Anmerkung der Autorin: Allerallerallerherzlichsten Dank für all eure Reviews und die vielen Hits, die mir ja immerhin auch zeigen, dass die Geschichte durchaus gelesen wird. Es tut mir Leid, dass ich euch schon wieder so lange habe warten lassen - ehrlich gesagt hatte ich das Kapitel nach sehr wenigen Tagen fast fertig und habe dann fast drei Wochen lang einfach keine Zeit gehabt, um es fertig zu schreiben. Nun ist es allerdings soweit und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Übrigens: Bitte nicht wundern, dass bei der Analyse der Interviews niemals angesprochen wird, dass manche Interviewten mit "Sie" und andere mit "Du" betitelt werden. Das liegt ganz einfach daran, dass Harry Potter ja in England spielt und es im Englischen (zumindest im Modernen) diese Unterscheidung nicht gibt. Ich hoffe, ihr habt verstanden, was ich mit dieser Erklärung meine ...


Dritte Vorlesung

Du kannst es nicht leiden, morgens aufzustehen und festzustellen, dass keine Milch mehr da ist. Und kein Müsli. Keine Eier. Keine Bohnen oder Speck. Nicht einmal Toastbrot. Du kannst es nicht leiden, dass du so alltägliche Dinge wie Einkaufen einfach vergisst, sobald du alleine lebst. Es zeigt dir, dass du abhängig geworden bist, in gewisser Weise, und manchmal stört dich das.

Du gehörst zu denen, die glauben, dass transformierte Lebensmittel schlicht und ergreifend nicht gut schmecken. Du könntest niemals ein Scone mit Clotted Cream und Marmelade genießen, wenn du wüsstest, dass es vor drei Minuten noch ein Kugelschreiber gewesen ist. Nein, danke. Da stehst du lieber etwas früher auf, ziehst dich an und flohst in die Uni.

Zu deinem Glück öffnet die Mensa bereits morgens um sieben, extra für Frühaufsteher und Menschen, die keine Zeit haben, zu Hause zu frühstücken. Oder die nichts mehr zu essen haben, so wie du. Du bestellst Kaffee und einen Teller, der beinahe überquillt, mit allem, was ein gutes, englisches Frühstück zu bieten haben sollte. Du weißt gar nicht mehr, wann du zuletzt so reichlich gefrühstückt hast.

„Morgen, Professor", grüßt dich die quirlige Hexe an der Kasse und strahlt dir entgegen. Du nickst, noch etwas verschlafen, und stellst fest, dass ihre kurzen, stachligen Haare diese Woche giftgrün sind. Sieht aus wie ein Kaktus. Jedenfalls besser als das grelle Pink, das sie vor den Sommerferien hatte. „Morgen", antwortest du und zählst ein paar Münzen ab, die du ihr in die Hand drückst, „Geben Sie mir bitte noch eine Zeitung?"

Sie lässt das Geld in der Kasse verschwinden, greift hinter sich und präsentiert dir den neuesten Tagespropheten und den Merlin, die internationale Zaubererzeitung. Du arbeitest bereits lange genug hier, dass die Mitarbeiter an den Kassen wissen, was du liest – und du überlegst, ob das gut oder schlecht ist. „Bitte sehr. Guten Appetit und viel Spaß beim Lesen", wünscht dir Sidonie und lächelt ihr Gute-Laune-Lächeln.

„Danke. Schönen Tag noch", verabschiedest du dich, lässt dein Tablett neben dir herschweben und nimmst an einem Tisch recht weit hinten Platz. Du magst es nicht, vorne im Getümmel zu sitzen. Du brauchst ein wenig Ruhe, wenn du dich auf Essen und Lesen gleichzeitig konzentrieren willst. Und als Geschichtsprofessor ist es schließlich deine Pflicht, dich über das aktuelle Geschehen in der Welt zu informieren.

Du rührst Milch und Zucker in deinen Kaffee, knabberst eine geröstete Toastscheibe an und blätterst im Tagespropheten. Viel Blablabla, wenig Gehaltvolles. Sie wollen die Löhne der Heiler senken. Die Heiler protestieren. Du schüttelst den Kopf und überlegst, wie man eigentlich so verrückt sein kann, denen die Gelder zu kürzen, die sich um die Gesundheit der Zaubererwelt kümmern. Millicent wird kochen vor Wut, da bist du dir sicher.

Ah. Quidditch auf Seite 3. Das kann eigentlich nur eines bedeuten... Du lässt deine Augen zum Ende der Seite wandern und ja, da steht einer der beiden Namen, die gute Qualität in Quidditchartikeln versprechen: Ginny Potter. Lee Jordan war letzte Woche dran, glaubst du dich erinnern zu können. Sie wechseln sich ab mit dem schriftlichen Teil und du musst ihnen zugestehen, dass ihre Artikel die einzigen Sportartikel sind, die du gerne und regelmäßig liest.

Es folgen mehrere belanglose Interviews, Rita Kimmkorn und Clarissa Pepper sind wie immer in Höchstform und du legst den Tagespropheten entnervt beiseite. Dein Kaffee ist ausgetrunken und auf deinem Teller liegen nur noch ein paar einzelne Speckstreifen, die du beim besten Willen nicht mehr essen kannst. Du wirfst einen Blick auf die Uhr, die in der Mensa an der Wand hängt, und stellst fest, dass der Merlin wohl bis zum Mittagessen wird warten müssen, wenn du nicht zu spät zu deiner eigenen Vorlesung kommen willst.

Und das wäre wirklich peinlich, findest du.

Du schlenkerst deinen Zauberstab und schaust zu, wie dein Tablett brav davonfliegt, wie das Geschirr in die Küche schwebt, um dort gesäubert zu werden. Magie kann wirklich praktisch sein. Du faltest deine zwei Zeitungen zusammen, klemmst sie dir unter den Arm und greifst dir deine Tasche, um dich auf den Weg zu deinem Hörsaal zu machen.

