Anmerkung der Autorin: Ich weiß, ihr habt ewig gebraucht. Zu meiner Verteidigung: die ersten sieben Seiten des untenstehenden Kapitels hatte ich Anfang Januar bereits geschrieben. Die letzten fünf erst heute Abend. Dazwischen lag (und liegt) für mich eine prallgefüllte, stressige und arbeitsreiche Zeit. Ich bitte wirklich wirklich um Entschuldigung für die lange Wartezeit. Es war auch für mich, beim Schreiben, schwer, wieder reinzukommen, deshalb hoffe ich, dass das Kapitel dennoch Spaß zu lesen macht. Und ich hoffe, dass ich euch beim nächsten nicht so lange warten lasse.
Außerdem: Wer genau liest, wird feststellen, dass ein Detail dieses Kapitels nicht mit einem des vorherigen übereinstimmt. In den Anlagen steht im Text zu Narcissa, dass die Gerichtsverhandlung beinahe neun Jahre zurückliegt. Das ist ein völlig peinlicher Fehler meinerseits. Es sind etwas mehr als sechs Jahre (wie es hier in diesem Kapitel auch erwähnt wird). Ich werde das in den nächsten Tagen ändern und das vorherige Kapitel durch das ausgebesserte ersetzen.
Zu gegebenem Anlass: Mir gehört hier ja grundsätzlich nichts (außer vielleicht der Idee, der Umsetzung und meinen erfundenen Studenten), aber: "Beowulf" gehört mir auch nicht. Der Autor (die Autoren?) ist zwar unbekannt, aber meiner ist er definitiv nicht. Und ja, ich bin mir bewusst, dass ich "Mister" ausschreibe, "Mrs" jedoch nicht. Das liegt daran, dass "Mistress" doch sehr ... äh ... veraltet klingt und die guten Briten sich nicht einigen können, was die ausgeschriebene Version von "Mrs" angeht. Also habe ich es bei "Mrs" belassen. Ich hoffe, ihr verzeiht mir diese Unstimmigkeit.
Aber nun: viel Spaß beim Lesen! Und es tut mir Leid, dass es nicht ganz so lang ist wie die zwei vorherigen Vorlesungen.
Sechste Vorlesung
„Nanu?", sagt eine erstaunte Stimme hinter dir, als du gerade unschlüssig vor Tee und Kaffee stehst, „So früh schon hier? Ich dachte, du fängst mittwochs immer erst um neun an?" Du verschiebst deine schwierige Entscheidung und drehst den Kopf, um Osburga Bagshot verschlafen anzulächeln. „Morgen", antwortest du, „Ich konnte nicht mehr schlafen. Und das Frühstück hier ist bei weitem besser als das, das ich mir zubereiten kann." Sie lacht und macht einen Schlenker mit ihrem Zauberstab, um schwarzen, dampfenden Kaffee in eine leere Tasse zu füllen.
„Ich verstehe", erwidert sie amüsiert und häuft sich Eier, Toast und Pfannkuchen auf zwei Teller, „Geht mir ähnlich. Hast du lieber deine Ruhe oder darf ich dich an meinen Tisch einladen?" Du versicherst ihr eilig, dass du gerne mit ihr frühstücken würdest und entscheidest dich dann endlich, ebenfalls Kaffee zu trinken. Zum Teufel mit der gesunden Ernährung. Zum Teufel mit Kräutertee. Du schaufelst dir beherzt Tomatenscheiben, Pilze und Rührei auf den Teller und greifst dir drei Scheiben knusprigen Toast.
Sidonie lächelt euch strahlend entgegen, als ihr eure Tabletts zur Kasse schweben lasst. „Einen wunderschönen guten Morgen, Professoren", grüßt sie euch gut gelaunt und kassiert erst Osburga ab, dann dich. „Heute keine Zeitung", sagst du eilig und Sidonie nickt. Ihre Haare sind ein bisschen dunkler geworden, stellst du fest. Mittlerweile sehen sie aus wie flauschiges Moos, nicht mehr wie ein stachliger Kaktus.
„Lassen Sie es sich schmecken!", wünscht sie euch, „Und viel Spaß beim Unterrichten." Du verziehst deine Lippen zu einem gequälten Lächeln, während Osburga in fröhliches Gelächter ausbricht. Gemeinsam sucht ihr euch einen Tisch weiter hinten, mit genügend Platz für all euer Essen. (Osburgas Essen, wirklich, denkst du. Immerhin ist sie diejenige, die zwei volle Teller, eine Tasse Kaffee und ein Glas Orangensaft dabei hat.)
„Glaub nicht, ich hätte deinen entgeisterten Blick nicht bemerkt", verkündet Osburga verschmitzt und zwinkert dir zu, „Man nennt es Appetit und ich habe jeden Morgen damit zu kämpfen. So dünn wie du bist solltest du vielleicht auch mal mehr essen." Du seufzst ein amüsiertes „Jawohl" und verdrehst die Augen. Du hast Osburga recht gerne. Sie ist eine wahre Koryphäe auf ihrem Gebiet, Nichte der berühmten Bathilda Bagshot und du kannst dich glücklich schätzen, sie deine Kollegin nennen zu dürfen. Damals, vor geschätzten tausend Jahren, hast du noch selbst in ihren Vorlesungen gesessen und mit großen Augen zugehört. Der Respekt ist vielleicht ein bisschen weniger geworden, aber er ist dir nicht vollständig verloren gegangen, auch wenn du jetzt „Osburga" sagen darfst und nicht mehr „Professor Bagshot".
Manchmal glaubst du, sie lebt ihre versteckten Muttergefühle an ihren jüngeren Kollegen aus. Bei Sitzungen des Historischen Instituts versorgt sie euch regelmäßig mit Kaffee, Tee, Keksen, Kesselkuchen und Schokolade. Sie sagt immer, sie sei mit ihrem Beruf verheiratet und dass ihre Studenten ihre Kinder seien, doch du denkst, dass sie ihre Studenten ja schlecht füttern kann und deswegen musst du herhalten.
Sie lehnt sich vergnügt auf ihrem Stuhl zurück, schlüpft aus der knallroten Robe und macht es sich bequem, während Milch und Zucker sich von selbst den Weg in ihren Kaffee bahnen. Gepriesen sei der Einsatz stabloser Magie. Im vergangenen Semester habt ihr jeden Dienstag Morgen gemeinsam gefrühstückt. Ihr hattet beide die erste Vorlesung um 11 Uhr und habt es ausgenutzt, dass die Mensa morgens wie ausgestorben war. In diesem Semester hat es sich, zu deinem Leidwesen, irgendwie nicht ergeben.
„Erzähl mal", fordert sie dich auf und schiebt sich eine Gabel voll Rührei in den Mund, „Wie läuft's mit deiner Vorlesung? Lauter brilliante Köpfe?" Du rührst in deinem Kaffee und nimmst einen vorsichtigen, ersten Schluck. „Wie man's nimmt", erwiderst du und zuckst die Achseln, „Sie sind nicht dumm. Einige sind sogar ziemlich gewieft, für Erstsemester. Ich glaube, der arme Asmund hat es da wesentlich schlimmer erwischt als ich."
Sie lacht und fährt sich mit einer Hand durch die kinnlangen, grauen Haare. „Ohja", stimmt sie dir zu, „Er hat sich ein bisschen beklagt bei mir, als wir letzte Woche gemeinsam zu Mittag gegessen haben. Er befürchtet, dass es dieses Semester endlich so weit sein könnte, dass ihm die ersten weißen Haare sprießen." Du grinst, als du an euren Kollegen Asmund Bufton denkst. Er leitet in diesem Semester die zweite Einführungsveranstaltung, allerdings nicht wie du mit einem speziellen Schwerpunkt auf einer bestimmten Epoche, sondern mit Fokus auf wissenschaftliche Herangehensweisen zum Thema Geschichte. Es ist allgemeiner als das, was du tust, und obwohl es einfacher klingt, ist es ungemein komplex. Du beneidest ihn jedenfalls nicht um seine schwierige Aufgabe.
„Und bei dir?", willst du wissen, während du einen Pilz aufspießt, in deinen Mund schiebst und genüsslich kaust. Die Köche der Mensa sind Genies und irgendwann wirst du ihnen persönlich für all das Essen danken, das du im Laufe der Zeit hier zu dir genommen hast. Gäbe es die Mensa nicht, du wärst vermutlich längst verhungert. Oder hättest lernen müssen mehr zu kochen als die fünf Gerichte, die du hinbekommst.
Osburga winkt ab und nippt an ihrem Kaffee. „Frag nicht", seufzt sie, „Lauter Drittsemester, die scheinbar die Vorlesungsbroschüre nicht gelesen haben." „Wieso?", erkundigst du dich amüsiert und knabberst deinen Toast an, dankbar für die magische Vorrichtung in der Mensa, die dafür sorgt, dass das Essen solange die gewünschte Temperatur behält, wie derjenige, der es isst, das möchte. Clever.
„Die eine Hälfte war felsenfest davon überzeugt, dass wir das ganze Semester nur über Artus, Morgana und Merlin sprechen werden", führt Osburga ihren Seufzer aus und nutzt die Zeit, in der du dich kaputtlachst, um einen Pfannkuchen zu verspeisen. „Ja, lach du nur!", meint sie und deutet mit ihrer Gabel in deine Richtung, „Ich dachte, ich höre nicht recht, als sie mich mit Fragen über die Dame vom See löcherten. Sollen sie meinetwegen einen Kurs in Mythologie belegen."
