Anmerkung der Autorin: Erst einmal allerherzlichen Dank für die Reviews für das letzte Kapitel! Ich habe mich sehr gefreut und ich will ja auch nicht meckern, aber ich kann mir nicht erklären, wie diese Geschichte knapp 770mal angeklickt wurde und es zu 18 Reviews schafft. Liebe Schwarzleser: woran liegt es? Keine Zeit? Kein Interesse, mir zu erklären, ob es euch gefällt oder nicht? Ich möchte niemanden zu Reviews zwingen, aber ich fände es sehr schön, etwas Feedback zu bekommen. Dann: es tut mir Leid, dass dieses Kapitel so lange auf sich warten ließ. Uni und Real Life sind mir doch mehr dazwischen gekommen, als ich gedacht hatte. Ich hoffe, dass euch dieses Kapitel dennoch gefallen wird.

Für dieses Kapitel: Um euch nicht noch mehr zu verwirren, sei Eines verraten: F steht für Frage und A steht für Antwort. Das ist das ganze Geheimnis. Natürlich dürft ihr trotzdem gerne rätseln, wer hier wen interviewt.

In eigener Sache: Vielleicht hat der eine oder andere Leser ja Lust, mal bei meiner anderen Nach-dem-Krieg-Geschichte vorbeizuschauen. Sie heißt Vom Brauchen und Gebrauchtwerden und handelt, vor allem, von George, Alicia, Angelina, Katie, Lee und Oliver, die versuchen, mit Freds Tod und miteinander klarzukommen. Ich würde mich sehr freuen, euch dort eventuell wiederzutreffen.

Viel Spaß beim Lesen!


Anmerkung:

Liebe Studierende,

ich gehe davon aus, dass Sie von dem nachfolgenden Lesematerial erst einmal ein wenig verwirrt sein werden. Das Material besteht aus mehreren Interviews, ohne jedoch die Namen der Interviewten zu verraten. Das soll uns im Moment nicht weiter stören, weil die Namen unwichtig sind.

Vermutlich wird Ihnen das eine oder andere Interview bekannt vorkommen, weil es bereits im Tagespropheten abgedruckt worden ist. Sollte dies der Fall sein, werden Sie bei den entsprechenden Interviews auch wissen, wer der Interviewte ist. Dieses Wissen können Sie im Hinterkopf behalten, jedoch bitte ich Sie – falls Sie die Interviews nicht kennen – sich nicht darum zu bemühen, die Namen herauszufinden.

Glauben Sie mir einfach, wenn ich Ihnen sage, dass es durchaus spannend sein kann, anonyme Gespräche auszuwerten. Wir werden zu höchst interessanten Ergebnissen kommen. Oder zumindest hoffe ich das.

Machen Sie sich Notizen. Was fällt Ihnen auf, an den Fragen, an den Antworten? Was wiederholt sich? Seien Sie kritisch. Hinterfragen Sie.

Ihnen eine schöne Woche und bis zur Vorlesung.


F: Wie sieht Ihre Hölle aus?

A: Meine Hölle... Wissen Sie, dass mich das noch niemals jemand gefragt hat? Warum nicht? Geht man davon aus, dass jemand wie ich sich über so etwas wie Hölle keine Gedanken macht?

F: Machen Sie sich denn Gedanken?

A: Mir Gedanken zu machen ist mein Hobby. Irgendeine Freizeitgestaltung sucht man sich doch immer. Und glauben Sie mir eines: es ist lästig, intelligent zu sein, wenn man zuviel Zeit zum Nachdenken hat. Und zum Grübeln.

F: Glauben Sie an Gott?

A: Nein. Wenn es einen Gott geben sollte, wieso lässt er Ungerechtigkeiten zu und Krieg? Wieso sterben Kinder, weil sie nicht genügend zu essen bekommen?

F: Weil die Welt nicht perfekt sein kann?

A: Das ist sie nie. Aber sie könnte besser sein. Auch wenn es immer Neid und Hass und Eifersucht geben wird. Glauben Sie an Gott?

F: Ich glaube an die Möglichkeit.

