Liebe Leser, ich habe mich ganz wahnsinnig über sämtliche Reviews, Klicks und Favoriteneinträge gefreut, die seit dem letzten Kapitel dazu gekommen sind. Diese Geschichte (oder, vielmehr, eure großartige Rückmeldung zu ihr) sprengt all meine Vorstellungen. Es ist unglaublich. Ein bisschen unglaublich ist auch das untenstehende Kapitel. Es ist, nun, ein Mammutkapitel (etwas über 18 000 Wörter) und ich habe mir ernsthaft überlegt, es zu teilen, mich dann allerdings dagegen entschieden, weil es mir sehr merkwürdig vorgekommen wäre, die Vorlesung zu halbieren. Ich hoffe, (gerade für die, die Lesen am Computer sehr anstrengend finden) es geht trotzdem. Das kommt eben dabei heraus, wenn ich mir selbst so lange Anlagen schreibe … Edit: Tippfehler beseitigt. Hoffentlich alle.

Elfte Vorlesung

Du hättest es nicht für möglich gehalten, aber es fällt dir tatsächlich ein bisschen schwer, dich heute dazu zu motivieren, so früh wie sonst auch aus dem Bett zu kriechen, nachdem du die vergangenen zwei Wochen Ferien hattest (und „Ferien" bedeutet in deinem Fall: Schlafen bis um 9, aber dafür arbeiten bis nachts um 3 – wirklich sehr clever, soviel zu deiner netten Idee, während der freien Zeit mal ein wenig Schlaf nachzuholen; wofür hast du noch gleich deinen Professorentitel bekommen?). Natürlich schaffst du es irgendwann trotzdem, nachdem dein Wecker derart penetrant geklingelt hat, dass du gar keine andere Wahl hattest als aufzustehen und ihn auszuschalten.

(Da zeigt sie sich ja wieder, deine Intelligenz. Nette Idee, diesmal tatsächlich, den Wecker zur Abwechslung aufs Fensterbrett zu stellen und den Zauberstab im Bad zu lassen, damit du dich auch wirklich aus dem Bett bequemen musst.)

Du fährst dir mit einer Hand müde übers verschlafene Gesicht, fühlst viel zu viele kratzige Bartstoppel und wanderst weiter zum Kleiderschrank, um dir etwas auszusuchen. Hose und Hemd landen auf dem Bett, die frische Unterwäsche nimmst du gleich mit, während du ins Bad marschierst, mit der festen Absicht, dir von eiskaltem Duschwasser ein bisschen Leben in den Körper prasseln zu lassen. Dein Zauberstab erwartet dich bereits, doch du beschließt, dass es sicherer ist, das Rasieren zu verschieben, bis du vollständig munter bist und dir nicht versehentlich mehrere Schnittwunden zufügst.

(Deine Studenten würden es genießen. Aber, bei aller Liebe, sollen sie doch etwas Anderes finden, worüber sie lachen können.)

Du steigst aus deiner Boxershorts, stellst dich unter die Dusche und lässt lauwarmes Wasser auf dich herabregnen. (Memme.) Du schließt die Augen, die Tropfen rinnen dir in Strömen über das schlafzerknautschte Gesicht, verfangen sich in Brauen und Wimpern, sammeln sich über deiner Lippe und in deinem Kopf tanzen Bilder, die du gerade wirklich nicht gebrauchen kannst. Es ging dir doch gut. Los, befiehlst du dir selbst, während du dich einseifst, los, erinnere dich an die Abmachung: Neues Jahr, neues Spiel. Neues Glück. Schon vergessen? Das war der Plan. Den kannst du nicht einfach eine Woche nach Silvester bereits ignorieren.

Weißer, wolkiger Schaum breitet sich auf einem Körper aus, die Luft duftet wie eine frische Meeresbrise und du massierst dir Shampoo ins Haar, nur um dir gleich darauf wieder alles herauswaschen zu lassen. Du behältst die Augen geschlossen, konzentrierst dich auf das Wasser und bekämpfst langsam die Müdigkeit, die dir noch in den Knochen steckt, trotz zweiwöchiger Unipause. (Mach dir doch nichts vor, du hast keine Unipause, niemals, du bereitest entweder etwas vor oder nach oder korrigierst Aufsätze oder beantwortest Post oder kümmerst dich um Kursmaterial. Du hast keine Pause. Und das ist gut so. Erinnerst du dich?)

Du stellst das Wasser erst aus, als aller Schaum im Abfluss verschwunden ist. Dann trocknest du dich ab, ein bisschen energischer, als unbedingt nötig gewesen wäre, aber immerhin bist du anschließend wirklich wach und kannst dich um deine Rasur kümmern. Vorsichtig entfernst du die Stoppel und starrst dein Gesicht im Spiegel an. Du bist noch jung, denkst du verblüfft, du bist noch jung, also warum siehst du nicht immer danach aus? (Weil du zu viel arbeitest. Aber gerade kannst du daran nichts ändern. Denn wenn du weniger arbeiten würdest, dann hättest du mehr Zeit, dir Gedanken zu machen und du bist dir sicher, dass die Falten und grauen Haare dann erst recht kommen würden.)

Du lässt den Zauberstab sinken, legst ihn ab und fährst dir durch die nassen Haare. Du zwingst dich, den Blick von deinem Spiegelbild abzuwenden und stattdessen deine frische Unterwäsche anzuziehen. Der Rest deiner Kleidung wartet im Schlafzimmer auf dich und du knöpfst langsam, von unten nach oben (jeder hat so seine Macken …), dein Hemd zu. Dunkelblau, weil es das Hemd war, was ganz oben lag im Schrank. Und zu deiner schwarzen Hose passt es sowieso. Du hast ein bisschen Mühe, die Socken über deine halbtrockenen Füße zu streifen, aber am Ende gewinnst du. Jetzt noch einmal mit dem Zauberstab über die zerknitterte Hose fahren und schon sind die Falten, die dort nicht hingehören, verschwunden. (Mit deinem Gesicht funktioniert das leider nicht, aber zumindest die Haare kriegst du mit einem kurzen Spruch trocken.)

Ein rascher Blick auf deinen Wecker verrät dir, dass du dich langsam sputen solltest, wenn du nicht zu spät kommen magst. Du kannst zur Not natürlich immer noch in die Uni flohen, aber draußen auf den Straßen liegt glitzernder Schnee und du magst das Geräusch, wie er unter deinen Füßen knirscht. Obwohl du es bereits gestern Abend getan hast, kontrollierst du noch einmal deine Tasche, ob du alle deine Unterlagen für die Vorlesung eingepackt hast und die paar Bücher, die du mit in dein Büro nehmen musst, weil du verschiedenen Studenten versprochen hast, sie ihnen auszuleihen für Präsentationen oder Hausarbeiten.

Deine Tasche ist voll und schwer und du schwenkst deinen Zauberstab, um zumindest die Bücher zu miniaturisieren. Du stellst sie im Flur noch einmal ab, bindest dir die Schuhe zu und schlingst dir den dicken Wollschal um den Hals, den du dir selbst zu Weihnachten gegönnt hast. Dein warmer Wintermantel umhüllt dich schwer und angenehm und mit Handschuhen an den Fingern fühlt sich deine Tasche gleich leichter an. Du schließt die Wohnungstür hinter dir, steigst die Treppe hinab nach unten und atmest draußen im Schnee weiße Wölkchen aus.

Die Luft ist kalt und erfrischend und schmeckt nach Winter. Du blinzelst ein bisschen überfordert, weil die fahle Morgensonne dafür sorgt, dass die dünne Schneeschicht wirkt wie Puderzucker, alles verschwimmt vor deinen Augen und verliert an Konturen, aber du setzt langsam einen Fuß vor den anderen und spazierst in Richtung Uni. Die Straßen sind relativ unbelebt, stellst du fest, vereinzelt zaubern Ladenbesitzer ihre Schilder frei von Eis und nicken dir einen freundlichen Morgengruß zu.

Auch in den Gängen der Uni sind noch nicht viele Menschen unterwegs und bis du in der Caféteria ankommst, hast du höchstens drei Kollegen und ein paar einsame, gähnende Studenten gesehen. Du lächelst Sidonie an der Kasse kurz zu und schaust dich suchend um, auch wenn es nicht lange dauert, bis du den fraglichen Tisch entdeckt hast. Osburga hat den Arm in die Höhe gereckt und winkt dir weit ausholend zu, um dich auf sie aufmerksam zu machen. Du schmunzelst, als du feststellst, dass Asmund ebenfalls gähnend am Tisch sitzt, wie die Studenten, die dir eben begegnet sind.

„Frohes neues Jahr!", trompetet Osburga einmal quer durch die Caféteria und schließt dich in ihre Arme, „Alles Gute, mein Lieber." „Danke", murmelst du oberhalb ihres Kopfes, „Dir auch, Osburga. Ein fröhliches, neues Jahr." Sie lässt dich wieder los und strahlt dich an, schiebt dich resolut auf den freien Stuhl zwischen sich und Asmund und gibt euch beiden kaum Gelegenheit, dem jeweils Anderen ebenfalls ein gutes Jahr zu wünschen. Du verdrehst gutmütig die Augen und denkst dir, dass es wirklich immer das Gleiche ist. Ihr trefft euch stets zum Neujahrsfrühstück (nur, dass du diesmal eine Vorlesung im Nacken sitzen hast) und stets reißt Osburga dabei die Redegewalt an sich.

„Kaffee?", erkundigt sie sich jetzt und wartet eure Antworten gar nicht ab, „Ich brauche jedenfalls dringend welchen, sonst falle ich euch gleich vom Stuhl. Frühstück wäre auch nicht schlecht. Würstchen, Tomaten, Pilze, Toast. Und Pfannkuchen. Ich hoffe, ihr habt genug Zeit mitgebracht." Asmund schaut sie an, als wäre sie ein bisschen verrückt geworden, allerdings auf liebenswürdige Art und Weise. „Osburga", beginnt er langsam, „Das war doch der Plan, oder nicht? Dass wir uns zum Frühstück treffen. Also: Ja, Kaffee wäre großartig. Du solltest meinen Kaffeinkonsum mittlerweile kennen. Hunger habe ich auch und, stell dir vor, die Zeit ist auch eingeplant."

Du kannst dir ein Schmunzeln nicht verkneifen und Osburga bricht ebenfalls in Gelächter aus. „Na, dann", meint sie zufrieden, „Schnappt euch ein Tablett und los geht's. Ich bezahle, also keine falsche Scheu, nehmt, soviel ihr wollt und essen könnt." Du hebst die Augenbrauen. „Äußerst großzügig von dir", bemerkst du amüsiert, „Hast du zu Weihnachten endlich diesen Goldesel bekommen, ja?" Asmund wandelt sein Lachen gerade noch rechtzeitig in ein wenig überzeugendes Husten um und tut dann so, als würde ihn eine ernsthafte Antwort wahnsinnig interessieren.

„Wenn, dann würde ich es euch Zweien als Letzte erzählen", gibt Osburga trocken zurück und marschiert geradewegs zu den Würstchen, um sich ihren Teller zu beladen, „Plötzlich wärt ihr bestimmt ständig für Frühstück oder gemeinsames Mittagessen verfügbar, obwohl ihr euch sonst so gerne in euren Büros verbarrikadiert." Asmund zuckt die Achseln und häuft sich Pilze und gebackene Bohnen auf den Teller. „Das sagt die Richtige", findet er, „Du arbeitest schließlich auch nicht gerade wenig." Während du vor den Pfannkuchen stehst und überlegst, ob du dir zwei oder drei nehmen sollst, musst du beiden deiner Kollegen innerlich zustimmen. „Wir sind alle Arbeitstiere", sagst du, „Können wir uns darauf einigen?" Asmund und Osburga nicken friedlich und ihr verschwindet in verschiedene Ecken der Caféteria, um eure jeweiligen Teller und Tabletts mit Essen zu füllen.

Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee steigt dir in die Nase und du schließt intuitiv kurz die Augen, um den Duft in dich einzusaugen. Erst ein Räuspern von links bringt dich dazu, in die Richtung zu blinzeln. „Sollen wir euch alleine lassen?", erkundigt sich Asmund erheitert, „Dich und den Kaffee? Und würdest du es als Betrug an eurer Beziehung empfinden, wenn ich mir ebenfalls eine Tasse gönne?" Da soll mal noch einer sagen, Geschichtsprofessoren wären alt, verstaubt und hätten keinen Sinn für Humor.

„Bitte", grinst du zurück, „Greif zu." Ihr bedient euch beide an Kaffee, Milch und Zucker und lauft schon einmal zur Kasse, während Osburga noch unentschlossen vor den Muffins steht. „Einen wunderschönen guten Morgen, die Herren", lächelt euch Sidonie strahlend und mit himmelblauen Haaren an und tippt eure diversen Speisen in ihre Kasse ein, „Ich nehme an, die Dame zahlt mal wieder?" „Sie lässt es sich nicht nehmen", stimmt Asmund ihr zu und schiebt dich Richtung Tisch, „Wir fangen dann schonmal an. Wer weiß, wie lange Osburga noch braucht. Ich wette, am Ende wird es sowieso wieder ein Blaubeermuffin. Wie immer."

„Das hab' ich gehört!", ruft euch Osburga quer durch die Caféteria hinterher und ihr kichert wie dreizehnjährige Schulmädchen. „Müssen ja prima Ferien gewesen sein", bemerkt Sidonie deutlich amüsiert und winkt euch durch. Ihr lasst eure Tabletts durch die Luft schweben und sachte auf euren Tisch gleiten, denn zumindest du bist dir sicher, dass du eine Kaffeesintflut anrichten würdest, wenn du versuchen würdest, dein Tablett mit der Hand zu balancieren. Da ist der Zauberstab um einiges verlässlicher.

„Ich wette", kichert Asmund noch immer vor sich hin, während er sich auf seinen Stuhl fallen lässt, „Ich wette, wenn Osburga gleich kommt, dann regt sie sich wie üblich darüber auf, dass wir ihre Gutmütigkeit schamlos ausnutzen und soviel essen wie sonst nie, obwohl sie uns ja extra noch dazu aufgefordert hat." Du nippst an deinem Kaffee und versteckst dein Lachen hinter der Tasse. Im letzten Jahr hat Osburga euch nämlich vorgeworfen, tagelang gefastet zu haben, nur um beim Frühstück richtig zuschlagen zu können. Du erinnerst dich da an eine Diskussion zwischen ihr und Asmund, in der dein Kollege sich gegen die Beschuldigung wehren musste, er würde eigentlich gar keine gebackenen Bohnen mögen und sie nur essen, weil Osburga ja sowieso dafür bezahle.

(Ohja. Ihr seid wirklich sehr erwachsen, wenn man euch lässt.)

„Na", knurrt Osburga und lässt ihr Tablett zwischen euch segeln, „Schmeckt der Kaffee?" Asmund verschluckt sich und hustet, aber du kramst ein bezauberndes Lächeln hervor und strahlst deine Kollegin an. „Ausgezeichnet", nickst du gelassen, „Solltest du auch probieren." Osburga verdreht gutmütig die Augen und labt sich an ihrem Muffin. (Blaubeer, natürlich. Was sonst?) „Danke jedenfalls", sagst du zu ihr, „Für das Frühstück. Du weißt schon." Sie winkt ab und du musst in Deckung gehen, damit dich die Kuchenkrümel nicht treffen. „Keine Ursache", versichert Osburga, nachdem sie geschluckt hat, „Das nächste Mittagessen geht dann wieder auf deine Rechnung, nicht wahr?" Du lachst und nickst. Ihr habt eure kleine Routine, alles ist wunderbar und geordnet. (Wenigstens eine Sache.)

Asmund hält sich vornehm zurück und schaufelt sich stattdessen Pilze in den Mund. Du nippst noch ein wenig an deinem Kaffee und zerschneidest dann deinen ersten Pfannkuchen. „Schöne Ferien gehabt?", erkundigst du dich beiläufig und die nächsten zehn Minuten lauscht ihr einem Monolog Osburgas, in dem sie davon schwärmt, dass sie über Weihnachten und Neujahr in Frankreich war und das dortige, wunderbare Essen und den Rotwein genossen hat. Asmunds Gabel verharrt in der Luft und er starrt Osburga mit offenem Mund an.

