Anmerkung der Autorin: So, weiter geht's. Herzlichen Dank für eure Reviews zum letzten Kapitel; ich habe mich wirklich sehr, sehr, sehr gefreut! Das heutige Kapitel ist wieder etwas länger und beinhaltet die zweite Vorlesung. Die Briefe werden besprochen, einige Studenten kommen endlich zu Wort und wir erfahren, wenn wir genau hinschauen, ein, zwei Details über unseren Erzähler/unsere Erzählerin.

Viel Spaß beim Lesen!


Zweite Vorlesung

Du hattest schon schlechte Laune, als du morgens aufgewacht bist, alleine. Du schläfst nicht gut in dem großen Bett, wenn niemand da ist, der es mit dir teilt, und du frühstückst nicht gerne, wenn niemand da ist, der sich mit dir unterhält, und wenn es nur deine eigene Zeitung ist, die leise raschelt. Dennoch sagst du dir, dass deine Studenten nichts dafür können und dass es sie nichts angeht, wenn du schlechte Laune hast (und schon gar nicht, warum du sie hast), und du solltest professionell genug sein, das alles zu vergessen, sobald du den Hörsaal betrittst.

Deine Tasche wiegt schwer in deiner Hand und wippt bei jedem Schritt, den du machst, vor und zurück. Sie ist prall gefüllt mit Briefen und Pergamenten, alt, zerknittert, voller Kaffeeflecken und schokoladenbeschmierter Fingerabdrücke, voller Worte und voller Leben. Du freust dich auf die heutige Vorlesung, trotz deiner schlechten Laune, und du hoffst, wirklich, dass deine Studenten deinen Rat befolgt und sich gut vorbereitet haben.

Geschichte ist kein Zuschauersport.

(Und je früher sie das begreifen und selbst aktiv werden, desto besser, findest du. Es ist deine Aufgabe, ihnen das zu zeigen.)

Du öffnest die Flügeltüren mit deinem Ellbogen, darauf bedacht, den magischen Becher nicht fallen zu lassen, den du in deiner rechten Hand hältst, gefüllt mit heißem, starken Kaffee, um dich durch den Tag zu bringen.

Der Geräuschpegel fällt abrupt, als du den Saal betrittst, du nimmst es stillschweigend zur Kenntnis und läufst zu deinem Pult, um Becher und Tasche abzulegen. Langsam gewöhnst du dich an die Gesichter, die dir entgegensehen, langsam bekommen sie Wiedererkennungswert und du weißt genau, eigentlich solltest du endlich damit beginnen, die Namen zu lernen, damit deine Studenten jemand sind, jemand mit Gesicht und Namen, statt weißer, stummer Masken, die vor dir sitzen und lauschen.

„Guten Morgen", begrüßt du sie und erntest etwas, das bereits deutlicher an eine Antwort erinnert als das schüchterne Echo der vergangenen Woche. Gut, befindest du, es ist gut, wenn sie ihre Scheu ablegen und beginnen, sich normal zu verhalten.

Es fällt dir nicht leicht (es fällt dir nie leicht, mit schlechter Laune), aber du wirfst ein Lächeln in die Runde, schlüpfst aus deiner schwarzen Robe und lässt dir Zeit, während du deine Hemdsärmel etwas hochkrempelst. Sie sollen es sehen, denkst du, sie sollen sehen, dass du auch nur ein ganz gewöhnlicher Mensch bist, dass du atmest wie sie, dass du am Morgen Kaffee brauchst und am Nachmittag heiße Schokolade und dass du ihnen nicht den Kopf abreißen wirst, wenn sie eine Frage haben, die im ersten Moment unsagbar dumm klingen mag.

Du greifst nach deinem Becher, verbrennst dir beim ersten Schluck die Zunge und verziehst das Gesicht kurz zu einer Grimasse, während du gedanklich deine Vorlesung ordnest. Du hast Material dabei, zusätzliches Material, vorsorgehalber, doch zuerst willst du erfahren, was in den Köpfen deiner Studenten vorgeht.

Es ist still geworden im Hörsaal und als du sprichst, hallen deine Worte sachte wider. „Darf ich Sie fragen, ob Sie die entsprechenden Texte zur heutigen Vorlesung studiert haben?", erkundigst du dich ruhig und kannst eifriges Nicken beobachten. Vereinzelt schallen „Ja"s zu dir und plötzlich ist das Lächeln nicht mehr so schwierig. Sie scheinen vorbereitet zu sein, das gefällt dir.

„Wunderbar", nickst du zurück, „Dann können Sie mir ja bestimmt erzählen, was Sie aus den jeweiligen Briefen herausgelesen haben. Oder vielleicht fragen Sie sich auch, warum ich Ihnen Texte gebe, die Elfjährige an ihre Eltern und Großeltern geschrieben haben. Was auch immer Ihnen durch den Kopf schweben mag – bitte teilen Sie es mit mir und Ihren Kommilitonen."

Du hast genügend Zeit, einen zweiten Schluck Kaffee zu nehmen und deine schlechte Laune in die unterste Schublade zu prügeln, bevor die ersten, zögerlichen Hände in die Luft gehen. Sie gehören zu verschiedenen Jungen und Mädchen (nein, Männern und Frauen, erinnerst du dich scharf, sie sind Studenten, sie sind fast erwachsen und du solltest sie dementsprechend behandeln, aber sie sind eben erst aus der Schule gekommen, die Meisten von ihnen gerade mal achtzehn und Merlin, es fällt dir so schwer) mit weißen Gesichtern und Augen, die zwischen Entschlossenheit und Angst schwanken.