A: Sie sind jung. Behalten Sie sich Ihre Illusionen und Ihren Idealismus.

F: Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Es steht Ihnen nicht, so abgeklärt zu sein. Glauben Sie an Himmel?

A: Sie meinen, daran, dass wir uns nach dem Tod alle wiedersehen und auf ewig glücklich sind?

F: Ja.

A: Ich weiß es nicht. Ich würde gerne daran glauben, aber ich habe die Befürchtung, dass es nur ein Ausweg ist, den sich die Menschen geschaffen haben, um die Angst vor dem Tod zu lindern. Die Angst vor dem ewigen, unwiderruflichen Aus. Vor der Schwärze, die uns irgendwann empfangen und dann nie wieder loslassen wird. Ich weiß nicht, ob ich an den Himmel glaube.

F: Und an die Hölle?

A: Wir müssen nicht an die Hölle glauben. Die Menschen sind doch bereits ziemlich gut darin, eine Hölle auf Erden zu schaffen, für sich selbst und für andere.

F: Ich will Sie zu keiner Antwort zwingen, aber... wie sieht Ihre Hölle aus?

A: Meine Hölle riecht nach Veilchen und Mottenkugeln. Sie besteht aus zugezogenen Vorhängen, durch die kaum Sonnenlicht dringt, und aus scharfen Schatten, bei denen ich Angst habe, mich an ihnen zu schneiden. Sie ist groß, meine Hölle, aber sie beengt mich trotzdem. Sie flüstert mir mit wispernden, zischenden Stimmen zu, dass alles zugrunde gehen wird. Sie wiederholt sich, meine Hölle. Sie kehrt wieder und sie bringt den gleichen Duft mit, den Geruch von Tod und Vergänglichkeit, von Furcht und Alter. Die Stimmen werden lauter. Nur die Personen ändern sich. Meine Angst bleibt.

F: Wem würden Sie in Ihrer Hölle begegnen?

A: Vermutlich meiner ehemaligen Tränkelehrerin. Sie hat immer gesagt, sie würde mir die Hölle heiß machen, wenn ich nicht endlich diesen oder jenen Zaubertrank brauen könnte.

F: Wie sieht Ihr Himmel aus?

A: Eine weiße Holzveranda mit Blick auf einen wildwuchernden Garten. Blühender Flieder. Eine Schaukel, die an einer knorrigen Weide hängt und von der roter Lack abblättert. So, wie meine Kindheit nie ausgesehen hat.

F: Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie bereuen?

A: Ich glaube, man sollte nichts bereuen. Vielleicht würde ich vieles anders machen. Aber ich bereue nichts. Wozu auch? Außer Gewissensbissen habe ich nichts davon.

F: Welches ist das höchste Gut, das wir besitzen?

A: Freiheit.


F: Haben Sie manchmal Albträume?

A: Machen Sie Witze? Selbstverständlich. Niemand kann in einem Krieg kämpfen, ihn überleben und dann nicht davon träumen.

F: Haben Sie Menschen getötet?

A: Sie wissen, dass ich darauf nicht antworten muss?

F: Ja. Ich frage trotzdem. Aber wir können gerne mit einer anderen Frage weitermachen.

A: Nein. Ich glaube nicht, dass sich irgendwer Illusionen über den Krieg macht. Nicht mehr. Natürlich habe ich getötet. Vor die Wahl gestellt, ob man töten oder getötet werden will – wer würde nicht seinen Zauberstab heben und diese zwei tödlichen Worte sprechen? Vielleicht ist es feige. Vielleicht ist es Lebensgier. Ja, ich habe getötet. Und die Gesichter verfolgen mich in den Schlaf.

F: Bereuen Sie es?

A: Das ist vermutlich eine der schwierigsten Fragen, die Sie mir stellen können. Ich bereue nicht, dass ich geholfen habe, die Zaubererwelt aus diesem wahnsinnigen Krieg zu befreien. Ich bereue nicht, dass wir nun in einer friedvolleren und hoffentlich toleranteren Gesellschaft leben. Ich bereue, dass ich Leben nehmen musste. Unter normalen Umständen steht mir das nicht zu.