„Doch ein Goldesel", murmelt er schließlich, als sie mal eine Pause macht, „Wie soll man das denn sonst bezahlen? Weihnachten in Frankreich, warst du während der letzten Semesterferien nicht in Island? Und davor wo? Auf dem Mond?" Du grinst, offenbar ein wenig zu spitzbübisch für Osburgas Geschmack, denn sie wirft dir einen betont rügenden Blick zu, der das genaue Gegenteil bewirkt. „Island war ein Forschungsaufenthalt", berichtigt sie Asmund hastig, „Ich hab dort Runen entziffert. Kannst du ja auch mal machen, wenn dir nach Geysiren und vielen Schafen zumute ist."

Asmund runzelt die Stirn und murmelt etwas von wegen „Da kann ich auch nach Wales fahren", was dich zum Losprusten bringt. „Männer", kommentiert Osburga ungerührt, „Euch kann man es auch nicht recht machen, was?" „Nein", antwortet ihr Beide prompt und neckt Osburga noch ein bisschen damit, dass sie ihre Freizeit damit verbringt, die „Kritzeleien" (sie schnappt empört nach Luft, als Asmund das sagt) auf alten, verwitterten Steinen abzuzeichnen und zu entziffern. „Lies du erst einmal endlich die Edda fertig, mein Lieber!", wettert Osburga dagegen und du siehst dich gezwungen, mit einem lautstarken „Frieden!" zwischen die Streithähne zu gehen.

„Nichtmal vernünftig frühstücken kann man mit euch", schüttelst du amüsiert den Kopf, „Wir sollten das jede Woche machen und Eintritt verlangen; unsere Studenten würden uns mühelos unseren nächsten Urlaub finanzieren. Das kann man sich ja nicht entgehen lassen: Osburga Bagshot versus Asmund Bufton. Wird es ihr wohl gelingen, ihn mit Beowulf-Zitaten in die Knie zu zwingen, oder kann er vorher entwischen?" Osburga und Asmund schauen dich beide mit dem gleichen, mitleidigen Blick an, der sagt „Armer Irrer!" und der dich erneut zum Lachen bringt.

„Ich wette", verteidigst du deine Idee zwischen zwei Schluck Kaffee, „unsere Studenten fänden das herrlich.

Die Drittsemestler kriegen sich ja schon immer nicht mehr ein, wenn ich mal eine harmlose Anekdote erzähle." Asmund und Osburga verschlucken sich synchron an Pilzen und Muffin. „Wenn du … was?", hustet Asmund und du nimmst dir die Freiheit, in aller Seelenruhe „Wenn ich eine harmlose Anekdote erzähle" zu wiederholen. „Über … uns?", will Osburga verwirrt wissen, „Da gibt es doch gar keine Anekdoten. Asmund und ich, wir sind nur zwei langweilige Geschichtsprofessoren." Klar, denkst du, gar keine Anekdoten. Dir würden auf Anhieb durchaus etliche einfallen.

„Es sei denn", sagt Asmund und senkt verschwörerisch die Stimme, „er erzählt von diesem einen Mal, als er für dich Beowulf übersetzenmusste und nicht mehr ansprechbar war." „Hey", begehrst du auf, während Osburga mit einem beinahe schadenfrohen Grinsen in ihren Pfannkuchen beißt, „Damals war ich noch ein armer, kleiner Student und diese Verrückte hier konnte fließend Altenglisch und ich beherrschte kein Wort. Da wärst du auch nicht mehr ansprechbar gewesen, Asmund!" Zu deinem Leidwesen hat diese Geschichte sehr schnell die Runde gemacht, nachdem du Osburga mal gestanden hast, wie viel du ihretwegen zu deinen Studienzeiten durchlitten hast.

„Verdammter Drachenmist!", poltert da eine aufgebrachte, weibliche Stimme in deinem Rücken und du hörst, wie Stuhlbeine über den Boden scharren, während sich offenbar jemand an euren Nachbartisch setzt. Du drehst betont unauffällig den Kopf und kannst beobachten, wie auch deine beiden Kollegen lange Hälse machen. Du kennst die zwei Mädchen, die es sich gerade bei dampfendem Kaffee und ungefähr sieben Muffins gemütlich machen, Amelia Harrington und Rebecca Stevens, Geschichtsstudentinnen im fünften Semester und offenbar alles andere als erfreut.

„Ganz ruhig", mahnt Rebecca und wirft ein nervöses, entschuldigendes Lächeln in eure Richtung, das dafür sorgt, dass ihr synchron zusammenzuckt und euch eiligst wieder euren eigenen Tellern zuwendet, während ihr (und da bist du dir sicher, dass für Osburga und Asmund das Gleiche gilt wie für dich) die Ohren spitzt, um das Gespräch nebenan weiterhin verfolgen zu können. „Nichts da ganz ruhig", schimpft Amelia allerdings weiter, scheinbar wenig beeindruckt von den Beruhigungsversuchen ihrer Kommilitonin, „Das ist einfach nur riesengroßer, stinkender Drachenmist."

Asmund prustet in seinen Kaffee und erntet dafür ein zweifaches „Pst!" Ja, ihr seid neugierig und ja, es gehört sich nicht zu lauschen, aber du musst zugeben, dass du einfach unglaublich interessiert bist, was deine Studentin so aufgebracht hat. (Hoffentlich war es nicht das Seminar, das sie bei dir besucht.) Asmund zieht belustigt die Augenbrauen in die Höhe und nimmt diesmal einen vorsichtigeren Schluck Kaffee, aber sein wacher Blick verrät dir, dass auch er gespannt ist, was er gleich zu hören bekommen wird.

„Ich meine, da studiert man vier Semester in aller Seelenruhe, lernt brav, hat langsam mal das Gefühl, ein bisschen was zu verstehen und in einer Diskussion nicht vollkommen unterzugehen und dann?", redet sich Amelia nun in Rage, „Zack! Schon beginnt das fünfte Semester und plötzlich erzählt dir Lancelot, dass du bitte schön bis Ende März ein Thema gefunden haben sollst, über das …" Du kannst dir denken, wie der Rest des Satzes lauten soll, denn immerhin geht es scheinbar um die Abschlussarbeit, aber diesmal bist du derjenige, der beinahe an seinem Kaffee erstickt, so heftig musst du lachen, als Amelia euren Direktor mit dem gleichen Spitznamen belegt, den ihr im Kollegium auch benutzt.

„Na, na, na", murmelt Osburga erschrocken und schlägt dir halb besorgt, halb ruppig auf den Rücken, damit dein Hustenanfall nachlässt. „Geht schon wieder", bringst du mit krächzender Stimme hervor und Asmund versichert euren Studentinnen, dass alles in Ordnung sei. „Ehrlich mal", wispert Asmund, als Amelia und Rebecca ihre Aufmerksamkeit offenbar wieder von euch nehmen, „als Spione würden wir Drei sowas von versagen. Wir verraten uns ja ständig selbst." Da musst du ihm wirklich zustimmen. Und Amelia und Rebecca haben scheinbar aus ihren Fehlern gelernt, weil sie jetzt mit leisen, gesenkten Stimmen weitersprechen.

„Aber Recht hat sie", sagt Osburga nun ebenfalls nicht gerade laut und runzelt die Stirn, „Sonderlich gut ist das System ja nicht, oder?" Asmund lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und spielt mit dem Kaffeelöffel. „Zwölf", antwortet er mit düsterer Miene, „Zwölf Studenten haben mir während der Weihnachtsferien geschrieben, um panisch nachzufragen, ob ich wohl gewillt wäre, ihre Abschlussarbeiten zu betreuen. Zwölf! Über Weihnachten! Ich meine, ich frage euch: Wie hektisch und nervös müssen sie wohl gewesen sein, wenn sie während der Feiertage nicht ein bisschen entspannen konnten? Konnte ich danach auch nicht mehr, übrigens."

„Es überrascht sie einfach", mischst du dich ein, „Ich hatte in diesem Semester schon zwei, drei Gespräche, mehr aber auch nicht. Und die Studenten, die sich bereits so früh Gedanken machen, sind nun einmal die Ausnahme. Wir waren früher schließlich auch nicht so organisiert, oder? Ich jedenfalls nicht. Und die vier Semester, die sie heute gerade mal haben, bevor der Stress beginnt, vergehen quasi wie im Flug. Sie studieren einfach ruhig vor sich hin und mit einem Mal wird von ihnen verlangt, sich Gedanken zu einem Thema zu machen, über das sie ein Jahr lang recherchieren und schreiben sollen. Das Thema sollen sie sich selbst ausdenken, es soll ausreichend komplex sein und bestenfalls einen neuen Blickwinkel ermöglichen, wenn nicht sogar gleich neue wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen. Das ist doch utopisch."

„Allerdings", stimmt dir Asmund zu und grinst schief, „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob meine Doktorarbeit all diese Punkte erfüllt hat." Osburga und du, ihr protestiert ein bisschen, weil Asmunds Doktorarbeit natürlich gut gewesen ist (besser als gut und er weiß das auch), aber es geht hier um das Prinzip. Eure Studenten werden ins kalte Wasser geworfen und am Ende seid ihr alle gemeinsam die Leidtragenden, weil ihr in euren Sprechstunden Taschentücher verteilen, Tränen trocknen und angespannte Nerven beruhigen müsst.

„Immerhin haben sie ein Jahr Zeit", seufzt Osburga, da sie, wie du weißt, auch nicht gerade ein Anhänger dieses Systems ist, „Frag mal bei anderen Studiengängen nach, da schreiben die Studenten ihre Abschlussarbeit in einem Semester. Und studieren nicht vier Jahre, wohlgemerkt." Für einen Moment hängt ihr alle schweigend euren eigenen Gedanken nach und schlürft leise heißen Kaffee. Auch, wenn du Verständnis dafür hast, dass es für deine Studenten stressig ist, so musst du trotzdem zugeben, dass du dich immer freust, wenn dich jemand bittet, seine Arbeit zu betreuen. Sie finden viele interessante Themen, deine Studenten, und es macht dir Spaß, ihnen Zeitungsartikel zu schicken, über die du zufällig stolperst und von denen du glaubst, dass sie ihnen gefallen könnten. Es macht dir Spaß, dich mit ihnen auf einen Kaffee zu treffen und dabei Diskussionen zu führen.

(In der Hinsicht hast du wohl wirklich den richtigen Beruf gewählt.)

„Ja, sicher", nickt Asmund eurer Kollegin zu, „Aber anderer Studiengang, andere Anforderungen, oder nicht? Und wir dürfen uns nicht beschweren, wenn unsere Studenten im dritten Jahr aus allen Wolken fallen, weil sie plötzlich merken, was von ihnen verlangt wird, nachdem sie vier Semester lang mit Samthandschuhen angefasst wurden." Osburga protestiert sofort und du lächelst, weil du darauf gewettet hättest, dass sie das tun wird. Asmund hebt abwehrend die Hände. „Ich spreche hier vom Durchschnittsstudium", betont er hastig, „Das schließt deine Altenglisch-Seminare nicht unbedingt mit ein, da wirst du mir wohl zustimmen. Und du sagst selbst immer wieder, dass nur ein relativ geringer Teil der Studenten sich bewusst für deine Veranstaltungen entscheidet. Der Rest geht mit falschen Vorstellungen hin und wird meist desillusioniert, ist überfordert und verlässt das Seminar wieder."

Osburga murmelt etwas Undeutliches und bringt dich und Asmund damit zum Grinsen, weil klar ist, dass Asmund Recht hat und dass Osburga ihm nicht gerne Recht gibt. Ein zweistimmiges, halbwegs schüchternes „Wiedersehen!" in deinem Rücken zeigt an, dass Amelia und Rebecca ihre Frühstücks-und-Aufregen-Einheit offenbar beendet haben, was wiederum dich dazu bringt, panisch auf deine Armbanduhr zu schauen. Beinahe schüttest du dir Kaffee über die Hose. „Warum sagt ihr denn nichts?", willst du von deinen Kollegen wissen, während du hektisch aufspringst und versuchst, dabei noch rasch einen Pfannkuchen zu rollen und zu verspeisen.

„Ach", macht Asmund erstaunt und mit verwirrtem Blick, „Musst du etwa schon los?" Auch Osburga sieht milde überrascht aus. „Die Zeit ist aber schnell vergangen heute", meint sie nur kopfschüttelnd, während du dich damit abmühst, deinen linken Arm in deinen Umhang zu zwängen. Irgendwo scheint sich der Stoff allerdings verdreht zu haben; jedenfalls hast du deutlich mehr Mühe als sonst. „Na, jedenfalls wird meine Vorlesung gleich ohne mich beginnen, wenn ich mich nicht spute", meinst du und schaffst es endlich, deinen Umhang ordentlich anzuziehen. „Das bezweifle ich stark", kommentiert Osburga trocken und streckt die Hand aus, um kurz deinen Arm zu drücken, „Viel Spaß beim Dozieren, mein Lieber." „Verbindlichen Dank auch", erwiderst du und folgst dem Reflex, ihr eine Grimasse zu schneiden, „Frühstückt noch schön. Bis dann!"

Du schnappst dir deine Tasche, schnippst mit dem Zauberstab und kannst aus den Augenwinkeln heraus noch mitverfolgen, wie dein Tablett sachte davon schwebt. Du nickst deinen Kollegen ein letztes Mal zu und hastest dann den Flur entlang, bis du schlitternd und ein wenig außer Atem vor deinem Hörsaal ankommst. Du kannst leises Stimmengewirr ausmachen, das langsam verebbt, als du die Tür aufstößt und zu deinem Pult läufst. „Guten Morgen", grüßt du in die Runde und erhältst vereinzeltes Kopfnicken als Antwort. Du stellst deine Tasche ab, kramst deine Unterlagen hervor, um sie auf dem Pult abzulegen, und schlüpfst aus dem Umhang, den du dir eben erst so mühsam übergezogen hast. Jetzt wirfst du ihn achtlos über deinen Stuhl und machst es dir auf deinem Pult gemütlich.

Dein Stapel Papiere liegt ein bisschen unordentlich neben dir und du schiebst ihn beiseite, als du dich auf dein Pult setzt. Dein Blick fliegt über deine Studenten, du lächelst und sagst „Herzlich willkommen zurück. Schön, Sie alle im neuen Jahr wieder begrüßen zu können. Ich hoffe, Sie hatten angenehme Ferien und schöne Feiertage und konnten sich ein wenig erholen. Ich hoffe allerdings auch, dass Sie die Zeit gefunden haben, mal in Ihre Unterlagen für die heutige Sitzung zu schauen. Gibt es im Vorfeld Fragen zu dem Material?"

Du lässt ihnen ein paar Minuten, um in ihren Blättern und Notizzetteln zu kramen, um den Kopf zu senken und sich beschäftigt zu geben. Dir ist klar, dass es bestimmt nicht alle Studenten geschafft haben, sich optimal auf die Vorlesung vorzubereiten, immerhin war Weihnachten und Neujahr und zwischen Geschenken und Punsch kann man schon einmal vergessen, Interviews zu lesen. Du verstehst das, du warst schließlich auch einmal Student, aber trotzdem wünschst du dir, dass du die heutige Sitzung nicht im Alleingang wirst bestreiten müssen.

Anscheinend gibt es zumindest einmal keinerlei Fragen zu deinen Anlagen (du unterdrückst deine Überlegung, ob aus Unwissenheit oder resultierend aus perfekter Vorbereitung, aber trotzdem tendierst du zu Ersterem), keine Hände werden gehoben und du nickst kurz, während du aus deinem eigenen Papierstapel das erste Interview aussortierst. „In Ordnung", findest du, „Dann würde ich vorschlagen, wir arbeiten unser Material wieder einmal der Reihe nach durch. Gibt es irgendwelche Einwände?" Deine Studenten bleiben stumm. „Gut", fährst du leichthin fort, „Ich möchte Sie noch kurz daran erinnern, dass die heutige Sitzung unter dem Titel Mythen, Helden und Schlächter. Von Vorbildern und Klischees steht, vielleicht behalten Sie das im Hinterkopf, wenn wir die Anlagen besprechen. Freiwillige vor für den ersten Text, bitte!"

Es gibt ungefähr zwei Handvoll Studenten, mit denen du in den vergangenen Wochen immer wieder in einen Dialog gestiegen bist, und so lässt du auch heute deinen Blick zwar über alle schweifen, aber an manchen Gesichtern bleibt er länger hängen als an anderen. Du weißt, dass es eigentlich unmöglich ist, in einer Vorlesung alle deine Studenten kennenzulernen; von manchen wirst du ihre Meinung wohl erst erfahren, wenn sie dir ihre Klausur in die Hand drücken, aber das ist in Ordnung, denkst du, sie sind fast alle noch in ihrem ersten Semester, da dürfen sie sich ein wenig Scheu noch erlauben.