„Viel Spaß!", ruft Sidonie dir hinterher und du musst etwas grinsen. Ja, eigentlich freust du dich auf die Vorlesung. Du bist gespannt, was deine Studenten zu den Interviews sagen werden. Ob sie das eine oder andere gekannt haben. Ob sie erkannt haben, wer da interviewt wird. Auch, wenn du das nicht hoffst. Es ist viel spannender, das Ganze anonym zu betrachten.

(Nun, zumindest spannender für dich. Du weißt ja, wer da wem Fragen stellt und du kannst dich im Stillen köstlich über die Vermutungen amüsieren, die deine Studenten hoffentlich äußern werden. Du kannst sie mit der Wahrheit abgleichen und dich bemühen, dein breites Lachen zu verstecken, wenn ihre Meinung nicht im Geringsten mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Ja, manchmal denkst du schon, dass du einen seltsamen Sinn für Humor hast.)

Mit flatternden Roben rauschst du in deinen Hörsaal hinein, schließt die Türen hinter dir und gehst auf dein leeres Pult zu. Du lässt die Zeitungen darauf fallen, stellst deine Tasche auf dem Tisch ab und schlüpfst, wie immer, aus deiner Robe, die du über den Stuhl hängst. Deine Hemdsärmel sind bereits nach oben gekrempelt, aber du schindest etwas Zeit, indem du dich über deine Tasche beugst und blind nach den Interviews kramst, während du gleichzeitig einen Blick in die Runde wirfst.

Charles Grey und Alasdair MacLaine sitzen in der ersten Reihe, nebeneinander. Es überrascht dich nicht wirklich. Boreas Flynn hat es sich hinter den Beiden bequem gemacht und die Drei tuscheln miteinander. Wie jeden Herbst findest du es auch diesmal wieder spannend, deinen Studenten dabei zuzusehen, wie sich Freundschaften entwickeln.

Gwendolen Hopkins entdeckst du ein paar Reihen dahinter, vor ihr liegen stapelweise Papiere und sie hat den gezückten Stift bereits in der Hand. Zwei Plätze neben ihr, offenbar verschreckt von den vielen Unterlagen, sitzt Rosaleen O'Connor und lächelt scheu in deine Richtung. Caitlin Roberts sitzt inmitten einer Traube anderer Mädchen, deren Namen du noch nicht kennst, und Lucinda Johnson thront auf dem gleichen Platz wie in der vorherigen Woche.

Gut. Du lernst langsam Namen und Gesichter. Und du hoffst, dass sich heute noch weitere Studenten an der Diskussion beteiligen werden und sich nicht nur immer die gleichen zu Wort melden.

Du hast die Interviews gefunden, packst den Haufen auf dein Pult und stellst die Tasche darunter. „Guten Morgen", begrüßt du deine Studenten und nickst, erfreut, als dir ein mehr oder weniger deutliches „Morgen" entgegenschallt. Sie scheinen zumindest einen Teil ihrer ... du nennst es: Ehrfurcht, aber nur, weil dir kein besseres Wort einfällt und weil du nicht Angst dazu sagen willst und weil Respekt allzu lehrerhaft klingt ... Ehrfurcht vor dir zu verlieren. Sehr gut.

Sie sollen dich in Frage stellen. Sie sollen sich in Frage stellen. Merlin, sie sollen so gut wie alles anzweifeln, was du ihnen erzählst, was Zeitungen ihnen berichten, scheinbar objektiv, was sie in Büchern erfahren oder von ihren Eltern wissen. Sie sollen kritisch sein und sich auf ihren eigenen, wachen Geist verlassen. Den haben sie nämlich. Sonst wären sie nicht in Oxford gelandet.

Du beginnst die heutige Vorlesung so ähnlich wie die letzte. „Ich würde gerne wissen, wer von Ihnen die Texte gelesen hat", erklärst du, „Wären Sie daher so freundlich und würden mir das durch Handzeichen zu verstehen geben?" Ausnahmslos jede Hand geht nach oben und du kannst nicht anders, als dich zu fragen, ob das der Wahrheit entspricht oder ob sie sich einfach nur nicht trauen zuzugeben, wenn sie es mal nicht geschafft haben, sich vorzubereiten.

Du bist lange genug im Geschäft, wenn man es so ausdrücken mag, um zu wissen, dass der Lerneifer der Studenten nach wenigen Wochen ganz von selbst abnehmen wird. Irgendwann werden sie Prioritäten setzen und die werden vermutlich nicht immer bei den Vorlesungen liegen. Sie haben Seminare, die sie besuchen müssen, und Referate und Präsentationen, für die sie recherchieren und die sie schreiben und halten müssen.

Und sie haben Vorlesungen. Irgendwann werden sie die Texte für deine Vorlesungen schleifen lassen, weil sie die Zeit für Wichtigeres brauchen und weil sie denken, dass du ihnen doch sowieso erzählen wirst, was relevant ist. Warum sollten sie sich also selbst soviel Arbeit machen?

Du wirst sie schon auf Trab halten. Deine Vorlesung ist keine Ein-Mann-Show. Du hast es ihnen bereits gesagt und du stehst zu deinem Wort: du wirst ihnen nicht nacherzählen, was in den Texten steht. Du wirst voraussetzen, dass sie es wissen, und du wirst Schlussfolgerungen mit ihnen gemeinsam ziehen. Sie werden mitarbeiten müssen statt nur zuzuhören. Du weißt, dass das ein wenig ungewöhnlich ist für eine Vorlesung, aber du hast deine Lehrmethoden seit einigen Jahren und du hast nicht vor, sie zu ändern.

