Anmerkung der Autorin: Es tut mir wahnsinnig Leid, dass ich euch schon wieder so lange habe warten lassen. Erst verschwand mein Laptop zwei Wochen in der Reparatur, dann folgte die Hitzewelle (mein Laptop ist schon ein wenig, mh, älter und hat gewisse Eigenheiten entwickelt. Man tippt sich die Finger heiß.) und dann folgte meine kleine Zahn-OP. Mit dicker Wange kann ich eh nicht viel tun, also hatte ich Zeit zum Schreiben und kann euch nun das neue Kapitel präsentieren. Ich danke sehr herzlich für all die lieben Reviews (Antworten am Kapitelende), wünsche euch viel Spaß beim Lesen und bin höchst gespannt auf eure Reaktionen.
Achte Vorlesung
Entweder bestreikt dich dein Wecker und klingelt gar nicht mehr oder aber (leider, wie du vor dir selbst zugeben musst, die wahrscheinlichere Variante) du hast vergessen, ihn zu stellen. Jedenfalls blinkt dir ein fröhliches 8:00 entgegen, als du die Augen öffnest, und bringt dich dazu, dich erschrocken in deinem Bett aufzusetzen und dich entsetzt in den Arm zu kneifen. Die Uhrzeit bleibt die gleiche. Der pochende Schmerz in deinem Unterarm leider auch.
Du fluchst ein bisschen vor dich hin, verhedderst dich beim raschen Aufstehen natürlich prompt in deiner Decke und schlitterst in Richtung Badezimmer. Du kannst es nicht leiden, wenn du verschläfst und morgens alles schnell gehen muss, wo du dir doch eigentlich immer gerne Zeit nimmst, um den Tag zu beginnen. Stattdessen ist heute nur Katzenwäsche möglich und du schwenkst hektisch den Zauberstab, um deine Haare etwas in Form zu bringen. Du kletterst in die Kleidung, die du, offenbar in weiser Voraussicht, am Vorabend schon bereit gelegt hattest, schlüpfst in deine Schuhe und wirfst dir Umhang und Schal über.
Im Flur steht deine gepackte Tasche und wartet auf dich wie ein treuer Begleiter. Du verwünschst deine eigene Unorganisiertheit (wie kann man denn bitte vergessen, den Wecker zu stellen, wenn eine derart wichtige Vorlesung ansteht, fragst du dich verschwommen, findest jedoch keine Antwort), klimperst mit dem Schlüsselbund und fällst dann, nachdem du die Tür hinter dir zugezogen hast, beinahe die Treppe herunter.
Besser kann ein Tag kaum beginnen.
(Nein, du bist nicht abergläubisch. Wirklich nicht. Schwarze Katzen findest du eigentlich ziemlich toll und mal ehrlich, welcher Zauberer ist denn bitte abergläubisch? Und trotzdem bist du nicht gerade begeistert darüber, dass du ausgerechnet an diesem Morgen vor dieser Vorlesung verschlafen hast. Beinahe hättest du ja deine Gäste versetzt. Wirklich hervorragende Planung. Ganz ausgezeichnet. Und gewöhn dir endlich den Zynismus ab.)
Mit dem dicken Schal um Hals, Mund und Nase und den kalten Fingern in Handschuhen hetzt du durch die Straßen und hältst den Kopf gesenkt, damit dir der frostige Wind nicht in die Wangen schneidet. Der Dezember ist angebrochen und es scheint, als wolle der Winter mit aller Macht demonstrieren, dass er hier der Herr ist. Die Bäume haben ihr letztes Laub verloren und ragen als dunkle Schemen in den hellblau werdenden Himmel. Wenn du nicht so verdammt spät dran wärst, würdest du sogar die Zeit finden, die Schönheit des klaren Morgens zu bewundern. Aber nicht jetzt.
Du eilst in die Universität, läufst die Gänge entlang und bist heilfroh, als dir ein Blick auf die große Uhr neben Hörsaal Zwei verrät, dass es kurz vor halb neun ist und du somit noch rechtzeitig zu deinem Termin erscheinen wirst. Ursprünglich hattest du ja vorgehabt, in der Mensa schon Frühstück und Kaffee zu organisieren, damit alles bereit steht, wenn die Zeiger auf 8:30 Uhr rücken, aber wie es aussieht, wird dein schöner Plan genau das bleiben.
Als du die Mensa betrittst, sind deine Gäste jedenfalls schon anwesend. Sie haben einen Tisch hinten in der Ecke okkupiert, dort, wo nicht jeder gleich hinsieht (was dir nur recht ist. Du willst keinen Massenauflauf provozieren, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sowieso gering ist, dass morgens viele Studenten in die Mensa kommen.). Vier Personen sitzen dort und drei von ihnen unterhalten sich leise. Die vierte schüttet schweigend Kaffee in sich hinein.
Du nickst Sidonie an der Kasse kurz zu und gehst dann auf den Tisch zu. „Morgen!", grüßt du in die Runde, „Tut mir Leid, dass ich so spät bin. Ich hatte, äh, einige Schwierigkeiten mit meinem Wecker." Sie grinsen dir entgegen und versichern dir, dass das doch nichts macht und dass sie noch gar nicht lange warten würden. Zumindest Hermione nimmst du diese nette, kleine Lüge sowieso nicht ab. So, wie du sie kennst, war sie bestimmt mehr als nur pünktlich. „Schwierigkeiten?", sagt Millicent und leert ihren Kaffee, „Was denn für Schwierigkeiten? Hattet ihr eine Meinungsverschiedenheit?" „So ungefähr", murmelst du und fragst dann, wer alles frühstücken möchte.
Ihr zieht schließlich zu viert los (Millicent verlangt nur nach mehr Kaffee und du hast versprochen, welchen zu besorgen) und ladet euch die Teller voll mit so ziemlich allem, was die Mensa zu bieten hat. Du lässt es dir, wenn auch unter Protest („Das geht wirklich nicht!" und „Also nein, das lasse ich nicht zu!" und „Als emanzipierte Frau-"), nicht nehmen, für alle zu bezahlen und bewunderst dabei noch stumm Sidonies Haarpracht, die sich von flauschigem Moosgrün zu nachtschwarz verändert hat.
„Danke", macht Millicent, als du ihr den Kaffee hinstellst, und greift sofort nach der Tasse, um einen Schluck zu nehmen. „Spätschicht?", erkundigst du dich und sie nickt, versteckt ihr Gähnen hinter der Hand und erzählt, dass sie kurzfristig mit einer Kollegin hatte tauschen müssen. Du bekommst ein schlechtes Gewissen, denn es ist immerhin deine Schuld, dass sie nun in der Uni sitzt statt im Bett zu liegen, aber gleichzeitig bist du heilfroh, weil du Millicent wirklich brauchst in dieser Vorlesung. Halbblütige Slytherins, die auch noch bereit sind, vor Publikum über ihre Erfahrungen zu reden, finden sich leider nicht wie Sand am Meer.
„Schön, dass ihr alle da seid", sagst du in die Runde, aber sie winken nur ab. Du warst noch nie sonderlich gut darin, dich bei jemandem zu bedanken, also sitzt du nun mit schiefem Grinsen da und spießt mit der Gabel eine Tomatenscheibe auf. „Kein Problem", antwortet Terry, „Jederzeit. Immerhin ist das Thema heute noch genauso aktuell wie vor zwanzig Jahren. Und hoffentlich finden es deine Studenten ganz interessant, mal mit jemandem darüber reden zu können, der direkt betroffen ist."
Du nickst ihm zu. „Das erhoffe ich mir jedenfalls, ja", stimmst du zu, „Ich dachte, mit einigen Gästen in den Vorlesungen ist gleich eine ganz andere Atmosphäre. Ich weiß noch, wie unsere Dozenten uns damals zu Gesprächen mit Zeitzeugen geschleppt haben. Da saß man dann und hörte jemandem zu, der im Krieg gegen Grindelwald gekämpft hatte und plötzlich wird dir erst bewusst, was damals alles passiert ist und wie schrecklich es war. Es ist ein Unterschied, ob du ein paar gedruckte Buchstaben liest oder ob du jemandem zuhörst, der leise berichtet, wie er zusehen musste, als sein bester Freund gefoltert wurde."
Millicent verzieht das Gesicht. „Bitte", sie verdreht die Augen, „Keine Gruselgeschichten so früh am Morgen. Ich hab' die halbe Nacht mit Heilen verbracht und die andere Hälfte damit, aufgescheuchte Familienmitglieder zu beruhigen. Hast du nicht was Nettes in deinem Repertoire?" Hannah lacht und Hermione grinst amüsiert, auch wenn sie versucht, es hinter ihrem Toast zu verstecken. Du zuckst die Achseln und nippst an deinem eigenen Kaffee.
„Wie läuft das denn so ab?", erkundigt sich Hannah dann neugierig bei dir, „Sollen wir gleich mit dir in den Hörsaal kommen und dann können sie uns Fragen stellen oder wie hattest du es geplant?" Hermione und Terry sehen ebenfalls interessiert zu dir rüber und sogar Millicent löst ihren Blick von ihrer Tasse. „Naja", meinst du, „Ich gehe rein, begrüße die Studenten, dann hole ich euch dazu. Sie mussten ja als Vorbereitung schon einige Artikel und Interviews lesen; das sollte eigentlich als Grundlage dafür dienen, mit euch über eure eigenen Erfahrungen zu reden."
Hermione nickt und kaut gedankenverloren ihren Toast. Du denkst, dass man ihr wirklich nicht ansieht, dass sie zwei kleine Kinder zu Hause hat und nebenbei noch ihren Posten im Zaubereiministerium. Hannahs nächste Frage reißt dich jedoch aus deinen Überlegungen. „Denkst du denn, sie werden uns vieles fragen, was ... naja ... persönlich ist?", erkundigt sie sich ein wenig unsicher und du versuchst, ihr die Skepsis so gut wie möglich zu nehmen. „Keine Sorge", versicherst du ihr, „Du musst selbstverständlich nichts beantworten, was du nicht möchtest. Und wenn sie über die Stränge schlagen, werde ich schon dafür sorgen, dass sie sich wieder zurücknehmen. Aber ich schätze, dass ihr durchaus damit rechnen müsst, dass sie euch nach eurer privaten Vergangenheit fragen, vor allem, was eure Kindheit und eure Eltern anbelangt."
Hannah murmelt „Okay", wird jedoch ein bisschen blass um die sommerbesprosste Nase. Es gibt Wunden, die nur schlecht verheilen, denkst du, und nicht jeder von euch musste damit zurechtkommen, dass die eigene Mutter ermordet wurde. Hermione lächelt aufmunternd zu Hannah rüber und erkundigt sich, wie es Neville geht, ob er immer noch Spaß daran hat zu unterrichten und dass sie ja mal gespannt ist, wie er damit umgehen wird, wenn Harrys und Ginnys Ältester im Herbst 2016 nach Hogwarts kommt.
