Anmerkung der Autorin: Da bin ich wieder. Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat; irgendwie frisst Studium eben doch mehr Freizeit als man denken mag. Ich hoffe, das Kapitel kann euch ein bisschen für die Wartezeit entschädigen.
Liebe Grüße und, wie immer: Tausend Dank für eure phantastischen Reviews und Rückmeldungen! Ich freue mich immer wie wahnsinnig. Danke.
Aber jetzt viel Spaß beim Lesen.
Siebte Vorlesung
Dein Wecker klingelt viel zu früh und viel zu laut. Gestern Abend hast du deine Idee noch als 'hervorragend' eingestuft, zeitig aufzustehen, in Ruhe zu duschen, zu frühstücken und deinen gesamten Unikram zu packen. Gestern Abend warst du allerdings auch nicht derart müde, sondern hellwach und hast nicht darüber nachgedacht, dass fünf Stunden Schlaf eventuell doch nicht ausreichen könnten. Nein, gestern Abend hast du es dir bei ein, zwei Gläschen Rotwein vor dem Kamin gemütlich gemacht, hast gelesen und ein klein wenig bereut, dass du dich immer dagegen gesträubt hast, eine Katze als Haustier aufzunehmen. Ausnahmsweise hättest du es nämlich begrüßt und dich über ein bisschen Wärme und Nähe gefreut.
Aber jetzt, jetzt klingelt der Wecker, während draußen vor deinen Fenstern noch die tiefschwarze Nacht lauert und das fahle Licht der Laternen mitleidig zu dir herüberscheint. Du streckst seufzend eine Hand aus und schaltest den Wecker aus. Ruhe legt sich über dein Schlafzimmer wie eine weiche, flauschige Decke und du bist versucht, dich wieder im Bett zu verkriechen und weiterzuschlafen, doch dummerweise hast du sowas wie ein Pflichtbewusstsein und das klopft gerade an, um dir mitzuteilen, dass da vor dir ein Arbeitstag liegt und du gefälligst am Wochenende entspannen kannst.
Du kletterst aus dem warmen Bett und stößt das Fenster auf, um frische Morgenluft hereinzulassen. Gänsehaut breitet sich rasendschnell auf deinem Körper aus und teilt dir mit, dass es zu kalt ist, um in Shirt und Boxershorts vor dem offenen Fenster stehenzubleiben. Dennoch schließt du nur die Augen und lässt die Luft über dich fließen wie Wasser. Sie streicht dir die verwirrten Gedanken, Überbleibsel einer zu kurzen Nacht, aus dem Kopf .
Nach ein paar Minuten blinzelst du hinaus in die Nacht, schaust auf verlassene Gehwege und reißt dich schließlich vom Fenster los. Du greifst dir was zum Anziehen aus deinem Schrank, schließt die Schlafzimmertür hinter dir, damit die Morgenluft nicht in jeden Winkel deiner Wohnung kriecht, und stolperst Richtung Badezimmer. Du legst deine Kleider auf dem Schränkchen ab und machst dann erst einen Abstecher in die Küche, um dort mit Hilfe deines Zauberstabs dafür zu sorgen, dass es gemütlich warm wird.
Der Tisch ist gedeckt. Eine Schüssel, ein Teller, eine Tasse. Löffel, Gabel, Messer. Ein Korb mit knusprigen Toastscheiben und goldbraunen Croissants, daneben Honig, Butter, Marmelade, eine Platte mit Käse und Weintrauben. Ein kleiner Krug mit weißer, frischer Milch. Deine gefüllte Caffetiera. Zucker. Alles warm und frisch gehalten durch den Zauber der Magie. Und in deiner Schüssel liegt ein Zettel. Du weißt, was ungefähr darauf stehen wird, aber du schaust trotzdem nach. „Damit du mal wieder ordentlich frühstückst, und zwar zuhause, du Idiot." Wenn du von etwas überzeugt bist, dann davon, die besten Freunde der Welt zu haben.
Du lächelst ein bisschen und weil der Kaffee so phantastisch riecht, gerätst du beinahe in Versuchung, die Dusche zu verschieben und erst eine Tasse zu trinken. Aber du weißt, dass du dich dann vermutlich in den Köstlichkeiten verlieren wirst und dass ganz plötzlich die Uhr neunmal schlagen wird und du noch immer ungewaschen am Küchentisch sitzen wirst und weil du das nicht möchtest, wendest du den Blick hastig ab und gehst zurück ins Badezimmer.
Das heiße Wasser auf deiner Haut macht dich langsam munter und kontrastiert mit der frischen Morgenluft, deren Reste noch auf deinem Gesicht brannten. Du massierst dir Shampoo ins Haar und wäschst dir den Schlaf aus den Augen, bis du das Gefühl hast, nun wirklich wach zu sein. Mit einem weißen, flauschigen Handtuch reibst du dir das Wasser vom Körper, wischst ungeduldig über den beschlagenen Spiegel und rasierst dich sorgfältig. Ein Blick verrät dir, dass du besser aussiehst als du vermutet hattest. Gut, denkst du und ein Stoß an Erleichterung fährt in dich. Du musst für niemanden mehr gut aussehen, nur für dich selbst und du bist zufrieden. Du bist jung (naja), charmant, attraktiv, intelligent, gebildet – du bist phantastisch, kurz gesagt. Du hast nur ein bisschen gebraucht, um dich daran zu erinnern.
Du hängst dein Handtuch zum Trocknen über den Badewannenrand, schlüpfst in frische Unterwäsche und die Kleider, die du mitgebracht hast. Eine dunkle Hose und ein blaues Hemd, auch wenn dir viel eher nach dem dunkelgrünen . Du besprichst heute Gryffindors und du willst dir von niemandem vorwerfen lassen, in irgendeiner Weise voreingenommen zu sein. Auch wenn es sich dabei um etwas so Lächerliches wie die Farbauswahl deines Hemdes handelt. Und so entscheidest du dich lieber für etwas Neutrales.
Als du in die Küche zurückkehrst, ist der Raum schön warm und strahlt Behaglichkeit aus. Du gießt dir Kaffee in deine Tasse und atmest genüsslich das Aroma ein. Ein bisschen herb, mit einem Beigeschmack an Schokolade, nicht dein üblicher, normaler Kaffee. Du löffelst ein bisschen Zucker dazu und gießt Milch hinein, ehe du den erlösenden ersten Schluck nehmen kannst. Was die Morgenluft und die heiße Dusche noch an Müdigkeit hinterlassen haben, wird nun davon gespült. Der Kaffee ist heiß und lecker und du trinkst ihn in gierigen, schnellen Schlucken, damit du gleich die zweite Tasse einschenken kannst.
Du weißt kaum, wo du anfangen sollst, bei all den Köstlichkeiten, die sich vor dir präsentieren. Du schiebst die Schüssel von deinem Teller herunter und belädst ihn mit Toast und einem Croissant. Der Toast bekommt gesalzene Butter und Käse, beim Croissant schwankst du noch zwischen Honig und Marmelade. So gerne du auch ein richtiges, englisches Frühstück hast – manchmal bevorzugst du doch die kontinentale Variante, vor allem wenn es Croissants gibt. Definitiv eine Lücke in der britischen Backkultur, sollte es sie geben, wie du findest.
Du beißt von deinem Toast ab, stellst deine Tasse für einen Moment ab und greifst nach deinem Zauberstab, um ihn zu schwenken und dein magisches Radio einzuschalten. Ein Mix aus Rockmusik und Dudelsack, gepaart mit einer rauchigen Stimme, flutet deine Küche und bringt dich dazu, sachte mit den nackten Zehen mitzuwippen, während du dich an Toast, Kaffee und Croissant labst. Jetzt, in diesem Moment, wenn du alles ausblendest, was nicht wirklich gut läuft in deinem Leben – dann geht es dir gerade eigentlich ziemlich gut, wie du findest.
Du erwischst dich dabei, wie du mitsummst und tatsächlich für die paar Minuten, die das Lied dauert, all deine verdammten Sorgen vergisst. Ach, Musik. Du lächelst in deinen Kaffee hinein und nimmst einen großen Schluck. Er hat genau die richtige Balance zwischen herb und süß und du machst eine mentale Notiz, dass du herausfinden musst, wo deine Frühstücksfee die Bohnen gekauft hat. Du bist so versunken in deinen Kaffee und das Lied, dass es erst die Stille braucht, nachdem das Lied zu Ende ist, damit du begreifst, dass da etwas gegen deine Fensterscheibe klopft.
Du drehst den Kopf zur Seite und kannst sehen, wie drei Eulen ungeduldig vor deinem Fenster kreisen und abwechselnd mit den Schnäbeln gegen das Glas picken, um auf sich aufmerksam zu machen. Eilig legst du die Überreste deines Toasts auf dem Teller ab, stellst die Tasse daneben und springst auf, um das Fenster zu öffnen und die Eulen hereinzulassen. Draußen wird es langsam Morgen, die Schwärze der Nacht wird von einem hellblauen, klaren Himmel verdrängt. Der Tag wird kalt werden, kalt, aber sonnig.