„Wunderbar", sagst du einfach, leichthin, „Dann würde mich nun brennend interessieren, wie Sie mit den Interviews zurecht gekommen sind." Du machst es dir auf der Kante deines Pults bequem, streckst die langen Beine aus und schaust abwartend und offen deine Studenten an. Wie erwartet. Die meisten kramen wieder in ihren Unterlagen, sehen betont unauffällig woanders hin, nur nicht zu dir, und es ist dir völlig gleichgültig.

„Sie", bestimmst du schließlich dein erstes Opfer, „Der Herr im blauen Rollkragenpullover, vorletzte Reihe." Besagter Student nickt dir leicht zu und hat offensichtlich dein kleines Ritual nicht vergessen: erst die Vorstellung, dann die Antwort. „Trystan Bickerton", sagt er und du findest, irgendwie, dass er aussieht, wie du dir einen Trystan vorstellst, mit hellem, blondem Haar und einem Gesicht wie eine griechische Statue.

„Sehr schön", lächelst du, „Mister Bickerton, wären Sie so freundlich, uns die Gedanken zu beschreiben, die Sie beim Lesen der Interviews hatten? Schildern Sie uns einfach Ihre Eindrücke, ja? Sie müssen sich noch nicht um eine formvollendete Analyse des Inhalts oder Ähnliches bemühen."

„In Ordnung", antwortet er und grinst etwas schief, „Ich werde mein Bestes geben. Ehrlich gesagt, war ich ziemlich verwirrt, als ich die Interviews zum ersten Mal gelesen habe. Klar, da finden sich immer mal wieder Hinweise auf die Personen, aber nichts Konkretes, nichts Festes. Die Fragen haben mich auch überrascht. Ich hätte etwas Anderes erwartet."

Ah. Ausgezeichnet. Du bist froh, dass er die Sprache auf die Fragen bringt, und hakst sofort nach. „Inwiefern?", willst du wissen, „Welche Fragen haben Sie denn erwartet?" Du nickst ihm aufmunternd zu, damit er nicht das Gefühl bekommt, du würdest ihn bloßstellen wollen. Das ist dir schon zu oft passiert, unbeabsichtigt.

Trystan Bickerton zuckt die Achseln. „Ich weiß nicht", erwidert er und klingt ein wenig hilflos, „Vermutlich dachte ich, die Fragen wären viel mehr auf den Krieg bezogen. Auf eigene Erfahrungen, auf Erinnerungen, auf Ereignisse, die geschehen sind. Ich dachte, es ginge eher um Personengeschichte."

Du unterbrichst ihn. „Dachten Sie, das Ganze würde eher auf ein wenig Klatsch und Tratsch hinauslaufen?", erkundigst du dich und schaust ihn interessiert an. Er wird rot und du beeilst dich, ihm zu versichern, dass ihm das nicht im Geringsten peinlich sein muss. „Wer von Ihnen war der gleichen Ansicht wie Mister Bickerton?", fragst du laut und nickst verstehend, als langsam und sehr zögernd etliche Arme in die Luft gehen.

„Wie gesagt: das muss Sie nicht in Verlegenheit stürzen", wiederholst du, „Es zeigt nur, wie geprägt wir von unserer Medienwelt sind. Ich möchte keine unserer diversen Zeitungen anprangern, aber es ist nun einmal Tatsache, dass ein Großteil der magischen Bevölkerung an trockenen, sachlichen Politikartikeln wenig Interesse zeigt. Wenn man das Ganze allerdings mit ein wenig Drama würzt, dann sieht die Sache schon anders aus."

Du denkst an den Tagespropheten, der hinter dir liegt, und an Rita Kimmkorns Biographie über Albus Dumbledore, die schon ziemlich fürchterlich war, und an ihre Biographie über Severus Snape, die es tatsächlich geschafft hat, Leben und Lügen des Albus Dumbledore an Bosheit, Verleumdungen und verdrehten Tatsachen noch zu übertreffen, was du fast nicht für möglich gehalten hättest.

Du schiebst etwas ein, was du eigentlich nicht geplant hattest: einen kleinen Exkurs zum Thema Autobiographisches und Biographisches Schreiben in der Zaubererwelt. „Wer von Ihnen kennt denn populäre Bücher, die sich mit berühmten Persönlichkeiten auseinandersetzen? Und können Sie mir auch sagen, wer diese Bücher verfasst hat?", stellst du deine Fragen in den Raum und rutschst etwas nach hinten, um es dir auf dem Pult bequemer zu machen.

„Miss Roberts, bitte", rufst du die Waliserin auf und hörst neugierig zu, wie sie über Rita Kimmkorns journalistische Werke spricht. Sie scheint alle vier Biographien gelesen zu haben (wie vermutlich die meisten Hexen und Zauberer) und äußert sich, zu deinem Wohlgefallen, darüber, dass Miss Kimmkorn unglaublich schlechte Recherche betreibt und eigentlich nur hier und da mal ein paar bewiesene Echtheiten einfließen lässt, während sie sonst nur ein unglaubliches Märchengebilde aufbaut.

„Sehr gut", kannst du dein Grinsen nicht verbergen, „Vielen Dank für Ihren Beitrag, Miss Roberts. Gibt es weitere Bücher, die Sie kennen?" Du weißt, dass sie das tun. Du selbst hast ihnen bereits Ausschnitte serviert.

Gwendolen Hopkins hebt die Hand und nennt „Als ich ein kleiner Junge war. Geschrieben von Neville Longbottom." Du nickst ihr zu und hakst nach, ob sie das Buch ganz gelesen hat. Sie räuspert sich leise, bevor sie weiterspricht. „Ja, habe ich", gibt sie zu, „Die Kimmkorn-Bücher habe ich auch gelesen. Man hat ja nicht gerade viel Auswahl, wenn man Biographien sucht, die nicht vollständig veraltet sind." Sie hat Recht damit: es ist schwer, gute Literatur zu finden, die sich mit zeitgenössischen Figuren beschäftigt. Will man über die Hogwartsgründer, Merlin oder Nicolas Flamel lesen – nun, dann stehen einem ganze Bibliotheken offen.

