Anmerkung der Autorin: Liebe Leser, ich weiß, ich habe mir mal wieder sehr viel Zeit gelassen für das neueste Kapitel. Uni und das ganze Drumherum fordern eben ihren Tribut und einen Großteil meiner Freizeit ein. Habt jedoch vielen lieben Dank für's Lesen und Kommentieren!
Ich hoffe, dass euch das heutige Kapitel dennoch viel Spaß machen wird. Immerhin habe ich es noch geschafft, im alten Jahr etwas hochzuladen :) Hoffentlich hattet ihr alle ganz wunderbare und entspannte Weihnachtsfeiertage und kommt heute Nacht gut ins neue Jahr.
Zur ersten Anlage gibt es heute eine kleine erklärende Anmerkung, allerdings erst ganz am Ende das Kapitels, da ich sonst ein bisschen was an Spannung vorweg genommen hätte. Aber nun:
Viel Spaß beim Lesen!
Anmerkung:
Liebe Studierende,
anbei wie üblich das vorzubereitende Material für die kommende Sitzung. Nachdem wir uns in der vergangenen Woche intensiver mit der sogenannten Hellen Seite befasst haben, drehen wir den Spieß nun um und betrachten die Dunkle Seite, was sowohl Todesser miteinschließt als auch solche, die es nie waren, aber von denen man es angenommen hat. Da wir nun zur Genüge über diverse Klischees bezüglich der Häuserzugehörigkeit gesprochen haben, gehe ich davon aus, dass niemand unter Ihnen weiterhin die Gleichung Slytherin = Todesser unterschreiben würde.
Vielleicht kann das beiliegende Material zusätzlich dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und der Realität näherzukommen. Ich hoffe, dass Sie sich die Zeit nehmen, um die Anlagen sorgfältig durchzuarbeiten.
Ihnen eine schöne Woche und bis zur Vorlesung.
Anlage 1
Protokoll Gerichtssitzung V/1, 03. September 1998, Gerichtssaal 2
in Anwesenheit der Öffentlichkeit
Vorsitz: Nathanael Campbell
Verteidigung: Andraste Mulciber
GD: Verhandelt wird in der Sache Britischer Zaubererstaat gegen Draco Malfoy. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, als Mitglied der sogenannten Todesser die Ideale des Dunklen Lords vertreten zu haben und somit die Gesetze der magischen Gesellschaft gebrochen zu haben. Ihm werden unter Anderem der Gebrauch der Unverzeihlichen Flüche sowie der versuchte Mord an Albus Dumbledore zur Last gelegt. Den Vorsitz führt der ehrenwerte Richter Campbell. Die Strafverteidigung erfolgt durch Andraste Mulciber.
G: Name?
A: Draco Malfoy.
G: Geboren am?
A: 05. Juni 1980.
G: Geboren in?
A: Malfoy Manor in Wiltshire.
G: Derzeitiger Wohnort?
A: Ich lebe mit meiner Mutter in Malfoy Manor, Wiltshire. Allerdings stehe ich unter Arrest, wie Sie zweifellos wissen. Meine Räume werden von Auroren bewacht.
G: Derzeitige Beschäftigung?
A: Keine.
G: Ich verstehe. Mister Malfoy, Sie haben soeben gehört, was Ihnen vorgeworfen wird. Haben Sie gemeinsam mit Ihrer Verteidigerin entschieden, ob Sie selbst dazu Stellung nehmen möchten?
V: Mein Mandant möchte aussagen.
G: Dann weise ich Sie hiermit darauf hin, dass Sie das Recht haben zu schweigen, sollten Sie sich mit Ihrer Aussage selbst belasten.
A: Ja. Ich weiß.
G: Das Gericht ruft Draco Malfoy in den Zeugenstand. Mister Malfoy, welches Haus haben Sie während Ihrer Schulzeit in Hogwarts besucht?
A: Ich war in Slytherin.
G: Waren Sie zufrieden damit?
A: Ja. Es hat Tradition. Meine Eltern waren ebenfalls beide in Slytherin.
G: Hat es Sie nie gestört, dass Slytherin bei den Mitgliedern der anderen drei Häuser einen eher schlechten Ruf genießt?
A: Eigentlich nicht, nein. Slytherin passte zu mir oder ich passte zu Slytherin.
G: Inwiefern? Könnten Sie das etwas näher erläutern?
A: Das Wappentier der Slytherins ist eine Schlange. Schlangen sind nicht gerade für ihre menschenfreundliche und gesellige Art bekannt. Wir sind Einzelgänger. Aber da wir uns in unserem Einzelgängertum ähnlich sind, können wir innerhalb Slytherins Freunde finden.
G: Und außerhalb Slytherins Feinde?
A: Vermutlich.
G: Hatten oder haben Sie Feinde?
A: Ich schätze, schon.
G: Zum Beispiel?
A: Glauben Sie mir: ich bin gut darin, mir Feinde zu machen. Ich kann unausstehlich sein, wenn ich will. Welche Namen wollen Sie von mir hören? Ronald Weasley? Hermione Granger? Harry Potter? Ich kann sie Ihnen alle geben.
G: Warum wurden Sie zu Feinden? - Mister Malfoy?
V: Mein Mandant würde es vorziehen, diese Frage nicht in aller Öffentlichkeit beantworten zu müssen.
G: Stattgegeben. Mister Malfoy, Ihr Vater ist derzeit als ehemaliges Mitglied der Todesser inhaftiert. Ihnen wird Ähnliches zur Last gelegt. Haben Sie sich den Todessern angeschlossen?
A: Das kommt auf den Standpunkt an.
G: Wie darf ich das verstehen?
A: Ich habe für den Dunklen Lord gearbeitet, ja. Ich habe, zumindest teilweise, seine Überzeugungen vollauf geteilt und mich darum bemüht, die Aufgaben zu erfüllen, die er mir stellte. Aber ich habe niemals das Dunkle Mal getragen.
G: Und weshalb nicht?
A: Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben, da ich es selbst nicht weiß. Ich habe nur Vermutungen.
G: Dann teilen Sie Ihre Vermutungen mit mir.
A: Ich trat den Todessern bei, nachdem mein Vater beim Angriff des Dunklen Lords auf Harry Potter im Zaubereiministerium verhaftet und nach Azkaban gebracht wurde. Dass mein Vater aufgegriffen worden war, bedeutete für den Dunklen Lord, dass mein Vater unfähig gewesen war. Dass er einen Fehler begangen hatte. Und diesen Fehler konnte er zu der Zeit nicht wieder gut machen, da er im Gefängnis saß. Aber ich konnte versuchen, den Dunklen Lord wieder milde zu stimmen und mich in seine Dienste zu stellen. Allerdings verweigerte er mir das Dunkle Mal. Somit war ich kein richtiger Todesser, verstehen Sie? Ich war unter seinen Anhängern ein Ausgestoßener, einer, der nicht mit allen Anderen auf einer Stufe stand. Es war eine Schmach, es war Rache für das Versagen meines Vaters.
G: Wie ging der Dunkle Lord weiter vor?
A: Er ... er gab mir einen Auftrag.
G: Was für ein Auftrag war das?
A: Ich sollte nach Hogwarts zurückkehren und Albus Dumbledore töten.
G: Ruhe im Saal! Warum, glauben Sie, haben Sie diesen Auftrag erhalten?
A: Damals dachte ich, es wäre eine Ehre, eine Art Friedensangebot, eine Möglichkeit, meine Familie vor dem Dunklen Lord wieder besser dastehen zu lassen. Heute weiß ich, dass meine Mutter Recht hatte: der Auftrag war die Hoffnung, mich verzweifeln zu lassen, mich scheitern zu lassen, sodass ich am Ende hätte umgebracht werden können, um meinen Vater weiter zu bestrafen.
G: Der Mord an Albus Dumbledore wird Ihnen zur Last gelegt. Haben Sie ihn begangen?
A: Nein.
G: Wer tötete ihn an Ihrer Stelle?
A: Mein ehemaliger Lehrer. Severus Snape.
G: Hatten Sie vorher Versuche unternommen, Albus Dumbledore zu töten?
A: Ja.