Du prustest in den Kaffee hinein. Osburgas Empörung ist Gold wert. „Und die andere Hälfte?", fragst du, wieder halbwegs gefasst. „Glaubt, ich würde ihnen beibringen, wie sie zu Walküren werden, weil die Angeln und Sachsen doch mit Sicherheit germanisches Kulturgut mit auf die Insel gebracht haben", grummelt sie, „Wie haben die es nur bis ins dritte Semester geschafft? Haben keine Ahnung, worum es geht, glauben aber nicht, dass es vielleicht angebracht wäre, meine Voraussetzungen für den Kurs auch zu erfüllen."
„Was sind es denn diesmal für Voraussetzungen?", wirfst du rasch ein und legst eine große Tomatenscheibe auf deinen Toast, bevor du hineinbeißt. Du kennst Osburgas Vorlesungen schließlich aus eigener Erfahrung. Sie verlangt viel, doch sie gibt auch viel. Und sie hat es nicht leicht, mit ihrem Nischenfach massenweise Studenten zu begeistern.
Sie grinst ein bisschen dämonisch. „Ach, so dies und das", plaudert sie unbekümmert, während sie Zucker auf ihrem zweiten Pfannkuchen verteilt, „Du kennst das ja. Altenglische Texte, natürlich original, im Fuþorc." Du schüttelst den Kopf. „Du bist grausam, weißt du das?" Sie zuckt die Achseln. „Wieso? Steht eindeutig in der Broschüre drin. Kenntnisse des Altenglischen von Vorteil. Runenalphabet wird verlangt. Wie soll ich es denn noch deutlicher machen?"
„Auch wieder wahr", musst du ihr zustimmen und trinkst genüsslich deinen Kaffee. „Außerdem", fährt Osburga fort, „fanden es die Studenten bisher immer ziemlich spannend, wenn wir erst einmal zu Runendeutung und Ähnlichem kommen. Ist ja nicht meine Schuld, wenn sie sich unter meinen Vorlesungen etwas Anderes erwartet haben."
Osburga ist Expertin für Altenglische Geschichte. Du musst zugeben, dass du damals, in ihrer ersten Vorlesung, auch mit einem anderen Thema gerechnet hast. Sie weiß alles über diese Zeit, aber sie lässt nicht alles einfließen. Ihr habt über die nordische Invasion, Danelag, Brauchtum, kulturelles Erbe und die Vermischung verschiedener Zauberertraditionen gesprochen und du hast dich so unerfahren und dumm gefühlt wie noch nie in deinem Leben.
„Sie könnten nur ein bisschen mehr Begeisterung für ihre Hausaufgaben zeigen", findet Osburga und beißt in ihren Pfannkuchen, „Das ist doch kaum zuviel verlangt, oder? Und genügend Zeit haben sie schließlich auch." Dir schwant Übles. Ganz Übles. Immerhin kannst du dich noch daran erinnern, wie ihre harmlosen Hausaufgaben damals ausgesehen haben. Du hast quasi eine Woche lang in der Bibliothek campiert und dich übermüdet von einer Veranstaltung zur nächsten geschleppt, immer mit der Panik im Hinterkopf, dass du dir Professor Bagshots heiligen Zorn zuziehen würdest, wenn du kleinlaut gestehen müsstest, es nicht geschafft zu haben.
„Wieso?", erkundigst du dich daher leicht alarmiert, „Was war denn die Hausaufgabe?" Osburga winkt lässig ab und verkündet, „Sechseinhalb Zeilen übersetzen. Sechseinhalb lächerliche Zeilen. Das ist nichts, wenn man dafür eine ganze Woche und die besten Wörterbücher des Landes zur Verfügung hat!" Du schließt kurz die Augen und murmelst, „Und von was? Sechseinhalb Zeilen von was?", obwohl du dir die Antwort eigentlich denken kannst. Und wenn du Recht hast, dann verdienen Osburgas arme Studenten dein volles Mitleid.
Als du deine Augen wieder öffnest, schaut dich Osburga entrüstet an. „Na, von Beowulf natürlich", sagt sie und schluckt den letzten Rest Pfannkuchen hinunter, „Was denn sonst? Ich kann doch nicht über altenglische Literatur sprechen und Beowulf ignorieren!" Ja. Das hattest du bereits befürchtet. Osburgas berühmt-berüchtigte Beowulf-Hausaufgabe. Die Hausaufgabe, die dich um deinen wohlverdienten Schlaf gebracht hat. Du wartest immer noch darauf, dass dir jemand all diese Lebenszeit zurückgibt, die du damals verschwendet hast.
„Mh", machst du vorsichtig und stellst deine Kaffeetasse ab, „Mh, Osburga, nichts gegen Beowulf, aber hast du mal darüber nachgedacht, dass es vielleicht ein bisschen schwierig für deine Studenten ist, das zu übersetzen, wenn sie im Prinzip keine Ahnung von Altenglisch haben, weil du deine Vorlesungen ja nicht unbedingt zu Linguistikseminaren umfunktionieren willst, oder?" Du weißt natürlich, dass Osburga es immer noch schafft, ihre Vorlesungen interessant und spannend und wichtig zu gestalten, auch wenn sie angelsächsische Literatur miteinbringt, doch dein Mitgefühl gilt eindeutig den Studenten.
Osburgas Augen haben diesen schwärmerischen Glanz angekommen, der dir sagt, dass sie deine vorsichtig formulierte Frage eben sowieso nicht mitbekommen hat. „Hwæt, wē Gār-Dena in geārdagum, þēodcyninga þrym gefrūnon, hū ðā æþelingas ellen fremedon", zitiert sie begeistert und du stöhnst gequält auf. „Osburga", wimmerst du, „Bitte. Nicht schon am frühen Morgen. Du weißt, ich kann deinen, äh, Enthusiasmus nicht ganz so gut nachvollziehen. Könnten wir dieses Gespräch in modernem Englisch führen? Ich wäre dir äußerst verbunden."
Sie zieht ihre Augenbrauen in die Höhe und sagt, „Banause. Meinetwegen. Ich hatte ganz vergessen, dass du ein kleines Beowulf-Trauma hinter dir hast." Du wirfst ihr einen belustigten Blick zu. „Wem ich das nur zu verdanken habe?", grübelst du und wirst nur dadurch gerettet, dass Asmund mit wallender Robe auf euren Tisch zueilt und sich neben Osburga auf einen Stuhl fallen lässt. „Kaffee", murmelt er und schaut von dir zu Osburga, „Kaffee, bitte." Du schiebst ihm hastig deine Tasse zu und beobachtest amüsiert, wie er erleichtert aufatmet, nachdem er den ersten Schluck genommen hat.
„Das tat gut", seufzt er, „Vielen Dank." Osburga sieht ihn streng an. „Asmund", beginnt sie, „Du musst das in den Griff bekommen. Du kannst nicht jeden Mittwoch Morgen völlig entnervt aus deinem Büro hierher eilen und dich solange mit Koffein zuschütten, bis deine Mittagsvorlesung beginnt." Du grinst ein bisschen vor dich hin und denkst darüber nach, was für ein verrückter Haufen ihr Historiker seid.
„Wieso nicht?", will Asmund wissen und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Seine dunkelblonden Haare stehen ihm wirr und zerzaust vom Kopf ab, einige Strähnen verdecken seine braunen Augen und die Stirn, die noch fast vollständig furchenlos ist, obwohl Asmund im Dezember 45 wird. Er ist zu jung, um einer deiner Professoren gewesen zu sein, aber alt genug, dass du ihm Respekt entgegenbringst, auch wenn ihr euch seit deinem ersten Tag beim Vornamen ansprecht.
Osburga schnaubt verächtlich. „Bitte", macht sie, „Wenn du in fünf Jahren einen Herzinfarkt bekommen möchtest, dann bitte, mach nur so weiter." Asmund verzieht gequält das Gesicht. „Wenn das so weitergeht, bringen mich meine Studenten eher ins Grab als mein Kaffeegenuss", prophezeit er düster. Du blinzelst mitleidig zu ihm hinüber. „So schlimm?", erkundigst du dich teilnahmsvoll. Asmund verdreht die Augen. „Wenn das bis zu den Prüfungen nicht besser wird, übernehme ich im nächsten Semester freiwillig die Prähistorische", verkündet er und schaut gekränkt drein, als du und Osburga in Gelächter ausbrecht.
Die Prähistorische, damit meint ihr die Zeit, bevor die Kelten auf die Britischen Inseln gekommen sind und auch noch die Spanne bis zur ersten Eroberung durch die Römer. Bisher hast du dich immer davor drücken können oder das Institut hat beschlossen, gar nichts dazu anzubieten. Es gibt nämlich, dummerweise, kaum Hinweise auf diese Zeit und so kann sich jeder von euch Besseres vorstellen, als seine Freizeit damit zu verbringen, verzweifelt Relikte aus prähistorischen Zeiten zu finden, damit man etwas hat, worüber man in der Vorlesung sprechen kann.