„Miss Hopkins, wären Sie so freundlich und würden dem Rest von uns etwas über Mister Longbottoms Buch erzählen?", bittest du sie, „Nur ganz kurz, keine Sorge. Wir werden nicht anderthalb Stunden lang über Journalismus sprechen." Sie nickt dir zu und rückt sich ihre Brille zurecht.

„Nun, Mister Longbottom erzählt in seiner Autobiographie von seiner Kindheit und den Jahren in Hogwarts, bis zum finalen Kampf gegen Voldemort", erklärt sie ruhig, „Er beschreibt, wie er aufgewachsen ist, welches Feindbild er im Kopf hatte und wie es ist, wenn die eigenen Eltern mit zerbrochenen Gehirnen in Krankenhausbetten liegen. Er spricht von den Jahren in Hogwarts, von den Häuserfeindschaften, von Sticheleien und Anfeindungen. Aber er sagt auch, gerade gegen Ende, dass man es sich nicht so leicht machen darf, einfach alle Slytherins als Böse abzustempeln."

„Danke", sagst du leise, als sie keinerlei Anstalten mehr macht, weiterzusprechen, „Ich kann Ihnen nur ans Herz legen, dieses Buch zu lesen. Wir werden allerdings im Laufe dieses Semester vermutlich sowieso noch weitere Auszüge daraus behandeln. Gibt es noch weitere Biographien, die Ihnen einfallen? Ansonsten würde ich das Thema nun erst einmal abschließen."

Du wartest kurz ab und lässt Alasdair MacLaine zu Wort kommen. „Es sind vielleicht nicht unbedingt Biographien, aber ich denke, dass man die Forschungsbücher von Professor Finnigan durchaus auch dazu zählen kann, wenn es um das Verarbeiten zeitgenössischer Geschehnisse geht", bringt Mister MacLaine einen sehr wichtigen Aspekt, auf den du eigentlich bereits gewartet hast.

„Sehr richtig", stimmst du ihm zu, „Auch die Bücher von Professor Finnigan kann ich Ihnen nur ans Herz legen. Und natürlich empfehle ich Ihnen, seine Lehrveranstaltungen zu besuchen, sobald dies wieder möglich ist und er keine Forschungsfreisemester mehr hat. Nun allerdings: zurück zum Thema der heutigen Vorlesung. Ich stelle Ihnen frei, mit welchem Interview wir beginnen wollen. Nehmen Sie sich zwei Minuten Zeit, blättern Sie Ihre Notizen nochmals durch und verraten Sie mir dann, wo Sie einsetzen möchten."

Du stützt dich mit den Händen auf dem Pult ab, schlenkerst ein wenig mit den Beinen und schaust deinen Studenten dabei zu, wie sie sich durch etliche Pergamentbögen wühlen. Du bist gespannt, welches Interview der oder diejenige wählen wird, den du gleich aufrufen wirst. Und du erinnerst dich daran, dass du nicht vergessen darfst, sie zu fragen, ob sie eines der Interviews bereits kannten.

„Gibt es Freiwillige?", unterbrichst du nach zwei Minuten die Stille und ignorierst die erhobenen Hände von Boreas Flynn und Charles Grey. „Freiwillige, die ich noch nicht kenne, vielleicht?", fügst du mit einem Lächeln hinzu und schaust kurz entschuldigend zu den Beiden hinüber, die ihre Arme wieder nach unten nehmen, „Wie wäre es denn mit Ihnen, Miss...?"

„Shaw", murmelt das Mädchen, das du so durchdringend angesehen hast, „Julianna Shaw." Sie pustet sich den schwarzen Pony aus den Augen und blickt verunsichert zurück. „Nun, Miss Shaw", forderst du sie nachsichtig auf, „Welches Interview würden Sie gerne als Erstes analysieren?" Sie macht einen derart verschreckten Eindruck, dass du beinahe glaubst, dass sie piepsend „Keines" erwidert, doch stattdessen schlägt sie mit leiser Stimme „Das vierte" vor.

Zugegeben, du bist erstaunt. Eigentlich hast du mehr oder weniger fest damit gerechnet, zuerst das letzte Interview zu besprechen. Es ist, deiner Meinung nach, eines der eindeutigsten, weil sowohl aus den Fragen als auch aus den Antworten hervorgeht, welchen Hogwartshäusern die beiden Personen angehörten. Aber gut: du lässt dich gerne überraschen.

„Was ist Ihnen beim Lesen des vierten Interviews denn besonders in Erinnerung geblieben?", erkundigst du dich und lässt Miss Shaw einfach mal reden.

„Nunja", stammelt sie, „Zum einen wird deutlich, dass derjenige, der in diesem Interview die Fragen stellt, aus Gryffindor kommt. Es gibt eine Stelle, an der der Interviewte sagt Ihr Gryffindors übrigens auch nicht und aus dem gleichen Kontext geht hervor, dass der Interviewte selbst weder in Gryffindor noch in Slytherin war.

Er ist offenbar mit beiden Parteien in Kontakt getreten und scheint recht rational zu denken. Die Slytherins sind für ihn kein ultimatives Feindbild mehr und er sagt, dass auch die Gryffindors keine Heiligen waren, was uns darauf schließen lässt, dass er eher ein neutraler Beobachter war. Ravenclaw, würde ich vermuten. Und er ist erwachsen genug, um den Slytherins einen gewissen Respekt zu zollen – das zeigt uns, dass er tolerant ist und nicht verbohrt in seinen Ansichten.

