Der dekadente Duft teurer Trinkschokolade umschmeichelt dich, als du die Türe zu dem kleinen Bad, was zu Alfreds Zimmer gehört, öffnest. In dem Raum, den du verlässt, hat die Luftfeuchtigkeit einen weißen Film auf die gläsernen Spiegelflächen gemalt. Dein Körper kommt dir leicht vor. Geborgen und unbeschwert, fernab von Zeit und Raum.
Auf dem Nachttisch neben dem Bett stehen zwei große Tassen, auf denen das Logo der New York Yankees prangt und deren dampfender Inhalt den köstlichen Geruch verströmt. Alfred hat euch Kakao gemacht. Den Kakao, den du ihm vorhin geschenkt hast. Die Cookies liegen auf einem sternenbunten Weihnachtsteller neben den Tassen.
Alfred, dem du den Vortritt im Bad gelassen hast, liegt bäuchlings auf dem Bett. Nicht mehr das teure Hemd am Leibe, sondern einen gemütlichen Sweater. In der Hand hält er sein iPhone, was er sofort desinteressiert herab senkt, als du dich zu ihm gesellst.
„Hab uns Kakao gemacht!"
„Schon gesehen, du Held. Wie schmecken dir die Cookies? Hast du probiert? Oder ist dir noch schlecht?"
Seine gute Laune flaut ab, obwohl du gar nicht beabsichtigt hast, die Stimmung zu trüben. Alfred bemüht sich ums Lächeln, er tut es wirklich, du kannst es deutlich sehen.
„Hat dir Matthie gesagt, dass mir schlecht war?" Seine Aufmerksamkeit wechselt zwischen dir und den Cookies auf dem Teller. Mit einer raschen Bewegung greift er über dich hinweg und stellt den Teller im nächsten Moment vor euch auf die Matratze.
„Äh, ja. Als er mir eben die Tür aufgemacht hat, hat er gesagt, du hättest dich deswegen hingelegt nach dem Essen." Deine Stimme hält sich an einen vorsichtigen Ton. Du möchtest nicht, dass Alfred glaubt, du würdest hinter seinem Rücken alles mit seinem Bruder bereden. So ist es ja nun nicht, obwohl es höchstwahrscheinlich kein „ihr" geben würde ohne Matthew.
Einen Cookie zwischen Daumen und Zeigefinger nehmend und ihn wie eine seltene Münze in die Luft hebend, gibt Alfred ein bestätigendes Geräusch von sich. Sein linker Mundwinkel wirkt abwägend schief, sein Haar ist ein flüchtig geordnetes Durcheinander. Längst luftgetrocknet nach der kurzen Dusche und das Aroma von neu entdeckter Freiheit verströmend.
„Hat er dir auch gesagt, dass das von den blöden Tabletten kommt?", will er wissen, schaut dich aber nicht an.
Du schüttelst leicht verneinend den Kopf. Alfred muss es spüren, so dicht wie ihr beieinander liegt. Dass ihm von den Medikamenten übel wird, hat er dir gegenüber schon mal am Telefon erwähnt und du hast es obendrein auf seinem Blog gelesen. Letzteres wirst du ihm aber gewiss nicht unter die Nase reiben.
Mit einem Seufzen tippt er auf den Cookie, sodass kleine Krümel auf den Teller rieseln.
„Ich würd' die Dinger am liebsten gar nicht schlucken!" Es kracht, als Alfred vernichtend in den Cookie beißt und dir eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Sein Blick stiert geradeaus und wirkt wütend, frustriert, resigniert. Irgendwie alles auf einmal.
„Was sollen die eigentlich bewirken?" Die Luft leicht anhaltend, beobachtest du, wie Alfred einen weiteren Bissen nimmt. Bislang habt ihr euch nicht darüber unterhalten, wie seine Behandlung genau aussieht. Er hat dir natürlich von den Medikamenten und den Arztterminen erzählt, aber er hat sämtliche Details ausgespart. Auch jetzt scheint er nicht recht mit der Sprache herausrücken zu wollen, sondern isst lieber den Cookie auf. Du drängst ihn nicht zu antworten. Als er den Mund endlich leer hat, schenkt er dir ein Lächeln und deutet auf die Cookies.
„1a Ware!"
„Danke."
Er greift ungeniert zum nächsten Cookie. Allerdings nicht, um ihn selber zu essen, sondern um ihn dir hinzuhalten. Brav parierend zwackst du ein Stückchen ab und kaust. In deinem Mund breitet sich sogleich der reichhaltige Geschmack guter Zutaten aus.