G: Ruhe im Saal! Mister Malfoy, was für Versuche waren das?
A: Ich schickte ihm ein verfluchtes Schmuckstück. Und vergifteten Met.
G: Aber Ihre Bemühungen waren erfolglos?
A: Ja. Sie kamen nicht einmal in die Nähe von Dumbledore. Ich war – Ich wusste nicht, was ich tun sollte.
G: Mister Malfoy, haben Sie jemals Gebrauch von den Unverzeihlichen Flüchen gemacht?
A: Ja.
G: Von allen dreien?
A: Nein. Ich habe niemals den Todesspruch benutzt. Ich habe den Imperius-Fluch eingesetzt. Und Anstalten gemacht, den Cruciatus zu sprechen.
G: Wem gegenüber war das?
A: Mit dem Imperius verhexte ich Madam Rosmerta, die Inhaberin der Drei Besen. Ich brauchte sie, um das verfluchte Collier jemandem zu überreichen, der es dann nach Hogwarts bringen würde. Und sie musste den Met für mich vergiften.
G: Und der Cruciatus?
A: Gegenüber Harry Potter.
G: Erfolgreich?
A: Nein. Ich habe ihn nicht einmal zu Ende gesprochen. Potter war schneller als ich.
G: Warum wollten Sie diesen Fluch benutzen?
A: Es war in der Situation das Erste, das mir in den Sinn kam.
G: Was für eine Situation war das?
A: Eine, in der ich nicht wollte, dass mich jemand zu Gesicht bekommt.
G: Können Sie das näher erläutern?
V: Mit Verlaub, mein Mandant könnte, würde es jedoch vorziehen, die Frage unter den gegebenen Umständen nicht beantworten zu müssen.
G: Ich verstehe. Stattgegeben. Mister Malfoy, was geschah, nachdem Severus Snape an Ihrer Stelle den Mord an Albus Dumbledore begangen hatte?
A: Wir flohen aus Hogwarts. Die Sommerferien standen sowieso vor der Tür.
G: Und dann?
A: Der Dunkle Lord quartierte sich in meinem Elternhaus ein.
G: Haben Sie oder Ihre Eltern das vorgeschlagen?
A: Machen Sie Witze? Man schlägt dem Dunklen Lord nichts vor. Er nimmt sich, was er möchte.
G: Gab es Widerspruch von Ihrer Seite?
A: Nein. Wir sind keine heldenhaften Gryffindors. Wir hatten Angst.
G: Ruhe im Saal! Ich verlange absolute Ruhe! Mister Malfoy, haben Sie den Dunklen Lord in dieser Zeit weiterhin aktiv unterstützt?
A: Was verstehen Sie unter „aktiv"?
G: Haben Sie seine Überzeugungen in Hogwarts lautstark vertreten? Haben Sie den Todessern im damaligen Lehrerkollegium unter die Arme gegriffen? Haben Sie Muggelstämmige angegriffen, verhext oder beleidigt?
A: Nein.
G: Ich wiederhole mich ungern: Ruhe im Saal oder ich sorge dafür, dass niemand unter Ihnen den weiteren Verlauf dieser Sitzung mitbekommen wird. Mister Malfoy, warum haben Sie den Dunklen Lord und seine Ideale nicht mehr unterstützt?
A: Wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären ... wenn Sie miterlebt hätten, wie er Ihre Eltern demütigt, ihnen Strafen androht, sie in Angst und Schrecken versetzt ... wenn es Ihr Leben gewesen wäre, dass er auf den Kopf gestellt und zum Schlechtesten hin verändert hätte – wären Sie da noch bereit gewesen, für den Dunklen Lord Ihr Leben zu lassen?
G: Das genügt mir als Antwort. Mister Malfoy, ich würde gerne erfahren, wie Ihre Eltern mit der Situation umgegangen sind, allerdings werde ich Sie dazu nicht zwingen, da die Frage nicht Sie persönlich betrifft.
A: Was wollen Sie hören? Mein Vater ist ein stolzer Mann. Es wäre ihm nicht recht, wenn ich im Detail ausplaudere, wie sehr er manchmal gelitten hat.
G: Hat er noch an die Ideale des Dunklen Lords geglaubt?
A: Er hat darauf gehofft, dass der Krieg ein Ende finden würde.
G: Und welchen Ausgang sollte er haben?
A: Das müssen Sie meinen Vater schon selbst fragen.
G: Und auf welchen Ausgang haben Sie gehofft?
A: Vielleicht war mir das ja egal.
G: Haben Sie in der entscheidenden Schlacht in Hogwarts gekämpft?
A: Nein.
G: Ruhe im Saal oder ich mache meine Drohung wahr und lasse ihn räumen. Dann können Sie alle in Ihren eigenen vier Wänden so laut dazwischen rufen, wie Sie nur wollen. Mister Malfoy, ist es wahr, dass Harry Potter Ihnen während der Schlacht zweimal das Leben gerettet hat?
A: Ja.
G: Haben Ihre Eltern gekämpft?
A: Nicht, soweit ich weiß. Sie haben mich gesucht. Und ich habe sie gesucht.
G: Haben Freunde von Ihnen gekämpft?
A: Ja und nein.
G: Das bedeutet?
A: Vincent Crabbe starb. Gregory Goyle hat gekämpft. Die Anderen ... also, die übrigen Slytherins meines Jahrgangs ... Pansy, Millicent, Theodore, Blaise und Daphne ... haben Hogwarts verlassen.
G: Und Sie waren oder sind mit ihnen allen befreundet?
A: Nein.
G: Das heißt?
A: Crabbe und Goyle waren ... sie waren früher so etwas wie meine ständigen Begleiter. Aber keine Freunde. Theodore und Daphne sind miteinander befreundet. Und Blaise mit Millicent. Und Pansy. Pansy kenne ich lange genug, um sie als Freundin bezeichnen zu können. Blaise und Millicent zählen vermutlich auch dazu. Mit Theodore verbindet mich am stärksten, dass sein Vater ebenfalls den Todessern angehörte.
G: Warum haben diese Fünf Hogwarts verlassen?
A: Keiner von ihnen gehörte den Todessern an. Keiner von ihnen glaubt wirklich an die Ideale, die der Dunkle Lord vertritt. Sie wollten also auf keinen Fall für den Dunklen Lord kämpfen. Aber wären sie gegen ihn angetreten und hätte er gewonnen, dann hätte er sie und ihre Familien für den Verrat büßen lassen. Wie gesagt: wir Slytherins sind keine Helden. Wir handeln zu unserem eigenen Vorteil.
G: Warum glaubte niemand von ihnen an die Ideale von reinem Blut und der angeblichen Schlechtigkeit der Muggel?
A: Erwarten Sie darauf keine Antwort von mir. Ich plaudere bestimmt nicht in der Öffentlichkeit Slytherininterna aus.
G: Ruhe im Saal! Die Sitzung wird hiermit unterbrochen und zu gegebener Zeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgesetzt. Die Vernehmung ist vorerst beendet.
Anlage 2
Artikel desTagespropheten vom 04. September 1998, Rita Kimmkorn
Im Zweifel für den Angeklagten?
Seit gestern fragen sich viele ehrbare Zauberer und Hexen, ob wir unserer Justiz überhaupt noch vertrauen können. Was soll man schließlich über Richter denken, die ihre Hand schützend vor ehemalige Todesser halten und versuchen, der Gesellschaft weiszumachen, der Angeklagte sei ja gar nicht so schlimm? Wenn uns die Justiz vor diesen Verbrechern schützen soll (und es ja offensichtlich nicht tut!), wer schützt dann uns vor der Justiz?
Diese und ähnliche Fragen schwirren einem unweigerlich durch den Kopf, wenn man – wie ich – das zweifelhafte Vergnügen hatte, gestern in Gerichtssaal Nummer Drei der Vernehmung von Draco Malfoy beizuwohnen. Nachdem im Vorfeld ein großes Geheimnis daraus gemacht wurde, wer den Vorsitz führen würde, war ich doch recht überrascht, Nathanael Campbell hinter dem Richtertisch zu erblicken.