Sie brauchen keine Furcht zu haben. Es gibt keine richtige oder falsche Antwort, doch das ist eine Lektion, die sie erst noch lernen müssen.

„Ja", sagst du schließlich und deutest mit der Hand auf einen Jungen in den vorderen Reihen, „Sie, bitte. Und verraten Sie uns netterweise Ihren Namen, damit ich Sie auch ansprechen kann, ja?"

„Boreas Flynn", stellt er sich mit unsicherer Stimme vor und sein leichter, irischer Akzent und der Rotstich im Haar erinnern dich an Seamus, „Sir... die Briefe zeigen uns etwas über die Beziehungen zwischen verschiedenen Schülern der Häuser Slytherin und Gryffindor. Sie geben Aufschluss darüber, wie die Schüler selbst übereinander denken, und sie sprechen ebenfalls an, dass einige Lehrer mehr oder weniger offen Partei für ihr eigenes Haus ergreifen."

Du hörst ihm gespannt zu und schenkst ihm ein aufmunterndes Nicken, als seine Stimme langsam energischer wird. Du weißt, wie schwierig es sein kann, den Anfang machen zu müssen, der Erste zu sein, der, der noch nicht weiß, was auf ihn zukommen wird. Du analysierst nicht sofort, was er euch mitgeteilt hat, du willst ihn nicht verschrecken, sondern motivieren, und du weißt selbst am besten, dass dir das manchmal schwerfällt.

„Mister Flynn hat Recht", verkündest du und beobachtest, halb amüsiert, wie der Junge langsam wieder etwas Farbe bekommt und sich seine Wangen röten. Du schaust dich um, die übrigen Hände sind für den Moment wieder nach unten gegangen und du beschließt, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. „Mister Flynn...", fährst du fort und sein Blick richtet sich auf dich, überrascht und abwartend, „Was halten Sie persönlich von diesen Dokumenten? Glauben Sie, dass sie uns ein aufschlussreiches Urteil erlauben?"

Das Zögern ist wieder da, aber du bist froh, dass er überhaupt antwortet.

„Ich denke nicht", beginnt er und runzelt die Stirn, seine Hände beschäftigen sich nervös mit dem Stapel an Pergamenten, der vor ihm ruht, doch seine Augen sind auf dich geheftet und er scheint nicht zu bemerken, wie ihn alle Anderen anstarren, „Ich meine... das sind persönliche Briefe, die natürlich einen subjektiven Standpunkt vertreten. Nicht zu vergessen, dass sie von Erstklässlern geschrieben wurden. Von Elfjährigen."

„Spielt das Alter denn eine Rolle?", unterbrichst du ihn mit einem feinen Lächeln, lockend, neugierig. Es macht dir Spaß, was gerade passiert. Er denkt mit und das ist das Beste, was dir passieren kann.

„Vielleicht nicht unbedingt", räumt er ein, „Man kann auch mit elf Jahren schon sehr erwachsen denken. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass es ihr erstes Schuljahr ist. Hermione beispielsweise hat vorher noch nie von den verschiedenen Häusern gehört. Alles ist neu für sie und sie versucht, etwas zu verstehen, das nicht erklärt werden kann. Sie weiß nur, wer nett zu ihr ist und wer nicht und sie bemüht sich, daraus Schlüsse zu ziehen. Selbstverständlich ist das subjetiv. Und genau deswegen müssen wir mit diesen Briefen vorsichtig umgehen."

Er hat sich aufgerichtet, mittlerweile, dein Mister Flynn, das Rot auf seinen Wangen hat sich verstärkt und seine Hände fliegen durch die Luft, während er redet. Erst, als er verstummt, scheint er zu bemerken, dass ihn seine Kommilitonen anstarren und seine Lippen verziehen sich zu einem nervösen, verlegenen Lächeln. „Sehr gut", nickst du ihm anerkennend zu, „Sie sind auf dem richtigen Weg, Mister Flynn. Vielen Dank für Ihren Beitrag. Möchte vielleicht sonst noch jemand...?"

Du lässt die Frage im Raum stehen und schaust dich neugierig um. Du weißt aus Erfahrung, dass die Hemmschwelle niedriger ist, sobald jemand den Anfang gemacht hat, und du hoffst, dass es in diesem Semester, mit diesem Kurs, genauso sein wird wie in den Jahren zuvor.

Tatsächlich werden nun einige Hände mehr in die Luft gestreckt und du hast die Qual der Wahl, wen du als Nächstes aufrufen wirst. Du entscheidest dich für eine blonde Hexe mit Brille aus dem hinteren Bereich des Hörsaals.

„Gwendolen Hopkins", erklärt sie mit überraschend dunkler, lauter Stimme, „Meiner Meinung nach zeigen uns diese Briefe auch, wie subjektives Empfinden in Geschichtsschreibung übergeht, und vor allem, dass die allgemeine Geschichtsschreibung eine Siegergeschichte darstellt."