„Wieso? Ist er genauso ein Rabauke wie sein Vater und sein Onkel?", erkundigt sich Millicent trocken und Hermione grinst ein bisschen. „Auch, wenn das biologisch gesehen nicht allzu viel Sinn ergibt, würde ich sagen, dass er ziemlich stark nach den Zwillingen gerät. Da hat George beim Babysitting wirklich ganze Arbeit geleistet", stellt sie fest und Terry lacht so heftig, dass er sich an seinem Rührei mit Speck verschluckt. Millicent verdreht die Augen und klopft ihm auf den Rücken, ehe er erstickt, während Hannah zurückgrinst und überlegt, ob sie Neville wohl vorwarnen soll oder nicht.
„Hauptsache, ihr warnt mich vor, wenn einer eurer Sprösslinge in ferner Zukunft mal an dieser Uni Geschichte studieren will", mischst du dich in das Gespräch ein und erntest von Hermione ein wissendes Lächeln. „Angst?", erkundigt sie sich beiläufig und du zuckst die Achseln. „Eher ein bisschen Bedenken", korrigierst du, „Meine Dozenten sind schließlich auch mit mir zurechtgekommen, da dürfte ich also keine Probleme mit einem Weasley/Potter-Kind haben."
„Amüsant wird es erst, wenn Lunas Zwillinge bei Neville im Unterricht aufkreuzen", gluckst Hannah leise und du bist ein wenig erleichtert, dass euer gutmütiges Geplänkel sie wohl von der bevorstehenden Vorlesung ablenkt. „Soll ich schon mal ein paar Betten im Sankt Mungo's reservieren?", bietet Millicent an und krümmt amüsiert eine Augenbraue, „Oder soll ich mir das für Hagrids Unterricht mit den Zwillingen aufheben?" Wenn ihr so weiter macht, ist der Nächste, der ein Bett im Krankenhaus braucht, jedenfalls Terry, weil der sich bereits zum zweiten Mal an seinem Frühstück verschluckt, weil er sich offenbar nicht zwischen Essen und Lachen entscheiden konnte.
„Wie ist das denn eigentlich", beginnt Hermione dann mit diesem ganz bestimmten Tonfall, der verrät, dass es sich wohl um Unterricht oder Bücher oder gar beides handelt, „Wie darf man sich deine Vorlesungen vorstellen? Ich muss gestehen" - „Zu deiner Schande", wirft Millicent zwinkernd ein und Hermione verdreht gutgelaunt die Augen - „Ja, zu meiner Schande", stimmt sie jedoch zu, „dass ich keine Ahnung habe, was genau die Studenten bei 'Zeitgenössischer Geschichte' erwartet. Ein Abriss zu Harrys Leben und Voldemort?"
Du bist eindeutig versucht, sie ein wenig in die Irre zu führen. „Genau", erwiderst du trocken, „In der Regel fangen wir damit an, die Kimmkorn-Biographie zu lesen und wühlen uns dann durch die alten Briefe, die ihr uns so freundlich zur Verfügung gestellt habt. Ab und zu diskutieren wir dann noch Harrys Schulfeindschaft mit Draco und auch ansonsten bemühen wir uns nach Kräften, jedes Klischee zu erwischen, das wir bekommen können." Terry und Hannah starren dich an, während Millicent ihr Grinsen nur sehr schlecht hinter ihrer Kaffeetasse verbirgt und Hermione gelassen antwortet, „Prima. Ich hoffe nur, wir vier Besucher können die Erwartungen erfüllen, die deine Studenten in uns gesteckt haben."
Terry wiegt nachdenklich seinen Kopf hin und her. „Ich weiß nicht, Hermione", sinniert er mit einem bemüht ernsten Ausdruck im Gesicht, auch wenn ihn seine funkelnden Augen verraten, „Vielleicht hättest du einen Stapel Bücher mitbringen sollen?", schlägt er da auch bereits vor, „Oder, ich weiß nicht, ein paar Prospekte, die über die Versklavung der Hauselfen informieren?" Millicent trinkt unbeeindruckt ihren Kaffee, aber Hannah prustet unkontrolliert los und Hermione spielt das Spiel nur allzu gerne mit. „Wie", sagt sie und täuscht Verwirrung vor, als sie dich anschaut, „Du hast doch eindeutig geschrieben, dass ich am Ende eine Viertelstunde Zeit bekomme, um über Elfenrechte zu reden!"
Mit Terrys Selbstbeherrschung ist es vorbei und du musst feststellen, dass an deinen Mundwinkeln ebenfalls ein recht breites Grinsen zerrt. So sehr du euer entspanntes Beisammensitzen auch genießt und die Atmosphäre, wie sie sonst eigentlich nur auf den sehr unregelmäßig stattfindenden Klassentreffen herrscht, teilt dir ein Blick auf deine Uhr dennoch mit, dass euch die Zeit davon läuft.
„Okay", machst du laut in das Gelächter hinein und ziehst die Aufmerksamkeit auf dich, „Wir haben nur noch zehn Minuten, das heißt, ich kann Hermione noch rasch erklären, wie das Geschichtsstudium funktioniert und dann müssen wir los." Alle vier nicken und Millicent leert ihren Kaffee, während Terry rasch sein Rührei aufisst, diesmal, ohne sich dabei zu verschlucken und beinahe einen Erstickungstod zu erleiden. Du hingegen fixierst Hermione und fängst an, dein Fach zu erläutern.
„Zu Geschichte gehört natürlich ziemlich viel", holst du erst einmal kräftig aus, „Frühgeschichte aus der Zeit der Kelten, dann die Invasion der Römer, dann Altenglische Geschichte mit all den Angeln, Sachsen, Jüten, Friesen und Wikingerangriffen, dann Mittelenglische Geschichte mit den Normannen und sämtlichen Wirrungen und Kriegen, bis in die moderne Zeit hinein. Das, was wir bei Binns gemacht haben, also Vampirkriege und Trolle und geheime Abkommen und merkwürdige Zauberer mit noch merkwürdigeren Namen – das kann man schon alles brauchen, aber das ist eben nur ein Bruchteil. Viel wichtiger ist es, auch in die Muggelgeschichte hineinzuschauen, gerade während des Mittelalters, um nach möglichen Verbindungen zu suchen, zwischen Muggeln und Zauberern, zwischen Ereignissen in deren und in unserer Welt. Und mein Spezialgebiet, sozusagen, ist eben Zeitgenössische Geschichte. Das fängt allerdings auch Anfang des 20. Jahrhunderts an und reicht bis heute. Grob gesagt setze ich mich also mit allem auseinander, was seitdem passiert ist und immer noch passiert."
Du bemerkst Hermiones fragenden Blick und antwortest, ehe sie sich erkundigen kann. „Das schließt natürlich Grindelwald mit ein", fährst du fort, „Inklusive all der Auswirkungen, die sein Handeln auf ganz Europa hatten. Dann kümmere ich mich logischerweise um die Zwei Dunklen Kriege mit Voldemort und auch um das Bestreben, sich ihm zu widersetzen. Ja, wir reden über Harrys Leben, aber wir reden nicht ausschließlich über Harrys Leben. Wir reden über den Orden des Phönix, wir reden über Todesser, wir reden über Hogwarts, über Familienleben und Klischees und zwar, so oft wie möglich, mithilfe von Aussagen von jemandem wie euch, von jemandem, der dabei war, der es erlebt hat. Seamus' Buch über die Slytherins kennt ihr ja bestimmt. Aus Nevilles Buch", du nickst Hannah kurz zu, „haben wir auch schon einen Auszug behandelt. Dazu kommen noch diverse Interviews, die hauptsächlich Seamus geführt hat, und verschiedene Erinnerungsschnipsel, die wir über die Jahre besorgen konnten, sowie Briefe, Zeitungsartikel und vieles mehr. Frage beantwortet?"
Hermione grinst. „So ungefähr", nickt sie, „Ich bin ziemlich gespannt, wie die Vorlesung jetzt werden wird, ehrlich gesagt." Terry und Hannah murmeln zustimmend, während Millicent „Kann's kaum erwarten" brummt, doch du weißt, dass sie sich eigentlich freut, wenn sie ihren Teil beitragen kann. Sonst hätte sie auch bei Seamus' Buch niemals mitgemacht. Sie will nur nicht, dass jeder ihre raue Schale durchschauen kann. „Stichwort", sagst du zu Hermione und linst erneut auf deine Uhr, „Wir müssen dann wirklich los. Das glauben uns meine Studenten sonst nie, dass wir uns verspätet haben, weil ich euch einen Geschichtsvortrag gehalten habe."
Eure Stühle scharren leise über den Boden, als ihr aufsteht und euch ein paar Toastkrümel von den Roben wischt. Du schwenkst hastig deinen Zauberstab und lässt die Tabletts allesamt von dannen schweben, sodass euer Tisch nicht mehr allzu mitgenommen aussieht. „Gut", machst du entschlossen und schaust die Vier der Reihe nach an, „Dann mal los in die Höhle des Löwen." Millicent verzieht das Gesicht und murrt „Das ist unfair, da hat Hermione ja Heimvorteil!", während Terry amüsiert feststellt, dass „Höhle des Raben" oder „Höhle des Dachses" nicht so furchteinflößend klingt, woraufhin Millicent vorschlägt, von nun an „Höhle der Schlange" zu sagen.
Du schüttelst innerlich den Kopf über die Vier, die mal Klassenkameraden waren und mittlerweile tatsächlich so etwas wie Freunde geworden sind. Das nimmt dir keiner ab, denkst du, dass vier erwachsene Menschen sich über Metaphern und Häusersymbole kabbeln wie Erstklässler direkt nach ihrer Einteilung. Und das ist die sogenannte Elite der Zaubererschaft. Na, dann.
Ihr lauft den Flur entlang und kommt schneller vor Hörsaal Nummer Drei an als dir lieb ist. Du bist nervös. Du gibst es nicht gerne zu (und schon gar nicht möchtest du, dass es einer deiner Gäste mitbekommt), aber du bist tatsächlich nervös. Schließlich bringst du nicht jede Woche Hermione Granger (Pardon, Weasley) mit in die Vorlesung. Und wenn das heute schiefgehen sollte (was du nicht hoffst), dann willst du dir nicht vorstellen, was passieren wird, wenn Harry mal auftaucht.
Vor den Flügeltüren bleibt ihr stehen und du musterst deine Gäste erneut. „Okay", sagst du, „Letzte Chance, es sich anders zu überlegen." Millicent verdreht die Augen. „Du bist nicht gerade ermutigend", teilt sie dir mit und die anderen Drei lachen. „Keine Sorge", nickt Terry dir zu, „Wir wären nicht gekommen, wenn wir es nicht auch bis zum Schluss durchstehen wollten. Jetzt geh da rein." Du murmelst etwas von wegen „Ich wollte ja nur sicher gehen", atmest tief durch, stößt die Tür auf und gehst hinein. Alleine. Wie jede Woche. Weil du ja unbedingt wolltest, dass deine Gäste ihren großen Auftritt bekommen.
