Anmerkung: Liebe Leser, ich habe mich neulich ganz fürchterlich erschrocken, als ich gesehen habe, wie lange das letzte Update her ist. Das tut mir sehr Leid, dass ich euch - schon wieder - so lange habe warten lassen. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal ganz deutlich sagen: Tausend Dank für's Lesen und für all eure wunderbaren Kommentare und Rückmeldungen (was mich zu meinem nächsten 'Problem' führt: wieder einmal kann ich mich nicht erinnern, ob ich euch bereits per PN Antworten auf die Reviews habe zukommen lassen. Es ist einfach so lange her. Ich hoffe, ich habe es getan. Ansonsten hole ich es nach, versprochen.). Es freut mich sehr, dass ihr das Interesse an der Geschichte noch nicht verloren habt, auch wenn wir uns langsam dem Ende nähern.
Dass es diesmal so lange gedauert hat, hat, grob gesagt, zwei Gründe. Der eine ist schlicht und ergreifend Zeit, denn zwischen Praktikum und Uni blieb mir nicht viel davon übrig und das wenige, das ich hatte, konnte ich auch nicht immer zum Schreiben nutzen. Der andere hat damit zu tun, dass mir das Kapitel nicht leicht gefallen ist. Ich fand es schwierig, einen Weg zu finden, der durch die Mitte geht, ohne in Extreme zu fallen. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist.
Viel Spaß beim Lesen und Frohe Ostern!
Zehnte Vorlesung
„Morgen", knurrst du und lässt dein Tablett ein bisschen heftiger als beabsichtigt auf den Tisch knallen. Der Tagesprophet wird gesenkt und dahinter kommt Osburgas Gesicht zum Vorschein, mit gerunzelter Stirn und einem verwirrten Ausdruck in den Augen. „Guten Morgen", erwidert sie erstaunt, während du dich ihr gegenüber auf einem Stuhl niederlässt, deine Tasche abstellst und hektisch Milch in deinen Kaffee rührst. „Oxymoron", stellst du finster fest und Osburga zieht die Augenbrauen in die Höhe. „Wie bitte?", erkundigt sie sich höflich, aber du kannst sehen, wie ihre Mundwinkel vor unterdrücktem Lachen zucken.
„Guten Morgen", wiederholst du gereizt, „Das ist ein Oxymoron. Was kann an einem Morgen schon gut sein?" Osburga faltet langsam ihre Zeitung zusammen und legt sie auf der Tischplatte ab. „Na, zum Beispiel das Frühstück mit deiner reizenden Kollegin", schlägt sie dir amüsiert vor und lässt sich, wie üblich, von deiner schlechten Laune nicht im Geringsten beeindrucken, „Oder die Tasse mit heißem, köstlich duftendem Kaffee, die da vor dir steht. Komm, nimm mal einen Schluck." Du seufzst ein bisschen, schließlich bist du kein kleines Kind mehr, doch du weißt aus Erfahrung, dass es das Einfachste ist, Osburga einfach zu gehorchen.
(Und meistens hat sie Recht. Der Kaffee schmeckt wirklich gut.)
Du schließt die Augen und nimmst einen tiefen Schluck. „Besser?", gluckst Osburga und du nickst. „Schlecht geschlafen?", will sie wissen und als du sie anschaust, merkst du, wie ihr Blick zwischen Neugier und Besorgnis schwankt. „Geht so", antwortest du und fährst dir mit der freien Hand durch die Haare. Die andere ist viel zu beschäftigt damit, deine Kaffeetasse zu halten und wieder an deine Lippen zu führen, damit du ein wenig Koffein zu dir nimmst und dich in einen annehmbaren Menschen verwandelst. „Hatte schon schlimmere Nächte", fügst du noch hinzu.
„Bessere vermutlich auch", kontert Osburga mitleidslos und beißt ein Stück knusprigen Toast ab. Du zuckst mit den Achseln. „Wie hast du das nur herausgefunden?", stichelst du zurück, „Was hat mich verraten? Meine grottenschlechte Laune? Dann stimmt es also doch, was man so sagt: Historiker sind gute Beobachter." Wenn schlechte Historikerwitze das Einzige sind, was du zustande bringst, dann hast du eindeutig noch nicht genug Kaffee getrunken, stellst du fest. Osburga lacht trotzdem, wenn auch vermutlich eher über dich und deine Morgenmuffeligkeit als über den Spruch.
Sie schiebt dir einen ihrer vielen Teller entgegen, auf dem sich mehrere Muffins tummeln. „Hier", sagt sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet, „Nimm dir einen und iss. Der hier hat Blaubeeren. Los." Du beeilst dich, ihrem Befehl nachzukommen und in das kleine Küchlein zu beißen. So viel dazu, dass du kein kleines Kind mehr bist. Immerhin schmeckt der Muffin köstlich und das Beißen-Kauen-Schlucken gibt dir etwas zu tun, während du versuchst, deine schlechte Laune zu vergessen.
„Und, wie stellen sich deine brillianten Köpfe so an?", erkundigt sich Osburga interessiert, während sie sich wieder ihrem eigenen Frühstück widmet. Du nippst erneut an deinem Kaffee und winkst ab. „Mal so, mal so", murmelst du, „Und bei dir? Haben sie sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie bei dir keinen Mythologie-Kurs bekommen? Oder quälst du sie weiter mit Beowulf-Übersetzungen?" Du greifst dir dankbar noch einen zweiten Muffin, den dir Osburga auffordernd zuschiebt.
„Sie haben langsam begriffen, ihre vollkommen überzogenen Erwartungen herunterzuschrauben und meinem Lehrplan anzupassen", grinst Osburga schelmisch, „Wir haben uns neulich ein wenig mit Runenweissagung beschäftigt, das fanden sie wohl ganz interessant. Aber Hauptsache, erst einmal beschweren und groß tönen, wie viel Ahnung man doch von Merlin habe." Du verschluckst dich vor Lachen beinahe an deinem Muffin, als du dir vorstellst, wie Osburga drohend vor ihrem Pult steht, während ihre Studenten ganz kleinlaut werden.
„Freut mich", sagst du und meinst es auch so, „Vielleicht kannst du ihnen ja ein wenig Verstand in ihre Köpfe prügeln, das würde es für mich so viel leichter machen, sollten ein paar von deinen Studenten im nächsten Semester in meinem Kurs sitzen." „Ich gebe mein Bestes", versichert Osburga dir mit funkelnden Augen und schiebt sich eine Gabel voll Rührei in den Mund. Du hast deinen zweiten Muffin gegessen und einige Schlucke Kaffee genommen und fühlst dich langsam wieder wie ein menschliches, ansprechbares Wesen.
„Gerüchten zufolge", beginnt Osburga dann betont langsam und beiläufig, sodass du automatisch die Ohren spitzt und sie prüfend anschaust, „hatten wir vor kurzem ein paar Besucher im Institut. Du weißt schon, Kriegshelden oder so ähnlich." Sie macht eine kurze Pause, um von ihrem Toast abzubeißen und um dich noch ein bisschen schmoren zu lassen. „Angeblich war Hermione Granger dabei", fährt sie dann fort, „Zumindest nach allem, was man so gehört hat. Du weißt nicht zufällig etwas darüber?" Du bemühst dich um große, unschuldige Augen. „Ich?", fragst du verblüfft, „Nein, tut mir Leid. Da kann ich dir nicht helfen. Das höre ich zum ersten Mal."
Osburga schenkt dir einen Blick, unter dem du dir prompt wieder wie ein Erstsemestler vorkommst, der nicht den blassesten Schimmer hat, wie er Beowulf übersetzen soll. „Schon gut", lachst du und hebst abwehrend die Hände, auch wenn der Kaffee dabei gefährlich nahe an den Rand der Tasse schwappt, „Ich gestehe. Ja, ich hatte Besucher in meiner Vorlesung. Ich dachte, das hätte ich dir schon erzählt?" Osburga schüttelt den Kopf. „Nur, dass du die Idee hattest", stellt sie klar, „Aber nicht, wen du konkret einladen wolltest und ob es auch funktionieren würde. Also hat es offenbar geklappt?"
„Ich denke schon", erwiderst du langsam, „Ich glaube, es hat den Studenten gefallen und auch ganz gut getan, mal Personen aus Fleisch und Blut über ihre eigenen Geschichten reden zu hören. Ansonsten langweile ich sie ja gerne mit seitenlangen Texten. Und unsere Besucher waren schließlich Zeitzeugen. Ich habe immerhin das Glück, noch ein paar Zeitzeugen auftreiben zu können. Bei dir sieht es da eher schlecht aus." „Wem sagst du das", pflichtet Osburga dir amüsiert zu, „Das wäre ja so eine Erleichterung, aber ich finde einfach niemanden ..."
Langsam steigt dir der Kaffee zu Kopf, vertreibt den pochenden Schmerz, vertreibt die Müdigkeit, die dir noch in den Knochen steckt, lässt dich wach werden (und zwar nicht auf die menschenfeindliche, unangenehme Art, auf die du auch vorhin bereits wach warst, sondern auf eine normale, angemessene Art) und bringt dein Gehirn zum Funktionieren. Keine schlechten Voraussetzungen, wenn du nachher deine Vorlesung halten sollst.
„Tu mir nur einen Gefallen", bittet Osburga da und sieht dich ernst an. Du schaust ein bisschen verwirrt zurück. „Ja …?", machst du gedehnt und fragst dich, ob du gerade ein paar Sätze überhört hast oder ob Osburga im Gespräch gesprungen ist oder ob - „Sag mir vorher Bescheid, wenn Harry Potter kommt", spricht sie da bereits gut gelaunt weiter, „Ich fürchte nämlich, dann werde ich meine Vorlesung vergessen können, weil alle rein zufällig auf den Gängen spazieren werden, um einen Blick auf ihn werfen zu können." Du verdrehst die Augen und stöhnst auf, während Osburga in ihren Kaffee kichert.
„Falls", betonst du, „falls Harry Potter tatsächlich zu einer meiner Vorlesungen kommen sollte, dann teile ich es dir mit, keine Sorge." „Danke sehr", nickt Osburga zufrieden, „Das war alles, was ich erreichen wollte." Du magst dir gar nicht ausmalen, was in eurem beschaulichen Institut los sein dürfte, wenn eines schönen Mittwoch Morgens Harry Potter zur Tür hereinkommen würde. Geschweige denn, was hinter den verschlossenen Türen deines Hörsaals passieren würde. Entweder deine Studenten würden ausrasten oder starr und stumm auf ihren Stühlen sitzen. (Du hoffst auf Letzteres, wenn du wählen musst.)
„Da ich weit und breit keinen Harry Potter entdecken kann – was steht bei dir heute auf dem Plan?", erkundigt sich Osburga, bevor du dir weiter die Reaktionen deiner Studenten ausmalen kannst. „Todesser", erwiderst du knapp, „Wird sicher eine fröhliche Stunde heute." Osburga stört sich nicht an deinem beißenden Sarkasmus. „Was hast du vorbereitet?", will sie stattdessen wissen. Du hast den größten Respekt vor deiner Kollegin, aber unter Anderem schätzt du so sehr an ihr, dass sie sich für die Arbeit von Anderen interessiert, obwohl sie selbst eine lebende Koryphäe ist und eigentlich bereits alles weiß und alles kann.
