Anmerkung der Autorin:
Liebe, liebe Leser,
ich entschuldige mich vielmals für die monatelange Pause. Das echte Leben hatte mich ein wenig eingeholt und vehement an meiner Tür geklopft, sodass ich es einlassen musste. Statt Fanfiction habe ich Bachelorarbeit geschrieben und daran gearbeitet, mein Studium gut zu beenden.
Über den Sommer hatte ich dann vor, diese Geschichte fertigzuschreiben, aber Urlaub, Sonne und Umzug sind mir dazwischen gekommen. Jetzt bin ich an einem Punkt angelangt, an dem sehr vieles von den noch übrigen Kapiteln bereits besteht und an dem ich es wagen kann, ein neues Kapitel hochzuladen und gleichzeitig zu versprechen: Das nächste wird nicht so lange auf sich warten lassen.
Ich hoffe, ihr seid trotz der langen Pause noch mit an Bord und könnt wieder ein wenig in die Geschichte eintauchen. Ich würde mich jedenfalls wahnsinnig darüber freuen, wenn ihr auch weiterhin dabei wärt und mich und diese Geschichte bis zum (baldigen) Ende begleiten würdet.
Herzlichste Grüße und Tausend Dank für all eure Kommentare, Favoriteneinträge und natürlich für's Lesen!
Anmerkung:
Liebe Studierende,
anbei erhalten Sie das Material für unsere erste Stunde nach den Ferien am 07. Januar. Ich hoffe, Sie finden während der Feiertage die Gelegenheit, sich ein wenig mit den Texten zu beschäftigen.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein Frohes Fest. Kommen Sie gut in das neue Jahr.
Anlage 1
F: Stört es Sie?
A: Was?
F: Ständig und immer verglichen zu werden. Oder tut das niemand mehr?
A: Das tut schon lange niemand mehr. Dafür habe ich gesorgt.
F: Wie meinen Sie das?
A: Ich war nie übermäßig begabt. Übermäßig klug. Oder übermäßig charismatisch. Mein Bruder schon. Warum sollte man uns vergleichen? Es war sowieso klar, wie der Vergleich ausfallen würde.
F: Haben Sie es je selbst getan? Sich mit Ihrem Bruder verglichen?
A: Ich weiß es nicht. Er war … er und ich … wir waren so unterschiedlich. Immer schon gewesen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich mich mit ihm verglichen habe. Wir hatten verschiedene Aufgaben, sozusagen, verschiedene Bereiche. Und die haben sich nicht überschnitten.
F: Hatten Sie ein gutes Verhältnis zueinander?
A: Wann? Früher, als Kinder? Oder später, als zänkische alte Männer?
F: Beides.
A: Er war mein großer Bruder. Aber er interessierte sich für andere Dinge als ich es tat. Ständig steckte er seine Nase in Bücher, war wissbegierig, konnte es kaum erwarten, endlich nach Hogwarts zu gehen. Ich war lieber draußen, zerriss mir auch mal die Robe und schrammte mir das Knie auf. Wir hatten nicht so viel miteinander zu tun wie Sie vielleicht glauben.
F: Doch es blieb nicht dabei, dass Sie sich einfach beide Ihren jeweiligen Interessen zuwanden, oder?
A: Sie wissen es, warum fragen Sie also?
F: Weil ich es gerne von Ihnen hören würde. Aber Sie müssen mir nicht antworten.
A: Wir zerstritten uns. Erst starb unsere Mutter, dann unsere Schwester. Unser Vater war bereits zuvor in Azkaban gestorben. Klingt das für Sie nach einer netten, glücklichen Familie? Nein. Tut es ganz sicher nicht. Wir stritten uns schon vorher. Häufig. Und wir waren beide gut darin, uns zu verletzen, weil wir es vielleicht nicht zugeben wollten, aber wir kannten den Anderen so genau, dass wir nur zu gut wussten, wie wir uns gegenseitig wehtun konnten.
F: Wie ging es anschließend weiter?
A: Er lebte sein Leben. Ich lebte meines. Ich muss Ihnen wohl kaum vorkauen, was er in den folgenden Jahren so tat, oder? Lehrer, dann Schuldirektor, Bezwinger von Grindelwald. Sehe ich für Sie so aus, als hätte ich in so einer Welt Platz gefunden? Als hätte ich mir meinen Festumhang übergeworfen und wäre zu der Feier marschiert, die das Zaubereiministerium nach dem Sturz Grindelwalds abgehalten hat, um meinem Bruder seinen Orden an die Brust zu heften?
F: Haben Sie oder Ihr Bruder sich nicht um Kontakt bemüht?
A: Eine Zeitlang nicht, nein. Ich kann ziemlich stur sein, wissen Sie. Wie ein alter Ziegenbock, hätte Albus gesagt. Und er hätte Recht gehabt, verdammt nochmal. Es war so vieles vorgefallen, was ich ihm nicht verzeihen konnte. Was ich mir nicht verzeihen konnte.
F: Und trotzdem sind Sie später dem Orden des Phönix beigetreten, den Ihr Bruder ins Leben gerufen hat.
A: Da waren ja auch schon ein paar Jährchen vergangen. Ich bin ein bisschen älter geworden. Nicht unbedingt weiser, vielleicht nur tattriger. Mein Bruder war das letzte Stück Familie, das ich noch hatte. Und ich dachte, dass er Recht hatte mit seinem Ziel, gegen Voldemort ins Feld zu rücken.
F: Denken Sie das heute nicht mehr?
A: Die Idee war gut. Nur die Ausführung nicht immer.
F: Was meinen Sie?
A: Hören Sie, das letzte Mal, als ich gesagt habe, dass mein Bruder nicht immer der Heilige war, als den ihn die magische Bevölkerung gerne ansieht, habe ich wochenlang Heuler und Protestbriefe geschickt bekommen. Glauben Sie, ich will das wieder erleben?
F: Dieses Interview ist auch nicht für die Öffentlichkeit gedacht, zumindest vorerst nicht. Aber ich verstehe, wenn Sie es vorziehen, nicht zu antworten.
A: Ich sag ja gar nicht, dass er ein schlechter Mensch war. Oder dass ich alles verteufele, was er getan hat. Nee. Es ist nur so: Alle sehen ihn als Held. Als Übermensch. Ich tue das nicht. Ich sehe ihn als meinen großen Bruder, der auch mal Mist gebaut hat. Und Albus wäre der Erste, der mir da zustimmen würde. Doch die Menschen mögen es nicht sonderlich, wenn man an ihren Heldenbildern kratzt. Zu wem sollen sie denn dann aufschauen? Das würde ja bedeuten, dass ihr Held genauso menschlich ist wie sie selbst.
F: Sie betreiben einen Pub in Hogsmeade, in unmittelbarer Nähe zu Hogwarts. War das bewusst gewählt?
A: Kann sein. Der Pub stand leer. Vielleicht bin ich sentimental geworden auf meine alten Tage.
F: Haben Sie Ihren Bruder häufiger gesehen, seitdem Sie in Hogsmeade wohnten?
A: Ab und zu, ja. Wir lebten noch immer jeder sein eigenes Leben. Aber manchmal tauschten wir uns aus. Und ich hatte ein Auge auf seine Schüler, wenn sich mal einer in meinen Pub verirrte. Ich denke, Albus wusste das.
F: Hat er Ihnen von sich erzählt?
A: Von dem, was ihn so beschäftigte, meinen Sie? Gelegentlich, sicher.
F: Sie haben bei der Schlacht um Hogwarts dafür gesorgt, dass Auroren und ehemalige Schüler durch einen Geheimgang von Ihrem Pub aus in die Schule gelangen konnten. Warum?