Die Eulen schuhuhen leise und lassen sich vorsichtig auf diversen Möbelstücken nieder. „Moment", murmelst du und kramst in deinem Küchenschrank, um aus einer der hintersten Ecke ein paar leicht zerkrümelte Eulenkekse hervorzuziehen. Du breitest sie auf dem Tisch aus und füllst deine unbenutzte Schüssel mit Wasser. Die Eulen flattern langsam näher und nehmen deine Mahlzeit an. Du nimmst ihnen behutsam die Briefe ab und schaust zu, wie ihre Schnäbel klackern beim Trinken. Du magst Eulen. Deine eigene ist noch unterwegs, jagen, und überhaupt fliegt sie meistens direkt zur Universität statt zu dir nach Hause.
Als hätten sie sich heimlich abgesprochen, brechen die drei Eulen vor dir dann gleichzeitig ihr Frühstück ab, breiten ihre Flügel aus und flattern wieder davon. Du schaust ihnen nach, wie sie in den anbrechenden Morgen verschwinden, und schließt das Fenster hinter ihnen. Du bist ein bisschen aufgeregt, als du zum Tisch zurückkehrst und einen Blick auf die drei Umschläge wirfst. Du erkennst die verschiedenen Schriften, du weißt, wer dir da geschrieben hat und warum – du hoffst nur, dass die Briefe auch die erwünschten Antworten erhalten. Und du hast nicht damit gerechnet, alle drei zum gleichen Zeitpunkt zu erhalten, aber dir soll's recht sein.
Du lässt dich auf deinen Stuhl sinken, reißt den ersten Umschlag auf und holst ein fein säuberlich beschriebenes Pergament heraus. Du nippst an deinem Kaffee, während deine Augen ungeduldig den Brief überfliegen und nach dem einen Satz suchen, auf den du hoffst. Da! „Natürlich bin ich einverstanden!" Du lächelst und legst den Brief beiseite, um nach dem zweiten Umschlag zu greifen. Die Schrift auf dem Papier ist etwas runder, weicher, nicht ganz so ordentlich, und du überspringst großzügig den gesamten ersten Abschnitt, um dann zu lesen „Ich freue mich, dass du mich gefragt hast! Ich bin dabei, mit dem größten Vergnügen!".
Gut, denkst du verschwommen, schonmal zwei von dreien. Trotzdem willst du, dass deine Planung aufgeht, dass es so werden wird, wie du es dir vorgestellt hast. Und dafür brauchst du alle drei. Also öffnest du den letzten Umschlag, ziehst den Brief heraus und liest in etwas krakeliger Handschrift „Kein Problem.". Du legst das Pergament zu den anderen, lachst und trinkst vergnügt deinen Kaffee aus. Du magst es, wenn sich die Dinge so entwickeln, wie du es dir gewünscht und vorgestellt hast. Gedankenverloren knabberst du an deinem Toast, streichst dann dick Marmelade auf dein Croissant und verschwindest erstmal nach nebenan, um deine Tasche für die Uni zu packen.
Deine Unterlagen für die heutige Vorlesung hast du bereits im Laufe des gestrigen Tages auf den Schreibtisch gelegt, sodass du den gesamten Haufen jetzt nur noch in deine Tasche stecken musst. Dazu kommen noch ein paar Bücher, die du heute mal wieder in die Unibibliothek bringen solltest, und deine Schreibutensilien. Die drei Briefe lässt du ebenfalls in die Tasche gleiten, damit du sie in deine Korrespondenz in deinem Unibüro einordnen und deinem Chef unter die Nase halten kannst. Du überlegst, ob du deinen Studenten davon erzählen sollst, was sie in der nächsten Vorlesung erwarten wird.
Ein Blick auf die Uhr verrät dir, dass du dich langsam besser auf den Weg machen solltest. Du ziehst dir dicke Wollsocken über die nackten Füße, schlüpfst in deine Schuhe und knotest dir den Schal um den Hals. Deine Robe hängt noch an der Garderobe, wo du deine Tasche erstmal abstellst und dir den Umhang überziehst. An die Finger kommen deine Handschuhe und du greifst dir dein vorbereitetes Croissant, um es auf dem Weg zu verspeisen. Dein Zauberstab wird noch hastig in die Tasche gesteckt, ehe du nach deinem Schlüsselbund angelst und deine Wohnung verlässt.
Im Treppenhaus ist es noch still und verschlafen, aber draußen auf den Straßen sind schon etliche Menschen unterwegs. Mit müden Gesichtern hasten sie einem dir unbekannten Ziel entgegen, während du von deinem Croissant abbeißt und in der anderen Hand die Tasche schlenkern lässt. Die Luft ist kalt und kriecht dir in die Ecken, die Robe und Schal freilassen, doch es ist nicht weiter schlimm, es lässt sich schon ertragen. Trotzdem überlegst du, vielleicht mal nach deinem Winterumhang zu suchen, der irgendwo in deinem Schrank stecken muss oder in einer der vielen Schubladen.
Die fahle Wintersonne hängt am hellblauen Hintergrund und du blinzelst nach oben, bemerkst die mittlerweile vollständig kahlen Bäume und fragst dich, ob es wohl Schnee geben wird in diesem Winter, überlegst, dass Weihnachten nur noch einen Monat entfernt ist und der Gedanke macht dich nicht unbedingt fröhlich. Du hattest nie sonderlich viel übrig für dieses Fest, aber die letzten Jahre waren eigentlich immer recht ... schön. Dieses Jahr wird es anders werden und du hast ein wenig Angst davor, wenn du ehrlich bist.
Je näher du der Universität kommst, desto mehr Studenten sind auf den Straßen unterwegs. Sie lachen und unterhalten sich laut, ihre Stimmen ein einziges, fröhliches Gewirr. Du lächelst neutral und nickst zurück, wenn du gegrüßt wirst, ein bisschen froh darüber, dass das Croissant mittlerweile aufgegessen ist. Du weißt, dass du nicht gerade unbeliebt bist. Du hast deine eigenen Lehrmethoden, aber du wirst im Großen und Ganzen geschätzt. Und du bist jünger als die meisten deiner Kollegen. In gewisser Weise bist du nah dran an deinen Studenten.
In deinem eigenen Hörsaal herrscht noch reges Treiben, als du die Flügeltür aufstößt und hereintrittst. Du nickst „Guten Morgen", während du zu deinem Pult läufst, die Tasche abstellst und aus deiner Robe schlüpfst. Du hängst sie über deinen Stuhl, knotest den Schal auf und streifst dir die Handschuhe von den Fingern. Du bückst dich, um aus deiner Tasche den Stapel Unterlagen für die Vorlesung herauszuholen, dazu noch deinen Federkiel und ein paar Bögen Pergament zum Notizenmachen.
Du kletterst auf deinen Stammplatz auf dem Pult, schaust auf deine Armbanduhr und stellst fest, dass du ruhig noch ein paar Minuten warten kannst, ehe du loslegst. Es ist trotzdem bereits ruhig geworden im Hörsaal und die Gespräche werden nur noch im Flüsterton fortgesetzt. Du verkneifst dir ein Grinsen, während du deine Unterlagen durchblätterst und erinnerst dich daran, wie du früher dort auf diesen Plätzen gesessen hast. Du warst nicht ganz so eingeschüchtert, glaubst du, und hast ungerührt weitergeredet, zumindest bei manchen Dozenten.
Nicht bei allen, Merlin bewahre. Osburga hätte dir vermutlich den Kopf abgerissen. Oder dir mit einem Lächeln die Aufgabe erteilt, den kompletten Beowulf zu übersetzen, von der ersten bis zur letzten Zeile. Das Risiko hättest du niemals eingehen wollen. Nein, du hast schnell herausgefunden, wo Osburgas Grenze verläuft, du hast es ausgetestet und ausgereizt, aber du hast sie nicht überschritten. Und heute, wo du einer ihrer Kollegen bist, fragst du dich, ob du bei deinen Studenten wohl die gleiche Mischung aus Ehrfurcht und Respekt hervorrufst wie Osburga das damals bei dir getan hat.
Ein paar Nachzügler kommen noch zur Tür hereingehuscht und lassen sich eilig auf ihren Plätzen nieder. Du schenkst ihnen ein freundliches Lächeln, schielst dann erneut auf deine Armbanduhr und findest, dass es durchaus vertretbar ist, jetzt mit der Vorlesung zu beginnen. „Guten Morgen", hebst du deine Stimme etwas an, während die Gespräche vollends verebben, „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Woche. Wie Sie anhand der Materialien für die heutige Sitzung feststellen konnten, wenden wir uns nun von der generell als 'dunkel' beschriebenen Seite ab und der helleren zu. Gibt es im Vorfeld Fragen dazu, ehe wir uns direkt mit den Unterlagen befassen?"