F: Jeder hat das Recht zu leben, meinen Sie?

A: Ja.

F: Auch Todesser? Ehemalige Todesser? Menschen, die Muggel und Muggelgeborene foltern und töten, weil es ihnen Spaß macht, weil sie sich über sie erhaben fühlen, aus welchen Gründen auch immer?

A: Ja. Es sind immer noch Menschen, oder nicht? Sie haben ein Herz, wie wir, sie atmen wie wir und sie haben Familie. Sie haben andere Motive, andere Überzeugungen, die uns fehlgeleitet erscheinen. Vielleicht sind sie grausam. Vielleicht sind sie verzweifelt, weil sie keine anderen Mittel kennen außer zu foltern und zu töten.

F: Glauben Sie, dass es richtig war, über die übriggebliebenen Todesser zu Gericht zu gehen und sich dagegen zu entscheiden, sie zu Dementorküssen oder dem Tode zu verurteilen?

A: Ja. Jemanden zu töten ist unrecht. Jemandem die Seele zu nehmen ist unmenschlich. Wenn die Seite der Gerechtigkeit diese Seite bleiben will, dann kann sie nicht die Mittel der Gegenseite für sich beanspruchen.

F: Wie sieht Ihre persönliche Hölle aus?

A: Meine Hölle ist ein weites Moor in dunkler Nacht, mit einer silbernen Mondsichel. Es ist still und gespenstisch.

F: Warum?

A: Weil mich die Erfahrung gelehrt hat, misstrauisch zu sein. Früher liebte ich es, nachts auf dem Moor zu sein und zu lauschen. Es war friedlich. Bis der erste Todesserangriff kam, unerwartet. Mein Himmel ist zu meiner Hölle geworden.

F: Was ist heute Ihr Himmel?

A: Meine Familie. Die Tatsache, dass wir überlebt haben. Das genügt. Und jetzt sagen Sie nicht, dass das kitschig sei.

F: Das würde ich mir nie herausnehmen. Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Gut der Menschheit?

A: Liebe.


F: Hat der Krieg dich verändert?

A: Kann man in einen Krieg gehen und unverändert zurückkommen? Ich denke nicht. Was ich an Unschuld hatte, hat der Krieg versucht mir zu rauben.

F: Was vermisst du am meisten?

A: Aus meinem Leben vor dem Krieg?

F: Ja.

A: Unbeschwertheit. Quidditch. Sorglosigkeit. Den Geruch von frisch gemähtem Gras. Barfuß über Wiesen laufen. In die Sonne blinzeln. Schwimmen gehen. Nicht aufpassen zu müssen, an wen man denkt. Ob derjenige vielleicht gar nicht mehr am Leben ist.

F: Wem gibst du die Schuld für den Krieg?

A: Einem Wahnsinnigen mit Hass auf seinen Muggelvater, der ihn nicht wollte. Einem verletzten Kind mit zu großen magischen Fähigkeiten und mit zu großem Charme und zu großer Überzeugungskraft.

F: Hasst du ihn?

A: Ja. Er ist der Einzige, den man hassen kann, oder nicht?

F: Glaubst du an Himmel und Hölle?

A: Ich weiß es nicht.

F: Wie sieht deine Hölle aus?

A: In meiner Hölle bin ich alleine. Das ist das Schlimmste. Da ist niemand, der es mir irgendwie leichter machen könnte. Ich muss es alleine schaffen. Und dabei werde ich wahnsinnig.

F: Und dein Himmel?

A: Bunt. Albern. Mit den Menschen, die ich am meisten liebe und die ich verloren habe.

F: Wie ist dein Leben nach dem Krieg?

A: Eine Ruine.

F: Warum?

A: Weil noch immer Reste da sind von meinem Leben vor dem Krieg. Es ist zerbrochen, aber die Grundmauern stehen noch. Ich versuche, es wieder aufzubauen, doch es fehlen zu viele Steine.

F: Was ist deine Hoffnung?

