den Gang entlang schreitest. In einem Raum stehen zwei Referendare und zerlegen das Modell eines menschlichen Körpers mit herausnehmbaren Organen. Alles sieht nach Abbau aus. Hättest du vielleicht doch etwas eher herkommen sollen?
Nein, Matthew hat dir den frühen Abend empfohlen. Persönlich kannst du dir auch nicht vorstellen, dass Alfred sich heute Mittag, als die Projekte offiziell vorgestellt worden sind, freiwillig zu stolzen Eltern und deren Sprösslingen dazu gesellt hat. Er konnte nicht teilnehmen, so ohne Gruppe. Er hat es nicht übers Herz gebracht, dir das damals zu sagen. Es ist eine dieser Sachen, die ihm entsetzlich wehtun müssen und von denen er sich wünscht, sie wären anders gekommen. Keine Frage.
Deine Herzfrequenz steigt, als du plötzlich die erste wichtige Raumnummer sichtest und unbewusst die Luft anhältst. Beinahe schleichend näherst du dich der Türe und lauerst ins Innere des Raumes, kannst jedoch niemanden entdecken. Was, wenn Alfred nun doch schon weg ist? Dann hättest du deine einzige Chance verpasst...
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen peilst du die nächste Tür an und vergisst erneut zu atmen, als du langsam in den weitläufigen Raum spähst. Die meisten Tische sind hinaus geräumt worden oder stehen direkt an der Wand, sodass die Mitte, von einer kleinen Sitzgruppe abgesehen, frei geräumt ist. Wohl für Besucher, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Doch das ist dir im Moment reichlich egal. An den Wänden erstrecken sich schier riesige Bilder, zum Teil verkabelt und beleuchtet. Umsetzungen von Skizzen, wie auch Alfred sie angefertigt hat. Deine Augen können sich nicht im Detail mit all den Eindrücken beschäftigen, da sie sich an der Person festsaugen, die mit dem Rücken zur Türe an einem der Tische in der Mitte lehnt.
Langsam flutet Luft in deine Lunge, als du realisierst, dass es tatsächlich Alfred ist. Du bist nicht zu spät. Er ist da vorne, nur wenige Meter von dir entfernt. In einer Jeans, Winterboots, einem langärmeligen Shirt und einem offen Hemd, über dem er seine Winterjacke trägt. Auf dem Tisch neben ihm steht seine Umhängetasche, auf die er seinen Schal geschmissen hat. Sein Körper wirkt still, aber nicht leblos. Seine Finger sind mit seinem iPhone beschäftigt, auf das er hinabguckt. Alles Andere scheint sich gerade seiner Welt zu entziehen.
Wie lange er wohl schon hier ist?
Ehe du dich versiehst, hast du den Raum betreten und stehst plötzlich genau hinter Alfred. Du kannst die feinen, blonden Härchen in seinem Nacken erkennen, sowie das Bild auf seinem Display. Eine Blogdomain sticht dir ins Auge, dann klickt sein Daumen auf den Log-out Button und du weißt nicht, warum du weder etwas sagst noch etwas tust. Du stehst regungslos hinter ihm und hast vergessen, dass du überhaupt existierst. Doch dir wird bewusst, Alfred riechen zu können. Er riecht gut, so wie lange von dir vermisst. Obendrein strahlt er Wärme aus. Eine intensive, leicht melancholische Wärme, die dich jeden Moment beim Schopfe packen und dich dazu verleiten könnte, ihn überschwänglich von hinten zu umarmen.
Aus einem unerklärlichen Impuls heraus, hebst du die linke Hand und tippst ihm auf die Schulter. Machst aber zugleich einen Schritt zur anderen Seite, sodass er, als er den Kopf verwirrt nach links dreht, niemanden vorfindet. Sein Gesicht im Profil ist verdutzt, so als sei ein Gespenst an ihm vorbei gezogen und habe ihn dreisterweise auf die Backe geküsst.
Du lachst leise.