Du lächelst, weil du damit nicht gerechnet hast. Noch nicht. Leises Gemurmel erhebt sich im Saal, während Miss Hopkins kerzengerade dasitzt und dir entgegenschaut. „Miss Hopkins", wendest du dich an sie und der Geräuschpegel fällt wieder, „Würden Sie uns das freundlicherweise etwas näher erläutern? Was ist Siegergeschichte? Und welche Problematik verbirgt sich dahinter?"

Viele Fragen für jemanden in der dritten Woche im ersten Semester, das ist dir bewusst, aber entweder sie kann sie beantworten oder sie kann es nicht und du wirst dich mit beidem zufriedengeben. Du hast es schon längst aufgegeben, etwas Bestimmtes zu erwarten. Du kannst deine Erstsemestler nie miteinander vergleichen, weil jeder für sich einen anderen Stand hat, einen eigenen Level, von dem aus er startet. Und allem Anschein nach hast du gerade zwei Studenten entdeckt, die glücklicherweise schon ein paar Mal ihre Nasen in Geschichtsbücher gesteckt haben und sogar darüber nachgedacht haben, was dort geschrieben stand.

„Nun...", Miss Hopkins rutscht auf ihrem Platz zurecht und ignoriert die vielen Köpfe, die sich zu ihr umgedreht haben, „Siegergeschichte bedeutet, dass nur die Fakten und Ereignisse in die Geschichtsschreibung Einlass finden, die zur siegenden Seite gehören, in diesem Fall Harry Potter. Das hat zur Folge, dass ein eindimensionaler Blickwinkel vorherrscht und bestimmte Details wegfallen, weil sie nicht in das Bild passen, das man sich gemacht hat.

Die Problematik der Siegergeschichte liegt ganz einfach darin, dass Randgruppen übersehen werden. Sie verlieren ihren Platz in der Geschichte, sie fallen weg und irgendwann wird sich niemand mehr an sie erinnern."

„Und was ist daran so schlimm?", hakst du gelassen nach, bewusst provokant, und musst aufpassen, dass du nicht lauthals loslachst, als du den fassungslosen Blick deiner Studentin auffängst. Sie sieht dich an, als könne sie es nicht glauben, und es dauert einen Augenblick, bevor sie sich wieder im Griff hat.

„Wie gesagt", fährt sie schließlich fort und rückt ihre Brille zurecht, „Wir bekommen durch die Siegergeschichte nur einen Blickwinkel dargestellt, nur eine Seite der Medaille. Siegergeschichte bedeutet, die Welt in Schwarz-Weiß zu sehen. Die, die verloren haben, sind meistens die Bösen und die, die gewonnen haben, sind die Guten, die den Rest der Welt vor dem Verderben bewahrt haben."

Miss Hopkins klingt zynisch und da ist etwas in ihrem Gesicht, was dich an jemanden erinnert, entfernt, du kramst in deinem Gedächtnis, während du sie beobachtest und dann macht es Klick , als sie den Kopf auf diese bestimmte Art und Weise dreht und du denkst an einen blonden Slytherinzweitklässler, aber du fragst sie nicht, ob Geoffrey Hopkins ihr Bruder ist, weil du nur allzu gut weißt, dass Toleranz zwar ein hübsches Wort ist, doch meistens auch nicht mehr als das und du willst nicht, dass sie anfangen muss, sich zu rechtfertigen.

„Sehr gut, Miss Hopkins", sagst du stattdessen leichthin und nickst in die Runde, „Sie haben vollkommen Recht. Siegergeschichte zu schreiben, heißt automatisch, alles wegzulassen, was die strahlenden Sieger in einem schlechten Licht präsentiert. Aber vergessen Sie bitte nicht, dass Siegergeschichte nicht darauf hindeutet, dass die Sieger selbst sie geschrieben haben. Es ist nicht ihre Entscheidung, wie sie verewigt werden, und es ist sinnlos, alle Sieger deshalb misstrauisch zu beäugen. Wenn es so einfach wäre, würde Ihr Geschichtsstudium nicht mindestens drei Jahre in Anspruch nehmen."

Ein paar leise Lacher ertönen und du nutzt den Moment, um von deinem Kaffee zu nippen. Die schlechte Laune ist längst vergessen, zumindest für den Moment, denn da ist die brennende Aufregung in dir, die immer auftaucht, wenn du die erste Diskussion eines Semesters startest und zwar erfolgreich. Du bist wieder in deinem Element und alles, was sich in deinem Privatleben abspielt, ist zeitweise im Hintergrund verschwunden.

„Um noch einmal auf meine Frage von vorhin zurückzukommen... Was vermuten Sie denn eigentlich, warum ich Ihnen diese Briefe zum Lesen gegeben habe?", erkundigst du dich, wanderst um dein Pult herum und lehnst dich dagegen, rutschst etwas nach oben und lässt dich auf der Arbeitsfläche nieder, beinebaumelnd, „Ist irgendetwas Besonderes an ihnen? Ich meine, es sind immerhin nur ein paar Fetzen Pergament, die von Elfjährigen an ihre Familienmitglieder geschrieben wurden..."

Du kannst beobachten, wie deine Studenten in ihren Unterlagen kramen, ein wenig hektisch, wie sie ihre Köpfe zur Seite drehen und mit ihren Nachbarn tuscheln und sich ganz offensichtlich fragen, ob du sie gerade aufs Glatteis führen willst oder nicht. Du willst, natürlich, und du bist gespannt, ob jemand dahinterkommen wird, worauf du hinaus möchtest.