A: Na, was hätten Sie denn getan? Ich bin kein Held, aber ich weiß, was ich gut finde und was nicht. Einen Verrückten, der Muggel auslöschen will, sicherlich nicht. Und von dem Geheimgang wussten nicht viele. Aber irgendwie mussten die Auroren ja in die Schule reinkommen, oder nicht?
F: Vermissen Sie Ihren Bruder?
A: Hören Sie, wir hatten ausgemacht, diesen ganzen Sentimentalitätskram wegzulassen.
F: Stimmt. Entschuldigen Sie.
A: Merlin nochmal. Was denken Sie wohl? 'Türlich vermisse ich ihn. Ich bin ein alter, sturer Bock und er war ein alter, sturer Geheimniskrämer, aber wir waren die Einzigen, die unsere Vergangenheit teilten. Ich kannte ihn, wie ihn niemand sonst kannte. Und er mich.
F: Wie war er denn, wie ihn niemand kannte?
A: Nicht so perfekt. Mit Ecken und Kanten, Fehlern und Mängeln. Mir ist klar, dass mein Bruder so eine Art magisches Genie war, dass er seine Kräfte mobilisieren konnte, wie das nicht viele andere konnten. Ich hab durchaus mitbekommen, dass er Grindelwald besiegt hat. Dass er der Einzige war, den Voldemort fürchtete. Aber, verflucht nochmal, er ist nicht so auf die Welt gekommen. Er war auch mal ein Kind. Ein Jugendlicher. Er hat auch mal Fehler gemacht. Ich hab bestimmt mehr gemacht in meinem Leben, aber darum geht's mir ja nicht. Verstehen Sie?
F: Ich glaube schon. Hatten Sie eine glückliche Kindheit?
A: Vielleicht mal, früher. Sie hielt nicht lange an. Vielleicht war es einfach nur Pech. Der Angriff auf Ariana, Vaters Reaktion, seine Haft, Arianas Krankheit, dann Mutters Tod, dann Arianas Tod. Vielleicht hätten Albus und ich das zusammen durchstehen sollen. Taten wir aber nicht. Ich gab ihm die Schuld. Ich gab ihm die Schuld an allem. Haben Sie Geschwister?
F: Ja.
A: Dann verstehen Sie vielleicht, dass so ein Verhältnis zerbricht, wenn man dem Anderen vorwirft, am Tod der Schwester verantwortlich zu sein. Ich war verzweifelt. Ich habe meine Schwester geliebt. Ich dachte … ich dachte, sie wäre Albus im Weg. Weil er ihretwegen zu Hause festsaß, obwohl er doch der klügste Kopf seiner Zeit war, wie mir meine Lehrer in Hogwarts nur allzu häufig in Erinnerung gerufen haben. Ich hab ihn ziemlich gehasst, damals. Und es ihn wissen lassen.
F: Warum haben Sie Ihre Einstellung geändert?
A: Ich war verbohrt, lange Zeit. Hab gedacht, nur ich würde unter Arianas Tod und dem unserer Mutter leiden. Hat einfach gedauert, bis mir mal klar wurde, dass es nicht stimmt. Dass sich Albus Vorwürfe machte. Dass er unsere Familie genauso vermisste wie ich. Und dass ich nicht gerade dazu beigetragen hatte, es ihm zu erleichtern.
F: Ihm was zu erleichtern?
A: Alles. Das Leben. Ich hab's ja gesagt: Wir waren beide so stur. Keiner bereit, den ersten Schritt zu gehen. Und schon gar nicht auf den Anderen zu.
F: Wie kommt es, dass Sie in der Magischen Welt beinahe untergetaucht sind?
A: Ich hatte es so satt, überall nur die Lobeshymnen auf Albus zu hören. Wir waren jung und wir hatten erst einmal genug voneinander. Wir hängten es beide nicht an die große Glocke, dass wir Brüder waren. Es gab immer Leute, die es wussten. Aber sie thematisierten es nicht.
F: Haben Sie Rita Kimmkorns Buch über Ihren Bruder gelesen?
A: Sie hat mir 'n kostenloses Exemplar geschickt, damals, kurz nach seinem Tod, als sie das in ein paar Wochen runtergeschrieben hat. 'N Haufen Ziegenmist, das kann ich Ihnen sagen. Weiß nicht, wie man es schafft, so vieles komplett umzudrehen.
F: Warum, denken Sie, hat sie es getan? Dieses Buch verfasst?
A: Da müssen Sie schon Rita Kimmkorn fragen. Ich glaube, mein Bruder hat ihr ein paar Mal ans Bein gepinkelt. Also, nicht wörtlich, Sie verstehen. Wollte ihr nie Interviews geben, hat lange Zeit dafür gesorgt, dass sie sich von Harry Potter fernhalten musste, all so 'nen Kram eben. Und sie lebt davon, dass sie irgendwelche Halbwahrheiten oder gleich ganz erlogenes Zeug über Leute schreibt. Hat ihr nicht gefallen, wie Albus sie behandelt hat.
F: Würden Sie sagen, dass so ein Verhalten typisch war für Ihren Bruder?
A: Ohja. Er war ganz gut darin, sich Feinde zu machen. Hat sich geweigert, sich für irgendwen zu verbiegen oder vor jemandem zu katzbuckeln, um sich einen Vorteil verschaffen zu können. Man mag's für idealistischen Schwachsinn halten, aber er hat für das eingestanden, woran er geglaubt hat.
F: Denken Sie oft an ihn?
A: Manchmal, ja. Gibt 'n paar Sachen, die ich noch mit ihm zu klären hätte.
F: Und an wen denken Sie da, wenn Sie an ihn denken? An den übermächtigen Zauberer? An den Jugendlichen? An den Lehrer?
A: An keinen von denen. Nur an meinen Bruder. Das reicht.
Anlage 2
F: Du warst elf Jahre alt und streng genommen noch gar keine richtige Hexe, als du Harry Potter zum ersten Mal begegnet bist. Trotzdem konntest du mit dem Namen etwas verbinden. Warum?
A: Das entspricht vermutlich allen Geschichten, die es über mich gibt, aber: Ich hatte über ihn gelesen. Sein Name tauchte in einigen meiner Bücher auf, er war in meinem Alter, da war es doch nur natürlich, dass mich das interessierte, oder?
F: Sicher. Und von dem, was du über ihn gelesen hast: War Harry so, wie du ihn dir vorgestellt hattest?
A: Ich weiß gar nicht mehr, ob ich mir überhaupt etwas vorgestellt hatte oder ob ich ihn beim Lesen zu faszinierend fand, um mir etwas vorzustellen. Ich meine, da war dieser Junge, und er war der Einzige, der jemals einen Todesfluch überlebt hatte. Wie stellt man sich so jemanden vor?
F: Gute Frage. Vermutlich nicht mit diesen zerstrubbelten, schwarzen Haaren.
A: Stimmt.
F: Und was hast du gedacht, als du ihn getroffen hast?
A: Er war … hm. Ein bisschen … unspektakulär, vielleicht. Und nicht sehr darum bemüht, sich an die Regeln zu halten oder ausreichend Zeit und Mühe in seine Hausaufgaben zu investieren.
F: Dafür hat er ja dich getroffen, oder nicht?
A: Vielleicht, ja. Das war bestimmt ein kleiner Faktor, den ich mit in unsere Freundschaft gebracht habe.
F: Wie hat es angefangen?
A: Wir konnten uns überhaupt nicht leiden. Du weißt ja, wie er – und Ron – war. Ich glaube, sie hielten mich für eine schulbesessene, bücherverschlingende Nervensäge, die sämtliche Schulregeln auswendig gelernt hatte, um sie ihnen bei jeder passenden Gelegenheit vorzusagen und sie daran zu erinnern, in welche Schwierigkeiten sie sich selbst und nicht zuletzt Gryffindor bringen würden. Harry und Ron fanden alles ungeheuer spannend; sie konnten hinter jeder Ecke ein Abenteuer finden, während ich eher darauf bedacht war, zu lernen und meine Hausaufgaben zu erledigen.