A: Wieder ein Dach auf die Ruine zu bauen. Wenigstens ein Dach, damit es nicht hineinregnet.

F: Kannst du verzeihen?

A: Wem?

F: All denen, die dem Dunklen Lord gefolgt sind. Die Menschen getötet haben, die du geliebt hast.

A: Ich könnte jetzt 'Ja' sagen und heldenhaft lächeln, aber Lügen liegt mir nicht. Ich glaube nicht, dass man das verzeihen kann. Vielleicht kann man versuchen, es zu verstehen, es nachzuvollziehen.

F: Hasst du sie?

A: Am Anfang habe ich sie gehasst. Weil es leicht war. Weil ich all meine negativen Gefühle auf jemanden projizieren musste und sie sich angeboten haben. Irgendwann habe ich aufgehört. Weil ich gemerkt habe, dass ich mit meinem Hass nur mir selbst schade. Mich vergifte. Mein Hass kümmert sie nicht. Aber mich richtet er zugrunde.


F: Wie fühlt sich Leben für dich an?

A: Leben ist die Abwesenheit von ständigen Sorgen und Befürchtungen, von Wachsamkeit und Misstrauen. Ganz streng gesagt, wissenschaftlich. Natürlich ist Leben noch viel mehr, so viel, dass man es gar nicht greifen kann. Leben ist so etwas Persönliches, dass es sich nicht in Worte pressen lässt. Aber es fühlt sich gut an, dieses Leben.

F: Ist es besonders, dein Leben?

A: Ist nicht jedes Leben besonders? Wir haben überlebt – das ist besonders genug.

F: Was war der Krieg für dich?

A: Das Schlimmste und das Beste. Das Schlimmste, weil so viele Menschen gestorben sind, für welche Ideale auch immer, weil ich Freunde verloren habe und Familienmitglieder und zeitweise mich selbst. Das Beste, weil nach dem Krieg alles anders wurde. Friedlicher. Ich weiß nicht, wie es heute wäre, wenn wir nicht den Krieg gehabt hätten. Wenn der Dunkle Lord und seine Anhänger noch immer irgendwo wären und versuchen würden, ihr Programm durchzuziehen.

F: Glaubst du an Gott?

A: Ich glaube, dass wir Menschen unser Schicksal selbst in Händen haben. Ob es jemanden gibt, der über uns wacht – vielleicht. Ich weiß es nicht. Es wäre ganz schön, oder? Wenn es jemanden gäbe, der auf uns aufpasst.

F: Wie sieht deine Hölle aus?

A: Verschwommen. Nicht greifbar. Mit all meinen Ängsten, vermutlich. Mit allem, was ich verdränge oder versuche zu vergessen. Ist das nicht Hölle? Wenn man etwas oder jemandem ausgeliefert ist, von dem man sich befreit geglaubt hat?

F: Was ist dann Himmel?

A: Glückseligkeit. Harmonie.

F: Was hat sich durch den Krieg für dich verändert?

A: Ich bin älter geworden, reifer, erwachsener. Als der Krieg ausbrach, war ich ein Kind, unschuldig und voller Illusionen. Ich habe mir nie Gedanken über die Welt gemacht. Ich lebte nur in meinem kleinen Universum. Das musste ich ablegen. Erkennen, dass es außer mir, meiner Familie und meinen Freunden noch mehr Menschen gibt, Menschen, die Hilfe brauchen, Menschen, die helfen. Ich habe gekämpft und meine Kindheit hinter mir gelassen. Ich habe gekämpft, um meine Kindheit nicht zu verlieren.

F: Hast du gesiegt?

A: Ich glaube schon. Ich meine, klar, ich bin kein kleines Kind mehr, aber ich habe meine Erinnerungen und die kann mir niemand nehmen. Vielleicht sind sie manchmal überschattet von all den Schrecken des Krieges, doch sie sind noch da. Und ich hatte Glück: meine Eltern leben noch. Sie können sich mit mir erinnern.

F: Wie denkst du über die Menschen, gegen die ihr gekämpft habt?