Blitzartig schnellt sein Kopf herum und sein Blick kracht in dich hinein wie ein von der Straße abkommender Sportwagen in eine Betonwand. Wiederum scheint es, als habe Alfred einen Geist gesehen. Seine Augen weiten sich und seine Brauen ziehen hohe Halbkreise, als er die Situation allmählich zu verstehen beginnt. Er begreift, dass du es bist. Dass du wahrhaftig hier bist und ihn anlächelst.
Ein ganzer Reigen verschiedenster Emotionen bricht daraufhin über sein Gesicht herein. Da ist Überraschung, Irritation, Freude, Begeisterung, Angst und Schrecken. Sie lassen ihn weiß und rot zugleich werden.
Seine Lippen, die sich leicht geöffnet haben, hauchen deinen Namen. Er klingt rau und doch hoch, es ist Kunst.
„Ja, genau die!", bestätigst du leise und merkst, wie sein Blick dich von oben bis unten abtastet. Offenbar hat Alfred nach wie vor Probleme damit, den Wahrheitsgehalt der Situation einzuschätzen. Oder es liegt daran, dass er dich noch nie in etwas Anderem als deiner Arbeitskleidung gesehen hat.
„Wow..äh hi!", bricht es dann verzögert aus ihm heraus, indessen er sich noch etwas weiter zu dir herumdreht, schluckt und sich durchs Haar fährt. Schnell, nervös, verkrampft. „Wieso..also, was machst'n du hier?"
„Ich such die Sonne."
„Was?"
Er versteht kein Wort und du zuckst lediglich amüsiert mit den Schultern, weil dir von vornherein klar war, ihn mit deiner Antwort zusätzlich zu irritieren.
„Du gehst hier aber nicht zur Schule, oder?!" Seine Stimme kratzt an der Grenze zur Panik, während er flugs sein iPhone in seiner Hosentasche verschwinden lässt.
„Nein, aber ich hab mitgekriegt, dass hier heute Schulfest ist und dabei das Astronomieprojekt vorgestellt wird. Und da dachte ich, ich schau mal vorbei..." Kurz schwenkt deine Aufmerksamkeit zu einer raffiniert gefärbten Wandmalerei hinüber, die einen atemberaubend schönen Sternennebel präsentiert. Viele kleine Glühbirnchen sind in den Nebel integriert und verfügen über einen wirren Schweif aus Kabeln, besprüht mit Silber- und Goldfarbe. Der Stromkreis ist geschlossen, auf welche Art und Weise auch immer.
„Jap, stimmt schon. Das hast du aber nich' von mir gehört..."
„Schwierig, etwas von jemandem zu hören, der nicht da ist." Du sprichst es ohne Vorwurf aus. Ganz wertfrei. Nichtsdestotrotz merkst du deutlich, wie Alfred in sich zusammensackt und reumütig auf seine Füße hinab schaut. Mit der Spitze des rechten Schuhs kickt er den einsamen Deckel einer Colaflasche beiseite. Das Geräusch verschwindet nach wenigen Sekunden und lässt euch zwischen astronomischen Weiten in einem zu kleinen Raum zurück.
„Ja ähm, sorry, irgendwie hatte ich keine Zeit, um vorbei zu kommen. Es war so viel los, Zuhause und mit der Schule und überhaupt..." Wieder ist da ein dir altbekanntes, entschuldigendes Lachen, aber du hast bestenfalls mit so was gerechnet.
„Macht nichts." Das letzte, was du erreichen möchtest, ist, dass er sich schuldig fühlt, was er wohl oder übel trotzdem tut. Natürlich, du könntest böse auf ihn sein. Aber das bringt keinen von euch weiter. Du weißt ja schließlich, dass Alfred derzeit an seiner eigenen privaten Front kämpft. Da braucht er niemanden, der ihn noch von anderen Seiten attackiert.
Du könntest nicht mal sagen, wie du dich an seiner Stelle verhalten hättest.
„Nicht?" Jetzt schaut er wieder zu dir. Das Lachen hat er verblüfft eingestellt.