F: Und dann?
A: Tja, dann haben Harry und Ron mich vor einem Troll gerettet. Irgendwie hat das die Sache zwischen uns ein wenig geändert.
F: Die meisten Zauberer und Hexen kennen Harry nur als den Jungen, der lebt, von Bildern oder aus Zeitungsartikeln. Du nicht. Für dich ist er dein bester Freund. Was ist der Unterschied zwischen Harry Potter und dem Jungen, der lebt?
A: Der Junge, der lebt ist eine gute Geschichte, eine erfundene Figur, eine, zu der man aufsehen kann, eine, die die Welt retten sollte und es auch getan hat. Sie ist nicht echt; sie ist eine Mischung aus Held und Märtyrer, aus Märchenprinz und Abenteurer. Harry ist echt. Bestimmt nicht perfekt, aber er bleibt sich selbst treu. Manchmal wird er wütend und manchmal furchtbar albern. Er hat um das alles nicht gebeten, um die Medienpräsenz, um diese Berühmtheit, die er nur erlangt hat, weil seine Eltern gestorben sind. Ich glaube, daran erinnern sich die Wenigsten – was eigentlich die Ursache von Harrys Berühmtheit ist.
F: Aber Harry hat, auch wenn er nur ein ganz normaler Junge war, eine Menge erreicht.
A: Ja. Und er hat lange gebraucht, um das selbst zu akzeptieren. Du kennst ihn, du weißt, wie er ist. Manchmal weiß man nicht, ob man diese Bescheidenheit nun liebenswert oder bescheuert finden soll. Harry hält sich selbst nicht für einen Übermenschen. Er weiß genau, welche kleinen Fehler er hat.
F: Warum, glaubst du, ist Harry so unglaublich beliebt?
A: Die Tatsache, dass er Voldemort besiegt und damit die magische Welt gerettet hat, dürfte ein relativ wichtiger Faktor sein, schätze ich.
F: Touché.
A: Im Ernst: Er war der Hoffnungsträger. Von dem Moment an, in dem seine Eltern starben, Harry jedoch überlebte und Voldemort für's Erste verschwand, gab es eine Hoffnung, die vorher undenkbar gewesen wäre. Oder zumindest stelle ich mir das so vor. Da gab es also dieses Kind, das Voldemorts Todesfluch überstehen konnte. Folglich musste das bedeuten, dass dieses Kind vielleicht noch ganz andere Sachen erreichen würde. Dazu kommt dann noch die gesamte Tragik: Aufgewachsen als Waise unter Muggeln und immer so weiter. Menschen lieben Tragik, wenn es sie nicht persönlich betrifft. Da können sie in Mitleid versinken und jemanden bedauern.
F: Wenn du an Harry denkst, woran denkst du da?
A: An Quidditch. An Harry auf einem Besen, wie er mit leuchtenden Augen dem Goldenen Schnatz hinterherjagt.
F: Warum?
A: Weil es ihn glücklich macht. Und weil es mich freut, ihn glücklich zu sehen. Harry hat mir mal erzählt, wie es sich für ihn anfühlte, als er das erste Mal auf einem Besen saß – als wäre er irgendwie zu Hause angekommen. Als würde er etwas tun, was er wirklich und wahrhaftig konnte, worin er gut war, ohne es gelernt zu haben, ohne überhaupt vorher gewusst zu haben, dass es einen Sport gibt, bei dem man auf einem Besen durch die Luft fliegt.
F: Glaubst du, dass in Hogwarts viele Schüler neidisch auf Harry waren?
A: Ob es viele waren, weiß ich nicht, aber ich denke, dass es bestimmt manche gab, die neidisch waren. Die dachten, er würde eine Sonderposition einnehmen.
F: Und was hättest du diesen Schülern gesagt?
A: Dass sie nur mal in eine unserer Zaubertrankstunden kommen sollten. Da hätte jeder gemerkt, dass Harry bestimmt keine Sonderbehandlung bekam.
F: Gab es denn einen Grund, neidisch auf Harry zu sein?
A: Ich denke nicht. Ich glaube, es gab zu wenige, die sich die Mühe machten, auch mal die Schattenseiten zu sehen. Harry hatte keine liebende Familie, die ihn unterstützte, mit der er gemeinsam Weihnachten oder seinen Geburtstag feiern konnte. Und je nachdem, wie die politische Lage gerade war, erschienen die fürchterlichsten Artikel über ihn. Mal war er der Lichtbringer der magischen Welt, dann wieder wurde geschrieben, dass er sich Lügen ausdachte.
F: Glaubst du, dass man Harry manchmal zu viel zugemutet hat?
A: Ich weiß es nicht. Er wurde bestimmt oft genug an seine Grenzen gestoßen, aber darüber hinaus – ich weiß nicht. Er war ein Jugendlicher, damals, und ich denke, das haben viele vergessen. Was machen denn die meisten Fünfzehnjährigen? Verarbeiten den ersten Liebeskummer, geraten mit ihren Eltern aneinander, trinken heimlich ein Glas Feuerwhiskey, aber für gewöhnlich retten sie nicht die Welt. Und wie viele Menschen haben Harry wohl zugestanden, dass er auch nur ein Jugendlicher war?
F: Vermutlich nicht sonderlich viele. Zum Glück hatte er ja Freunde, die ihn daran erinnert haben, oder nicht?
A: Ja, sicher. Er hatte uns, mich und Ron, Rons Familie, und wir alle haben uns nach Kräften darum bemüht, ihn einfach mal Harry sein zu lassen. Das klappt trotzdem nicht immer. Gerade, wenn man auf den Anderen sauer ist, sagt man schnell Dinge, die man später bereut.
F: Und jetzt? Denkst du, dass er ein normales, unbehelligtes Leben führen kann?
A: Ganz ehrlich? Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, die Zaubergemeinschaft wird ihn immer im Auge behalten, wird ihn als ihren Helden feiern, wird versuchen, an seinem Leben teilzuhaben. Es erscheinen noch immer genügend Artikel über ihn oder über Ginny und ihre Familie. Wohin sie in Urlaub fahren. Ob sich unter Ginnys Winterumhang ein Schwangerschaftsbauch versteckt. Die Schlagzeilen werden Harry wohl für immer begleiten. Vielleicht werden sie irgendwann weniger werden, aber ganz verschwinden? Ich glaube nicht.
Anlage 3
F: Wann haben Sie Harry Potter zum ersten Mal gesehen?
A: Genau weiß ich es nicht mehr, aber es muss ein paar Wochen nach seiner Geburt gewesen sein. Wir hatten ein kleines Ordentreffen und Lily und James mussten ihn mitbringen. Ich erinnere mich noch genau, wie wir uns alle um Lily geschart haben, um einen Blick auf den Kleinen werfen zu können. Er war winzig.
F: Und was war Ihr erster Eindruck, als Sie ihn dann Jahre später als Ihren Schüler in Hogwarts begrüßen durften?
A: Er sah mager aus, schlaksig, und hatte unglaubliche Ähnlichkeit mit seinem Vater. Ich schätze, er wurde es im Laufe der Zeit ein bisschen müde, diesen Vergleich immer und immer wieder zu hören, doch es war einfach verblüffend. Jeder, der James kannte, wird das sagen: Es ist absolut nicht zu leugnen, dass Harry sein Sohn ist. Die gleichen, strubbeligen Haare, die gleichen Gesichtszüge. Nur mit Lilys Augen.
F: Haben Sie daran gezweifelt, dass er nach Gryffindor kommen würde?