Du schaust fragend in die Runde und beobachtest deine Studenten, die in ihren Notizen blättern und mit ihrem Nachbarn tuscheln. Boreas Flynn hebt zögernd die Hand und sieht dir beinahe etwas nervös entgegen. „Mister Flynn", schmunzelst du, „Nur zu. Immer raus damit." Er lächelt scheu und nickt. „Sir, ich habe mich gefragt, wie es dazu gekommen ist, dass die Familie Weasley gerne als Prototyp der sogenannten Blutsverräter genutzt werden. Gab es dafür irgendwann mal einen bestimmten Anlass? Ich meine, sie sind reinblütig, sie haben einen ziemlich weit zurückreichenden Stammbaum – und trotzdem haben viele der anderen reinblütigen Familien immer auf die Weasley herabgeblickt. Weshalb?"
„Gute Frage", versicherst du ihm und stützt dich mit den Händen auf dem Pult ab, lehnst dich ein bisschen nach hinten, während du nachdenkst, „Und nicht ganz so leicht zu beantworten, fürchte ich. Tatsache ist jedenfalls, dass es nicht erst mit der Generation von Arthur Weasley begonnen hat, sondern lange davor. Anfang des 20. Jahrhunderts hat Cedrella Black Septimus Weasley geheiratet und wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen, woraus wir schließen können, dass die Weasleys bereits damals nicht zum sogenannten Zaubereradel gezählt wurden, obwohl sie den nötigen Blutstatus hatten.
Allerdings gehörte die Familie Weasley weder damals noch heute zu den reichen Familien der Gesellschaft. Soweit ich das weiß, waren sie bereits im 17. Jahrhundert dafür bekannt gewesen, viele Kinder, jedoch wenig Geld zu haben. Das mag schlicht und ergreifend an einer Verkettung unglücklicher Ereignisse liegen; vielleicht hat ein Mitglied der Familie einmal durch einen dummen Zufall einen Großteil des Vermögens verloren und es wurde nie wieder aufgeholt. Fest steht auch, dass sie sozusagen schon immer für ihre muggelfreundliche Anstellung bekannt gewesen sind. Angeblich hat das seinen Ursprung darin, dass ein Zweig der Familie vor Jahrhunderten neben einer Muggelfamilie lebte und eine innige Freundschaft pflegte. Wir bewegen uns hier allerdings auf höchst unsicherem Boden, da es keinerlei Nachweise für diese Geschichte gibt. Ich schätze, die Familie Weasley weiß selbst nicht so genau, wann das alles begonnen hat.
Aber wie das eben so ist: aus Tatsachen werden Gerüchte und Gerüchte halten sich erstaunlich lange. Dass die Weasleys arm, kinderreich und muggelfreundlich sind, hängt an der Familie wie ein Duft; es gehört zum stereotypen Bild, das viele in der Zauberwelt noch heute mit sich herumtragen. Ich wette, wenn ich Sie frage, wie Sie sich einen Weasley vorstellen, dann sagt mindestens die Hälfte von Ihnen 'rothaarig' oder 'sommersprossig'. Ich hoffe, das hat Ihnen ein wenig weitergeholfen?", wendest du dich schließlich wieder an Mister Flynn, der eilig mitnotiert hat.
„Ja, danke!", sagt er und du nickst ihm kurz zu. „Weitere Fragen?", erkundigst du dich gelassen und lässt den Blick schweifen. Zu deiner leichten Überraschung hebt Miss Shaw die Hand und schaut zu dir. „Ja, bitte", lächelst du sie an und bist gespannt. Sie streicht sich hastig eine Haarsträhne aus den Augen und beginnt leise: „Sir, ich habe überlegt ... weil ja Gideon und Fabian Prewett damals im Ersten Dunklen Krieg gefallen sind ... ob Sie uns wohl ein wenig zu der Zeit damals erzählen könnten? Mir ist klar, dass das nicht unbedingt in unserem Studienverlauf vorkommen wird, deshalb dachte ich, es könnte nicht schaden, etwas darüber zu wissen, weil es schließlich maßgebend ist für alles, was danach gekommen ist."
„Natürlich", antwortest du, freudig überrascht und gleichzeitig ein bisschen amüsiert. Deine Studenten sind zu jung, um den letzten Krieg bewusst miterlebt zu haben, aber sie sind definitiv zu jung, wenn es um den davor geht. Du bist es auch, doch du hast ihn studiert, darüber gelesen, mit Betroffenen geredet. Du hast versucht, nachvollziehen zu können, was damals passiert ist, und du glaubst, dass es dir zumindest teilweise gelungen ist.
„Sie alle wissen, dass der Dunkle Lord eine Schreckensherrschaft aufgebaut hatte", erklärst du ruhig, „Er hatte Freunde und Gleichgesinnte rekrutiert und zu einer Gruppe um sich geschart. Sie wurden die sogenannten Todesser, mit denen wir uns in einer späteren Vorlesung noch einmal ausführlich beschäftigen werden. Voldemort hatte ... genaue Vorstellungen davon, wie die perfekte Zaubergesellschaft aussehen sollte. Er verabscheute Muggel und Muggelgeborene; er wollte ihnen verbieten, nach Hogwarts zu kommen und sich ausbilden zu lassen; er wollte sie am liebsten ausrotten und ihnen klar machen, wer an der Spitze der Gesellschaft stand. Er glaubte, dass Zauberer mehr wert waren als Muggel; Reinblüter mehr als Halbblüter oder gar Muggelgeborene.
Um sein Ziel erreichen zu können, brauchte er Hilfe. Es gab genügend Menschen, die dachten, dass er irgendwo Recht hatte, dass es doch nicht falsch sein könnte, wenn sich die Zauberer zurückholten, was ihnen zustand. Allerdings lief das Ganze bald aus dem Ruder. Voldemort schreckte vor nichts zurück, um seine Ziele zu erreichen. Er mordete, er folterte und seine Todesser taten es ihm gleich. Sie versuchten, nach und nach die einflussreichsten und mächtigsten Hexen und Zauberer entweder auf ihre Seite zu ziehen oder zu beiseitigen.
Damals verging kaum ein Tag ohne irgendwelche Angriffe und Morde. Kaum jemand fühlte sich mehr sicher. Man konnte niemandem mehr vollständig vertrauen, weil da immer die Angst lauerte, dass jemand dem Imperius eines Todessers unterstand. Etwas musste geschehen, bevor Voldemort die gesamte Zaubererschaft in seine Gewalt bekam. Albus Dumbledore, der ehemalige Schulleiter Hogwarts', gründete einen Gegenbund zu den Todessern, den sogenannten Orden des Phönix, mit dem wir uns ebenfalls noch ausführlich beschäftigen werden.
In diesem Orden versammelten sich Hexen und Zauberer, die die Überzeugungen des Dunklen Lords nicht teilten, die dagegen ankämpfen wollten, koste es, was es wolle. Einige der Mitglieder waren ausgebildete Auroren, wie etwa Alastor Moody, andere arbeiteten im Ministerium, wie Dorcas Meadowes. Gemeinsam taten sie, was sie konnten, und versuchten, den Todesser-Angriffen zuvorzukommen, sie zu vereiteln oder zumindest dagegen anzukämpfen und so viele Todesser wie nur möglich dingfest zu machen.
Fabian und Gideon Prewett gehörten mit zu den ersten, die dem Orden beitraten. Sie hatten beide Hogwarts mit ausgezeichneten Noten verlassen und strebten Karrieren als Fluchbrecher an. Sie verstanden ihr Handwerk und waren dementsprechend prädestiniert dafür, dunkle Magier zu jagen. Gibt Ihnen das genügend Einblicke in die damalige Zeit?", willst du wissen und dir fällt auf, wie still es geworden ist. Deine Studenten machen große Augen, selbst die Federkiele huschen nur leise über die Pergamente und Miss Shaw nickt kaum merklich.
„Gut", meinst du betont leichthin, „Sollte es keine weiteren Fragen geben, würde ich vorschlagen, dass wir uns jetzt dem Material der heutigen Vorlesung widmen. Ich stelle Ihnen frei, womit wir anfangen. Wer möchte etwas sagen?" Du greifst dir deinen eigenen Stapel Unterlagen und ordnest ihn in Briefe, Interviews und den Zeitungsartikel. Als du wieder aufschaust, haben sich drei Studenten gemeldet und du freust dich, dass du sogar die Auswahl hast, wen du aufrufen möchtest. „Mister Bickerton", entscheidest du dich und erteilst ihm das Wort.
„Ich würde gerne die Briefe besprechen", erklärt er zögernd und schaut dich an, als wolle er sich vergewissern, dass das in Ordnung ist. „Sehr gerne", erwiderst du daher, „Nur zu. Legen Sie los." Er wirft einen raschen Blick auf seine Notizen, ehe er beginnt. „Die meisten der Briefe finden zwischen den Geschwistern Gideon and Fabian Prewett sowie Molly Weasley, geborene Prewett, statt", legt er die Fakten dar, „Die Briefe wurden zwischen August 1969 und Juli 1978 geschrieben, sie umfassen also eine Spanne von neun Jahren.