A: Sie tun mir Leid, in gewisser Weise. Wie verquer muss man gewesen sein, um an diesen Schwachsinn vom reinen Blut tatsächlich zu glauben? Was für Leben müssen sie gehabt haben? Wer hat ihnen all das eingeredet? Warum haben sie es nie hinterfragt? Oder haben sie das getan? So viele Fragen und so wenige Menschen, die nach Antworten suchen. Wieso?

F: Weil es leicht ist, die scheinbare Wahrheit aufrecht zu erhalten, die sich die Zaubererwelt jahrhundertelang gemacht hat. Aufteilung nach Gut und Böse, Slytherin und Nicht-Slytherin. Es ist so einfach, dass es fast schon zum Schreien ist. Slytherin gleich Böse. Eine Rechnung, die lange aufgegangen ist.

A: Und du denkst, dass sie das jetzt nicht mehr tut? Denkst du das wirklich? Oder hoffst du es nur?

F: Ich hoffe es. Aber ich bin Realist genug, um zu wissen, dass es so schnell nicht gehen wird. Vorurteile können nur langsam abgebaut werden. Stückchenweise. Würdest du Slytherins eine Chance geben? Oder wirst du deinen Kindern irgendwann in ferner Zukunft von den miesen Schlangen erzählen?

A: Sie waren keine Heiligen, die Slytherins, die ich während meiner Schulzeit kennengelernt habe. Ihr Gryffindors übrigens auch nicht, falls es dich interessiert. Allerdings denke ich, dass man vorsichtig sein muss mit Erinnerungen: betrachtet man die fiesen Kinder, mit denen man sich in dunklen Gängen geprügelt hat – oder betrachtet man ihre erwachsenen Versionen, die Menschen, die es irgendwie geschafft haben, ihre kindlichen Hüllen abzustreifen, das ganze Gekeife hinter sich zu lassen und alle miteinander kluge Dinge zu studieren.

F: Das klingt fast, als würdest du sie bewundern.

A: Ich bewundere, was sie mit ihren Leben angestellt haben, was sie herausgeholt haben, als die meisten Zauberer und Hexen sie vermutlich längst abgeschrieben hatten. Ich bewundere, dass sie stolz und mutig genug waren, mit erhobenen Köpfen durch die Universitäten zu schreiten und durch die Winkelgasse. Ich bewundere, dass sie sagen konnten: Ja, wir haben Fehler begangen.


F: Glauben Sie eigentlich an das Gute im Menschen?

A: Oh, selbstverständlich, mein Lieber! Was für eine aberwitzige Frage...

F: Wie steht es mit Slytherins? Sind die auch gut?

A: Wenn ich das mal pauschalisieren darf: Niemand ist von Grund auf böse. Es gibt immer Ursachen für unser Verhalten. Wenn ich jemanden mit Argwohn beobachte, darf ich mich nicht wundern, wenn derjenige mir gegenüber auch nicht besonders offen reagiert. Wir Menschen haben gewisse Schutzmechanismen. Und ich denke, dass Slytherins in der Hinsicht genauso sind wie Igel. Wenn man sie bedroht, fahren sie ihre Stachel aus. Lieber sind sie zynisch und bösartig und verbittert, als dass sie sich ärgern lassen.

F: Eine interessante Theorie, die mir so noch nie begegnet ist... Vielen Dank dafür! Wenn ich Sie fragen dürfte: Glauben Sie an Gott?

A: Ich glaube an Etwas. An höhere Wesen, Geister – im spirituellen Sinne. Schutzgeister, wenn Sie verstehen. Ich glaube, dass wir nicht alleine sind. Irgendwo müssen unsere Toten doch hingehen, nicht wahr?

F: Also vertreten Sie die Theorie von Himmel und Hölle?

A: Im Sinne des Fegefeuers? Nein! Wenn wir von der christlichen Tradition ausgehen, können wir doch versichert sein, dass Gott alle Menschen liebt und ihnen verzeiht. Wieso sollte er dann so grausam sein und ihre Seelen auf immer und ewig ins Höllenfeuer schicken? Ich denke nicht.