„Drei Gerichtsprotokolle", gibst du bereitwillig zurück, „Andromeda Tonks, Theodore und Draco. Dann den Artikel von Rita Kimmkorn zu Dracos Verhandlung und einen Ausschnitt aus Grün ist die Hoffnung." „Welchen?", fragt Osburga prompt und beginnt, ihre leeren Teller auf ihrem Tablett zu stapeln. „Pansy", erklärst du, „Die Stelle, an der sie über ihre Eltern spricht." Osburga nickt sachte vor sich hin und schaut dich an. „Das sind gute Texte", sagt sie schließlich, „Und das weißt du auch. Warum bist du trotzdem nervös?"
Einen Augenblick lang überlegst du, einfach alles abzustreiten („Was, nervös, ich? Ich bitte dich, mach dich nicht lächerlich."), aber Osburga kennt dich noch aus Zeiten, in denen du mit zittrigen Händen vor einem Kurs gestanden und versucht hast, dich an deinen Notizzetteln festzuhalten, weil du es wirklich furchtbar fandest, einen Vortrag (vor ihr, vor deiner übergroßen Professorin) halten zu müssen über ein Thema, das sie dir aufgezwungen hatte. Und du findest, dass es keinen Zweck hat, ihr etwas vormachen zu wollen. Sie weiß, dass du nervös bist, also kannst du auch die Gelegenheit nutzen und es dir von der Seele reden.
„Natürlich bin ich gut vorbereitet", seufzst du, „Das muss allerdings nicht heißen, dass das Thema deshalb leichter wird oder weniger konfliktreich. Ich will keinen der Todesser zu einem Heiligen machen oder meinen Studenten vorgaukeln, sie wären allesamt nur beigetreten, weil ihnen gedroht wurde, weil sie Angst hatten, denn es stimmt schlicht und ergreifend nicht. Ich will aber auch nicht behaupten, die Todesser wären allesamt manisch verrückte Mörderer gewesen, weil das genauso falsch ist."
„Keine Sorge", sagt Osburga und streicht sich ihr graues Haar hinter die Ohren, „Sie sind doch klug, deine Studenten, oder nicht? Sie werden es schon begreifen. Und du bist auch kein Frischling mehr. Du weißt, was du tust. Wenn es dir hilft: Stell dir einfach vor, du würdest über die Ersten Vampirkriege sprechen. Gönn dir ein bisschen Abstand von deinem Thema. Lass es nicht an dich heran. Mir ist klar, dass das schwierig ist. Du lehrst schließlich über die Zeit, in der du aufgewachsen bist. Aber denk daran: du bist Historiker. Wenn du unterrichtest, dann bist du außerhalb der Zeit. Wir sind für nichts so blind wie für die unmittelbare Vergangenheit."
Du zögerst, vielleicht ein bisschen zu lange, denn bevor du etwas Zustimmendes murmeln kannst, hat Osburga bereits „Was?" gefragt. Du atmest aus, straffst deine Schultern und nimmst deinen Mut zusammen. „Wie war es für dich?", hörst du dich erwidern, „Wie war es für dich, wenn du über Grindelwald gesprochen hast?" Osburga sieht dich an und taucht ihren Blick in deinen. „Ich habe mich distanziert", sagt sie schließlich leise, „Halt dich an die Fakten. An sachliches Wissen. Dann kann dir nichts passieren. Lass dich nicht hineinziehen. Mach dir bewusst, dass es ein Unterrichtsgegenstand ist, nicht mehr, nicht weniger, dass du mit dem Thema umgehen kannst wie mit jedem anderen auch."
Du nickst, beinahe ein wenig hektisch. Du hast sie noch nie danach gefragt (und du hast dir auch nie vorgestellt, dass du sie an einem kalten Dezembermorgen fragen würdest, wenn du ihr schlecht gelaunt und griesgrämig gegenübersitzt) und jetzt weißt du nicht, wie du damit umgehen sollst, dass sie ihre Antwort mit dir geteilt hat. Osburga lächelt dich ruhig an. „Deine Vorlesung fängt bald an", erinnert sie dich gutmütig, „Du solltest nicht zu spät kommen."
„Natürlich nicht", erwiderst du ein bisschen abwesend, nippst ein letztes Mal an deinem Kaffee, stellst die Tasse ab und greifst dir deine Tasche, „Danke, Osburga." Sie zwinkert dir zu. „Jederzeit", grinst sie und sieht dabei wieder ganz aus wie sie selbst, wie die spöttische, stets zu Scherzen aufgelegte Osburga Bagshot, mit dem Funkeln in den Augen. Man vergisst es so leicht, vergisst, dass sie verwandt war mit jenem anderen dunklen Magier des vergangenen Jahrhunderts (und es ist auch nichts, womit sie hausieren geht, obwohl sie es nie unter den Teppich kehrt).
„Ich sollte dann mal", verkündet du ein wenig unsicher und klemmst dir deine Tasche unter den Arm, „War schön, mit dir zu frühstücken." Sie lacht. „Mit dir auch, mein Lieber", erwidert sie, „Lass ruhig stehen, ich räume dein Tablett mit meinem ab." Du nickst dankbar zurück und machst dich auf den Weg in deinen Hörsaal. Unterwegs begegnet dir noch kurz Asmund, der ebenfalls aussieht, als könne er dringend eine Tasse Kaffee gebrauchen. „Morgen", grüßt er hektisch und eilt weiter in Richtung Mensa. Du schmunzelst über ihn, auch wenn du selbst nicht gerade besser bist.
Du stößt die Doppeltür zu deinem Hörsaal auf, nickst freundlich in die Runde und marschierst auf dein Pult zu, um deine Tasche abzulegen und aus deiner Robe zu schlüpfe. Du musst ein bisschen kramen, bis du deinen dicken Stapel an Unterrichtsmaterialien und Notizen hervorgezogen hast (und ergreifst die Gelegenheit beim Schopf, dich gleich mal daran zu erinnern, dass du zwar viel zum Thema der heutigen Stunde zu sagen hast, aber deinen Studenten die Möglichkeit geben solltest, sich ebenfalls zu äußern). „Guten Morgen allerseits", wünschst du, machst es dir auf der Kante deines Pultes bequem und wirfst einen kurzen Blick auf die Uhr. Du kannst beginnen.
„Ich weiß, dass die Weihnachtsferien kurz vor der Tür stehen", sagst du in die plötzlich auftretende Stille hinein, „Und ich kann sehr gut verstehen, dass Sie vermutlich wenig Lust haben, brav für die Uni zu lernen, wenn Sie eigentlich Geschenke kaufen müssten. Trotzdem hoffe ich, dass Sie Zeit hatten, sich mit den Texten für die heutige Vorlesung auseinanderzusetzen und ich würde Sie bitten, noch ein wenig Energie für die nächsten neunzig Minuten aufzubringen, bevor ich Sie in Ihre wohlverdiente Weihnachtspause entlasse. In Ordnung?"
Du wirfst einen fragenden Blick in die Runde und erntest Nicken, auch wenn die meisten deiner Studenten nicht unbedingt begeistert aussehen, sondern vielmehr so, als könnten sie es kaum erwarten, deinen Hörsaal zu verlassen und nach Hause zu apparieren. Aber die nächsten anderthalb Stunden gehören dir und den Todessern. „Wunderbar", stellst du fest, „Gibt es von Ihrer Seite noch Anmerkungen zu den Texten, die für heute vorbereitet werden sollten?" Niemand antwortet und du willst gerade vorschlagen zu beginnen, als Boreas Flynn herausplatzt „Wie sind Sie an die Gerichtsprotokolle gekommen?"
Du schaust ihn an in einer Mischung aus Erheiterung und Verwirrung. „Ganz einfach", erwiderst du, „Ich habe ein bisschen in den Archiven gekramt und mir eine Erlaubnis geholt, von verschiedenen Protokollen Kopien anfertigen zu dürfen. Die Protokolle sind, in der Regel, frei zugänglich. Natürlich heißt das nicht, dass alles an den Tagespropheten geschickt wird, damit die Öffentlichkeit nachlesen kann, was bei Gericht besprochen wurde, aber wer sich ein bisschen auskennt und sich nicht scheut, nachzuhaken, der kann in den Archiven ein paar Geheimnisse lüften."
Du kannst den Gesichtern deiner Studenten ablesen, dass sie das nicht wussten und du verübelst es ihnen nicht. Nicht jeder kann Freunde haben, die Magisches Recht studiert haben und dich über so einiges aufgeklärt haben. Und bisher hast du noch immer davon profitiert. „Wenn es keine weiteren Fragen gibt", sagst du dann und rückst deine Notizen zurecht, „würde ich einen von Ihnen bitten, sich dem ersten Gerichtsprotokoll anzunehmen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich die Texte heute ganz gerne der Reihe nach bearbeiten."
Du musst nicht lange warten. Alasdair MacLaine hebt die Hand und du rufst ihn dankbar auf. „Das Protokoll schildert die Vernehmung von Draco Malfoy im September 1998", beginnt er ohne Umschweife mit den Eckdaten, „Ich vermute, dass das Aktenzeichen V/1 bedeutet, dass Draco Malfoy die fünfte Person war, die nach dem Krieg Stellung dazu nehmen musste, als Todesser angeklagt worden zu sein, und dass es sich darüber hinaus um die erste von wahrscheinlich mehreren Sitzungen handelte."
„Das ist korrekt. Die V steht allerdings dafür, dass Draco Malfoy an fünfter Stelle einer Liste von Verdächtigen stand, die das Ministerium eilig zusammengestellt hatte", unterbrichst du ihn kurz, „Wie Sie ja alle gelesen haben, endet das Protokoll damit, dass der Saal geräumt wird. Die Vernehmung wurde anschließend fortgesetzt, gilt jedoch offiziell als zweite Verhandlung. Ihr folgten noch etliche weitere Sitzungen, aber uns genügt es vorerst, uns mit der ersten auseinanderzusetzen. Bitte, fahren Sie fort."
Mister MacLaine raschelt mit seinen Notizzetteln, bevor er weiterspricht. „Draco Malfoy wurde vorgeworfen, als Todesser unter dem Dunklen Lord gedient zu haben, inklusive sämtlicher Verbrechen, die damit einhergingen. Außerdem wurde er angeklagt, geplant zu haben, Albus Dumbledore zu ermorden, auch wenn die Tat selbst schließlich von Severus Snape begangen wurde. Die Anklageschrift beschuldigte ihn darüber hinaus, auch alle Unverzeihlichen Flüche gebraucht zu haben.
Wir erfahren, dass Draco Malfoy, gemeinsam mit seiner Mutter, zum Zeitpunkt der Verhandlung in seinem Elternhaus gelebt hat. Er sagt zwar, dass seine Räume von Auroren bewacht wurden, jedoch ist zu bemerken, dass er nicht, wie sein Vater, im Gefängnis festgehalten wurde. Die Gründe hierfür erfahren wir nicht, aber ich vermute, dass es damit zusammenhängt, dass Draco Malfoy noch sehr jung war und dass ihm nicht, wie etwa seinem Vater, konkrete Verbrechen zur Last gelegt werden konnten."
Er blinzelt rasch in deine Richtung und beeilst dich, ihm kurz zuzunicken. Seine Argumentation ist logisch und wenn er auch nicht alle Gründe kennen kann, so hat er doch die wichtigsten hervorgehoben.
„Draco Malfoy wird anschließend zu seiner Schulzeit befragt", fährt Alasdair mit ruhiger Stimme fort, „Man merkt ihm an, dass er es offenbar gewöhnt ist, eine bestimmte Tradition fortführen zu müssen, dass er vielleicht sogar stolz darauf ist. Seine Eltern waren beide in Slytherin, also scheint es für ihn nur natürlich gewesen zu sein, dass er in das gleiche Haus kommen wird. Ich schätze, dass er sich niemals mit der Frage auseinander gesetzt hat, was passieren würde, wenn ihn der Sprechende Hut nicht nach Slytherin einteilen würde. Der Fall war für Draco Malfoy wohl schlicht und ergreifend nicht vorgesehen.