Alasdair MacLaine meldet sich schließlich zu Wort und du nickst ihm zu, amüsiert, dass er wieder derjenige ist, der den Anfang macht. „Das erste Interview wurde mit Aberforth Dumbledore geführt", beginnt dein Student mit ruhiger Stimme, „Aberforth Dumbledore ist der Bruder des verstorbenen Albus Dumbledore und ist dafür bekannt, sich sehr erfolgreich aus der magischen Gesellschaft zurückgezogen zu haben. Man weiß nur wenig über ihn und ich glaube, ihm liegt viel daran, dass das auch weiterhin so bleibt."

Du grinst ein bisschen und versuchst, Mister MacLaine damit nicht aus dem Konzept zu bringen, aber er hat den Nagel nun einmal ziemlich auf den Kopf getroffen und in Gedanken siehst du Aberforth Dumbledore mürrisch das Gesicht verziehen und ein knurrendes Was denn? murmeln, weil er all die Aufregung um seine Person überhaupt nicht nachvollziehen kann.

„Allerdings", fährt Alasdair scheinbar unbeeindruckt von deinem kleinen Heiterkeitsanfall fort, „ist Aberforth vermutlich die beste Informationsquelle, wenn man etwas über Albus Dumbledore erfahren möchte und dabei auch sicher sein will, dass man fundiertere Ergebnisse als aus der Klatschpresse erhält. Wenn man alles glauben würde, was Rita Kimmkorn über ihn geschrieben hat, dann hätte Albus Dumbledore vermutlich niemals das siebzehnte Lebensjahr erreichen können, weil er vorher so viele Schicksalsschläge hatte verkraften müssen."

Du hebst deine Blätter ein bisschen hoch, um deine zuckenden Mundwinkel dahinter zu verbergen. Am liebsten hättest du schallend gelacht (oder gleich Osburga geholt, damit sie sich amüsieren kann, weil du dir absolut sicher bist, dass sie ihren Heidenspaß an der Ausführung von Mister MacLaine hätte, weil es genau ihre Art von Humor trifft), aber dann müsstest du einen kleinen Exkurs über Rita Kimmkorns Schreiberei anhängen und deine Vorlesung ist voll genug, da musst du dir nicht selbst unnötig das Leben schwer machen.

„Von Aberforth erfahren wir jedenfalls, wie Albus Dumbledore weithin wahrgenommen wurde: Als übermäßig kluger, begabter, charismatischer Junge, bereits zu Schulzeiten. Er hatte offenbar ein großes Interesse daran, etwas zu lernen, las viel und saugte dieses Wissen in sich auf wie ein Schwamm, während sein jüngerer Bruder es vorzug, sich in der freien Natur die Knie blutig zu schrammen. Natürlich sind diese beiden Wege sehr unterschiedlich voneinander und natürlich sind sie beide, in ihrer eigenen Art und Weise, gut und berechtigt, schließlich sollten Kinder eigentlich auch ihre Kindheit genießen dürfen, aber welcher Junge in den Augen der Erwachsenen vermutlich besser wegkam, dürfte klar sein: Albus", schlussfolgert Mister MacLaine und schiebt sich die Brille etwas nach oben.

Er hat einen Punkt getroffen, den du für wichtig und interessant erachtest, nämlich die Tatsache, dass ihr schließlich von eurer eigenen Warte als Erwachsene aus beurteilt und beobachtet und dass ihr somit natürlich einen anderen Standpunkt vertretet als es Kinder vermutlich tun würden. (Wobei Kinder sich selbstverständlich andere Fragen stellen würden als ihr. Warum kommt er denn nicht mit zum Spielen? statt Wie und auf welche Weise hat sich das besondere magische Talent Albus Dumbledores bemerkbar gemacht und hat er dafür Opfer gebracht?, beispielsweise.) Aber Kinder zählen nicht unbedingt zu deinen Spezialgebieten und so lässt du Mister MacLaine lieber weitersprechen.

„Es ist allgemein bekannt, dass die Dumbledore-Brüder keine allzu glückliche Kindheit und Jugend verlebt haben dürften", führt dein Student seine Ausführungen fort, „Es lassen sich zwar kaum persönliche Berichte der Beiden zu diesem Thema finden, doch wir wissen, dass sie ihren Vater früh verloren haben, dass er wegen eines Übergriffs auf Muggel nach Azkaban gebracht wurde und dort verstarb. Die Familie wurde somit gewaltsam auseinandergerissen und es kann für die Mutter keine leichte Aufgabe gewesen sein, alleine ihre drei Kinder großzuziehen.

Obwohl der Vater damals vor Gericht die Aussage verweigerte, weshalb er scheinbar grundlos Muggel angegriffen hatte, weiß man mittlerweile, dass er es zum Schutze seiner Tochter Ariana tat, die von eben jenen Muggeln schlimm gepiesackt wurde. Ariana Dumbledore litt Zeit ihres Lebens an unkontrollierten Ausbrüchen von Magie, was zum damaligen Zeitpunkt – also, um die Jahrhundertwende – als großes Manko betrachtet und häufig totgeschwiegen wurde. Stattdessen wurde das Gerücht gestreut, das Mädchen sei sehr krank und könne daher das Haus kaum verlassen. All diese Faktoren müssen die Familie nach der Gefangennahme des Vaters noch weiter belastet haben."

Sieh an, denkst du anerkennend, da hat einer die Feiertage genutzt, um das zu tun, worum du diesmal nicht einmal explizit gebeten hattest: Hintergrundinformationen zu suchen, um eventuelle Wissenslücken zu schließen. Wer über Albus Dumbledore reden will, der muss sich auch ein wenig mit seiner Familiengeschichte auskennen und begreifen können, wie der, der als mächtigster Zauberer des Jahrhunderts gefeiert wurde, aufgewachsen ist.

„Im Sommer nach Albus Dumbledores Hogwartsabschluss starb seine Mutter, aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem von Arianas Magieausbrüchen. Dass das Mädchen daran keinerlei Schuld trifft, steht hierbei wohl außer Frage", stellt Alasdair MacLaine mit einer Stimme fest, als wolle er von vorneherein jedem, der es wagt, das Gegenteil zu behaupten, den Mut nehmen, „Jedenfalls beeinflusste das die Pläne von Albus Dumbledore: Statt sich weiterzubilden und durch die Welt zu reisen, blieb er zu Hause und kümmerte sich um seine jüngeren Geschwister. So, wie Aberforth in dem Interview wirkt, kann ich mir kaum vorstellen, dass er als Jugendlicher begeistert von der Idee war, plötzlich einem älteren Bruder zu unterstehen, mit dem ihn kaum Gemeinsamkeiten verbanden. Als schließlich Ariana ebenfalls starb, dürfte das für die beiden Brüder wohl ein Anlass gewesen sein, vorerst getrennte Wege zu gehen, und zwar Wege derart entfernt voneinander, dass sie sich lange nicht zu Gesicht bekamen und dass die magische Gemeinschaft wohl nur allzu bereit war zu vergessen, dass es neben Albus noch einen anderen Dumbledore-Bruder gab, der nicht ganz so viel Talent abbekommen hatte.

Aberforth gibt selbst zu, dass er das Gefühl hatte – und wohl noch immer hat –, in dieser Welt, in der sein Bruder lebte, keinen Platz zu haben. Der Eine kehrte nach Hogwarts zurück, wurde erst Professor, schließlich Direktor, verblüffte alle mit seinem Wissen, seiner Macht, über den Anderen wurde hinter vorgehaltenen Händen getuschelt, während er sich darum bemühte, regelrecht in der Versenkung zu verschwinden, dem Bruder zu entrinnen, mit dem er sicherlich nicht nur gute Erinnerungen verband. Aus dem Interview erfahren wir, dass es offenbar eine Zeitspanne gab, in der die Brüder keinerlei Kontakt miteinander hatten. Die Gründe von Albus Dumbledore hierfür erfahren wir nicht, aber Aberforth sagt, dass er seinem Bruder manches nicht verzeihen konnte, was in der Vergangenheit vorgefallen war. Dass er sich selbst auch nicht verzeihen konnte."

Du nickst Mister MacLaine kurz zu, zum Zeichen, dass du ihn gerne für einen Moment unterbrechen würdest. Du räusperst dich, ehe du dich dazwischenschaltest. „Sie dürfen Eines nicht vergessen", sagst du ruhig, „Aberforth spricht es auch selbst an. Er und Albus teilten eine Vergangenheit miteinander; sie waren die Einzigen aus ihrer Familie, die noch übrig waren. Es gab sonst niemanden, der sich auf die gleiche Art und Weise an ihre Eltern erinnerte, beispielsweise. Sie waren einen Abschnitt ihres Lebens nun einmal miteinander gegangen, ob ihnen das gefiel oder nicht. Und sie waren jung zu dem Zeitpunkt, als sie sich gegenseitig mit Schweigen und Missachtung straften. Jung und nicht bereit zu vergeben oder zu vergessen."

Alasdair wühlt ein bisschen in seinen Notizen und zitiert dann direkt aus dem Interview. „Da waren ja auch schon ein paar Jährchen vergangen", liest er vor, „Das erwidert Aberforth, als er gefragt wird, weshalb er denn dem Orden des Phönix beigetreten ist, wo es sich doch schließlich um eine Gruppe handelte, die sein Bruder ins Leben gerufen hatte. Es gab also offenbar einen Wechsel in seiner Haltung Albus gegenüber und, was wohl noch wichtiger ist: Es gab bestimmte Themen, bei denen die Zwei eine ähnliche, wenn nicht sogar die gleiche, Meinung vertraten. Sie wollten beide verhindern, dass der Dunkle Lord Erfolg hatte.

Allerdings lässt sich auch hierbei beobachten, dass Aberforth eine gewisse Kritik am Handeln seines Bruders übt, obwohl er die Idee in ihren Grundzügen durchaus unterstützenswert findet. Leider führt er das nicht weiter aus und ich konnte auch keine weiteren Artikel oder Interviews finden, in denen noch einmal auf diese Stelle Bezug genommen wird. Vielleicht wissen Sie da Näheres?", hebt er den Kopf und schaut dich neugierig an.

Du lehnst dich auf deinem Pult ein bisschen nach hinten und stützt dich mit den Händen an den Seiten ab, während du seinen Blick offen erwiderst. „Ich kann kurz darauf eingehen, sicher", entgegnest du, „Worauf Aberforth hier anspielt, ist die häufig diskutierte Theorie, dass Albus Dumbledore in seinem Bestreben, das Gute zu erreichen und Lord Voldemort zu besiegen, manchmal über die Stränge geschlagen hat, dass er zu viel verlangt hat, zu viele, zu große Opfer, dass er Übermenschliches gefordert hat von denen, die wichtig waren, um den Sieg zu erlangen. Ich muss Ihnen wohl nicht extra anführen, dass hierbei gerade Harry Potter häufig als Beispiel angeführt wird, aber vielleicht haben wir nachher noch Zeit, die Beziehung zwischen Dumbledore und Harry Potter genauer zu analysieren."

„Danke", nickt Alasdair rasch und wendet sich wieder seinen Notizen zu, um den Faden seiner Überlegungen erneut aufzunehmen, „Aberforth berichtet weiterhin, dass die breite Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild seines Bruders hatte, nämlich das eines Helden, und dass es schwierig war, sich in irgendeiner Art und Weise negativ oder kritisch zu äußern. Er hat jedoch den immensen Vorteil, gegenüber dem Durchschnittszauberer, dass er Albus Dumbledore persönlich kannte und zwar auf eine Art und Weise, wie es sonst niemand tat. Dass er dabei wohl auch voreingenommen war, steht außer Frage, aber er war in der Lage, den Menschen hinter dem Heldenbild zu erkennen.

Das Verhältnis der beiden Brüder scheint sich jedenfalls im Alter ein wenig gebessert zu haben. Sie nahmen wieder Kontakt auf, sahen sich ab und zu sogar persönlich, was dadurch vereinfacht wurde, dass Aberforth einen Pub in Hogsmeade, also in unmittelbarer Nähe von Hogwarts, übernahm, auch wenn er sich zu den konkreten Gründen nicht weiter äußert. Fest steht jedoch, dass eben dieser Pub eine wesentliche Rolle bei der Schlacht um Hogwarts übernommen hat, da durch ihn ehemalige Schüler sowie Auroren in die Schule gelangen konnten, um gegen den Dunklen Lord zu kämpfen und schlussendlich das zu besiegeln, wofür Albus Dumbledore jahrelang gekämpft hatte.

Gegen Ende des Interviews wird meiner Ansicht nach deutlich, dass Aberforth sich sehr viele Gedanken über seinen Bruder, ihr Verhältnis zueinander und die Vergangenheit gemacht hat. Er hat sein eigenes Verhalten analysiert und gibt zu, dass er Albus lange Zeit hat spüren lassen, dass er ihm die Schuld am Tod ihrer Schwester gab. Dass eine sowieso wacklige Brüderbeziehung diese Vorwürfe nicht unbeschadet überstanden hat, scheint nur logisch, gerade zu einem Zeitpunkt, an dem Aberforth als temperamentvoller Jugendlicher ein Ventil für seinen Schmerz und seine Wut brauchte und es schließlich in seinem Bruder fand. Dennoch hat er ihn später unterstützt, dennoch wettert er gegen Rita Kimmkorns Bericht, dennoch lässt er einen spüren, dass er Respekt hat vor dem, was Albus geleistet, wie er gelebt hat, auch wenn er es vielleicht in Worten nicht unbedingt zugeben würde. Er sagt selbst, dass ihm klar ist, mit was für einem außergewöhnlichen magischen Talent sein Bruder ausgestattet war, aber trotzdem kann er noch immer den Bruder in ihm sehen, den Bruder, der ihm manchmal verhasst war, aber den er auch vermisst."

Alasdair MacLaine verstummt und du lächelst ihm kurz zu. „Danke für Ihre Analyse", meinst du, „Bitte vergessen Sie alle nicht, dass Albus Dumbledore den größten Teil seines Lebens als Figur öffentlichen Interesses verbracht hat. Er zog Aufmerksamkeit auf sich, da er ein höchst begabter Schüler war, er wurde Lehrer, dann Direktor, sein Talent machte sich immer mehr bemerkbar, überall sprach man von ihm. Eltern kannten ihn noch aus der eigenen Schulzeit, Schüler staunten über seinen Unterricht. Er besiegte Grindelwald und beendete somit einen Krieg. Er stellte sich gegen den Dunklen Lord. Er war ein Hoffnungsträger, aber nicht viele konnten hinter die Fassade sehen. Sein Bruder schon und Aberforth liefert uns darüber hinaus noch einige Informationen, die wir vermutlich von niemand Anderem erfahren würden. Möchte sich dann vielleicht jemand am zweiten Interview versuchen?"

Du schaust fragend in die Runde deiner Studenten und bist erleichtert, als direkt einige Hände gehoben werden. Hermione hattet ihr immerhin schon zu Besuch und es ist nicht der erste Text, den ihr von ihr besprecht, deswegen hattest du die Hoffnung, dass sich relativ problemlos ein Freiwilliger finden lässt. Du entscheidest dich schließlich für Gwendolen Hopkins und rufst sie auf.

„Das zweite Interview wurde mit Hermione Weasley, geborene Granger, geführt", beginnt deine Studentin ihre Untersuchung damit, euch die grundlegenden Fakten in Erinnerung zu rufen, „Wie wir wissen gehörte sie seit ihrem ersten Schuljahr zum engen Freundeskreis um Harry Potter, gemeinsam mit Ronald Weasley, und war stark daran beteiligt, die Horkruxe zu finden und den Dunklen Lord schließlich zu Fall zu bringen. Sie spricht gleich am Anfang das an, was nach dem Tod von Lily und James Potter vermutlich in aller Munde war: Dass Harry Potter als bisher einzige bekannte Person den Todesfluch überlebte und ihn auf Voldemort zurückwarf. Es gab und gibt kein Gegenmittel gegen den Avada Kedavra, von daher kann man sich vorstellen, wie groß der Aufruhr war.

Harry Potter entsprach allerdings wohl kaum dem Bild, das man sich von jemandem machte, der in der Lage war, den Todesfluch des mächtigsten Schwarzmagiers der damaligen Zeit zu überstehen, weder als Kleinkind noch später als Schüler. Es gibt ja genügend Artikel und Photos, die seine Jugend dokumentieren und selbst Mrs Weasley sagt, dass er relativ unspektakulär aussah und während seiner Schulzeit auch keineswegs als Musterknabe galt." Miss Hopkins lächelt ein bisschen, während sie das sagt, als wäre sie sich nicht ganz sicher, wie es ihre Kommilitonen aufnehmen werden, wie sie über den Helden eurer Zeit spricht, aber du nickst ihr aufmunternd zu und hast Mühe, dein Grinsen zu verbergen.