Ganz vorne meldet sich ein Junge mit zerstrubbeltem, aschblondem Haar und einer filigranen Goldbrille mit runden Gläsern. Du nickst ihm zu und wartest neugierig auf das, was er euch mitteilen wird.

„Alasdair MacLaine", stellt er sich vor, in sanftem, schottischenglischem Singsang, und du kannst nicht anders, als dich darüber zu freuen, dass du offensichtlich Studenten aus Irland, Schottland und England hier hast, obwohl Dublin, Edinburgh und Glasgow durchaus anerkannte Magische Universitäten haben. Jetzt fehlt dir nur noch ein Waliser und dann bist du glücklich, aber für den Augenblick konzentrierst du dich auf Mister MacLaine.

„Nun, gerade weil diese Briefe von Elfjährigen an ihre Verwandten geschrieben wurden, können wir davon ausgehen, dass sie in gewisser Weise ehrlich sind", beginnt dein Student seine Ausführungen, er klingt konzentriert und leise und so, als hätte er die Briefe mindestens zweimal durchgelesen, „Sie erzählen von alltäglichen Erlebnissen, die auf den ersten Blick vielleicht unwichtig erscheinen, aber es nicht unbedingt sind. Die Verfasser nehmen kein Blatt vor den Mund, auch wenn sie ihren Eltern mit Sicherheit nicht jedes einzelne Detail beschreiben."

Du willst ihn gerade unterbrechen, um an diesem bestimmten Punkt etwas hinzuzufügen, als dir eine andere, unbekannte Stimme zuvorkommt.

„Das ist doch Blödsinn!", erklärt eine weibliche und offensichtlich verärgerte Stimme aus den mittleren Reihen. Alasdair MacLaine verstummt und du folgst den vielen Köpfen, die sich in eine Richtung drehen. In ihrem Zentrum sitzt eine junge Frau mit kurzen, dunklen Haaren und verschränkten Armen, die herausfordernd den Blicken begegnet, die auf sie treffen.

„Und Sie sind...?", fragst du mit hochgezogener Augenbraue und verzichtest erst einmal darauf, sie darüber zu belehren, dass du es nicht sonderlich schätzt, wenn deine Studenten sich gegenseitig nicht ausreden lassen. Diskussionen sind schön und gut, doch du leitest sie lieber, als zuschauen zu müssen, wie dazwischengerufen wird. Immerhin soll jeder die Gelegenheit haben, seine Meinung kundzutun.

„Lucinda Johnson. Lucy. Und ich bin der Ansicht, dass das, entschuldigen Sie bitte meine Wortwahl, vollkommener Blödsinn ist", wiederholt sie ihren Kommentar und du beobachtest, wie Alasdair MacLaine sich ihr interessiert zugewandt hat. Du bewunderst seine Ruhe, aber hinter den runden Brillengläsern kannst du es blitzen sehen und du verübelst es ihm nicht.

„Dürfte ich Sie fragen, warum Sie dieser Ansicht sind, Miss Johnson?" Du hebst deine Stimme leicht an, was dafür sorgt, dass das unterschwellige Gemurmel abrupt abbricht und erneut Ruhe einkehrt. Lucinda Johnson zuckt die Achseln, lehnt sich auf ihrem Sitz zurück und erwidert gelassen, „Natürlich. Es ist vollkommener Blödsinn, weil kein Elfjähriger auf der ganzen Welt die Wahrheit sagt, wenn er Briefe an seine Eltern schreibt. Alles, was irgendwie ein schlechtes Licht auf einen selbst werfen könnte, wird weggelassen. Ich bezweifle zum Beispiel, dass der von Draco Malfoy erwähnte Scherz im Flugunterricht so harmlos war, wie er seine Eltern glauben machen möchte."

„Mister MacLaine? Wollen Sie darauf antworten?", erkundigst du dich höflich und bist erfreut, ein Nicken zu vernehmen.

„Ich habe ja auch nie behauptet, dass alles hundertprozentig so passiert ist, wie es in den Briefen geschrieben steht", fährt der Schotte fort, „Aber ich bin der Ansicht, dass uns die Briefe zeigen, wie gewisse Situationen von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet werden können. Nehmen wir das Quidditchspiel – Ron Weasley war begeistert, sie hatten es den Slytherins gezeigt und Harry war der Held, der das Spiel gewonnen hatte. Draco Malfoy war sauer, weil der Sieg seiner Meinung nach nicht gerechtfertigt war, denn immerhin hatte sich Harry Potter fast am Schnatz verschluckt, statt ihn zu fangen."

„Und ich wette, du warst in Slytherin", platzt Miss Johnson heraus und du seufzst innerlich auf. Das ist eine Diskussion, die du unter allen Umständen vermeiden möchtest.