Er hat sich offenbar wohl gefühlt in Slytherin, falls man das so sagen kann. Er erklärt, dass die Slytherins für ihr Einzelgängertum, ihre Geheimniskrämerei bekannt sind und dass sie deswegen so gut miteinander auskommen, weil sie im Wesen alle gleich sind. Sei es nun aus Gründen seiner Erziehung oder aus persönlichen Motiven – Mister Malfoy scheint es jedenfalls nicht zu bereuen, dass er nach Slytherin gekommen ist, auch wenn das Haus zu seiner Schulzeit nicht den besten Ruf genossen hat. Aber, so wie er über Slytherins spricht, habe ich den starken Verdacht, dass es ihnen egal gewesen sein dürfte, was jemand der Anderen über sie zu sagen hatte."
Du grinst ein bisschen und kannst sehen, dass ein paar deiner Studenten nicken. Ach, denkst du halb spöttisch und halb verblüfft, schau an, da sind also doch Slytherins in deinem Hörsaal gelandet.
„Draco Malfoy macht den Eindruck, als wüsse er ziemlich genau, dass er bei seinen Klassenkameraden in Hufflepuff, Ravenclaw und Gryffindor nicht gerade beliebt war. Ich entnehme seinen Worten, dass er auch einen Großteil dazu beigetragen hat, sich seinen nicht sonderlich schmeichelhaften Ruf zu erwerben. Oder, wie er es selbst ausdrückt: er konnte unausstehlich sein, wenn er nur wollte", zitiert Mister MacLaine und vereinzelt kommt unterdrücktes Gelächter aus den Reihen.
„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung", kannst du dir nicht verkneifen und das Gelächter steigert sich zu einem chaotischen Hustkonzert, als alle versuchen, ihre Erheiterung zu verbergen. Dich stört es nicht. Sie sollen ruhig merken, dass auch jemand, der als Todesser angeklagt wurde, einen Sinn für Humor hat. Dass er auch nur ein Mensch ist, wie sie. Wie du. Wie ihr alle. Und du für deinen Teil findest es ziemlich amüsant, wie Draco sich während seiner Vernehmung selbst beschrieben hat.
„Er versucht jedenfalls nicht, irgendetwas zu verbergen oder sich als beliebtester Junge der Schule darzustellen", grinst Alasdair, „Stattdessen gibt er unumwunden zu, weder zu Hermione Granger, noch zu Ronald Weasley, geschweige denn zu Harry Potter ein gutes Verhältnis gehabt zu haben." „Es wäre ihm auch kaum möglich gewesen, etwas Anderes zu behaupten", wendest du ein, „Die Spannungen zwischen ihm und Harry Potter waren berüchtigt." Mister MacLaine zuckt mit den Achseln. „Sicher", erwidert er, „Das bezweifele ich auch gar nicht. Ich finde nur, wenn man es so liest, dass es klingt, als hätte Mister Malfoy sich irgendwie mit diesem Teil seiner Vergangenheit arrangiert. Verstehen Sie, was ich meine?"
Du nickst, denn ja, du verstehst nur zu gut, was er damit ausdrücken will. „Ja", versuchst du, Alasdair zu helfen, „Es klingt, als hätte er ziemlich viel über seine Vergangenheit und sein Handeln nachgedacht, sodass er nun in der Lage ist, das Ganze zu betrachten und sich selbst ein wenig zu analysieren. Er hat Abstand gewonnen. Sie dürfen nicht vergessen, dass die Vernehmung zu einem Zeitpunkt stattgefunden hat, als der Krieg bereits mehrere Monate vorüber war. Lucius Malfoy saß in Haft und Narcissa Malfoy begann, langsam und stetig ihr Hab und Gut zu verkaufen. Das Leben der Malfoys veränderte sich drastisch und wir dürfen wohl berechtigterweise vermuten, dass es seine Spuren hinterlassen hat."
Genug doziert für den Moment, beschließt du und nickst Alasdair MacLaine zu als Zeichen dafür, dass er mit seiner Analyse weitermachen kann.
„Interessant ist auch, dass sich Draco Malfoy weigert, eine Angabe dazu zu machen, wie die Feindschaft zwischen ihm und Harry Potter überhaupt zustande kam", findet dein Student und natürlich kannst du dein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen, weil du einfach deinen Mund nicht halten kannst. „Aha!", merkst du auf, „Finden Sie es nicht noch interessanter, dass der Richter ihn gewähren lässt?" Leises Gemurmel entsteht bei deinen Worten und du kannst beobachten, wie mehrere Studenten mit ihren Nachbarn tuscheln.
Alasdair hebt die dunkelblonden Augenbrauen und schaut dich durch die Gläser seiner Goldbrille konzentriert an.
„Ich würde das nicht vergleichen wollen", erwidert er langsam, „Sicher ist es interessant und bestimmt auch erstaunlich, dass der Richter Mister Malfoy gestattet, sich seinen Stolz zu bewahren – denn nichts Anderes ist es ja – aber ich finde es ebenso erstaunlich, dass man vor Gericht stehen und beschuldigt werden kann, ein Todesser gewesen zu sein, Menschen gequält und getötet zu haben, und trotzdem noch den dringenden Wunsch verspürt, sein Gesicht zu wahren. Ich denke, dass es uns eine Menge über Draco Malfoy verrät. Er ist stolz, selbst dann noch, wenn er es sich eigentlich nicht erlauben kann, und ich glaube, dass dieser Charakterzug auch für viele seiner Handlungen verantwortlich war oder zumindest eine Rolle gespielt hat."
„Wie meinen Sie das genau?", erkundigst du dich neugierig und rutschst auf deinem Pult ein bisschen nach hinten, um es dir gemütlich zu machen, „Könnten Sie das ein wenig konkreter erklären?" Alasdair rückt sich seine Brille zurecht. „Im Prinzip ist es ganz einfach", sagt er, „Ich halte Draco Malfoy für einen stolzen Mann. Und welcher stolze Mann gibt schon gerne zu, dass er Fehler gemacht hat? Dass er vielleicht nicht ganz so klug war wie er gedacht hatte? Dass er Hilfe benötigt? Keiner. Stattdessen versucht man, es irgendwie wieder gut zu machen, ganz egal, was man dafür leisten muss. Und ich denke, dass es das war, was Draco Malfoy getan hat. Er hat versucht, seinem Vater zu helfen, die Familienehre zu retten, seine Eltern und sich selbst zu beschützen. Es konnte nicht gut gehen, es sollte vermutlich auch nie gut gehen."
Du nickst bedächtig. „Können Sie das der Vernehmung entnehmen?", willst du wissen und schaust ihn lauernd an. „Sicher", nickt er zurück, „Mister Malfoy spricht es ja selbst an, dass er vermutet, der Auftrag, Dumbledore umzubringen, sei nichts weiter gewesen als der Versuch, ihn zum Scheitern zu bringen und somit die Malfoys noch tiefer sinken zu lassen in der Gnade des Dunklen Lords. Lucius Malfoy war gefangen genommen worden und Draco Malfoy sollte nun die Kastanien aus dem Feuer holen. Allerdings hat es ganz den Anschein, dass er den Auftrag nur bekommen hat, um an ihm zu verzweifeln.
Der Dunkle Lord scheint Versagen nicht unbedingt gut verkraftet zu haben. So gesehen hatte Lucius Malfoy im übertragenen Sinne sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Statt weit oben in der Gunst Voldemorts zu stehen waren er und seine Familie nach unten gerutscht und mussten es sich verdienen, nicht weiter bestraft zu werden. Ich denke, dass zwischen der Gefangennahme seines Vaters und dem Ende seines sechsten Schuljahres einiges passiert sein muss bei Draco Malfoy."
„Woran denken Sie da?", hakst du interessiert nach, legst deine Notizen beiseite und stützt dich mit den Händen an deinem Pult ab. Alasdair MacLaine sieht dir unverwandt entgegen. „Mister Malfoy beschreibt, dass er es als Ehre, als Friedensangebot empfand, als er den Befehl erhielt, Albus Dumbledore umzubringen. Für ihn war es die Möglichkeit, seine Familie besser schützen zu können, sollte er erfolgreich sein. Wir können getrost davon ausgehen, dass es Draco Malfoy bewusst war, dass der Dunkle Lord Versagen ebenso wenig tolerieren würde wie Verrat. Daher muss Draco gewusst haben, dass es schlecht um seinen Vater und somit auch um ihn und seine Mutter bestellt war, sollte Draco nach Lucius ebenfalls nicht triumphieren.
Allerdings sagt Draco Malfoy auch, dass er zum Zeitpunkt der Verhandlung durchaus erkannt hatte, dass das scheinbare Friedensangebot nichts weiter war als eine Falle. Draco sollte scheitern, vielleicht sollte er sogar bei dem Versuch, Albus Dumbledore zu töten, selbst sterben – wir wissen es nicht. Aber der Plan Voldemorts sah gewiss vor, die Malfoys noch weiter zu demütigen und zu bestrafen. Es kann für einen sechzehnjährigen Jungen nicht leicht gewesen sein, sich zu überlegen, wie man am besten seinen Schulleiter umbringen würde.
Mister Malfoy verrät uns nicht explizit, wie er sich während dieses Jahres gefühlt hat, doch er sagt: Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als er gefragt wird, ob seine Mordversuche Erfolge zu verweisen hatten. Und ich glaube, wenn Draco Malfoy nicht Draco Malfoy wäre und stattdessen ein bisschen weniger stolz, dann hätte er hinzugefügt Ich war verzweifelt, aber er tut es nicht. Trotzdem glaube ich, dass genau diese Aussage hinter seinem Satz steht. Er war ein Teenager, der einen Mord begehen sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Voldemort hinterher mit den gleichen Augen betrachtet hat wie zuvor."
Er hält kurz inne, um in seinen Unterlagen zu blättern. Dir gefällt seine Analyse, dir gefällt, wie er es schafft, aus den Sätzen das Wichtige, das Wesentliche herauszulesen. Dir gefällt, wie er es schafft, Draco Malfoy als den stolzen, dummen Jungen darzustellen, der er war, ohne ihn dafür zu verdammen oder ihn in Schutz zu nehmen und mit Mitleid zu überschütten.
„Er gibt zu, zwei der Unverzeihlichen Flüche gesprochen zu haben", fährt Mister MacLaine da fort und zieht deine Aufmerksamkeit auf sich, „Den Imperius-Fluch gegenüber Madam Rosmerta und den Cruciatus, wenn auch nicht erfolgreich, gegenüber Harry Potter. Und erneut deutet Draco Malfoy nur an, dass es in einer Situation war, die ihm persönlich unangenehm war, erläutert das jedoch vor Gericht und somit vor der anwesenden Öffentlichkeit nicht, was nur unsere These unterstützt, dass er unter allen Umständen sein Gesicht wahren will."
(Vielleicht war sein Stolz alles, was ihm noch geblieben war, denkst du, sprichst es jedoch nicht aus.)
((Es war nicht alles. Aber vielleicht dachte er damals, es wäre das Wichtigste.))