„Ähnlich wie es Aberforth Dumbledore mit seinem Bruder geht, ist auch Mrs Weasley in der Position, Harry Potter als Menschen zu beschreiben und nicht nur als Abziehbild des Helden, das gerade in der unmittelbaren Zeit nach der Schlacht um Hogwarts häufig durch die Presse geisterte und von ihr nur noch weiter propagiert wurde, sodass Harry Potter im Bild der Öffentlichkeit beinahe vollständig verschwand, um stattdessen durch den Jungen, der lebt ersetzt zu werden. Mrs Weasley macht eindrücklich klar, dass es sich dabei jedoch eigentlich nur um eine erfundene Figur handelt, die mit Harry Potter selbst nur bedingt etwas zu tun hat. Stattdessen haben wir es mit einer Art Kunstfigur zu tun, die dafür benutzt wurde, die Hoffnungen der Hexen und Zauberer auf sich zu projizieren und ihnen ein Gefühl von Zuversicht zu vermitteln, während gleichzeitig dargestellt werden sollte, dass der Junge, der lebt dem Dunklen Lord selbstverständlich furchtlos entgegentritt. Natürlich gilt das nur für die Zeit, in der der Tagesprophet nicht damit beschäftigt war, der magischen Bevölkerung einzureden, dass Harry Potter an Wahnvorstellungen litt und unter den furchtbar gefährlichen Einfluss von Albus Dumbledore geraten war", fügt Miss Hopkins in einem derart trockenen Tonfall hinzu, dass du ein kurzes Auflachen nicht verhindern kannst.

Sie hat immerhin Recht. Der Tagesprophet hängte in der Zeit sein Fähnlein immer nach dem Wind, mal wurde Harry als Retter der Zaubererwelt gepriesen, dann wieder wurde sein Geisteszustand hinterfragt, weil man in Ministerium einfach nicht hatte wahrhaben wollen, dass der Dunkle Lord wahrhaftig zurückgekehrt war. (Manchmal überlegst du, was passiert wäre, wenn das anders gelaufen wäre. Wenn Fudge Dumbledore geglaubt hätte. Wenn alle ein wenig mehr zusammengearbeitet hätten. Vielleicht hätte sich manches verhindern lassen. Aber du wirst es nie herausfinden und es ist müßig, über derartige Fragen nachzudenken. Du hast so schon genug, was dir durch den Kopf geht.)

„Jedenfalls fehlt Mrs Weasley dieser Schleier, den mit Sicherheit viele Hexen und Zauberer haben, wenn sie von Harry Potter sprechen", führt Miss Hopkins ihre Ausführungen fort und du gibst ihr mit einem Blick und einem Blinzeln zu verstehen, dass es schön wäre, wenn sie sich dazu kurz noch ein wenig äußern könnte. „Sie sagt, dass sie davon ausgeht, dass die wenigsten Menschen sich daran erinnern, was die Ursache für Harry Potters Berühmtheit ist, nämlich der Mord an seinen Eltern und der missglückte Mord an ihm", erklärt Gwendolen ohne auf ihre Notizen zu schauen, „Eigentlich ist das ja nun wirklich kein sonderlich fröhlicher Grund, sondern geht eher Richtung traurige Berühmtheit. Aber daran scheint bei Harry Potter nicht unbedingt jeder zu denken, stattdessen steht sein Heldenstatus im Vordergrund.

Mrs Weasley zeichnet ein Bild von Harry Potter, das ihn sehr sympathisch wirken lässt, mal abgesehen von der Tatsache, dass er zu ihren besten Freunden zählt. Sie erzählt, dass er bescheiden ist, dass er sich selbst nicht für einen Helden hält, sondern nur allzu genau weiß, welche Fehler und Makel er hat – natürlich kann man nun behaupten, dass es sich dabei um geschickte Marketingstrategien von Seiten Mrs Weasleys handelt, aber eigentlich muss man nur mal die Rede nachlesen, die Harry Potter gehalten hat, als er den Orden des Merlin verliehen bekommen hat, dann wird jedem schnell klar, dass Mrs Weasley keineswegs übertreibt oder ihren besten Freund in ein besseres, sympathischeres Licht rücken will.

Dass Mrs Weasley zu den intelligentesten Hexen unserer Zeit gehört, ist ja allgemein bekannt und auch anerkannt, daher fand ich es sehr interessant, ihre Äußerungen zu lesen. Sie beschreibt, für mein Empfinden, sehr exakt, welche Gefühle viele Hexen und Zauberer Harry Potter vermutlich entgegenbrachten: Durch ihn gewannen sie neue Hoffnung und gleichzeitig war er durch sein Schicksal, die elternlose Kindheit, eine tragische Figur, mit der sie Mitleid haben konnten, ohne ihn dabei persönlich kennenzu müssen. Das bestätigt ihre These, dass es sich bei dem Jungen, der lebt um eine Kunstfigur handelt, die von Presse und Öffentlichkeit geboren und am Leben erhalten wurde."

Sie hält kurz inne, um nun doch einmal den Kopf zu senken und in ihren Aufzeichnungen zu blättern. Bisher bist du allerdings sehr zufrieden mit ihrer Analyse und wartest geduldig darauf, dass sie weiterspricht, während du dir hastig auf einem Blatt notierst, dass du nicht vergessen darfst – solltet ihr genügend Zeit haben –, die Diskussion nachher noch einmal darauf zu bringen, ob und inwiefern man bei Albus Dumbledore von Manipulation sprechen kann und welche Konsequenzen das mit sich führt. Aber dann hat Miss Hopkins offenbar gefunden, wonach sie gesucht hat, und du lehnst dich wieder entspannt zurück, um ihr zu lauschen.

„Wir haben also die Überlegung, dass Harry im Bild der Öffentlichkeit sowohl eine tragische Figur als auch ein Held war", fährt deine Studentin fort, „Er sollte und würde den Dunklen Lord besiegen, das war die Hoffnung der Zauberergemeinschaft. Wie sah es allerdings in Hogwarts aus? Mrs Weasley erwähnt, dass es Mitschüler gab, die der festen Überzeugung waren, dass Harry Potter eine Sonderbehandlung bekam und teilweise kann man diesem Vorwurf wohl kaum widersprechen, wenn man beispielsweise weiß, dass er trotz des Erstklässlerverbots bereits in seinem ersten Schuljahr in der Quidditchmannschaft von Gryffindor spielen durfte. Die Regeln wurden in diesem Fall also definitiv für ihn verbogen. Fraglich ist nun, ob man dies auch für jeden anderen Erstklässler, der ein derartiges Talent gezeigt hätte, getan hätte – und eine Antwort darauf kann uns leider niemand geben, fürchte ich.

Gleichzeitig macht Mrs Weasley jedoch auch sehr deutlich, dass es genügend Situationen gab, die nur allzu deutlich zeigten, dass Harry Potter wie jeder seiner Klassenkameraden behandelt wurde. Insbesondere spricht sie hier die Zaubertrankstunden bei Professor Snape an, wobei ich davon ausgehe, dass die Beziehung zwischen Severus Snape und Harry Potter noch einmal genauere Beobachtung verdient hat, um der Komplexität wirklich gerecht zu werden."

Du hebst kurz die Hand, um anzudeuten, dass du gerne einhaken würdest, und Miss Hopkins nickt dir amüsiert zu. „Ein sehr interessanter Gedanke", merkst du an und lässt deinen Blick über die Runde wandern, „Ich würde Sie alle bitten, sich das zu notieren, sollten Sie es nicht im Kopf behalten können, denn wir werden in unserer Sitzung in zwei Wochen sehr wahrscheinlich noch einmal darauf zurückkommen. Aber vorerst würde ich die Frage gerne verschieben, da sie thematisch besser in die andere Sitzung passt."

„Was ist mit ihm und Albus Dumbledore?", kontert Gwendolen und sieht dich fragend an, „Sollen wir das für die Diskussion nachher aufheben oder –" Du schüttelst hastig den Kopf. „Ich will Sie in Ihrer Analyse ja nicht vollständig einschränken", meinst du lächelnd, „Hermione äußert sich zu Dumbledore, also können Sie das selbstverständlich aufnehmen. Aber alles, was persönliche Ansichten und Theorien anbelangt, würde ich gerne in den Diskussionsteil verschieben, wenn es Ihnen recht ist?"

„Sicher", zuckt Miss Hopkins mit den Achseln und du glaubst, dass sie ein bisschen amüsiert darüber ist, wie viel dir offenbar daran liegt, dass sie einverstanden ist, obwohl schließlich du die Vorlesungen leitest, „Mrs Weasley bringt jedenfalls zur Sprache, dass Harry Potter für sein Alter Erstaunliches geleistet hat – Erstaunliches leisten musste. Ob er wirklich eine Wahl hatte oder nicht, keine Ahnung. Darüber können wir ja nachher vielleicht ebenfalls noch diskutieren. Die Aufgaben, die man ihm auf die Schultern legte, waren jedenfalls nicht mit denen zu vergleichen, die andere Teenager in seinem Alter erbringen mussten. Da ging es nicht nur um eine schlechte Schulnote oder eben den ersten Liebeskummer, sondern um das Wohl einer gesamten Gemeinschaft.

Dass Mr Potter derart … unbeschadet aus der ganzen Angelegenheit herausgekommen ist, ist eigentlich für sich genommen schon ein kleines Wunder. Er stand sein halbes Leben lang unter Beobachtung, sollte eine Aufgabe erfüllen, der sich viele weitaus ältere und erfahrenere Zauberer nicht gewachsen fühlten – und tat es auch noch. Aber beobachtet wird er noch immer; vielleicht, weil ihn die Medien gerne als eine Art Allgemeingut betrachten?" Ein paar Studenten lachen unterdrückt und du grinst kurz, weil der Ausdruck amüsant klingt, doch eigentlich trifft er es ziemlich genau auf den Punkt und diese Tatsache wischt dir das Grinsen wieder aus dem Gesicht.

„Danke sehr", nickst du Miss Hopkins zu, als sie verstummt und ihre Notizen ordnet, „Inwieweit die Medien diverse Personen hochstilisieren und teilweise auch in ihrer Privatsphäre einschränken, ist tatsächlich eine spannende Frage, nur fürchte ich, dass dafür in dieser Vorlesung keine Zeit bleiben wird. Aber behalten Sie den Gedanken ruhig im Hinterkopf!" Du schielst kurz auf deine Uhr und stellst erleichtert fest, dass definitiv noch genug Zeit vorhanden ist, um die verbleibenden Anlagen zu besprechen und hinterher in eine Diskussion zu starten. Abwartend siehst du deine Studenten an. „Gibt es noch Fragen zum Interview?", erkundigst du dich, „Falls nein, würde ich vorschlagen, dass wir direkt zum nächsten kommen. Wir haben heute noch einiges vor und ich würde ungern Zeit verlieren. Wer möchte?"

Miss Shaw hebt langsam die Hand und du sagst „Bitte, nur zu", ehe du rasch das dritte Interview aus deinem Stapel Pergemante herausziehst. „Das Interview wurde mit Minerva McGonagall geführt", beginnt Julianna Shaw recht zögernd und breitet zwei Blätter vor sich auf dem Tisch aus, „Sie war viele Jahre als Lehrerin für Verwandlung in Hogwarts tätig, war Hauslehrerin von Gryffindor und Stellvertretende Direktorin. Mit ihr kommt eine von vermutlich relativ wenigen Menschen zu Wort, die sowohl Albus Dumbledore als auch Harry Potter recht gut kannten und von sich selbst behaupten können, wirklich die Menschen gekannt zu haben, nicht nur die Bilder, die sich die Öffentlichkeit gerne von ihnen macht."

Du nickst sachte, weil du exakt den gleichen Punkt in deinen Notizen stehen hast. Allzu viele Menschen sind nicht mehr übrig aus der Generation, die mit Albus Dumbledore aufgewachsen ist, und allzu viele Menschen hat es nie gegeben, die ihm nahe genug standen, um neue Erkenntnisse und Informationen zu erbringen, aber seine Kollegin ist in dieser Hinsicht eine wahre Goldgrube und du bist froh, dass es das Interview (und noch ein paar weitere) mit ihr gibt.

„Kommen wir zuerst zu dem, was sie über Harry Potter berichtet", schlägt Miss Shaw vor und zieht eines ihrer beiden Blätter nach oben, um einen kurzen vergewissernden Blick darauf werfen zu können, „Professor McGonagall kannte seine Eltern und somit auch ihn als Kleinkind, allerdings liegen dann zehn Jahre dazwischen, in denen sie ihn nicht gesehen hat und, wie sie selbst sagt, in denen er sich in jedwede Richtung hätte entwickeln können, da er schließlich bei seinen Muggelverwandten aufgewachsen war und von der Zaubererwelt keine Ahnung hatte. Dennoch ist er, wie es wahrscheinlich die Meisten erwartet hatten, genau wie seine Eltern nach Gryffindor eingeteilt worden.

Professor McGonagall erzählt, wie es auch Hermione Weasley getan hat, dass Harry Potter wie schon sein Vater vor ihm häufiger mal die Schulregeln Schulregeln sein ließ, aber das gilt vermutlich für so ziemlich jeden elfjährigen Jungen, der neu nach Hogwarts kommt und entdeckt, dass das ganze Schloss wie ein riesiger Spielplatz sein kann." Vereinzelt lachen ein paar Studenten und du kannst ihren Gesichtern ablesen, dass es ihnen allen wahrscheinlich genauso ergangen ist wie ihre Kommilitonin es beschrieben hat. Verübeln kannst du es ihnen nicht (nur nicht unbedingt nachvollziehen, denn für dich war es kein Spielplatz).

„Sie nimmt im Prinzip das auf, was Mrs Weasley in ihrem Interview gesagt hat", fährt Miss Shaw langsam fort, als wieder Ruhe einkehrt im Raum, „und zwar erklärt sie, dass es ihr zu manchen Zeitpunkten möglich gewesen ist, in Harry Potter einfach nur einen Jungen zu sehen, der neu an die Schule gekommen ist, der mit seinen Klassenkameraden lernte und Spaß hatte, auch wenn sie natürlich häufig genug im Hinterkopf hatte, wie sein Schicksal aussah. Sie sagt, dass er ihr Leid tat und offenbart damit, dass es ihr sehr wohl gelang, den Menschen zu sehen und nicht nur das Heldenbild, das sich alle aufbauten. Ihr war stets bewusst, dass er ohne seine Eltern hatte aufwachsen müssen – ein Umstand, der ihn für so viele zum Hoffnungsträger machte und der aber, denke ich, für Professor McGonagall bedeutete, dass Mr Potter keine derart unbeschwerte Kindheit erlebt hatte wie vermutlich die meisten seiner Klassenkameraden.

Sie spricht davon, dass sie es damals war, die dafür gesorgt hat, dass Harry Potter in der Quidditchmannschaft von Gryffindor spielen konnte, obwohl es Erstklässlern eigentlich nicht gestattet war, und die Art und Weise, wie sie darüber berichtet, lässt mich glauben, dass sie es wohl auch jedem anderen Erstklässler erlaubt hätte, wenn er ein derartiges Talent gezeigt hätte", Julianna dreht den Kopf leicht und beugt sich ein wenig zur Seite und nach hinten, um Gwendolen anschauen zu können, die vorhin noch darüber sinniert hat, ob die Sonderbehandlung wohl dem berühmten Harry Potter galt oder nicht, und du findest es schön, dass deine Studenten gegenseitig ihre losen Fäden aufgreifen und sich bemühen, sie miteinander zu verknüpfen.

„Professor McGonagall beschreibt verschiedene Gefühlsregungen, die sie mit ihrem Schüler Harry Potter verbunden hat und ich denke, dass gerade diese kurzen Beschreibungen uns zeigen, dass sie ihn als vielschichtigen Menschen wahrgenommen hat. Es gab keine Fokussierung auf nur einen Aspekt, sondern stattdessen hat sie das Große, Ganze erkannt und das schlicht Menschliche nie aus den Augen verloren", fährt Miss Shaw langsam fort und ihre Augen huschen konzentriert über ihre Notizen, „Sie sagt nicht, dass er ein Held ist, sondern sie greift sein Handeln auf und nennt das, was er getan hat, heldenhaft und vielleicht trifft es diese kleine Unterscheidung wirklich genau.