Alfred hat deine Frage genauso wenig vergessen wie du.
„Die sind dazu da, um diese komischen manischen Episoden abzuschwächen, die ich manchmal krieg. Und außerdem sollen die meine Laune insgesamt irgendwie regulieren..." Seine Achseln zucken, soweit es seine momentane Position zulässt. Wirklich wohl fühlt Alfred sich allerdings nicht.
„Willst du darüber reden oder nicht?", fragst du deswegen frei heraus. Du willst ihn nicht verbal schubsen. Das hast du schon zu oft getan und es ist jedes Mal darauf hinausgelaufen, dass er sich wie ein in die Ecke getriebenes Tier aufgeführt hat: Angriff oder Rückzug, Lächeln oder Türmen. Gerne auch beides zugleich.
Für einen kurzen Moment schließt er die Augen. Seine Mundwinkel spielen nicht mit, als er ein zögerliches „Doch, is' schon okay" verliert. Es ist kein Akt der Freundlichkeit, sondern ein Akt des Versuchens, den er sich selbst abverlangt. Euch zuliebe.
Die rechte Hand hebend, finden deine Finger ein angenehmes Plätzchen in seinem Nacken. Deine Fingerspitzen machen Bekanntschaft mit den feinen, hellen Härchen dort. Die Berührung lässt Alfred sichtlich erschauern und entlockt ihm ein Wohlfühlgeräusch, das auch seine Lippen tanzen lässt.
„Ich soll eben die Tabletten nehmen. Es is' auch normal, dass mir davon schlecht wird. Also anfangs, meinte der Doc. So die ersten 3-4 Wochen, dann hat sich der Körper dran gewöhnt. Außerdem muss ich so was hier machen..." Sein iPhone erneut zückend, tippt er aufs Display und öffnet ein Programm. „Das sind halt so Stimmungsprotokolle. Ich soll die in den nächsten Wochen erst mal täglich ausfüllen, damit der Doc 'nen besseren Überblick kriegt."
Seine Fingerspitze bringt euch einem solchen Protokoll näher, die er in einer Art Kalenderform anlegt. Neben der Tageszeit ist noch jeweils eine Spalte für die Stimmung, die vorgenommene Aktivität und für die beteiligten Personen vorhanden. Das iPhone macht es Alfred leicht, jederzeit eine Eintragung vorzunehmen. Der heutige Tag ist da keine Ausnahme und bereits bis zur Mittagszeit ordentlich ausgefüllt. Alfred ist sich sehr wohl bewusst, wie wichtig das für ihn und seinen Behandlungserfolg ist. Die letzte Eintragung des heutigen Tages bezieht sich auf das gemeinsame Mittagessen mit seiner Familie. Alfreds Gesichtsausdruck wird plötzlich schelmisch und haftet ungeniert an dir.
„Ich glaub aber, was wir gemacht haben, geht meinen Psychoklempner nix an. Andererseits..." Sein Finger schwebt drohend über den Buchstaben, doch noch ehe er etwas eintippen kann, gehst du hochrot dazwischen.
„Nein! Also so genau muss er das bestimmt nicht wissen! Schreib einfach, dass ich zu Besuch da gewesen bin", schlägst du diplomatisch vor und streichst dir etwas nervös durchs Haar, weil es für dich nach wie vor schwierig zu begreifen ist, was da eben zwischen euch vorgefallen ist. Nicht, dass du es nicht gewollt hättest. Du hast es nur einfach nicht erwartet und wirst einige Zeit brauchen, um zu realisieren, wie nah ihr euch körperlich gekommen seid und wie gut dir seine Nähe getan hat. Immer noch tut.
Gnädig schmunzelnd schließt Alfred seinen Tagesplan und öffnet ein weiteres Dokument. Wiederum ein Plan, dieses Mal allerdings wesentlich länger und weniger an einzelnen Wochentagen orientiert, als vielmehr an Monaten und Ereignissen.
„Das ist so 'ne Liste. Da soll ich reinschreiben, wie ich mich rückblickend so gefühlt hab, zum Beispiel in den letzten Ferien und am Ende des Schuljahres und was ich gemacht hab und was passiert ist und alles..."