Alasdair schaut ein bisschen überrascht, als Miss O'Connor zwei Reihen vor ihm die Hand hebt und in deine Richtung sieht. „Miss O'Connor?", machst du ebenfalls verwundert, „Haben Sie eine Frage?" Sie nickt und lässt ihren Arm wieder sinken. „Ich habe überlegt, weshalb der Richter es durchgehen lässt", sagt sie, „Ich verstehe, dass es Mister Malfoy wichtig war, seinen Stolz zu behalten, und natürlich merkt man dem Protokoll an, dass der Richter ihn fair und gerecht behandelt hat, aber dennoch. Wäre es nicht wichtig gewesen, gerade auf die Feindschaft zwischen Harry Potter und Draco Malfoy noch einmal genauer einzugehen?"
Du fühlst die Blicke deiner Studenten auf dir ruhen. All diese Gesichter, alle dir zugewandt, alle mit der gleichen Frage in den Augen. „Sie haben Recht", erwiderst du, „Es wäre in der Tat wichtig gewesen. Nein: es war wichtig. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen verrate, dass Draco Malfoy in den folgenden Vernehmungen detaillierter dazu befragt wurde. Weshalb Richter Campbell es ihm in der ersten Sitzung erlassen hat – ich kann nur Mutmaßungen anstellen. Ich denke, es war aus Rücksichtnahme. Er musste bereits vorher um Ruhe im Saal bitten und ich denke, es hätte sehr unschön geendet – nicht nur bei Gericht, sondern auch in den Zeitungen und zwar möglicherweise wochenlang – wenn er Mister Malfoy zu diesem Zeitpunkt gezwungen hätte, über seine Feindschaft zu Harry Potter zu sprechen. Vergessen Sie nicht: Harry Potter hatte vor wenigen Monaten erst die Zaubererschaft von dem Dunklen Lord befreit. Er war ein Held. Er war der Held. Für Draco Malfoy wäre es anschließend noch schwieriger gewesen. Alle weiteren Gerichtsverhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sodass Mister Malfoy offener sprechen konnte. Ich sagte es Ihnen ja bereits: kaum jemand macht sich die Mühe, in Archiven zu kramen. Beantwortet das Ihre Frage?"
„Ja", lächelt Miss O'Connor und notiert fleißig, „Danke sehr." „Gut", erwiderst du, „Dann würde ich vorschlagen, Mister MacLaine, Sie bringen Ihre Analyse zu Ende." Viel ist schließlich nicht mehr übrig von deinem ersten Gerichtsprotokoll. „Mister Malfoy erzählt, dass der Dunkle Lord sich im Haus der Malfoys einquartiert hat", erklärt Alasdair rasch weiter, „Er macht dabei recht deutlich, dass der Dunkle Lord seinen Untergebenen gegenüber auch nicht gerade viel freundlicher gewesen sein kann als seinen Feinden gegenüber. Es kann für die Malfoys kein Vergnügen gewesen sein, ihn beherbergen zu müssen.
Mister Malfoy gesteht ein, nichts dagegen unternommen zu haben. Um ehrlich zu sein: ich wüsste auch nicht, was er hätte tun können. Also zog Draco Malfoy, wie es scheint, den Kopf ein und versuchte, sich unsichtbar zu machen. Als er nach Hogwarts zurückkehrte, tat er nichts, um das neue Kollegium, verstärkt durch Todesser, zu unterstützen. Er griff keine Muggelstämmigen an. Er tat schlicht und ergreifend nichts. Er trat in den Hintergrund.
Draco Malfoy nennt auch seine Beweggründe dafür: nicht nur, dass er ganz offensichtlich Angst hatte vor dem Dunklen Lord, er scheint auch regelrecht Hass ihm gegenüber empfunden zu haben, den er selbstverständlich nicht offen ausgelebt hat, der jedoch in ihm zu schwelen schien. Er war nicht länger bereit, für Voldemort zu kämpfen und möglicherweise sein Leben zu lassen für ein Ideal, an das er nicht mehr glaubte. Er sagt es selbst: er hat nach seinen Eltern gesucht und sie nach ihm.
Und schließlich hat er, zumindest für mich, recht deutlich gemacht, weshalb auch die meisten anderen Slytherins seines Jahrgangs nicht gekämpft haben, weder für den Dunklen Lord noch gegen ihn. Wer kämpft schon für eine Sache, die er nicht selbst vertritt? Aber natürlich hat Draco Recht: sie hätten alle mit dem Schlimmsten rechnen müssen, wären sie gegen Voldemort angetreten und hätte er gewonnen. Also sind sie gegangen."
„Um ihr Leben zu retten", wirft Tobias Miller ein, sein Gesicht ist kalkweiß und du siehst ihn einfach nur an, wartest auf das, was er zu sagen hat. „Ja", entgegnet Alasdair ruhig, „Um ihr Leben zu retten." Er hat den Kopf gedreht, um seinen Kommilitonen anschauen zu können. „Das ist feige", zischt Tobias und vereinzelt nicken ein paar Studenten. Und die Diskussion beginnt ein bisschen früher als du es geplant hattest. „Nein", begehrt Alasdair nun auf, „Ist es nicht. Es ist reiner Selbsterhaltungstrieb."
„Ach?", höhnt Tobias Miller, „Und alle die, die geblieben sind, um zu kämpfen und die dabei gestorben sind? Was ist mit denen? Waren die einfach zu dumm, um auf ihr Leben aufzupassen?" „Das habe ich nicht behauptet", erwidert Alasdair mit fester Stimme, „Sie haben ihre Entscheidung getroffen, genau wie die Slytherins ihre getroffen haben. Niemand hat ihnen befohlen zu bleiben. Sie haben es aus freien Stücken getan. Sie wussten, worauf sie sich einließen. Niemand hat ihnen versprochen, dass sie überleben werden." „Aber es ist nicht fair", stößt Tobias hervor und du kannst ihm regelrecht ansehen, dass er kurz davor ist, hektisch nach Luft zu schnappen, „Es ist nicht fair … Immerhin haben sie gegen den Dunklen Lord gekämpft … sie hätten überleben sollen."
„Ja", sagst du leise und behutsam, „das hätten sie." Du findest, dass es höchste Zeit ist, mal einzugreifen bevor sich deine Studenten völlig verausgaben. Es hätte bei Mister Miller vermutlich nicht mehr viel gefehlt. „Ich verrate Ihnen eine kleine, unangenehme Weisheit", fährst du fort und lässt Tobias nicht aus den Augen, „Das Leben ist nicht fair. Wir können froh sein, dass sich so viele dafür entschieden haben, in Hogwarts zu bleiben und zu kämpfen. Wir wären sonst vielleicht heute nicht hier. Oder zumindest würden wir in einer vollkommen anderen Gesellschaft leben. Aber wissen Sie was? Wir können auch niemandem vorwerfen, dass er gegangen ist."
Blass und verschlossen sitzt Tobias Miller auf seinem Platz, die Arme liegen auf dem Tisch, die Hände hat er ineinander verschlungen, und er tut dir Leid. Ihr habt alle eure Geschichte und du glaubst, dass er vermutlich sogar einen guten Grund dafür hat, Todesser zu hassen, aber es ist verdammt nochmal nicht deine Aufgabe, Mitleid mit ihm zu haben. Deine Aufgabe ist es, ihm bewusst zu machen, dass auch die, die er Todesser nennt, Menschen sind und ein Gesicht haben. Deine Aufgabe ist es, ihm aufzuzeigen, weshalb manche Todesser wurden, manche Kämpfer gegen den Dunklen Lord und warum wieder andere sich in den Schatten versteckt haben.
„Verurteilen Sie niemanden, bevor Sie nicht sicher sind, all seine Beweggründe zu kennen", sagst du und hältst deinen Blick auf Mister Miller gerichtet, „Und dann versuchen Sie, sich in seine Situation hineinzuversetzen. Wir wären alle gerne Helden. Aber wenn es darauf ankommt, wer weiß, ob wir nicht auch versuchen würden, unser eigenes Leben zu retten? Können Sie sicher sein, dass Sie sich dem Dunklen Lord entgegengestellt hätten? Mit allen Konsequenzen? Seien Sie dankbar, dass Ihnen diese Entscheidung nicht abverlangt wird."
Du räusperst dich ein bisschen verlegen (du wolltest nicht dozieren, nicht so, nicht so schrecklich altklug), schaust in die Runde und versuchst, irgendwie zum Thema zurückzukehren. „In Ordnung", meinst du betont heiter, „Heben wir uns die Diskussion doch für den Schluss auf, wenn wir noch genügend Zeit haben. Fühlt sich jemand von Ihnen berufen, mal wieder einen Artikel von Rita Kimmkorn zu analysieren? Miss Hopkins, wie wäre es mit Ihnen?" Du hast Glück und sie nickt, doch dir ist nur allzu bewusst, dass die meisten deiner Studenten gedanklich vermutlich noch woanders sind.
„Es ist jedenfalls ziemlich klar, was sie mit ihrem Artikel aussagen will", bemerkt Gwendolen Hopkins trocken, „Miss Kimmkorn lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie den Richter für voreingenommen hält. Nebenbei unterstellt sie ihm noch, er vertrete die gleichen rassistischen Ansichten wie es offenbar sein Großonkel getan hat, und legt Narcissa Malfoy zur Last, sie habe das Justizministerium bestochen, um einen gnädigen Richter zu finden. Das ist, denke ich, selbst für Rita Kimmkorns Verhältnisse starker Tobak."
Du hebst kurz die Hand, um anzudeuten, dass du gerne unterbrechen würdest, und Miss Hopkins grinst dich an, ehe sie dir zunickt. „Nur als Anmerkung am Rande", sagst du, „Miss Kimmkorn war bei weitem nicht die Einzige, die sich empört hat. Viele fanden es bodenlos, dass Draco Malfoy einen Richter bekam, der es wagte, ihn wie einen normalen Angeklagten zu behandeln. Sie vergaßen dabei eine wichtige Sache: in unserem Rechtssystem sollte eigentlich jeder Angeklagte von einem unvoreingenommen Richter vernommen werden, der die Angelegenheit neutral betrachten kann. Draco Malfoy hatte dieses Glück. Wie wir gleich sehen werden, ist das genaue Gegenteil leider auch vorgekommen. Aber bitte, widmen wir uns erst Miss Kimmkorn und ihren erstaunlichen Ansichten."
„Sie wirft Richter Campbell vor, er habe Draco Malfoy geschützt", setzt Miss Hopkins ihre Analyse fort, „und ich schätze, in gewisser Hinsicht hat sie damit sogar Recht. Er hat Draco Malfoy vor der Öffentlichkeit geschützt, vor einer Öffentlichkeit, die ihn vermutlich gelyncht hätte, wenn er ihnen die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Hat unsere Justiz denn nicht auch eine Pflicht, ihre Gefangenen nicht menschenunwürdig zu behandeln? Miss Kimmkorn scheint bereit, das im Fall von Draco Malfoy zu ignorieren. Ich frage mich, wie sie die Sache wohl sehen würde, wenn sie angeklagt wäre und ein ganzer Saal bereit wäre, sie anzugreifen. Ich schätze, dann hätte sie kein Problem mit einem fairen Richter."
Du erlaubst dir ein Schmunzeln. Miss Hopkins hat eine trockene Art, Dinge beim Namen zu nennen, die dir gefällt und die auch ganz gut in deinen Hörsaal passt. (Im Gerichtssaal hätte sie nichts zu suchen, aber du glaubst, dass Pansy sich auch ganz gut darüber amüsieren könnte, schließlich ist sie in der Hinsicht nicht unähnlich.)