„Guten Morgen", grüßt du in die Runde, hängst deine Robe über deinen Stuhl, stellst die Tasche ab und schwingst deinen Zauberstab, sodass vier bequeme Stühle auftauchen und jeweils zwei zu beiden Seiten neben deinem Pult landen. „Herzlich willkommen zu einer weiteren Vorlesung", sagst du, während du, wie immer, einen Packen Unterlagen aus deiner Tasche holst und auf dem Pult ausbreitest, „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Woche und konnten etwas Zeit finden, um sich auf unsere heutige Sitzung vorzubereiten. Wie Sie dem Lehrplan entnehmen können, werden wir heute den Themenkomplex 'Familienbilder' abschließen und zwar, indem wir uns jenen Hexen und Zauberern zuwenden, die aus Muggelfamilien stammen oder bei denen ein Elternteil oder ein weiterer Verwandter ein Muggel ist. Gibt es vorher bereits Fragen?"
Es gibt keine. Stattdessen ordnest du deine Notizen (ein bisschen unnötig, aber es beruhigt dich und lässt die Nervosität schwinden), machst es dir dann auf der Kante deines Pultes gemütlich und schaust in die Runde. „Ich hatte Ihnen eine Überraschung versprochen", beginnst du und amüsierst dich innerlich sehr darüber, wie all deine Studenten plötzlich sehr leise geworden sind und mit großen Augen zu dir blicken, „Meiner Erfahrung nach ist es äußerst hilfreich, mit Zeitzeugen zu sprechen, wenn man sich mit bestimmten geschichtlichen Ereignissen beschäftigt. Das setzt natürlich voraus, dass entsprechende Zeitzeugen noch am Leben sind. In unserem Fall haben wir Glück: da der letzte Krieg noch nicht allzu vorbei ist, gibt es genügend Menschen, die sich an ihn erinnern, die persönlich beteiligt waren; Menschen, über die wir in unseren Vorlesungen bereits gesprochen haben. Bitte behandeln Sie unsere heutigen Gäste mit dem Respekt, den sie verdienen."
Dann öffnet sich die Flügeltür und der Reihe nach kommen Hermione, Hannah, Terry und Millicent in den Raum hinein. Wie automatisch beginnt zeitgleich ein Raunen und Tuscheln unter deinen Studenten, das du nicht einmal mit einem strengen Blick zum Verstummen bringen kannst. „Darf ich", hebst du die Stimme etwas an und verlangst somit nach Ruhe, „Sie darum bitten, unsere Besucher als die Gastdozenten zu betrachten, die sie in der heutigen Vorlesung sein werden?" Als deine Studenten mit dem angebracht ernsten Nicken reagieren, das du dir erwartet hast, wendest du dich an die Vier und bittest sie, sich kurz vorzustellen.
Du nimmst erneut auf deinem Pult Platz und betrachtest deine Studenten. Du bist dir relativ sicher, dass die meisten von ihnen Hermione erkannt haben; ob sie mit den drei Anderen etwas anfangen können, weißt du nicht.
„Hermione Weasley", macht Hermione da den Anfang und begegnet selbstbewusst den neugierigen Blicken, die sie durchbohren, „Geborene Granger. Ehemals Gryffindor. Und meine Eltern sind Muggel, sowie all meine weiteren, nicht angeheirateten Verwandten." Sie sagt es mit dem Stolz, der selbstverständlich sein sollte, und du bemerkst, wie deine Studenten leise miteinander wispern. Ja, sie kennen Hermione, sie kennen Briefe von ihr und vermutlich Bilder aus diversen Zeitungen und sie kennen das Interview mit ihrem Vater, das du ihnen zum Lesen geschickt hast.
Hermione nickt Hannah kurz zu, als Zeichen, dass sie fertig ist. „Hannah Longbottom", stellt sich Hannah mit einem kleinen Lächeln vor, „Geborene Abbott. Ehemals Hufflepuff. Mein Vater ist ein Muggel. Meine Mutter war eine Hexe." Du bist dir nicht sicher, wie viele es mitbekommen haben; dir jedenfalls ist nicht entgangen, dass Hannahs Stimme noch immer ein wenig bricht, wenn sie war sagt und von ihrer Mutter in der Vergangenheit spricht.
Terry ergreift das Wort und rettet Hannah. „Terry Boot", nickt er, „Ehemals Ravenclaw. Mein Vater ist ein Muggel, meine Mutter eine Hexe."
Millicent ist an der Reihe. Du schließt die Augen und hoffst. „Millicent Bulstrode", sagt sie und ihre Stimme hat all die Müdigkeit abgelegt, die vorhin vielleicht noch mitgeklungen hat, „Ehemals Slytherin. Mein Vater ist ein Zauberer, meine Mutter eine Muggel." Du kannst das Getuschel hören, obwohl du dich ganz auf Millicent konzentrierst. Es war klar, denkst du dumpf, es war klar, es war klar, dass sie nicht damit rechnen würden, dass du ihnen eine halbblütige Slytherin vor die Nase setzt.
Du öffnest die Augen. „Gut", sagst du leichthin und deutest deinen Gästen, dass sie sich gerne setzen können. Stumm machen es sich die Vier auf den Stühlen neben dir bequem und schauen dich erwartungsvoll an. Du atmest tief durch und erinnerst dich daran, dass du das hier kannst. Ihr seid in deinem Hörsaal in deiner Vorlesung. Du kennst die Routine. Du musst nur zu ihr zurückfinden.
„Ich weiß, dass Sie sich in den Anlagen für die heutige Sitzung mit weiteren Personen befasst haben, würde aber dennoch vorschlagen, dass wir es ausnutzen, dass wir Gäste da haben und dass wir daher mit einem der Interviews oder Artikel beginnen, die sich mit einem unserer Gäste beschäftigt haben. Gibt es Einwände?" Du blickst fragend in die Runde und nickst befriedigt, als sich niemand rührt. Das würde gerade noch fehlen, findest du, dass deine Studenten eine mittelgroße Revolte anzetteln, wenn du Gäste mitbringst.
Du kramst in deinen Notizen und ziehst ein paar Blätter heraus, ehe du dich wieder deinen Studenten zuwendest. „Bitte", lächelst du, „Es steht Ihnen vollkommen frei, mit welchem unserer vier Gäste wir uns zuerst befassen. Wir brauchen dazu lediglich einen Freiwilligen, der den Anfang macht. Den Rest können wir gerne gemeinsam erledigen." Du kannst beobachten, wie mehrere Studenten unschlüssige Blicke auf ihre Blätter werfen, ehe Miss O'Connor den Arm hebt. Sie zögert und sagt dann leise „Ich würde gerne mit Mrs Longbottom beginnen" und es wundert dich kein bisschen, weil du das Gefühl hast, dass es irgendwie passt.
Hannah nickt, rückt ihren Stuhl ein bisschen nach vorne und schaut hoch zu deinen Studenten. „Legen Sie los", meint sie betont gelassen, auch wenn du sehen kannst, dass sie kleine, rosa Flecken auf den Wangen bekommen hat. Aber in Rosaleens Händen ist sie zumindest sicher aufgehoben, findest du. Miss O'Connor greift sich ein Pergament und eine Feder, ehe sie mit ihren Fragen beginnt. Auf merkwürdige Art und Weise erinnert dich die Situation an eine Gerichtsverhandlung.
„Mrs Longbottom, wir haben in Vorbereitung für die heutige Sitzung einen Artikel gelesen, in dem darüber berichtet wurde, dass Sie den Tropfenden Kessel übernehmen", bezieht sich deine Studentin auf die Anlage und du hoffst inständig, dass sie Hannah nicht gleich jetzt sofort nach der Ermordung ihrer Mutter befragen wird, „Der Tropfende Kessel gilt als Bindeglied zwischen der magischen Welt und der Welt der Muggel. Würden Sie sagen, dass Ihre Berufswahl auch Ihre persönlichen Gedanken widerspiegelt? Betrachten Sie sich ebenfalls als Brücke zwischen diesen beiden Welten?"
Gut, denkst du erleichtert, eine gute Frage, eine, hinter der etwas steckt, und vor allem eine, die Hannah nicht gleich aus der Fassung bringen dürfte.
„Ich weiß nicht", antwortet Hannah nun wahrheitsgemäß und streicht sich eine Locke aus der Stirn, „Ich glaube, dass es den meisten von uns so gehen dürfte, die mit einem Bein in der einen und mit dem anderen in der zweiten Welt stecken. Ich kenne beide Sichten und mein Leben verläuft irgendwo dazwischen. Also ja, in gewisser Hinsicht bin ich schon ein Bindeglied zwischen den Welten. Ich bin stolz auf meine Herkunft. Und ich will nicht, dass meine Kinder, sollte es mal welche geben, sich für ihren Muggelgroßvater schämen."
Links von dir nickt Hermione heftig, während Millicent eher aussieht, als würde sie gerade einen scharfen Blick auf Hannahs Bauch werfen, um herauszufinden, ob es da möglicherweise in einigen Monaten Arbeit für sie geben könnte. Du unterdrückst ein Grinsen.
In der Zwischenzeit ist Trystan Bickerton etwas nach vorne gerutscht und sieht Hannah neugierig an. „Könnten Sie uns möglicherweise etwas über Ihre Kindheit erzählen?", bittet er sie, „Wann haben Sie mitbekommen, dass es Zauberer und Hexen gibt? Hat Sie das gewundert? Wann haben Sie Ihre eigene Magie entdeckt?" Alles gute, solide Fragen. Hannah scheint das ähnlich zu sehen wie du, denn sie entspannt sich langsam ein wenig auf ihrem Stuhl.
„Ich glaube, ich habe schon immer gewusst, dass es da noch diese andere Welt gibt", antwortet sie nachdenklich, „Das musste mir niemand erst erzählen. Ich wusste, dass meine Mum diesen seltsamen Holzstab hatte und dass meine Tanten immer durch den Kamin kamen, wie der Weihnachtsmann, während Dads Verwandte stets an der Tür klingelten. Das war eben so. Ich glaube, Kinder bekommen viel mehr mit als wir manchmal denken. Ich wusste immer, dass meine Mum nicht so war wie die Mütter der anderen Kinder in meinem Kindergarten. Angeblich mit vier Jahren – sagt zumindest mein Vater – sind mir dann Funken aus den Fingern gesprüht und ich habe Schokokekse aus den Dosen im Schrank zu mir fliegen lassen können."
Ein paar deiner Studenten glucksen leise und du bemerkst, wie auch Hermione, Terry und Millicent breit grinsen. Da wurde Magie mal nützlich eingesetzt, denkst du amüsiert, ehe du weiter Hannahs Bericht lauschst.
„Wenn wir zu Dads Eltern wollten, mussten wir mit dem Auto fahren", erzählt Hannah weiter, „Bei Mums Eltern war das anders, da kam meine Großmutter durch den Kamin und nahm mich mit, während meine Mum mit meinem Dad apparierte, weil er das alleine ja nicht konnte. Sie haben mir recht früh erklärt, dass ich das meinen Freunden im Kindergarten allerdings nicht verraten darf. Das habe ich immer sehr ernst genommen. Ich dachte, das wäre unser Geheimnis, das von meiner Mum, meinem Dad und mir, und ich habe es gehütet wie einen Schatz.