A: Es wird häufig gesagt, dass Kinder in das gleiche Haus kommen wie ihre Eltern zuvor, aber sicher ist das keineswegs. Natürlich habe ich mir gewünscht, dass der Sprechende Hut Harry nach Gryffindor schicken würde, doch wir wussten ja nichts von dem Jungen. Er war bei seinen Verwandten groß geworden, hatte nichts von Hogwarts oder seinen Eltern erfahren. Wer konnte schon voraussehen, in welche Richtung er sich während seiner Kindheit entwickelt hatte?
F: Aber er kam zu Ihnen.
A: Ja. Und ich hatte einige Jahre vor mir, in denen ich über diese Entscheidung bestimmt mehr als einmal die Haare gerauft habe. Wie gesagt: Harry war zweifelsohne James' Sohn. Und auch James zeigt verantwortlich für einen Großteil der grauen Haare auf meinem Kopf.
F: Soll heißen?
A: Dass ich beiden, Vater und Sohn, mehr als nur einmal Punkte abziehen musste, weil sie sich nicht ganz … nun … regelkonform verhalten haben.
F: Woran erinnern Sie sich besonders gerne, wenn Sie an Harry denken?
A: An sein erstes Jahr. Daran, wie ich zufällig beobachtet habe, wie er verbotenerweise in seiner ersten Flugstunde ohne Anleitung und ohne Aufsicht eines Lehrers durch die Luft wirbelte, als hätte er niemals etwas Anderes getan. Daran, wie ich ihn durch die Gänge scheuchte und Oliver Wood vorstellte, in der Hoffnung, dass Gryffindor mal wieder den Quidditch-Cup gewinnen möge.
F: Haben Sie ihn je nur als kleinen Jungen wahrgenommen?
A: Würden Sie mir glauben, wenn ich „Ja" sage?
F: Wieso denn nicht?
A: Weil es eigentlich unmöglich ist. Weil ich sein Schicksal zu gut kenne, um diese Details, die ich über sein Leben nun einmal weiß, einfach ausblenden zu können. Das ist immer schwierig, nicht nur bei Harry. Aber es gab genügend Zeiten, in denen ich dachte, dass einem der Junge Leid tun kann. Vielleicht hängt das damit zu tun, dass ich in meinem Leben genug gesehen und gelernt habe, um manches in den richtigen Rahmen zu stecken. Mir war immer klar, dass der Junge ohne seine Eltern aufwachsen musste. Ich wusste übrigens auch, unter welchen Umständen Neville Longbottom seine Kindheit verbracht hat. Vielleicht hat mich das manchmal weich gemacht, bei beiden, doch ich denke, dass ich sie im Großen und Ganzen behandelt habe wie meine anderen Schüler auch. Ich habe es zumindest versucht.
F: Was haben Sie gedacht, wenn Sie Harry gesehen haben? Dass der Retter der Zaubererwelt vor Ihnen sitzt?
A: Nein. Häufig genug sah ich einfach nur einen meiner Schüler. Manchmal war ich wütend, weil er es nicht lassen konnte, etwas anzustellen, wofür ich ihm – und damit meinem eigenen Haus – Punkte abziehen musste. Manchmal war ich stolz, weil er ein Quidditchspiel gewonnen hatte. Manchmal tat er mir Leid, weil mir schien, als würde er unter der Last zusammenbrechen, die wir alle auf seinen Schultern ablegten. Manchmal war ich froh, dass es ihm wieder einmal gelungen war, aus einer der Dutzend gefährlichen Situationen herauszukommen, für die er so ein Händchen hatte.
F: Ist Harry Potter ein Held?
A: Er hat vieles getan, was heldenhaft ist. Er verdient die Ehre und den Respekt und die Dankbarkeit von uns allen. Aber er ist noch immer ein Mensch, wie Sie und ich. Ich bilde mir ein, ihn gut genug zu kennen, um sagen zu können, dass es ihm unangenehm ist, auf einen Sockel gestellt zu werden. Er hat es sich nicht ausgesucht, anders zu sein. Und wenn er könnte, hätte er sein Schicksal vermutlich gerne getauscht und wäre ein ganz normaler Junge gewesen, der sich mit seinen Eltern darüber streitet, wann er in den Sommerferien abends nach Hause kommen muss.
F: Ist das auch die Art und Weise, wie Professor Dumbledore Harry gesehen hat?
A: Die Beiden hatten ein sehr eigenes, vertrautes Verhältnis zueinander. Ich maße mir nicht an, darüber urteilen zu wollen. Ich kann Ihnen nur sagen, was Sie vermutlich bereits wissen: Dass Harry für Albus Dumbledore weit mehr war als nur einer unter hunderten von Schülern. Und dass er in ihm bestimmt nicht nur den Retter der Zaubererwelt gesehen hat.
F: Und wie sehen Sie Albus Dumbledore?
A: Er war ein brillianter Kopf, ein zauberisches Genie. Er war klug und geduldig und die Sicherheit seiner Schüler bedeutete ihm viel. Die seiner Lehrer auch. Für viele von uns ist Hogwarts das einzige Zuhause geworden, das wir haben, und das lag nicht zuletzt an Professor Dumbledores Leitung. Er … er hatte ein sehr bewegtes Leben. Er hat so vieles erreicht. Und gleichzeitig immer wieder durchblicken lassen, dass er sich nicht für unfehlbar hält, im Gegenteil.
F: Hat er viel von sich preisgegeben?
A: Ein bisschen etwas, ja. Er war mein Lehrer, wissen Sie, damals, vor gefühlten hundert Jahren. Es dauerte, bis er langsam mein Kollege wurde, bis ich die Ehrfurcht ablegte. Manchmal denke ich, ich habe sie nie ganz verloren. Sie haben mich gefragt, ob ich Harry anschauen und dabei vergessen konnte, dass er unser Retter sein sollte. Manchmal konnte ich das. Weniger häufig konnte ich vergessen, wer seine Eltern waren und was mit ihnen passiert war. Und bei Albus Dumbledore konnte ich beinahe niemals vergessen, dass der Mann, der mir gegenüber saß und mir eine Tasse Tee zuschob, der Mann war, der Grindelwald besiegt hatte, der Mann, den Voldemort als Einzigen fürchtete. Albus Dumbledore war eine lebende Legende.
F: Wie, glauben Sie, hat er sich dabei gefühlt?
A: Ich glaube, dass er sehr einsam war.
F: Warum?
A: Warum? Weil die wahren Freunde immer weniger werden, wenn die Macht steigt. Er hat so viel erlebt, so viel gewonnen und dabei so viel verloren. Er hat den Orden des Phönix ins Leben gerufen und musste mitansehen, wie seine ehemaligen Schüler einer nach dem anderen starben. Es waren immer die Jungen, wissen Sie. Die, die wir wenige Jahre zuvor noch unterrichtet hatten. Niemals wir Alten. Ich glaube, dass er darunter sehr gelitten hat. Dass er sich wünschte, er hätte sie irgendwie beschützen können. Aber er konnte es nicht. Er konnte auch Harry nicht vor allem bewahren, was ihm begegnete, obwohl er es gerne getan hätte.
F: Was hat Albus Dumbledore ausgemacht?
A: Sein Glaube an das Gute im Menschen. Und daran, dass wir alle gleich sind, Zauberer, Hexen, Squibs, Muggel. Dass es egal ist, welcher Familie man angehört. Dass man Menschen Chancen geben muss.
Anlage 4
Auszug aus den Notizen zu dem Kapitel Am Anfang war in Grün ist die Hoffnung von Seamus Finnigan
Ich liebte Geschichten, als Kind. Sie beruhigten mich, wenn ich nicht einschlafen konnte; sie brachten mich zum Lachen, wenn ich traurig war; sie ließen mich Abenteuer erleben, obwohl ich krank im Bett lag. Ich verlangte von jedem, dass er mir Geschichten erzählte. Sie waren alle anders.
