7.
Matthew rannte los so schnell er konnte, fiel auf die Knie und schaufelte so schnell es ging mit seinen Händen den losen Schnee weg.
"HALLO?! KÖNNEN SIE MICH HÖREN?" rief er so laut, dass sicherlich kein Tier sich für einen Monat in diese Gegend trauen würde.
Bald traf er auf etwas härteres als Schnee. Seine Schulter. Hektisch legte er den Kopf frei. Das Gesicht des Mannes war mit einem Schal fast vollständig vermummt, doch man sah wie es ganz starr war und bläulich verfärbt.
"Oh bitte nicht! Hallo? Können sie mich hören?" wiederholte Matthew noch einmal. Er nahm das Gesicht des Fremden in beide Hände und schlug ihm sachte auf die Wange.
"Bitte. Bitte!", flehte Matthew den Fremden an. Gleichzeitig fing er an den Schnee von dem Oberkörper des Mannes zu entfernen, damit er leichter atmen konnte, falls er es noch konnte.
Die Tanne war unglücklich auf ihn gestürzt. Sie begrub vom Bauch abwärts fast den ganzen Körper unter sich und dazu waren seine Arme ebenso eingeklemmt. Das einzig Positive war, dass kein Ast seinen Weg durch die Pelzlederjacke gefunden hatte, die der Mann trug.
"Antworten Sie bitte!" Matthew war den Tränen nahe. So einen grausigen Tod hatte keiner verdient. Wenn er nur mit ihm Plätze tauschen könnte. Soweit Matthew es wusste, konnte er selbst nicht sterben.
Er sah dem Mann noch einmal in das Gesicht und erschrak. Die Augen, die erst starr in die Luft geschaut hatten, fixierten Matthew, als wäre er ein Wesen aus einer anderen Welt. Blanker Unglauben lag in dem Blick seiner brauen Augen. Kurz seufzte Matthew erleichtert aber die Gefahr war noch nicht gebannt.
"Sie leben noch, ein Glück. Ich hole Sie hier raus, keine Sorge. Blinzeln Sie, wenn Sie mich verstehen."
Die Augenlider des Fremden schlossen und öffneten sich unendlich langsam. Matthew merkte, dass selbst die Wimpern vereist waren, das Blinzeln musste höllisch schmerzhaft sein.
"Sehr gut. Hören Sie, Sie müssen um jeden Preis wach bleiben. Konzentrieren Sie sich am besten auf meine Stimme."
Während er das sagte begann er mit, leider, geübten Griffen den Schnee um den Mann zu entfernen, bis er die Arme frei bekam. Er versuchte daraufhin seine Hand so gut es ging unter den Oberkörper zu bringen und ebenfalls dort den Schnee wegzuschieben, damit er den restlichen Körper unter der Tanne wegziehen konnte.
Er wünschte sich in dieser Situation Alfred her oder seine Kraft. Er hätte die Tanne einfach aufgehoben und weggeworfen.
Matthew hatte keine Ahnung was er sagen sollte. Sein Gehirn lag blank. Nur den Mann aus dem Schneegrab herausholen, worüber anders konnte er nicht nachdenken.
Er beschloss sich einfach vorzustellen, weil ihm nichts besseres einfiel.
"Mein Name ist Matthew Williams. Eigentlich lebe ich in Ottawa und habe keine Ahnung wie ich hier her gekommen bin, aber Ihre Hütte hat mir das Leben gerettet. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen Sachen und etwas zu Essen entwenden musste. So, ich versuche Sie jetzt herauszuziehen."
Die Worte purzelten aus seinem Mund, obwohl den Mann es nun kaum interessierte, ob ein paar Äpfel aus seinem Keller fehlten.
Als sei er alltägliche Routine, griff Matthew dem Fremden unter die Arme und stemmte seine Füße tief in den Schnee.
Er zog nach Leibeskräften.
Der Fremde bewegte sich jedoch nur wenige Zentimeter. Ein unbarmherziges Ergebnis, dafür dass Matthew vor Anstrengung der ganze Körper zitterte.
Doch an aufgeben war nicht zu denken. Noch einmal schob der Schnee unter dem Körper des Mannes weg und ging sicher, dass sich die Füße in keinen Ästen verfingen.
Zwei Versuche brauchte es noch, bis Matthew den Fremden befreien konnte. Ihm schmerzte der ganze Körper. Mit seinen vollgesogenen Sachen, war der Fremde umso schwerer.
"So, das ist geschafft. Halten sie durch! Ich bringe Sie zur Hütte. Bitte bleiben Sie wach!"
Mit Müh und Not zog Matthew den Fremden über seine Schulter, sodass er ihn an den Armen halten konnte. Der Fremde ließ ein kraftloses Stöhnen von sich.
'Verdammt! er zittert nicht mehr. Er muss sofort ins Warme!'
Mit dem Fremden auf den Rücken sank Matthew tief in den Schnee und kam quälend langsam voran. Zu langsam. Er war dabei völlig zu verzweifeln.
'Wäre Alfred nur hier!'
Bitter sah Matthew, dass er es wieder ohne seinen Bruder nicht schaffen würde und das machte ihn nur noch mehr verzweifelter und dazu noch wütend. Er war wütend auf sich und seine Schwäche, seine Hilflosigkeit.
Er biss die Zähne zusammen und versuchte kräftiger und schneller vorwärts zu kommen.
'Warum bin ich nur so nutzlos, wenn jemand Hilfe braucht, Sein Leben hängt davon ab! Jetzt zieh es auch durch Matthew Williams!'