Dann wurde ich älter, hatte längst alles über Hogwarts erfahren und meine Großeltern über Details über die Zaubererwelt ausgefragt. Ich wurde elf und bekam meinen Brief. Ich glaube, meine Mum war wahnsinnig stolz und mein Dad war es auch, aber natürlich konnte er es nicht ganz so gut verstehen wie meine Mutter das konnte. Und dann, dann kam ich nach Hogwarts und war zum ersten Mal in meinem Leben unter lauter anderen Hexen und Zauberern, die nicht zu meiner Familie gehörten."
Als Hannah verstummt, schießt sofort die Hand von Boreas Flynn in die Höhe. Hannah nickt ihm lächelnd zu und wartet auf seine Frage. „Ist eine der beiden Welten die bessere?", will er leise wissen und du siehst ihn an und denkst, wie großartig die Frage ist, weil sie eben nicht annimmt, wie die Todesser das taten, dass Zauberer den Muggeln überlegen sind. Nein, Mister Flynn überlässt es Hannah und jedem von euch, das für sich selbst zu entscheiden – falls es eine Entscheidung geben kann.
Hannah zuckt nämlich hilflos die Achseln. „Keine Ahnung", muss sie gestehen, „Wie so ziemlich alles im Leben hat auch die Zaubererwelt ihre Vorteile und ihre Nachteile, ihre guten und ihre schlechten Seiten, genau wie die Muggelwelt. Ich kenne beide und daheim bin ich wohl auch irgendwo in beiden oder in einer Art Mischwelt, die nur mir gehört. Aber besser ist keine."
Als Miss Hopkins den Kopf hebt, kannst du an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, dass sie keine leichte Frage stellen wird. Hannah scheint das ebenfalls zu spüren, denn sie seufzt leise auf, ehe sie wieder lächelt und Gwendolen zunickt. „Mrs Longbottom", beginnt sie langsam und vorsichtig, als würde sie sich auf dünnem Eis bewegen, das ganz schnell einbrechen kann, „Ihre Mutter ist gestorben, als sie sechzehn Jahre alt waren. Ich ... ich würde verstehen, wenn Sie darüber nicht mit einer Horde Ihnen unbekannter Studenten sprechen wollen, aber falls doch ... dann würde ich Ihnen jedenfalls zuhören."
Hannahs Lächeln zittert leicht und sie schaut kurz in deine Richtung und du denkst an vorhin, als sie sich noch bei dir erkundigt hat, ob persönliche Fragen gestellt werden, und du siehst zurück und sagst leise, sodass deine Studenten es nicht hören, „Du musst nicht, wirklich, niemand zwingt dich", aber Hannah schüttelt den Kopf und fixiert Miss Hopkins mit festem Blick.
„Ich bin stolz auf meine Mum", antwortet Hannah, „Es gibt keinen Grund, warum ich nicht über sie sprechen sollte. Sie ist nicht gestorben, sondern sie wurde getötet, von einer Gruppe Todessern. Die genauen Umstände kenne ich nicht, doch ich gehe davon aus, dass es mit ihrer Familie zusammenhängt. Meine Mutter war reinblütig, abgesehen von einer Tante, die eine Squib war. Und trotzdem hatte sie sich dazu entschieden, einen Muggel zu heiraten."
Hannah lacht leise und freudlos auf. „Das kam beim Dunklen Lord nicht sonderlich gut an", fährt sie fort und ihre Hände, die sie im Schoß verschränkt hat, zittern sachte, „Sie war eine Verräterin. Sie achtete ihr reines Blut nicht, sondern ... besudelte es, indem sie meinen Vater heiratete und mich zur Welt brachte, ein Halbblut. Und sie bereute es nicht. Sie wagte es, glücklich zu sein, obwohl sie all das mit Füßen trat, was der Dunkle Lord so sehr achtete. Es bedeutete ihr nichts. Sie hatte einfach den Mann geheiratet, den sie liebte, und dafür wurde sie bestraft. An ihr wurde ein Exempel statuiert, wie man das so schön nennt."
Es ist still geworden im Saal. Du gehst zwar davon aus, dass die meisten deiner Studenten aus ähnlichen Familienverhältnissen kommen, also mit Elternteilen, die keinen durchweg reinblütigen Hintergrund haben, aber gleichzeitig bist du dir auch relativ sicher, dass ihre Eltern für ihre Partnerwahl nicht mehr von der Gesellschaft oder gewissen Gesellschaftsschichten verurteilt wurden.
Miss Hopkins schaut Hannah unverwandt durch ihre dünnen Brillengläser an. „Danke", sagt deine Studentin dann leise, ehe sie den Kopf über ihr Pergament senkt. Du bist froh, dass die Frage gestellt wurde, weil sie immerhin wichtig war (manchmal musst du dich wirklich über dich selbst wundern, dass du sogar den Mord an einem Menschen ganz sachlich als Unterrichtsstoff behandeln kannst), doch du bist froh, dass sie von jemandem kam, der es schafft, das Ganze behutsam anzugehen. Wäre Hannah Millicent, würdest du dir nicht solche Gedanken machen. Aber Hannah ist anders und du willst nicht, dass sie in deinem Hörsaal leidet, erst recht nicht, wenn sie sich freiwillig dazu bereit erklärt hat, dir zu helfen.
Du blickst in die Runde und erkundigst dich, ob es noch weitere Fragen an Mrs Longbottom gäbe. Im Moment sieht es nicht danach aus und du nimmst dir die Zeit, deine Studenten daran zu erinnern, dass eure Gäste die gesamte Vorlesung über dabei sein werden; nur für den Fall, dass später noch Fragen aufkommen sollten.
Du bedankst dich bei Hannah, die mit ihrem Stuhl ein kleines bisschen zurückrutscht, um nicht mehr gar so sehr im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Du blätterst hastig deine Notizen durch und überlegst, wie viel Sinn es wohl ergibt, wenn du aussuchst, mit welchem Gesprächspartner sich deine Studenten als Nächstes unterhalten können. „Möchte einer von euch?", wendest du dich an deine Gäste, siehst zu, wie Millicent die Achseln zuckt und sich Terry und Hermione gegenseitig anschauen. „Alles klar", seufzst du leise auf, „Ich merke schon, ihr seid heute sehr entschlussfreudig. Dann nehme ich das eben in die Hand." Die Drei grinsen und als auch deine Studenten nicht widersprechen, dass du den Nächsten auswählen wirst, bittest du Terry, euch die Ehre zu erweisen.
Terry wiederum schaut ein wenig entspannter als vorher Hannah in die Runde deiner Studenten und wartet neugierig ab, wer ihm wohl die erste Frage stellen wird. Es ist schließlich Stephen Hart, der etwas zögernd die Hand in die Luft streckt und sich, offenbar leicht verlegen, erst räuspert, bevor er mit der Sprache herausrückt. „Sie sagten, Ihre Mutter war eine Hexe, Ihr Vater ein Muggel", beginnt Mister Hart, „Das ist ja nun wirklich kein Sonderfall. Als Sie in Ihrem ersten Jahr in Hogwarts waren – würden Sie sagen, dass die Familienherkunft innerhalb Ihres Hauses und Ihrer Klasse da eine große Rolle gespielt hat? Hat man sich als Halbblüter gegenseitig erkannt und darüber gesprochen? Wurde man von Anderen herablassend behandelt? Oder war das überhaupt kein Thema?"
Du findest die Frage ziemlich gut (und bist dir gleichzeitig recht sicher, dass Millicent nachher bestimmt mit etwas Ähnlichem konfrontiert werden wird) und bist gespannt, was Terrry zu erwidern hat.
Ein wenig nachdenklich wiegt Terry den Kopf hin und her und lässt sich ein paar Sekunden hat, ehe er antwortet. (Ganz der kluge Ravenclaw, denkst du und unterdrückst ein Grinsen. Jetzt ist nicht die Zeit, um Klischees aufzurollen.) Er beugt sich auf seinem Stuhl leicht nach vorne und sieht hoch zu Stephen. „Ich würde schon sagen, dass es definitiv ein Thema war, ja", nickt er langsam, „In meinem zweiten Schuljahr sogar noch viel extremer als in unserem ersten.
Vermutlich haben Sie bereits einmal davon gehört, dass die sogenannte Kammer des Schreckens geöffnet wurde und die Schule in Angst versetzte. Wir glaubten, dass Slytherins Monster durch die Gänge schlich und das Schloss von all jenen reinigte, die es nach Slytherins Glauben nicht wert waren, unterrichtet zu werden. Das betraf vor allem Muggelstämmige, aber auch wir, die wir aus gemischten Familien stammten, waren unsicher und merkten, gerade durch provozierende Kommentare, dass es offenbar noch immer Reinblüter gab, die uns nicht gerne sahen.
Innerhalb meines eigenen Hauses, in Ravenclaw, haben wir natürlich darüber gesprochen. Wenn ich mich recht erinnere, dann sogar bereits am ersten Abend, zumindest wir Jungen in unserem Schlafsaal. Wir waren neugierig. Und die, die keinen Muggel als Elternteil hatten, hatten tausend Fragen zur Muggelwelt und umgedreht. Ich habe mich beispielsweise häufig gefragt, wie es sein muss, in einem Dorf aufzuwachsen, in dem nur Hexen, Zauberer und Squibs leben. Schließlich wird ein solches Dorf kaum mit der Muggelwelt vergleichbar sein.
Ob die Herkunft allerdings eine Rolle gespielt, kann ich Ihnen nur schlecht sagen. Für mich jedenfalls nicht. Ich wusste, wer von meinen Ravenclaw-Klassenkameraden welchen Familienhintergrund hatte, aber es änderte nichts daran, ob ich jemanden mochte oder nicht. Von den anderen Häusern wusste ich es eigentlich kaum, mal abgesehen von Hermione, da wurde man dank diverser Slytherins immer wieder mit der Nase darauf gestoßen, dass sie muggelstämmig war."
Terry wirft erst Hermione, dann Millicent einen entschuldigenden Blick zu. Hermione winkt ab und Millicent zuckt so gelassen die Achseln, als wolle sie sagen 'Damals waren wir doch alle noch dumme Kinder und hatten keine Ahnung von der Welt'. Du jedenfalls versteckst dein breiter werdendes Grinsen hinter einem Pergament voller Notizen.
„Beantwortet das Ihre Frage?", erkundigt sich Terry nun beim eifrig kritzelnden Stephen Hart. Der hebt hastig den Kopf und nickt. „Ja", meint er, „Zumindest zum Großteil. Können Sie noch etwas dazu sagen, ob Sie andere Schüler mit ähnlichem Familienhintergrund erkannt haben? Und falls ja, wie Sie diese Schüler bemerkt haben?"
Terry kratzt sich an der linken Schläfe und erwidert rasch „Ja, natürlich, den Teil hatte ich ganz vergessen", was dazu führt, dass du beinahe in dein Pergament beißt, um dein Lachen zu ersticken, als du Millicent brummen hörst „Der Gute sollte sich mal eines seiner neuen Erinnermichs besorgen". Dass Hermione recht auffällig hustet, trägt nicht gerade dazu bei, dass du deinen eigenen Heiterkeitsanfall gut verbergen kannst und du atmest konzentriert ein und aus, um nicht mitten in Terrys Antwort hineinzuprusten.