In dieser Zeit hat Molly geheiratet und fünf Söhne zur Welt gebracht. Der Krieg hat begonnen und ihre Brüder sind dem neugegründeten Orden des Phönix beigetreten, für den sie auch etliche Aufträge erledigt haben. Außerdem sind der Onkel und die Mutter der Geschwister gestorben, sowie ein Freund von Fabian und Gideon, Benjy. Ich vermute, dass damit Benjamin Fenwick gemeint ist, der mit den Brüdern gemeinsam zur Schule gegangen ist und ebenfalls Mitglied im Orden des Phönix war." Er macht eine kurze Pause, um dir Gelegenheit zu geben, ihm zu widersprechen oder zuzustimmen. Du nickst rasch und sagst „Korrekt. Fahren Sie fort."
Dir gefällt, wie er seine Analyse aufbaut, wie er euch erst die Fakten präsentiert und aufzählt, welche Ereignisse in den Briefen dargestellt werden. Du hoffst, dass er dann so weitermachen wird, wie du es tun würdest, nämlich mit all den emotionalen Hintergründen, die den Briefen zugrunde liegen.
„Der Briefwechsel beginnt mit Mollys Ankündigung, dass sie demnächst heiraten wird, und dem letzten Brief der Zwillinge, in dem sie mitteilen, dass sie einen Auftrag erhalten haben und daher nicht erreichbar sind. Durch den Zeitungsartikel wissen wir, dass sie nur wenig später bei einem Todesserangriff ums Leben kamen.
Obwohl die Lage in diesen Jahren eigentlich durchgehend schwierig und gefährlich war, schwingt in den meisten Briefen noch ein Hauch von Humor mit. Wir erfahren, dass Fabian und Gideon offensichtlich gerne Anderen Streiche spielen und weder ihren Schwager noch ihre kleinen Neffen davon verschonen. Wer weiß, vielleicht ist es einfach nur ihre Art, mit all den Schrecken fertig zu werden, die hinter jeder Ecke lauerten. Jedenfalls ist der Ton zwischen den Geschwistern sehr herzlich, auch wenn Molly ihre Brüder mal etwas heftiger ins Gebet nimmt.
Es gibt da diese Leerstelle von sechzehn Monaten, während denen die Zwillinge wegen eines Auftrags von der Bildfläche verschwunden waren. In ihrem ersten Brief an die zwei nach dieser Zeit beschimpft Molly sie und schreibt Ich hasse euch, aber eigentlich ist sofort klar, dass sie es nicht so meint, sondern dass sie nur ihrer Angst und ihrer Sorge freien Lauf lässt. Man kann regelrecht ihre Verzweiflung herauslesen, weil sich ihre Brüder so lange nicht gemeldet haben und Molly keine Ahnung hatte, was los war.
Es wird außerdem deutlich, wie nahe sich die Geschwister stehen, wenn man sich vor Augen hält, wie Fabian und Gideon gerade am Anfang mit dem Verlobten ihrer Schwester umgehen. Durch Molly erfahren wir, dass das bereits in Hogwarts so war, dass es ihr kaum möglich gewesen ist, mit Arthur eine Tasse Tee zu trinken, weil sofort ihre großen Brüder zur Stelle waren, um Arthur in die Mangel zu nehmen. Und das hat sich nicht geändert. Es zeigt jedoch, wie wichtig den Beiden ist, dass ihre Schwester glücklich ist, dass sie glücklich gemacht wird. Und das sagen sie Arthur in aller Deutlichkeit. Sie geben ihm ja quasi zu verstehen, dass sie kein Problem damit hätten, ihm etwas Schreckliches anzutun, wenn er Molly unglücklich macht. Ich kann Arthur jedenfalls verstehen: ich hätte auch ziemlichen Respekt vor den zweien."
Ein paar deiner Studenten glucksen leise und nicken zustimmend. Auch dir huscht ein Lächeln übers Gesicht. Du magst den Briefwechsel zwischen den Prewett-Geschwistern unheimlich gerne, obwohl es dir jedes Mal gegen Ende leicht die Kehle zuschnürt, weil du genau weißt, dass es ab einem bestimmten Punkt keine Antworten mehr geben wird.
„Auch später sind sie immer sofort zur Stelle", fährt Mister Bickerton unbeirrt fort, „Sie kommen vorbei, als sie davon erfahren, dass ihr Onkel verstorben ist und Molly Hilfe dabei braucht, ihre Mutter zu trösten. Sie organisieren sogar jemanden, der sich um die Kinder kümmert, damit ihre Schwester eine Sorge weniger hat. Und später, als ihre Mutter stirbt und Arthur ihnen schreibt, wie schlecht es Molly geht, da verzichten die Zwei sogar auf jegliche Sprüche, sondern schreiben nur ihr Ja und machen sich auf den Weg. Mir kam es beim Lesen so vor, als würden sie alle Drei füreinander durchs Feuer gehen, und dann später auch für Arthur und die Jungs. Weil sie Familie sind", fügt Trystan leise hinzu.
Du schluckst schwer und denkst wieder daran, dass dieses verfluchte Weihnachtsfest in vier Wochen vor der Tür stehen wird. Und die Person, von der du dachtest, dass sie deine Familie wäre, ist nicht mehr da, um mit dir zu feiern.
„Zwischen dem Geplänkel über Mollys wachsende Kinderschar, die Streiche, die Fabian und Gideon einfach nicht lassen können, und ihrem immer wiederkehrenden Gedrängel, einen der Neffen nach ihnen zu benennen, erfahren wir Schnipsel über den beginnenden Krieg. Gideon und Fabian waren vermutlich bereits seit Anfang an im Orden des Phönix und haben es geschafft, es eine ganze Weile vor ihrer Schwester geheimzuhalten, ich schätze, damit sie sich keine unnötigen Sorgen machen musste", fährt Mister Bickerton mit seiner Analyse fort, „Man merkt ja auch ganz deutlich an Mollys Reaktion, wie wenig begeistert sie davon ist, dass ihre Brüder ihr Leben riskieren.
Und Gideon und Fabian tun ihrerseits alles, um herunterzuspielen, was sie tun. Sie nennen keine blutigen Details, sie lassen sich nicht als Helden feiern, sie schweigen einfach nur und erledigen ihre Aufträge. Es ist beinahe so, als hätten sie zwei Leben und als würden sie versuchen, das eine, das dunkle, so gut wie möglich von Molly fernzuhalten, damit sie nicht damit in Berührung kommt. Sie sind eben irgendwo doch immer die großen Brüder, die ihre kleine Schwester beschützen wollen.
Die Zwillinge müssen relativ gut gewesen sein in dem, was sie taten. Immerhin erfahren wir durch die Briefe, dass ein Photo von ihnen sogar im Tagespropheten erschienen ist, gemeinsam mit Lily Evans, Sirius Black, James Potter und Marlene McKinnon." Mister Bickerton dreht den Kopf nun vollständig in deine Richtung und du ahnst, was er gleich fragen wird. „Die anderen Namen sagen mir logischerweise etwas", beginnt er auch, „Aber wer ist Marlene McKinnon?" Du hast es gewusst.
Soweit ist es also gekommen, denkst du. Da wächst eine Generation heran, die mit den Helden und tragischen Opfern des Ersten Dunklen Krieges bereits nicht mehr anfangen können. „Marlene McKinnon", setzt du zu einer kurzen Erklärung an, „war ebenfalls Mitglied im Orden des Phönix. Sie war ein Jahrgang über James Potter, hat mit Bestnoten abgeschlossen und eine Ausbildung zur Heilerin abgeschlossen. Sie und ihre gesamte Familie wurden von Todessern umgebracht. Sie galt als eine der fähigsten Hexen ihrer Zeit und als große Hoffnung im Orden."
Trystan Bickerton kritzelt die Antwort hastig auf ein Stück Pergament und nickt dir dankend zu. „Arthur ist dann ebenfalls dem Orden beigetreten", nimmt er seine Analyse wieder auf, „Wir bekommen einen Eindruck davon, wie gefährlich das gewesen sein muss, als Molly schreibt, dass sein Beitreten quasi eine Einladung dazu ist, sich umbringen zu lassen. Und dennoch hat er es getan, woraus sich schließen lässt, dass er zurecht in Gryffindor war und dass er einen starken Sinn für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung hat."
Er verstummt und du sagst leise „Danke". Du machst dir ebenfalls ein paar Notizen und hebst dann den Blick. „Gibt es Fragen an Mister Bickerton?", erkundigst du dich, „Oder Fragen an mich?" Du lässt ihnen einen Moment Zeit, doch die Hände bleiben unten. „Gut", sagst du, „Dann schlage ich vor, Sie erinnern sich alle mal daran zurück, wie in der Familie Black das Thema 'Heirat' behandelt wurde. Welche Unterschiede können wir da festmachen?"
Du weißt, dass die Aufgabe nicht gerade fair ist. Ihr habt die Blacks vor zwei Wochen besprochen, aber du findest, dass deine Studenten sich daran gewöhnen müssen, etwas im Gedächtnis zu behalten, um es im richtigen Moment wieder hervorzukramen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie können nicht Geschichte studieren, ohne in der Lage zu sein, komplexe Vergleiche anzustellen. Und das hier ist alles, nur nicht komplex. In gewisser Hinsicht bist du also nett zu ihnen.