„Wenn ich an dieser Stelle kurz unterbrechen dürfte...", mischst du dich mit lauter Stimme ein und hebst beschwichtigend beide Hände in die Luft, „Wir sollten uns darauf konzentrieren, auf sachlicher Ebene miteinander zu diskutieren. Wer in welchem Haus in Hogwarts gewesen ist, tut hier nichts zur Sache. Ich gehe ehrlich gesagt davon aus, dass sich viele von Ihnen untereinander kennen – die meisten sind schließlich im gleichen Alter und dürften daher die gleiche Jahrgangsstufe besucht haben. Nun sind Sie allerdings an der Magischen Universität. In Oxford, wenn ich Sie daran erinnern dürfte. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie Ihre Hogwartsvergangenheit hinter sich lassen und Ihre Kommilitonen in vollkommen neutralem Licht betrachten. Ich möchte nicht, dass Sie Ihr Urteil von persönlichen Motiven bestimmen lassen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?"

Es herrscht betretenes Schweigen, bis ein Chor aus „Ja, Sir" auf dich niederprasselt. Du nickst, halbwegs zufrieden, weil es alles andere als überzeugend klingt und weil du weißt, dass es ein langer Weg ist, auf den du dich da einlässt. Aber auch der erste Schritt zählt.

Besonders der erste Schritt zählt.

„Hervorragend", kommentierst du das Einverständnis deiner Studenten und kannst den Zynismus nicht völlig aus deiner Stimme verdrängen, „Dann können wir nun ja weitermachen. Für die heutige Sitzung habe ich mit Ihnen einige Charakterstudien geplant. Wir werden mit Draco Malfoy beginnen und von dem ausgehen, was wir aus den Briefen erfahren haben. Allerdings möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich bis jetzt noch keine Antwort auf meine Frage erhalten habe. Was ist so besonders an den Briefen? Denken Sie ein wenig darüber nach, während wir uns nun mit Mister Malfoy auseinandersetzen."

Du drehst dich halb nach hinten, greifst dir deinen Packen Pergamente und lässt ihn auf deinen Schoß gleiten. Ganz oben liegt der Brief von Ronald Weasley, vom 10. September 1991, und du rechnest damit, dass einer deiner Studenten damit beginnen wird, aus ihm zu zitieren. Als du in den Hörsaal siehst, erblickst du Köpfe, die ihrerseits über Blätter gebeugt sind und sie fleißig studieren – oder zumindest so tun, als ob, damit du gar nicht erst auf die Idee kommst, sie aufzurufen.

Allerdings können sie nicht wissen, dass du keinerlei Skrupel hast, dir jemanden auszusuchen, wenn sich niemand freiwillig meldet. Du wartest drei Minuten, dann hast du genug. Du bist nicht gerade bekannt für deine Geduld.

„Die Dame dort hinten in der vorletzten Reihe, mit dem roten Pullover", sagst du schließlich und die Köpfe gehen ruckartig nach oben. Das Mädchen, das du meinst, schaut dich erschrocken an und spielt mit dem Ende ihres dunkelblonden Zopfes. „Sir?", macht die Studentin zaghaft und du nickst ihr aufmunternd zu. „Wie heißen Sie?", fragst du freundlich und bekommst ein scheues „Rosaleen. Rosaleen O'Connor" zurück. „Gut", meinst du, „Miss O'Connor, haben Sie die Briefe gelesen?" Sie nickt, hektisch, und dein Lächeln wird weicher. Sie soll keine Angst vor dir haben. Es lernt sich nicht gut, wenn man Angst vor seinen Dozenten hat.

„Sehr gut", versuchst du, sie anzuspornen, „Dann können Sie uns doch mit Sicherheit erzählen, wie Mister Ronald Weasley sich in seinem ersten Brief über Draco Malfoy äußert, nicht wahr?" Eigentlich ist die Aufgabe, die du stellst, lächerlich leicht, doch du zwingst dich dazu, klein anzufangen. Du erwartest nicht, dass deine Studenten sofort höchstkritische Analysen verfassen können, sondern sie sollen lernen und sich verbessern. Merlin, sie haben doch soviel Zeit. Ihr Studium hat eben erst begonnen.

„Ja, Sir", erwidert sie leise, „Natürlich." Sie kramt in ihren Unterlagen, ihre Wangen leuchten rosa und du wirfst einen rügenden Blick auf eine kleine Gruppe grinsender Studenten in den vorderen Reihen. Du merkst dir ihre Gesichter und fragst dich, ob sie sich noch immer so überlegen fühlen werden, wenn du sie erst einmal ins Kreuzverhör nimmst.

Du bezweifelst es, ehrlich gesagt.

„Ronald nennt ihn einen Vollidioten", beginnt Rosaleen zögernd, „Und da er davon spricht, dass nur Blödiane nach Slytherin kommen, können wir davon ausgehen, dass er Draco Malfoy ebenfalls für einen hält." Ersticktes Gekicher wird laut, weil einige deiner Studenten es offensichtlich witzig finden, dass ihre Kommilitonin dir gegenüber Schimpfwörter verwendet. Du räusperst dich und schaust kühl in die Runde. „Darf ich fragen, was so belustigend ist?", hallt deine Stimme durch den Raum und das Gekicher verstummt. Gut.

„Nur weiter, Miss O'Connor", nickst du ihr erneut zu und beobachtest zufrieden, dass die panischen Flecken auf ihren Wangen langsam verblassen.