„Zumindest im Unterricht hat man eigentlich kaum einen Unterschied bemerkt", erzählt Terry gerade, unbeeindruckt von euren halblauten Kommentaren, „Wir mussten ja alle bei Null anfangen und auch die Reinblüter waren uns Anderen nicht zehn Schritte voraus. Man hat es ihnen vermutlich eher an anderen Dingen angemerkt, an kleinen Details, an Fachwissen über bestimmte Zaubererdinge, an Anekdoten, die sie nebenbei zum Besten gaben. Vielleicht habe ich jemanden, der wie ich aus einer gemischten Familie kam, unbewusst eher wahrgenommen als jemand Reinblütigen – ich weiß es wirklich nicht. Es ist ja nicht so, als ob wir mit kleinen, bunten Punkten auf der Stirn herumlaufen würden."
Stephen Hart nickt, als Zeichen dafür, dass seine Frage nun endgültig beantwortet ist, und im nächsten Moment winkt bereits Miss Carters Hand. „Ja?", fordert Terry sie auf und lacht leise und vergnügt, als sie wissen möchte, ob er seinen Eltern erzählt hat, dass er damals Dumbledores Armee beigetreten ist.
„Ja", grinst er ein bisschen spitzbübisch und nicht sonderlich Ravenclaw-typisch, „Das habe ich ihnen erzählt. Vielleicht nicht in allen Einzelheiten, aber ich habe schon durchblicken lassen, dass wir etwas gegen unsere leicht inkompetente Professorin in Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu unternehmen gedachten. Meine Mutter kannte Umbridge flüchtig aus der Zeit, in der sie noch beim Ministerium gearbeitet hatte, und konnte meinen Frust nur allzu gut verstehen.
Meine Mum hat Dumbledore und Harry geglaubt, so wie ich das getan habe, und sie konnte nachvollziehen, dass ich mich vorbereiten wollte für den Ernstfall. Da draußen wartete ein Irrer, der etwas gegen halbblütige Hexen und Zauberer hatte und noch mehr gegen Muggel. Und mein Vater ist nunmal zufällig einer. Sollte ich da etwa still sitzen und abwarten, bis meine Eltern wieder Drohbriefe bekommen würden, wie damals, als sie geheiratet hatten und meine Mutter schwanger war? Ganz sicher nicht. Es gibt Dinge, die kann man nicht auf sich beruhen lassen. Vielleicht achten wir Ravenclaws die Regeln etwas mehr, als das manch Anderer tut, aber es gibt Situationen, in denen man Regeln brechen muss."
Miss Johnson meldet sich und du bist gespannt, was jetzt kommt. Terry ahnt nichts von deinem stillen Waffenstillstand mit einer Studentin, die, wie du glaubst, noch manchem Schwarz-Weiß-Klischee nachhängt, und ruft sie auf. „Sie haben in Ihrem Interview über Slytherins gesprochen", stellt Lucinda fest und streicht sich durch die kurzen, dunklen Haare, „und haben festgestellt, dass der Dunkle Lord die schlechteste Werbung für das Haus war. Aber wie haben Sie das als Schüler erlebt?"
Terry zuckt die Achseln. „Wir alle haben Vorurteile", sagt er so gelassen, als würde ihm gar nicht auffallen, was für eine erschreckende Wahrheit er in den Raum stellt, „Manche gegenüber Muggelstämmigen, manche gegenüber Reinblütern, manche gegenüber Slytherins. Ich war da keine Ausnahme. Ich kannte all die Geschichten aus der Schulzeit meiner Mutter, ich wusste, dass der Dunkle Lord ein Slytherin gewesen war, ich kannte ihren schlechten Ruf und bin vorurteilsbehaftet nach Hogwarts gekommen, so wie die meisten, die zumindest einen Zauberer oder eine Hexe in der Verwandtschaft hatten.
Warum sagt das nie jemand? Vielleicht sind Sie klüger als ich und hatten während Ihrer Schulzeit keine Vorurteile. Oder vielleicht waren Sie wie ich und dachten: 'Das sind die Bösen. Das ist schon in Ordnung, wenn man denen misstraut.' Vielleicht waren Sie wie ich und dachten, Sie wären einer der wenigen schlauen Erstklässler, die bereits an den Gesichtern der Slytherins ablesen konnten, dass sie böse waren, alle miteinander. Vielleicht waren Sie wie ich und blind genug, Ihre eigenen Vorurteile nicht zu hinterfragen.
Ich habe meine Klischees bis nach dem Krieg mit mir herumgetragen. Dann begannen die Befragungen, die Verurteilungen und Gerichtsverhandlungen. Manche waren öffentlich, manche nicht. Ich war neugierig und bin hingegangen, um die Befragung von Theodore Nott zu hören. Er war in meinem Jahrgang gewesen, in Slytherin, und es war bekannt, dass sein Vater ein Todesser war. Ich dachte, Theodore müsste auch einer sein. Ich war davon überzeugt. Dann habe ich seine Befragung gehört und hinterher ... hinterher habe ich mich selbst gefragt, wie blind ich war. Ob ich in Hogwarts nur das gesehen hatte, was ich hatte sehen wollen."
„Wie meinen Sie das?", hakt Miss Johnson nach, während du zur Seite schaust und bemerkst, dass Millicent angestrengt auf den Boden zu ihren Füßen starrt.
Terry strafft sich ein wenig und sieht deine Studentin an. „Er war unschuldig", erwidert er ruhig, „Er war ein Slytherin, mit einem Todesser-Vater und er war unschuldig. Ich hatte nie gedacht, dass ... so etwas möglich wäre. Und Theodore ... hat darüber gesprochen, wie unsichtbar er sich manchmal gefühlt hatte. Da ist mir erst aufgefallen, dass ich wirklich nur einige wenige Slytherins in Erinnerung hatte. Und zwar die, die stereotyp waren: fies, hinterhältig, rassistisch. Seitdem weiß ich, dass auch ich Vorurteile hatte. Selbst die klugen Ravenclaws."
„Haben Sie deshalb Ihre Meinung über Slytherins geändert?", erkundigt sich Julianna Shaw in die Stille hinein, „Weil Sie Theodore Notts Befragung gehört haben?" Terry lächelt ein bisschen und schüttelt den Kopf. „Das war der Anfang", stellt er richtig, „Der Anfang eines langen Weges. Ein Freund von mir hat mit einer Slytherin zusammen studiert und war positiv überrascht. Plötzlich tauchten überall Slytherins auf und zwar ganz normale, wenn man das so sagen kann, Menschen wie Sie und ich. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Und mittlerweile, bilde ich mir zumindest ein, bin ich erwachsen genug, das alles kritischer zu betrachten und meine ehemaligen Slytherinschulkameraden als Menschen wahrzunehmen – nicht nur als Slytherins."
Er verstummt und lehnt sich auf seinem Stuhl wieder etwas zurück, um es sich ein wenig bequemer zu machen. Genau wie Terry lässt du deinen Blick durch die Menge schweifen, räusperst dich dann und willst wissen, ob es noch Fragen gibt. Wie bei Hannah gibt es keine, aber du wettest, dass sie noch kommen werden, wenn erstmal all deine vier Gäste gesprochen haben.
„Danke", nickst du Terry zu und wendest dich diesmal gleich an Hermione, ohne abzuwarten, ob einer deiner Studenten eine bestimmte Reihenfolge bevorzugt. Du weißt nicht einmal, warum du Millicent als Letzte drannehmen möchtest; vielleicht, weil du bei ihr am wenigsten vorausahnen kannst, wie die Studenten reagieren werden und weil du hoffst, dass sie sich vorher bereits ein wenig austoben.
(Aber du bist aufmerksam. Dir ist aufgefallen, dass weder Mister MacLaine noch Mister Grey bisher etwas gesagt haben. Und du bist dir eigentlich sogar ziemlich sicher, dass sie spätestens bei Millicent auf wundersame Weise ihre Sprache wiederfinden werden.)
Hermione lächelt freundlich in die Runde und nickt Mister Flynn zu, der als Erstes den Arm in die Höhe gereckt hat. „Mrs Weasley", sagt er völlig korrekt und du schüttelst innerlich den Kopf über dich selbst, weil du die Anrede nach all den Jahren immer noch etwas befremdlich findest, „Sie sind in einer Muggelfamilie groß geworden, haben dann mit elf Jahren von Ihren magischen Fähigkeiten erfahren und gelten seitdem als eine der besten Schülerinnen, die Hogwarts je gesehen hat – mal ganz abgesehen davon, dass Sie nebenbei Harry Potter dabei geholfen haben, die gesamte magische Welt zu retten. Hätten Sie sich das je erträumen lassen, als Sie Ihren Brief aus Hogwarts bekommen haben?"
Deine Studenten grinsen und Hermione lacht. „Bestimmt nicht", antwortet sie und schaut Mister Flynn offen an, „Ich meine, ich habe mir von Anfang an gewünscht, dass ich im Unterricht ganz gut sein würde und habe mein Bestes getan, um mich schon vor dem ersten Schultag auf alles vorzubereiten. Ich habe meine Schulbücher in den Sommerferien komplett gelesen und mir noch ein bisschen leichte Zusatzlektüre besorgt. Ich dachte mir, dass es ja nicht schaden könne ... und ich wollte nicht hinter all den Anderen herhinken."
Mister Flynn grinst noch breiter als der Rest seiner Kommilitonen. „Soweit ich weiß, haben Sie genau das Gegenteil getan", kommentiert er Hermiones Erwiderung, „Ich schätze, Sie waren die Einzige, die sich derart intensiv mit den Schulbüchern auseinander gesetzt hat. Woran lag das?"
Hermione zuckt ein bisschen die Achseln. „Ich lerne gerne", muss sie gestehen, „Es macht mir Spaß. Ja, Sie können ruhig die Augen verdrehen", du tust es jedenfalls amüsiert, „Aber ich fand es sehr spannend. Es gab da eine Welt, zu der ich offenbar gehörte und die ich noch gar nicht kannte. Also wollte ich natürlich von vorneherein so viel wie nur möglich über diese Welt herausfinden, damit ich mich schneller in ihr zurechtfinden konnte."
Mister Flynn ist noch nicht fertig. Er sieht Hermione aufmerksam an und hakt nach, wenn auch ohne jeglichen Spott in der Stimme. „Hatten Sie das Gefühl, Sie müssten den anderen Schülern beweisen, dass Sie nach Hogwarts gehören?", erkundigt er sich und klingt ehrlich interessiert, „Dachten Sie, dass Sie Ihre Herkunft mit Wissen wieder wettmachen können?"