Vielleicht bin ich die Einzige, die sich daran erinnert, aber Nathanaels Großonkel Ardo Campbell war dafür bekannt, glühende Verteidigungsreden auf Grindelwald geführt zu haben. Manch einer mag nun sagen „Das ist doch schon so lange her! Vergeben und vergessen.", während ich denke: kann der Apfel denn überhaupt so weit vom Stamm fallen?
Ist es nicht seltsam, dass ein Verwandter dieses Grindelwald-Anhängers nun ausgerechnet das Verhör des Jahres übernimmt und darüber hinaus Draco Malfoy auch noch wie einen jungen Mann behandelt, mit dem man nachsichtig umgehen muss, wie jemanden, der einen klitzekleinen Fehler begangen hat, den er doch so sehr bereut?
Es ist auffällig, in welch schlichten Roben man Narcissa Malfoy derzeit durch die Winkelgasse spazieren oder in Gerichtssälen sitzen sieht. Wie viel Gold es wohl kostet, sich einen bestimmten Richter zu kaufen? Offenbar ist der Dame kein Weg zu schmutzig, wenn er nur zu dem einen Ziel führt, die angebliche Unschuld ihres Sohnes zu beweisen und einen Freispruch zu erwirken.
Lucius Malfoy hingegen sitzt, Merlin sei Dank, noch immer streng bewacht hinter dicken Gefängnismauern, geschützt durch etliche Ringe magischer Sprüche, die unsere Gesellschaft vor diesem menschgewordenen Monster bewahren. Im Gegensatz zu seinem Sohn wird Lucius Malfoy derzeit noch nicht verhört und so bleibt es uns immerhin erspart, uns seine vermutlich wohl überlegten Lügen anhören zu müssen, die jedem rechtschaffenen Bürger vor Empörung die Ohren klingeln lassen.
Und vielleicht haben wir ja auch Glück. Vielleicht braucht Narcissa Malfoy das Familienvermögen auf, bevor ihrem Gemahl der Prozess gemacht wird, und dann? Dann würden wir vielleicht tatsächlich endlich einen gerechten Richter erleben, der sich nicht bestechen lässt, sondern unbeirrbar diejenigen bestraft, die es verdienen.
Und bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens der Rest der Zauberergemeinschaft nicht wie Nathanael Campbell vergessen wird, was Draco Malfoy Schreckliches getan hat.
Anlage 3
Protokoll Gerichtssitzung XII/1, 30. November 1998, Gerichtssaal 3
in Anwesenheit der Öffentlichkeit
Vorsitz: Bors Temperley
Verteidigung: Cador Dixon
GD: Verhandelt wird in der Sache Britischer Zaubererstaat gegen Theodore Nott. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, als Mitglied der sogenannten Todesser die Ideale des Dunklen Lords vertreten zu haben und dabei auch vor Folter, Mord und den Unverzeihlichen Flüchen nicht zurückgeschreckt zu haben. Den Vorsitz führt der ehrenwerte Richter Temperley. Die Strafverteidigung erfolgt durch Cador Dixon.
G: Name?
A: Theodore Nott.
G: Geboren am?
A: 12. Dezember 1979.
G: Geboren in?
A: Tŷ môr, nahe Machynlleth, Wales.
G: Derzeitiger Wohnort?
A: Ich habe keinen.
G: Wie darf ich das denn verstehen?
A: Ich reise durch Europa.
G: Derzeitige Beschäftigung?
A: Ich werde momentan in Zauberstabkunde unterrichtet.
G: Bei wem gehen Sie in die Lehre?
A: Ollivander.
G: Und seit wann?
A: Seit September diesen Jahres.
G: Wurde Ihnen die Stelle angeboten?
V: Ich wüsste nicht, was die berufliche Ausbildung meines Mandaten mit den Anschuldigungen zu tun hat, die gegen ihn erhoben werden.
G: Bitte beantworten Sie die Frage.
A: Nein. Ich habe mich beworben, nachdem bekannt wurde, dass Mister Ollivander wieder vollständig genesen war.
G: Und er hat sich bereit erklärt, Sie als Lehrling aufzunehmen?
V: Ich wiederhole: die berufliche Ausbildung meines Mandanten tut hier nichts zur Sache.
G: Mit Verlaub: Das hat das Gericht zu entscheiden. Beantworten Sie die Frage, Mister Nott.
A: Ja, das hat er. Er hat mich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, hat sich meine Noten der vergangenen Jahre angesehen und hat mir gesagt, dass er bereit wäre, mich auszubilden.
G: Soso. Und das, obwohl Mister Ollivander von Todessern gefangen gehalten wurde, von Todessern, wie Ihr Vater einer war?
A: Mister Ollivander hat mir seine Gefangenschaft nicht vorgehalten. Ich war während dieser Zeit in Hogwarts. Was hätte ich also mit der Sache zu tun haben sollen?
V: Ich verlange, dass das Gericht die persönliche Befragung meines Mandanten einstellt, bis er bestätigt hat, ob er aussagen möchte oder nicht.
G: Stattgegeben. Mister Nott, Sie wissen, welche Anschuldigungen man Ihnen vorwirft. Möchten Sie selbst dazu Stellung nehmen?
V: Mein Mandant möchte aussagen.
G: Mister Nott, ich weise Sie hiermit darauf hin, dass Sie das Recht haben zu schweigen, wenn Sie sich mit Ihrer Aussage selbst belasten würden.
A: Dessen bin ich mir bewusst.
G: Ich rufe Theodore Nott in den Zeugenstand. Mister Nott, kommen wir zurück zu Ihrer Lehre bei Mister Ollivander. Finden Sie es nicht merkwürdig, dass ein angesehener Zauberstabfachmann sich dazu bereit erklärt, jemanden auszubilden, der allgemein als Todesser gilt?
A: Mister Ollivander gibt nicht viel auf das, was die Leute reden.
G: Und wie darf ich das verstehen?
A: Ihre Leute haben mich untersucht, bevor ich zu meiner Anhörung gekommen bin. Sie haben mir Veritaserum gegeben und sich dadurch bestätigen lassen, dass ich wirklich der bin, der ich vorgebe zu sein. Sie haben mich abgetastet und meinen Körper untersucht. Dabei dürfte Ihren Leuten aufgefallen sein, dass mir ein kleines, aber entscheidendes Todessser-Merkmal fehlt: ich trage kein Dunkles Mal.
G: Ich bitte um Ruhe im Saal. Nun, Mister Nott, das ist meinen Leuten in der Tat aufgefallen. Ich frage Sie deshalb: wie haben Sie es geschafft, das Dunkle Mal innerhalb kürzester Zeit verschwinden zu lassen? Uns ist bekannt, dass es nach dem Fall des Dunklen Lords stetig verblasst, allerdings haben wir bisher von keinem Todesser gehört, bei dem es bereits vollkommen verschwunden ist. Wie ist es Ihnen gelungen?
A: Es ist mir nicht gelungen.
G: Lügen Sie nicht!
A: Selbst, wenn ich es wollte, könnte ich es nicht. Oder zweifeln Sie an der Wirkung des Veritaserums? Auf meinem Arm ist kein Dunkles Mal zu sehen, weil ich nie eines getragen habe.
G: Das ist Unsinn. Der Dunkle Lord hatte keine Gefolgsleute, die das Mal nicht eingebrannt hatten. Er benutzte es, um seine Todesser zu rufen.
A: Das ist mir bewusst.
G: Wo ist dann Ihres?
A: Wie gesagt: ich trage keines. Ich war niemals ein Todesser, daher trage ich kein Mal.
G: Ruhe im Saal! Mister Nott, wir alle hier wissen, dass Ihr Vater ein Todesser war.
V: Das hat nichts mit meinem Mandanten zu tun. Ich verbitte mir diese Unterstellungen, für die es keinerlei Beweise gibt.
G: Nicht stattgegeben. Mister Nott senior war beinahe sein ganzes Leben lang ein Todesser und wir haben jeden Grund zur Annahme, dass sein Sohn ebenfalls einer war.
A: Bei allem Respekt: dann irren Sie sich.
G: Wollen Sie etwa dem Gericht mangelnde Beweisführung vorwerfen?
A: Wenn man es so nennt, wenn Sie nicht ausreichend recherchiert haben und zu den falschen Schlüssen gekommen sind, dann ja, dann werfe ich dem Gericht mangelnde Beweisführung vor.