Wenn Asmund das freiwillig auf sich nehmen will, muss es schlimm stehen.
„Hör mal", grinst du ihn an, „Wenn du willst, kannst du meinen Kaffee haben. Ich muss jetzt sowieso los, sonst komme ich zu spät zu meiner Vorlesung. Aber überleg dir das lieber nochmal mit der Prähistorischen. Sonst kriegst du nämlich ganz sicher bald die ersten grauen Haare." Er schneidet dir eine Grimasse, greift jedoch dankbar nach deiner Tasse und murmelt was von wegen, „Hau schon ab, bevor ich dir den frechen Kommentar heimzahle". Osburga winkt dir gutgelaunt zu, als du dir deine Tasche und Robe schnappst und dann die Mensa verlässt, um Richtung Hörsaal zu laufen.
Es hat dir gefallen, mal wieder mit deinen Kollegen zu plaudern. Im letzten Semester habt ihr das viel häufiger getan, da waren eure Stundenpläne irgendwie besser aufeinander abgestimmt. Aber derzeit seht ihr euch eigentlich fast nur noch zu den Institutssitzungen, wenn ihr mit vereinten Kräften versuchen müsst, euren Direktor von euren Ideen zu überzeugen.
Du magst Osburga und Asmund (und die Anderen auch) und sie haben es geschafft, dich vergessen zu lassen, dass du eigentlich nervös bist, weil du heute die Familie Malfoy besprechen wirst. Du weißt selbst, dass das ein Drahtseilakt werden wird und es gibt für dich kein Sicherheitsnetz, keinen doppelten Boden. Wenn du Pech hast, werden deine Studenten wie Raubtiere über dich herfallen und dich zerfleischen.
(Wenn du Glück hast, wirst du ihr Bild von Gut und Böse ändern können.)
Der Hörsaal ist schon voll, als du hereinkommst, gefüllt mit leisem Stimmengeschwirr und neugierigen Blicken, als du, ein bisschen später als sonst und mit der Robe lässig über den Arm geworfen, zu deinem Pult läufst. (Gütiger Merlin, du hoffst, dass du keine Kaffeeflecken auf dem Hemd hast. Das würde gerade noch fehlen.) Du legst unbeirrt deine Tasche ab, kramst nach deinen Unterlagen und lässt deine Augen über die wartende Menge wandern.
„Guten Morgen", grüßt du und nickst in die Runde, „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Woche. Wir haben heute Einiges vor, deshalb verzeihen Sie mir bitte, wenn wir direkt einsteigen, ohne jegliches Vorgeplänkel. Sie kennen ja mein kleines Spielchen: haben Sie alle die entsprechenden Texte für die heutige Sitzung gelesen und sich vorbereitet?" Du lässt ihnen einen Moment Zeit, um die Hände zu heben, bevor du weitersprichst. „Gut. Wir hatten ja in der letzten Woche mit dem Aspekt Familienbilder angefangen und die Blacks besprochen. Heute werden wir uns der Familie Malfoy zuwenden. Gibt es vorab Fragen dazu?"
Du lässt dir deine Überraschung nicht anmerken, als Stephen Hart ein wenig schüchtern die Hand hebt und dir entgegenschaut. „Mister Hart", sagst du lächelnd, „Nur zu. Keine Sorge, ich werde Ihnen schon nicht den Kopf abreißen." Er erwidert dein Lächeln und räuspert sich leicht. „Sir", beginnt er, „Ich habe mich gefragt: warum die Malfoys?" Er scheint in deinem Blick die aufkeimende Wut lesen zu können und verbessert sich fast schon hektisch. „Ich meine nicht: warum besprechen wir eine Familie, die man gemeinhin mit Todessern verbindet, oder es in der Vergangenheit getan hat, sondern ich wundere mich, warum gerade Sie, die von Klischees nichts halten, auf diesen Zug aufspringen und die Malfoys thematisieren, wenn man auch Dutzende von anderen Familien hätte wählen können."
Deine Wut löst sich genauso plötzlich, wie sie aufgeflackert ist, wieder in Rauch auf. Ganz ruhig, beschwörst du dich selbst, ganz ruhig, er wollte dich nicht dafür kritisieren, dass du die „Bösen" besprichst, er wollte dich dafür kritisieren, dass du Klischees bedienst und er hat Recht, also sei gefälligst stolz auf den Gerechtigkeitssinn deiner Studenten und erinnere dich daran, dass du genauso reagiert hättest wie er, wenn du dort sitzen würdest.
„Höchst berechtigte Frage", lobst du ihn, „Sie haben natürlich Recht: wir haben es hier mit einem Klischee zu tun und üblicherweise ziehe ich es vor, Klischees nicht weiter breitzutreten, doch der Familie Malfoy kommt hier eine kleine Sonderposition zu. Sie sind der Prototyp der ehemaligen Todesser-Familien, das beste Beispiel, diejenigen, an denen alle anderen gemessen werden. Deshalb besprechen wir sie. Beantwortet das Ihre Frage, Mister Hart?"
Er hält den Kopf gesenkt und kritzelt eifrig mit dem Federkiel auf seinem Pergament, aber er nickt dir hastig zu und murmelt, „Ja, danke, Sir", ehe er weiterschreibt. „Gut", machst du forsch und setzt dich auf dein Pult, „Weitere Kommentare? Trauen Sie sich ruhig." Scheinbar möchte sich allerdings niemand trauen. Du bist dir relativ sicher, dass das Ganze nachher wohl noch in einer hitzigen Diskussion ausarten wird (es geht eigentlich kaum anders, wenn man die Malfoys zum Thema einer Sitzung erklärt), doch für den Moment schweigen deine Studenten.
„In Ordnung", du zuckst die Achseln, „Dann würde ich nun gerne mit der Besprechung der heutigen Texte fortfahren. Sie wissen, üblicherweise stelle ich es Ihnen frei, mit welcher Anlage wir beginnen, aber ich würde heute gerne einmal die Reihenfolge beachten und nacheinander zuerst den Artikel über Draco Malfoy analysieren, dann das Gerichtsprotokoll zur Vernehmung von Lucius Malfoy, den Text über Narcissa Malfoy und zum Abschluss den Zeitungsartikel zur Verlobung von Draco Malfoy und Astoria Greengrass. Gibt es Ihrerseits Einwände gegen dieses Verfahren?"
Sie schütteln allesamt die Köpfe und du greifst dir deinen Stapel Notizen und suchst nach deinen Aufzeichnungen zum ersten Artikel. „Möchte jemand freiwillig beginnen?", erkundigst du dich, während du das entsprechende Pergament hervorziehst. Gwendolen Hopkins' Hand geht zögernd nach oben und sie schaut dir ein wenig unsicher entgegen. (Ihre Unsicherheit ist unnötig, denkst du, sie hat das Talent, genau die richtigen Fragen zu stellen, nur mit dem kleinen Problem, dass du ihr die Antworten nicht immer geben kannst oder willst.)
„Miss Hopkins, nur zu", erteilst du ihr das Wort und lehnst dich leicht zurück, um dir ihre Schlussfolgerungen in Ruhe anzuhören. Gwendolen Hopkins kaut auf dem Ende ihres Federkiels und meint, „Ich hätte doch noch ein, zwei Fragen zu dem Artikel, Sir, bevor ich anfange." Du unterdrückst ein Grinsen, weil es dich nach all den Jahren immer noch amüsiert, dass auch die selbstsichersten Studenten offenbar eine Abneigung dagegen haben, sich zu melden, wenn du dich erkundigst, ob noch etwas unklar ist. „Sicher", meinst du jetzt, „Was möchten Sie wissen?"
Gwendolen schielt auf ihre Unterlagen und hebt dann wieder den Kopf. „Es fehlt eine Zeitangabe", sagt sie, „Wir wissen nicht, wann der Artikel erschienen ist. Und ich habe mich gefragt, was das wohl für eine Reihe ist, Hinter verschlossenen Türen – Die Gilde der Alchimisten öffnet ihre Pforten. Geht es da vordergründig um die Arbeit der Gilde, um Klischees, die enttarnt werden sollen, werden verschiedene Mitarbeiter vorgestellt – was genau ist die Intention, die dahinter steckt?"
(Genau die richtigen Fragen.)
Du räusperst dich ein bisschen. „Das mit der Zeitangabe tut mir Leid", meinst du, ein wenig verlegen, „Das ist meine Schuld. Ich habe damals vergessen, das Datum aufzuschreiben. Mister Malfoy wurde 2005 in die Gilde aufgenommen, 2006 wird sein Sohn Scorpius geboren – er spricht in dem Artikel davon, dass er eine Familie zu ernähren hat, also können wir davon ausgehen, dass der Artikel irgendwann nach 2006 veröffentlicht wurde. Was Ihre zweite Frage anbelangt: da sind Sie bereits auf dem richtigen Weg für Ihre Analyse, denke ich. Eigentlich soll diese Artikelreihe informieren und den Lesern einen kleinen Einblick in die Arbeit der Gilde gewähren, anhand verschiedener Mitarbeiter, die in verschiedenen Bereichen zu tun haben. Inwieweit das hier bei Draco Malfoy der Fall war, würde ich gerne Ihnen überlassen."