„Ich hatte nie das Bedürfnis, meine Herkunft wettzumachen", entgegnet Hermione deutlich kühler als zuvor und du beobachtest, wie Mister Flynn ein wenig blass um die Nase wird, während Hermione fort fährt, „Ich bin stolz auf meine Eltern. Ich bin stolz darauf, dass mich zwei wunderbare, liebevolle Muggel großgezogen haben, ich bin -" „Entschuldigung", sagt Mister Flynn hastig und mit dünner Stimme, „Ich wollte zu keinem Zeitpunkt andeuten, dass irgendetwas Verwerfliches darin zu sehen ist, wenn man Muggeleltern hat ... ich meine ... meine Mum ist eine Muggel ... und ich meinte einfach nur ... ob Sie dachten ... Sie müssten es den Anderen beweisen ... ich dachte ..."
Er verstummt und du siehst erst zu Hermione, dann zu ihm. Sie wird ein bisschen rosa auf den Wangen, während Mister Flynn wirkt, als wolle er sich auf seinem Sitz so klein wie nur möglich machen. Du glaubst zu wissen, was dein Student da gerade heruntergeschluckt hat, nämlich vermutlich so etwas Ähnliches wie 'Ich weiß nur, dass ich es allen beweisen wollte', aber du ahnst es nur und du hoffst, dass Hermione das ebenfalls herausgehört hat.
Hermione holt tief Luft. „Entschuldigen Sie", sagt sie und schafft ein kleines Lächeln, „Ich .. fürchte, ich habe Sie missverstanden."
23 Jahre, denkst du dumpf, 23 Jahre lebt Hermione nun mit dem Wissen, eine Hexe zu sein, und zumindest die ersten sieben davon hat man sie nur allzu oft und nur allzu deutlich spüren lassen, dass manche Kreise es lieber sähen, wenn jemand wie sie niemals eine magische Ausbildung erhalten würde. Es gibt Wunden, die nur schlecht verheilen, und jeder von euch trägt seine eigenen Narben.
„Vielleicht", meint sie nun ein bisschen unbestimmt, „Vielleicht wollte ich es jemandem beweisen. Ich bin mir nicht sicher. Ich wollte zeigen, was ich kann, ich war wissbegierig und es gefiel mir, etwas Neues zu lernen. Ich merkte schnell, dass ich im Unterricht gut mitkam, dass mich Lehrer lobten oder mir Punkte zusprachen. Naja – die meisten Lehrer zumindest." Etwas huscht über ihr Gesicht, das du nicht erklären kannst, eine Erinnerung an einen Lehrer, über den sie erst viel später die Wahrheit erfahren hat.
„Außerdem", du zwingst dich, dich wieder auf Hermiones Worte zu konzentrieren, „war ich mir ziemlich sicher, dass es meine Eltern freuen würde, wenn ich weiterhin gute Noten mit nach Hause bringen würde. Sie verstanden die Zaubererwelt nicht so recht. Wie auch, wenn sie nie geahnt hatten, dass sie überhaupt existierte? Aber sie verstanden es, wenn ich Klassenbeste wurde oder Vertrauensschülerin. Und ich glaube, dass jeder von uns bis zu einem bestimmten Grad versucht, seine Eltern glücklich und stolz zu machen. Vielleicht war es mein Versuch, die beiden Welten, in denen ich lebte, miteinander zu verknüpfen. Ich weiß es nicht."
Sie verstummt und Mister Flynn macht nachwievor den Eindruck, am liebsten unsichtbar zu werden, weil es ihm offenbar peinlich ist, weil er sich womöglich Sorgen macht, dass eine der bekanntesten Figuren der Kriegszeit nun denkt, dass er intolerant eingestellt sei, und du hoffst, wirklich, dass er merkt, dass Hermione ihn niemals so vorschnell verurteilen würde. Aber ehe du etwas sagen kannst, hat sich bereits Mister Hart gemeldet und Hermione zugewandt.
„Sie haben sich in Ihrer Schulzeit für Hauselfen eingesetzt", sagt er, „Und später im Zaubereiministerium in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe gearbeitet. Warum?" Hermione wirft ihm einen neugierigen Blick zu und fragt nach seinem Namen. „Ähm", murmelt Stephen etwas nervös, „Stephen Hart" und Hermione nickt und lächelt, ohne sich weiter zu erklären.
„Warum nicht?", schmunzelt Hermione, als sie bemerkt, wie Terry und Hannah leise lachen und etwas von „Belfer" murmeln, „Nein, ganz im Ernst: mir hat nicht gepasst, wie die meisten Zauberer mit Hauselfen umgegangen sind, als wären sie niedere Wesen, die wir Zauberer nach Lust und Laune beherrschen und benutzen könnten wie Sklaven. Ich fand, dass es von da nur ein Schritt war zu Kobolden, von Kobolden zu Riesen, Werwölfen und anderen sogenannten Halbmenschen, und von denen zu Muggelgeborenen. Wo fangen Unterdrückung und Rassismus an? Und wo hören sie auf?"
Deine Studenten sind ganz still geworden. Und dir fällt gerade ein, dass ihr vorhin noch gealbert habt, ob Hermione über Elfenrechte dozieren darf. Die Frage hat sich jetzt jedenfalls erübrigt.
„Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich eben nicht mit Hauselfen aufgewachsen bin", meint Hermione nachdenklich, „Ich musste mein Zimmer immer selbst aufräumen, meinen Eltern beim Abwasch helfen oder beim Kochen, ich bin nie bedient worden und ich konnte mich auch in Hogwarts nicht damit anfreunden. Hauselfen können sprechen. Sie können denken, zaubern und fühlen. All das kann ich auch. Ich sehe anders aus, ich kann Kleidung tragen, darf einen Zauberstab besitzen und bin niemandem derart sklavisch verpflichtet wie Hauselfen. Aber da hören die Unterschiede schon auf. Warum sollte ich jemanden unterdrücken und ausnutzen, der so ... menschlich ist?
Sie wissen, wie die Einstellung des Dunklen Lords zu Muggeln und Muggelstämmigen war. Hätte er triumphiert, wir wären nichts weiter gewesen als seine Hauselfen, seine Sklaven. Ich wollte nicht, dass jemand mich so behandelt. Also warum sollte ich jemanden so behandeln? Bringt es einen um, wenn man „Danke" zu einem Hauself sagt? Wenn man ihm erlaubt, etwas Anderes als ein dreckiges Geschirrtuch zu tragen? Wenn man nicht möchte, dass er sich selbst die Hände bügelt als Bestrafung, weil er beim Waschen einen Socken vergessen hat oder etwas ähnlich lächerlich Triviales?
Haben Sie einmal miterlebt, wenn ein Hauself sich selbst bestraft?", fragt Hermione leise und schaut deine Studenten der Reihe nach an, „Ich schon. Und der Anblick hat mir nicht gefallen. Ich will nicht, dass jemand so große Angst vor mir hat, dass er sich beinahe selbst umbringt. Und wenn ich die Versklavung von Hauselfen unterstützen würde, wäre ich, überspitzt gesagt, nicht viel besser als Lord Voldemort. Ich wollte etwas ändern. Ich wollte ... vielleicht ein bisschen mehr Gerechtigkeit und Toleranz und Gleichberechtigung. Deshalb habe ich angefangen, dort zu arbeiten."
Du musst neidlos anerkennen, dass Hermione wohl die richtigen Knöpfe gedrückt hat, um die absolut uneingeschränkte Aufmerksamkeit deiner Studenten zu erhalten. Entweder sie starren Hermione an oder sie kritzeln fieberhaft auf ihren Pergamenten herum. Gut so. Dann hebt Mister Bickerton die Hand und zieht Hermiones Interesse auf sich.
„Eigentlich", er grinst ein bisschen verlegen, „wollte ich Sie ja fragen, wie sich das heute, im Alltag, für Sie so anfühlt, als Berühmtheit in die Geschichtsbücher eingegangen zu sein und mit Harry Potter befreundet zu sein, aber ich schätze, das passt nicht so ganz zu unserem heutigen Thema." Du nickst, wenn auch hochgradig amüsiert, und bist gespannt, wonach er sich stattdessen erkundigen wird. „Wie haben Sie das damals während Ihrer Schulzeit persönlich erlebt, wenn Sie oder Mitschüler aufgrund ihrer Herkunft angefeindet wurden?"
Hermione zögert und du glaubst zu ahnen, weshalb. Millicent versteift sich etwas auf ihrem Stuhl und schaut starr nach vorne. Hermione weiß – so wie Terry und Hannah und Millicent es wissen und so wie du es weißt – dass die Slytherins, die ihr damals das Leben schwer gemacht haben, mittlerweile erwachsen geworden sind, dass sie manches abgelegt und vieles geändert haben. Aber keiner von euch kann sicher sein, ob deine Studenten das ebenfalls verstehen werden oder ob Millicent gleich Verbalattacken wird abschmettern müssen.
„Niemand wird gerne verspottet", sagt Hermione schließlich, „Und trotzdem gibt es immer welche, die auf Anderen, Schwächeren herumhacken. Warum? Gerade deswegen: weil sie sich damit beweisen wollen, dass sie selbst stärker sind. Ich hatte ziemlich große Schneidezähne, als Kind, und ich habe lieber Zeit mit Büchern verbracht als mit Puppen. Glauben Sie, ich wurde in der Grundschule nie gehänselt? Wenn man anders ist, in irgendeiner Weise, wird man leicht zur Zielscheibe, zum Ausgegrenzten.
Ich habe Eltern, die mich zu einem selbstbewussten Menschen erzogen haben, die mir beigebracht haben, mich niemals für das zu schämen, was ich bin. Ich hatte wunderbare Eltern, ich war gut in der Schule – es gab nur eben ein paar Dinge an mir, die anders waren. Und die wurden herausgepickt, um mich zu beleidigen und zu verletzen. Natürlich fand ich es nicht schön, ein Schlammblut genannt zu werden, ich fand es niederträchtig und arrogant, auf jemanden herabzuschauen, nur weil er keinen ellenlangen Zaubererstammbaum nachzuweisen hatte.
Und irgendwann ... irgendwann habe ich gedacht, dass es ein Schutzmechanismus ist. Weil es nun einmal genügend Menschen gibt, die Angst haben vor allem, was ihnen fremd ist. Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt; Angst, dass man besser ist als sie; Angst, dass sie überflüssig werden. Ich glaube, dass die, die am lautesten „Schlammblut!" riefen, auch am meisten Angst hatten."
„Wollen Sie damit sagen, dass jemand wie Draco Malfoy Angst vor Ihnen hatte?", platzt Caitlin Roberts heraus.
„Ja."
Alle, inklusive Hermione und dir selbst, schauen zu Millicent, die seelenruhig auf ihrem Stuhl sitzt. „Aber ... warum?", hakt Miss Roberts merklich verwirrt nach, „Ich meine – was für einen Grund hätte er?" Millicent zuckt die Achseln. „Viele", erklärt sie gelassen, „Angst, dass Hermione bessere Noten schreiben und Jahrgangsbeste werden würde, nicht er. Angst, dass Muggelstämmigen wie ihr die Zukunft gehören würde. Angst, dass Familien wie seine eigene immer mehr an Einfluss einbüßen würden. Angst, dass er das, woran er jahrelang gelaubt hatte, vielleicht würde überdenken müssen."