Außerdem scheint ihm nichts daran zu liegen, Klischees einfach zu übernehmen. Er ist interessiert an Fragen und an Antworten. Er will wissen, wie es überhaupt so weit kommen konnte und er kritisiert, dass es so wenig Menschen gibt, die in diesem Themengebiet auf Spurensuche gehen."

„Beeindruckend", sagst du verblüfft, als sie eine kleine Pause macht, um zu Atem zu kommen. Miss Shaws Wangen verfärben sich leuchtend rosa und sie gehört offenbar zu jenen Studenten, die viel zu sagen haben, die einen wachen Verstand besitzen und diesen auch benutzen und die, während sie reden und Schlussfolgerungen ziehen, die ganze Welt um sich herum vergessen, aber die im ersten Moment zu schüchtern sind, um sich überhaupt zu melden.

„Möchten Sie noch etwas hinzufügen?", bietest du ihr freundlich an, doch Miss Shaw schüttelt den Kopf und du nickst ihr zu, um ihr zu versichern, dass das vollkommen in Ordnung ist, dass sie genug gesagt hat, um in deinem Gedächtnis hängenzubleiben. Ihr Gesicht wirst du bestimmt nicht vergessen. „Möchte vielleicht sonst jemand etwas zu Interview Nummer Vier ergänzen?", fragst du in die Runde und erspähst die Hand von Lucinda Johnson.

„Ich würde gerne wissen, wer da interviewt wurde", sagt sie und du schenkst ihr ein strahlendes Lächeln. „Achso", machst du gedehnt, „Würden Sie das? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich habe die Interviews nicht geführt und bin daher auch kaum befugt, Ihnen die Namen zu verraten." Getuschel erhebt sich in deinem Hörsaal und du musst etwas lauter sprechen, um deine Studenten zu übertönen.

„Allerdings", fährst du fort, „sind zwei der Interviews bereits vor einiger Zeit im Tagespropheten erschienen. Damals wurden auch die Identitäten der jeweiligen Personen preisgegeben. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen sie ja gelesen?" Nun bist du wirklich gespannt. Du siehst Charles Grey nicken und wärst ehrlich gesagt sehr enttäuscht gewesen, wenn ein Student aus dem fünften Semester diese Artikel nicht gelesen hätte.

„Mister Grey", wendest du dich an ihn und begegnest seinem wachen Blick, „Wären Sie so freundlich, uns zu verraten, die Interviews von welchen zwei Personen damals abgedruckt worden sind?" Er zuckt die Achseln, sagt „Sicher" und fügt dann hinzu, „Das von Kingsley Shacklebolt, dem Zaubereiminister, und eines mit Professor Sprout, ehemaliger Professorin für Kräuterkunde in Hogwarts und Hauslehrerin von Hufflepuff."

Ein leises Raunen geht durch die Menge und du musst grinsen, weil Charles Grey seinen Kommilitonen nicht verraten hat, welche Interviews zu den beiden Namen gehören. „Sehr richtig", lobst du ihn kurz, „Wissen Sie auch, zu welchem Anlass diese Interviews gegeben wurden? Und seien Sie auch so gut, uns den Fragensteller mitzuteilen, ja?"

„Soweit ich weiß, hat Professor Finnigan die Interviews geführt", antwortet er etwas zögernd und sieht dich fragend an, „Aber ich denke nicht, dass er sie für den Tagespropheten geführt hat – oder?" „Richtig", wiederholst du, „Das hat er nicht. Die Interviews sind Teil eines seiner Forschungsprojekte und aus genau diesem Grund werde ich Ihnen die Namen auch nicht verraten. Was für ein Kollege wäre ich denn, wenn ich die Ergebnisse eines Historikers ausplaudern würde, noch bevor das Buch fertig geschrieben ist?"

„Verraten Sie uns zumindest, welches Interview mit Mister Shacklebolt ist und welches mit Professor Sprout?", ruft Lucinda Johnson dazwischen und du kannst an ihren zusammengezogenen Augenbrauen erkennen, dass es ihr nicht im Geringsten passt, dass du ihr keine Antwort geben willst. „Sagen Sie es mir", entgegnest du ihr ruhig, „Welche Interviews vermuten Sie denn hinter diesen zwei Personen?"

Mister MacLaine meldet sich und rückt erst seine Goldbrille zurecht, bevor er euch in schottischem Singsang und logischen Schlussfolgerungen badet. „Die Interviews Eins, Zwei und Fünf sind die Einzigen, die ich in Betracht ziehen würde", beginnt er, „Denn nur in ihnen wirken meiner Meinung nach die Fragen so, als befänden sich Fragensteller und Antworter auf unterschiedlichen Ebenen."

„Wie meinen Sie das?", unterbrichst du ihn und verschränkst die Arme vor dem Oberkörper. Er hat Recht, aber du willst Erklärungen hören, Beweise. „Nun, bei den anderen drei Interviews habe ich als Leser das Gefühl, dass die beiden Personen – also Professor Finnigan und der jeweilige Interviewte – ungefähr das gleiche Alter haben. Ich würde sogar sagen, sie sind mit Harry Potter gemeinsam zur Schule gegangen, entweder im selben Jahrgang oder ein paar Jahre darüber", spricht er weiter, bevor du erneut dazwischenredest.

„Wo finden Sie Anhaltspunkte dafür?", erkundigst du dich, „Wo sind Ihre Belege im Text?" Du hasst es, wie ein Literaturdozent zu klingen und du hasst es, dass du jemanden derart scharf angehen musst, wenn du doch weißt, dass seine Gedankengänge richtig sind. Und trotzdem: deine Studenten müssen lernen, sich immer am Text entlangzuarbeiten, wenn ihr eine Analyse durchführt. Und du bist dir recht sicher, dass jemand wie Alasdair MacLaine weiß, dass dein Nachbohren nichts mit ihm persönlich zu tun hat.