Sie sagt „Danke" und ordnet konzentriert ihre Notizen. „Dass der Artikel tatsächlich erst nach 2006 erschienen ist, finde ich insoweit überraschend, dass der Autor ja relativ stark Draco Malfoys frühere Verbindungen zu den Todessern betont", beginnt sie, „Immerhin war der Krieg 1999 zu Ende und man sollte meinen, dass die Geschichte nach sieben Jahren langsam uninteressant geworden wäre." Du zuckst die Achseln. „Ich fürchte, manches wird niemals langweilig werden. Haben Sie eine Idee, warum der Autor hier in diesem Artikel immer wieder auf Mister Malfoys Vergangenheit zurückkommt?"
Miss Hopkins lächelt, ein wenig bitter. „Vermutlich Schadenfreude. Es gab Zeiten, in denen war die Familie Malfoy ganz oben. Dann kam der Krieg, der tiefe Fall und das böse Erwachen. Prima, um darüber zu spotten, dass es jemanden wie die Malfoys erwischen kann, dass sie schließlich doch noch bezahlen mussten, dass es ihnen nur recht geschieht. Ich schätze, so etwas verkauft sich ziemlich gut. Und darum geht es am Ende, oder? Dass man seine Zeitungen verkaufen kann."
„Ja", antwortest du leise, „Es macht sich meistens gut, dezent auf jemandem herumzutrampeln, den die breite Masse, die Öffentlichkeit nicht leiden kann. Man braucht immer einen Sündenbock, das können Sie sich merken. Aber bitte, Miss Hopkins, ich will Ihnen nicht allzu viel vorwegnehmen. Machen Sie ruhig weiter."
„Ich hatte jedenfalls beim Lesen das Gefühl, als könne der Autor sich nicht ganz entscheiden: soll er nun die Arbeit der Gilde beschreiben und Mister Malfoy gegenüber neutral bleiben oder soll er in dessen Todesser-Vergangenheit herumwühlen und mal sehen, was sich so finden lässt, in der Hoffnung, ein bisschen Dreck aufzuwirbeln oder Mister Malfoy irgendwelche Informationen abzupressen, die später gegen ihn verwendet werden könnten. Heraus kommt jedenfalls eine Mischung aus Reportage und Klatschartikel, finde ich", sie schaut dich an, als würde sie auf deine Absolution warten und du nickst ihr grinsend zu. Sie hat es ganz gut auf den Punkt getroffen, findest du.
„Gerade am Anfang hat es den Anschein, als würde sich der Autor noch stark auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren. Er beschreibt den Arbeitsplatz, Mister Malfoys Auftreten und Arbeitsweise, er stellt Fragen zum Thema Alchimie, Gilde, Tränkebrauen, bevor der Autor dann seinerseits langsam in Klischees verfällt, oder besser gesagt: versucht, oder so tut als würde er versuchen, ihnen auf die Spur zu gehen. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zu Draco Malfoys privaten Gründen und seiner Vergangenheit", erklärt Gwendolen.
„Der Autor schafft es jedenfalls ziemlich geschickt, das Gespräch nach seinen Vorstellungen zu lenken. Vielleicht ist das auch nur meine persönliche Meinung, doch mir kommt es so vor, als wären diese Wendungen vorab geplant gewesen, als hätte von vorneherein festgestanden, dass es nicht nur um die Gilde gehen wird, sondern dass man diesen Artikel nutzen kann, um wieder einmal mit Dreck zu werfen und alte Geschichten auszugraben.
Manchmal kriegt er zwar noch die Kurve, beispielsweise wenn er nach Anfeindungen durch Kollegen fragt, aber im Großen und Ganzen ist der Artikel eher eine schlecht gemachte Recherche über Draco Malfoy und seine Vergangenheit als Todesser als eine Reportage über die Arbeit als Tränkemeister."
„Achten Sie mal darauf, wie der Autor schreibt", rätst du ihr und fängst ihren merklich verwirrten Blick auf. Ein kleines Lächeln zupft an deinen Mundwinkeln. „Ich meine", erläuterst du deine Anweisung, „wie redet er von sich selbst? Sagt er 'Ich finde' und 'Ich beobachte'? Was nutzt er? Und was bewirkt das wiederum für uns, wie wir den Artikel lesen?" Miss Hopkins' Gesicht erhellt sich nach deiner Erklärung etwas.
„Achso", macht sie gedehnt, „Das meinen Sie. Er liefert uns entweder Beschreibungen von Mister Malfoy oder benutzt das Pronomen 'wir'. Dadurch erreicht er natürlich, dass der Leser viel stärker mit eingezogen wird, weil er sich logischerweise als ein Teil von diesem 'wir' versteht und denkt, dass die Ansichten des Autors nun auch die seinen sein müssen. Das ist gefährlich, in gewisser Weise, weil möglicherweise das eigenständige Denken, die individuelle Leseart ausgeschaltet werden."
„Gut beobachtet", stimmst du ihr zu, „Allerdings müssen wir uns noch ein wenig genauer anschauen, wie Mister Malfoy in diesem Artikel eigentlich präsentiert wird. Ist er der böse Todesser, der es durch Geld, Macht und Einfluss geschafft hat, sich einen Weg zurück in die Gesellschaft zu bahnen? Ist er das arme, unschuldige Opfer, das unter den Taten seiner Eltern zu leiden hat? Ist er eiskalt und berechnend? Ist er gutherzig? Wie arbeitet er? Hat er den Platz in der Gilde verdientermaßen erhalten? Und was gibt er von sich selbst preis? Wie viel ist er bereit zu erzählen? Wirkt er zynisch auf uns, bitter, vom Leben gezeichnet? Würden Sie diesen Mann mögen, wenn Sie ihm in einem Café begegnen?"
Deine Studenten schweigen für einen Moment. Gwendolen Hopkins und verschiedene andere haben ihre Köpfe über ihre Notizen gebeugt, während manche nachdenklich an ihren Federkielen kauen oder mit gefurchter Stirn und leeren Augen zu dir schauen. Dann hebt Miss Hopkins langsam die Hand und du nickst ihr zu. „Bitte", erteilst du ihr die Erlaubnis zu reden und ihre Schlussfolgerungen zu präsentieren.
„Am Anfang wird er uns erst einmal neutral beschrieben", beginnt sie, „Wir erfahren, dass er in schwarz gekleidet ist, mit einem leicht verkokelten Umhang, wohl das Ergebnis einiger Tränkeunfälle, was einerseits ein Zeichen dafür sein könnte, dass ihm häufig Fehler unterlaufen, oder andererseits davon zeugt, dass er seine Arbeit mag und ihr viel Zeit widmet, um auch einmal etwas Neues auszuprobieren, was nicht immer gleich gelingt.
Sein Kopf ist aristokratisch – was auch immer das heißen mag. Jedenfalls gibt es dem Leser einen Hinweis, der eindeutig sagt 'Der Kerl hält sich für etwas Besseres'. Er hat geschwungene, blonde Augenbrauen, kurze, blonde Haare und graue Augen. Mehr erfahren wir nicht über sein äußeres Erscheinungsbild."
„Ist ja auch unnötig!", ruft aus den hinteren Reihen jemand herein, „Wie Malfoy aussieht, weiß doch eh jeder, der schon mal in den Tagespropheten geschaut hat!" Du kannst nicht erkennen, wer die Zwischenbemerkung gemacht hat, aber sie sorgt für einen leichten Heiterkeitsanfall im hinteren Drittel des Hörsaals. „In der Tat", sagst du bedächtig, „Mister Malfoy ist der Presse wohl bekannt. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn Sie Ihre Kommilitonin ausreden lassen würden. Heben Sie sich Ihre Überlegungen für die Diskussion auf. Alles andere ist Miss Hopkins gegenüber schlichtweg unhöflich."
Nach deinen Worten kehrt sofort wieder Ruhe ein. Gut. Du schätzt es, wenn deine Studenten mitdenken und spontan sind, aber du schätzt es noch mehr, wenn sie nicht einfach eine Meldung unterbrechen.
„Mister Malfoy kann alle Fragen beantworten", fährt Gwendolen zögernd fort, „Es wird ersichtlich, dass er sich mit Tränkebrauen und der Gilde wohl recht gut auskennt. Er wird erst dann unsicher, als das Gespräch anfängt sich zu drehen und sich eher seiner Person zuzuwenden. Es ist ziemlich klar, dass er völlig überfordert ist mit der Frage, ob man sich in die Gilde einkaufen kann. Was soll er darauf denn auch erwidern? Ihm selbst muss ja am besten klar sein, dass man seiner Familie früher häufig vorgeworfen hat, dass sie sich mit Gold alles erkauft haben. Dafür nimmt er das Ganze mit Würde, finde ich.
Nur allzu verständlich finde ich übrigens, wie ungeduldig er reagiert, als er gefragt wird, warum er während seiner Schulzeit nicht über seine berufliche Zukunft nachgedacht hat. Dass damals Krieg herrschte und Draco Malfoy ... nennen wir es einmal: anderweitig beschäftigt war, das ist nun wirklich jedem bekannt, das muss er also kaum erklären. Auf mich wirkt es nur wie ein Versuch von Seiten des Autors, Mister Malfoy weiterhin unsicher zu machen, ihm zu zeigen, dass die Gesellschaft seine früheren Taten noch lange nicht vergessen oder gar verziehen hat.