Sie unternimmt, im Gegensatz zu vielen Reportern, nicht den Versuch, eine Theorie zu dem Verhältnis zwischen Harry Potter und Albus Dumbledore aufstellen zu wollen, sondern sagt von vorneherein, dass sie das nicht kann, dass es ihr nicht zusteht, darüber zu urteilen, da sie immerhin kein Teil dieser Zweierbeziehung war, sondern sie nur als Außenstehende beobachten konnte. Sie bestätigt die allgemein bekannte Aussage, dass die Beziehung der Beiden zueinander die zwischen Lehrer und Schüler bei Weitem überschritt, aber gleichzeitig setzt sich Professor McGonagall auch stark dafür ein, dass Albus Dumbledore in Harry Potter definitiv nicht nur den Retter der Zaubererwelt gesehen hat. Das sollten wir für unsere Diskussion nachher im Kopf behalten, denke ich."

Julianna macht eine kurze Pause, um die beiden Blätter, die vor ihr liegen, miteinander auszutauschen und rasch einen Blick auf das zweite Pergament zu werfen. „Soweit erst einmal zu dem, was Professor McGonagall über Harry Potter berichtet. Ich würde dann direkt mit dem zweiten Teil des Interviews weitermachen, wenn das in Ordnung geht?" Sie hebt den Kopf und schaut dich fragend an, doch du hast nicht die geringsten Einwände und nickst ihr lächelnd zu.

„Wir sollten uns vielleicht in Erinnerung rufen, dass Albus Dumbledore über viele Jahre hinweg ihr Kollege und Vorgesetzter war, davor sogar ihr eigener Lehrer", beginnt Miss Shaw ihre Analyse der zweiten Hälfte und schaut dich ein wenig nachdenklich an, „Ich glaube allerdings, dass er vermutlich zu einem Teil auch ihr Vertrauter war. Sie sagt selbst, dass er die Sicherheit seiner Schüler und Lehrer an erster Stelle sah und dass die meisten Professoren nur Hogwarts als ihr Zuhause kannten, da sie immerhin den Großteil des Jahres dort verbrachten, dort arbeiteten und lebten. Das heißt, dass ihnen damit gleichzeitig die Möglichkeit genommen war, sich ein umfassendes Sozialleben außerhalb der Schule aufzubauen. Etliche ihrer Kollegen werden somit auch ihre Freunde gewesen sein und wenn man, wie Professor McGonagall und Professor Dumbledore, so viele Jahre miteinander verbringt, ist es wahrscheinlich unmöglich, die Grenze zwischen Lehrer und Direktor nicht zu überschreiten.

Ganz abgesehen davon", fügt sie rasch hinzu, als sie deinen Blick bemerkt, „dass wir schließlich wissen, dass Professor McGonagall ihrerseits dem Orden des Phönix beigetreten ist, was also den Umkehrschluss zulässt, dass Professor Dumbledore ihr absolut vertraut hat und sich sicher war, dass sie in vielerlei Hinsicht die gleichen Ansichten vertritt wie er und auch bereit ist, für diese einzustehen und zu kä beschreibt ihn in ihrem Interview als brillianten Kopf und zauberisches Genie, ähnlich, wie auch sein Bruder Aberforth es getan hat, nur, dass die Beiden Albus Dumbledore natürlich unter vollkommen unterschiedlichen Bedingungen kennengelernt haben.

Professor McGonagall erzählt von ihm als einem intelligenten und geduldigen Menschen, dem die Interessen seiner Schüler und Lehrer sehr am Herzen lagen, der – wie man es auch so häufig gelesen und gehört hat – schlichtweg für Hogwarts gelebt hat und alles dafür getan hat, um die Schule allen jungen Hexen und Zauberern zugänglich zu machen und ihnen dabei die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen. Allerdings hatte er auch ein Leben außerhalb der Schule, eines, das Professor McGonagall sehr bewegt nennt und was wohl die netteste Umschreibung ist, die man sich vorstellen kann, wenn man sich überlegt, dass Albus Dumbledore Grindelwald besiegt und Voldemort bekämpft hat."

Erneut werden ein paar als Hustenanfälle getarnte Gluckser hörbar und du musst ebenfalls mit einem Schmunzeln kämpfen (nicht nur wegen der Wortwahl, sondern auch, weil es dir gefällt, wie Julianna Shaw, die am Anfang immer so unsicher und schüchtern wirkt, sich selbst jedes Mal in Rage redet), doch zum Glück lässt sich deine Studentin gar nicht weiter aus dem Konzept bringen, sondern nutzt die kurze Zeit, um einen vergewissernden Blick auf ihre Notizen zu werfen.

„Professor McGonagall spricht kurz die Erfolge an, die Albus Dumbledore während seines Lebens feiern konnte, betont jedoch gleichzeitig, dass er sich selbst wohl nie als den unfehlbaren Helden gesehen hat, den die Öffentlichkeit ihm so gerne wie ein Kostüm überziehen wollte. Sie erwähnt es zwar nicht in ihrem Interview, aber ich denke, wir alle wissen, dass es ja durchaus Zeiten gegeben hat, in denen Albus Dumbledore bereits als der nächste Zaubererminister gehandelt wurde, also können wir getrost davon ausgehen, dass sein Ansehen – zumindest während etlicher Phasen – recht hoch war.

Von Professor McGonagall erfahren wir außerdem, dass Albus Dumbledore eher in sich gekehrt war", erklärt Miss Shaw, „Er scheint nicht viel von seinen Sorgen mit Anderen geteilt zu haben, und ich denke, es ist relativ sicher anzunehmen, dass er doch etliche Sorgen gehabt haben muss, schließlich war er einen Großteil seines Lebens damit beschäftigt, gegen Schwarzmagier zu kämpfen und für mehr Toleranz gegenüber Muggelgeborenen zu predigen. Das kann, gerade in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts, nicht immer eine einfache Aufgabe gewesen sein."

Du bist dir ziemlich sicher, dass das eben vollkommen unironisch gemeint war, aber du musst trotzdem ein bisschen grinsen, weil dein Kopfkino dir ungefragt zeigt, wie es wohl hätte ablaufen können, wenn sich Albus Dumbledore mit einigen Mitgliedern der hochwohlgeborenen Familie Black darüber auseinandersetzen musste, dass sich ihre Kinder den Schlafsaal mit Mitschülern teilen mussten, deren Eltern – Slytherin bewahre! – möglicherweise keine reinblütigen Zauberer waren.

„Im Gegensatz zu Harry Potter, in dem sie zuweilen noch einfach nur den Jungen, ihren Schüler, sehen konnte, ist es Professor McGonagall bei Albus Dumbledore wohl schwerer gefallen. Sie sagt selbst, dass es lange dauerte, bis sie ihm gegenüber ihre Ehrfurcht ablegte und dass sie nicht einmal sicher ist, ob sie sie denn überhaupt einmal ganz verloren hat, da ihr so gut wie immer und in jedem Moment bewusst war, wer Albus Dumbledore war, nämlich nicht nur ihr Kollege und Vorgesetzter, sondern auch derjenige, der den Ersten Dunklen Krieg beendet hatte, der sich Voldemort in den Weg stellte. Sie bezeichnet ihn als lebende Legende und trifft es damit wahrscheinlich auf den Punkt. Er hat vieles erreicht in seinem Leben, zumindest in seinem beruflichen, hat seine Ideale und Wertvorstellungen verteidigt und mit Anderen geteilt, aber dennoch, sagt Professor McGonagall, glaubt sie, dass er, privat, als Mensch, sehr einsam war.

Die wahren Freunde werden weniger, wenn die Macht steigt, stellt sie fest, wobei wir nichts darüber wissen, wie viele Freunde Albus Dumbledore während seiner Schulzeit wohl hatte. Es scheint nur sicher zu sein, dass sie in den Jahren danach immer weniger wurden, vielleicht, weil er sich hauptsächlich mit seiner Arbeit beschäftigte und genauer darauf achtete, mit wem er seine Gedanken teilte, immerhin war es damals nicht ganz ungefährlich, eine positive Einstellung Muggeln gegebenüber offen zu zeigen. Vielleicht hat er aber auch, wie Professor McGonagall andeutet, die Erfahrung gemacht, dass man seine Freundschaft ausnutzen wollte.

Sie weist auch noch einmal darauf hin, dass man zwar meistens dazu tendiert, vor allem die Erfolge zu betrachten, die Professor Dumbledore vorweisen konnte, aber dass er selbst sich auch viel häufiger mit den Misserfolgen, den Fehlern und Verlusten auseinandersetzte, dass es für ihn schwierig war, viele seiner ehemaligen Schüler, die er selbst für den Orden rekturiert hatte, sterben zu sehen, für eine Sache, die von Beginn an seine gewesen war und in die er sie alle erst hineingebracht hatte. Und er, der so intelligent und mächtig war, hatte nichts tun können, um sie zu beschützen."

Julianna spricht weiter, fasst den letzten Absatz des Interviews zusammen und redet davon, dass Albus Dumbledores Glaube an das Gute im Menschen das war, was ihn ausmachte, das, was man von ihm in Erinnerung behalten wird, und du hörst zu, nebenbei, die Worte rauschen an dir vorüber, denn du überlegst (und nicht zum ersten Mal), ob Voldemort all die jungen Hexen und Zauberer damals tötete, weil sie eine Gefahr darstellten (sie waren die neue Generation, sie waren wild und mutig und zu allem bereit und sie teilten vieles, aber niemals seine Überzeugungen) oder weil er wusste, dass es Albus Dumbledore treffen würde.

Irgendwann fällt dir auf, dass es um dich herum ziemlich still geworden ist und dass du wohl tiefer in deine Gedankenwelt hineingerutscht bist als geplant. „Vielen Dank", sagst du hastig, an Julianna gewandt, und richtest dann den Blick auf die anderen Studenten. „Gibt es Fragen zum Interview mit Professor McGonagall, für Miss Shaw oder auch für mich?" Doch sie bleiben stumm, deine Studenten, und schütteln die Köpfe. „In Ordnung", sagst du und ziehst deine Notizen zum nächsten Text hervor, „Findet sich denn jemand, der sich gerne mit der vierten Anlage beschäftigen würde?" Einen Moment lang tut sich nichts und du bist schon kurz darauf, entnervt aufzustöhnen und etwas Gemeines zu sagen (etwas in der Art von „Meine Güte, stellen Sie sich nicht so an, selbst wenn Sie glauben, dass Draco Malfoy das personifizierte Böse ist, kann ich Ihnen versprechen, dass nichts davon auf Sie überspringen wird, nur, weil Sie den Text besprechen"), als Stephen Hart sich meldet. „Gerne, nur zu", nickst du und bist gespannt.

„Wenn ich es richtig verstanden habe", beginnt Stephen Hart zögert, „dann handelt es sich bei dem Text um Notizen für ein Kapitel aus Seamus Finnigans Buch Grün ist die Hoffnung, nur mit dem Unterschied, dass die Notizen nicht von Professor Finnigan stammen, sondern von Draco Malfoy selbst." Du willst gerade den Mund öffnen und ein paar Worte über das Kapitel verlieren, als Mister Hart dir zuvorkommt. „Es handelt sich dabei, wie die Anlage verrät, um das Kapitel Am Anfang war, das sich hauptsächlich mit der Kindheit von Draco Malfoy beschäftigt und versucht zu ergründen, woher die Rivalität zwischen ihm und Harry Potter rührte, weshalb er gewisse Ansichten vertrat und wie er seine Schulzeit empfand", schiebt Stephen Hart kurz als Erklärung ein und du lächelst ihm erfreut zu. Grün ist die Hoffnung steht auf eurer Literaturliste und ihr habt gleich mehrere Exemplare in der Bibliothek, also machst du es deinen Studenten eigentlich relativ leicht, Eigeninitiative zu ergreifen und selbst nachzuforschen.

„Mister Malfoy beginnt damit, dass er beschreibt, wie er schon als Kind eine Vorliebe für Geschichten hatte", steigt Stephen nun in die Analyse ein und senkt den Kopf über seine Notizen, „Er erzählt, dass sowohl seine Eltern als auch Großeltern ihm verschiedene Geschichten erzählten und wie begeistert, geradezu verzaubert er von ihnen war. Er sagt nur als Kind, verrät jedoch nicht, wie alt er damals war, also ist es möglich, dass er zum damaligen Zeitpunkt vielleicht noch an die Magie von Geschichten glaubten, immerhin berichtet er auch davon, dass er versuchte, Parsel zu reden, nachdem er die Geschichte von Salazar Slytherin gehört hatte.

Er berichtet, wie er schließlich dazu überging, sich selbst Geschichten auszudenken, die stets ihn in der Hauptrolle vorsahen. Er war der Held, er konnte mit Schlangen sprechen und holde Damen befreien und natürlich wurde immer er gerufen, wenn es irgendein Problem gab, das außer ihm niemand zu lösen im Stande gewesen wäre. Er sagt Ich fand es toll, mein eigener Held zu sein und ich glaube, das fanden wir alle, als Kind."

Vielleicht finden wir das immer noch, denkst du, aber du hütest dich davor, den Gedanken auszusprechen, denn du hast keien Lust auf neugierige, fragende Studentenaugen, darauf, dass sie versuchen, sich in dein Gehirn zu bohren und herauszufinden, welche Weisheit, welche Lebenserfahrung hinter dieser Aussage steckt, doch trotzdem, irgendwann möchtest du den Satz mal in den Raum stellen und darüber diskutieren, vielleicht nicht in diesem Semester, aber irgendwann, ganz sicher, denn du glaubst ziemlich fest an die Wahrheit, die er birgt.

„Als Elfjähriger macht Draco Malfoy schließlich die Bekanntschaft von Harry Potter und muss feststellen, dass Harry all das, wovon Draco bisher geträumt hat, wirklich hat: Er muss nicht nur so tun und sich vorstellen, er wäre ein Held, sondern er ist einer, das denkt nicht nur er selbst, sondern die gesamte Zauberergemeinschaft und für Draco muss das – zumindest liest es sich so und die Tatsache, dass er Einzelkind ist und wahrscheinlich auch nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wenn man bedenkt, wie reich die Familie Malfoy damals gewesen sein muss – die Hölle gewesen sein, denn der Andere kam und nahm ihm seine Geschichte weg", fasst es Stephen Hart ziemlich gut (und recht amüsant) zusammen.

„Mister Malfoy berichtet, dass er damit fortfuhr, sich Geschichten auszudenken und dass sie sich nun zwar um Harry Potter drehten – drehen mussten, wohl eher, weil jeder über ihn sprach und er mit Sicherheit in Hogwarts das Gesprächsthema Nummer Eins war –, er sich selbst jedoch sozusagen mit in die Geschichte hineinerzählte, als hilfreicher, bester Freund des Helden, also noch immer in einer positiven, tragenden Rolle, die ihm Glanz und Ehre zusichern würde und ihm gleichzeitig auch die Nähe zum Helden garantierte. So hatte es sich Draco Malfoy jedenfalls vorgestellt, aber wir wissen – und erfahren es im Text auch von ihm persönlich –, dass es ganz anders gekommen ist.

Er und Harry Potter wurden keine Freunde, sie wurden nicht einmal ganz normale Klassenkameraden, die höflich und nett miteinander umgingen, und damit änderte sich dann auch die Funktion, die Draco in der Geschichte um Harry Potter einnehmen würde. Sie wurden in die zwei Häuser eingeteilt, zwischen denen sowieso seit Jahrhunderten die größte Rivalität besteht und es macht den Anschein, als wären sie dieser Tradition gefolgt, indem sie zu Feinden wurden, wie Mister Malfoy es beschreibt. Fraglich ist nur, wie er den Begriff Feind verwendet und wie er von allen Anderen benutzt wird oder wurde."

„Wenn ich da kurz einhaken dürfte", wendest du dich an Mister Hart und wartest sein amüsiertes Nicken ab, ehe du weitermachst, „Sie haben da einen sehr wichtigen Punkt angesprochen. Denken Sie ruhig auch einmal darüber nach, wie Sie selbst von Feinden sprechen, was Sie mit dem Begriff konkret verbinden und ob er wohl für jeden von uns das Gleiche bedeutet."

„Draco Malfoy erzählt, dass er sich Harry Potter gegenüber alles Andere als, äh, kameradschaftlich verhalten hat", fährt Mister Hart nach einem Blick auf seine Notizen fort und du lächelst angesichts seiner Probleme, einen angemessenen Ausdruck für Dracos Verhalten zu finden, „Er schreibt, dass er ihn ärgerte und auch darum bemüht war, ihn zu verletzen. Er führt das nicht weiter aus, doch ich denke, dass damit wahrscheinlich eher gemeint ist, ihn mit Worten zu verletzen als mit wirklichen tätlichen Angriffen. Oder?" Er hebt den Kopf und sieht dich fragend an.