Von meinem Vater wollte ich immer etwas ganz Altes hören, etwas, was schon lange zurücklag, etwas, was weder er noch ich wirklich wissen konnten. Meistens erzählte er mir Geschichten über Hogwarts, über die vier Gründer, über Salazar Slytherin, über all die Sagen und Legenden und Geheimnisse über ihn. Ich fand es ein wenig gruselig und gleichzeitig beneidenswert, immerhin konnte Salazar mit Schlangen sprechen. Nachdem mein Vater mir diese Geschichte das erste Mal erzählt hatte, verbrachte ich fünf Nachmittage in Folge damit, unseren Garten nach Schlangen abzusuchen. Ich fand eine arme, vermutlich völlig verschreckte Blindschleiche und bemühte mich um ein Gespräch mit ihr. Natürlich vergeblich.
Meinen Großvater bat ich darum, mir Geschichten über meinen Vater zu erzählen, aus seiner Kindheit. Ich weiß nicht, wie viel davon wahr und wie viel erfunden war. Heute denke ich manchmal, dass mein Großvater ein bisschen übertrieben hat, um mich zum Lachen zu bringen. Er erzählte von Puddingschüsseln, die sich mein Vater über den Kopf schüttete, und von Festumhängen, die rettungslos zu groß waren, aber bei denen mein Vater darauf beharrte, sie genauso zu tragen, wie sie waren.
Meine Großmutter erzählte mir Märchen. Eigentlich immer das gleiche, aber es störte mich nicht. Sie erzählte es gut und ich mochte es, ihrer Stimme zu lauschen. Sie war ruhig und formte die Sätze, als hätte sie nie etwas Anderes getan. Satz für Satz, Wort für Wort blieb das Märchen gleich. Ich fand das beruhigend.
Meine Mutter erzählte mir von den Sternen und von griechischer Mythologie. Wahrscheinlich war das eigentlich nicht gerade ein passendes Thema für einen Fünfjährigen, doch mir gefiel es. Ich hing geradezu an ihren Lippen und hasste es, wenn mein Vater verkündete, es sei Zeit, das Licht zu löschen, obwohl meine Mutter mir noch nicht verraten hatte, ob es Zeus nun gelungen war, Hera zu täuschen oder nicht. Meine Mutter konnte Geschichten weben wie einen Teppich; sie waren dicht und bunt und wunderschön, egal, ob sie grausam waren oder gut endeten.
(Geschichten waren Bezahlung. Ich würde mein Gemüse aufessen für ein Gedicht. Ich wünsche mir, es wäre heute noch so einfach.)
Manchmal, wenn niemand da war, um mir welche zu erzählen, dachte ich mir selbst Geschichten aus. Und natürlich, wie das wohl bei den meisten Kindern der Fall ist, spielte ich die Hauptrolle in meinen eigenen Geschichten. Manchmal war ich ein Schlangenbeschwörer, der von weither angereist kam, um mit den Schlangen zu sprechen. Manchmal war ich Hector und hielt einem imaginären Paris eine Standpauke, weil er einfach so die schöne Helena entführt hatte und ich das Ganze nun wieder gerade rücken musste. Ich fand es toll, mein eigener Held zu sein.
Und dann, dann kam Harry Potter. Er war der Held seiner eigenen Geschichte, nur: Es war nicht nur seine Geschichte. Es war die Geschichte der ganzen Zauberergemeinschaft. Er hatte das, was ich wollte. Ich war elf Jahre alt und neidisch.
Ich sponn meine Geschichten weiter, dachte, dass ich vielleicht auch meinen Teil zur Geschichte würde beitragen können. Vielleicht konnte ich der hilfreiche, beste Freund des Helden werden, wenn schon nicht der Held (denn das war Harry Potter, oder nicht?), dann immerhin einer, der ihn unterstützte auf seinem Weg nach oben, der ihn tröstete, wenn mal wieder alles schwarz und aussichtslos war. (Ich hatte genügend Geschichten gehört. Ich wusste, wie es lief. Der Held würde viele Rückschläge einstecken müssen, bis er ans Ziel gelangte. Ich war vorbereitet.)
Es kam nie dazu. Harry Potter und ich, wir wurden nie Freunde. Er wollte meine Freundschaft nicht, meine Hilfe, meine Ratschläge, mein Wissen, meine Kontakte (denn ich bildete mir ein, welche zu haben, auch wenn es nur die meines Vaters waren oder die, die uns das Gold in Gringotts eingebracht hatte), er wollte nichts von alledem. Ich war sauer, wütend und enttäuscht. Ich gönnte ihm seine Geschichte nicht. Schon gar nicht, wenn diese Geschichte ohne mich stattfinden würde.
Also fand ich einen Weg, mich in sie hineinzuweben. Ich konnte nicht der Held sein, auch nicht der beste Freund, und so wurde ich der, der ihnen immer und ständig Steine in den Weg legt.
Harry Potter und ich wurden Feinde. (Jeder weiß das. Oder nicht?) Ich ärgerte ihn, wo es nur ging. Ich gab mein Bestes, um ihn zu verletzen, um ihn an all das zu erinnern, was in seinem Leben schiefging. Dass seine Eltern tot waren. Dass er bei Muggeln leben musste, ausgerechnet. Dass er eine Niete in Zaubertränke war. (Es war brilliant. So, als wäre Professor Snape mein Verbündeter geworden. Und ich war froh, dass ich ausgerechnet in einem Fach gut war, in dem Harry Potter es eben nicht war.)
Ich warf ihm vor, dass ihn die Lehrer bevorzugten. (Wie konnten sie denn nicht, mal ehrlich? Er war der verdammte Junge, der lebte, wie konnten sie ihn anschauen und nicht strahlen?) Dass er immer und überall eine Sonderbehandlung bekam. Erstklässler dürfen nicht im Quidditchteam spielen? Schaut euch Harry Potter an und ihr wisst, dass manche Regeln nicht für alle gelten.
(Natürlich war ich neidisch. Quidditch war meine Sache gewesen, schon immer, schon damals, als ich als Dreijähriger ständig vom Besen fiel, mitten in die Rosenbüsche hinein. Und nun kam Harry Potter und nahm mir auch das noch weg. Was würde folgen?)
Es kam mir vor, als könne er gar nichts falsch machen. Erst verlor er seinem Haus mehrere Dutzend Punkte, dann gewann er gerade noch rechtzeitig so viele wieder zurück, um Slytherin einen Strich durch die Rechnung machen zu können. Merlin, ich war elf Jahre alt. Natürlich war ich wütend. (Und neidisch. Und hätte es niemals zugegeben. Verdammt, ich hatte doch alles. Alles. Wie konnte es mir da vorkommen, als würde Harry Potter mir so vieles wegnehmen?)
Alle redeten über ihn. Immer. Hielten ihn für Slytherins Erben (als ob) und hatten plötzlich Angst vor ihm. Bis er wieder alle rettete. Es schien, als könne er einfach nichts falsch machen. Nichts. Er hatte Freunde, die mit ihm kämpften, mit ihm berühmt wurden, die ihm den Rücken stärkten. (Hätte ich das sein können?)
Die Dementoren machten ihm zu schaffen. Als ich das merkte, war es, als hätte ich die Lösung auf eine komplizierte chemische Formel gefunden. Harry Potter hatte Angst. Es machte ihn so menschlich. Wie konnte ich es nicht ausnutzen? Es war mir doch längst zur zweiten Natur geworden, ihm immer und überall das Leben zur Hölle zu machen. Ich verspottete ihn, griff ihn an, ob mit Zauberstab oder ohne, von vorne oder von hinten, ich reizte ihn, beleidigte seine Freunde. Und nun hatte ich die Möglichkeit, ihm und allen Anderen zu zeigen, dass Harry Potter auch nur ein Junge war, der manchmal Angst hatte.