Dann", Miss Hopkins seufzt ein bisschen, „kommt die Passage über seine Eltern. Ich weiß nicht genau, was ich von ihr halten soll, ich weiß nur, dass ich mich unwohl fühle, wenn ich sie lese. Sie bezweckt, dass ich unruhig auf meinem Stuhl hin und herrutsche und mir wünsche, der Autor hätte das nicht geschrieben. Ich schätze, das kommt daher, dass ich mir nicht sicher bin, ob der Autor es ernst und nett meint, wenn er sich nach Mister Malfoys Eltern erkundet, oder ob es nur eine besonders perfide Art ist, eine Spitze auszusprechen.
Jedenfalls ist zu bewundern, wie gelassen und ruhig Mister Malfoy das über sich ergehen lässt. Er redet einfach weiter, spricht von der Unterstützung, die er durch seine Eltern erfahren hat, und von den Vorzügen eines Einzelkindes. Er wirkt, wenn ich das so sagen darf, wie ein ganz normaler Erwachsener, der dank seiner Eltern nur die beste Erziehung genossen hat. Und die Art und Weise, wie ... respektvoll er von seinen Eltern spricht, zeigt uns, oder mir jedenfalls, dass ein inniges Verhältnis zwischen ihnen besteht, ganz egal, was die Klatschpresse uns manchmal gerne glauben lassen möchte.
Ich weiß nicht, wie er es macht", sagt sie leise, „Ich weiß nicht, wie er es schafft, sich am Ende dieses Artikels doch noch irgendwo als Sieger zu verstehen. Er vertritt das, woran er glaubt, mit absoluter Selbstsicherheit. Er wirkt wie jemand, der sich selbst gefunden hat und den ein kleiner Journalist nicht so leicht aus dem Tritt bringen kann." Sie verstummt und du hast kaum Gelegenheit, „Meinungen dazu?" zu fragen, als bereits der erste Zwischenruf erschallt.
„Er kann als Sieger da stehen, weil er arrogant und eingebildet ist und denkt, dass Slytherins sowieso die Besten sind und nichts und niemand ihm etwas zu Leide tun kann", verkündet die gleiche Stimme wie vorhin und du reckst neugierig den Kopf, während ein leises Raunen durch die Reihen geht. „Ihren Namen, bitte", erkundigst du dich höflich und als ein paar Studenten sich zur Seite drehen, geben sie den Blick frei auf einen Jungen mit kurzen, braunen Haaren und einem genervten Gesichtsausdruck.
„Tobias Miller", antwortet er dir, „Und Sie können sagen, was Sie wollen, aber die Malfoy haben es doch nur ihrem Familiengold zu verdanken, dass sie den Krieg so verhältnismäßig unbeschadet überstanden haben." Du seufzst gedanklich auf. „Mister Miller", lächelst du schmal, „Haben Sie das Gerichtsprotokoll von Mister Lucius Malfoy gelesen?" Dein Student hebt störrisch den Kopf und schaut dir trotzig entgegen. „Ja", sagt er, „Hab' ich. Und?" Du hältst dich an deinen Unterlagen fest. Verdammt. Du musst aufhören, das alles so nahe an dich heranzulassen. Schieb es weg. „Und?", wiederholst du langsam, „Wenn Sie es gelesen haben, dann müsste Ihnen doch aufgefallen sein, dass Mister Malfoy alles, was nur in seiner Macht steht, tut, um bestraft zu werden. Er gesteht alles. Er zwingt die Richterin regelrecht dazu, ihn nicht einfach laufen zu lassen. Nennen Sie Gefängnisaufenthalte und monatelange Bettlägerigkeit etwa verhältnismäßig unbeschadet? Lucius Malfoy mag viel Gold besessen haben und er mag viele Schandtaten begangen haben, aber dort, in diesem Gerichtssaal, begegnen wir ihm als jemand, der bereit ist, für all das zu büßen."
Mister Miller schnaubt leise auf. „Ja, doch warum tut er das?", fragt er weiter und seine Stimme überschlägt sich beinahe, so aufgebracht ist er, „Damit er hinterher sagen kann: seht her, liebe Zaubergesellschaft, ich war im Gefängnis, ich habe für meine Taten gebüßt, ich bin reingewaschen von meinen Sünden, also nehmt mich gefälligst wieder in eure Mitte auf, sonst werdet ihr es noch bitter bereuen."
„So ein Unsinn", mischt sich nun Stephen Hart ein, „Hast du den Text zu Narcissa Malfoy gelesen? Da wird ja wohl mehr als deutlich, dass die beiden recht zufrieden damit sind, ihr Leben schön weit weg von der Gesellschaft zu leben, die mit ihnen gebrochen hat und nicht so wirklich weiß, wie sie sie behandeln soll. Sie sind für sich und glücklich damit. Lucius Malfoy hat seit dem Krieg nie Anstalten gemacht, einen öffentlichen Posten zu bekleiden, er hat sich völlig zurückgezogen, gibt keine Interviews, lässt sich kaum noch blicken. Ich glaube, ihm ist herzlich egal, was die Gesellschaft über ihn denkt. Ich glaube vielmehr, dass es wichtig für ihn selbst war, dass er für das bestraft wurde, was er im Nachhinein als falsch angesehen hat. Er wollte sich selbst wieder ins Gesicht sehen können."
„Okay", gehst du hastig dazwischen, bevor das Ganze noch ausartet, „Das genügt erst einmal für den Augenblick. Vielen Dank für Ihre Beiträge. Ich würde nun allerdings wirklich gerne mit dem Gerichtsprotokoll weitermachen. Mister MacLaine, dürfte ich Sie bitten, sich dem Ganzen anzunehmen?" Der Schotte hebt überrascht den Kopf, seine Augen hinter der Goldbrille blitzen sachte auf, als er dir zunickt.
„Gerne", sagt er leise und zieht ein beschriebenes Pergament aus dem Haufen heraus, der vor ihm liegt, „Das Protokoll, das wir gelesen haben, beschreibt nur die erste Sitzung in einer ganzen Reihe. Sie fand am 13. August 1999, über ein Jahr nach der Schlacht in Hogwarts. Das bedeutet, um das nur einmal vorwegzunehmen, dass Mister Malfoy über zwölf Monate lang im Gefängnis saß, ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde. Wenn ich ehrlich bin, hat mich diese Tatsache doch ein wenig stutzig gemacht und sie wirft alles andere als ein gutes Licht auf unsere Justiz direkt nach dem Krieg.
Den Vorsitz hat Richterin Heliaia White, die für ihren neutralen Standpunkt bekannt ist. Meiner Ansicht nach hat man Lucius Malfoy damit einen großen Gefallen getan. Es hätte mit Sicherheit andere Richter gegeben, die ihn nur allzu gerne lebenslänglich hinter Gittern gebracht haben. Er hatte wohl ziemlich viel Glück."
Nein, denkst du, er hatte eine Frau, die sich nicht zu schade war, für ihren Mann auf Knien zu flehen, aber das wirst du deinen Studenten nicht sagen, denn es ist nicht deine Geschichte und du hast nicht das Recht, sie weiterzuerzählen.
„Mister Malfoys Verteidigung wurde von Dean Thomas übernommen, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in juristischer Ausbildung befand und Magisches Recht studierte", Alasdair schaut kurz zögernd zu dir hoch, „Die Sekundärliteratur widerspricht sich, was seine Rolle angeht", fährt er fort, „Manche Quellen sagen, dass Mister Malfoy ein Pflichtverteidiger zur Verfügung gestellt wurde und dass man einen unbedarften Studenten, noch dazu einen ehemaligen Gryffindor, aussuchte, um Mister Malfoys Chancen so gering wie möglich zu halten. Andere Quellen wiederum behaupten, Dean Thomas sei der Wunschkandidat gewesen. Was nun zutrifft, kann ich jedoch unmöglich sagen."
Du lächelst ein bisschen, weil du es schön findest, dass sich Mister MacLaine die Mühe gemacht und in Sekundärliteratur gewühlt hat. Es kann nur nützlich sein, für die Besprechung solcher Texte, für das Verstehen solch komplexer Charaktere und Sachverhalte.
(Und du lächelst, weil du die Wahrheit kennst; einer der Vorteile, wenn man selbst und die Kollegen ständig irgendwelche Recherchen betreiben, um dem Kern immer näher zu kommen.)
„Das ist richtig", stimmst du Alasdair zu, „Weder unsere verehrten Klatschreporter noch die breite Öffentlichkeit an sich hat jemals herausgefunden, welche Rolle Mister Thomas in dieser Geschichte übernommen hat. Er hat sich, Jahre später, nur wenigen, ausgewählten Interviews zur Verfügung gestellt, die jedoch allesamt zu wissenschaftlichen Recherchezwecken genutzt wurden. Es ist allerdings gut möglich, dass in der nächsten Zeit das ein oder andere Buch erscheinen wird, das möglicherweise neues Licht in die Angelegenheit bringen kann. Für den Moment, Mister MacLaine, betrachten Sie Mister Thomas bitte einfach als Verteidiger, der mit seinem Mandaten höflich und respektvoll umgeht und sich bemüht, für ihn das Beste herauszuholen."