F: Hat Ihr Glaube Ihnen geholfen, während der dunklen Kriegstage?

A: Geholfen hat mir vor allem meine Hoffnung. Ich bin ein ziemlich uneinsichtiger Optimist, müssen Sie wissen.

F: Hat es Sie überrascht, wie sehr sich einige Slytherins nach dem letzten Kampf und Harry Potters Sieg verhalten haben? Da waren teilweise ja wirklich Änderungen dabei, als hätten sich die Betroffenen einer Radikalgehirnwäsche unterzogen. Wenn ich nur an Familie Malfoy denke...

A: Um ehrlich zu sein: nein, es hat mich nicht überrascht. Ja, schütteln Sie ruhig ungläubig den Kopf, mein Lieber, aber es ist tatsächlich so! Vielleicht liegt es daran, dass ich schon ein paar Jährchen länger als Sie lebe und ein wenig mehr Gelegenheit hatte, die Menschen zu beobachten. Gerade die Schüler der verschiedenen Häuser. Nicht, dass ich in irgendeiner Art und Weise für Slytherin Partei ergreifen möchte, doch seien wir ehrlich miteinander: sie sind Hogwarts' Außenseiter. Ihre einzige Chance zu überleben, besteht darin, sich zusammenzurotten und sich eine ziemlich dicke Schutzschicht anzulegen. Sie sind schlau genug, um zu wissen, dass die anderen Schüler ihnen ihre Freundlichkeit niemals glauben würden. Und meistens sind sie anders erzogen worden. Das ist nicht ihre Schuld. Es gibt Überzeugungen und Ideale, die saugt man schon mit der Muttermilch ein. Und es ist verteufelt schwer, sie wieder abzulegen. Nach dem Krieg kam es mir so vor, als würden etliche der Slytherins aus einem sehr tiefen Schlaf erwachen. Sie mussten erstmal abschütteln, was passiert war. Ihr Bewusstsein wieder erlangen.

F: Und Familie Malfoy?

A: Ist eine Familie wie jede andere auch. Wer sie nach dem Endkampf beobachtet hat, weiß das. Da war es ihnen egal, wer gewonnen und wer verloren hatte. Da wollten sie einfach nur zusammen sein und waren froh, dass die jeweils Anderen überlebt hatten. Zeigt uns das nicht deutlich genug, dass Slytherins genauso menschlich sind wie wir? Dass sie lieben können?

F: Meiner Meinung nach schon. Aber es gibt vermutlich noch genügend Menschen, die ihnen da widersprechen würden.

A: Natürlich. Die wird es auch immer geben. Ich bleibe trotzdem bei meiner Ansicht.

F: Darf ich Sie noch etwas Persönliches fragen?

A: Bitte. Solange mich die Antwort nicht vollkommen blamieren wird.

F: Ich denke nicht. Wie sieht Ihr Himmel aus?

A: Wie ein Garten, den man vergessen hat zu pflegen. Wild und schön und frei. Ungebändigt.


F: Wie präsent ist der Krieg für dich heute? Ist er nurmehr eine verblassende Erinnerung in deinen Gedanken?

A: Der Krieg ist wie ein Schatten, der an mir klebt. Manchmal ist er lang und schwarz und gespenstisch und jagt mich. Manchmal ist er so kurz und schwach, dass ich fast vergesse, dass es ihn noch gibt.

F: Aber loswerden kannst du ihn nicht?

A: Nein. Er gehört zu mir, in all seinen verschiedenen Formen, und ich habe gelernt, mich mit ihm zu arrangieren. Solange er mein Leben nicht regiert, ist es okay. Ich trage ihn mit mir herum und er gehorcht mir nicht immer, er ist unbequem und trotzig und manchmal übermächtig und soviel größer als ich, doch letztlich braucht er mich, um zu existieren. Ich brauche ihn nicht.

F: Wie sieht dein Leben heute aus?