„Das sehen Sie schon ganz richtig", beeilst du dich, ihm zu versichern, „Ich meine, die meisten von Ihnen dürften Hogwarts ja auch besucht haben und wissen daher, dass Prügeleien zwischen Schülern nicht gerade gern gesehen werden. Sicher gab es auch den ein oder anderen Vorfall zwischen Harry Potter und Draco Malfoy, bei dem eher die Fäuste als die Zauberstäbe erhoben wurden, doch in dieser speziellen Textpassage ist wirklich gemeint, ihn mit Worten zu verletzten, zu kränken, darauf herumzureiten, dass Draco im Gegensatz zu Harry eine glückliche Kindheit genossen hatte."

„Um daran anzuknüpfen", greift Stephen den Faden wieder auf, den du ihm hinhältst, „Draco schreibt auch, dass er Harry damit ärgerte, dass er bei Muggeln aufgewachsen ist und das scheint für Draco – also, den elfjährigen Draco, falls das Sinn ergibt – ja wirklich ein wahrer Grund gewesen zu sein, um Harry nur noch mehr zu piesacken, denn offenbar ist es für ihn unvorstellbar, als Zauberer unter Muggeln aufzuwachsen. Daraus können wir also herauslesen, dass Draco nicht gerade eine tolerante Auffassung Muggeln gegenüber hatte." Er sieht ein bisschen verwirrt aus, Stephen Hart, durch seinen Versuch, Dracos verschiedene, zeitliche Alter Egos irgendwie miteinander in Einklang zu bringen.

„Außerdem macht sich Draco darüber lustig, dass Harry, im Gegensatz zu ihm, kein sonderliches Talent für Zaubertränke hatte und in dem Fach keine guten Noten bekam, ganz zu schweigen davon, dass Professor Snape ja auch der Hauslehrer von Slytherin war und den Gryffindors wohl sowieso nicht allzu freundlich gegenüberstand", fährt der Student jedoch erst einmal fort und scheint beschlossen zu haben, sich von seiner eigenen Verwirrung nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, „Darüber hinaus greift Mister Malfoy einiges von dem auf, was wir bereits in Zusammenhang mit Professor McGonagall und Hermione Weasley besprochen haben, nämlich die Tatsache, dass es fraglich ist, ob die Lehrer Harry Potter als ganz normalen Schüler behandelten oder ob sie ihn bevorzugten.

Während wir von Professor McGonagall wissen, dass sie in Harry zumindest zeitweise einfach nur einen Jungen sehen konnte, hatte Draco sich offenbar darauf versteift, Harry vorzuwerfen, dass es den Lehrern ihm gegenüber an Distanz mangelte und sie ihm, aufgrund seines Heldenstatus', sowieso alles durchgehen lassen würden, egal, ob er nun im Recht war oder nicht. Als Beispiel führt er an, dass Harry bereits als Erstklässler im Quidditchteam spielen durfte, während es seinen gleichaltrigen Klassenkameraden verboten war. Allerdings haben wir uns ja mehr oder weniger darauf geeinigt, dass zumindest Professor McGonagall es wohl auch anderen Erstklässlern gestattet hätte, wären sie mit Harrys Talent gesegnet gewesen, um das Gryffindorteam eben zu unterstützen. Es wird jedoch auch offensichtlich, dass die Quidditchsequenz aus dem Grund so sehr an Draco Malfoy nagte, weil er wahrscheinlich selbst gehofft hatte, direkt in seine Hausmannschaft zu kommen, da er Quidditch spielte, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Es muss ihm, wie er auch schreibt, erschienen sein, als würde Harry Potter ihm alles wegnehmen: Erst seine Geschichte, dann Quidditch, als Nächstes wohl alles Andere.

Draco Malfoy fasst es, meiner Ansicht nach, sehr gut zusammen, als er sagt Es kam mir vor, als könne er gar nichts falsch machen, denn alles, wofür Andere vielleicht bestraft worden wären, wirkte sich für Harry Potter meist positiv aus. Mir ist klar, dass er es nicht darauf angelegt hat", fügt er rasch hinzu, als sich Gemurmel breit macht, „und ich weiß auch, dass Harry vermutlich nicht immer so glücklich über seine Sonderbehandlung war, aber Fakt ist nun einmal, dass sie teilweise stattgefunden hat und man kann, denke ich, ganz gut nachvollziehen, wie frustrierend das für diejenigen gewesen sein muss, die es miterlebten.

Ich finde, dass man dem Text anmerkt, wie stark sich Mister Malfoy mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt hat", fährt Stephen Hart nun fort und du horchst auf, weil du es interessant und spannend findest, dass er diesen Aspekt herausgreift, „Er versucht, sich selbst, seine Gefühle und sein Handeln zu analysieren und zu erklären, scheitert jedoch teilweise und kann nicht alles nachvollziehen, beispielsweise als er darüber schreibt, dass er doch eigentlich alles hatte, was er sich wünschen konnte, und dass es ihm trotzdem vorkam, als würde Harry Potter ihm etwas wegnehmen. Er sagt, dass er wütend war und neidisch und ich denke, heute kann er das ganz gut sagen, mit dem nötigen Abstand, aber damals war vermutlich einfach nur das Gefühl da und kein Hinterfragen.

Mister Malfoy geht dann dazu über, kurz die Zeit zu beschreiben, in der Harry Potter während seines zweiten Schuljahres für Slytherins Erben gehalten wurde. Während dieser Zeit war Harry also einmal nicht so beliebt wie sonst, stattdessen hatten seine Mitschüler Angst vor ihm und dachten, er würde ein Monster auf sie loslassen. Allerdings ist es dabei nicht geblieben, sondern am Ende rettete Harry Potter – wieder einmal – die Schule und alles, was vorher vielleicht gewesen war, war vergessen. Draco spricht davon, dass Harry Potter nie alleine war, sondern dass seine Freunde ihn stets begleiteten und mit ihm kämpften. In dem Zusammenhang stellt er sich – und Professor Finnigan, also somit allen späteren Lesern des Buches – die Frage, ob er einer dieser Freunde hätte sein können, aber ich denke, wir können uns ebenso getrost die Frage stellen, ob Draco damit unterschwellig vielleicht zum Ausdruck bringt, dass er sich, im Gegensatz zu Harry, alleine fühlte, dass er vielleicht keine Freunde hatte, die für ihn bis zum Äußersten gehen würden."

„Interessante Fragestellung", hakst du dich kurz ein, „Um Ihnen darauf wirklich eine Antwort geben zu können, müssten wir allerdings nochmal ein ganzes Semester anhängen, in dem wir uns rein mit Slytherins und Slytherinmentalität befassen. Außerdem würde ich Ihnen dann ein bisschen Sekundärliteratur empfehlen und wir würden Grün ist die Hoffnung nicht nur in Ausschnitten lesen. Ich versuche trotzdem mal, Ihnen eine kurze und halbwegs zufriedenstellende Erwiderung zu geben: Slytherinfreundschaften und Gryffindorfreundschaften sind nicht unbedingt zu vergleichen. Für Außenstehende mag es häufig so wirken, als hätten Slytherins keine Freunde, weil sie in der Öffentlichkeit nicht gerade viele Gefühlsregungen zeigen. Es dauert bei ihnen ein bisschen länger, bis sich Freundschaften bilden, weil viele Slytherins von Natur aus ein wenig misstrauisch sind, mal ganz zu schweigen davon, dass es in diesem Haus wirklich etliche Einzelgänger gibt. Hat man allerdings Freunde in Slytherin gefunden, dann hat man sie für immer und dann ist diese Freundschaft echt. Verstehen Sie? Mag sein, dass Draco Malfoy sich nicht immer so gefühlt hat, als hätte er ein paar Dutzend Vertraute unter seinen Hauskameraden, aber ich glaube, er selbst würde Ihnen bestätigen, dass er in Slytherin Freunde hatte. Nur waren diese Freundschaften nie so offensichtlich wie beispielsweise die von Harry Potter, Hermione Granger und Ronald Weasley. Beantwortet das Ihre Frage ein wenig?"

Stephen Hart, der während deiner Ausführungen eifrig mitgekritzelt hat, nickt hektisch und sagt „Ja, danke sehr", ehe er in seinen Papieren kramt und offenbar nach dem Pergament sucht, auf dem er seine Gedanken zur vierten Anlage festgehalten hat. Er wirft rasch einen Blick darauf, vermutlich, um sich selbst in Erinnerung zu rufen, an welcher Stelle der Analyse er eben aufgehört hatte.

„Als Nächstes beschreibt er ihr drittes Schuljahr", fährt er schließlich fort, „Während dieser Zeit wurde Hogwarts ja von Dementoren bewacht, da Sirius Black aus Azkaban ausgebrochen war und man fürchtete, er würde in die Schule eindringen, um Harry Potter aufzulauern. Jedenfalls scheint Mister Potter mit den Dementoren seine Probleme gehabt zu haben, ich schätze, weil sie ihm nichts mehr übrig ließen außer seinen schlimmsten Erinnerungen und das dürften vermutlich die an den Tod seiner Eltern gewesen sein", sagt Stephen ein bisschen zögernd und du nickst ihm aufmunternd zu, um ihm zu zeigen, dass er mit seiner Vermutung ganz richtig liegt.

„Harry Potter, der Draco bis dahin also immer als strahlender Held erschienen sein muss, der alles bekam, was er wollte, der alles konnte, dem nichts misslang, hatte plötzlich eine Schwachstelle und Draco wollte sie sich zu Nutze machen, um ein bisschen an Harrys Thron zu rütteln. Er sagt selbst, dass es ihm zu diesem Zeitpunkt bereits zur zweiten Natur geworden war, Harry immer zu ärgern und kein gutes Haar an ihm zu lassen, sodass es nicht weiter verwunderlich scheint, dass er sich etwas überlegen wollte, um Harry mit Hilfe dessen Angst vor den Dementoren so richtig hereinzulegen. Er führt das zwar nicht weiter aus, stellt jedoch ein paar Sätze später fest, dass es ihm nichts nützte und dass Harry nachwievor jedes Mal gewann, was ich so verstehe, dass Draco nicht nur von ihren persönlichen Streitereien spricht, sondern auch von allen möglichen anderen Situationen, wie etwa dem Trimagischen Turnier, das er erwähnt und in dem Harry Schulchampion wurde, obwohl er eigentlich nicht einmal hätte teilnehmen dürfen.

Interessant ist hier, dass Draco zugibt, dass ihm sehr wohl bewusst ist, aus heutiger Perspektive, dass das Turnier nur ein weiterer Versuch von Voldemort war, um Harry Potter zu töten. Das muss ihm bereits gegen Ende des vierten Schuljahres klar gewesen sein, schließlich wurde nach dem Turnier bekannt, dass der Dunkle Lord zurückgekehrt war und dass Cedric Diggory dabei getötet worden war, es hatte also einen bestimmten, sehr finsteren Grund gegeben, Harry irgendwie in das Turnier einzuschleusen, aber für Draco hatte das offenbar eine eher zweitrangige Bedeutung. Er sagt selbst, dass er darüber hinwegsehen konnte, dass er sich allein darauf fokussierte, wann Harry eine Sonderbehandlung bekam, und dass er im Gegenzug sehr gut ignorieren konnte, worauf das alles basierte, nämlich darauf, dass Harrys Eltern gestorben waren. Interessanterweise kommt das zwar von der genau entgegensetzten Richtung wie die Aussage, die Hermione getroffen hat, aber die beiden treffen sich trotzdem in der Mitte: Draco ärgert Harry und beneidet ihn, während er sich nicht darum schert, was die Gründe für Harrys Status in der Gesellschaft sind. Hermione sagt, dass ihn viele nur als Helden wahrnehmen und vergessen, warum er überhaupt gegen Voldemort kämpfen musste."

Du ziehst die Augenbrauen in die Höhe und greifst dir deinen Stift, um diese Bemerkung auf deinem Notizzettel festzuhalten, weil er zwar nicht vollkommen neu, aber dennoch interessant und bemerkenswert ist (und weil du immer auf der Suche nach etwas bist, womit du deine nachfolgenden Seminare und Vorlesungen füllen könntest).

„Mister Malfoy beschreibt schließlich, dass das, was einmal seine heile Welt gewesen war, ihm immer weiter entglitt", fährt Stephen Hart fort, „Er sagt, dass er alles, was er Harry Potter voraus gehabt hatte, wie etwa seine Familie, langsam verlor, als der Dunkle Lord zurückkehrte. Dracos Vater war ja bei den Todessern und wir haben durch sein Gerichtsprotokoll schon festgestellt, denke ich, dass auch für ihn und seine Familie diese Zeit nicht gerade leicht war, weil von der alten Überzeugung nicht mehr so viel übrig war und es schließlich einfach nur noch darum ging, irgendwie zu überleben.

Während Harry Potter seit seinem ersten Schuljahr immer wieder mit Voldemort konfroniert worden war, dürfte es für Draco Malfoy nun das erste Mal gewesen sein und wir wissen alle, wie es endete. Der Dunkle Lord benutzte ihn, um die Familie Malfoy für das Versagen von Lucius zu rächen; er beauftragte Draco damit, Albus Dumbledore zu töten, eine Aufgabe, von der er mit beinahe absoluter Sicherheit annehmen konnte, dass Draco sie nicht würde erfüllen können, schließlich war er gerade einmal sechzehn und Albus Dumbledore einer der größten Zauberer überhaupt.

Draco sagt selbst, dass seine Jahre dunkler wurden, dass sich sein Fokus verschob und er Harry Potter aus den Augen verlor, weil es nun wichtigere Dinge gab, weil es plötzlich irrelevant war, ob Harry als Held gefeiert wurde und Draco eben nicht, denn das Leben seiner Eltern stand auf dem Spiel und dagegen fällt vermutlich alles Andere immer gering aus. Gleichzeitig scheint sich Draco während dieser Zeit von seiner Kindheit verabschiedet zu haben, was ja auch kein Wunder ist, bei dem, was ihn beschäftigt haben muss. Es ist ihm zu dem Zeitpunkt jedenfalls möglich, ein wenig objektiver über Harry Potter nachzudenken und auch die Schattenseiten zu bemerken, die mit dem Ruhm kamen, den sich Harry nicht gewünscht hatte.

Allerdings hält Draco auch fest, dass sein verändertes Verhalten Harry gegenüber nicht unbedingt davon zeugte, dass er jetzt vor Mitleid zerging und sich wünschte, er könne die vergangenen Jahre rückgängig machen, sondern dass er aufhörte, Harry einen Sonderplatz in seinen Gedanken einzuräumen. Auf mich wirkt es so, als wäre Draco hier darum bemüht, sich vor eventuellen Vorwürfen zu schützen, dass er sich jetzt als Unschuldslamm darstellen wolle, dem mit einem Mal all seine Fehler klar wurden, die er nun natürlich bitterlich bereute."

Stephen Hart wirft dir einen fragenden Blick zu, als wolle er sagen, Sie wissen darüber doch sicherlich etwas, und ja, du weißt etwas und denkst, dass es nicht schaden kann, seinen Gedankengang aufzugreifen. „Wie gesagt", lächelst du schief, „Slytherins sind misstrauisch und vorsichtig. Draco Malfoy ist das auch und, wie Sie ganz richtig festgestellt haben, wollte er vermeiden, Anderen eine Angriffsfläche zu geben, also sagt er lieber selbst und von sich aus, dass er seine Taten damit keineswegs herunterspielen will. Außerdem – und das schreibt er nicht, aber wenn Sie mal ein bisschen Zeit haben und sich näher mit Draco Malfoy beschäftigen wollen, dann werden Sie das relativ schnell aus diversen Texten herauslesen können – ist er ziemlich hart, nicht nur Anderen, sondern vor allem sich selbst gegenüber. Er weiß genau, wie er sich als Kind und Jugendlicher verhalten hat und er kann das kritisch analysieren. Aber vergessen Sie eines nicht: Wir lernen aus unseren Fehlern. Auch ein Draco Malfoy kann das. Das jedoch nur als kurze Randbemerkung."

Du nickst Stephen zu und wirfst einen raschen Blick auf die Anlage. Es bleiben nur noch zwei Absätze übrig, bevor ihr zum nächsten Text kommen könnt und die Uhr sagt eindeutig, dass ihr das auch tunlichst erledigen solltet, wenn du noch eine Diskussion anheizen möchtest.