Er nickt dir zu und kritzelt etwas auf sein Papier, bevor er seine Erläuterungen wieder aufnimmt. „Bereits in den ersten Fragen und Antworten wird deutlich, dass Mister Malfoy zumindest nach außen hin den Schein wahren und sich stark präsentieren will, vermutlich stärker, als er es in Wirklichkeit war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein derart langer Gefängnisaufenthalt spurlos an ihm vorüber gegangen ist. Und dennoch gibt er beißende, zynische Kommentare und schafft es irgendwie, sich seinen Stolz zu bewahren", spricht Alasdair langsam weiter und ignoriert gekonnt das enrüstete Schnauben, das bei seinen Worten aus den hinteren Reihen kommt.
„Er verlangt einem Respekt ab, oder zumindest mir, wenn ich das Protokoll lese", fährt er einfach fort, als sei nichts geschehen, „Er weiß schließlich, wofür er angeklagt wird und was ihm bevorsteht, aber er hält den Kopf hoch und hat – ich weiß gar nicht, was es ist – den Nerv? die Abgeklärtheit? - der Richterin vorzuschlagen, ihm doch ein paar Kräuter zum Kleinschneiden in die Zelle bringen zu lassen, als sie nach seiner Beschäftigung fragt.
Man merkt es Mister Thomas in dem Moment sehr an, dass er noch nicht allzu viel Erfahrung in der praktischen Arbeit als juristischer Hilfsbeistand gesammelt hat. Er bemüht sich, auch durch das gesamte Verhör hindurch, das wieder auszubügeln, was Mister Malfoy so beiläufig ins Gespräch einfließen lässt. Während Mister Thomas offenbar versuchen wollte, das Ganze diplomatisch anzugehen, wählt Mister Malfoy kompromisslos den Weg durch die Mitte: er nennt alles beim Namen und gibt seine Taten unumwunden zu.
Wir können nur vermuten, welche Motive Mister Malfoy dazu veranlasst haben, die Wahrheit derart offen auszusprechen, in einem Gerichtssaal, der vollgepackt ist mit Schaulustigen und Reportern, mit Aasgeiern, die nur darauf warten, sich auf ihn stürzen zu können. Wir bekommen ja beim bloßen Lesen bereits einen kleinen Eindruch davon, welches Chaos geherrscht haben muss. Und er sitzt dort vollkommen gelassen und gibt zu, dass er den Todesfluch gesprochen hat."
„Vollkommen bescheuert", teilt Tobias Miller seinem Banknachbarn in einem alles andere als leisen Tonfall mit und du sendest einen warnenden Blick in ihre Richtung. Du willst den Jungen nicht schon wieder ermahnen müssen. Allerdings scheint sich Alasdair MacLaine ein Beispiel an Lucius Malfoy zu nehmen und bleibt die Ruhe in Person, wofür du ihm durchaus Bewunderung zollst.
„Interessant ist auch, wie Mister Malfoy von seinen Eltern spricht", meint Mister MacLaine, „Er gibt zu, dass es den Weltansichten seines Vaters zu verdanken ist, dass er selbst politisch gesehen derart vorbelastet war und dass es auch dem Umstand zu verdanken ist, dass sein Vater den Dunklen Lord aus Schultagen kannte, dass Mister Malfoy selbst derart früh dem Kreis der Todesser beigetreten ist, aber gleichzeitig lässt er nicht zu, dass die Schuld für sein Handeln bei seinen Eltern zu suchen ist. Übrigens habe ich versucht, etwas über Lucius Malfoys Mutter herauszufinden, musste jedoch feststellen, dass es kaum Informationen zu ihr gibt. Vielleicht können Sie ja etwas zu ihr sagen, Sir?"
Er schaut dich fragend an, reines professionelles Interesse auf dem Gesicht, und du zuckst die Achseln. „Sie verstarb jung", erwiderst du knapp, „Viel mehr kann ich Ihnen leider auch nicht mitteilen. Lucius Malfoy ist bekannt dafür, niemals über seine Mutter zu reden."
„Danke", lächelt dich der junge Schotte kurz an, ehe er sich wieder seinen Notizen widmet, „Außerdem ist auffällig, dass Mister Malfoy sehr viel daran liegt, seine Ehefrau aus der ganzen Angelegenheit herauszuhalten. Das mag banal klingen, immerhin sind sie ja verheiratet, aber mir ist aufgefallen, dass ihm viel an ihr zu liegen scheint. Als angesprochen wird, ob Mrs Malfoy ebenfalls dem Kreis der Todesser angehörte, da scheint Mister Malfoy sehr ... ähm ... emotional aufgewählt. So, als wäre er kurz davor, für einen Moment seine Manieren zu vergessen und etwas sehr Hässliches zu sagen."
Du musst lächeln, aufgrund der hübschen Umschreibung, die Mister MacLaine benutzt hat.
„Jedenfalls scheint das auch sein Verteidiger so zu sehen: Mister Thomas schreitet, meiner Ansicht nach, gerade rechtzeitig ein und kann seinen Mandanten wieder ein wenig beruhigen. Es scheint Mister Malfoy also sehr wichtig zu sein, dass zumindest der Name seiner Frau nicht durch den Schmutz gezogen wird, sondern so verhältnismäßig rein wie nur möglich bleibt", fasst Alasdair seine Beobachtungen weiter zusammen.
„Mister Thomas versucht auch während der Befragung immer wieder, eine Unterbrechung zu erwirken, vermutlich um seinen Mandanten zu fragen, was er sich dabei denkt, sich derartig selbst zu belasten. Verglichen mit anderen ehemaligen Todessern, deren Gerichtsverhandlungen öffentlich stattfanden, zeigt sich Mister Malfoy jedenfalls erstaunlich offen und ehrlich, wie wir ja bereits festgestellt haben. Er spricht frei von der Angst, die damals zur Zeit der Rückkehr des Dunklen Lords umging – auch in seinen eigenen Reihen. Und das ist ein Aspekt, der, soweit ich weiß, zwar seit einiger Zeit bekannt ist, doch bisher immer ignoriert wurde, als faule Ausrede, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Aber wenn ich lese, wie Lucius Malfoy erzählt, dass man sein Leben lang nicht mehr aus dem Treuebund zum Dunklen Lord herauskam und dass man immer und ständig seine Rache und seinen Zorn fürchten musste – dann glaube ich ihm."
Hinten werden wieder einige Stimmen laut und nun reicht es dir endgültig. „Ruhe!", polterst du und schaust wütend in Richtung der hinteren Sitzbänke. „Wenn Sie etwas zu sagen haben, schön, dann teilen Sie es bitte mit uns allen und nicht nur mit Ihrem jeweiligen Banknachbarn, aber warten Sie gefälligst, bis der derzeitige Wortbeitrag zu Ende ist", verlangst du mit scharfer, schneidender Stimme, „Und wenn Sie Ihr Gespräch nicht mit uns allen führen wollen, dann beenden Sie es entweder jetzt oder verlassen meine Vorlesung und gehen einen Kaffee trinken."
Es ist totenstill geworden in deinem Hörsaal. Du kannst es deinen Studenten nicht verübeln. Sie haben dich schließlich noch nie so erlebt; es ist jedes Semester das Gleiche, irgendwann passiert es und dann sind alle überrascht. Du wartest noch auf den Kurs, der es schafft, dass du ein ganzes Semester lang nicht irgendwann ausrastet. „Mister MacLaine", wendest du dich an den Schotten, „Tut mir Leid für die Unterbrechung. Bitte fahren Sie fort."
„Als die Befragung beginnt, sich intensiver mit Draco Malfoy zu befassen und damit, dass auch er wie sein Vater den Todessern beigetreten ist, da kommt es mir so vor, als könne man regelrecht den Worten entnehmen, wie verbittert Mister Malfoy ob dieser Tatsache ist", erklärt Alasdair, „Er sagt es ja selbst: er saß in Azkaban, als sein Sohn Todesser wurde, was hätte er also dagegen unternehmen können? Ich glaube, dass er liebend gerne etwas getan hätte, aber er konnte ja nicht. Und wie hätte er es auch vor dem Dunklen Lord rechtfertigen sollen, dass er seinen Sohn nicht als Todesser sehen möchte? Ein Ding der Unmöglichkeit.
Vielleicht liegt Mister Thomas richtig mit seiner Vermutung, dass Draco Malfoy sich darauf eingelassen hat, weil es ihm als einzige Möglichkeit erschien, sich und seine Mutter vor dem Zorn und der Rache des Dunklen Lords zu schätzen. Vielleicht stecken auch andere Motive dahinter. Wir wissen es nicht, immerhin schweigt sich Draco Malfoy bis zum heutigen Tag über sein Dasein als Todesser aus – was ja auch sein gutes Recht ist.
Kurz darauf zeigt sich dann wieder Mister Malfoys enormer Stolz. Als das Gespräch sich den grausamen Methoden des Dunklen Lords zuwendet und klar wird, dass er auch in seinen eigenen Reihen nicht vor Folter und Rache zurückschreckte, lässt Mister Malfoy nicht einmal zu, dass Richterin White ihre Frage vollständig formuliert, bevor er ihr antwortet und ihr zu verstehen gibt, dass auch er unter den Attacken des Dunklen Lords zu leiden hatte.