A: Freier, ehrlich gesagt. Klar, es gibt noch immer genügend Vorurteile und Klischees, denen man begegnet, aber es ist nicht mit dem zu vergleichen, was in Hogwarts auf der Tagesordnung stand. Vielleicht sind wir auch einfach nur erwachsener geworden. Vielleicht mussten wir erst allen beweisen, dass wir intelligent genug sind, etwas aus eigener Kraft zu erreichen, dass wir nicht unsere Eltern brauchen, kein Geld, keine Machtspielchen.

F: Keine Intrigen?

A: Oh, Intrigen gibt es überall! Das würde ich niemals auf Slytherin beschränken. Allen Anderen traut man es nur weniger zu. Und von Slytherins erwartet man es.

F: Wie sind sie denn wirklich, die Slytherins?

A: Glaubst du, ich plaudere hier Kerkergeheimnisse aus? (lacht) Nein, im Ernst: der Sprechende Hut trifft es doch ziemlich auf den Punkt, finde ich. Slytherins sind listig und schlau, sie wissen, wie sie Situationen für sich nutzen können, sie kennen ihre Stärken und Schwächen und spielen sie geschickt aus. Freunde aus Slytherin findest du nicht an jeder Straßenecke. Sie brauchen ewig, um jemandem, der nicht in Slytherin war, ihr Vertrauen zu schenken. Sowas passiert nicht leichtfertig. Aber wenn du ihr Vertrauen hast, wirst du es behalten – es sei denn, du enttäuschst sie und verrätst sie. Dann bekommst du es mit dem ganzen Schlangenpack zu tun und kannst dich darauf vorbereiten, ihr Gift zu spüren.

F: Ich ignoriere jetzt einfach mal die latente Drohung, die da mitschwingt...

A: (lacht) Ich meine doch nicht dich! Nur mal so allgemein gesprochen...

F: Klar. So. Kommen wir mal zurück zu meinen Fragen. Gibt es jemanden, der für dich ein Kriegsheld ist?

A: Oh, schwierige Frage. Höchst schwierig. Ich glaube nicht an Helden, weißt du? Helden sind genauso Menschen wie der Rest von uns. Sie haben auch Herzklopfen. Sie haben auch Angst. Sie zeigen es nur weniger offensichtlich. Sie haben einige wenige Freunde, denen sie sich anvertrauen, bei denen sie ganz sie selbst sein können. Und deswegen schaffen sie es, vor dem Rest der Welt weiterhin den Helden zu spielen.

F: Glaubst du, dass es bei Harry Potter auch so gewesen ist?

A: Ja, ehrlich gesagt glaube ich das schon. Ich denke, dass er Hermione und Ronald hatte und Ginny und dass ihm das geholfen hat.

F: Also verehrst du ihn nicht?

A: Er wird mir nachsehen, dass ich nicht das unbezwingbare Bedürfnis verspüre, mich ihm zu Füßen zu werfen, sobald ich ihm begegne. Hoffe ich zumindest.

F: Denkst du, es kann Freundschaft geben zwschen Slytherins und Gryffindors?

A: Mal ehrlich: ich würde nicht hier sitzen, wenn ich nicht daran glauben würde, oder?

F: Vermutlich nicht, stimmt. Dann verrate mir doch zum Abschluss, was du an Gryffindors so schätzt.

A: Ihr seid stur und so verflucht mutig, dass es eigentlich bereits an Blödsinnigkeit grenzt. Ihr denkt nicht nach, sondern macht einfach – und das nennt ihr dann Mut. Ihr seid die goldenen Kinder, die Lieblinge, die Starken, die Helden, die Scherze machen und Streiche spielen und selten Ärger bekommen. Ihr seid der Stoff, aus dem Neid entsteht. Man will entweder so sein wie ihr oder man hasst euch für das, was ihr seid. Zumindest war das in Hogwarts so. Mittlerweile kann ich eure Stärken entdecken – ihr seid loyal und für eure Freunde geht ihr durchs Feuer. Ihr seid Frohnaturen, meistens jedenfalls, und ihr genießt das Leben. Ihr seid anders, als ich es bin und als ich es sein möchte, aber das ist okay. Unterschiede machen alles soviel interessanter.


tbc.