„Es klingt, als hätte sich Draco Malfoy über Ronald Weasleys Familie lustig gemacht", setzt Rosaleen ihren Bericht fort und wirft kurz einen versichernden Blick auf ihre Unterlagen, „Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass Ronald sofort nicht gerade sympathische Gefühle für ihn hat. Immerhin nutzt er die Gelegenheit, um über Dracos Vornamen zu spotten."

Sie scheint klug zu sein, dein scheues Reh aus den hinteren Reihen, aber es ist offensichtlich, wie unangenehm ihr die Aufmerksamkeit aller Anderen ist und du beschließt, für heute Erbarmen mit ihr zu haben. „Vielen Dank, Miss O'Connor", befreist du sie aus ihrer Lage und schaust dich um, „Möchte jemand etwas hinzufügen? Vielleicht im Hinblick auf die Briefe, die Mister Malfoy selbst verfasst hat?"

Du bist überrascht, positiv überrascht, als nun gleich ein ganzes Dutzend Arme in die Luft gereckt werden. Manche wedeln sogar leicht, um auf sich aufmerksam zu machen, und du grinst vor dich hin, während du den restlichen Studenten noch kurz die Möglichkeit gibst, ebenfalls einen Blick in ihre Unterlagen zu werfen und sich dann eventuell zu melden, bevor du einen jungen Mann aufrufst, der mit seinem Bart ein wenig älter wirkt als die übrige Studentenschar.

„Charles", stellt er sich vor und seine Stimme ist rau und dunkel wie sein Bart, aber angenehm, und er hat ein amüsiertes Zwinkern in den Augen, als er weiterspricht, „Grey." Vereinzelt steigt unterdrücktes Gelächter auf und du kannst nicht verhindern, dass sich deine Mundwinkel ebenfalls leicht verziehen. „Sie haben den Witz bestimmt schon oft gehört-", kannst du dann einfach nicht widerstehen, „Doch ich freue mich wirklich sehr, endlich mal den Mann kennenlernen zu dürfen, nach dem unser wundervoller Tee benannt wurde."

Du hast es geschafft und die Selbstbeherrschung deiner Studenten zum Einstürzen gebracht. Es ist nicht wirklich fair, Charles gegenüber, und du schenkst ihm ein entschuldigendes Lächeln, bevor du deine Arme anhebst und mit einem lauten Räuspern für Ruhe sorgst. „Tut mir Leid", wendest du dich an Charles, „Ein dummer Scherz auf Ihre Kosten. Ich konnte irgendwie nicht anders." Er grinst dich an und zuckt die Achseln.

„Schon okay", wiegelt er ab und streicht mit den Fingern über die Pergamente, die vor ihm liegen. „Mister Malfoys eigener Brief an seine Eltern teilt uns mit, dass er sich über die meisten Schüler in Hogwarts erhaben fühlt. Er ist ein Reinblut und auf diesen Status ist er stolz", beginnt Mister Grey seine Analyse, „Er nennt die Muggelgeborenen 'Schlammblüter', was nicht unbedingt auf ein hohes Maß an Toleranz hinweist. Das kann allerdings natürlich an seiner Erziehung liegen, das wissen wir als Leser nicht."

Er setzt kurz ab und lässt seine Augen über den Brief huschen, bevor er weiterspricht. Du lauschst, neugierig auf seine weiteren Schlussfolgerungen.

„Mister Malfoy kann scheinbar die Aufregung um Harry Potter nicht verstehen. Allerdings erwähnt er derart häufig, wie gewöhnlich Mister Potter doch ist, dass es bereits auffällt und den Schluss nahelegt, dass er eventuell eifersüchtig ist, weil einer seiner Mitschüler so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gerade bei Mister Malfoys Kommentar bezüglich der Quidditchregeln scheint es offensichtlich, wie neidisch er darauf ist, dass Mister Potter trotz des eigentlichen Verbots in einer Hausmannschaft spielen darf.

Und dafür, dass Mister Malfoy sich so sehr Ruhe vor Mister Potter wünscht, weiß er erstaunlich gut über ihn Bescheid, was uns folgern lässt, dass er Mister Potter weitaus mehr beobachtet als er selbst vermutlich zugeben möchte. Mit seinem letzten Satz in seinem zweiten Brief an seine Eltern macht Mister Malfoy dann auch deutlich, dass er sich nach Anerkennung sehnt. Er will von seinen Eltern hören, dass er im Recht ist. Zusammen mit seinem versuchten Sarkasmus weist das ganz klar darauf hin, dass er schlicht und ergreifend liebend gerne mit Harry Potter tauschen würde."

Du verbeißt dir das Lachen und erlaubst dir kurz den Luxus, dir gedanklich Dracos Gesicht vorzustellen, wenn du ihm diese Analyse unterbreiten wirst. Natürlich wirst du das tun. Das kannst du dir unmöglich entgehen lassen. Für den Moment allerdings nickst du erst einmal deinem Studenten anerkennend zu und musterst ihn neugierig.

„Beeindruckend", erklärst du ruhig und Mister Charles Grey lächelt unverbindlich zurück. Du kneifst ein wenig die Augen zusammen, betrachtest ihn nachdenklich und meinst dann, „Nehmen Sie das jetzt bitte nicht persönlich, aber... Sie sind kein Erstsemestler, oder?"