Ich nehme an, dass im Gerichtssaal zustimmende Rufe laut wurden, da ja um Ruhe gebeten wird. Vermutlich sahen sich die Massen dazu berechtigt, Mister Malfoy mitzuteilen, dass er in ihren Augen nur bekommen hatte, was er verdient hatte. Ich finde, dass es sehr für Richterin White spricht, dass sie ihn nicht dazu zwingt, das zu wiederholen oder expliziter auszuformulieren, was sie erfragt hat. Jemanden wie Lucius Malfoy muss eine solche Demütigung mehr schmerzen als die Zwischenrufe je könnten."
Du lächelst ein bisschen traurig, weil du dich nur zu genau erinnerst, was diese Zwischenrufe ausdrückten, weil du nur allzu genau weißt, wie Dean Thomas auf seinem Stuhl ganz bleich wurde und unruhig hin und herrutschte. Und gleichzeitig findest du es fast ein bisschen beunruhigend, wie leicht es Mister MacLaine zu fallen scheint, den Charakter von Lucius Malfoy zu durchschauen.
„Und schließlich", Alasdair hebt den Kopf und lächelt, „wird mehr als deutlich, wie viel Mister Malfoy für seine Familie empfindet. Richterin Whites Worten ist zu entnehmen, dass er sogar aufgesprungen ist, vermutlich wutentbrannt, als er danach befragt wird, ob auch seine Ehefrau gefoltert wurde. Er sagt, ich zitiere: Denken Sie, das hätte ich nicht zu verhindern gewusst? und damit verrät er uns, dass er für seine Frau alles tun würde. Dafür spricht auch die mittlerweile weit verbreitete Tatsache, dass weder er noch seine Ehefrau aktiv an der Schlacht um Hogwarts teilnahmen, sondern stattdessen damit beschäftigt waren, ihren Sohn zu suchen. Sie scherten sich nicht darum, ob der Dunkle Lord verlor oder nicht und sie taten nichts, um seinen Untergang zu verhindern. Und das scheint unserem Publikum im Gerichtssaal nicht gepasst zu haben, sonst hätte Richterin White ihn wohl kaum räumen lassen, wenn nicht die Gefahr von Ausschreitungen bestanden hätte."
Er verstummt und du sagst „Danke" und hebst gleichzeitig eine Hand, um die Störenfriede aus den hinteren Reihen in Schach zu halten. „Heben Sie sich alle Ihre Kommentare, Bemerkungen und Meinungen bitte für die Schlussdiskussion auf", bittest du sie, „Ich möchte zuerst das gesamte Material besprechen, damit wir auch alles in die Diskussion aufnehmen können. Gibt es Freiwillige für den nächsten Text?"
Die Hand, die nach oben geht, ist nicht die, die du erwartet hast, aber du versuchst, dir deine Überraschung nicht anmerken zu lassen, sondern meinst schlicht „Bitte, legen Sie los".
Miss Carter nimmt die Hand wieder nach unten und schaut dich fortwährend an, während sie ihre Überlegungen präsentiert. „Zuerst einmal fällt die Form des Textes auf", beginnt sie, „Wir wissen nicht, wer dort erzählt, wir wissen nicht, in welchem Kontext das Ganze stattfindet, ist es nur eine Alltagsbeschreibung, ist es Teil eines Interviews oder Artikels – es lassen sich keine Indizen finden. Wir wissen nur, wo das Gespräch stattfindet, nämlich in der Küche des Sommerhauses der Malfoys, irgendwo in Cornwall, entweder Ende 2005 oder zu Beginn 2006, da im Text erwähnt wird, dass Mister Malfoys Gerichtsverhandlung über sechs Jahre zurückliegt."
Du grinst ein bisschen. Sie hat ihre Rechenaufgaben jedenfalls gewissenhaft erledigt. Und was den Rest angeht – du hast nicht vor, ihr (oder irgendeinem anderen deiner Studenten) zu verraten, in welchen Kontext dieser Text einzuordnen ist.
„Das Ehepaar hat sich, wie durch die Presse ja auch bekannt wurde, vollständig zurückgezogen", fährt Miss Carter fort, „Mrs Malfoy hatte durch den Verkauf von Malfoy Manor sowohl großes Interesse auf sich gezogen als auch, vermutlich, Geld erwirtschaft, das sie wohl benötigt hat, um Mister Malfoys langen Krankenhausaufenthalt zu finanzieren. Interessant finde ich übrigens die Beschreibungen des Hauses und des Gartens. Es hat mich stark daran erinnert, wie Mrs Malfoy in den Interviews ihren Himmel beschrieben hat: ein wildes Paradies mit blühendem Flieder."
Du wiederum findest interessant, dass Elizabeth Carter derartige Details im Kopf behalten hat, obwohl sie in den damaligen Vorlesungen nicht einmal anwesend war. Aber für den Moment soll es dich nicht weiter kümmern.
„Sie wirken erstaunlich ... normal. Wie ein altes Ehepaar eben, das sich gegenseitig mit seinen Macken akzeptiert, oder zumindest macht sie auf mich diesen Eindruck, wenn sie darüber spricht, wie Mister Malfoy seine Leidenschaft für Musik entdeckt hat und sie deswegen nun auch in der Küche vom magischen Grammophon nebenan beschallt werden.
Sie spricht von ihrem Garten, um den sie sich kümmert, und von ihrem ersten Enkelkind, das bald auf die Welt kommen wird – sie wirkt zufrieden. Fast schon glücklich. Oder jedenfalls mit sich und der Welt völlig im Reinen. So, als wären all die furchtbaren Ereignisse das Beste gewesen, was ihnen nur hätte passieren können, weil sie dadurch die Möglichkeit bekamen, noch einmal von vorne zu beginnen, abgeschnitten von der viel zu neugierigen und allzu schnell verachtenden Öffentlichkeit.
Dennoch muss die Zeit nach dem Krieg einfach nur schrecklich gewesen sein. Mrs Malfoy fand sich plötzlich vor einem Scherbenhaufen wieder, den sie irgendwie wieder zusammenkleben wollte. Und sie hat all das ertragen, all den Schimpf und die Schande, den ganzen psychischen Druck, als ihr Mann monatelang im Gefängnis saß und sie dann seine Gerichtsverhandlung miterleben musste und schließlich seinen Aufenthalt in St. Mungo's. Und anstatt aufzugeben, anstatt zusammenzubrechen und dem Druck der Öffentlichkeit nachzugeben, hat sie den Kopf in die Höhe gerecket und ist von Tür zu Tür gezogen, um sprichwörtlich um Almosen und Freundschaftsdienste zu betteln.
Mir ist, ehrlich gesagt, ein Rätsel, wie sie das geschafft hat. Wir wissen ja heute nur allzu gut, was für eine offene Feindlichkeit gegenüber ehemaligen Todessern geherrscht hat und dass sie sabotiert wurden, wo es nur möglich war, auch wenn sie noch so verzweifelt versuchten, sich einfach nur ein normales Leben aufzubauen.
Sie spricht auch noch einmal ganz offen an, wie wichtig Mister Malfoy seine Familie ist. Dass er alles getan hätte, damit seiner Ehefrau und seinem Sohn die Schmach erspart bleiben konnte, die er erdulden musste. Und durch Mrs Malfoy erfahren wir auch einen weiteren Hinweis im Hinblick auf Draco Malfoys Motive, ein Todesser zu werden: um die Familienehre zu retten.
Zum vermutlich ersten Mal bekommen wir einen ehrlichen Bericht davon, wie es gewesen sein muss, tagein, tagaus mit dem Dunklen Lord unter einem Dach zu hausen und niemals ganz sicher sein zu können, ob man gerade in seiner Gunst stand oder nicht. Jeden Tag mehr Hoffnung zu verlieren. Nur noch automatisch weiterzuleben, weil man ja schließlich muss. Bis sich alles ins Gegenteil wandte."
Ihr Blick ist dunkel und forschend und es fällt dir schwer, wegzuschauen. Während ihres gesamten Monologs über hast du sie angesehen und gedacht, dass sie es versteht, dass sie in den Text schlüpfen kann wie ein Kleid, dass sie Narcissa Malfoys Verzweiflung und Trauer spüren kann. Es bestärkt dich in deiner Entscheidung, den Text mit in die Anlagen zu nehmen und deinen Studenten zum Lesen zu geben. Schließlich ist es das, was du erreichen willst: dass sie in verschiedene Köpfe schauen und Beweggründe verstehen können.
„Danke, Miss Carter", nickst du ihr zu, „Ich möchte Ihre Erläuterungen für den Moment gerne einfach einmal stehenlassen und gleich bei der Diskussion noch einmal näher darauf eingehen. Der Text, der noch übrig bleibt, ist der Artikel von Rita Kimmkorn und nicht sonderlich lang. Wer möchte?"
Vorne in der dritten Reihe schnaubt Bores Flynn verächtlich und hebt die Hand. Du grinst ein bisschen, als du ihn aufrufst. Irgendwie hast du das Gefühl, dass die gute Kimmkorn gleich nicht ganz so gut wegkommen wird.
„Sowohl der Titel als auch die Autorin des Artikels verraten uns, dass es sich hier um eine Klatschnachricht allererster Güte handelt", stellt Mister Flynn trocken fest, „Mrs Kimmkorn enttäuscht uns auch nicht: ganz wie man es von ihr gewöhnt ist, präsentiert sie einen Mix aus schlechter Recherche, vermutlich wahllos aufgegriffenen oder erfundenen Zitaten, verteilt Spitzen und schürt Gerüchte.