Langsam wandert Mister MacLaines Hand nach oben und du rufst ihn auf. „Es gab da einen Moment, in dem Sirius Bellatrix neckt", beginnt er zögernd und du grinst, um ihm zu zeigen, dass er auf der richtigen Spur ist, „Es geht darum, dass sie bereits in ihrem sechsten Schuljahr ist und ob es nicht langsam an der Zeit wäre, dass sie einen Verlobten mit nach Hause bringt. Einen Verlobten, der natürlich gewissen Ansprüchen gerecht wird – er muss reinblütig sein, einen möglichst makellosen, langen Stammbaum vorzuweisen haben und dazu noch gut aussehen, Manieren haben und vermögend sein."
„Ganz genau", gibst du zurück, „Darauf habe ich angespielt. Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass Sirius mit seiner Stichelei übertreibt und das Ganze etwas überspitzt darstellt, aber es hat einen wahren Kern. Für jemanden wie die Blacks zählte Vermögen und reines Blut mehr als alles Andere. Sie wissen ja, was passiert ist, als Andromeda Black einen muggelstämmigen Zauberer heiratete. Sie wurde gnadenlos von ihrer Familie ausgestoßen. Und nun frage ich Sie: können Sie irgendwo in den Briefen der Prewett-Brüder eine Anspielung darauf finden, ob Arthur Weasley genügend Geld besitzt?"
Deine Studenten fangen synchron an, in ihren Unterlagen zu blättern und du verdrehst ein bisschen amüsiert die Augen, weil deine Frage die Antwort doch sowieso vorweg genommen hat.
„Nein", erwidert Alasdair schließlich und schaut offen zu dir, „Es geht ihnen nur darum, dass er Molly glücklich macht. Auch später, als Arthur und Molly bereits fünf Kinder haben und Geld vermutlich spätestens jetzt anfängt, zu einem heiklen Thema zu werden, weil man die Familie ja irgendwie ernähren muss – selbst dann wird es nicht angesprochen." „Warum nicht?", erkundigst du dich. „Weil es keine Rolle spielt", gibt Mister MacLaine sofort zurück.
Du nickst und lächelst. „Ganz genau", sagst du, „Es ist ihnen egal. Was ist dagegen nicht so egal?" „Enkelkinder!", ruft jemand aus der letzten Reihe und deine Studenten brechen in lautes Gelächter aus. „Korrekt", grinst du jedoch, „Es wird ziemlich deutlich, dass es der Mutter von Molly, Gideon und Fabian wohl wichtig ist, dass ihre Kinder jemanden finden, den sie heiraten und mit dem sie eine Familie gründen wollen. Da der Kinderreichtum der Weasleys allerdings legendär ist, hätte sie seit Mollys Hochzeit eigentlich ganz beruhigt sein können, dass sie genügend Enkel bekommen würde."
Du wirfst einen Blick auf deine Notizen, um nachzusehen, worauf es dir bei den Briefen noch angekommen ist. Achja. „Was fällt Ihnen auf, wenn Sie sich anschauen, wie die Geschwister miteinander umgehen?", treibst du deine Studenten vorsichtig in die richtige Richtung, „Welchen Ton schlagen sie an?" Miss Roberts hebt die Hand und verkündet: „Einen recht ausgelassenen. Man merkt, wie viel sie einander bedeuten. Und sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie scherzen; sie scheuen sich nicht, sich ein bisschen über den jeweils Anderen lustig zu machen, Streiche zu spielen."
Ein kleines, gerissenes Lächeln umspielt deine Lippen. „Stellen Sie sich mal die Briefe vor, die Bellatrix, Andromeda und Narcissa Black einander geschrieben haben", verlangst du, „Oder Sirius und Regulus. Oder wie alle fünf von ihnen wohl ihren Eltern geschrieben haben. Wir haben ja bereits Briefe von Ronald Weasley an Arthur und Molly gelesen – denken Sie, dass die Black-Sprösslinge sich ähnlich ausgedrückt hätten?"
Es wird einen Moment ruhig in deinem Hörsaal, ehe das große Rascheln beginnt und ein Großteil deiner Studenten in ihren Aufzeichnungen und Notizen blättert. Dir soll es recht sein, es bedeutet schließlich nur, dass sie all ihre Blätter dabei haben und das nachschauen können, was sie nicht im Kopf haben. Miss Johnson ist zwar nicht die Erste, die sich meldet, aber du bist fest entschlossen, den wackligen Frieden mit ihr aufrechtzuhalten und so nimmst du sie dran.
„Ronald schreibt seinen Eltern ja recht offen", erklärt sie, „Man merkt, wie aufgeregt er ist, weil er Harry Potter begegnet ist – er verstellt sich nicht, er schreibt einfach so, wie er eben ist und wie er sich fühlt. Ich glaube kaum, dass eines der Black-Kinder das getan hätte. Sie scheinen ja nicht gerade ein herzliches Verhältnis zu ihren Eltern gehabt zu haben. Wir haben durch die Erinnerungen ja mitbekommen, wie Sirius' Eltern darauf reagiert haben, dass er in Gryffindor gelandet ist und somit ihre Erwartungen enttäuscht hat. Ich glaube nicht, dass sie Eltern waren, denen man sich anvertrauen wollte, wenn man Sorgen hatte, oder zu denen man kam, wenn man Hilfe brauchte. Ich glaube, sie waren streng und ich denke, sie konnten ziemlich ungemütlich werden, wenn man nicht das tat, was sie erwarteten.
Wenn Sirius und Regulus ihnen geschrieben haben, dann vermute ich eigentlich, dass sie hauptsächlich so neutral wie möglich von der Schule berichtet haben. Dass sie verzweifelt versucht haben, eine Rolle zu spielen, die dem gerecht wurde, was ihre Eltern verlangten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich die Black-Kinder untereinander solche Briefe geschrieben haben wie die Prewetts. Aber", sie zögert ein bisschen, ehe sie weiterspricht, und du kannst regelrecht ihrem Gesicht ablesen, wie hart sie mit sich kämpft, wie schwer es ihr fällt, das zu sagen, was sie gleich sagen wird, „ich kann mich genauso gut irren."
Du lächelst ein bisschen. Du weißt selbst nur zu gut und aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, über seinen Schatten zu springen, festgefahrene Meinungen zu revidieren. „Vielen Dank", wendest du dich an sie, „Sie haben Recht. Es gibt ein paar Briefe der jüngeren Black-Generation an die jeweiligen Eltern und sie wirken beim Lesen in der Tat recht steif und aufgesetzt. Was die Briefe der Fünf untereinander angeht, da muss man differenzieren. Gerade Bellatrix und Andromeda standen sich lange Zeit sehr nahe; später waren es dann Andromeda und Sirius, allerdings war das bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem beide von der Familie verstoßen waren."
Du schaust deine Studenten der Reihe nach an. „Gibt es noch Fragen zum Briefwechsel?", hakst du nach, „Falls sein, dann würde ich vorschlagen, dass wir langsam weitermachen. Schließlich haben wir leider nicht unbegrenzt Zeit. Der Zeitungsartikel ist ja relativ kurz und ich habe ihn eigentlich nur mit aufgenommen, damit für Sie klar wurde, warum die Briefe an der Stelle aufhörten und was aus Fabian und Gideon Prewett wurde. Vielleicht möchte jemand also ein paar Worte zum Artikel sagen?"
Miss Hopkins hebt die Hand und eigentlich hältst du es für Verschwendung, sie diese paar Zeilen analysieren zu lassen, wenn sie genauso gut eines der Interviews übernehmen würde, aber sie schenkt dir diesen Blick und so nickst du ihr zu. „Bitte", sagst du und lehnst dich zurück, bereit ihr zu lauschen und gespannt auf ihre Ausführungen.
Du weißt mittlerweile, dass sie eigentlich immer erst ihre Brille zurechtrückt oder sich die Haare aus dem Gesicht streicht, bevor sie beginnt zu reden und sie enttäuscht dich auch heute nicht: der Zopf wird über die Schulter auf den Rücken gestrichen, während sie mit der anderen Hand ihre Notizen glättet. „Es ist auffallend, wie wenige Informationen im Artikel enthalten sind", beginnt sie, „Allerdings bin ich mir nicht sicher, weshalb das so ist. Ich könnte mir verschiedene Gründe vorstellen:
Vielleicht ist in der Tat nichts Näheres bekannt gewesen. Vielleicht war einfach nur klar, dass es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu einem Übergriff kam, in Folge dessen zwei Widerstandskämpfer ums Leben kamen. Vielleicht wollte der Tagesprophet aber auch keine genaueren Angaben machen. Die Namen der Opfer, nämlich Fabian und Gideon Prewett, werden nicht genannt – weil man sie nicht kennt, oder um die Familie zu schützen? Aus Pietätsgründen? Es wird auch nur geschrieben, dass es sich um Widerstandskämpfer handelt – der Orden des Phönix wird mit keinem Wort erwähnt. Agiert er im Geheimen? Soll die Öffentlichkeit nichts davon wissen? Oder will der Orden absichtlich nicht genannt werden, um besser arbeiten zu können? Und natürlich: wer hat den Artikel verfasst? Ist derjenige möglicherweise voreingenommen? Oder befindet sich sowieso der gesamte Tagesprophet in den Händen von Todessern?"