Du schüttelst verneinend den Kopf, seinen Blick weich aber entschlossen erwidernd. Du bist nicht sauer, du gehst nicht vor ihm laufen. Du findest ihn nicht merkwürdig und du bist ganz bestimmt nicht hier, weil du nie wieder etwas mit ihm zu tun haben willst. Hinter seiner Stirn scheinen diese Informationen langsam anzukommen und kitzeln seine Mundwinkel. Das aufrichtige Lächeln, in das seine Lippen übergleiten, gefällt dir gleich um einiges besser als das stumpfe Lachen vorab.
„Cool, danke... Wie geht's dir so?"
„War ein bisschen erkältet; die Jahreszeit eben. Aber ist schon wieder vorbei. Ich hab nicht mal auf der Arbeit gefehlt und es sogar geschafft, schon alle Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Und wie sieht's bei dir so aus?"
Jetzt seid ihr da angelangt, wo Alfred definitiv nicht anlangen wollte. Sein Blick macht einen kontrollierenden Satz zur Türe. Nur um sicher zu gehen, dass niemand dort ist und euch belauscht. Du bist ihm ja eigentlich schon zu viel, wenn es um sein Seelenleben geht. Er schämt sich, es ist eindeutig. Garantiert weiß kein einziger Lehrer und kein einziger Mitschüler von seinem Problem.
„Ganz gut eigentlich! Ich mein, abgesehen von..dieser einen Sache eben..." Seine Schultern machen eine hilflos ruckelnde Bewegung, bei der er der Tür und dir den Rücken zukehrt und sich wieder auf die pompös gestaltete Leinwand direkt vor euch konzentriert. Sein rechter Fuß tippt leise und schnell, ohne noch etwas zu haben, was er wegtreten kann.
Du hast den untrüglichen Eindruck, Alfred wage es nicht recht, mit dir zu reden oder dir überhaupt in die Augen zu sehen. Vorbehalte und Ängste dürften da ihre Finger im Spiel haben. Aber müsst ihr so unbedingt reden?
Ein Zeichen setzend, kommst du um die kleine Tischgruppe herum und setzt dich still neben Alfred. Nicht zu nah, nicht zu weit weg und ihn anlächelnd, als du Platz nimmst. Er lächelt zurück, wenn auch nur flüchtig. Das Leuchten in seinen blauen Augen spricht von Unsicherheit, von wollen und doch nicht können. Von so viel innerer Unruhe und so wenig Selbstvertrauen. Du hast ihn wohl mit deinem Überraschungsbesuch gehörig aus dem Konzept gebracht. Demnach ist es nur fair, nicht zu viel von ihm zu erwarten.
Schweigend betrachtet ihr die Leinwand vor eurer Nase. Du zählst die Sekunden nicht, doch deine Augen finden Alfred nach kürzester Zeit wieder wesentlich interessanter als das Bild. Als du zur Seite linst, wird dir bewusst, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Keiner von euch schaut weg, obwohl der Impuls in euren Bäuchen kitzelt. Euer Blickkontakt bleibt am Leben. Die vielen Farben der Sternenwand liegen auf Alfreds Gesichtszügen; das Unentspannte und Verängstigte beinahe gänzlich übermalend.
Dass du hier sitzt, dass du mit ihm sprichst, dass du aufrichtiges Interesse an ihm hast – all das kann er nun nicht mehr in Frage stellen. Nichtsdestotrotz möchtest du auch seine letzten Zweifel auslöschen. Sie sollen nicht länger zwischen euch stehen und die Dinge kompliziert machen. Du warst mindestens genau so lange ein elendiger Feigling wie er. Du hättest dir so viel ersparen können, hättest du ihn nur früher nach seiner Handynummer oder seiner E-Mailadresse gefragt. Heute, hier und jetzt, wo es euch und das bunte Licht in einem nach Waffeln, Popcorn und Zimtzucker riechenden Raum gibt, gibst du dir einen inneren Ruck.
„Alfred?", beginnst du mit unterschwelligem Zittern in der Stimme, jedoch ohne seinen Blick loszulassen. Du bist dir deiner Sache sicher.