Er zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Sehe ich etwa nicht so aus?", fragt er halb spöttisch, halb amüsiert zurück, bevor er den Kopf schüttelt, „Sie haben Recht. Ich bin im fünften Semester, aber neu in Oxford. Man hat mir gesagt, es würde sich lohnen, Ihre Vorlesung zu besuchen."

„Schmeichelhaft", erwiderst du trocken, während der Rest der Studenten leise kichert. Du bist ein bisschen beruhigt, dass dein intelligenter Mister Grey schon einiges an Erfahrung mitbringt. Er sieht älter aus als die Übrigen und er hat definitiv keine Scheu, kritisch zu hinterfragen und auch einmal gewagte Tesen aufzustellen. Es hätte dich einfach gewundert, so etwas bei jemandem zu entdecken, der eben mit dem Studium begonnen hat. Normalerweise hat man nicht so viel Selbstbewusstsein, wenn man gerade erst die Schule verlassen hat. Das weißt du aus eigener Erfahrung.

„Wie sehen das denn die Anderen?", nimmst du langsam deine Aufmerksamkeit von Charles Grey und schaust stattdessen in die Runde, „Würden Sie das unterstützen? Dass Mister Malfoy eifersüchtig auf Mister Potter war?"

Fast augenblicklich beginnt summendes Gemurmel, deine Studenten stecken die Köpfe zusammen und du würdest dir gerne die Haare raufen, weil es zwar schön ist, wenn sie offensichtlich Gedanken haben, die sie mit jemandem teilen müssen, aber es wäre noch schöner, wenn sie diese Gedanken auch mit dir teilen könnten.

„Meine Damen und Herren", unterbrichst du laut, „Ich bitte um Meldungen, nicht um Kaffeekränzchen mit Ihren jeweiligen Sitznachbarn. Wir wollen schließlich alle etwas davon haben. Möchte jemand freiwillig den Anfang machen? Mister Flynn?"

„Äh... ja", räuspert sich der Ire, nimmt seine erhobene Hand wieder nach unten und fährt sich durch die Haare, „Ich denke, dass Mister Grey Recht haben könnte. In Hermiones zweitem Brief kommt meiner Meinung nach ganz klar heraus, dass sich die Slytherins einfach immer etwas Neues suchen, um auf Mister Potter herumzuhacken. Sobald ein Thema nicht mehr funktioniert, denken sie sich etwas Anderes aus. Ich persönlich finde, dass das zeigt, dass sie nicht wirklich etwas gegen Mister Potter in der Hand haben.

Sie haben keine richtigen Argumente, sie müssen immer erst etwas finden und das könnte durchaus darauf hinweisen, dass sie auf ihn neidisch sind. Ich meine – er ist für die meisten Anderen in Hogwarts ein Held, ohne dass er viel dafür getan hat. Wir wissen ja auch nicht, wie wohl er sich in dieser Rolle fühlt, doch die Slytherins machen ihm dafür das Leben zur Hölle. Vielleicht, weil es nicht schön ist, beobachten zu müssen, wie jemand sofort von allen gemocht wird, während man selbst, als Slytherin, nur misstrauisch beäugt wird."

Er hat einen Nerv getroffen. Vermutlich nicht einmal absichtlich, aber dir fällt sofort auf, wie es unruhig wird in deinem Hörsaal. Und du musst einschreiten, bevor gleich die ersten Häuserparolen durch den Raum schallen. Das hast du alles schon erlebt und du willst es nicht noch einmal erleben müssen.

„Gut", erklärst du, „Wenn Sie einverstanden sind, würde ich dann für heute gerne das Thema Draco Malfoy beenden und mich stattdessen lieber Miss Granger zuwenden. Wer kann mir etwas zu ihr sagen?"

Du erntest ein paar verwirrte Gesichter, ein schmales Lächeln von Gwendolen Hopkins, einen kritischen Blick von Alasdair MacLaine und ein verstecktes Grinsen von Charles Grey. Dir ist klar, dass du gerade alles andere als unauffällig warst, doch es ist dir gleichgültig. In der Mensapause werden sich deine Studenten so oder so über die Vorlesung unterhalten, also kannst du ihnen ruhig etwas geben, worüber sie reden können, findest du.

Eine schmale Hand wird erhoben, ein Silberarmband klingelt sachte und du nickst der Studentin zu. „Caitlin Roberts", lächelt sie und schiebt sich ein paar blonde Locken aus der Stirn. Sie hat Sommersprossen und helle, blaue Augen und ihr Akzent verrät dir, dass du soeben deine Waliserin gefunden hast. „Bitte, Miss Roberts. Lassen Sie uns an Ihren Überlegungen teilhaben", forderst du sie auf.

„Hermiones Brief an ihre Eltern verrät uns, dass sie aus einer Muggelfamilie kommt", beginnt Miss Roberts mit dem Einfachsten, „Sie scheint außerdem sehr lerneifrig und strebsam zu sein, jedenfalls wenn man sich ihre Äußerungen über die Bibliothek anschaut. Als Muggelgeborene hat sie außerdem einen anderen Blick auf Hogwarts und auf die Spannungen zwischen den Häusern. Sie wirkt überaus intelligent und ist offenbar mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gesegnet. Und für ihre elf Jahre macht sie einen recht erwachsenen Eindruck."

Miss Roberts schaut dich abwartend an und wickelt sich eine Locke um den Finger. Sie schenkt dir ein strahlendes Lächeln und du nickst langsam. „Vielen Dank", erwiderst du, „Das war überhaus korrekt. Gibt es Ergänzungen?"