„Miss Kimmkorn scheint jedenfalls ihre helle Freude daran zu haben, irgendwelche alten Geschichten hervorzukramen, die den Betroffenen in möglichst schlechtem Licht da stehen lassen sollen. Ich kann nämlich nicht nachvollziehen, was der Großonkel eines Richters, der vor fünfzig Jahren oder so ein Anhänger Grindelwalds gewesen ist, mit einem Prozess zu tun haben soll, der 1998 geführt wurde", erklärt Miss Hopkins gerade, „Mal abgesehen davon, dass es sehr lange her ist, kann sie mir auch nicht ganz begreiflich machen, was für einen Einfluss sein Großonkel auf Nathanael Campbell gehabt haben soll.
Meinem Empfinden nach hat Richter Campbell das Verhör so geführt, wie es geführt werden sollte. Er hat die essentiellen Fragen gestellt und nachgehakt, aber er hat nicht zugelassen, dass die Zuhörer den Angeklagten angreifen, sei es nun verbal oder anders geartet. Er war schlicht und ergreifend gerecht. Er hat Draco Malfoy nicht bevorzugt behandelt und er hat sicher nicht behauptet, dass Mister Malfoy nur einen klitzekleinen Fehler begangen hat, wie Miss Kimmkorn das so schön ausdrückt. Dass sie dem Richter geradezu unterstellt, sich von Mrs Malfoy bestechen zu lassen, grenzt eigentlich schon an Rufmord."
Sie wirft dir einen auffordernden Blick zu und du hakst rasch ein. „Denken Sie nicht, dass ich Ihre Empörung nicht nachvollziehen kann", lächelst du sie beruhigend an, „Aber ich muss Sie in der Hinsicht leider enttäuschen. Rita Kimmkorn versteht ihr Handwerk. Fragen Sie mich nicht, wie sie es geschafft hat, fest steht nur: es gab keine Anzeige wegen Rufmord. Selbst wenn, hätte sie sich vermutlich geschickt herauswinden können. Und vergessen Sie eines nicht: Hätte Richter Campbell sie angezeigt, hätte sie gesagt, dass er sich offenbar angesprochen gefühlt hat, und hätte gefragt, ob es dafür wohl einen Grund gäbe? Und bei den Lesern wäre genau das hängengeblieben: dass Richter Campbell die Notwendigkeit gesehen hatte, sich verteidigen zu müssen. Damit wäre der Zweifel nur verstärkt worden."
„Ziemlich verquer", murmelt Miss Hopkins und du kannst ihr nur zustimmen. „Miss Kimmkorn stellt jedenfalls sicher, dass zumindest die Leser dieses Artikels auf unbestimmte Zeit erst einmal nicht vergessen werden, dass sowohl Draco also auch Lucius Malfoy keine weiße Weste haben, ganz gleich, was das Gericht sagt. Sie schürt das Misstrauen gegenüber den Malfoys noch einmal an." Sie verstummt und du bedankst dich bei ihr für die Analyse.
„Freiwillige für das nächste Gerichtsprotokoll?", erkundigst du dich, „Nur keine falsche Scheu. Danach warten immer noch zwei Texte auf Sie. Also los. Mister Hart." Erleichtert nickst du deinem Studenten zu. „Nur zu, legen Sie los." Du greifst dir die Seiten, auf denen du Theos Vernehmung kopiert hast. Die Blätter sind allesamt bedeckt mit deinen Notizen. Und es gibt eine Menge zu dieser Gerichtssitzung.
„Wenn wir das gleiche Prinzip anwenden wie vorhin Alasdair, dann finden wir heraus, dass Theodore Nott als Zwölfter auf der Liste der Verdächtigen stand", beginnt Stephen mit konzentriertem Gesichtsausdruck, „Ich denke also, dass er demzufolge wohl auch nicht unbedingt als gefährlich eingestuft wurde. Das Protokoll, das wir besprechen, wurde bei seiner ersten Vernehmung angefertigt. Ebenso wie Draco Malfoy wurde ihm vorgeworfen, als Todesser in den Diensten des Dunklen Lords gestanden zu haben und dabei die Unverzeihlichen Flüche angewandt zu haben.
Wir erfahren, dass er in Wales geboren wurde und zum Zeitpunkt der Befragung, also im Herbst 1998, gemeinsam mit Mister Ollivander durch Europa reiste, um bei ihm in Zauberstabkunde unterrichtet zu werden. Gleich zu Beginn macht es den Anschein, als würde Richter Temperley nach Details Ausschau halten, die Theodore Nott das Genick brechen könnten – bildlich gesprochen. Er äußert Zweifel daran, unter welchen Umständen Mister Nott seine Lehrstelle erhalten hat und unterstellt ihm somit in gewisser Weise, Druck auf Mister Ollivander ausgeübt zu haben.
Mister Nott bleibt, erstaunlicherweise, recht ruhig. Er erklärt, aussagen zu wollen und berichtet, dass Mister Ollivander ihm gegenüber keinen Groll hegt, da er, Nott, schließlich keine Schuld daran trage, dass Mister Ollivander von den Todessern gefangen gehalten wurde. Mister Nott war zu dieser Zeit noch Schüler in Hogwarts, er war kein Mitglied der Todesser – was hätte er also mit der Sache zu tun haben sollen? Logisch betrachtet: nichts. Aber Richter Temperley scheint nicht sonderlich gewillt gewesen zu sein, das Ganze auch logisch zu betrachten."
Du hebst erstaunt die Augenbrauen in die Höhe und hörst zu, wie dein Student eine regelrecht flammende Verteidigungsrede auf Theodore Nott hält. (Und es macht dir Spaß.)
„Wäre es nicht so traurig", fährt Mister Hart fort, „dann würde ich es vermutlich amüsant finden. Theodore Nott wurde untersucht, ihm wurde Veritaserum eingeflößt und wir können wirklich sicher sein, dass er die Wahrheit sagt und zwar nicht nur, weil er vor Gericht ist und es geschworen hat, sondern weil er tatsächlich keine andere Wahl hat. Und obwohl er sagt, dass er kein Dunkles Mal trägt und obwohl sicher gestellt wurde, dass an seinem Körper keines festzustellen ist, weigert sich Richter Temperley beständig, die richtigen Schlüsse zu ziehen und der Wahrheit ins Auge zu sehen – dass Theodore Nott nämlich kein Todesser war.
Stattdessen schafft es Richter Temperley, Verschwörungstheorien aufzustellen, die ich offen gestanden kaum ernst nehmen kann. Er unterstellt Mister Nott, ihn anzulügen und behauptet, er hätte das Dunkle Mal verschwinden lassen. Dabei dürfte es für die Justiz ein Leichtes gewesen sein, herauszufinden, ob all diejenigen, von denen bekannt war, dass sie Todesser waren, noch immer ihr Mal trugen oder nicht. Ich weiß nicht, ob man sich diese Mühe gemacht hat, aber ich bezweifle ohnehin, dass das Ergebnis Richter Temperley interessiert hätte. Vermutlich hätte er auch dann noch eine Erklärung gefunden.
Vielleicht", er zögert kurz, sein Blick flackert zu dir und du nickst ihm ermutigend zu, „Vielleicht finde ich die Vernehmung deswegen so erschreckend, weil der Richter manchmal Dinge ausspricht, die wir vermutlich alle schon einmal gedacht haben. Mister Nott senior war ein Todesser, also muss sein Sohn auch einer gewesen sein. Sind das nicht Argumente, die wir alle irgendwann einmal benutzt haben? Nur, dass von einem Richter eigentlich verlangt wird, solche Vorurteile beiseite schieben zu können, wenn er im Gerichtssaal steht.
Mister Nott gewinnt, bei aller Höflichkeit, an Schärfe, als er mit den Vorwürfen konfrontiert wird, ein Todesser gewesen zu sein, weil es sozusagen das Erbe seines Vaters war. Das Veritaserum spielt sicher mit hinein, aber ich glaube, dass wir in diesem Protokoll einen Theodore Nott erleben, der es satt hat, sich Vorurteile anzuhören. Es liest sich wütend und verzweifelt – was nur allzu verständlich ist. Er sagt die Wahrheit, gezwungenermaßen, und niemand glaubt ihm."
Ja, denkst du dumpf, es war nicht schön, damals, im Gerichtssaal zu sitzen und mitanhören zu müssen, wie Theodore versuchte, sich zu verteidigen. Es war nicht schön, sich wieder so verdammt hilflos zu fühlen.
„Er erzählt, wie es dazu gekommen ist, dass sich sein Vater den Todessern angeschlossen hat. Ich nehme stark an, dass Mister Nott reinblütig war, was erklären dürfte, weshalb er die Ideen des Dunklen Lords für gut befand und unterstützte. Es hing offenbar auch mit der Erziehung zusammen, die die Eltern von Mister Nott senior ihm zugedeihen ließen, und die ich mir in etwa so vorstelle wie das, was wir bei den Blacks erfahren haben.
Interessant finde ich übrigens, dass der Richter ihm das Wort abschneidet, als Theodore Nott von Narcissa Malfoy und Petronia Parkinson spricht. Es macht ganz den Anschein, als würde er nicht wollen, dass den Todessern, oder ihren Familien, irgendwelche Gefühle zugestanden werden. Das würde sie schließlich nur menschlich machen. Und wenn sie menschlich sind, dann können sie keine Monster mehr sein."
Du hörst fasziniert zu und fragst dich kurz, wo Mister Hart gelernt hat, derartig zu argumentieren.
„Theodore Nott stellt jedenfalls klar, dass sein Vater ihm eine gute, glückliche Kindheit beschert hat, die er darüber hinaus nicht damit verbracht hat, seinem Sohn klarzumachen, dass Muggel oder auch muggelstämmige Zauberer und Hexen keineswegs weniger wert seien als die sogenannten Reinblüter", fährt Mister Hart ruhig fort, „Wir können zwar nur spekulieren, weshalb Mister Nott senior verhindern wollte, dass sein Sohn und seine Frau mit diesem Thema und mit seinen eigenen Ansichten – ob er sie zu dem Zeitpunkt noch eisern vertreten hat oder nicht – in Berührung kamen, aber fest steht, dass er es verhindern wollte.
Vielleicht, weil er selbst nur zu genau wusste, wie es sich anfühlte, bereits als Kind mit derartigen Parolen konfrontiert zu werden. Vielleicht, weil er, jenseits von Voldemort und den übrigen Todessern, in Ruhe zum Nachdenken kam und sich fragen musste, ob es denn sein kann, dass manche Menschen den Anderen derart unterlegen sein sollen. Ob es richtig ist, andere Menschen wie Sklaven, wie Tiere zu behandeln. Vielleicht teilte seine Frau seine Ansichten nicht und brachte ihn zum Grübeln. Vielleicht konzentrierte er sich einfach nur darauf, seinen Sohn großzuziehen und sein Familienleben zu genießen. Wir können es nicht erfahren, denn wir können Mister Nott nicht mehr fragen."
Du nickst kurz. Stephen Hart hat Recht. Die Beweggründe seiner Eltern verstehen zu wollen kann schwieriger sein als man vermuten sollte. Und es kann einen beinahe wahnsinnig machen, wenn man sich eingestehen muss, dass man die Motive niemals vollständig klären kann.
„Allerdings", hebt Mister Hart seine Stimme ein wenig an, „liefert uns Theodore Nott einen Grund dafür, warum sich sein Vater nach Voldemorts Rückkehr nur allzu bereitwillig wieder den Todessern anschloss. Der Richter mag sich über die Argumentation lustigmachen und sie verhöhnen, doch ich denke, dass sie eigentlich recht logisch ist. Sofern man bei Handlungen, die durch Wut und Trauer und Verzweiflung bestimmt wurden, überhaupt von einer Logik sprechen kann.