G: Ruhe im Saal! Mister Nott, Sie scheinen nicht verstanden zu haben, in was für einer Situation Sie sich befinden.
A: Ich kann Ihnen versichern, dass ich mir meiner Situation vollauf bewusst bin. Sie werfen mir vor, ein Todesser gewesen zu sein, und ich sage Ihnen, dass ich niemals einer gewesen bin. Da ich vorhin gezwungen wurde, Veritaserum zu mir zu nehmen, können Sie sich also sicher sein, dass ich die Wahrheit ausspreche.
G: Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass ein Slytherin, dessen Vater ein Todesser war, sich dem Dunklen Lord niemals angeschlossen hat?
A: Ich will Ihnen gar nichts weismachen. Was ich sage, stimmt.
G: Und wie soll es dazu gekommen sein?
A: Mein Vater war jung, als er dem Dunklen Lord folgte. Er war jung und dachte, dass es nicht schlecht sein könnte, wenn die altehrwürdigen Reinblüter endlich den Respekt bekommen würden, den sie verdient hatten. So wurde mein Vater großgezogen. So verbrachte er seine Kindheit und seine Schulzeit. Natürlich hat er diese Ideale gepflegt, als er dem Dunklen Lord begegnete. Er dachte, Voldemort hätte die richtigen Ideen.
G: Soso. Und Ihr armer Vater war dann regelrecht bei den Todessern gefangen und wusste gar nicht, wie ihm geschah, als das Morden und Foltern begann? Dementsprechend froh muss er gewesen sein, als der Dunkle Lord 1981 von der Bildfläche verschwand.
V: Der Spott ist unangebracht.
G: Was angebracht ist oder nicht, entscheidet das Gericht. Wenn Ihnen mein Ton nicht passt, können wir gerne dafür sorgen, dass Mister Nott einen anderen Verteidiger bekommt.
A: Schon gut, Mister Dixon. Nein, mein Vater wusste ungefähr, worauf er sich einließ. Allerdings änderten sich 1979 seine Prioritäten.
G: Ach? Was passierte denn Wundersames?
A: Er heiratete. Und im Dezember wurde ich geboren.
G: Sie wollen mir erklären, dass ein eiskalter Todesser sich davon erweichen ließ, dass seine Frau schwanger wurde und ein Kind zur Welt brachte?
A: Ja. Oder wollen Sie Todessern menschliche Gefühle absprechen? Sicher ist Ihnen bekannt, was Narcissa Malfoy für ihren Sohn getan hat. Was Petronia Parkinson -
G: Das genügt.
A: Warum? Passt es Ihnen nicht, wenn -
V: Mister Nott.
A: Sagen Sie das nicht mir. Mir wäre es auch lieber, ich könnte besser kontrollieren, was ich hier ausplaudere.
G: Dann plaudern Sie mal weiter. Weshalb sollen eine Hochzeit und eine Geburt einen Todesser verändert haben?
A: Vielleicht, weil er in erster Linie nun Ehemann und Vater war? Danach war er übrigens auch noch ein Mensch und nicht nur ein Todesser.
G: Zügeln Sie sich, Mister Nott. Wollen Sie mir etwa erklären, dass Ihr Vater in Ihrer Kindheit ganz der liebevolle Papa war?
V: Ich wiederhole mich: Der Spott ist unangebracht.
G: Antworten Sie, Mister Nott. Und wenn Ihnen mein Ton nicht passt, Mister Dixon, können wir die Sitzung gerne ohne Sie fortführen.
A: Ja, so etwas Ähnliches wollte ich damit ausdrücken. Mein Vater war nicht gerade der Jüngste, als ich zur Welt kam. Er hatte nicht mehr damit gerechnet, noch Kinder zu bekommen. Also wollte er dafür sorgen, dass ich die beste nur vorstellbare Kindheit haben würde. Er hat mit mir nie über reines Blut oder den Dunklen Lord gesprochen. Das war ein Kapitel in seinem Leben, in das er mich nicht mit hineinziehen wollte. Und meine Mutter ebenfalls nicht.
G: Und dennoch war Ihr Vater sofort zur Stelle, als der Dunkle Lord 1995 zurückkehrte. Wie erklären Sie sich das?
A: Waren Sie schon einmal so traurig und so wütend, dass Sie sich wünschten, Ihren Schmerz an jemandem ausleben zu können?
G: Ich stelle hier die Fragen.
A: Bitte. Im Frühjahr 1994 erkrankte meine Mutter. Brustkrebs, sagten die Heiler und auch die Muggelärzte, zu denen meine Mutter in ihrer Verzweiflung ging. Es gibt kein sicheres Heilmittel gegen Krebs, wussten Sie das? Weder bei den Muggeln noch bei uns. Ein Jahr nach der Diagnose war meine Mutter tot, gestorben an einer typischen Muggelkrankheit, gegen die wir Zauberer und Hexen uns immer gefeit geglaubt hatten. Mein Vater war rasend vor Schmerz, er war nicht mehr er selbst und als der Dunkle Lord wiederkehrte und die Muggel dafür büßen lassen wollte, dass sie Muggel waren und keine Zauberer, war mein Vater in seiner Trauer nur allzu bereit, ihm wieder zu folgen.
G: Eine rührende Geschichte. Und Sie waren mit Ihren damals fünfzehn Jahren natürlich intelligent genug, sich diesem Rachefeldzug nicht anzuschließen und zu erkennen, dass kein Muggel etwas für die Krankheit Ihrer Mutter konnte?
A: Ja.
G: Erzählen Sie mir keine Märchen. Selbst wenn Sie damals noch kein Todesser wurden, da Sie zu jung waren – warum sollten Sie es nicht später werden?
A: Wann denn? Wie Ihnen zweifellos bekannt ist, wurde mein Vater 1996 nach Azkaban gebracht und ist wenig später verstorben. Und warum hätte ich von alleine aus losziehen sollen, um den Dunklen Lord zu finden, mich ihm zu unterwerfen und ihm ewige Treue zu schwören, wo ich doch genau wusste, dass er vor keinerlei grausamen Foltermethoden zurückschreckte, auch nicht bei seinen Gefolgsleuten? Wo mir doch klar war, dass es einer Versklavung gleichkommen würde, wenn ich mich ihm anschließen würde? Der Dunkle Lord entlässt niemanden aus seinen Diensten. Wieso also hätte ich mich selbst zu einer willenlosen Puppe degradieren lassen sollen, die auf Geheiß des Dunklen Lords losziehen müsste, um andere Menschen zu töten und zu foltern? Wollen Sie mir jegliche Menschlichkeit absprechen?
G: Das genügt. Einer Ihrer Slytherin-Klassenkameraden, Draco Malfoy, kommt aus ähnlichen familiären Verhältnissen wie Sie, ist ebenfalls mit einem Vater aufgewachsen, der Todesser war, und Draco Malfoy hat bereits eingestehen müssen, dass auch er den Todessern angehörte. Sie müssen zugeben, dass Ihre kleine Geschichte daneben nicht sonderlich glaubwürdig wirkt.
A: Ich wiederhole mich: Sie haben mir Veritaserum gegeben. Die Dosis war nicht derart hoch, dass ich alles ausplaudere, aber hoch genug, um dafür zu sorgen, dass ich derzeit überhaupt nicht in der Lage bin, vor Gericht zu lügen, auch wenn ich es wollte. Nicht jeder Slytherin war ein Todesser.
G: Aber Draco Malfoy war einer.
A: Vielleicht. Und ich war keiner. Wollen Sie das nicht verstehen oder können Sie nicht?
G: Mister Nott, es gibt auch genügend Möglichkeiten, Sie wegen Beleidigung des Gerichts bestrafen zu lassen.
V: Wollen Sie meinem Mandanten drohen?
G: Ich will, dass Ihr Mandant sich benimmt.
A: Nein, Sie wollen, dass ich Ihnen erzähle, dass ich ein Todesser war, der Spaß daran hatte, unschuldige Menschen zu quälen, nicht wahr?