„Draco beschreibt, dass er nun – endlich – seine eigene Geschichte hatte, aber dass er in ihr nicht wirklich der Held war, wie er es sich stets gewünscht und vorgestellt hatte, sondern dass er eher etwas von einem traurigen, gefallenen Helden hatte, der keinesfalls auszog, um das Fürchten zu lernen, und dann mit Ruhm und Ehre zurückkehrte. Er sagt, dass er nicht weiß, ob es ein glückliches Ende gibt, aber es gibt eines, für ihn und für Harry Potter, und vielleicht ist das das Wichtigste, weil es bedeutet, dass es auch einen neuen Anfang geben kann, einen, in dem sie keine Helden mehr sein müssen, sondern einfach sie selbst", schließt Stephen Hart seine Analyse ab und du lächelst ein „Danke", weil du findest, dass er es sich verdient hat. Es ist nicht selbstverständlich, dass gerade ein Draco Malfoy so objektiv geschildert wird, nur angesichts der Worte, die Draco selbst geschrieben hat, ohne Vorurteile oder eigene Ansichten miteinfließen zu lassen.

„Gut", du reibst dir die Hände, „Da Sie alle ja offenbar ohnehin ganz scharf darauf sind, nachher noch die Beziehung zwischen Harry Potter und Albus Dumbledore zu diskutieren, finden sich doch mit Sicherheit gleich mehrere Freiwillige für unseren nächsten Text, oder?" Betont unschuldig schaust du in die Runde und bist amüsiert, als sofort hastig ein paar Köpfe gesenkt werden, wahrscheinlich in der Hoffnung, sich möglichst unsichtbar zu machen, damit du ja nicht auf die Idee kommst, jemanden aufzurufen. Dabei findest du Harrys Brief relativ nett zu analysieren (und ja, vermutlich würde keiner deiner Studenten das Wort „nett" verwenden, aber das ist dir egal).

„Mister Flynn", pickst du dir den Iren heraus, der besonders konzentriert den Hinterkopf des vor ihm Sitzenden angestarrt hat, „Wie wäre es mit Ihnen?" Er schaut dich nicht gerade überzeugt an und du fühlst dich bemüßigt, ihm ein bisschen Selbstvertrauen einzuflößen, obwohl du ja eigentlich meistens findest, dass deine Studenten als mehr-oder-minder-Erwachsene das bereits haben sollten. Immerhin unterrichtest du an der Uni und hast dich nicht als Erzieher anstellen lassen. „Kommen Sie schon", sagst du ein bisschen seufzend, „Harry Potter hat den enormen Vorteil, dass er sich äußerst verständlich ausdrückt. Das schaffen Sie schon. Ich kann Ihnen auch ganz andere Texte zu lesen geben, wenn Sie möchten."

Boreas Flynn wird ein wenig blass unter seinen Sommersprossen und beinahe tut es dir Leid, vielleicht war das zu harsch, aber ab und zu fehlt dir einfach die Geduld und du hattest schließlich deine Gründe, diesen Brief auszuwählen. „Ist schon okay", sagt er jetzt rasch und kramt hektisch in seinen Unterlagen, „Wirklich. Also. Der Brief wurde von Harry Potter verfasst und an … Professor", hier stockt er kurz und wirft dir einen fragenden Blick zu, „Bagshot geschickt. Eine Zeitangabe fehlt, aber vermutlich wurde der Brief einige Jahre nach dem Ende des Krieges geschrieben, da sich Mister Potters Ton ziemlich erwachsen anhört."

„Professor Bagshot stimmt", unterbrichst du ihn kurz, „Ich bin nicht sicher, ob Sie alle sie bereits kennengelernt haben; sie unterrichtet ebenfalls Geschichte hier an der Universität und ist eine Koryphäe, was altenglische Geschichte anbelangt. Und der Brief dürfte, wenn ich mich nicht irre, erst ein paar Jahre alt sein. Allzu relevant ist das genaue Datum nicht, aber wenn Sie möchten, kann ich das natürlich gerne noch herausfinden. Für uns ist jedoch wichtig, dass der Brief, wie Mister Flynn bereits gesagt hat, nach dem Krieg entstanden ist und dass Harry Potter somit also Zeit und Gelegenheit hatte, sich mit den Ereignissen auseinanderzusetzen."

„Harry spricht davon, dass er zu Beginn seiner Schulzeit noch gar nicht recht wusste, wer sich hinter Albus Dumbledore eigentlich verbarg. Er war schließlich in der Muggelwelt aufgewachsen und wusste nichts über Zauberer. Dass Dumbledore kein gewöhnlicher Zauberer war, scheint Harry jedoch sehr schnell bewusst geworden zu sein: Er beschreibt ihn als Held und Legende, erzählt, dass er ihn auf den Schokofroschkarten gesehen hat, auf denen auch seine größten Triumphe und Erfolge aufgelistet waren. Ich fand es beim Lesen sehr spannend, dass Harry Potter wieder mit einem ganz anderen Zugang an Dumbledore herangeht als es Aberforth oder Professor McGonagall getan haben.

Ich hätte nämlich erwartet, dass Harry die Beziehung zu Dumbledore hauptsächlich darüber definiert, dass er als sein Mentor gewirkt hat, dass er ihn unterrichtet hat, vielleicht auch darüber, dass Dumbledore ihm seine Aufgabe aufgelastet hat, wenn man es so nennen will, aber Harry sagt selbst, dass Dumbledore für ihn in erster Linie ein Tor in die Vergangenheit war, jemand, der seine Eltern gekannt hatte und der Harry etwas über die Zeit erzählen konnte, weil sie schließlich auch wichtig war, für Harry ganz persönlich, und weil er selbst keinerlei Erinnerungen an sie hatte.

Im Laufe der Zeit wurde aus Dumbledore, der Sagengestalt, dann schließlich der Lehrmeister, den so viele in ihm sahen. Harry benutzt die Adjektive gutmütig und streng, um ihn zu beschreiben; wir können daraus schließen, dass die Beziehung der Beiden also vermutlich keineswegs immer so rosarot und heil war, wie viele gerne behaupten, um es sich leichter zu machen. Harry bestätigt allerdings die häufig geäußerte Vermutung, dass Dumbledore für ihn sehr wichtig war, zu einer Bezugsperson wurde. Ich denke, dass das nicht weiter verwunderlich ist. Wir wissen, dass Harry von seinen Verwandten nicht sonderlich viel Unterstützung bekam und dass sie mit seiner Welt, den Zauberern, auch nichts zu tun haben wollten. Gleichzeitig war Harry aber nun einmal immens wichtig für die Zauberergemeinschaft, es war also unerlässlich, dass er mit jemandem darüber sprechen konnte, und dieser Jemand wurde Albus Dumbledore.

Es gibt einige kritische Stimmen, wie etwa Rita Kimmkorn, die Zweifel darüber verlauten lassen, ob Professor Dumbledore wirklich die geeigneteste Person für diese Rolle war, aber ehrlich gesagt kann ich mir niemanden vorstellen, der besser gewesen wäre", erklärt Boreas, „Harry sagt es selbst: Dumbledore wusste Dinge, die sonst niemand wusste, er hatte sich jahrelang und intensiv mit Voldemort beschäftigt, er kannte ihn noch aus seiner Schulzeit, er war klug und mächtig. Und er stand Harry bei, das ist vielleicht das Wichtigste. Er glaubte ihm, wenn es sonst niemand zu tun schien, wenn dabei sogar sein eigener Name in den Dreck gezogen wurde."

„Etwas, was Professor Dumbledore im Übrigen nie kümmerte", kommentierst du trocken und als ein paar deiner Studenten dich geradezu fassungslos anschauen, zuckst du mit den Achseln und fügst hinzu: „Glauben Sie mir, er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass es ihm kaum egaler sein konnte, was diverse Zeitungen über ihn berichteten. Insofern liegt Mister Flynn also völlig richtig, wenn er konstatiert, dass Dumbledore immer zu Harry Potter stand, auch, wenn beispielsweise behauptet wurde, er wäre geisteskrank und schwer gefährlich für seine Umgebung, da er Lügen über Voldemort verbreitete. Nun, wir wissen ja alle, dass Dumbledore, im Gegensatz zum Ministerium, diese angeblichen Lügen sehr ernst nahm und sich bemühte, den Widerstand gegen Voldemort zu mobilisieren, während das Ministerium nur weiterhin versuchte, den Schein zu wahren."

„Harry schreibt, dass es durchaus auch Momente gab, in denen er Dumbledore gehasst hat", fährt Boreas zögernd fort, als wäre er nicht sicher, ob er das sagen darf, weil es sich beinahe anhört wie Blasphemie (und es bleibt jedem selbst überlassen zu überlegen, ob Blasphemie gegenüber Harry Potter oder gegenüber Albus Dumbledore), „Vermutlich geht es darum gar nicht, aber … das hat mir Harry Potter sympathisch gemacht." Boreas muss ein wenig die Stimme heben, als es um ihn herum leise und empört zischt. „Er sagt, dass er manchmal dachte, Dumbledore würde sich nicht genug um ihn kümmern", verteidigt Boreas seine Ansicht, „Und ich finde, dass das für einen Teenager vollkommen normal ist, und ich finde es gut, dass Harry es selbst erwähnt, weil er nicht versucht, sich selbst oder sein Verhalten irgendwie zu beschönigen. Das soll auf keinen Fall respektlos oder so wirken, ich glaube wirklich, dass diese Gefühlsregung absolut nachvollziehbar ist."

Du hebst beschwichtigend die Hände. „Nur keine Aufregung", greifst du ein, als Boreas schon ganz rote Wangen bekommt, „Mister Flynn hat Recht. Bitte denken Sie daran, dass der Brief von Harry Potter selbst stammt, er hat mitgeteilt, dass er zeitweise diese Gefühle Professor Dumbledore gegenüber hegte, also können wir das getrost als bestätigt ansehen und darüber diskutieren. In Ordnung?" Das Gezischel beruhigt sich wieder ein bisschen und Boreas kaut nervös auf seiner Unterlippe herum, bevor er weitermacht mit seiner Analyse.

„Harry sagt jedoch auch, dass ihm später klar wurde, dass er darauf hätte vertrauen sollen, dass Dumbledore durchaus wusste, was er tat, da er schließlich der Klügere, Ältere und Erfahrenere von ihnen beiden war, aber zum damaligen Zeitpunkt war ihm das eben nicht bewusst. Jeder von uns handelt mal irrational, besonders dann, wenn wir uns ungeliebt oder ungerecht behandelt fühlen. Und nachdem wir ja bereits vorhin darüber gesprochen haben, dass Harry von vielen wahrscheinlich nur als Held betrachtet wurde, ist es doch klar, dass es ihm sauer aufstoßen musste, wenn einer der wenigen Menschen, die ihn als Harry wahrgenommen haben, ihm plötzlich keine Beachtung mehr schenkte", führt er seine Erklärungen weiter aus und du nickst leicht.

„Im nächsten Absatz wird, finde ich, recht gut deutlich, dass Harry als Person eben nicht mit Harry als Held gleichzusetzen ist, denn dann hätte er niemals grübeln, niemals hinterfragen, niemals verzweifeln dürfen – und wahrscheinlich hat ihm das die Öffentlichkeit auch verwehrt. Tut es vielleicht bis heute. Aber er hatte all diese Fragen, auf die er keine Antworten fand, denn die einzige Lösung war, dass er gegen Voldemort kämpfen musste, auch wenn er noch ein Jugendlicher war. Es konnte ihm niemand abnehmen, doch man kann aus seinen Worten ziemlich gut herauslesen, wie heftig er mit diesem Schicksal gehadert haben muss. Und, ganz ehrlich: Es hätte doch mit Sicherheit keiner von denen, die ihn als Held anpriesen, in seinen Schuhen stecken wollen, um gegen Voldemort anzutreten. Aber einfach nur zu reden ist ja immer so viel leichter.

Harry berichtet davon, dass ihn Dumbledore auf genau diesen Kampf vorbereitet hat, dass er ihm geholfen hat, Lösungen zu finden, Mittel und Wege, um Voldemort schließlich besiegen zu können. Interessant war, für mich zumindest, die Tatsache, dass Dumbledore ihm diese Lösungen nicht einfach mitteilte, sondern dass Harry sozusagen noch eine große Portion Eigenleistung erbringen musste, bis er selbst bei der Lösung angelangt war. Keine Ahnung, was der Grund dafür war, das weiß ja nicht einmal Harry, aber mir gefällt seine Vermutung, dass es möglicherweise Dumbledores Art war, ihm Teilerfolge zu bescheren, damit Harry merkte, dass er in der Lage wäre, Voldemort zu besiegen, zur Not auch ohne Dumbledore an seiner Seite.

Vielleicht konnte Dumbledore Harry nicht seine Verzweiflung nehmen, wenn es darum ging, warum gerade ihm diese Aufgabe zugefallen war, aber so, wie Harry es beschreibt, klingt es, als hätte Dumbledore ihm dabei geholfen, es zu akzeptieren und sich damit zu arrangieren. Es war nun einmal so, wie es war, und Harry konnte nicht davonlaufen. Er sagt ja auch selbst, dass er das sowieso nie getan hätte und dass Dumbledore das mit Sicherheit auch gewusst und ihn also richtig eingeschätzt hatte."

Er zieht eine zweite Seite Notizen hervor und spickt kurz darauf, ehe er fortfährt. Er macht das nicht schlecht, findest du, und er kommt zu den richtigen Schlüssen. „Dumbledores Tod scheint für Harry dann wie ein Schock gewesen zu sein", fährt Boreas fort, „Er beschreibt ihn als den „schwärzesten Tag" in seinem Leben; er hat nicht nur seinen Lehrer verloren, sondern eben auch jemanden, der ihn begleitete und durchs Leben führte, der einem Elternersatz noch recht nahe kam und auf den Harry sich immer hatte verlassen können.

Da ist es wohl nicht weiter verwunderlich, dass es Harry ziemlich getroffen haben muss, all diese Artikel zu lesen, die nach Dumbledores Tod in so ziemlich jeder Zeitung erschienen und die bestimmt nicht alle sonderlich … äh … pietätvoll waren. Sie machten Harry, wie er schreibt, jedoch auch klar, dass es vieles in Dumbledores Leben gab, von dem er nicht die geringste Ahnung gehabt hatte. Er hatte nur ein paar Seiten an ihm kennenlernen können und Professor McGonagall hat ja ebenfalls gesagt, dass er vieles für sich behalten hatte und sich nur selten jemandem mitteilte. Aber so, wie Harry über ihn spricht, was er alles gerne über ihn erfahren hätte, das hört sich für mich schon wirklich sehr danach an, als hätte er echtes Interesse daran. Das ist nicht nur die übliche Neugier von Schülern, die wissen wollen, was ihre Lehrer so für ein Privatleben haben" (übliche Neugier?, denkst du und dein rechtes Auge zuckt ein wenig, Ohwe.), „sondern das ist aufrichtig, sonst hätte er sich wohl kaum die Mühe gemacht, auch nach seinem Tod noch möglichst viel über Albus Dumbledore herauszufinden. Professor Dumbledore war für ihn wie ein Freund, auch wenn das stets mit gehörigem Respekt und wahrscheinlich immer noch viel Distanz verbunden gewesen war.

Harry betont auch, dass das, wofür Professor Dumbledore vorrangig gekämpft hat, nämlich Toleranz gegenüber Muggelgeborenen und ihre absolute Gleichstellung in der Zauberergemeinschaft, allmählich realisiert wurde und heute nicht mehr nur ein schöner Gedanke ist, sondern zunehmend zur Wirklichkeit wird. Und er sagt, dass er denkt, Professor Dumbledore würde sich für ihn darüber freuen, dass sein Kampf zu Ende ist und er die Chance bekommen hat, sich jetzt ein neues, halbwegs normales Leben aufzubauen."

Boreas Flynn lässt seine Papiere sinken und sieht dich abwartend an, als wolle er sagen „Fertig. Und jetzt?". „Vielen Dank für Ihre Analyse", sagst du und wendest dich an seine Kommilitonen, „Offenbar hat das ja für einige Unruhe gesorgt, dass Mister Flynn sich angeblich despektierlich über Harry Potter geäußert hat. Gibt es in der Hinsicht noch etwas, was Sie mit uns allen teilen wollen?" Du lässt deinen Blick abwartend über deine Studenten tasten und interessanterweise will unter deinen Augen plötzlich niemand mehr etwas sagen. „In Ordnung", sagst du leichthin, „Dann vielleicht gleich, bei unserer Diskussion. Aber vorher würde ich jemanden von Ihnen bitten, noch rasch den letzten Text zu besprechen, damit wir anschließend zur Diskussion kommen können. Die Zeit läuft uns leider sowieso bereits davon, also bitte keine falsche Scheu."