Mister Nott hatte seine Frau verloren. Ich glaube, wir können getrost davon ausgehen, dass er seine Frau geliebt hat, und jeder Mensch reagiert anders auf den Verlust einer geliebten Person. Mister Nott stürzte sich offenbar auf die Idee, dass die Muggel Schuld am Tod seiner Frau waren, da sie an Brustkrebs starb – an einer typischen Muggelkrankheit, für die wir Zauberer aber auch kein Heilmittel kennen. Vielleicht war er so verzweifelt, dass er dachte, wenn er sich an den Muggeln rächt, dann würde seine Frau wieder lebendig werden. Wir tendieren dazu, die unmöglichsten Dinge zu vermuten, wenn wir nicht mehr klar denken können. Das soll sein Handeln nicht entschuldigen – und ich glaube auch nicht, dass Theodore das versucht – es soll nur seinen Weg aufweisen, wie er wieder zu einem Todesser wurde.
Ironischerweise hatte sein Handeln einen genau umgekehrten Effekt auf seinen Sohn. Mister Nott schloss sich also erneut Voldemort an, wurde dabei gefangengenommen, nach Azkaban gebracht und starb. Dass Theodore nun nicht gerade den dringenden Wunsch verspürte, sich demjenigen untertänig zu Füßen zu legen, der indirekt für den Tod seines Vaters verantwortlich war, erscheint mir nur verständlich, dem Richter jedoch nicht."
Wie sollte es auch, denkst du verschwommen. Mister Hart hat euch immerhin gerade bewiesen, dass Menschen aus Verzweiflung und Trauer jeglichen Verstand abwerfen können, ihn einfach vergessen, sich nicht mehr an ihn erinnern. Theodores Vater hat das getan. Richter Temperley allerdings auch.
„Durch Theodores Aussagen bezüglich Draco Malfoy und ihre übrigen Klassenkameraden bekommen wir noch einmal einen detaillierten Einblick in die Slytherins, können ihre Beziehungen untereinander und ihre verschiedenen Motive etwas besser nachvollziehen", findet Stephen Hart und zieht ein weiteres Blatt aus seinen Notizen hervor, „Es scheint, als wären beispielsweise Draco Malfoy und Theodore Nott während ihrer Schulzeit nicht derart eng miteinander befreundet gewesen wie man hätte annehmen können, wie ich es auch angenommen hätte. Dennoch verbindet sie genug miteinander, um dem jeweils Anderen loyal gegenüberzustehen. Obwohl es seine Lage vor Gericht nicht gerade verbessert, weigert sich Theodore, eine Aussage darüber zu machen, was zwischen ihm und Draco zur Sprache kommt, wenn sie sich treffen.
Ich kann mir vorstellen, dass sie einfach das Bedürfnis hatten, über das gemeinsam Erlebte zu sprechen. Ich denke nicht, dass sie während ihrer Schulzeit sonderlich häufig Gelegenheit hatten, sich über ihre Ansichten gegenüber Muggelgeborenen auszutauschen, schon gar nicht, wenn Draco und Theodore sowieso andere Freundschaften pflegten und wenig Kontakt zu dem jeweils Anderen hatten. Nach dem Krieg waren sie dann, wie er sagt, alle in der gleichen Situation. Der Krieg war vorüber, Voldemort war besiegt und egal, ob sie nun darüber froh waren oder nicht: in den Augen der Gesellschaft waren wahrscheinlich alle Slytherins potenzielle Todesser, die nun damit leben mussten, dass ihr Oberhaupt vernichtet worden war."
Er verstummt und es ist still im Saal, bis Julianna Shaw die Hand hebt und dich ansieht. „Miss Shaw?", ermunterst du sie lächelnd und erwiderst ihren Blick. „Ich habe mich gefragt, wie die Geschichte weitergegangen ist", sagt sie ein bisschen zögernd, „Hat der Verteidiger wirklich Anklage gegen den Richter erhoben? Und wurde Theodore Nott erneut befragt? Mit welchem Ergebnis? Ist er frei gesprochen worden? Wie wurde das Ganze von den Medien rezipiert? Oder besser gefragt: wurde es überhaupt von den Medien rezipiert? Oder doch lieber ignoriert und totgeschwiegen?"
„Vielleicht weiß einer Ihrer Kommilitonen mehr?", erkundigst du dich und wartest kurz ab, doch niemand meldet sich. Stattdessen schauen sie dich abwartend an und du übernimmst selbst. „Nein, es kam nicht zu einer Anzeige gegen Richter Temperley", gibst du zur Auskunft, „Die genauen Gründe dafür kann ich Ihnen leider nicht nennen, da müssten Sie schon Theodore Nott höchstpersönlich befragen. Ich schätze jedoch, dass Verschiedenes zusammenkam. Einem Richter Voreingenommenheit vorzuwerfen ist eine äußerst ernste Anklage." Du hebst hastig abwehrend die Hände, als Stephen Hart den Mund öffnet und offenbar kurz davor ist, etwas zu erwidern. „Natürlich", nickst du ihm zu, „kann man im Fall von Theodore Nott recht glaubhaft argumentieren, dass es absolut berechtigt gewesen wäre. Und trotzdem. Das ändert nichts an der Schwere der Anklage.
Sie dürfen eines nicht vergessen und ich denke, dass das im Laufe des Protokolls sehr deutlich geworden ist: Richter Temperley hat offenbar selbst eine Vergangenheit, die es ihm schwierig bis unmöglich macht, jemanden mit Todesserhintergrund zu befragen, ohne dabei automatisch eine bestimmte Haltung einzunehmen. Er hat gewisse Dinge erlebt, die ihn geprägt haben. Das entschuldigt sein Verhalten nicht unbedingt. Aber wenn jemand verstehen kann, dass man aus Verzweiflung etwas tut, was man bei klarem Verstand nicht tun würde, dann ist das Theodore Nott. Er hat es bei seinem Vater erlebt und er hat es bei Bors Temperley erlebt.
Und denken Sie daran: Theodore Notts Vernehmung wurde Richter Temperley zugewiesen. Kaum ein Richter entscheidet in der Regel selbst, welche Prozesse er verhandelt und welche nicht. Temperley hätte diese Vernehmung niemals bekommen dürfen. Aber er hat sie bekommen. Und es ist ihm nicht gelungen, seine eigenen Gefühle, seine eigenen Erinnerungen außenvorzulassen. Das ist menschlich. Wir erwarten von Richtern Übermenschliches, doch sie können unsere Erwartungen nicht immer erfüllen."
„Wollen Sie damit sagen, dass Theodore Nott … naja … großzügig trifft es nicht ganz … aber bitte … großzügig genug war, um auf die Anklage zu verzichten?", unterbricht dich Boreas Flynn ungläubig. Du lächelst ein bisschen. „Nein", antwortest du, „Wie gesagt, Genaues kann ich Ihnen leider nicht mitteilen. Aber ich schätze, dass Theodore Nott vor allem eines wollte: endlich mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen. Hätte er Anzeige erhoben, hätte sich alles verzögert, es wäre womöglich zu einer hässlichen Schlacht gekommen, auch unterstützt durch die Presse, und er hätte damit rechnen müssen, dass man ihn niemals vergessen lassen würde, dass er einem Richter vorgeworfen hat, ihn ungerecht behandelt zu haben. Denn es ist immerhin auch bei Weitem nicht gesagt, dass im Falle einer Anklage zugunsten von Theodore Nott entschieden worden wäre.
Was die Presse angeht, so werden Sie nur wenige Artikel zum Fall Theodore Nott finden. Vielleicht wollte man es nicht an die große Glocke hängen, dass ein Richter derart überreagiert hat. Vielleicht dachte man insgeheim auch, dass es Theodore nur recht geschehen sei und er froh sein müsse, so glimpflich davon gekommen zu sein. Vielleicht dachte man aber auch, dass er nur ein so kleines Licht bei den Todessern oder Slytherins gewesen sei, dass es sich nicht lohnen würde, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Er war weder reich noch einflussreich, wie beispielsweise die Malfoys, und er ist daher auch nicht sonderlich tief gefallen. Stattdessen hat er eine Lehre begonnen. Das ist nicht der Stoff, aus dem sich reißerische Zeitungsartikel schreiben lassen."
Du räusperst dich ein wenig verlegen, als dir auffällt, dass du mal wieder einen kleinen Vortrag gehalten hast ohne es zu wollen. „Gut", murmelst du, raschelst mit deinen Notizen und schaust in die Runde, „Gibt es noch Fragen zum Gerichtsprotokoll von Theodore Nott? Falls nicht, würde ich vorschlagen, dass wir uns dem nächsten Text zuwenden. Fühlt sich jemand von Ihnen dazu berufen, den Auszug aus Grün ist die Hoffnung zu analysieren?"
Miss Carter streckt den Arm in die Höhe und du nickst ihr zu. „Danke", sagst du kurz, „Sie dürfen sofort loslegen. Ich bitte Sie nur, uns gleich zu Beginn mitzuteilen, von wem der Ausschnitt handelt. Nur für den Fall, dass einige Ihrer Kommilitonen noch im Dunkeln tappen." Oder sich gar nicht erst die Mühe gemacht haben, sich vorzubereiten, denkst du, doch du sprichst es nicht aus. Im Zweifel für deine Studenten, erinnerst du dich stumm.
Miss Carter zuckt die Achseln. „Sicher", erwidert sie und streicht das Blatt, das vor ihr liegt, glatt, „Es handelt sich dabei um Pansy Parkinson, genauer gesagt um einen kurzen Einblick in ihr Leben, als sie zwischen 14 und 16 Jahre alt war." „Und wer ist Pansy Parkinson?", unterbrichst du sie sofort und ihr verwirrter Blick verrät dir eindeutig, dass sie findet, dass das eigentlich mittlerweile jeder in diesem Hörsaal wissen sollte. „Ehemalige Slytherin", antwortet Miss Carter trotzdem prompt, „Sie war in einem Jahrgang mit Harry Potter."
„Richtig", stimmst du ihr zu, „Dann würde ich Sie jetzt bitten, uns an Ihren Gedanken zu dem Ausschnitt teilhaben zu lassen." Sie lacht kurz, streicht sich das Haar über die Schulter und wirkt, als könne sie es kaum erwarten. „Ich finde es sehr interessant, wie der Text beginnt", erklärt deine Studentin mit konzentrierter Stimme, „Obwohl Miss Parkinson direkt im Anschluss darüber berichtet, dass sie bereits in einem recht jungen Alter schon erwachsen werden musste, ist es dennoch dieser erste Satz, der zumindest mich daran erinnert hat, dass sie zu dem Zeitpunkt, als die Todesservorwürfe aufkamen, zwar kein Kind mehr war, aber auch noch kein Erwachsener im eigentlichen Sinne.
Sie war, nach der Schlacht um Hogwarts, zwar volljährig, doch das Eine muss mit dem Anderen nicht unbedingt etwas zu tun haben. Und 17 ist noch immer jung, finde ich. Miss Parkinson war 16, als ihr Vater starb. Das ist normalerweise nicht das übliche Alter, um einen Elternteil begraben zu müssen. Mister Nott war zu dem Zeitpunkt auch bereits Halbwaise und verlor kurz darauf noch seinen Vater. Man wird das Gefühl nicht los, dass diese Jugendlichen nicht gerade ein einfaches Leben hatten. Da wird einem erst wieder bewusst, was für eine behütete Kindheit man selbst hatte."