„Hm?"
„Möchtest du vielleicht 'nen Kaffee mit mir trinken gehen? Ich mein, mal so richtig. Ohne dass ich eigentlich arbeite..." Deine letzten Silben kommen etwas kopflos daher. Er versteht dennoch: du willst eine Verabredung mit. Ein echtes Date.
„Jetzt?!"
„Ja, zum Beispiel..." Nickend rutschst du von der Tischplatte, sodass er automatisch zu dir aufschaut wie zu einer mystischen Märchengestalt. Deine Hand schwebt plötzlich einladend vor ihm. Er soll zugreifen. Nicht weil er nicht alleine aufstehen kann, sondern damit er – im wahrsten Sinne des Wortes – fassen kann, was hier vor sich geht. Was auch immer sein Arzttermin ergeben hat, du möchtest ihm eine Chance geben und du hoffst, er gibt euch auch eine...
Blitzschnell wechselt seine Aufmerksamkeit zwischen deinen Fingern und deinem Gesicht. Seine Pupillen springen, dein Herz springt schneller. Ist von so extremer Nervosität geplagt, dass dir ganz schwindelig wird, je länger er dich zappeln lässt.
Als du seine Hand endlich wahrnimmst, seine Finger spürst und seine warme Berührung registrierst, grinst er und wird glatt ein bisschen rot um die Nase. Was dich aber eigentlich berührt, ist die Tatsache, dass er glücklich wirkt. Nicht besorgt, nicht bezweifelnd, nicht überschwänglich. Einfach nur glücklich. Es gibt für ihn keinen Grund, dir nicht zu vertrauen und sein Lächeln hat etwas von diesem unbeschwerten, offenen und herzlich das Leben liebenden Lächeln, was dir vor langer Zeit den Kopf verdreht hat.
Sein Körper ist im Inbegriff aufzustehen, als deine zweite Hand sich verselbständigt und keine Sekunde später Bekanntschaft mit Alfreds Gesicht macht. Du kannst den Verlauf seines Kieferknochens nachempfinden, als deine Finger über seine rechte Gesichtshälfte hinweg bis in seinen Nacken gleiten. Dein Daumen bleibt irgendwo vor seinem Ohr, auf seiner Wange, liegen und streift kurz den dünnen Bügel seiner Brille.
Sein Lächeln zuckt; es hüpft und es erstarrt letztlich, als in dir ein Kurzschluss stattfindet und du dich zu Alfred hinab beugst. Deine Lippen seine berühren, voller Aufrichtigkeit und Hingabe. Du nicht wagst, ihn fest zu küssen und du trotzdem genug Tapferkeit besitzt, um den Kuss langanhaltender ausfallen zu lassen als ein scheues Küsschen. Deine Lippen drücken sich sanft gegen seine, derweil du seinen nervösen Atem kostest. Die Luft prickelt angenehm auf deiner Haut und besitzt den Charakter von Funken sprühenden Sternschnuppen, die klammheimlich zu Boden sausen und tief in deiner Brust einschlagen.
Alfred schmeckt nach Puderzucker und süßen Waffeln. An seiner Unterlippe ist die Haut auf der rechten Seite leicht rau, so als habe er zu lange und zu exzessiv auf der Stelle herumgekaut. Als ihm die Tragweite deiner Geste bewusst wird, durchzuckt ihn eine Woge purer Aufregung. Seine Augen schwellen an, wie bei einem Kleinkind, welches am Weihnachtsmorgen unverhofft einen gigantischen Berg Geschenke unterm spärlich geschmückten Baum vorfindet. Sein Lächeln wird so weit, dass du dich lachend von ihm lösen musst. Vermutlich bist du roter als jemals zuvor in deinem Leben, doch das ist es alle male wert.
