9.
Völlig erschöpft ließ Matthew den Fremden auf das Bett sinken. Er fragte nicht nach seiner Erlaubnis, sondern begann sofort dem Fremden seine Sachen auszuziehen.
Zuerst wickelte er den ausgeblichenen grünen Schal von seinem Kopf. Darunter hervor kamen schulterlange, widerspenstige, wellige blonde Haare und ein kantiges, bartloses Gesicht. Alles schien in Ordnung zu sein, Matthew konnte weder abgefrorene Stellen noch Frostbeulen erkennen.
Als Matthew das Gesicht musterte fühlte er sich seltsam. Es war eine jener instinktiven Gewissheiten, die einem sagen dass man diese Person mögen wird. Sie ergeben keinen logischen Sinn aber man wusste es einfach.
Der Fremde hielt sich nur mit Müh und Not aufrecht, sackte immer wieder nach vorn oder nach hinten, wollte sich aber nicht hinlegen, wohl damit Matthew ihm einfacher die nassen Sachen ausziehen konnte. Nachdem sie sich aus der Felllederjache, dem Pullover aus dicker fettiger Wolle und dem rot-schwarzen Karohemd gekämpft hatten, untersuchte Matthew den Oberkörper des Fremden. Betrübt sah er etliche blasse Narben auf dem Oberkörper des Fremden.
'Das Leben hier draußen muss hart sein. Sind das Kratzspuren von Bären? Wieso hat er es freiwillig gewählt?', fragte sich Matthew und machte sich daran die riesigen Schuhe auszuziehen. Die kniehohen, am Schaft geschnürten Stiefel aus zu bekommen war ein weiterer Kraftakt. Während des Ganzem schwiegen beide, aber der Fremde verfolgte jeden von Matthews Griffen, was diesem recht unangenehm war.
"Haben Sie eine Wanne hier?", versuchte Matthew der unangenehmen Situation zu entkommen. "Nein.", krächzte der Fremde kaum hörbar. "Einen Topf? Oder ähnliches?" "Bärenkorb. Holz." Seine Stimme brach zwischendurch ein paar Mal. "Kessel. Pfanne." "Das wird nur minder helfen, aber gut."
Nachdem die Hosen ausgezogen waren setzte Matthew dem Mann eine Mütze auf und legte ihn unter die Decken. Er selbst schälte sich aus seiner äußersten Kleidungsschicht, um sich besser bewegen zu können und machte sich daran Feuer zu entfachen. Alles unter dem wachsamen Blick des Fremden.
'Muss er mich die ganze Zeit anstarren?' Matthew versuchte so gut wie möglich die Blicke zu ignorieren.
Er fand in den niedrigen Schränken neben der Feuerstelle einen Dreifuß um ihn über die Feuerstelle zu stellen. Er legte darauf die Pfanne.
Daraufhin breitete er alle nassen Klamotten auf dem Boden und auf dem Stuhl aus, damit sie trocknen konnten. Matthews Sachen, die er den Tag vorher dabei hatte waren über Nacht trocken geworden.
Langsam wurde es mollig warm in der Hütte und Matthew packte das Proviant aus, das er vorsorglich mit auf die Suche genommen hatte. Den Apfel daraus schnitt er auf ein Nicken des Fremden klein, damit man nicht wirklich kauen musste. Er selbst aß die Schale und das Kerngehäuse, mit dem Rest ging er hinüber zu dem Fremden.
Matthew musste ihm aufhelfen und dann versuchte der Fremde den Arm zu heben. Doch ihm gehorchte er nicht.
'Gut, dann noch etwas peinliches. Als hätte ich ihn nicht schon ausgezogen.'
"Dann muss ich Sie wohl füttern." Da zeigte der Fremde erstmals eine Reaktion. Seine Augen weiteten sich und man sah sofort, dass er peinlich berührt war.
"Nur einen Apfel. Ich sags auch keinem." Schwach verzog sich der Mund des Mannes zu einem Lächeln.
"Nun einmal bitte den Mund öffnen." Gehorsam öffnete er immer wieder den Mund, bis der ganze Apfel verschwunden war