Woher will sie wissen, wie die Verlobung von statten gegangen ist? Ich schätze, dass jemand wie Draco Malfoy, der derart schlechte Erfahrungen mit der Öffentlichkeit und der Presse gemacht hat, sehr vorsichtig sein wird, gerade beim Auswählen seiner Freunde. Ich halte es also für ein Ding der Unmöglichkeit, dass jemand, der Mister Malfoy wirklich nahe steht, nichts Besseres zu tun hat, als sich mit Mrs Kimmkorn in Verbindung zu setzen und ihr brühwarm irgendwelche Details der Verlobung zu erzählen. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass die ganze Geschichte von vorne bis hinten erfunden ist.
Gleichzeitig weckt Mrs Kimmkorn hier mehr oder weniger geschickt das Misstrauen ihrer Leser, als von dem prächtigen Diamantring die Rede ist, dem Miss Greengrass angeblich nicht widerstehen sollte. Mit diesem einzigen Zitat hat es Mrs Kimmkorn jedenfalls geschafft, Miss Greengrass als geldgierig darzustellen, was durch spätere Zitate nur verstärkt werden soll.
Mich würde im Übrigen mächtig interessieren, was für eine angebliche ehemalige Geliebte von Mister Malfoy da aus dem Nähkästchen plaudert. Sie scheint jedenfalls kein Problem damit zu haben, Beziehungen mit eitlen, arroganten und verzogenen Herren einzugehen, wenn sie Mister Malfoy derartig beschreibt und selbst mit ihm liiert war. Darüber hinaus dachte ich immer, dass viele der Töchter aus sogenannten besseren Familien nach dem Krieg nichts Besseres zu tun hatten, als der gesamten Welt zu verkünden, dass sie keineswegs auf irgendeine Art und Weise näher mit Mister Malfoy bekannt gewesen waren. Daraus lässt sich schließen, dass entweder damals eine der Damen gelogen hat – oder aber, dass das Zitat erneut einfach nur erfunden ist.
Auf Miss Greengrass scheint Mrs Kimmkorn jedenfalls auch ganz gerne herumzuhacken. Sie ist, laut Artikel, nicht nur geldgierig, sondern auch egoistisch, scheinbar Seitensprüngen nicht abgeneigt und hat offenbar kein Verlangen danach, eine Familie zu gründen oder dafür ihre zukünftige Karriere zurückzustellen. Allerdings wissen wir ja durch den anderen Text von Mrs Malfoy, dass das erste Kind von Astoria und Draco auf dem Weg ist.
Und sogar die Tatsache, dass sich die Malfoys zu schade waren, ein Statement zu diesem absolut peinlichen Artikel abzugeben, wird ihnen negativ angekreidet. Eines muss man Mrs Kimmkorn jedenfalls lassen: sie versteht ihr Handwerk. Und ich wette, dass es noch immer genügend Hexen und Zauberer gibt, die alles, was sie schreibt, für bare Münze nehmen."
„Leider ja", seufzst du, „Und auch wenn Mrs Kimmkorn zwar wohl demnächst in Ruhestand treten wird, warten bereits zahlreiche Nachfolger darauf, ihr Erbe antreten zu dürfen. Aber erst einmal vielen Dank, Mister Flynn, für Ihren Beitrag." Du nickst ihm zu, ordnest deine eigenen Notizen und stellst dich dem Kampf. Ihr habt noch ein paar Minuten Zeit und du wirst sie für das nutzen, was du angekündigt hattest. „So", machst du gedehnt und schaust in die Runde, „Die Diskussion kann beginnen. Mister Miller, nachdem Sie sich nun so lange zurückhalten mussten – haben Sie etwas zu sagen?"
Er zuckt die Achseln und schenkt dir einen trotzigen Blick. „Ich bleibe dabei", verkündet er, „Die Malfoys hatten und haben nun einmal die Mittel, sich alles zu erkaufen, was sie nur wollten, sei es nun Essen, teure Kleider, oder auch leichtere Gefängnisstrafen und Schweigen." Du hebst eine Augenbraue in die Höhe. „Sie finden Mister Malfoys Strafe war nicht gerechtfertigt?", hakst du nach und bekommst ein energisches „Natürlich nicht!" zur Antwort.
Du lächelst betont gelassen. „Dann schlage ich vor, dass Sie sich in Ihrer Freizeit einmal hinsetzen und Richterin White einen Brief schreiben. Ich bin mir sicher, sie wird Ihnen nur allzu gerne erklären, warum sie welche Strafe für angemessen gehalten hat." Mister Miller sieht dich an und in seinen Augen lauert etwas, das dir Angst macht, als wäre er ein Raubtier, das gerade zum Angriff ansetzt.
Er lehnt sich auf seinem Sitz zurück und wendet den Blick nicht von dir ab. „Es muss Korruption oder etwas Ähnliches im Spiel gewesen sein", sagt er fest, „Wenn dem nicht so wäre und es einen völlig gerechtfertigten Grund gäbe, Mister Malfoy so verhältnismäßig harmlos zu bestrafen, dann würden Sie uns das sagen oder dann hätte es damals in den Zeitungen gestanden. Aber nein, da lässt sich nichts finden und Sie schweigen sich ebenfalls aus. Und warum? Weil Sie wissen, dass ich Recht habe."
Ja, er hat angegriffen und zugeschlagen. Einen Augenblick lang fühlst du dich wie betäubt, weil du mit seinen Gedankengängen nun wirklich nicht gerechnet hättest. Es ist still geworden im Hörsaal und alle schauen in deine Richtung, lauter fragende Gesichter, die darauf warten, dass du widersprichst und du würdest gerne, weil es nicht stimmt, was Mister Miller sagt, doch du hast kein Recht, ihm die volle Wahrheit zu verraten (aber wie kannst du dir weiter ins Gesicht sehen, wenn du ihn glauben lässt, dass Lucius Malfoy seine Richterin bestochen hat?).
„Ja", antwortest du langsam, „Ich kann Ihnen den Grund nicht nennen, das ist wahr. Und dennoch sind Ihre Schlussfolgerungen nicht richtig. Ich kann es Ihnen nicht sagen, weil wir damit in die Privatsphäre der Familie Malfoy eindringen und das ist etwas, was ich weder möchte noch verantworten kann. Mein Hörsaal ist kein Treffpunkt für Fanatiker der Klatschspalten."
Ein paar der Studenten lachen und Tobias Miller verzieht das Gesicht. Du weißt, dass du ihn nicht überzeugt hast, aber du kannst es, in diesem Moment, nicht ändern. Du kannst nur hoffen, dass die noch folgenden Sitzungen dazu beitragen werden, seine Meinung zu revidieren.
Du blickst in die Runde. „Weitere Fragen?", erkundigst du dich, „Anmerkungen, Kommentare, Bestätigungen zu den Textanalysen, die wir gehört haben?"
Stephen Hart hebt die Hand und will wissen, was du ihm nicht sagen kannst. Wer den Text über Narcissa Malfoy geschrieben hat. Du musst lachen. „Sie haben heute alle ein Talent dazu, etwas erfahren zu wollen, was ich Ihnen nicht einfach so mitteilen kann", wendest du dich amüsiert an ihn, „Mrs Malfoy hat dem Autor des Textes vertraut und es hat mich einiges an Mühe und Anstrengung gekostet, den Text überhaupt in meinem Unterricht verwenden zu dürfen, deshalb ... geben Sie sich für den Augenblick bitte damit zufrieden."
Er sieht ein bisschen enttäuscht aus, nickt jedoch. Die Hände bleiben unten. Du bist überrascht. Überrascht, dass die Sitzung so verhältnismäßig zahm vonstatten gegangen ist. Du hast mit mehr Protest und mehr Widerrede gerechnet, aber es scheint, als hätten die Texte deinen Studenten das Eine vermitteln können, was dir wichtig war: dass es sich bei den Malfoys auch nur um Menschen handelt.
(Und du hoffst, wirklich, dass es so ist und sie das begriffen haben, nicht, dass du dich geirrt hast.)
„In Ordnung", meinst du leichthin und rutschst von deinem Tisch, „Das wäre alles für heute, es sei denn, Sie haben noch genug Energie übrig, einen Vergleich zwischen den Familien Black und Malfoy anzustellen." Du wartest auf Zustimmung oder Ablehnung und das müde Kopfschütteln Vereinzelter zeigt dir, dass die Energie wohl nicht meh vorhanden ist, „Ich schicke Ihnen die Unterlagen für die nächste Sitzung wie immer zu. Bis dahin haben Sie eine schöne Woche."
Du packst deine Sachen zusammen und schaust zu, wie deine Studenten das Gleiche tun und dann langsam aus dem Hörsaal hinauströpfeln.
(Und du bist erleichtert, als Miss Carter Miss Hopkins am Arm nimmt und mit zieht, ehe sie sich zu dir drehen und unangenehme Fragen stellen kann.)
Du greifst dir deine Tasche und machst dich auf den Weg in dein Büro. Zuhause ist nichts, wofür es sich lohnt, heimzukehren.
tbc.