Es bleibt ruhig im Saal, vereinzelt werden Köpfe geschüttelt, bevor sich eine Stimme erhebt. „Höchstens, dass sich Miss Granger zum Zeitpunkt ihres zweiten Briefes mit Mister Potter und Mister Weasley angefreundet zu haben scheint", ertönt Mister Greys dunkle, ruhige Stimme, „In ihrem ersten Brief hat sie die beiden noch nicht namentlich erwähnt – immerhin sind ihre Eltern Muggel und würden daher sowieso herzlich wenig mit einem Harry Potter anfangen können, aber es scheint in der Zwischenzeit etwas passiert zu sein, dass zu einer Freundschaft der Drei geführt hat. Denn dass sie befreundet waren, weiß heutzutage schließlich jeder in der Zauberwelt."

„Gut beobachtet. Danke für Ihren Zusatz, Mister Grey", wendest du dich an ihn, bevor du deinen Blick über die anderen Studenten wandern lässt, „Sie können sich ja vermutlich denken, dass ich Ihnen nicht jeden einzelnen Brief als Lesematerial gegeben habe, den ein Gryffindor oder Slytherin zu jener Zeit geschrieben hat. Es handelt sich hierbei um eine Auswahl und natürlich wird daher nicht jedes Ereignis detailliert aufgegriffen. Mister Grey hat allerdings Recht – zwischen September und Dezember 1991 haben sich Ronald Weasley, Hermione Granger und Harry Potter angefreundet, soviel ist sicher. Für diejenigen unter Ihnen, die gerne Jahreszahlen auswendig lernen – das wäre ein Datum."

Du verdrehst die Augen, als ein paar Studenten tatsächlich mit ihren Federkielen etwas – vermutlich die Jahreszahl – auf Pergament kritzeln. Man sollte meinen, man würde Ironie erkennen, wenn sie einem ins Gesicht springt, aber manchmal täuschst sogar du dich, fürchtest du.

Du ziehst deine Armbanduhr aus deiner Hosentasche und beschließt, es für heute gut sein zu lassen. Sie wirken nicht dumm, deine Studenten, sie haben einiges aus den Briefen herausgelesen und das gibt dir genug Hoffnung für den Rest des Semesters.

„Darf ich noch einmal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten...", verschaffst du dir Gehör und unterdrückst ein zufriedenes Lächeln, als Stille einkehrt, „Danke. Wir sind am Ende unserer Vorlesung angelangt und ich möchte mich bei Ihnen für Ihre rege Mitarbeit bedanken. Ich hoffe, es hat Ihnen ein wenig Spaß gemacht und motiviert Sie für die folgenden Stunden. Das Material für nächste Woche wird Ihnen ab heute Nachmittag zur Verfügung stehen und ich möchte Sie bitten, sich erneut eingehend vorzubereiten.

Es wäre auch von Vorteil, wenn Sie sich die Notizen, die Sie sich heute hoffentlich im Laufe der Vorlesung gemacht haben, für nächste Woche noch einmal anschauen würden, weil wir uns dann erneut mit Charakterisierungen beschäftigen werden. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."

Sie trommeln mit ihren Fingerknöcheln auf die Tische und du nickst in die Runde, bevor du von deinem Pult gleitest und beginnst, deine Pergamente vorsichtig zurück in die Tasche zu stecken. Das Trommeln wird leiser, weniger, hört auf und stattdessen setzt Rascheln und plapperndes Reden ein.

„Professor!", ruft jemand und du hebst erstaunt den Kopf. Augenblicklich ist wieder Schweigen eingekehrt und jeder hat sich zu Alasdair MacLaine umgedreht, der dir offen entgegenschaut. „Mister MacLaine", erwiderst du überrascht, „Was gibt's?"

„Sie haben uns noch keine Antwort gegeben", erklärt er ruhig, „Sie haben uns noch nicht erklärt, was so besonders an den Briefen ist."

Achja. Du erinnerst dich. Und gleichzeitig ärgerst du dich, dass du es vergessen hast. So etwas passiert dir normalerweise nicht. Niemals.

„Irgendwelche Ideen?", willst du wissen, erntest jedoch nur allgemeines Kopfschütteln. „Nichts", lächelst du dann, „Nichts an den Briefen ist besonders. Sie sind offen und ehrlich geschrieben, von Kindern. Sie spiegeln Hass und Neid und Vorurteile und Freundschaften wider. Sie verschönern nicht. Sie werfen nicht unbedingt ein gutes Licht auf die Verfasser."

Deine Studenten lauschen gebannt und du beugst dich leicht nach vorne, verschwörerisch, als würdest du ihnen gleich ein Geheimnis anvertrauen.

(Und in gewisser Weise tust du das ja auch, oder nicht?)

„Es sind nicht unbedingt die Briefe, die erstaunlich sind", fährst du fort, „Sondern vielmehr die Tatsache, dass ihre Verfasser uns erlaubt haben, sie zu veröffentlichen. Denken Sie mal darüber nach. Noch eine schöne Woche."

Und damit schlüpfst du wieder in deine Robe, greifst dir Tasche und Kaffeebecher und verlässt deinen Hörsaal.

tbc