V: Mister Nott, beruhigen -
A: Nein, ich will mich nicht beruhigen. Ich habe es satt, als Todesser gebrandmarkt zu werden, obwohl ich niemals einer gewesen bin. Unsere Gesellschaft ist vieles, aber bestimmt nicht vorurteilsfrei. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass auch -
V: Mister Nott!
A: Ja. Entschuldigung.
G: Zügeln Sie Ihren Mandanten, Mister Dixon. Bei einer weiteren Entgleisung sieht sich das Gericht gezwungen, die nötigen -
V: Ja. Ich weiß.
G: Mister Nott, zurück zu Ihnen und Draco Malfoy. Sie beide waren Klassenkameraden, schliefen im selben Schlafsaal, hatten, wie gesagt, eine ähnliche Erziehung genossen. Sicherlich gab es genügend Möglichkeiten für Sie beide, um sich mal zurückzuziehen und über die Standpunkte zu diskutieren, die Sie vertraten.
A: Ich fürchte, da werde ich Sie enttäuschen müssen. Meine Beziehung zu Draco war nie sonderlich eng. Wir hatten wenig Kontakt, pflegten Freundschaften zu verschiedenen Mitschülern. Wir waren Klassenkameraden, ja, aber mehr auch nicht.
G: Wie erklären Sie sich und uns dann die Tatsache, dass Sie nach der Schlacht um Hogwarts vermehrt bei den Malfoys ein- und ausgegangen sind und seit Ihrer Ausbildung auch in Briefkontakt zu Draco Malfoy stehen?
A: Woher wissen -
G: Das ist keine Antwort auf meine Frage, Mister Nott.
A: Wir sind Slytherins. Wir sind alle in der gleichen Situation und wir halten zusammen.
G: Rührend. Und nun verraten Sie uns bitte den wahren Grund.
V: Wie häufig soll mein Mandant eigentlich noch erklären, dass er gerade unter dem Einfluss von Veritaserum steht?
G: Mister Dixon, auch Sie sollten sich ein wenig zurückhalten. Ihr Mandant hat bereits jetzt keine sonderlich aussichtsreiche Ausgangslage, doch ich bin mir sicher, dass das Ganze ohne Anwalt noch wesentlich schlechter aussähe. Möchten Sie es gerne herausfinden? - Dachte ich mir. Mister Nott, ich warte noch immer auf eine Erklärung Ihrerseits. Wenn es sich tatsächlich so verhalten sollte, wie Sie versuchen, uns weiszumachen, nämlich dass Sie und Draco Malfoy während Ihrer gemeinsamen Schulzeit keine innige Freundschaft pflegten, weshalb sollte sich das dann nach dem Krieg geändert haben? Die Malfoys haben ihre einstige Vormachtstellung verloren, es gäbe also keinen Grund, ihnen Honig ums Maul zu schmieren und auf ihre Gunst zu hoffen. Warum gestehen Sie nicht einfach, dass Ihre Besuche schlichtweg den Hintergrund haben, dass Sie und Draco Malfoy abgleichen, was Sie vor Gericht aussagen werden und was nicht?
A: Weil es nicht der Wahrheit entspräche.
G: Ach. Nun, dann bin ich gespannt auf die gewiss sorgfältig vorbereitete Ausrede, die Sie uns jetzt präsentieren werden.
A: Ich habe es Ihnen bereits erklärt. Wir sind Slytherins. Wir halten zusammen, ob wir eng befreundet waren oder nicht. Draco und mich verbinden sieben gemeinsame Schuljahre, sieben Jahre, in denen wir uns als Slytherins automatisch mit Vorurteilen konfrontiert sahen, die niemals ganz abgebaut werden konnten. Und jetzt, nach dem Krieg, teilen wir alle das gleiche Schicksal, nämlich die Erfahrung, dass uns noch immer mit Argwohn begegnet wird, und sogar heftiger, als es in Hogwarts vermutlich jemals der Fall war.
G: Sie werden mir hoffentlich nachsehen, wenn sich mein Mitleid in Grenzen hält. Worüber unterhalten Sie sich, wenn Sie bei den Malfoys sind?
A: Das ist privat und geht weder das Gericht noch die Öffentlichkeit etwas an. Wenn Sie auch nur einen Funken Anstand im Leib haben, werden Sie von der Beantwortung dieser Frage absehen.
G: Glauben Sie mir, mich zu beleidigen ist genau der richtige Weg, wenn Sie möchten, dass ich Sie für einige Tage in Gewahrsam nehmen lasse. Worüber sprechen Sie?
V: Ich würde sagen, mein Mandant hat deutlich gemacht, dass er es vorzieht, hierauf zu schweigen.
G: Keine Antwort zu geben verrät manchmal mehr als hundert Worte es könnten. Danke für das indirekte Eingestehen Ihrer Schuld, Mister Nott.
A: Wie können Sie es eigentlich wagen -
V: Mister Nott. Nicht. Sie würden es nur noch schlimmer machen.
G: Mister Dixon, wenn Ihr Mandant sich gerne selbst ins Aus katapultieren möchte, so sollten Sie sich heraushalten. Sprechen Sie ruhig weiter, Mister Nott. Ich garantiere Ihnen, dass -
V: Das ist die reine Provokation. Sie sind nicht der Einzige, der etwas von seinem Job versteht, Mister Temperley. Glauben Sie nicht, ich würde davor zurückschrecken, Anzeige gegen Sie zu erstatten. Was Sie meinem Mandanten antun, liegt definitiv außerhalb der Richtlinien und ich werde nicht zulassen, dass Sie ihn mit Ihren Äußerungen dazu bringen, Sie zu beleidigen, nur, damit Sie die Genugtuung haben, Mister Nott in Gewahrsam nehmen zu lassen.
G: Sie verteidigen einen jungen Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach die besten Jahre seiner Jugend damit verbracht hat, dem Dunklen Lord zu dienen und Menschen zu foltern, wenn nicht gar zu töten. Man muss kein Genie sein, um zu merken, dass mit Ihren moralischen Ansichten etwas nicht stimmen kann, Mister Dixon. Erlauben Sie also, dass ich die Beleidigungen, die Sie mir entgegenwerfen, nicht ernst nehmen kann. Allerdings sollten Sie Acht geben, was Sie sagen. Noch ein paar Sätze und ich erstatte Anzeige.
V: Diese Sitzung ist hiermit beendet.
G: Das haben Sie nicht zu entscheiden.
V: Sie irren sich. Ich erhebe Anklage gegen den ehrenwerten Richter Temperley und fordere hiermit eine erneute Vernehmung meines Mandanten Theodore Nott durch einen Richter, der weniger voreingenommen ist als Mister Temperley.
G: Ruhe im Saal! Die Sitzung ist hiermit beendet.
Anlage 4
Auszug aus Grün ist die Hoffnung von Seamus Finnigan; dem Kapitel Als ich einmal innerlich schrie (und niemand mich hörte) entnommen
Ich war 16, als mein Vater starb.
Erwachsen geworden bin ich jedoch bereits früher, während der Sommerferien nach meinem vierten Schuljahr in Hogwarts. Der Dunkle Lord war zurückgekehrt und er hatte mein Zuhause in eine Art Grabstätte verwandelt. Mein Vater sah schrecklich aus. Er magerte ab und die vielen Flüche, die er als Strafe für jahrelangen Ungehorsam über sich ergehen lassen musste, hinterließen ihre Spuren auf seinem Körper. Er achtete penibel darauf, jedes Stückchen Haut verdeckt zu haben, wenn er mich sah. Aber ich kannte ihn lange genug, um auch so zu merken, dass er sich anders verhielt. Und ich hätte schon blind sein müssen, um nicht zu sehen, dass er plötzlich hinkte.
Während er mit aller Macht versuchte, mich vom Offensichtlichen abzulenken und Späße zu treiben, wurde meine Mutter immer blasser und stiller. Wenn ich morgens zum Frühstück kam, waren ihre Augen klein und müde, weil sie die ganze Nacht wachgeblieben war, um auf meinen Vater zu warten und um die schlimmsten Wunden zu versorgen, die er erneut davon getragen hatte.