„In Interview Nummer Vier ist es die gleiche Stelle, die vorhin bereits zitiert wurde", führt Mister MacLaine seine Überlegungen weiter aus, „Der Interviewte spricht von den Slytherins, die er – oder sie, das wissen wir nicht so genau – während seiner Schulzeit kennengelernt hat und von den Gryffindors. In diesem Zusammenhang sagt er Ihr Gryffindors, und obwohl es vielleicht kein eindeutiger Beweis ist, würde ich diesen Satz dennoch so deuten, dass die beiden Personen zur gleichen Zeit in Hogwarts waren.

Sie reden auch relativ vertraut miteinander, wie ich finde. Der Interviewte wirkt verhältnismäßig jung, an einer Stelle sagt er beispielsweise Schwachsinn und das würde ich Professor Sprout oder unserem Minister nicht unbedingt in den Mund legen. Mal abgesehen davon, dass das ansonsten vermutlich die Schlagzeile schlechthin geworden wäre."

Du verbeißt dir ein Grinsen und machst ein Zeichen mit der Hand, dass er weiterreden soll. Keine Unterbrechung diesmal.

„Das letzte Interview scheidet ebenfalls aus. Als der oder die Interviewte erklärt, wie Slytherins so funktionieren und Professor Finnigan dann sagt, dass er die mitschwingende Drohung einfach mal ignoriere oder wenn sie über Freundschaft zwischen Slytherins und Gryffindors diskutieren – da habe ich als Leser eindeutig das Gefühl, dass die beiden Personen gleich alt sind.

Ganz anders stellt sich die Sache, meiner Meinung nach, in den Interviews Eins, Zwei und Fünf dar. Im ersten Interview sagt der oder die Interviewte zu Professor Finnigan Sie sind jung und kurze Zeit später hakt Professor Finnigan nach mit Ich will Sie zu keiner Antwort zwingen, aber ... wie sieht Ihre Hölle aus?, wobei er, wie ich finde, beinahe unterwürfig wirkt. Gemeinsam mit dem ersten Zitat wird deutlich, dass Professor Finnigan also jünger ist als die Person, die er interviewt, und zwar offensichtlich bedeutend jünger. Es könnte sich beim ersten Interview von daher um Professor Sprout handeln."

Du willst eingreifen, aber Alasdair MacLaine schaut zu dir hoch und sein Blick verrät nur allzu deutlich, dass er noch längst nicht fertig ist. „Bitte, fahren Sie fort", sagst du daher nur leise.

Er nickt dir zu. „Danke. Kommen wir zu Interview Nummer Zwei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier Kingsley Shacklebolt interviewt wurde. Die Person hat offensichtlich einen hohen Sinn für Gerechtigkeit und scheint auch etwas mit der Zaubererjustiz zu tun zu haben – ansonsten wäre es nämlich müßig, dass Professor Finnigan ihn fragt, ob er die Gesetzesänderung für richtig hält oder nicht. Wenn man sich nun noch ins Gedächtnis ruft, dass Mister Shacklebolt dafür gesorgt hat, dass die Dementoren nicht länger Azkaban bewachen und sich in aller Öffentlichkeit gegen diese Kreaturen ausgesprochen hat – nun, dann dürfte fast sicher stehen, dass er hier interviewt wird.

Auch das relativ vorsichtige Nachfragen am Anfang, ob Professor Finnigan wisse, dass er nicht beantworten muss, ob er jemanden umgebracht hat, spricht für diese Theorie. Als Zaubereiminister bekleidet er ein hohes Amt und es hätte eventuell zu einem Skandal kommen können, wenn öffentlich bekannt wurde, dass er Menschen getötet hat. Er antwortet dennoch wahrheitsgemäß, was ich auch nicht anders erwartet hätte, denn er hat Recht, wenn er sagt, dass jeder töten würde statt sich umbringen zu lassen.

Außerdem spricht er von seiner Familie als seinem höchsten Gut. Es ist allgemein bekannt, dass unser Minister ein ausgesprochener Familienmensch ist, deswegen würde diese Antwort gut in unser Bild passen. Ich weiß es zwar nicht genau, doch ich glaube nicht, dass Professor Sprout Familie hat.

Gehen wir also davon aus, dass Interview Nummer Zwei mit Kingsley Shacklebolt geführt wird. Interview Nummer Drei hört sich für mich erneut so an, als sei der Interviewte vom Alter her nicht allzu weit von Professor Finnigan entfernt, vor allem, wenn wir es mit dem ersten und zweiten Interview vergleichen, wo ganz eindeutig ist, dass ein erheblicher Altersuntersschied besteht. Vom Stil her erinnert Interview Nummer Drei eher an Vier und Sechs.

Bleibt noch Nummer Fünf. Und hier sehe ich eigentlich Professor Sprout. Bereits in der ersten Antwort wird Professor Finnigan mein Lieber genannt und das lässt uns darauf schließen, dass hier vermutlich eine Frau interviewt wird." Er hebt entschuldigend die Hände, als etliche der Studentinnen empört dazwischenreden und rufen, dass das Beleidigung sei und sexistisch und Merlin, er tut dir Leid.

„Meine Damen", rufst du und registrierst zufrieden, dass augenblicklich Ruhe einkehrt, „Meine Damen, beruhigen Sie sich bitte. Es ist absolut nichts Sexistisches daran zu finden, wenn Mister MacLaine konstatiert, dass es wahrscheinlicher ist, von einer Frau mein Lieber genannt zu werden als von einem Mann. Das ist schlicht und ergreifend wahr. Ich möchte Sie bitten, Ihren Kommilitonen zu Ende sprechen zu lassen und ihn nicht bereits in der Luft zu zerreißen, wenn er noch mitten in seinen Ausführungen steckt."

Gute Güte. Du hast offenbar verpasst, dass die Frauenbewegung wieder regen Zuwachs bekommen hat. Du bezweifelst jedenfalls, dass man Mister MacLaine zu deinen Studienzeiten als Sexisten beschimpft hätte.