„Du kannst nicht alles, was die Todesser begangen haben, darauf zurückführen, dass sie möglicherweise aus zerrütteten Verhältnissen stammen", wirft jemand schräg hinter ihr ein, dessen Gesicht du keinen Namen zuordnen kannst. Aber Miss Carter kann es offenbar. „Das hatte ich auch nicht vor, Bo, keine Sorge", antwortet sie gelassen und dreht leicht den Kopf, um ihren Kommilitonen anschauen zu können, „Da gibt es mit Sicherheit noch andere Gründe." Er zuckt die Achseln. „Dann ist ja in Ordnung", sagt er und klingt genauso ruhig wie Miss Carter, „Ich denke nämlich nicht, dass wir es uns so leicht machen dürfen. Schwere Kindheit hin oder her, das rechtfertigt keine Folter, keine Morde und keine rassistische Grundeinstellung."
Es ist eigentlich wirklich nicht zum Lachen, doch du musst trotzdem aufpassen, dass das Grinsen, das an deinen Mundwinkeln zieht, sich nicht allzu sehr auf deinem Gesicht ausbreitet. „Da stimme ich Ihnen zu", nickst du in Richtung des Studenten, „Ich würde nur vorschlagen, dass Miss Carter ihre Analyse beenden kann, bevor wir uns die Diskussion über mögliche oder unmögliche Motive stürzen."
„Durch Miss Parkinson erhalten wir jedenfalls erstmals Auskunft darüber, was die Kinder von Todessern mitbekommen haben, wie sie sich gefühlt haben", ergreift Miss Carter wieder das Wort, „Mister Nott senior hatte sich ja bemüht, alles von seinem Sohn fernzuhalten und ich denke, bei den Malfoys – Lucius und Draco – ist es höchst unwahrscheinlich, dass einer von beiden den offenbar angeboren Stolz vergisst und offen darüber spricht, dass es manchmal vielleicht auch einfach nur furchtbar war, ein Anhänger des Dunklen Lords zu sein.
Dass er auch mit seinen Untergebenen nicht gerade zimperlich umging, ist ja mittlerweile bekannt. Aber zu den Details hat sich dennoch kaum jemand geäußert; vermutlich, weil es irgendwie nicht zum Bild passte, dass diese Männer, die selbst töteten und folterten, von dem Mann, der sie dazu anstiftete, auch noch bestraft wurden. Vielleicht hatte der Dunkle Lord ja früher einmal durch seine Ansichten oder gar durch Charisma überzeugt, aber wenn er es für nötig erachtete, seine mehr oder minder treuen Gefährten zu quälen, dann kann man daraus nur den Schluss ziehen, dass er seine Herrschaft, die er ja schließlich im Sinn hatte, auf Angst aufbauen wollte. Man sollte ihn fürchten. Und da war es irgendwie auch egal, ob man die gleichen Ansichten vertrat wie er oder nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei den Todessern nicht etliche Menschen gegeben hat, die vor Voldemort genauso schreckliche Angst hatten wie der Rest der Bevölkerung.
Miss Parkinson beschreibt das recht gut, denke ich. Ihr Vater verliert an Gewicht, hat gleichzeitig unter den Nachwirkungen der Flüche zu leiden, die der Dunkle Lord für eine angemessene Bestrafung hält. Ihre Mutter schläft wenig, verbringt stattdessen die Nächte damit, auf ihren Mann zu warten, wenn er zu Voldemort gerufen wurde. Ich denke, wir können getrost davon ausgehen, dass sie nicht wachblieb, um sich den neuesten Tratsch erzählen zu lassen, das hätte wohl auch bis zum Frühstück warten können. Die Versorgung der Wunden allerdings nicht. Schon gar nicht, wenn man eine neugierige Tochter im Haus hat, weil Sommerferien sind, und man auf gar keinen Fall möchte, dass sie etwas davon mitbekommt. Kinder halten ihre Eltern ja gerne für Helden. Und niemand gibt gerne zu, dass er eben kein Held ist.
Es war also ziemlich viel, was sich in diesem Sommer nach Miss Parkinsons viertem Schuljahr alles zutrag. Für mich erweckt der Text auch den Anschein, als wäre es zu dieser Zeit gewesen, dass sie sich überhaupt das erste Mal mit Voldemort befasst hat. Vorher war er vermutlich nur eine Figur, die sie nicht richtig greifen konnte. Jetzt war er echt, er war in der Nähe und er war der Mann, der ihren Vater folterte. Kein Wunder, dass Miss Parkinson wütend wurde, so wütend, dass ihr von ihrer Mutter eingeschärft wurde, sich in der Schule zurückzuhalten, damit ihr nicht versehentlich etwas rausrutschte, was sie, ihre Eltern, ihre Freunde in noch größere Gefahr bringen konnte.
Sie muss damals 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein. Ziemlich jung für diese Last, die sie plötzlich mit sich herumtragen musste. Und ja", fügt Miss Carter ein wenig gereizt hinzu, als leises Gemurmel entsteht, „mir ist durchaus bewusst, dass Harry Potter elf war, als er den Stein der Weisen gegen Voldemort verteidigte, und ich will seine Leistung und alles, was er über die Jahre ertragen musste, auch nicht im Geringsten herabsetzen, aber immerhin hat er dafür Lob und Dank der gesamten Zaubererschaft erhalten. Was haben Pansy Parkinson und ihre Slytherinklassenkameraden bekommen? Gerichtsverhandlungen, in denen ihnen vorgeworfen wurde, Menschen gefoltert oder getötet zu haben."
Du musst ein bisschen lächeln, auch wenn es dir ein wenig wehmütig gerät. Harry hätte vermutlich alles dafür gegeben, ein ganz normales Leben führen zu können. Er hat nie um Lob und Dank gebeten. Aber du bist dir ziemlich sicher, dass auch Pansy alles dafür gegeben hätte, diesen Teil ihres Lebens ändern zu können. Die Zeit zurückzudrehen und ihren Vater davor zu bewahren, sich Voldemort anzuschließen. (Ihren Vater davor zu bewahren, zu sterben, als es noch viel zu früh dafür war.)
„Miss Parkinson spricht außerdem an, wie furchtbar es war, nichts tun zu können, einfach nur zu Hause sitzen und warten zu müssen. Andere konnten sich dem Widerstand anschließen, konnten etwas tun, konnten rebellieren und dafür kämpfen, dass der Spuk irgendwann ein Ende haben würde. Sie konnte das nicht; jedenfalls nicht, wenn sie nicht riskieren wollte, dass ihre Eltern darunter leiden müssten, dass sie offen gegen Voldemort kämpfte", fährt Eliza in ihrer Analyse fort, „Stattdessen musste sie zurück nach Hogwarts, gemeinsam mit ihren Klassenkameraden, die zum Teil in genau der gleichen Situation steckte wie sie selbst.
Ich fand es sehr interessant zu lesen, dass sie nicht miteinander darüber sprachen, aus Angst, etwas zu verraten, was ihren Familien schaden könnte. Das macht, meiner Meinung nach, nur noch einmal deutlich, wie unglaublich erwachsen sie für ihr Alter bereits sein mussten. Ich weiß nicht, ob ich es an ihrer Stelle geschafft hätte, diese ganze Wut mit niemandem teilen zu können. Aber sie konnten es. Vielleicht, weil ihnen nur allzu bewusst war, wie viel auf dem Spiel stand. Weil sie genau wussten, wozu Voldemort fähig war, wenn man ihn verärgerte.
Miss Parkinson macht auch noch einmal deutlich, dass das Bild, das man gemeinhin von dem Slytherin schlechthin hat, nicht passt. Kann es auch nicht, schließlich handelt es sich dabei um eigenständig handelnde und denkende Individuen, nicht um Stereotypen. Nicht jeder Slytherin hatte Todesser als Eltern, nicht jeder Slytherin war reinblütig, nicht jeder Slytherin war politisch interessiert. Und das war gefährlich. Ich schätze, wir können uns von dem Gedanken verabschieden, dass alle Slytherins automatisch an die Spitze der Gesellschaft gerutscht wären, hätte Voldemort gewonnen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch dann sehr genau ausgesiebt hätte."
Du nickst vor dich hin, ein bisschen in Gedanken, aber mit beiden Ohren bei Miss Carter. Sie hat Recht, denkst du, es ist ein Irrglauben, sich darauf zu versteifen, dass Voldemort alle Slytherins belohnt hätte. Slytherin hat, genau wie die anderen Häuser, muggelstämmige Schüler und Schüler aus gemischten Familien. Nicht jeder wäre das gewesen, was sich Voldemort unter dem Stolz seines Hauses vorgestellt hätte. Und trotzdem wird, auch in heutigen Diskussionen, die du so führst, noch allzu häufig genau davon ausgegangen.
„Je schlimmer es wurde, desto mehr scheint sich Pansys Vater geschworen zu haben, seine Tochter aus der Sache herauszuhalten", meint Miss Carter, „In der Hinsicht scheint er mir sehr ähnlich zu Mister Nott senior während Theodores Kindheit. Es hat, vermutlich, auch genau wie bei den Malfoys viel mit Stolz zu tun, mit der Vorstellung, dass niemanden einen derart am Boden erleben soll. Aber gleichzeitig können all diese Väter doch unmöglich gedacht haben, dass ihre Kinder so blind sind, dass sie nicht mitbekommen, was passiert.
All die Gefühle, die Miss Parkinson schildert, sind die, die ich immer von jemandem erwarten würde, der jung ist, dessen Familie in Gefahr ist, dessen eigenes Leben in Gefahr ist. Und trotzdem sprechen wir Todessern noch immer ihre Menschlichkeit ab, zumindest sehr häufig. Warum? Wie können wir übersehen, was auch sie unter Voldemort zu erleiden hatten? Lucius Malfoy kam ins Gefängnis und wurde anschließend für sein Versagen bestraft. Mister Nott senior starb in Azkaban. Mister Parkinson wurde getötet, weil er bei einem schlussendlichen gescheiterten Vorhaben nicht dabei sein konnte. Wie können wir übersehen, wie grausam und rücksichtslos Voldemort mit seinen eigenen Leuten umging? Wie können wir nicht auf die Idee kommen, dass sie ab einem bestimmten Punkt von Angst getrieben wurden?"
„Weil das unser Denkmuster durcheinanderbringen würde", gibt ihr der Junge zur Antwort, der sie vorher schon unterbrochen hat. Und du kannst dich jetzt einfach nicht mehr zurückhalten. „Entschuldigung", sagst du und musterst ihn neugierig, „Kennen wir uns bereits?" Das ist deine Art, ihm zu sagen, dass du gerne wüsstest, wer er ist. Du magst es, deine Studenten zumindest ein bisschen zu kennen. „Bo Turner", erwidert er und du speicherst es ab, dunkelblonde Haare, markantes Kinn, Bo Turner, aber du könntest schwören, dass kein Bo Turner auf deiner Liste steht. „Aha", machst du daher, „Und Sie studieren Geschichte?"
Er grinst und schüttelt den Kopf. „Philosophie", verbessert er und das erklärt auch, weshalb du ihn nicht kennst. „Ich hab' nur mitbekommen, worüber Sie heute sprechen und dachte, dass sich das ganz interessant anhört. Ist das in Ordnung?" Du zuckst die Achseln. Sicher ist das in Ordnung. Du bist nur schon lange niemandem mehr begegnet, der noch Augen und Ohren für andere Fächer außer dem eigenen hat. „Natürlich. Bleiben Sie. Und lassen Sie uns wissen, was sie mit Denkmuster meinen, ja?", fügst du hinzu und legst deine Notizen erst einmal beiseite. Du brauchst keine Anhaltspunkte für eine kleine Diskussion.