Deine Hand liegt noch immer dort, wo du sie vor wenigen Sekunden abgelegt hast. Deine andere Hand wird sanft drückend von Alfreds Fingern umschlossen. Dann blitzen seine Augen urplötzlich auf. Dir bleibt keine Zeit, um noch etwas zu sagen oder gar zu tun, denn er zieht vollkommen unerwartet an dir. Der Ruck lässt dich zunächst befürchten, das Gleichgewicht zu verlieren – doch Fehlanzeige. Alfred ist ja da und er reißt dich mit so viel Willen und so viel neu gewonnener Zuversicht an sich, dass sogleich all deine Bedenken im Nichts verschwinden. Den Kopf in den Nacken gelegt, fangen seine Lippen hungernd die deinen ein. Er weiß nicht, was er tut, aber er tut es hingebungsvoll und du hast schon lange den letzten klaren Gedanken verloren, als ihr euch gänzlich in dem festen Kuss verliert.
Ganz von selbst sucht sich seine freie Hand ein Plätzchen an deinem Becken und gleitet ein Stückchen aufwärts, bis sie sich in deine Taille schmiegt. Du zerfließt innerlich wie Wachs, unterdessen sich eure Lippen stetig besser kennen lernen.
Als ihr euch schließlich wieder voneinander löst, hast du den Eindruck, deine Gefühle spiegeln sich 1:1 in Alfreds Gesicht wider. Es bedarf keiner weiteren Worte. Zwischen euch zirkuliert Sternenstaub und hat euch in ein fremdes Universum katapultiert. Du kannst schweben, so leicht scheint dein Körper.
Als Alfred dich mitsamt einem enthusiastischen „Gehen wir!" an der Hand aus dem Raum zieht, kannst du nicht mal mehr die Schritte spüren, die du machst. Du bist nur noch empfänglich für das verschwörerische Grinsen und die unabdingbare Wärme, die ihr teilt. Einem Ballen Luftschlangen, die einst an der Wand hingen und nun als wildes Nest auf dem Boden liegen, ausweichend, knuffst du Alfred neckisch in die Seite. Die unvorhersehbare Geste lässt ihn glatt straucheln.
„Oah hey, wofür war das denn?"
„Dafür, dass du nicht mal eher was gesagt hast!"
„I-hich?!" Empört bläst er die Backen auf und stößt Luft aus, woraufhin seine Ponysträhnen flattern. „Ich bin doch schon immer Kaffee kaufen gekommen!"
„Ja, aber das muss ja noch lange nichts heißen! Ich mein, selbst als ich dir den Cookie umsonst mitgegeben hab, hast du nix gesagt!"
„Was sollt' ich denn auch sagen?! Ich hab mich in dem Moment einfach nur gefreut! Is' doch wohl nich' verboten!" Sein Gesicht ist unübersehbar gerötet, als er den Blick von dir aus zur Decke schweifen lässt. „Und ich wollt' mich ja auch noch bedanken, also beim nächsten Mal, aber da..na ja..." Er unterbricht sich selbst und du schlägst milde die Augen nieder.
Ihr wisst beide, was vorgefallen ist. Ihr wisst auch beide, dass ihr über diese Sache, die Alfreds Leben überschattet, reden müsst. Da führt kein Weg dran vorbei. Er hätte dich nicht geküsst und er würde jetzt nicht mit dir aus der Schule spazieren, wenn er sich nicht dafür entschieden hätte, es mit dir zu versuchen. Das rechnest du ihm hoch an. Insbesondere wenn du dir ins Gedächtnis rufst, dass Matthew dir mitgeteilt hat, dass Alfred sich ursprünglich anders entschieden hat. Vielleicht nur aus einer Laune heraus, vielleicht war es aber auch ein Ergebnis seiner Ängste. Du wirst es sicherlich noch erfahren.
Vorerst ziehst du ihn mit Hilfe eurer sich aneinander haltenden Hände näher an dich heran und stellst dich zugleich auf die Zehenspitzen. Bevor er in irgendeiner Weise reagieren kann, küsst du flink seine Wange. Nur um ihm zu signalisieren, dass es okay ist. Es war zwar nicht okay, was er damals gesagt hat. Aber es ist mehr als okay, dass er sich dafür entschieden hat, daran zu arbeiten, dass so etwas hoffentlich nie wieder geschieht.