Er lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, sondern rückt sich nur erneut die Brille zurecht und schaut zu dir hoch, während er weiterspricht.

„Sie erzählt, dass sie schon einige Jahre länger lebt als Professor Finnigan und Zeit genug hatte, um die verschiedenen Hogwartshäuser zu beobachten. Damit wird eindeutig der Schluss nahegelegt, dass sie in Hogwarts arbeitet oder gearbeitet hat und somit diese Beobachtungen anstellen konnte. Ich denke außerdem, dass ihre Rückschlüsse zu analytisch und erwachsen sind, um nur aus ihrer eigenen Schulzeit zu stammen. Vielmehr glaube ich, dass sie sehr viele Jahre über damit beschäftigt war, im Verborgenen zuzuschauen und sich ihre eigenen Gedanken zu machen.

Auch ihre Vorstellung vom Himmel als einem Garten, den man vergessen hat zu pflegen korrespondiert durchaus mit dem Bild, das man sich von einer Professorin für Kräuterkunde normalerweise macht, oder etwa nicht? Und sie wirkt weicher, mütterlicher und weniger ... gezeichnet vom Leben als die Person im ersten Interview, die ich ebenfalls als mögliche Kandidatin festgelegt hatte."

Er holt tief Luft und du musst ein wenig lächeln, auch, weil du dich nicht erinnern kannst, jemals einen solchen Monolog von einem Studenten erlebt zu haben. Aber gut – du hast ihn ja regelrecht aufgestachelt und ermuntert, immer weiter zu reden. Nun hat er ziemlich vieles von dem, was du eigentlich hattest erarbeiten wollen, selbstständig analysiert und in den Raum geworfen.

„Sie sagen also, Nummer Zwei ist unser Minister und Nummer Fünf ist Professor Sprout?", vergewisserst du dich und er nickt zustimmend. „Meinen Glückwunsch", fährst du gelassen fort, „Sie haben Recht." Du beugst dich ein wenig nach vorne, schaust ihn an und meinst, „Darf ich Sie etwas Gemeines fragen, Mister MacLaine?"

Er blickt verwirrt zurück und sagt „Ja, sicher" und du grinst und fragst, „Wenn Sie nicht gewusst hätten, dass wir nach Kingsley Shacklebolt und Professor Sprout suchen – wären Sie dann darauf gekommen?"

Er muss lachen und du findest, dass ihn das ziemlich sympathisch macht. „Wahrscheinlich nicht", gibt er offen zu, „Vielleicht hätte ich irgendwann mal überlegt, dass die Person aus dem zweiten Interview im Bereich Politik oder Justiz tätig ist, weil die Frage nach den Dementorküssen das wirklich impliziert, aber das hätte wohl noch eine kleine Ewigkeit gedauert. Und Professor Sprout... ich weiß nicht, warum, doch ich wäre vermutlich nicht einmal auf die Idee gekommen, dass Professor Finnigan sie interviewt hat."

„Höchst interessant", stellst du fest, „Ein sehr wichtiger Kommentar. Wie vielen von Ihnen ist es denn genauso ergangen?"

Fast alle Hände gehen in die Luft. Du hast es nicht anders erwartet. Wärst du an ihrer Stelle, wärst du vermutlich auch überrascht gewesen, welche Personen sich hinter den Interviews verbergen. Doch du bist nicht an ihrer Stelle und du kennst Seamus' Arbeitsweise gut genug (und du kennst die Liste der Namen, aber das wirst du deinen Studenten bestimmt nicht erzählen), um nicht länger überrascht zu sein, wenn er dir strengvertraulich Konzepte vorstellt (dir und gefühlten hundert anderen Mensch, immer streng vertraulich), Konzepte, über die man den Kopf schütteln würde, wenn sie von jemand Anderem als Seamus stammten.

„Danke", nickst du und die Hände gehen wieder nach unten. Ein Blick auf die Uhr verrät dir, dass du nicht mehr allzu lange Zeit hast. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: ich fasse noch einmal kurz zusammen, was wir bisher über die verschiedenen Interviews wissen und dann dürfen Sie entscheiden, mit welchem wir uns detaillierter befassen wollen. Einverstanden?"

Sie rufen „Ja" und du ordnest deine Gedanken.

„Interview Nummer Eins", beginnst du, „Offenbar mit einer Person, männlich oder weiblich, die älter ist als Professor Finnigan und relativ abgeklärt klingt. Interview Nummer Zwei wurde mit Zaubereiminister Kingsley Shacklebolt geführt. Interview Nummer Drei: eine Person, die ungefähr in Professor Finnigans Alter ist, männlich oder weiblich.

Interview Nummer Vier: eine männliche oder weibliche Person, die vermutlich zur gleichen Zeit in Hogwarts war wie Professor Finnigan und somit Harry Potter, die jedoch weder in Slytherin noch in Gryffindor war und die außerdem eher rational denkt und daran interessiert ist, Klischees aufzudecken. Wir gehen von einem oder einer Ravenclaw aus.

Interview Nummer Fünf ist mit Professor Sprout. Und Interview Nummer Sechs erneut mit einer Person undefinierten Geschlechts, die vermutlich im gleichen Alter ist wie Professor Finnigan. Außerdem war er oder sie wahrscheinlich in Slytherin, scheint jedoch ein freundschaftsähnliches Verhältnis zu Gryffindors aufgebaut zu haben. Haben Sie Ergänzungen?"