Als Kind hatte ich mit meinen Eltern nicht viel anfangen können. Ich dachte, ich würde sie stören und wäre ihnen nur im Weg. Mein Vater war immer arbeiten und selten zu Hause. Meine Mutter war damit beschäftigt, Dinnerparties und Teenachmittage zu organisieren. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass es ihre Art war, mich zu schützen. Wenn sie vorgaben, dass ihnen nicht viel an mir lag, dann konnte mir auch niemand weh tun, nur um sie zu erpressen.
Mittlerweile wusste ich das. Umso mehr litt ich darunter, dass mein Vater zu den Todessertreffen apparieren musste, um Schlimmeres zu vermeiden. Ich konnte mir nicht vorstellen, was es Schlimmeres geben sollte als das, was ihm der Dunkle Lord sowieso antat. Meine Mutter verstand es besser und schärfte mir ein, mich zurückzuhalten, wenn die Ferien vorüber wären.
Ich war wütend. Ich war so wütend, dass es wehtat. Ich konnte nichts tun, während mein Vater gefoltert wurde und meine Mutter mit steinerner Miene vor dem Kamin saß. Wir mussten es einfach über uns ergehen lassen, mussten warten, bis mein Vater zurückkam, mussten warten, bis das nächste Treffen vor der Tür stand und alles wieder von vorne beginnen würde.
Während seiner ersten Schreckensherrschaft folgten ihm die Todesser, weil sie glaubten, der Dunkle Lord würde die richtigen Ideale vertreten und mit den geeigneten Mitteln dafür kämpfen, dass diese Ideale wieder vorherrschen würden. Bei seiner Rückkehr hatten alle einfach nur Angst. Zumindest die, die sich in der Zwischenzeit ein halbwegs normales Leben aufgebaut hatten. Nicht die, die für ihre Überzeugungen nach Azkaban gegangen waren. Sie wurden vom Dunklen Lord bevorzugt. Alle Anderen wurden bestraft.
Nach diesen Ferien kam ich nach Hogwarts zurück und wusste, dass es etlichen meiner Freunde und Klassenkameraden genauso ergangen war. Die Väter von Draco, Theo, Vincent und Greg waren alle Todesser gewesen und ihre Söhne steckten nun in der gleichen Situation wie ich. Während der Zugfahrt saßen wir einfach nur im Abteil und schwiegen uns an. Egal, was wir gesagt hätten, es hätte nichts besser gemacht. Worte können nichts verrichten, wenn man sich derart hilflos fühlt.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur wenig Kontakt zu Theo. Er hielt sich eher an Daphne, seine beste Freundin, aber die Gewissheit, dass wir alle das Gleiche erlebten, band uns enger aneinander. Daphne, Blaise und Millicent behandelten uns in diesen ersten Monaten des fünften Schuljahres wie rohe Eier. Oder wie Feuerwerk, das jederzeit hochgehen und explodieren kann. Die Eltern der Drei waren keine Todesser, doch das bedeutete nicht, dass sie deshalb weniger Angst um ihre Familien haben mussten, im Gegenteil. Millicents reinblütiger Vater ist mit einer Muggel verheiratet. Daphnes Eltern interessieren sich nicht für Politik, genauso wenig wie Blaises Mutter. Das wiederum machte aus Millicent, Daphne und Blaise nicht gerade die Vorzeigeslytherins, die der Dunkle Lord sich vermutlich wünschte.
Wir hielten zusammen. Ich weiß natürlich, dass alle Nicht-Slytherins kein allzu gutes Bild von uns haben, aber der Sprechende Hut hat Recht, wenn er verkündet, dass man in Slytherin noch echte Freunde finden kann. Und mit wem sonst hätten wir reden sollen? Es hätte uns doch niemand zugehört. Oder geglaubt, was wir erzählt hätten. Und natürlich hätten wir das nie getan. Man hat schließlich seinen Stolz.
Ich konnte nicht einmal meiner Mutter schreiben und nachfragen, ob alles in Ordnung war und wie es meinem Vater ging, weil man nicht sicher sein konnte, ob der Dunkle Lord nicht unsere Eulenpost überwachen würde, um herauszufinden, ob mein Vater ihm tatsächlich so treu ergeben war, wie er stets behauptete und behaupten musste, um Schlimmeres zu verhindern.
Als ich an Weihnachten nach Hause kam, war mein Vater so stark abgemagert, dass er alle seine Umhänge von meiner Mutter hatte enger zaubern lassen. Er sah ungesund aus und müde. Und zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich, dass mein Vater alt geworden war. Trotzdem versuchte er, sich so normal wie möglich zu verhalten und weigerte sich beharrlich, mit mir über das zu sprechen, was bei den Todessertreffen passierte.
Es wurde nicht besser, das ganze Schuljahr über nicht. Und schließlich gipfelte es darin, dass der Dunkle Lord im Ministerium auftauchte und mit ihm einige seiner Todesser. Er konnte fliehen, die meisten Anderen hatten nicht so viel Glück und landeten in Azkaban. Dracos Vater, beispielsweise. Meiner nicht. Er war bei dem Angriff nicht dabei gewesen, weil es ihm unmöglich gewesen war, an jenem Tag nicht zu seiner Arbeit zu erscheinen. Was sich anhören mag wie etwas, worüber er sich freuen sollte, war eigentlich das genaue Gegenteil.
Der Dunkle Lord war wütend. Sein schöner Plan war durch Dumbledore vereitelt worden und ein Teil seiner Anhänger saß vorerst im Gefängnis fest. Was konnte man also tun? Natürlich. Man konnte seine ungezügelte Wut an denen auslassen, die nicht hart genug für ihn gekämpft hatten. Meinem Vater ging es schlimmer als zuvor. Und es gab nichts, was wir dagegen unternehmen konnten. Im Gegenteil: mein Vater hatte mir und meiner Mutter verboten, auch nur daran zu denken, uns in seine Angelegenheiten einzumischen. Er hatte Angst vor jedem Todessertreffen, ja, doch noch mehr fürchtete er sich vor dem, was der Dunkle Lord meiner Mutter oder mir antun würde, wenn herauskäme, wie unangebracht unsere Gedanken und Gefühle ihm gegenüber waren. Und das ist noch harmlos ausgedrückt.
Während meine Eltern jahrelange Übung darin hatten, ihre wahre Meinung zu verbergen und ihre Gefühle unter einer starren Maske zu verstecken, hatte ich vor allem eines: ein loses Mundwerk. In mir staute sich verdammt viel Wut an. Wut auf diesen Irren, der meinen Vater folterte und meiner Mutter Angst machte. Wut auf alle, die es zuließen, die nichts dagegen unternahmen. Wut auf mich, vor allem. Weil ich hilflos war und mich diese Hilflosigkeit schier um den Verstand brachte.
Aber ich war nicht nur wütend und hilflos. Ich war auch verängstigt und eingeschüchtert und traurig. Und ich konnte es nicht zeigen, kein bisschen. Ich wusste, dass der Dunkle Lord ein mächtiger Legilimens war. Sollte mir meinem Vater gegenüber also ein falsches Wort rausrutschen und sollte der Dunkle Lord auf die Idee kommen, die Gedanken meines Vaters zu durchforsten, dann würde ich nicht nur mich selbst in Schwierigkeiten bringen, sondern vor allem meine Eltern. Das wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Gleiches galt für sämtliche meiner Schulkameraden und Freunde.
Ich sprach mit niemandem, schließlich war das der sicherste Weg. Wenn ich nichts preisgab, konnte man auch nichts gegen mich verwenden, dann würde es keinerlei Beweise geben. Ich glaube, dass wir alle so dachten. Natürlich haben wir nicht darüber geredet, das hätte immerhin den Plan zerstört, doch man hat es gemerkt. Man hat es den Gesichtern ablesen können, hat es spüren können in dem leichten Zögern, den wachsamen Blicken, dem gemurmelten „Ach, nichts" auf die stetig wiederkehrende Frage „Was ist los?". Wir waren alle in der gleichen Lage. Wir hatten alle beschlossen, dass es das Beste wäre, kein einziges Wort darüber zu verlieren. Trotzdem konnten wir irgendwie erahnen, was in den Köpfen der Anderen vorging. Und diese Ahnung verband uns miteinander. Manchmal kann es schon tröstend sein, neben jemandem zu sitzen und gemeinsam eine Tasse heißen Tee zu schlürfen, während es draußen kalt wird und man sich fragt, ob man in Azkaban die Sterne sehen kann.