Nützte es mir etwas? Nichts. Er gewann jedes Mal. Er wurde Hogwarts-Champion im Trimagischen Turnier, obwohl er zu jung war. Die Regeln gelten nicht für jeden. (Ich weiß. Voldemort versuchte, ihn umzubringen, nachdem er schon seine Eltern ermordet hatte, aber ehrlich gesagt fiel es mir leicht, diesen Aspekt in Harry Potters Leben zu ignorieren.)
Meine Jahren wurden immer dunkler. Alles, was ich einmal gehabt hatte, alles, was ihm fehlte (meine Eltern, mein Zuhause), entglitt mir. Voldemort nahm es mir weg, langsam, lachend, spielerisch. Es war nicht schön. Ich sollte Albus Dumbledore umbringen, um meine Eltern und mich zu retten. Ich sollte einen Menschen töten. Meinen Schulleiter.
Vielleicht begriff ich damals zum ersten Mal, wie sich Harry Potter fühlen musste. Wie es ist, wenn dich ständig jemand beobachtet, deine Schritte überwacht, dein Handeln bewertet. (Sicher, bei ihm ging es darum, die Zaubererwelt zu retten; bei mir darum, Dumbledore zu töten und meine Eltern zu retten. Machte das für mich einen Unterschied? Ehrlich? Nein.) Wie es ist, wenn man denkt, dass man nicht genügt. Dass man das unmöglich schaffen kann, obwohl es alle von einem erwarten.
Ich hörte auf, ihn ständig zu triezen. Ich hatte die Energie nicht übrig. All mein Denken konzentrierte sich darauf, einen wahnwitzigen Plan nach dem anderen zu ersinnen. (Das soll nicht heißen, dass ich weich wurde. Dass ich plötzlich nur noch Mitleid empfand. Dass ich all die vergangenen Jahre bereute. Mein Fokus verschob sich nur. Harry Potter war nicht mehr so wichtig wie einst.)
Er verschwand für mich von der Bildfläche. Ich war, endlich, die Hauptfigur meiner eigenen Geschichte geworden und für ihn blieb nicht mehr so viel Platz. Aber die Geschichte war traurig und, wenn überhaupt, dann war ich ein trauriger, einsamer Held. Es hatte nichts von Ruhm und Ehre, nichts von dem, was ich mir als Elfjähriger erträumt hatte.
Bin ich froh, dass Harry Potter Voldemort besiegte? Ja. Er beendete seine Geschichte und meine gleich mit. (Gibt es ein glückliches Ende?) Ich war erleichtert. Wir mussten keine Helden mehr sein, sondern einfach nur siebzehnjährige Jungen. Aber ich hatte vergessen, wie das ging. Und manchmal glaube ich, dass es Harry Potter genauso ging.
Anlage 5
Auszug aus einem Brief Harry Potters an Osburga Bagshot
Es stimmt. Er war wie ein Mentor für mich, wie ein gutmütiger Großvater und strenger Lehrmeister zugleich. Anfangs, als ich Hogwarts noch nicht kannte, war er wie eine Sagengestalt, er war ein Held, eine Legende. Er erschien auf Schokofroschkarten. Das sagt doch wirklich alles aus. Und Hermione wurde nicht müde, uns noch mehr über ihn zu erzählen. Seine großen Taten: Sieg über Grindelwald, Entdecker der soundsovielen Anwendungen von Drachenblut oder so ähnlich, Träger des Ordens des Merlin Erster Klasse und vieles mehr.
Aber für mich war er vor allem ein Tor in die Vergangenheit. Er kannte meine Eltern und wie alles, was mit ihnen zu tun hatte, fand ich auch ihn ungeheuer faszinierend. Ich wollte Geschichten hören über sie, wollte wissen, wie sie gewesen waren. Ich saugte jedes Wort über sie auf und Dumbledore hatte tausend Worte und mehr zu sagen.
Durch die Jahre hinweg wurde er immer wichtiger für mich. Er schien Dinge zu wissen, die mir sonst niemand erklären konnte. Er war bei mir, als ich aufwachte, weil Voldemort mich angegriffen hatte. Er hörte mir zu, als Voldemort zurückkehrte, und er glaubte mir. Er stand mir bei, wenn ich es brauchte. Trotzdem habe ich ihn manchmal gehasst. Das waren die Zeiten, in denen ich dachte, er würde sich nicht genug um mich kümmern, würde mir aus dem Weg gehen. Dabei hätte ich wissen sollen, dass er klüger war als wir alle. Dass er schon wusste, was er tat.
(Gibt es kluge Teenager? Außer Hermione?)
Er zeigte mir meinen Weg. Und, genau wie Dumbledore, habe ich auch diesen Weg manchmal gehasst. Warum musste ausgerechnet ich derjenige sein, der sich darum kümmern sollte, die Zauberergemeinschaft von Lord Voldemort zu befreien? Warum hatten meine Eltern sterben müssen? Warum musste ich gegen ihn kämpfen? Warum musste ich mich auf die Suche nach diesen Horkruxen machen? Warum? Warum nicht ein Anderer, warum nicht jemand, der älter, erfahrener war als ich? Warum nicht Dumbledore?
Er half mir, so gut es ging. Er zeigte mir vieles, was mich der Lösung näherbrachte. (Warum er mir manchmal nicht schlicht und ergreifend die Lösung gesagt hat? Ich weiß es nicht. Vielleicht war ihm das zu simpel. Oder vielleicht wollte er mir zeigen, dass ich es selbst schaffen kann. Dass ich es ohne ihn schaffen kann. Dass es mir gelingen kann, Voldemort zu besiegen, auch wenn Dumbledore einmal nicht mehr da sein sollte.)
Und er machte mir klar, dass es Dinge gab, die mir niemand abnehmen konnte. Auch er nicht. (Obwohl ich mir sicher bin, dass er es getan hätte, wenn er nur gekonnt hätte. Aber es ging nicht.) Die Aufgabe fiel nun einmal mir zu und ich konnte es unfair finden, so viel wie ich wollte, doch hätte ich sie weitergegeben, wäre es auch nicht gerecht gewesen. Ich hätte mich nur davor gedrückt. (Und welcher Gryffindor tut das schon? Ja, Dumbledore kannte mich genau.)
Der Tag, an dem Dumbledore starb, war der schwärzeste in meinem Leben.
(Das soll nicht heißen, dass ich nicht um meine Eltern trauere. Aber ich bin ohne sie aufgewachsen. Ich kenne sie nicht wirklich, habe kaum Erinnerungen an sie. Ich kenne mein Leben nicht anders als ein Leben ohne sie. Doch Dumbledore? Er war sechs Jahre lang mein Begleiter, mein Lehrer, mein Beschützer. Er war da, wenn ich ihn brauchte, und auch in vielen weiteren Fällen. Ich wusste, wie es sich anfühlte, ihn um mich herum zu haben. Mich auf ihn verlassen zu können. Und plötzlich war er weg.)
Ich dachte damals, ich hätte ihn ganz gut gekannt. Wir hatten schließlich eine enge Beziehung zueinander, eine, die über ein reines Schüler-Lehrer-Verhältnis hinausging. Bildete ich mir zumindest ein. Es war erst nach seinem Tod, dass ich anfing, mir über ihn Gedanken zu machen. Über all das, was er erlebt hatte, lange bevor ich überhaupt auf der Welt war. Ich wollte wissen, wie er aufgewachsen war. Wie er Hogwarts als Schüler erlebt hatte, ob er seinen Lehrern Streiche gespielt hatte, ob er gerne auf einem Besen geflogen war. Ich wollte hören, wie er Grindelwald besiegt hatte. Wie er Nicolas Flamel kennengelernt hatte. Ob es stimmte, dass man ihm das Amt des Zaubereiministers angeboten hatte. Woher er Meerisch beherrschte. Ich wollte seine Abenteuer erfahren, weil ich mir sicher war, dass er hunderte von ihnen hatte. Ich wollte ihn so vieles fragen und auf manches werde ich nie eine Antwort erhalten.