Sie macht eine kurze Pause, um Luft zu holen, und du verkneifst dir ein leises Lachen. Du hast es ja geahnt: sie kann auch aus wenigen Zeilen genug herausholen, um eine Diskussion anzufachen.
„Leider präsentiert uns der Artikel keinerlei Antworten", fährt sie fort, „Wir wissen, kurz gesagt, gar nichts. Wir haben keine Ahnung, was genau passiert ist, was für eine Versammlung das war, welche Todesser und welche Widerstandskämpfer involviert waren. Interessant ist jedoch, dass der Artikel eindeutig darauf hinweist, dass Gideon und Fabian gestorben sind, als sie ihren Kollegen zur Flucht verhalfen – das zieht wiederum verschiedene Möglichkeiten nach sich. Entweder hat der Verfasser des Artikels eine geheime Quelle, die entweder aus den Reihen der Todesser oder aus dem Orden des Phönix stammt. Oder der Verfasser gehört selbst einer der beiden Gruppen an."
Du kannst nicht anders, als halblaut „Beeindruckend" zu sagen, als Miss Hopkins ihren Vortrag beendet. „Danke", nickst du ihr zu, „Sie haben uns soeben vorgeführt, wie man auch mit wenigen Zeilen arbeiten kann. Leider muss ich Sie ein wenig enttäuschen: auf die meisten Ihrer Fragen kann ich Ihnen keine Antwort erteilen. Wer den Artikel verfasst hat, ist unbekannt und daher kann auch nicht herausgefunden werden, woher die Informationen bezogen wurden. Und der Tagesprophet hat wirklich eine Rolle eingenommen, die im Nachhinein höchst ambivalent aufgefasst wurde: manche Artikel schienen die Öffentlichkeit von der höchst realen Gefahr überzeugen zu wollen, während andere wiederum alles herunterspielten, um Panik zu vermeiden."
Du legst deine Kopie des Originalzeitungsartikels beiseite und greifst nach den drei nächsten Blättern, den Interviews. Du wedelst mit den Pergamenten und erkundigst dich: „Wer möchte? Ich stelle Ihnen auch selbstverständlich frei, welches Interview Sie sich heraussuchen."
Miss Carter schüttelt sich die kupferfarbenen Haare aus dem Gesicht und hebt die flache Hand. „Das erste", verkündet sie, als du sie aufrufst, und lächelt schief, „Wenn wir bisher die Reihenfolge so schön eingehalten haben, will ich das jetzt nicht ändern." Du nickst nur, dir ist es wirklich egal, und legst die beiden anderen Interviews vorerst wieder beiseite, um dich besser konzentrieren zu können. „Gerne", meinst du, „Dann teilen Sie mal Ihre Gedanken mit uns."
„Es ist von Anfang an offensichtlich, mit wem das Interview geführt wurde", beginnt sie, „Der Kontext der gesamten Sitzung ist ja die Familie Weasley und als der Interviewte dann von seiner Frau und den Kindern spricht, ist eigentlich klar, dass es sich dabei um Arthur Weasley handelt. Wir erfahren, wie schwer es für ihn und seine gesamte Familie war, ein Familienmitglied zu verlieren. Er spricht darüber, wie lange es gedauert hat, bis soetwas wie Normalität in ihr Leben zurückgekehrt ist, aber er stellt auch klar, dass er dennoch häufig an seinen verstorbenen Sohn denkt, was auch ganz natürlich ist.
Ich denke, dass es ziemlich viel über Mister Weasley verrät, wenn man sich vor Augen hält, dass er keine Angst davor hatte, selbst zu sterben, sondern nur Bedenken, dass seiner Familie etwas zustößen könnte. Wenn wir hier wieder an die Blacks zurückdenken und daran, wie Orion und besonders Walburga reagiert haben, als sie erfahren haben, dass Sirius nach Gryffindor gekommen ist, dann kann ich mir eigentlich kaum vorstellen, dass einer der beiden derart über ihre Söhne gesprochen hätte.
Mister Weasley erzählt auch, dass er selbst einen Bruder verloren hat. Ich schätze, das ist während des Ersten Dunklen Krieges passiert." Ihre Stimme ist ein wenig fragend und geht zum Ende des Satzes hin in die Höhe. Sie sieht dich an und du nickst. „Ja", versicherst du ihr, „Allerdings wurden die genauen Umstände seines Todes nie geklärt. Es ist also nicht sicher, ob die Tatsache, dass gerade Krieg herrschte, zu seinem Tod beitrug oder nicht."
„Jedenfalls ist dadurch klar, dass Mister Weasley weiß, was es heißt, mit Verlust umgehen zu müssen. Dank der Briefe wissen wir ja auch, dass er direkt miterlebt hat, wie erst der Onkel, dann die Mutter und schließlich die beiden Brüder seiner Frau verstorben sind. Dass es nun einen seiner Söhne erwischt hat, liest sich wie der traurige Höhepunkt einer grausigen Geschichte", fährt sie leise fort, ihre Stimme ist rau und dunkel und sehr eindringlich, ehe sie wieder an Optimismus gewinnt. „Allerdings macht Mister Weasley auch deutlich, dass er zu schätzen weiß, wie es sich entwickelt hat:
Der Rest seiner Familie ist noch am Leben, sie haben einander und gemeinsam haben sie es geschafft, wieder ein Leben aufzubauen. Er hat Enkelkinder und sie leben endlich in einer friedlichen Welt, in der man sich nicht mehr dafür rechtfertigen muss, muggelgeboren zu sein oder, wie Mister Weasley, eine Faszination für alles zu haben, was auch nur im Entferntesten mit der Muggelwelt zu tun hat. Ich finde, man merkt ihm an, dass er durchaus weiß, dass die heutige Situation eine ist, die man nicht einfach als gegeben hinnehmen kann, sondern für die gekämpft wurde.
Er scheint den Spagat zu schaffen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Obwohl er betont, dass er ständig an Fred denkt, dass er sich vorstellt, was für ein Leben sein Sohn wohl gehabt hätte, dass er immer sein Vater bleiben wird – trotz all dieser Details kommt mir Mister Weasley nicht wie jemand vor, der sich in der Vergangenheit verkriecht. Er lebt in der Gegenwart, doch es gelingt ihm, die Vergangenheit stets im Hinterkopf zu behalten. Und man merkt ihm an, wie viel ihm seine Familie bedeutet, wie schwer es ihn getroffen haben muss, einen Sohn zu verlieren.
Wenn man sich überlegt, wie viel Arbeit der Orden des Phönix geleistet hat und dass Arthur Weasley einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen hat, ist es beinahe rührend, wie bescheiden er über seine Motive spricht, warum er damals Mitglied wurde: weil es ihm als eine gute Sache erschien. Vermutlich das Understatement des Jahres. Schließlich ist Arthur Weasley für seine Muggelfreundlichkeit bekannt.
Er steht ja auch ganz gelassen und offen selbst dazu, indem er zugibt, dass ihm der familiäre Hintergrund völlig gleichgültig ist. Und ich glaube ihm jedes Wort. Es wird ja später in Ginnys Interview nochmal aufgegriffen, was für eine Hetzjagd die Presse veranstaltet hat, von wegen, sie würde Harry Potter nur aufgrund seines Status' heiraten. Wenn man sich die Familie Weasley jedoch anschaut, muss einem eigentlich klar werden, was für ein ausgemachter Blödsinn das ist. Mister Weasley hat das ganz richtig erkannt: Stammbäume sagen nichts über unseren Charakter aus. Schließlich mag man Menschen doch um ihrer selbstwissen, nicht wegen ihres Reichtums oder ihrer Reinblütigkeit.
Und dann natürlich der Schluss", sie lächelt ein bisschen, beinahe so, als könne sie Arthur Weasley vollkommen verstehen in seiner Faszination für Muggelartefakte, oder so, wie man einen gütigen Großvater anschaut, denkst du amüsiert, „Ich fand das sehr offen und ehrlich, wie er darüber spricht, dass er von Muggelmaschinerei begeistert ist. Es macht ihn sehr sympathisch, finde ich. Ein bisschen schrullig vielleicht, aber sympathisch."
Nun musst du tatsächlich laut lachen. Du hättest es selbst kaum besser ausdrücken können. Solche und ähnliche Gedanken schweben dir eigentlich immer durch den Kopf, wenn du Arthur Weasley begegnest. „Danke", gluckst du, als Miss Carter ihre Analyse abschließt, „Meinungen dazu von Ihren Kommilitonen? Oder Fragen? Trauen Sie sich ruhig." Du wartest ab und siehst dich im Hörsaal um, doch du rechnest eigentlich nicht wirklich mit erhobenen Händen. Miss Carter hat so ziemlich alle Punkte abgearbeitet, die auf deiner Liste standen. Du zuckst die Achseln und sagst gutgelaunt: „Wunderbar, dann weiter im Text. Gibt es Freiwillige für eines der beiden Interviews, die noch übrig sind?"