Hermione begutachtet nachdenklich den Fußboden. Du betrachtest dagegen lieber deine Studenten. Du bist ziemlich sicher, dass Millicent nicht jeden Einzelnen davon überzeugen konnte, dass auch ein Draco Malfoy gepiesackt hat, weil er sich manchmal nicht anders zu helfen wusste. Und du glaubst, dass das gerade eben erst der Anfang war. Denn gleich wird Millicent an der Reihe sein und dann hoffst du wirklich, dass deine Vorlesungen schon ein bisschen was genützt haben und sich Millicent nicht mit einem Haufen Vorurteilen konfrontiert sehen wird.
„Weitere Fragen an Mrs Weasley?", erkundigst du dich und deine Studenten schütteln die Köpfe, „Dann danke, Hermione. Millicent, würdest du -?" Sie sagt „Ja", noch ehe du zu Ende sprechen kannst und wirft einen auffordernden Blick in die Runde. Du bist nicht gerade überrascht, als Mister MacLaine den Arm hebt und Millicent ruhig entgegenschaut. „Miss Bulstrode", beginnt er höflich, „Sie sagten vorhin, dass Ihr Vater ein Zauberer sei und Ihre Mutter eine Muggel. Würden Sie sagen, dass einer Ihrer Elternteile Sie stärker geprägt hat und, falls ja, welcher war das?"
Du stellst fest, dass du die Frage magst. Und dass sie ziemlich geschickt formuliert ist, weil man der Antwort möglicherweise entnehmen kann, was Millicents Ansichten zum heiklen Thema Blutstatus sind. Du kannst an ihrem feinen Lächeln erkennen, dass auch sie das der Frage entnommen hat.
„Ja, das würde ich allerdings sagen. Und es war meine Mutter", erwidert sie so gelassen, dass du schmunzeln musst, weil ein wenig Chaos unter deinen Studenten entsteht. „Und weshalb?", erkundigt sich Alasdair, während er sich offenbar ein paar Notizen auf seinem Pergament macht. „Meine Mutter ist Ärztin", erzählt Millicent, „Dass ich heute Heilerin bin, verdanke ich zu einem Großteil ihr. In meiner Kindheit konnte mein Vater einen seltsamen Holzstock schwingen und mir damit heißen Kakao machen. Meine Mutter konnte Leben retten und dafür sorgen, dass man wieder gesund wurde, wenn man krank war. Nicht weiter verwunderlich, was ich beeindruckender fand, oder?"
„Und trotzdem nutzen Sie Ihre Magie", wagt Mister MacLaine einen berechtigen Einwand, „Trotzdem sind Sie Heilerin geworden, keine Ärztin. Warum?" „Ich kann nicht verleugnen, wer und was ich bin", erwidert Millicent ohne zu zögern, „Nämlich sozusagen eine Kombination aus meinem Vater und meiner Mutter. Ich habe Magie im Blut, also arbeite ich mit ihr. Ich will Menschen heilen, also heile ich. Ich bin mit meiner Magie groß geworden, sie ist ein Teil von mir selbst und den kann ich nicht einfach von mir trennen. Ich habe gelernt, meine Magie so einzusetzen, dass ich heilen kann."
Er nickt und kritzelt eifrig weiter, während neben ihm Charles Grey die Hand hebt. „Sie haben sich bereit erklärt, an Seamus Finnigans Buch Grün ist die Hoffnung mitzuarbeiten und haben ihm viel über Ihre Kindheit und Ihre Schulzeit erzählt, über verblendeten Reinblüterstolz und Vorurteile. Sie haben ihm sehr viel Persönliches anvertraut. Warum?", will er wissen.
„Weil er gefragt hat", ist Millicents simple Erwiderung. Mister Grey legt die Stirn in Falten und Millicent scheint zu merken, dass ihm das definitiv nicht genügt, sondern dass er mehr wissen will. „Seamus wollte ein Buch schreiben, das mit Vorurteilen und Klischees aufräumt. Er wollte denen eine Stimme geben, die bisher geschwiegen hatten, nämlich uns Slytherins. Er hat sich für uns interessiert. Er hat sich für das interessiert, was der Wahrheit am nächsten kam. Können Sie sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist? Wenn man jahrelang weiß, was für ein Bild die Allgemeinheit der Zaubererwelt von einem hat, und wenn man weiß, dass dieses Bild einem nicht einmal annäherungsweise ähnlich sieht?
Seamus hat sich nicht mit dem zufrieden gegeben, was jeder zu wissen glaubte über die Slytherins. Er wollte hinter unsere Maskerade blicken, weil er davon überzeugt war, dass wir Menschen sind und keine wandelnden Klischees. Er hat die Befragung von Theodore ebenfalls gehört. Die von Draco. Von mir. Die von uns allen, verstehen Sie? Er hat mitbekommen, dass etliche von uns niemals Todesser waren. Er hat, vermutlich zum damals ersten Mal, erfahren, dass meine Mutter eine Muggel ist. Und dann hat er beschlossen, unsere Geschichte zu erzählen.
Er hat gefragt. Und er hat zugehört. Vielleicht finden Sie das vollkommen normal, wenn es um die strahlenden Helden geht; da will jeder wissen, was genau passiert ist; da liest man gerne über Harry Potters schlimme Kindheit, aber wer liest über Theos Kindheit? Wer interessiert sich für uns? Bis Seamus kam, tat das kaum jemand. Soll ich Ihnen sagen, warum? Weil niemand gerne zugibt, dass er seine Meinung über uns böse Slytherins eventuell revidieren muss. Weil es leichter ist, in Gut und Böse zu unterteilen, statt Menschen zuzugestehen, dass sie manchmal Fehler machen. Man kann auch aus den richtigen Gründen falsch handeln."
„Das bezweifle ich auch nicht", sagt Mister Grey leise und schaut Millicent unentwegt an, „Haben Sie das einmal getan?" Millicent lacht leise und freudlos auf und dir läuft ein Schauer über den Rücken. „Einmal?", wiederholt sie mit spöttischer Stimme, „Ich habe das oft genug getan. Hermione wird Ihnen bestätigen können, dass ich kein Unschuldslamm war. Ich machte mit, wenn Andere, Schwächere getriezt wurden. Wieso? Weil meine Freunde es taten. Man tut viel, um seine Freunde zu unterstützen, glauben Sie mir. Man tut viel, um nicht seinerseits zum Außenseiter zu werden."
Du schluckst schwer und fragst dich, wie Millicent so äußerlich gelassen auf ihrem Stuhl sitzen kann. Sie ist hart im Nehmen, muss es sein, bei ihrem Beruf. Da kann man nicht die Nerven verlieren. Und genauso wenig kann man es tun, wenn man über seine eigene Vergangenheit redet und seine eigenen Fehler reflektiert. Millicent weiß, dass sie nicht immer alles richtig gemacht hat, aber dieses Wissen ist ziemlich viel wert.
„Ich gehe davon aus, dass Sie nicht die einzige Slytherinschülerin mit muggelstämmigem Hintergrund waren", fährt Mister Grey fährt und wartet kurz, bis Millicent nickt, „Haben Sie mit Ihren Freunden darüber gesprochen? Haben Sie Ihre Freunde danach ausgesucht? Haben Sie das thematisiert?"
Millicent schnaubt, irgendwas zwischen belustigt und ungläubig. „Ich war in Slytherin", antwortet sie, „Damit hatte sich die Sache eigentlich erledigt. Wir hatten genauso viele Halbblüter oder Muggelstämmige wie die anderen Häuser. Aber wir sprachen nicht ständig darüber. Slytherin ging über Blut. Als Slytherin war man unter all den anderen Slytherins sicher. Wir hielten zusammen. Natürlich bekamen wir mit der Zeit mit, wer von unseren Freunden welchen Hintergrund hatte, nur wurde niemand deswegen verspottet. Wir hatten es nach Slytherin geschafft, dafür musste es einen Grund geben und somit hatten wir unsere ... Berechtigung."
„Soweit ich weiß", hebt Tobias Miller da die Stimme, bemüht sich jedoch nicht, das Gleiche mit seiner Hand zu tun, „waren und sind Sie mit Draco Malfoy befreundet, der dafür bekannt ist, Zauberer und Hexen mit Muggelhintergrund zu diskriminieren und der das Gleiche während seiner Schulzeit getan hat. Es ist außerdem bekannt, dass Draco Malfoy ein Todesser war und dem Dunklen Lord gedient hat, genau wie sein Vater. Beide waren in Slytherin und verkündeten dort ihre rassistischen Äußerungen. Warum sollten Sie anders sein?"
Normalerweise wärst du spätestens jetzt eingeschritten, aber Millicent kann mit so etwas umgehen. Sie kann öffentliche Anfeidungen wegstecken, ohne sich dabei Blöße zu geben. Und so bist du überrascht, dass zwei weibliche Stimmen „Halt den Mund!" und „Sei still!" rufen, noch ehe Millicent zu Wort kommt. Sowohl Miss Carter als auch Miss Hopkins haben Tobias wütend fixiert. „Schon in Ordnung", sagt Millicent und Miss Carter fährt ihr hitzig dazwischen, „Nein, ist es nicht, er hat kein Recht -" „Das genügt, Miss Carter", unterbricht Millicent sie und du fragst dich verwirrt, woher sie den Namen deiner Studentin kennt. Und weshalb Miss Carter so vehement für Slytherins eintritt.
„Ihnen scheint ja erstaunlich viel bekannt zu sein", wendet sich Millicent nun an Mister Miller, der ihr trotzig entgegenblickt, „Vielleicht ist Ihnen da entgangen, dass Draco Malfoy freigesprochen wurde. Vielleicht haben Sie vorhin nicht richtig zugehört, als ich versucht habe zu erklären, dass man manchmal Unsicherheit und Angst hinter Spott verbirgt und dass Draco Malfoy das definitiv getan hat. Vielleicht hat sich Ihnen der Sinn seiner Worte nicht ganz erschlossen, als Draco Malfoy öffentlich erklärt hat, dass in seinem Beruf Talent mehr wert ist als reines, altes Blut? Vielleicht haben Sie nicht mitbekommen, dass er der Aufnahme des ersten muggelstämmigen Mitglieds der Alchimistengilde zugestimmt hat?"
„Wenn er es nicht getan hätte, hätte ihn die Öffentlichkeit endgültig verurteilt", gibt Mister Miller zurück und verschränkt die Arme vor seiner Brust, „Wegen Menschen wie Draco Malfoy hat die Zauberergemeinschaft zwei Kriege überstehen müssen. Wegen Menschen wie ihm wurden Unschuldige getötet und gefoltert. Wegen Menschen wie ihm wurden -"
Als Millicent ihn unterbricht, scheint sie mehr zu verstehen als du es tust. „Machen Sie den Fehler nicht", sagt sie ruhig, „Schließen Sie nicht von einem Menschen auf alle anderen. Draco Malfoy hat nie jemanden getötet. Er hat keinen der Unverzeihlichen angewandt. Es gibt ein paar Auroren, die das nicht von sich behaupten können. Draco war nicht unschuldig, das will ich gar nicht behaupten. Aber gestehen Sie ihm zu, dass sich Menschen im Laufe der Jahre ändern können, genau wie ihre Ansichten. Niemand ist perfekt. Und auch Severus Snape war ein Slytherin und wird heute gerne als Held verklärt."