Es kam als ein Schock, als nach Dumbledores Tod all diese Artikel über ihn erschienen. Sicher, manche waren nett und authentisch, aber andere … Mir wurde erst so richtig bewusst, wie wenig ich Dumbledore wirklich gekannt hatte. Ich hatte ihn nie etwas Persönliches gefragt. (Natürlich hätte ich da auch immer überlegt, ob das denn in Ordnung gewesen wäre. Ich kann mich ja schlecht bei meinem Schulleiter nach seiner Kindheit erkundigen. Oder?)
Ich habe Elphias Doges Erinnerung an Albus Dumbledore gelesen. Das Skandalbuch von Rita Kimmkorn. Und noch etliche andere, die erst nach und nach veröffentlicht wurden. Aber ich habe auch mit Menschen gesprochen, die Professor Dumbledore kannten, und zwar länger als ich. Es hat ein bisschen geholfen, die Lücken zu füllen.
Dafür denke ich immer, dass sein Kampf nicht umsonst war. Muggelstämmige Hexen und Zauberer sind heute weitaus integrierter und akzeptierter als es noch vor fünfzig Jahren der Fall war. Voldemort ist besiegt. Ich habe meinen Weg abgeschlossen und eine Kreuzung ins normale Leben genommen. Ich glaube, Professor Dumbledore würde sich darüber freuen. Darüber, dass ich diese Möglichkeit schließlich noch bekommen habe.
Anlage 6
Zwei tot, einer am Leben – Die drei größten Zauberer der Britischen Inseln der vergangenen hundert Jahre
von Osburga Bagshot
(Vorwort zu Lexikon der Zauberei, 391. Auflage)
Andere Länder, andere Sitten. Manche haben charismatische Zaubereiminister, bezaubernde Schulleiterinnen, strenge, aber ach-so-hinreißend-lächelnde Oberste Richter, hübsche Heilerinnen mit straff geflochtenen Zöpfen, talentierte Quidditchspieler, grimmig dreinblickende Politiker oder verrückte Reporter. Alle Zaubereigemeinschaften haben ihr Aushängeschild, ihren „Bekanntesten Zauberer" oder eine „Bekannteste Hexe" der Nation.
Und wir?
Wir haben drei. Drei Zauberer (meine Damen, wo bleiben Sie denn?), die jeder hier kennt und deren Namen man sogar über die Grenzen unserer Insel hinaus mit Ehrfurcht ausspricht. Welche drei das bitte wären, fragen Sie? Meine Güte, wo haben Sie denn die letzten Jahrzehnte verbracht? Aber bitte. Ein Rundumschlag kann nicht schaden.
Fangen wir an mit Albus Dumbledore. (Den müssen Sie kennen. Nein?) Geboren gegen Ende des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt 1881, und aufgewachsen als Ältester von drei Geschwistern, zeigte sich bereits zu Schulzeiten sein außerordentliches magisches Talent, das in den folgenden Jahren nur noch verstärkt wurde. Gelobt und gepriesen von all seinen Lehrern, war es wohl nicht weiter verwunderlich, dass sich Albus Dumbledore schließlich entschloss, ebenfalls nach Hogwarts zurückzukehren, um seinerseits Schüler zu unterrichten.
Jahrzehntelang blieb er also im Amt des Verwandlungslehrers und fand neben seinen Unterrichtspflichten noch genügend Zeit, um wissenschaftlich zu forschen und mit diversen hochkarätigen Kollegen zusammenzuarbeiten. (Ich bitte Sie, Nicolas Flamel wird doch jedem unter Ihnen ein Begriff sein.) Er beschrieb die zwölf Anwendungen von Drachenblut, wurde in das Zaubergamot berufen und erhielt den Orden des Merlin. Erster Klasse, natürlich.
Achso, ja, nebenbei besiegte er noch den bis dahin gefährlichsten Schwarzmagier Europas, Gellert Grindelwald. Man hätte beizeiten mal anfragen sollen, wie es Albus Dumbledore eigentlich gelungen ist, all diese vielen Termine und Verpflichtungen unter einen Hut zu bekommen. Auch wenn sein Hut, zugegebenermaßen, immer sehr groß gewesen ist.
Er wurde ein Held. Dieses Talent! Dieses Lächeln! Er solle der nächste Zaubereiminister werden, munkelte man. Nun, Albus Dumbledore hatte die Gerüchte scheinbar nicht gehört oder aber er kümmerte sich nicht um sie. Statt im Zaubereiministerium bequem die Füße auf den schicken Schreibtisch zu legen, den man ihm mit Sicherheit bewilligt hätte, zog er es vor, in Hogwarts zu bleiben, wo er mittlerweile als Schulleiter tätig war und seinen Lehrposten mehr und mehr aufgab, um sich stattdessen hauptsächlich seinen Pflichten als Direktor widmen zu können (und natürlich, um auch weiterhin die vermutlich Dutzende täglich eintrudelnder Posteulen beantworten zu können, in deren Briefen er um Rat gebeten wurde).
Langweilig wurde es ihm sicher nicht. Wenn er nicht gerade unterrichtete oder seine Kollegen auf eine Tasse Tee und ein Zitronenbonbon traf, dann konnte er ja immer noch eine Widerstandsgruppe gegen den aufkommenden Dunklen Lord gründen, sich mit Auroren zusammensetzen und ein paar Schlachtpläne aushecken, um die magische Gemeinschaft zu schützen und sicherzustellen, dass auch weiterhin muggelstämmige Zauberer und Hexen sorgenfrei nach Hogwarts kommen konnten.
(Sie glauben, ich beliebe zu scherzen? So viel könne niemand schaffen? Leider kann ich Ihnen das Geheimnis von Albus Dumbledores Zeitmanagement nicht nennen, aber ich versichere Ihnen: Er hat all das getan. Und noch mehr.)
Als Muggelliebhaber (oder schlimmer: Unterstützer von Schlammblütern) beschimpft, focht Albus Dumbledore einen lebenslangen Kampf gegen all jene trotzigen Reinblüter, die sich seit Jahrhunderten nur untereinander fortpflanzten und sich einbildeten, das Sahnehäubchen unserer Zauberergemeinschaft zu sein. Wie sie sich doch irrten. Er bewies es ihnen allen, kümmerte sich persönlich um die Förderung muggelstämmiger Schüler und wurde nicht müde, sie zu behandeln wie alle anderen Schüler auch, die in Zaubererhaushalten aufgewachsen waren.
Alt? Verwirrt? Verrückt?
Man hat Albus Dumbledore auch so beschrieben, aber von wem kamen die Vorwürfe? Stets von denen, denen er in seiner charmanten, unnachahmlichen Art mal auf die Zehen gestiegen ist. Oder natürlich von denen, die ihn und seinen Einfluss, seine Weisheit, seine Macht fürchteten; die sich lieber selbst an der Spitze gesehen hätten. Die es ihm nicht gönnten.
Geholfen hat es ihnen nichts. Bis zuletzt hat sich Albus Dumbledore bei vielen Zauberern und Hexen großer Beliebtheit erfreut und sein Tod kam als Schock, hatte man doch irgendwie erwartet, er würde ewig leben und nach Grindelwald auch noch Lord Voldemort besiegen.