Mein Vater starb vor Weihnachten.
Als ich mich am Ende der Sommerferien von ihm verabschiedet hatte, hatte ich nicht gewusst, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn zu Gesicht bekäme. Bevor mich der Brief meiner Mutter erreichte, war es ein ganz normaler Morgen gewesen. Ich saß beim Frühstück, hatte meine übliche Tasse Kaffee getrunken und etwas Toast mit gebackenen Bohnen gegessen. Ich war verwundert, als unsere Eule hereinflatterte. Eigentlich hatte ich keinen Brief erwartet. Und dann dachte ich, dass etwas passiert sein musste, was weder meine Eltern noch ich hatten voraussehen können.
Ich werde nie vergessen, was meine Mutter mir geschrieben hatte.
Liebe Pansy, hieß es,
ich muss dir leider mitteilen, dass dein Vater letzte Nacht verstorben ist. Er hatte einen Unfall bei seinem Arbeitstreffen.
Ich hoffe, du bist wohlauf.
Mutter
Ich stand einfach auf und ging, obwohl ich genau wusste, dass der Unterricht gleich beginnen würde. Aber ich dachte, ich würde ausrasten, wenn ich noch länger an diesem Tisch sitzen und gute Miene zum bösen Spiel machen müsste. Wenn ich vorher geglaubt hatte, den Dunklen Lord zu hassen für all das, was er meiner Familie antat, dann wusste ich jetzt nicht mehr, wie ich dieses Gefühl beschreiben sollte, was sich in mir ausbreitete.
Ich rannte aus der Großen Halle hinaus, lief hinunter zum See und brüllte meinen Schmerz in die Morgenstille. Ich schrie, bis mir die Luft wegblieb und ich mich setzen musste, weil meine Beine sich anfühlten, als könnten sie mich nicht länger halten. Mein Vater war tot, getötet von diesem Irren, der noch immer derart viel Kontrolle über uns hatte, dass meine Mutter mir nicht einmal richtig schreiben konnte. Hinter jedem Wort stand ein Heer aus Buchstaben, die sie hatte für sich behalten müssen, um mich nicht zu gefährden.
Draco kam mir nach und fragte, was los war. Ich sagte es ihm, ungeschönt, warf ihm die Wahrheit entgegen, die aus mir herausbrach nach allzu vielen Monaten, in denen ich sie versteckt gehalten hatte. Ich sagte es ihm und ich hätte noch viel mehr gesagt, wenn Draco mir nicht den Mund zugehalten hätte. Er hielt mich fest und flüsterte „Nicht. Tu das nicht." und ich nickte und schluckte meine Tränen herunter.
An diesem Tag schrie ich innerlich, ich brüllte und schluchzte und weinte und tobte, und niemand hörte mich. Es war besser so.
Anlage 5
Protokoll Gerichtssitzung IX/1, 10. Oktober 1998, Gerichtssaal 7
in Anwesenheit der Öffentlichkeit
Vorsitz: Damien Clarence
Zuständiger Rechtsbeistand: Maud Wallington
GD: Das Gericht ruft Mrs Andromeda Tonks in den Zeugenstand. Den Vorsitz führt der ehrenwerte Richter Clarence. Als Rechtsbeistand der verschiedenen Zeugen fungiert Maud Wallington.
G: Wie lautet Ihr vollständiger Name?
Z: Andromeda Tonks.
G: Und Ihr Mädchenname?
Z: Andromeda Black.
G: Mrs Tonks, wann wurden Sie geboren?
Z: Am 12. April 1952.
G: Und wo wurden Sie geboren?
Z: Im Haus meiner Eltern, in London.
G: Wer waren Ihre Eltern?
Z: Mein Vater war Cygnus Black. Meine Mutter war Druella Black, geborene Rosier.
G: Haben Sie Geschwister?
Z: Ja. Zwei Schwestern, eine ältere und eine jüngere. Bellatrix wurde 1951 geboren, Narcissa vier Jahre später.
G: Hatte Ihr Vater Geschwister?
Z: Ja. Eine Schwester, Walburga, und einen Bruder, Alphard.
G: Wer war Walburga Black?
Z: Die Mutter meiner beiden Cousins, Sirius und Regulus.
G: Mit wem war sie verheiratet?
Z: Mit ihrem Cousin, Orion Black.
G: Haben Sie Ihre Tante, Ihren Onkel und Ihre beiden Cousins während Ihrer Kindheit häufig gesehen?
Z: Ja. Unsere Eltern waren der Ansicht, dass uns der Umgang miteinander gut tun würde. Schließlich kamen wir aus einer Familie, genossen dieselbe, strenge Erziehung und unsere Eltern vertraten dieselben Überzeugungen.
G: Was für Überzeugungen waren das?
Z: Sie hielten sich getreu an das Familienmotto, Toujours pur. Was wirklich zählte, war reines Blut, vererbt von Generation zu Generation, geschickt gelöst durch Heiraten innerhalb der ganzen altehrwürdigen Familien, die sich wie die meine damit brüsteten, dass keine Muggel oder Muggelgeborenen ihren Stammbaum beschmutzten.
G: Wann kamen Sie mit dieser Überzeugung in Berührung?
Z: In frühester Kindheit. Meinen Eltern lag sehr viel daran, mich und meine Schwestern zum, wie sie es nannten, wahren Glauben zu erziehen. Ich war drei Jahre alt, als meine Mutter mir erklärte, dass eine meiner Freundinnen und ihre Mutter nicht mehr zu uns eingeladen würden, weil die Schwester dieser Mutter es gewagt hatte, einen muggelstämmigen Zauberer zu heiraten.
G: Haben Sie ebenfalls an diese Überzeugung geglaubt?
Z: Als Kind? Natürlich. Ich kannte ja nichts Anderes, nur meine Familie und ein paar ihrer reinblütigen Freunde. Ich wuchs auf in dem Glauben, dass die Blacks die rechtmäßigen Könige der Zauberergemeinschaft waren. Niemand war wie wir. Niemand war so reinblütig wie wir, niemand so reich und altehrwürdig, niemand so stolz und arrogant. Oder zumindest kam es mir so vor.
G: Wie stand es mit Ihren Schwestern und Cousins?
Z: Wenn die Blacks die Könige waren, dann war Bellatrix unsere Prinzessin. Sie war die Älteste und mit Abstand diejenige, die am intensivsten für die Überzeugungen unserer Familie eintrat. Narcissa und Regulus als die Jüngeren haben sich nie derart mit Politik auseinander gesetzt, wie Bellatrix das getan hat. Und Sirius. Manchmal glaube ich, er war schon immer ein Rebell, nur hat es niemand von uns bemerkt. Oder vielleicht haben wir es bemerkt und nur nicht ernst genommen.
G: Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Geschwistern?
Z: Narcissa war drei Jahre jünger als ich und wie das eben so ist mit jüngeren Schwestern, habe ich immer gedacht, sie wäre ja noch ein Kind. Unser Verhältnis war normal, aber sie hat sich mehr mit Regulus beschäftigt als mit mir oder mit Bellatrix. Bellatrix hingegen war meine große Schwester, meine beste Freundin. Sie war klug und schön und wer ihre Gunst gewann, der fühlte sich privilegiert. Und ich hatte diese Gunst.
G: Allerdings nicht für immer.
Z: Das stimmt. Ich verlor sie, als ich mich für Ted Tonks und gegen meine Familie entschied. Dafür rückte ich näher an Sirius heran. Die zwei Ausgestoßenen einer altehrwürdigen Familie zu sein, verbindet irgendwie.
G: Wie kam es dazu, dass Sie sich von Ihrer Familie entfernten?
Z: Ich begann eine Beziehung mit Ted Tonks. Er war muggelstämmig und das war Verrat genug.
G: Hat Ihre Familie Ihre Beziehung sabotiert?