Alfred kann auf einer Skala Stimmungspunkte angeben und so notieren, wie er sich zu welcher Zeit gefühlt hat. Das Programm zeichnet dann für ihn eine Stimmungskurve, so wie ein grafikfähiger Taschenrechner. Für eine grobe Übersicht über die vergangenen Monate. Spontan kannst du nicht sehen, für wie viele Monate er das rückwirkend tun kann, aber vermutlich reicht es bis in eine Zeit zurück, in der ihr euch noch lange nicht kanntet.
„Dann musste ich noch so andere Sachen ausfüllen. Was ich für Hobbies hab, was mir Spaß macht, was ich scheiße finde. Kein Plan, was ich da alles schon ausgefüllt hab. Der Doc weiß ja bald mehr über mich als ich selbst!" Müde lachend schiebt Alfred das iPhone wieder beiseite, neben das Kopfkissen. Deine Finger schmeicheln seinem Nacken, während du vor deinem inneren Auge siehst, wie dein Freund regelmäßig verunsichert in einer therapeutischen Praxis sitzt und artig zu Protokoll gibt, was von ihm verlangt wird.
„Es is' nicht heilbar..."
Leicht kneifst du die Augen zusammen, so als würde das die Worte lauter machen. Natürlich funktioniert das so nicht, aber du hast schon verstanden. Das Problem ist nur, dass du es längst weißt. Du hast es gelesen: in dem medizinischen Wälzer und im Internet. Wenn Alfred eine manisch-depressive Störung hat – und darauf weist zurzeit alles hin –, dann wird er sie sein Leben lang haben. Er kann dagegen keine Pille nehmen und alles ist wieder gut... So einfach ist das nicht.
Er kaut am nächsten Cookie, als du deine Stimme endlich wiederfindest.
„Aber du kannst daran arbeiten, dass es nicht mehr so schlimm ist."
Er nickt prompt.
„Jo..." Der Keks wandert melodisch zwischen seinen Zähnen umher, dann schluckt er. „Das ist so das Therapieziel. Aber..." Deine Hand entgleitet seinem Nacken, als er sich unerwartet auf den Rücken herumdreht und zu seiner Zimmerdecke hinauf schaut. Seine Augen wandern, entlang der Decke, zum Fenster, wieder zur Decke. Es geht schnell und langsam zugleich. „..das klingt jetzt vielleicht 'n bisschen bescheuert, aber könntest du mir was versprechen?"
„Was?" Du setzt dich auf, indessen er die passenden Worte zu suchen scheint.
„Wenn ich..also wenn ich noch mal so scheiße zu dir bin wie damals, dann lass dir das nich' gefallen. Geh einfach oder schimpf von mir aus zurück oder so." Seine blauen Augen vollführen einen wagemutigen Sprung und werden von deinem Blick aufgefangen. Du nickst und schubst die eisige Erinnerung von euch weg. Du weißt, dass Alfred nicht darauf abzielt, dir weh zu tun. Das hat er damals auch nicht. Es war die Manie, die ihn so über die Stränge hat schlagen lassen.
Für dich steht außerdem fest, dass du nicht jeden Abend oder jeden Morgen damit verschwenden wirst, dir Denkfalten darüber einzuhandeln, ob heute oder morgen der Tag sein könnte, an dem sich die Manie wieder an Alfreds Wesen zu schaffen macht. Das wäre nicht richtig. Genauso wenig möchtest du dich aber mit permanenter Angst vor dem anderen Extrem herumschlagen. Deswegen musst du ihn jetzt etwas fragen, auch wenn es dir extrem schwer fällt.
„Wenn du nicht manisch bist, sondern depressiv, wolltest du da schon mal..? Ich mein, hast du schon mal daran gedacht, dich...?" Deine Stimme versagt kläglich und etwas brennt plötzlich in deinen Augen. Es wegblinzelnd spürst du, wie Alfreds Blick hohl von dir herunterrutscht und all seine Gesichtszüge mitzieht. Seine rechte Hand kratzt nervös an seinem Hals. Über rote Stressflecken, die bis vor zwei Sekunden noch nicht dort waren.
„Das ist ja jetzt vorbei", sagt er mit mehr Zuversicht, als er besitzt. Gar nicht mehr jung wirkend, sondern älter als du ihn je erlebt hast. Dein Erscheinungsbild veranlasst ihn dazu, sich ebenfalls aufzusetzen und dein Gesicht mit den Händen zu umschließen. Ein bisschen meinst du ihn zittern zu spüren.
„Ich nehm im Moment noch ein Antidepressiva. Also das hat mir der Doc zusätzlich zu den anderen Pillen verschrieben..."