Miss O'Connor meldet sich vorsichtig und du nimmst sie sofort dran, ehe sie es sich doch noch anders überlegt. „Anlage Nummer Vier ist ein Interview mit Ginny Potter, geborene Weasley", erklärt sie mit etwas leiser Stimme, „Sie ist das jüngste Kind von Molly und Arthur Weasley und wohlgemerkt das einzige Mädchen. Sie ist also mit sechs älteren Brüdern aufgewachsen, was sicherlich dazu beigetragen hat, ihren Charakter schon recht früh zu stärken und dafür zu sorgen, dass sie sich durchsetzen kann und für gewöhnlich ein recht dickes Fell hat.
Sie hat 2003 Harry Potter geheiratet, nachdem sich die Beiden zum ersten Mal an Harrys erstem Schultag begegnet waren, wenn auch nur für wenige Minuten. Als Ginny ein Jahr später ebenfalls nach Hogwarts kam, rettete Harry ihr gegen Ende des Schuljahres das Leben, als sie in der Kammer des Schreckens war. Es ist bekannt, dass Ginny schon früh für ihn schwärmte. Allerdings entwickelte sich eine ernstere Beziehung zwischen den Beiden erst in Harrys sechstem Schuljahr – wenn auch nur, um kurz darauf wieder auf Eis gelegt zu werden, da Harry gemeinsam mit Ron und Hermione nicht in die Schule zurückkehrte, sondern sich auf die Suche nach den Horkruxen machte. Nach der Schlacht von Hogwarts näherten sich Harry und Ginny dann wieder aneinander an, um schließlich zu heiraten", gibt euch Miss O'Connor einen kurzen Überblick über die gesamte Ginny-und-Harry-Geschichte.
Du findest es gut, weil du dir fast sicher bist, dass ein paar der Studenten hier im Raum nur die Tagesprophet-Version kennen (kleines Mädchen verliebt sich in Retter der Zaubererwelt; und später: Berechnende Miss Weasley krallt sich begehrtesten Junggesellen der Zaubergesellschaft – war ein Liebestrank im Spiel?), aber für dich ist es natürlich amüsant, schließlich warst du sozusagen hautnah dabei. Du kennst die Geschichte auswendig.
„Nach dem Krieg wurde Ginny Weasley vom Quidditchverein Holyhead Harpies unter Vertrag genommen und spielte etliche Jahre in der Liga, ehe sie sich dann dazu entschied, den Besen an den Nagel zu hängen und nebenbei als Quidditchkorrespondentin zu arbeiten, wie es ja auch im Interview erwähnt wird", fährt Miss O'Connor fort und ihre Stimme wird langsam etwas fester, lauter, sicherer, „Dass sie drei Kinder hat, ist wohl nicht überraschend, nachdem sie selbst mit sechs Geschwistern aufgewachsen ist. Sie sagt ja selbst, dass sie es nicht anders gewöhnt ist und sich daher wohl auch kaum etwas Anderes vorstellen kann.
Man merkt ihr richtig an, wie sehr sie es genossen hat, in einer chaotischen Großfamilie aufzuwachsen. Das hat sich offenbar auch nicht geändert, schließlich berichtet sie davon, dass sie sehr an ihren Nichten und Neffen hängt und sie sich auch häufig gegenseitig besuchen oder etwas gemeinsam unternehmen. Sie scheint wirklich durch und durch ein Familienmensch zu sein. Vermutlich ist es auch gerade deshalb so schrecklich für sie gewesen, ihren Bruder zu verlieren. Sie erzählt von ihren Kindheitserinnerungen, davon, wie Fred und George ihnen Streiche gespielt haben, aber es hört sich sehr ... glücklich an. Ich glaube, dass ihr ausgesprochen viel an ihren Brüdern liegt.
Sie ist sich allerdings gleichzeitig auch darüber bewusst, wie gut es ihr geht in ihrem Leben. Sie hat eine große Familie, die sie liebt, und sie ist mit dem Mann verheiratet, den sie vermutlich schon immer toll fand, wenn man den Gerüchten Glauben schenken mag. Dass das Neider auf den Plan ruft, ist leider verständlich. Trotzdem tat sie mir Leid, als sie davon berichtet hat, wie zu Beginn ihrer Ehe regelrechte Hetzjagden auf sie veranstaltet wurden.
Sie spricht ja davon, dass es ihr bekannt vorkam, als sie gehört hat, dass Gideon und Fabian ihren Vater Arthur etwas ins Kreuzverhör genommen haben, als er mit Molly ausgehen wollte. Daraus schließe ich, dass ihre Brüder das Gleiche mit ihren Freunden getan haben. Vielleicht nicht unbedingt mit Harry, aber es ist ja bekannt, dass Ginny auch vorher bereits Beziehungen hatte. Das zeigt meiner Ansicht nach den Beschützerinstinkt ihrer Brüder, die nur sichergehen wollen, dass es ihrer kleinen Schwester gut geht, und die sie auf ewig als kleine Schwester betrachten werden, auf die man Acht geben muss.
Und gleichzeitig stellt sie klar, was auch Harry Potter so häufig gesagt hat: ihre Familie hat Harry aufgenommen, schon vor Jahren, als er nur ein kleiner Junge war, der keine Eltern mehr hatte. Ginny klingt glücklich und zufrieden, wie jemand, der mit sich selbst im Reinen ist, trotz all der furchtbaren Ereignisse, die sie durchstehen musste."
Beinahe ein bisschen erschöpft schnappt Rosaleen nach Luft, als sie fertig ist, und schenkt dir ein kleines Lächeln. „Danke, Miss O'Connor", erwiderst du ihre Geste, „Schön, dass Sie offenbar auch ein wenig Recherche betrieben haben, was Ginny Weasley angeht. Sie wurde tatsächlich gerade in den ersten Jahren, in denen ihre Beziehung zu Harry Potter publik wurde, von der Klatschpresse gerne als eine Art Mitgiftjägerin beschrieben, obwohl eigentlich allzu klar und deutlich war, dass das mit Sicherheit nicht der Fall war. Sie hat in ihrem Leben schon einiges mitgemacht, aber sie ist eines dieser Beispiele, die zeigen, dass man gestärkt aus einer schrecklichen Situation herauskommen kann."
Du wirfst einen vergewissernden Blick auf deine Armbanduhr und sagst „Ich würde gerne direkt mit dem letzten Interview weitermachen, damit wir noch ein wenig Zeit für eine Diskussion haben, oder für Vergleiche zwischen den einzelnen Familien. Ich bitte also um einen Freiwilligen, für die letzte Anlage."
Zu deiner Freude hebt Mister Grey die Hand. Du weißt, dass es unfair ist, einen derartigen Erwartungsdruck auf ihn auszuüben, aber du versprichst dir eben nunmal wirklich viel von den Wortbeiträgen von jemandem, der bereits zwei Jahre lang studiert hat. Er sollte wissen, wovon er redet. Er sollte wissen, wie man verschiedene Texte analysiert und wie man die Ergebnisse präsentiert. (Nicht, dass Charlie Weasleys Interview so eine große Herausforderung darstellen würde, es ist ziemlich direkt und geradeheraus, findest du.)
Er lehnt sich gelassen zurück und erklärt: „Ich habe mal geschaut, was sich so über Charlie Weasley herausfinden lässt." (Du musst grinsen, weil er sich nicht einmal die Mühe macht, seinen Kommilitonen zu erklären, dass das letzte Interview übrigens mit Charlie Weasley geführt wurde, sollten sie es nicht wissen.) „Er ist der zweitälteste Sohn von Molly und Arthur Weasley, geboren im Dezember 1972 im Sankt Mungo's Hospital. Er gilt als einer der herausragendesten Quidditchspieler seiner Generation und war während seiner Schulzeit Sucher der Gryffindor-Mannschaft sowie später Teamkapitän. Er hatte nach seinem Schulabschluss ein Angebot, für die englische Nationalmannschaft zu spielen, hat es jedoch ausgeschlagen, um sich seiner Berufsausbildung zu widmen, worauf auch die erste Frage in seinem Interview anspielt.
Er zog nach Rumänien, um dort in einem Reservat die Arbeit mit Drachen zu erlernen und die Tiere zu studieren. Wie er selbst sagt, ist das auf sein starkes Interesse an Drachen zurückzuführen. Er beschreibt es als den Traum eines kleines Jungen, der schließlich Wirklichkeit wurde, auch wenn er dafür wohl einen anderen Traum, nämlich den der professionellen Quidditchkarriere, nicht realisieren konnte.
Er wirkt wie jemand, der genau weiß, welchen Plan er verfolgen möchte. Er sagt selbst, dass ihn seine Eltern durch nichts davon hätten abbringen können, seinen Plan durchzuziehen. Er war 17, volljährig und fest entschlossen, mit einer der gefährlichsten Tierarten der Welt zusammenzuarbeiten. Dass die Ausbildung hart und anstrengend war, bezweifelt wohl niemand, und es zeigt nur noch einmal umso deutlicher, dass Charlie Weasley vermutlich sehr willensstark ist.