Z: Nein. Zu etwas Derartigem lassen sich die Blacks nicht herab. Sie haben mich ihre Verachtung spüren lassen und das war furchtbar genug. Auch, wenn man es sich vermutlich nicht vorstellen kann: ich habe darunter gelitten, dass meine Familie mich verstoßen hatte, dass mein einstiges Idol, meine große Schwester, kein Wort mehr mit mir sprach und die Straßenseite wechselte, wenn sie mir in der Winkelgasse begegnete. Sie waren immerhin die einzige Familie, die ich bis dahin gekannt hatte.
G: Aber Ihre beiden Schwestern haben standesgemäß geheiratet.
Z: Ja. Allen voran natürlich Bellatrix. Sie heiratete Rodolphus Lestrange. Er stammte aus ähnlichen Familienverhältnissen, hatte eine ähnliche Erziehung genossen und teilte Bellatrix' fanatische Reinblutüberzeugungen.
G: Was für ein Mensch war Rodolphus Lestrange?
Z: Er war – Er hatte so ein Glimmen in den Augen, das einem Angst machen konnte. Er war leidenschaftlich, allerdings in den falschen Angelegenheiten. Er studierte in Frankreich die Dunklen Künste, damals, als es noch nicht verboten war. Er wurde ein Todesser, noch bevor es meine Schwester wurde. Er glaubte an die Vorrangstellung, die den Reinblütern unter dem Dunklen Lord zuteil werden sollte. Er hatte Spaß an grausigen Flüchen und er scheute sich nicht davor, Regeln zu brechen.
G: Würden Sie sagen, dass er Schuld ist an der Entwicklung Ihrer Schwester?
Z: Glauben Sie mir, es gab viele Momente, in denen ich mir genau das gewünscht habe, aber leider weiß ich, dass die Wahrheit nicht so einfach ist. Wahnsinn und Grausamkeit, das sind zwei Charakterzüge, die die meisten Blacks in sich tragen, vererbt durch jahrhundertelange Inzucht. Manchmal denke ich, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie bei Bellatrix durchbrechen würden. Und manchmal denke ich, dass sie sie vielleicht für immer unter Verschluss hätte halten können, wenn sie dem Dunklen Lord nicht begegnet wäre. Doch diese Überlegung ist hinfällig.
G: Ihre Schwester wurde also eine Todesserin?
Z: Ja. Allerdings in einer Zeit, in der sie mit mir kaum noch Kontakt pflegte.
G: Haben Sie Ihre Schwester jemals in Azkaban besucht?
Z: Nein. Es war uns nicht gestattet.
G: Hätten Sie es denn gewollt?
Z: Die Frage stelle ich mir seit siebzehn Jahren. Ich weiß noch immer keine Antwort.
G: Was ist mit Ihrer jüngeren Schwester?
Z: Nachdem ich mich für Ted entschieden hatte, hatte ich mich gleichzeitig gegen meine Familie entschieden und fortan existierte ich für sie nicht mehr. Narcissa war damals zwar kein Kind mehr, aber dennoch jung genug, um sich beeinflussen zu lassen. Wenn man ... wenn man mit jemandem wie Bellatrix als großer Schwester aufgewachsen ist, dann ist es nicht schwer, sie zu vergöttern und ihr alles zu glauben. Und Bellatrix lag schon immer viel daran, die Familienehre zu retten und den Glanz der Blacks zu polieren. Sie war die Prinzessin unserer Eltern. Also orientierte sich Narcissa an ihr.
G: Und heiratete ebenfalls standesgemäß.
Z: Ja. Narcissa heiratete Lucius Malfoy und bekam einen Sohn.
G: Haben Sie Ihre Schwester und deren Familie häufig gesehen?
Z: Selten und immer nur zufällig. Die Winkelgasse ist kleiner, als man denkt, wenn es viele Menschen gibt, denen man nicht begegnen möchte.
G: Lucius Malfoy wird als Todesser angeklagt. Was ist mit Ihrer Schwester?
Z: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Narcissa dem Dunklen Lord einen Treueschwur geleistet hat. Narcissa foltert nicht und tötet nicht. Sie glaubt vielleicht an reines Blut und längst überholte Traditionen, aber Grausamkeit widert sie an. Außerdem -
G: Außerdem?
Z: Außerdem war der Dunkle Lord Schuld, dass sie ihren Lieblingscousin verlor. Regulus.
G: Regulus Black war ein Todesser. Was haben Sie gedacht, als Sirius Black verurteilt wurde, Lily und James Potter an den Dunklen Lord verraten zu haben?
Z: Ich weiß nicht genau, was in Regulus' Leben passiert ist, weil ich zu früh daraus verschwunden bin. Aber ich bin mir sicher, dass er vieles nur getan hat, um Anerkennung zu erhalten, um seine Eltern halbwegs stolz und glücklich zu machen, nachdem Sirius sich für sie als eine derartige Enttäuschung herausgestellt hatte. Und Sirius ... Ich wollte nicht glauben, was man ihm zur Last legte. Ich konnte es nicht glauben. Doch alles sprach gegen ihn und mit einer Familie, die so verrückt ist wie die unsrige – alles konnte möglich sein. Sogar Verrat unter den besten Freunden. Sogar Verrat an der eigenen Familie, wenn es nötig ist.
G: Was, schätzen Sie, waren die Gründe, dem Dunklen Lord zu folgen?
Z: Ich bin davon überzeugt, dass zwei Gründe überwiegen. Entweder man glaubt an ihn und an das, was er predigt und verspricht, und dann ist man auch bereit, für ihn zu kämpfen, zu foltern, zu töten, zu sterben, weil man so fanatisch ist, dass man einfach alles tun würde. Oder aber man hat Angst. Angst vor dem, was der Dunkle Lord tun kann, wenn er wütend wird.
G: Ihre Schwester Bellatrix hat gut vierzehn Jahre in Azkaban verbracht, ehe sie ausbrechen konnte. Haben Sie sie in der Zeit zwischen ihrem Ausbruch und ihrem Tod gesehen? Hat sie Kontakt zu Ihnen aufgenommen?
Z: Nein. Mit Blutsverrätern korrespondiert man nicht. Man rächt sich höchstens an ihnen.
G: Hat Bellatrix das getan?
Z: Wie würden Sie es sonst nennen, wenn Ihre Schwester die eigene Nichte umbringt? Der Dunkle Lord hat beide meiner Familien zerstört.
R: Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische, doch die Zeit ist vorbei. Ich würde vorschlagen, die Befragung von Mrs Tonks an dieser Stelle abzubrechen und zu einem späteren Termin fortzusetzen.
G: Stattgegeben. Mrs Tonks, haben Sie vielen herzlichen Dank für Ihre Aussagen. Die Sitzung ist hiermit beendet.
tbc.
Anmerkung der Autorin: Ich habe extra nachgelesen, habe im Forum im Recherche-Thread nachgefragt, aber habe keine eindeutige Antwort bekommen: Hat Draco nun wirklich das Dunkle Mal erhalten oder nicht? Harry vermutet es, aber das ist auch alles. Ich habe mich schließlich dafür entschieden, dass Draco keines hat, basierend auf einer winzigen Situation in Band 7: Draco steht vor zwei Todessern und versucht, sie davon zu überzeugen, dass er zu ihnen gehört. Er sagt etwas in die Richtung "Ich bin Draco Malfoy, ich gehöre zu euch!", als Harry und Ron ihn schließlich erneut retten. Jedenfalls wird (meiner Ansicht nach) recht deutlich, dass Draco ziemlich verzweifelt ist, weil ihm die Todesser nicht glauben. Meine Überlegung ist nun folgende: wenn Draco das Dunkle Mal gehabt hätte, hätte er nur seinen Arm zeigen müssen und alle Unklarheiten wären beseitigt gewesen. Hat er aber nicht. Daraus schließe ich (zumindest für mich und für das Universum, in dem "Ein bisschen wie Sterben" spielt), dass er das Dunkle Mal nicht hat.
(Ich weiß natürlich auch, dass er ziemlich heftig reagiert, als Madam Malkin an seinem linken Arm hantiert, aber letzten Endes ist es so: JKR hat uns keine eindeutige Antwort geliefert, also musste ich entscheiden. Ich hoffe, ihr könnt meine Überlegung nachvollziehen.)