„Schubladendenken", sagt Mister Turner in einem Tonfall, als wären damit alle Rätsel der Welt gelöst, „Menschen mögen es nicht so gerne, wenn sie etwas nicht zuordnen können. Chaos ist das, was Furcht erregt, was verwirrt, was es so nicht geben sollte. Stattdessen bevorzugen die meisten Menschen feste Regeln, bestimmte Grundsätze, an denen man sich orientieren kann. Dann weiß man, was zu tun ist, was man denken oder fühlen soll. Man muss sich nicht entscheiden, man muss sich nicht den Kopf zerbrechen. Wenn wir also sagen, Todesser sind böse, was auch immer wir dabei als böse definieren, dann sind Todesser böse. Fertig. Sie sind entweder – oder, aber nichts dazwischen. Wenn sie böse sind, können sie also nicht gut sein. Das bedeutet, sie können keine guten Eigenschaften haben, keine guten Seiten, nichts, was irgendwie an ihrer Boshaftigkeit rütteln könnte.
Damit will ich nicht sagen, dass das, was sie getan haben, in irgendeiner Weise gerechtfertigt gewesen wäre", fügt er hastig an, als sich leises, protestierendes Gemurmel erhebt, „Auf gar keinen Fall! Voldemorts Lehre vom reinen Blut ist hochgradiger Schwachsinn" - das Gemurmel wird von ersticktem Kichern unterbrochen und du schmunzelst leicht - „und seine Methoden waren, natürlich, völlig indiskutabel. Man kann nicht einfach hingehen und sagen Du bist weniger wert als ich, deshalb steht es mir zu, dich zu foltern, aber ich denke, das sollte uns allen klar sein."
„Um kurz einzuhaken", mischst du dich ebenfalls mal wieder in das Gespräch ein, „ich gebe Mister Turner Recht. Voldemorts Taten haben einen Hintergrund, der von einer Ideologie geleitet wird, die bei den Zauberern und Hexen zwar schon immer existiert hat, jedoch bei Voldemort eine neue Rangordnung bekommen hat." Du kannst selbst auf die Entfernung hin sehen, wie Lucina Johnson die Stirn runzelt. „Was meinen Sie damit"?, will sie auch prompt wissen, „Soll das heißen, dass Zauberer und Hexen sich schon immer den Muggeln überlegen gefühlt haben?"
„Nicht überlegen", verbesserst du, „Aber Sie werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass es eine Art von Abgrenzung ist. Man ist entweder ein Zauberer oder ein Muggel, ganz platt gesagt. Selbstverständlich macht es das nicht unbedingt leichter für muggelstämmige Zauberer und Hexen, die in gewisser Weise beides sind. Anders formuliert: entweder man kann zaubern oder man kann es nicht. Es ist ein Faktor, der in unsere Identität hineinspielt; einer. Ob dieser Faktor der für uns entscheidende ist, wird jeder von uns für sich selbst beschließen müssen.
Es gab Zeiten, in denen Muggel sich vor allem, was sie mit Zauberei in Verbindung brachten, fürchteten. Und weil sie es so sehr fürchteten, haben sie es bekämpft. Sie wissen vermutlich, dass die sogenannte Hexenverfolgung für Hexen und Zauberer eher ungefährlich war, da sie sich vor dem Feuer des Scheiterhaufens schützen konnten. Die gefangenen Muggel hatten nicht so viel Glück. Auch, wenn es also die tatsächlichen Hexen und Zauberer nicht getroffen hat, so war die Verfolgung doch an sie gerichtet. Wer anders ist, egal auf welche Art und Weise, wird misstrauisch beäugt.
Wenn Sie in der Geschichte zurückgehen, finden sie etliche Beispiele für reinblütige Zaubererfamilien, die es für äußerst wichtig erachteten, ihre Blutlinie rein zu halten und nur Ehen mit anderen reinblütigen Zauberern und Hexen einzugehen. Das mag für uns heute etwas seltsam klingen, tat aber niemandem weh. Natürlich gab es jedoch auch immer Meinungen, die ins Extreme gingen – und ab dem Moment wird es gefährlich. Voldemort ist dafür natürlich eines der prominentesten Beispiele. Dass das, was er tat, unmenschlich, grausam und falsch war, bestreitet, denke ich, niemand in diesem Raum. Auch nicht, dass seine Todesser keineswegs Unschuldsengel waren. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ihre Meinung nicht irgendwann entlang des Weges ändern konnten – sei es nun vor der Schlacht um Hogwarts oder auch erst Jahre später.
Wir versuchen hier, die Dinge ein wenig differenzierter zu betrachten. Zu überlegen, wie es so weit kommen konnte. Was für Gründe es gegeben haben mag. Das bedeutet, dass wir eben nicht einfach sagen können Alle Todesser waren böse und Alle Auroren waren gut. Extreme gibt es immer, auf beiden Seiten. Und eines noch: Gründe für Voldemorts Handeln, für seine Entwicklung zu finden, heißt nicht, dass ich versuchen will, seine Taten entschuldbar zu machen. Auf keinen Fall. Es heißt vielmehr, dass wir uns bemühen, etwas zu finden, was wir ändern können, damit sich bestimmte Vorurteile abbauen. Verstehen Sie, was ich meine?"
Vereinzelt nicken ein paar. Manche erwidern deinen Blick, manche schauen aus dem Fenster. Tobias Miller starrt auf das Blatt Papier, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Plötzlich denkst du, dass du es kaum erwarten kannst, die Klausuren zu lesen, zu verfolgen, was deine Studenten denken, was in ihren Köpfen vor sich geht. Dir wird bewusst, dass das Semester beinahe vorüber ist.
Du räusperst dich und drehst den Kopf zu Miss Carter. „Möchten Sie noch etwas zu dem Text von Miss Parkinson sagen?", erkundigst du dich. Sie zuckt die Achseln. „Nur, dass es mir Leid tut", erwidert sie, „Egal, wie kindisch das klingen mag. Es tut mir Leid um Miss Parkinson und um ihre Klassenkameraden, seien es nun Slytherins, Gryffindors, Hufflepuffs oder Ravenclaws. Wenn man als Sechzehnjährige den Vater verliert und jeden Tag in Furcht verbringt, dass man schreckliche Nachrichten von zu Hause erhalten wird – was ist das für eine Jugend? In gewisser Weise trifft das auf sie alle zu. Und ich glaube, dass man das gerne mal vergisst."
„Danke", nickst du ihr zu und schielst kurz auf die Uhr, „Uns läuft leider die Zeit davon, deshalb würde ich, wenn Sie nichts dagegen haben, das letzte Gerichtsprotokoll selbst übernehmen und ein wenig dozieren. Selbstverständlich können Sie mich jederzeit unterbrechen, sollten Fragen aufkommen. Ich habe die Vernehmung von Andromeda Tonks hauptsächlich aus dem Grund aufgenommen, dass sie eine der wenigen ist, die beide Kriege unter Voldemort miterlebt hat und uns einen Einblick in eine Familie gewähren kann, die immer sehr mit Voldemorts Ansichten sympathisiert hat.
Andromeda Tonks wurde, wie Sie dem Protokoll sicher entnehmen konnten, nicht angeklagt. Gemeinsam mit einer Reihe weiterer Zeugen versuchte man einfach, so viel wie möglich über die Hintergründe zu erfahren und Motive und Handeln von Voldemort und den Todessern aufzuschlüsseln. Wir haben uns ja bereits eingehend mit der Familie Black beschäftigt, daher überrascht es Sie bestimmt nicht, zu erfahren, dass Reinblütigkeit einen hohen Stellenwert in der Familie hatte. Andromeda selbst wurde verstoßen, weil sie einen muggelstämmigen Zauberer heiratete; ihrem Cousin Sirius widerfuhr das Gleiche, weil er sich gegen die Prinzipien und Ideale der Familie stellte.
Mrs Tonks berichtet davon, dass sie mit diesem Glauben – reinblütige Zauberer und Hexen wären gegenüber Muggeln erhaben – in frühester Kindheit konfrontiert wurde und ihn sozusagen mit der Muttermilch aufsog. Sie gibt darüber hinaus zur Aussage, dass sie als Kind ebenfalls daran geglaubt hat und liefert ein Argument dafür: man kannte es nicht anders. Für uns mag das heute sehr weltfremd klingen, aber damals blieben die reinblütigen Familien eigentlich nur unter sich, sodass ihre Kinder sehr isoliert aufwuchsen und somit auch keinerlei Gelegenheit hatten, Kritik an diesem System zu hören, selbst Muggel kennenzulernen und sich eine eigenständige Meinung aufzubauen. Es war ihnen schlichtweg nicht möglich.
Andromeda Tonks gelangte schließlich zu einer eigenen Meinung, die konträr verlief zu dem, was ihre Familie ihr stets gepredigt hatte. Statt brav zu folgen, wie man es vermutlich von ihr erwartet hatte, beobachtete sie nun und bemerkte dabei einiges, was ihr nicht gefiel. Rodolphus Lestrange, beispielsweise, der spätere Ehemann von Andromedas Schwester Bellatrix, und, wie wir heute wissen, ein Todesser, der für seine Gefolgschaft jahrelang in Azkaban saß. Er folgte Voldemort, er vertrat die gleichen Ideale und scheute sich nicht, Flüche anzuwenden, die aus gutem Grund verboten sind. Er benutzte sie, um die Menschen zu bestrafen, die es seiner Meinung nach verdienten: weil sie mit Muggeln sympathisierten, weil sie Muggel geheiratet hatten, weil sie sich weigerten, sich Voldemort anzuschließen. Die Liste dieser Gründe ist lang.
Bellatrix Black wurde ebenfalls eine Todesserin. Ihre Schwestern wurde es beide nicht. Narcissa Malfoy wurde nicht angeklagt, eine Todesserin gewesen zu sein. Dafür dachte man jahrelang, Sirius Black habe James und Lily Potter verraten. Er wurde dafür nach Azkaban gebracht; heute wissen wir, dass er unschuldig war. Damals wusste man das nicht. Und dass sogar Andromeda Tonks sagt, dass damals alles möglich gewesen war, beweist uns, wie viel Macht der Dunkle Lord über Menschen hatte. Er konnte Anhänger um sich scharen, lange bevor die wenigsten Menschen auf den Gedanken kamen, dass er mit seiner kleinen Gruppe einmal einen derart gewaltigen Schaden anrichten würde.
Aber er hat es getan", sagst du leise, „Und wir wollen herausfinden, warum und wie er es geschafft hat. Nicht, um anschließend behaupten zu können, dass er ein armer Kerl gewesen sei, den nur nie jemand mal in den Arm genommen hat, sondern um unsere eigenen Vergangenheit zu verstehen und um aus ihr zu lernen. Gibt es Fragen zum Protokoll von Mrs Tonks?"
Es bleibt still im Saal. Du wirfst erneut einen Blick auf deine Uhr und schiebst deine Notizen beiseite. „Gut", meinst du abschließend, „Unsere Zeit ist sowieso gleich vorbei. Das Material für die nächste Sitzung werde ich Ihnen in den nächsten Tagen zukommen lassen. Aber erst einmal wünsche ich Ihnen Frohe Weihnachten und geruhsame Ferien. Erholen Sie sich gut. Wir sehen uns im neuen Jahr." Du nickst in die Runde und rutschst von deinem Pult. Ein Chor aus „Danke, Ihnen auch" schallt dir entgegen und lässt dich lächeln. Du wirst sie ein wenig vermissen, deine bunte Studentenschar, während der Ferien.
Aber du siehst sie ja wieder. Noch bist du nicht fertig mit deinen Vorlesungen.
tbc.