Du schaust deine Studenten der Reihe nach fragend an und erntest großteils Kopfschütteln. Hervorragend, findest du. Dann könnt ihr nämlich sofort dazu übergehen, euch ein kleines, feines Detail auszusuchen und darüber zu diskutieren. „Gibt es etwas, was Sie besonders interessiert?", erkundigst du dich freundlich und lässt zu, dass sie die Köpfe zusammenstecken und nicht gerade leise miteinander tuscheln. Eine Minute verstreicht, dann die zweite, die dritte bricht an und deine Geduld nutzt sich ab. Wenn das so weiter geht, wird euch sowieso keine Zeit mehr bleiben, um irgendein Detail zu besprechen.

„Es wäre sehr nett, wenn Sie Ihre klugen Gedankengänge mit mir teilen könnten", merkst du nach weiteren zwei Minuten an, etwas spitz vielleicht, jedoch noch immer im Rahmen deiner höflichen Möglichkeiten. Tatsächlich ertönt vereinzeltes Gelächter, grinsende Gesichter leuchten dir entgegen, aber niemand rafft sich zu einer Antwort auf. „Miss Hopkins", nimmst du das Ganze schließlich in die Hand und rufst die blonde Engländerin auf, die dich überrascht und verwirrt ansieht, „Was interessiert Sie denn besonders?"

„Wenn ich ehrlich sein soll", beginnt sie zögernd und rückt ihre Brille zurecht, „Dann finde ich es besonders spannend, darüber nachzudenken, welches Slytherinbild in Interview Nummer Vier entworfen wird, in den letzten paar Sätzen. Aber ich weiß nicht, ob das genügend Stoff für eine Diskussion hergibt."

Du ziehst eine Grimasse und stellst fest, „Eine richtige Diskussion können wir in den verbleibenden fünf Minuten sowieso nicht mehr führen. Also widmen wir uns ruhig dem Aspekt, den Sie herausgegriffen haben. Gibt es dazu Meinungen? Trauen Sie sich, bitte. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch."

Du erteilst Mister Flynn das Wort und lehnst dich entspannt zurück, während du gleichzeitig neugierig lauschst. Miss Hopkins hat sich etwas ausgesucht, das dich persönlich auch anspricht, doch du bist nicht sicher, wie viele deiner Studenten über diese kleine Textstelle gestolpert sind.

„Ich finde, dass hier eine sehr angenehme und tolerante Haltung gegenüber den Slytherins eingenommen wird", erklärt Mister Flynn gerade und hat sich extra in Miss Hopkins' Richtung gedreht, was du recht sympathisch und höflich findest, „Sie werden als erwachsene, normale Menschen behandelt, was sie im Grunde ja auch sind und woran man viel zu selten denkt. Die interviewte Person geht sogar so weit, ihnen eine gewisse Bewunderung entgegenzubringen – etwas, das lange Zeit als geradezu verpönt galt und stellenweise heute noch gilt.

Mit Slytherins verbindet man keinen Heldenstatus, nichts, woran sich irgendwie Bewunderung knüpfen könnte. Doch der oder die Interviewte schafft diesen Spagat und erklärt frei heraus, dass man die Slytherins dafür bewundern kann, dass sie ihren ganz eigenen Weg gegangen sind, dafür, dass sie ihre Fehler eingestanden haben und dann genügend Kraft und Ehrgeiz und Charakter und Willen hatten, um etwas zu schaffen, um sich Respekt zu verschaffen."

„Das ist ja schön und gut, dass der oder die Interviewte das so sieht und dass du da offensichtlich zustimmst", schaltet sich Miss Hopkins dazwischen, „Aber denkst du nicht, dass die große Mehrheit der Zauberergemeinschaft zumindest im Stillen noch immer an den alten Vorurteilen festhält? Professor Finnigan gibt das ja selbst zu, dass es lange Zeit dauert, um diese Vorurteile abbauen zu können. Und vielleicht wird es nie zur Gänze geschehen."

Mister Flynn zuckt die Achseln. „Ich denke, dass sich schon etwas geändert hat", antwortet er, „Vielleicht nicht gerade viel, vielleicht sogar nur lächerlich wenig, doch immerhin: es hat sich etwas geändert, in den Köpfen mancher Leute. Und es gibt genügend Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mit eben solchen Vorurteilen aufzuräumen. Bücher wie Grün ist die Hoffnung, geschrieben von einem Gryffindor, wären vor dreißig Jahren undenkbar gewesen. Heute sind sie das nicht mehr. Heute werden sie geschrieben, auch und gerade in Zusammenarbeit mit Slytherins. Und was noch viel wichtiger ist: sie werden auch gelesen."

„Ein schönes Schlusswort", mischst du dich rasch ein und blinzelst den beiden Diskussionsteilnehmern zu, „Es tut mir Leid, Sie mittendrin unterbrechen zu müssen, aber unsere Zeit ist für heute leider abgelaufen. Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Woche und wie immer werde ich Ihnen die Texte für die nächste Vorlesung zukommen lassen. Machen Sie's gut."

Du nickst in die Runde, packst deine Sachen zusammen und lauschst, wie das Trommeln der Fingerknöchel auf die Tischplatten von lauter werdendem Stimmengewirr abgelöst wird. Du greifst nach deinen Zeitungen, verlässt den Hörsaal und wanderst zu einem der Kamine, um das Flohnetzwerk zu benutzen und nach Hause zu verschwinden.

Wo ein leerer Kühlschrank auf dich wartet, zusammen mit einem leeren Bett.


tbc.


Schlussbemerkung: Ich habe mir Folgendes überlegt: ich will die Identitäten der interviewten Personen noch nicht öffentlich verkünden. Bestimmt gibt es unter den Lesern den Einen oder Anderen, der sagt, dass er lieber rätseln und es irgendwann gemeinsam mit den Studenten herausbekommen möchte. Für diejenigen unter euch, die jedoch meinen, vor Neugier sterben zu müssen, gilt folgendes Angebot: schreibt mir im Review, dass ihr es wissen wollt; dann schicke ich euch eine Antwort/PM und löse es auf. Einverstanden?