„Fühlst du dich denn dadurch besser?" Deine Nasenspitze berührt sanft die seine, als du deine Stirn gegen seine legst. Dir ist nicht egal, was Alfred alles an Medikamenten nehmen muss. Mit diesen Tabletten ist garantiert nicht zu spaßen. Doch wenn sie dafür sorgen, dass es ihm besser geht, muss das für alle Beteiligten vorerst in Ordnung sein. Du weißt immerhin, wie er aussieht, wenn er zu Tode betrübt ist... Du bist davon überzeugt, dass du es ertragen könntest, wenn er wieder in die Manie überwechselt. Aber du bezweifelst, dass du es gut verträgst, wenn er zurück in eine schwere depressive Phase rutscht. Das ist kein Zustand, wo jemand einfach nur ein wenig bedrückt ist und durch ein paar Blödeleien wieder zum Lachen gebracht werden kann. Das ist ein Zustand, der einen Menschen so tief verzweifeln lässt, dass er sterben möchte.
An deiner Nase registrierst du eine leichte Regung, als Alfred dir als Antwort zunickt. Seine Augen sind verunsichert, aber aufrichtig. Dieses Mal weicht er deinem Blick nicht aus. Er weiß, dass er es schaffen kann. Er hat akzeptiert, dass er krank ist.
„Don't worry, okay?! Falls es wieder schlechter wird-"
„Sagst du mir und vor allem deinem Arzt Bescheid", beendest du für ihn den Satz – anders als von ihm geplant. Sein gesamtes Ich wollte dich davon fern halten. Es dich bestmöglich nicht wissen lassen. Doch genau das hältst du für falsch. Es ist keine Schlacht, die Alfred allein bestreiten muss. Du bist da und du wirst auch in Zukunft da sein. Nicht als Arzt, sondern als seine Freundin. Er blinzelt und begreift. Etwas ist im Raum, das nicht nur deine Augen brennen und glänzen lässt.
Ohne ein weiteres Wort legst du deine Lippen optimistisch auf seine. Schmeckst Cookies und Kakao, Vertrauen und Zuversicht, Gegenwart und Zukunft. Alfred küsst dich, ganz so wie der Junge, der zur Musik im Radio summt und nebenbei mit den Füßen tippelt. Der ausreichend Kreativität besitzt, um ein ganzes Universum zu kreieren und der charakterlich bei weitem stark genug ist, um sich mit dir gemeinsam auf die Reise in eine unbekannte Zukunft zu machen. Mitten ins Ungewisse. Aber Probleme sind dazu da, um sie zu lösen. Nicht, um sich in ihnen zu verlieren. So viel liest du in seinen himmelweiten, blauen Augen und deswegen schiebt er jetzt auch den Keksteller einfach beiseite, als er euch zurück auf die Matratze dirigiert.
• ENDE •
Nachwort: So, das war's. Ich hoffe, alles in allem hat es euch Lesern gefallen. Man kann natürlich noch ewiglich weiterschreiben, ich wollte hier aber einen cut machen, bevor diese Geschichte sich im Nirgendwo verliert.
Jeder von euch kann sich bestimmt auch selber denken, dass so eine manisch-depressive Störung nicht einfach zu handhaben ist. Fakt ist aber, dass eine richtige Behandlung die Lebensqualität der Betroffenen enorm verbessert.
So weit ich richtig informiert bin, gibt es übrigens wirklich Apps etc., die als Hilfe bei der Behandlung eingesetzt werden. Natürlich nicht als einziges Hilfsmittel. Meist werden Medikamente verschrieben, die Betroffene dann ein Leben lang einnehmen. Dabei machen einige Patienten leider den Denkfehler, die Medikamente abzusetzen, wenn sie sich beschwerdefrei fühlen. Jedoch ist die manisch-depressive Störung nicht heilbar, häufig kommt es deswegen nach dem Absetzen der Medikamente wieder zu (starken) manischen und/oder depressiven Phasen.
Derzeit spiele ich mit dem Gedanken, vielleicht einen kleinen OS zu schreiben über die Zeit, als Alfreds Verhalten sich so offensichtlich zu ändern begonnen hat. Also würde es ein OS über Alfred und Matthew sein. Ein wenig Einblick dahingehend habt ihr ja auch in Alfreds Blogeinträgen bekommen. Aber ich weiß noch nicht, ob/wann ich dazu komme. Insofern kann ich nichts versprechen. Andererseits mag ich geschwisterliche Geschichten mit hurt/comfort Einlage. Also vielleicht lesen wir uns wieder... ^^