Du bist dir ziemlich sicher, dass Mister Miller darauf noch etwas hat erwidern wollen, doch irgendwie schafft es Millicent, ihn mit einem Blick zum Schweigen zu bringen. Er sieht nicht unbedingt gut aus, wie er da oben auf seinem Stuhl sitzt, denkst du. Er hat fleckige, rote Wangen und sein Atem geht viel zu schnell und hektisch. Du willst gerade eingreifen und zur Diskussion überleiten, als Miss Shaw sich meldet.
„Bitte verstehen Sie das nicht falsch", meint sie ein bisschen eingeschüchtert, „Ich habe mich nur gefragt ... ob Ihre Großeltern väterlicherseits es gut fanden, dass ihr Sohn eine Muggel geheiratet hat. Schließlich war die Familie bis dahin doch weitgehend reinblütig und fast ausnahmslos in Slytherin, oder?"
Millicent nickt. „Das ist richtig", bestätigt sie, „Bevor mein Vater meine Mutter heiratete und dann ich geboren wurde, waren die Bulstrodes reinblütig und über ein paar Umwege sogar mit den Blacks verwandt, die ja lange als eine Art Zaubereradel in Großbritannien galten. Meine Großeltern verkehrten ausschließlich in Zaubererkreisen. Nicht, weil sie dachten, dass Muggel weniger wert seien, sondern weil sie davon überzeugt waren, dass ein Muggel einen Zauberer niemals vollkommen verstehen würde. Sie dachten, dass es nicht gutgehen könne, wenn die zwei Welten aufeinanderprallen würden, weil zu viele Unterschiede bestehen.
Sie haben meinem Vater nicht vorgeschrieben, wen er heiraten soll. Aber sie interessierten sich für Politik und sie wussten, dass der Dunkle Lord mehr und mehr Anhänger um sich scherte. Sie hatten Angst um ihren Sohn und ja, deshalb wäre es ihnen vielleicht lieber gewesen, wenn er eine Reinblütige geheiratet hätte. Nur hat sich mein Vater dummerweise in meine Mutter verliebt. Und meine Familie hatte Glück. Die von Hannah hatte das leider nicht."
Millicent verstummt und du raschelst auffällig mit deinen Notizen, um die Aufmerksamkeit deiner Studenten auf dich zu ziehen. „Gut", machst du betont heiter, „Vielen Dank, Millicent. Ich würde vorschlagen, dass wir den Rest unserer Vorlesungszeit dafür nutzen, mit unseren Gästen eine kleine Diskussion zu führen. Wenn Sie allerdings lieber die weiteren Anlagen besprechen würden, die ich Ihnen zum Lesen und Vorbereiten geschickt habe, würde ich auch das verstehen." Ein paar deiner Studenten werfen dir belustigte Blicke zu und scheinen sich zu fragen, ob du allen Ernstes glaubst, dass sich jemand für Andromeda Tonks oder Susan Bones interessiert, wenn vier illustre Gäste in eurem Hörsaal sitzen.
(Nein, du glaubst es nicht.)
Miss Hopkins ist die Erste, die du aufrufst. Sie schaut eure Gäste der Reihe nach an und verkündet „Nachdem es vorhin bei Mrs Longbottom schon einmal angeklungen ist, würde ich nun gerne von Ihnen allen erfahren, was Sie Ihren Kindern – tatsächlichen oder hypothetischen – erzählen, wenn es um Slytherins und Gryffindors geht, um Vorurteile und um Klischees. Was erzählen Sie von Ihrer Schulzeit? Die ungeschminkte Wahrheit? Was sagen Sie, wenn Ihr Kind nach Slytherin kommt?"
„Meine Kinder lernen, was Toleranz bedeutet", macht Hermione den Anfang, „Sie respektieren ihre Muggelgroßeltern ebenso wie ihre Zaubererverwandtschaft. Wir haben keine Hauselfen und ich bringe ihnen bei, sogenannte Halbwesen nicht von oben herab zu behandeln. Wenn sie nach meiner Schulzeit fragen, erzähle ich ihnen Geschichten, Abenteuer, die wir erlebt haben. Sie wissen, dass ich und mein Mann in Gryffindor waren. Sie wissen, dass Gryffindor und Slytherin eine fast schon traditionsreiche Rivalität pflegen. Aber sie wissen auch, dass man Menschen nicht aufgrund nur eines Aspekts verurteilen darf. Wenn eines meiner Kinder nach Slytherin kommt, hoffe ich, dass es mir die Mentalität der Slytherins näherbringen kann. Und dass es besser in Zaubertränke ist als sein Vater."
Millicent grinst und murmelt etwas nicht sonderlich Nettes über Rons nicht vorhandenes Zaubertranktalent, was Hermione zum Schmunzeln bringt.
„Mein Kind würde wohl die ungeschminkte Wahrheit erfahren, ja", antwortet nun Hannah, „Meine Mutter wurde von Todessern umgebracht und Nevilles Eltern wurden gefoltert. Soll ich das verschweigen? Oder schönreden? Das kann ich nicht. Aber genauso wenig kann ich behaupten, dass alle Slytherins Todesser seien. Es stimmt einfach nicht. Wenn mein Kind nach Slytherin kommt, hoffe ich, dass es keinerlei Vorurteile mit sich herumträgt. Und ich würde mich darüber amüsieren, dass die Kombination Hufflepuff und Gryffindor offenbar Slytherin ergibt."
Terry zuckt die Achseln. „Ich glaube nicht, dass Slytherin und Ravenclaw so weit auseinanderliegen", bekennt er, „Wir halten uns eher an Regeln und lernen bevorzugt aus Büchern, während Slytherins geschickter darin sind, die Regeln für sich auszulegen und aus Erfahrung zu lernen. Wenn mein Kind nach Slytherin kommen würde, wüsste ich, dass es dafür einen Grund gibt. Ich würde versuchen, meinem Kind beizubringen, dass nichts nur eine Seite hat, dass es wichtig ist, hinter Fassaden zu schauen und kritisch zu hinterfragen."
Millicent lächelt. „Natürlich würde ich meinem Kind die Wahrheit erzählen. Es hätte ein Recht darauf. Und wenn es nach Slytherin käme, würde ich hoffen, dass es dort ebensolche Freunde finden würde wie ich das getan habe."
Du nickst. „Danke", sagst du, „Weitere Fragen? Diskussiosbedarf? Ein paar Minuten haben Sie noch, also nutzen Sie die gut."
„Könnten Sie nicht dafür sorgen, dass Harry Potter mal vorbeikommt?", platzt Trystan Bickerton heraus und seine Kommilitonen klopfen zustimmend auf ihre Pulte. Du stöhnst ein bisschen übertrieben auf und raufst dir die Haare. „Wir reden hier über Familienbilder und Gesellschaftskritik und Sie haben nichts Besseres zu tun, als sich nach Harry Potter zu erkunden", seufzst du und verdrehst die Augen, während deine vier Gäste allesamt breit grinsen.
„Lassen Sie sich doch einfach mal überraschen, was Sie in den kommenden Wochen noch erwarten wird", empfiehlst du deinen Studenten, ehe Hermione auf die Idee kommt, etwas zu antworten, was deine Pläne durchkreuzen könnte, „Wenn ich Sie aber richtig verstanden haben, gibt es also keine weiteren Fragen zur heutigen Sitzung. Nächste Woche werden wir uns mit der sogenannten Hellen Seite befassen. Ich werde Ihnen die Unterlagen natürlich wie immer zuschicken."
Du rutschst von deinem Pult und vergräbst die Hände in den Hosentaschen. „Und jetzt", sagst du, „fände ich es eigentlich recht schön, wenn Sie sich bei unseren Gästen bedanken würden. Ich habe mich sehr gefreut, dass die Vier uns heute beehrt haben und ich hoffe, dass sowohl meinen Gäste als auch Ihnen, den Studenten, unsere heutige Sitzung gefallen hat."
Deine letzten Worte gehen unter in einem ziemlich lauten Applaus, der von begeistertem Trommeln auf den Tischen begleitet wird. Du nimmst das einfach mal als ein 'Ja, es hat uns gefallen' von deinen Studenten.
„Wunderbar", meinst du, „Dann wünsche ich Ihnen eine schöne Woche."
Deine Studenten packen wesentlich langsamer als sonst ihre Taschen und mehrere von ihnen werfen deinen Gästen lange, neugierige Blicke zu, als sie dann schließlich doch den Hörsaal verlassen. Einige sagen „Danke" oder „Schön, dass Sie da waren" und Stephen Hart sagt „Auf Wiedersehen", besonders zu Hermione. Tobias Miller verlässt den Raum unter Millicents wachsamem Blick und ausnahmsweise ist Miss Hopkins, gemeinsam mit Miss Carter, eine der Ersten, die aus dem Hörsaal verschwindet. Irgendwie hast du das Gefühl, dass heute mehr passiert ist, als du gedacht hattest.
(Und dass du nicht alles verstanden hast, aber Hermione und Millicent jeweils ein bisschen mehr.)
Du stopfst deine eigenen Notizen, von denen du nicht ein einziges Pergament benötigt hast, in deine Tasche, greifst dir deine Robe und schaust, ein wenig lächelnd und ein wenig erschöpft, zu deinen Gästen. „Gut", sagst du, „Wir haben's geschafft. Braucht noch jemand außer mir eine kleine Pause?"
tbc.
Reviewantworten:
Mrs. Moony. Padfoot: Vielen lieben Dank für dein Review! Ich freue mich sehr, dass du dich über das letzte Kapitel so gefreut hast. Interview Nummer 1 war in der Tat mit Hermiones Vater, Nummer 3 mit Terry Boot (es wurde vorher mal erwähnt, dass er Magische Technologie studiert hat), bei Nummer 4 hast du Recht, Nummer 5 ist mit Susan Bones und Nummer 6 ist natürlich Andromeda. Ich hoffe, das heutige Kapitel hat dir auch gefallen!
WanderingAlbatros: Auch dir ganz herzlichen Dank für dein Review! Ja, Nummer 1 ist Hermiones Vater (hat er tatsächlich in den Büchern mal einen Vornamen gekriegt?) und auch bei den anderen liegst du genau richtig. Ich hoffe, der Besuch von Hannah hat dir ein bisschen dabei geholfen, den Zeitungsartikel über sie in Verbindung mit den anderen Anlagen zu bringen. Un ich bin sehr gespannt, was du zu den Gästen der Vorlesung sagen wirst.
kleine Alraune: Vielen herzlichen Dank für deine Rückmeldung! Es tut mir wirklich Leid, dass ich euch schon wieder so lange habe warten lassen. Ich hoffe, es hat sich ein bisschen gelohnt, auch wenn das heutige Kapitel ein wenig aus der Reihe tanzt und du diesmal leider nicht mit den Studenten gemeinsam rätseln konntest, wer hinter welchem Interview steckt.