Er scheint mir außerdem höchst selbstständig zu sein. Wie viele Siebzehnjährige gibt es denn, die Heim und Familie verlassen, um nach Rumänien zu ziehen, sobald sie ihren Hogwartsabschluss in der Tasche haben? Dazu kommt noch, dass er ja, wie er selbst zugibt, die Sprache nicht konnte, was das Ganze vermutlich noch einmal schwieriger gestaltet hat. Und dennoch ist es ihm schwergefallen, seine Familie vollständig zurückzulassen. Allerdings hat er das Ganze durchgezogen – er ist also entweder sehr trotzig oder aber er legt Wert darauf, zu seinen eigenen Entscheidungen zu stehen. Ich persönlich tippe jedoch auf die zweite Variante.
Natürlich fällt es bei einer so kinderreichen Familie wie den Weasleys auf, wenn einer dabei ist, der nicht verheiratet ist und bisher auch keine Kinder hat. Charlie macht aber als Onkel einen recht glücklichen Eindruck. Vermutlich wüsste er auch gar nicht, wie er zwischen diversen Drachen noch ein eigenes Familienleben organisieren sollte. Und was das Ende angeht – das spiegelt sehr schön das wider, was in den Briefen ebenfalls angesprochen wurde, nämlich Mollys Mutter, die sich danach erkundigt, ob ihre beiden Söhne ihr wohl auch noch Enkelkinder schenken werden."
Er verstummt und ein Blick auf deine Uhr verrät dir, dass dein Zeitplan aufgeht: ihr habt tatsächlich noch ein bisschen Zeit für Diskussionen und Fragen. „Gut, danke", wendest du dich kurz an Mister Grey, „Damit hätten wir das gesamte Material der heutigen Vorlesung besprochen. Sie haben gleich Gelegenheit, Fragen zu stellen oder miteinander ins Gespräch zu kommen, aber vorerst habe ich eine Frage an Sie: Was glauben Sie, warum ich dieses Material ausgesucht habe? Was denken Sie, warum ich die Familie Weasley herausgegriffen habe? Was verspreche ich mir davon?"
Du grinst ein bisschen, weil du auf den Gesichtern mancher Studenten einen Ausdruck purer Panik ablesen kannst, weil deine Fragen eben nicht mehr ganz dem Schema entsprochen haben, das du sonst angewandt hast. Du hast Neuland beschritten und sie wissen noch nicht, ob dieses Neuland verborgene Gefahren hat oder nicht.
Mister MacLaine reckt schließlich kurzentschlossen die Hand in die Höhe und als auch nach einigen Sekunden sonst niemand Anstalten macht, sich zu melden, rufst du ihn auf. „Ich glaube, Sie haben die Familie Weasley ausgewählt, weil sie ähnlich wie die Malfoys einen bestimmten Prototypen darstellen. Denkt man an Gryffindors und Muggelfreunde, böse ausgedrückt, dann denkt man an die Weasleys. Ich glaube auch, dass man sich gerne etwas gönnerhaft über sie geäußert hat. Da waren Molly und Arthur mit ihrer vielköpfigen Kinderschar, aber ohne jeglichen Sickel. Man fühlte sich über sie erhoben. Man tat sie ab als ein lebendes Klischee. Dabei haben sie so viele Schichten und Facetten – es ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Sie haben auch Elend erlebt, sie haben auch damit kämpfen müssen, dass sich ein Sohn, Percy, von der Familie abgewandt und sie, wenn auch nur zeitweise, verraten hat. Sie haben ... Werte, über die Andere sich lustig machen, wie Liebe oder Zusammenhalt, doch ihre Werte funktionieren. Sie haben es verdient, ernst genommen zu werden.
Ich glaube, Sie haben genau deswegen auch persönliche Briefe ausgewählt, weil Sie sicher sein konnten, dass Molly, Fabian und Gideon in Briefen zueinander immer ehrlich sein würden. Sie würden nicht versuchen, die beste Version von sich selbst zu präsentieren, sondern sie wären tatsächlich sie selbst, weil sie sich in- und auswendig kannten, weil sie sich vertrauten. Auch wenn die Interviews erstaunlich offen sind, können sie dennoch nicht mit privaten Briefen mithalten.
Was Sie sich davon versprechen ... dass wir aufhören, in Schubladen zu denken, schätze ich. Dass wir mal über den Tellerrand hinausschauen. Man kann nicht einfach sagen: die Blacks sind arrogant, die Malfoys böse und die Weasleys arm, aber muggelvernarrt. Es gibt kein Schwarz und Weiß, es gibt nur Graustufen; keine Stereotypen, sondern nur Menschen. Und das gilt für beide Seiten, sowohl für die guten als auch für die bösen. Nur, weil jemand gegen Todesser gekämpft hat, muss er keinem Klischee entsprechen. Und umgedreht genausowenig."
„Ganz genau", entgegnest du leise, als er langsam verstummt, „Sie haben gerade Percy Weasley angesprochen – falls Sie mit dem Namen nichts weiter verbinden als einen weiteren Sohn von Molly und Arthur, dann betreiben Sie bitte ein wenig Recherche, meine Damen und Herren. Percy Weasley wird uns im Januar noch einmal beschäftigen. Ansonsten hat Mister MacLaine Recht: halten Sie sich immer wieder vor Augen, dass Klischees etwas sind, was wir erfunden haben, nichts, was wirklich existiert. Nun allerdings – gibt es ihrerseits Fragen? Sei es zur heutigen Veranstaltung, sei es zu den vergangenen. Oder besteht zu einem Thema Diskussionsbedarf?"
Die gefürchtete Frage kommt heute ausnahmsweise nicht von Miss Hopkins, sondern von Miss Carter und sie erwischt dich eiskalt. „Wurden die Interviews wieder allesamt von Professor Finnigan geführt?", erkundigt sie sich, „Es ist immerhin interessant, zu wissen, wer der Interviewpartner war, damit man Rückschlüsse auf die Interaktion zwischen den beiden Personen ziehen kann." Natürlich ist etwas dran an ihrer Argumentation. Sie kann nichts dafür, dass du es hasst, derartige Fragen zu bekommen, weil du sie so ungerne beantwortest.
„Großteils, ja", rettest du dich aus der Affäre und schaust wieder in die Runde, „Weitere Anmerkungen?" Schnell, denkst du, schnell weiter, bevor sie nachhakt, bevor sie misstrauisch wird, bevor sie fragt, was bei Merlin du damit denn bitte meinst (du könntest es ihr ja selbst nicht erklären – Großteils, ja – was für eine Antwort ist das denn auch?). Die Hände aller bleiben jedoch unten und du packst deinen Stapel Notizen zusammen.
„In Ordnung", sagst du, „Dann schlage ich vor, wir beenden die Vorlesung an dieser Stelle, unsere Zeit ist sowieso jeden Augenblick vorbei. Vielen Dank für Ihre heutige Mitarbeit, auch wenn ich mir wünschen würde, dass sich noch mehr von Ihnen zu Wort melden. Ich beiße nicht und Sie dürfen gerne Fehler machen – wie sonst sollen Sie denn etwas lernen? Außerdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob es in unserem Fach so etwas wie Fehler überhaupt gibt."
Du lächelst in die Runde, um diejenigen etwas zu motivieren, die sich bisher noch immer im Hintergrund halten. Du machst dir gerne ein Bild von jedem deiner Studenten, und zwar vor den Klausuren, damit du mit den Namen ein Gesicht verbinden kannst (und zwar möglichst auch das richtige).
„In der nächsten Woche werden wir den Themenkomplex Familienbilder abschließen", verkündest du, „Wir werden uns mit einzelnen Personen beschäftigen, deren Eltern Muggel sind, also mit sogenannten Muggelgeborenen, aber auch mit Personen, die 'halb und halb' sind. Ich schicke Ihnen das Material selbstverständlich wieder zu. Darüber hinaus möchte ich Sie bitten, sich Ihre Unterlagen zu heute und den beiden vorangegangenen Sitzungen noch einmal anzuschauen, da ich gerne eine kleine Abschlussdiskussion führen würde, damit Sie langsam ein wenig Übung darin bekommen, fachlich zu diskutieren und Aspekte veschiedener Sitzungen miteinander zu kombinieren.
Außerdem", du grinst ein bisschen, weil du dich beinahe diebisch darüber freust, die Neugier deiner Studenten anzuheizen, „hält die nächste Sitzung eine besondere Überraschung für Sie bereit. Ich rate Ihnen daher wirklich, sich ausgezeichnet vorzubereiten. Glauben Sie mir: Sie werden es nicht bereuen."
Du hast gerade fertig gesprochen, als es klingelt und offiziell das Ende eurer Vorlesung einläutet. Du nickst in die Runde und wünschst deinen Studenten „Haben Sie eine schöne Woche. Bis nächsten Mittwoch!", ehe auch du von deinem Pult gleitest, deine Sachen zusammenpackst und in Richtung deines Büros stapfst. Es gibt viel zu tun, wenn du willst, dass die Vorlesung nächste Woche perfekt wird. Und du willst, dass sie perfekt wird.
tbc.
Anmerkung: Na, seid ihr auch gespannt, was es in der nächsten Vorlesung geben wird? Immerhin wisst ihr mehr als die Studenten ... Da gibt es schließlich die mysteriöse morgendliche Post ...