Achja. Voldemort. Sie erinnern sich? Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf? Ist auch einer jener drei britischen Zauberer, die sogar jenseits der Nordsee bekannt sind. Und wird sich vermutlich gewaltig ärgern, dass er nicht der Einzige ist. Das hätte nicht gerade zu seinem Programm gepasst. Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf als Einer unter Vielen – wohl eher nicht die Überschrift, die er für sich selbst ausgesucht hätte. Ist aber nicht zu ändern. Doch fangen wir von vorne an.
Geboren als Sohn von Merope Gaunt, ihres Zeichens Nachfahrin von Salazar Slytherin höchstpersönlich, und Tom Riddle, einem Muggel – Moment? Sie halten verwirrt inne? Also, so kommen wir aber nicht schnell weiter, wenn Sie mich ständig unterbrechen, weil Sie mir nicht glauben. Lord Voldemort soll ein Halbblut gewesen sein, fragen Sie verdutzt. Aber ja doch. Das ist es ja gerade. Denken Sie mal nach. Woher soll der (ziemlich fanatische, wenn Sie meine Meinung interessiert) Hass auf Muggel denn kommen, wenn nicht von einem Vater, der die schwangere Mutter verließ und mit dem ungeborenen Kind nichts zu tun haben wollte?
Aus diesem Stoff werden Geschichten gewebt. Und Geschichte geschrieben.
Jedenfalls: Als Sohn dieser beiden geboren, wuchs Tom Marvolo Riddle (glauben Sie's oder nicht: auch der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf hatte einen bürgerlichen Namen) in einem Waisenhaus in London auf, da seine Mutter bei der Geburt verstarb. Dass seine Kindheit nicht unbedingt glücklich zu nennen ist, gilt heute als bestätigt, nicht zuletzt auch dank der Beobachtungen und Erinnerungen von Albus Dumbledore, dem die Aufgabe zufiel, dem jungen Tom mitzuteilen, dass er ein Zauberer war und nach Hogwarts kommen würde.
Wir wissen, dass Tom sich im Waisenhaus einen Spaß daraus machte, andere Kinder zu drangsalieren, ihnen Angst einzujagen, ihre Sachen zu stehlen oder zu verstecken. Er scheint schon früher kein besonders angenehmer Zeitgenosse gewesen zu sein. Er machte es sich zu Nutzen, dass er bestimmte Talente hatte, die die anderen Kinder nicht hatten. Mal abgesehen von spontanen Magieausbrüchen während der Kindheit hatte Tom Riddle aber noch eine Begabung, die ihn auch von den meisten Hexen und Zauberern abhob und die ihm später bestimmt recht nützlich war, als er begann, Anhänger um sich zu scharen: Er war ein Parselmund.
Einmal in Hogwarts angekommen, begann Tom Riddle, die meisten seiner Lehrer zu begeistern. So ein kluger Junge, so begabt, so gutaussehend, und so eine tragische Vergangenheit. (Albus Dumbledore konnte er nicht täuschen.) Er war intelligent und er hatte Charme. Ob er das auch richtig einsetzte? Vermutlich nicht. Er war besessen vom Hass auf einen Vater, der ihn verlassen hatte, der seine Mutter schwanger zurückgelassen hatte. Der nicht einmal ein Zauberer gewesen war. Von da war es wohl nur noch ein kleiner Schritt zum Hass auf Muggel und Muggelstämmige im Allgemeinen.
Wann genau die Idee geboren wurde, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und einen Plan auszuhecken, der Hogwarts und die Zauberergemeinschaft von diesen unwürdigen Hexen und Zauberern zu säubern – keine Ahnung. Aber Tom Riddle – mittlerweile unter seinen Anhängern bekannt als Lord Voldemort – verfolgte diesen Plan mit Leidenschaft. Man kann von Glück sprechen, dass Albus Dumbledore es ihm verwehrte, als Lehrer nach Hogwarts zurückzukehren, sonst hätte er wohl viel früher und womöglich auch mit mehr Unterstützung versucht, die Macht an sich zu reißen.
Während der nächsten Jahrzehnte wurde er nicht müde, seine Sache zu propagieren und Todesser um sich zu scharen. Sein Gegner dabei? Sein ehemaliger Lehrer, Albus Dumbledore. Dumbledore kannte Tom Riddle, seit der ein kleiner Junge gewesen war; er wusste Dinge über ihn, von denen Tom Riddle mit Sicherheit wünschte, dass sie nie an die Öffentlichkeit gelangen würden. Dumbledore kannte die Schwächen und Stärken seines Schülers. Es hat schon seinen Grund, dass Dumbledore der Einzige war, den Lord Voldemort noch fürchten sollte.
Aber vorerst befand er sich auf dem aufsteigenden Ast. Er und seine Todesser bekamen immer mehr Zulauf (sei er nun freiwillig oder auch durch die bestimmte Überredungskunst Voldemorts hervorgerufen), ihre Macht wuchs und viele Menschen dachten, dass sie die richtigen Ansichten vertraten. Es gab nur wenige, die sich ihnen entgegenstellten; Auroren; der Orden des Phönix; und viele von ihnen wurden von Todessern getötet. Bis Voldemort verschwand. Besiegt von einem kleinen, einjährigen Jungen. Und für zehn Jahre verschwand er komplett von der Bildfläche.
Natürlich gab er nicht auf. Stattdessen kehrte er zurück (nach vielen, vielen, immer wieder gescheiterten Versuchen – aber wer wird denn so kleinlich sein?), versuchte, sein Terrorregime aufs Neue aufzubauen und musste Verschiedenes feststellen: Viele seiner Todesser hatten sich in der Zwischenzeit ein normales Leben aufgebaut und waren nicht unbedingt begeistert davon, nun wieder auf Knien vor einem totgeglaubten Meister herumzurutschen. Einige andere Todesser waren in Azkaban gelandet, konnten zwar wieder befreit werden, aber man frage sich, wie es wohl um ihre geistige Gesundheit bestellt war, nach all den Jahren unter Dementoren. Außerdem war der Widerstand diesmal um einiges besser organisiert und auch größer als noch zuvor. Zugegeben, es gab einen großen Rückfall, als Dumbledore starb, doch letztenendes hat das Voldemort auch nicht den Sieg beschert.
Warum?
Da gab es diesen Jungen. Harry Potter. Der hatte Voldemort, wie gesagt, bereits als Einjähriger das Leben schwer gemacht und fuhr auch weiterhin damit fort. Trotz aller Anstrengungen, sich dem Jungen endgültig zu entledigen, konnte Voldemort ihn einfach nicht abschütteln und schließlich besiegelte Harry Potter das Schicksal des Dunklen Lords.
Womit wir bei dem dritten Zauberer angelangt wären, der so berühmt ist, dass ihn nicht nur die Briten kennen.
Harry Potter. Sohn von James und Lily Potter, geborene Evans, aufgewachsen bei der Schwester seiner Mutter, da seine Eltern von Lord Voldemort getötet worden waren, während der Todesfluch am einjährigen Harry Potter abprallte und auf Voldemort zurückfiel. (Ironie des Schicksals, wenn es jemals welche gab.) Mit elf Jahren kam er nach Hogwarts, ohne vorher gewusst zu haben, dass es so etwas wie Zauberei überhaupt wirklich gab. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, einen Zauberstab in die Hand zu nehmen, ein bisschen was zu lernen und sieben Jahre lang immer und immer wieder Lord Voldemort zu bekämpfen.
Viel ist geschrieben worden über Harry Potters Talent, seine magische Begabung, seine Intelligenz, seine intuitive Fähigkeit, schwarzmagische Zauberer zu besiegen, über seine Quidditchleidenschaft, seinen Heldenmut. Über seine Ehe, seine Freundschaften, seine Feindschaften aus Schulzeiten. Gönnen wir ihm doch mal eine Pause. Ja?
(Wie, fragen Sie, kein Klatsch und Tratsch? Richtig. Kein Klatsch und Tratsch.)
tbc.