Miss Carter hebt entschlossen die Hand und beginnt sofort, als du mit dem Kinn in ihre Richtung gedeutet hast. „Es handelt sich bei der letzten Anlage um einen stilistisch vollkommen anderen Text", stellt sie mit klarer Stimme fest, „Wir haben es weder mit einem Interview noch mit einem selbstreflektierenden Brief zu tun, sondern im Gegenteil mit einem Text, der für ein wissenschaftliches Buch geschrieben wurde. Naja", korrigiert sie amüsiert, als sie deine gerunzelte Stirn sieht, „Mehr oder weniger wissenschaftlich, schätze ich. Es handelt sich dabei, wie uns die Anlage verrät, um das Vorwort zur 391. Auflage des Lexikons der Zauberei. Verfasst wurde der Text von Professor Bagshot, an die ja der eben besprochene Brief von Harry Potter gerichtet war. Ich kann nur vermuten, dass Professor Bagshot gebeten wurde, das Vorwort zu verfassen, da sie eine bekannte Historikerin ist."

Eliza schaut fragend in deine Richtung. „Korrekt", erwiderst du hastig, „Die 391. Auflage wurde zum fünften Jahrestag der Schlacht um Hogwarts herausgegeben und man wollte gerne, dass das Vorwort eine Art aktuellen Bezug herstellte und den Zweiten Dunklen Krieg reflektierte, im Hinblick auf Voldemort, Dumbledore und Harry Potter. Daraus ist dann der Text entstanden, der Ihnen allen vorliegt."

„Es fällt auf", findet Miss Carter, „dass Professor Bagshot das Ganze sozusagen mit einem Augenzwinkern geschrieben hat. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Krieg bereits vorüber und gewonnen war und man das Ganze um Einiges gelassener betrachten konnte. Ich bin mir relativ sicher, dass das Vorwort etwa zur 387. Auflage ein bisschen, nun, weniger optimistisch ausgefallen ist. Gleichzeitig kam es zumindest mir beim Lesen so vor, als würde es Professor Bagshot gerade durch ihre lockere Schreibweise gelingen, Distanz zwischen sich und dem Thema aufzubauen. Sie macht nicht den Fehler, Dumbledore oder Harry Potter zu heroisieren. Vielleicht fand ich den Text deshalb so erfrischend zu lesen."

Du beschließt spontan, dass du das Osburga nachher erzählen musst. Es wird ihr vermutlich den Tag versüßen, du weißt, wie sehr sie sich immer freut, wenn sich jemand lobend über ihre Texte äußert, schließlich verbringt sie ihre Tage hauptsächlich damit, zu unterrichten oder wissenschaftliche Artikel zu Themen zu schreiben, die in jedem Land vielleicht zwei Handvoll Zauberer lesen.

„Von allen Dreien, Dumbledore, Voldemort und Harry Potter", fährt Miss Carter fort, „liefert sie eine Kurzvita, angefangen mit Dumbledore. Sie beschreibt, dass während seiner Schulzeit offensichtlich wurde, dass er mit einem außergewöhnlich starken magischen Talent gesegnet war und dass er nach seinem Abschluss nach Hogwarts zurückkehrte, um zuerst als Lehrer für Verwandlung zu unterrichten und später als Direktor die Schule zu leiten. Außerdem stand er in Kontakt mit verschiedenen wissenschaftlichen Größen seiner Zeit, unter Anderem Nicolas Flamel, und bekämpfte Grindelwald. Ähnlich wie Professor Bagshot stelle auch ich mir die Frage, wie er das zeitlich hinbekommen hat, aber dazu müssten wir vermutlich Professor Dumbledore persönlich befragen und das ist aus naheliegenden Gründen unmöglich."

(Diese Art von trockenem Kommentar, denkst du und hebst, nicht zum ersten Mal während dieser Vorlesung, ein Papier, um dahinter deine zuckenden Mundwinkel zu verstecken, ist genau das, worüber sich Osburga vermutlich kaputtlachen würde und du wünschst dir wirklich, sie könnte jetzt neben dir stehen und sich anhören, wie ihr Text analysiert wird.)

„Sie geht kurz darauf ein, welch hohes Ansehen Albus Dumbledore in der magischen Gesellschaft genoß und dass man ihm, nicht zuletzt wegen seines Siegs über Grindelwald, den Posten des Zaubereiministers anbot, den er jedoch ablehnte, um in Hogwarts bleiben zu können. Sie sagt das zwar nicht explizit, aber ich denke, wir können davon ausgehen, dass Professor Dumbledore davon überzeugt war, dass er in Hogwarts bessere Arbeit leisten konnte als im Ministerium. Wenn er Vorurteile bekämpfen und für mehr Toleranz werben wollte, musste er schließlich bei seinen Schülern anfangen, da Erwachsene in der Regel ja meistens viel schwieriger von ihrem Standpunkt abzubringen sind, da sie beharrlich meinen, die richtige Auffassung zu vertreten, ohne wirklich ernsthaft darüber nachdenken zu wollen.

Professor Bagshot beschreibt Albus Dumbledore so, wie ich ihn mir ehrlich gesagt auch vorstelle", grinst Eliza, „Ein bisschen verrückt, aber nichtsdestotrotz ein Genie. Die zwei Dinge schließen sich ja auch nicht aus, im Gegenteil. Aber wahrscheinlich hat die sogenannte magische Elite ihre reinblütigen Köpfe geschüttelt, als Albus Dumbledore davon sprach, wie wichtig es sei, muggelgeborene Hexen und Zauberer zu fördern, da in ihnen immerhin auch die Zukunft der magischen Gemeinschaft steckte. Dass das nicht jedem gepasst hat, ist offensichtlich. Sonst hätte sich Voldemort ja vermutlich auch gar nicht etablieren können, wenn es nicht genügend Menschen gegeben hätte, die dachten, er würde die richtige Auffassung vertreten.

Es gab während seiner lange Jahre dauernden Laufbahn immer wieder kritische Stimmen, die Professor Dumbledore als alt oder auch senil bezeichneten, doch Professor Bagshot weist ganz richtig darauf hin, dass diese Stimmen meist von denen kamen, die seinen Einfluss fürchteten oder denen er, wie sie es ausdrückt, auf die Zehen gestiegen war, vornehmlich also wahrscheinlich von den Zauberern, die sich und ihren Einfluss weitaus größer schätzten als er tatsächlich war und denen Albus Dumbledore den Kopf zurecht gerückt hat. Um seine Popularität scheint er sich jedenfalls nie großartig gekümmert zu haben; es war ihm wohl stets wichtiger, sich selbst treu zu bleiben anstatt jemand Anderem nach dem Mund zu reden.

Professor Bagshot geht dann dazu über, Voldemort zu beschreiben, der immerhin auch als einer der mächtigsten Zauberer des 20. Jahrhunderts gilt, wenngleich er auf der anderen Seite der Skala steht als Dumbledore. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Lehrer war Voldemort nämlich nicht erpicht darauf, den Muggelgeborenen ihren Platz in der magischen Gemeinschaft anzubieten, sondern wollte sie lieber loswerden, ganz gleich, mit welchen Mitteln, Hauptsache die, denen die Plätze seiner Ansicht nach rechtmäßig zustanden, würden sie sich zurückerobern können.

Interessant ist in der Hinsicht zweifellos die Frage nach Voldemorts eigener Herkunft, die, denke ich, in der Literatur noch nicht gerade ausführlich behandelt wurde", sie wirft dir einen schnellen Blick zu und du nickst rasch, weil du das nur bestätigen kannst. Abgesehen von einem nicht gerade gut recherchierten Buch aus der Schmutzfeder Rita Kimmkorns, das aus Voldemort ein missverstandenes, ungeliebtes Waisenkind macht, dem man nie die Spielregeln der Welt erklärt hatte, hat sich bisher kaum jemand an das Abenteuer herangewagt, sich ausführlicher mit Voldemorts Leben zu befassen. Was deine Arbeit nicht gerade erleichtert, denn wo sollst du ernsthafte, wissenschaftliche Texte herbekommen?

„Jedenfalls steht fest, dass Voldemort, ob ihm das nun passte oder nicht, als Sohn einer Hexe und eines Muggels geboren wurde. Und ich persönlich glaube ja, dass ihn das ziemlich genervt haben muss", macht Miss Carter weiter und du verschluckst dich an deinem Lachen, „Seine Mutter starb bei der Geburt, der Vater wollte weder von ihr noch von dem Kind etwas wissen und so wuchs Voldemort – oder, Tom Riddle – in einem Waisenhaus auf. Inwiefern sich das möglicherweise auf seine Psyche ausgewirkt haben könnte, lasse ich an dieser Stelle mal außer Acht", sagt Eliza völlig nüchtern und du denkst, dass es wirklich eine Schande ist, dass Osburga sich das nicht anhören kann. Es würde, wie auch vorhin bereits Mister MacLaine, so absolut ihren Sinn für Humor treffen.

„Fest steht allerdings, dass er offensichtlich während dieser Zeit seine Begabung dafür entdeckte, Andere zu drangsalieren, sie einzuschüchtern und seine Macht ihnen gegenüber auszuspielen. Kein sonderlich sympathischer Wesenszug", fährt Miss Carter fort, „Allerdings lässt sich kaum leugnen, dass er ein großes Talent hatte, was Magie anbelangt. In der Schule fiel er durch seine Intelligenz auf, die meisten seiner Lehrer sahen in ihm vermutlich ein halbes Wunderkind und bekamen dadurch wahrscheinlich nicht mit, was für gefährliche Ideen Tom Riddle ansonsten gerne propagierte.

Es ist unklar, wann sich der konkrete Plan herauskristallisierte, sich gegen Muggelgeborene zusammenzuschließen und gegen sie vorzugehen; wir wissen nur, dass er es getan hat und dass sich genügend Anhänger fanden, um ihn zu unterstützen. Allerdings gab es ein paar Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten, unter Anderem sein ehemaliger Lehrer, Albus Dumbledore, der sich später, als er bereits Schulleiter war, weigerte, Tom Riddle als Lehrer nach Hogwarts kommen zu lassen. Wir können nur vermuten, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn es ihm tatsächlich gelungen wäre, an die Schule zurückzukehren und seine Ideologie unter den Schülern zu verbreiten.

Es gab jedoch auch so genügend Hexen und Zauberer, die Voldemort unterstützten, aber er hatte Albus Dumbledore als Gegner und dass Dumbledore der Einzige war, den Voldemort je fürchtete, ist ja allgemein bekannt. Dumbledore organisierte einen Widerstand, der gegen Voldemort ankämpfte, auch wenn es schließlich der einjährige Harry Potter war, der Voldemort vorerst verschwinden ließ, bis er Jahre später seine eigene Wiederauferstehung feierte und seine Anhänger erneut zu sich rief. Einige von ihnen waren zwischenzeitlich in Azkaban gefangen gewesen, weil sie so unbeirrbar an ihren Ansichten festgehalten hatten, doch der Großteil hatte Voldemort für tot gehalten und sich von ihm abgewandt. Nicht, dass ich sonderlich viele Vergleichsmöglichkeiten hätte, aber ich würde mal vermuten, dass das bei einem größenwahnsinnigen Massenmörder nicht so gut ankommt."

Eliza Carter zeigt sich unbeeindruckt vom Gekicher ihrer Kommilitonen und du kannst nicht anders, als dich innerlich bereits zu fragen, ob sich ihre Klausur wohl so ähnlich lesen wird wie ihre mündliche Ausführung. Wenn ja, dann wird es ein Heidenspaß. „Jedenfalls", macht sie einfach weiter, „hat Voldemort am Ende all das nichts geholfen, weil er schließlich doch von Harry Potter besiegt wurde. Zu ihm schreibt Professor Bagshot überraschend wenig, wenngleich ich annehme, dass es zu ihm – wie ja wohl auch zu Voldemort und Dumbledore – noch einen weitaus ausführlicheren Eintrag im Lexikon selbst geben wird. Sie gibt uns nur kurz die Eckdaten seines bisherigen Lebens, geboren als Sohn von Lily und James Potter, berühmt geworden durch Voldemorts missglückten Todesfluch, Kindheit bei seinen Muggelverwandten, wiederkehrende Begegnungen mit Voldemort, die dann in dessen Tod endeten. Fertig."

Eliza lehnt sich auf ihrem Sitz ein bisschen nach hinten und grinst dich an. „Und?", will sie wissen, „Bleibt noch Zeit für die Diskussion?" Du musst lachen und riskierst einen Blick auf deine Uhr. „Knapp", sagst du, „Aber immerhin. Na dann, Bühne frei. Wer möchte beginnen?" Als es still bleibt, zuckst du mit den Schultern und sagst „Gut, dann fange ich an, wenn Sie gestatten, und stelle einfach mal ein paar Fragen und Thesen in den Raum. Wenn Sie möchten, können Sie sich zu ihnen äußern, ansonsten – nicht. Hat Albus Dumbledore, Ihrer Ansicht nach, zu viel verlangt? Von Harry Potter, der sich Voldemort bereits als Elfjähriger erneut stellen musste? Von Severus Snape, der jahrelang als Spion für Dumbledore arbeitete und dabei ständig sein Leben in Gefahr brachte, denn, bei Merlin, es wäre ihm nicht gerade gut bekommen, wenn Voldemort herausgefunden hätte, dass er ihn betrog? Hat Albus Dumbledore sie manipuliert?"

„Severus Snape war ein erwachsener Mann", widerspricht Charles Grey, „Er konnte wahrscheinlich die Ausmaße seines Handelns noch nicht erahnen, aber er wird gewusst haben, worauf er sich ungefähr einlässt und ich kann mir kaum vorstellen, dass Dumbledore ihm erzählt hat, dass alles ganz einfach werden würde. Oder, dass Snape es ihm geglaubt hätte." „Severus Snape musste ihn am Ende umbringen", wirfst du ein, „Dumbledore war sein Lehrer, aber auch sein Vertrauter, und er verlangte von Snape, dass er ihn tötete. Fällt das unter nicht zu erahnende Ausmaße oder ist das schlicht und ergreifend zu viel?" Du glaubst, dass es keine richtigen oder falschen Antworten gibt in diesem Aspekt, du willst deine Studenten nur zum Nachdenken bringen und wenn du dafür ein bisschen provokant werden musst, bitte sehr.

„Für den guten Zweck", platzt Lucinda Johnson heraus, „Oder nicht? Dumbledore war bereit, sich selbst dafür zu opfern, damit Draco ihn nicht umbringen musste, damit er seinen Schüler schützen konnte. Damit der ganze Plan nicht auseinanderfiel, denn hätte Snape ihn nicht getötet, wäre klar gewesen, dass es einen triftigen Grund dafür geben musste und dann hätte Voldemort herausgefunden, dass Snape ihn betrog und alle Trümpfe, die der Orden durch seine Spionage bekam, wären verloren gewesen." „Also hat er Draco auf Kosten von Snape geschützt?", hältst du dagegen, „Und insgesamt waren sie alle sowieso nur Figuren in einem Schachspiel, weil es am Ende nur auf Harry Potter und Voldemort ankam und bis dahin eben Bauernopfer gebracht werden mussten?"

Lucinda öffnet den Mund, um etwas zu erwidern und schließt ihn dann wieder. „Ich weiß nicht", sagt sie und es klingt hilflos. „Aber", schaltet sich Trystan Bickerton in die Diskussion mit ein, „ist das nicht immer so, dass man nur in den seltensten Fällen ohne Verluste gewinnen kann? Das klingt wahrscheinlich schrecklich hart und unmenschlich, nur, Krieg ist schrecklich hart und unmenschlich. Ich denke, dass es ihm tatsächlich wichtiger war, Draco zu schützen und Snape, gerade durch den Mord an Dumbledore, in Voldemorts Gunst noch zu festigen, weil ich glaube, dass Dumbledore dachte, bei Draco wäre noch … Raum für Verbesserung, um es mal so auszudrücken. Er hat keinen Mörder in ihm gesehen, eher den unglücklichen, völlig überforderten Jungen. Snape wusste, was er tat, und er wusste, wo seine Loyalitäten lagen, nämlich bei Dumbledore. Und das hatte er selbst entschieden."

„Du kannst allerdings nicht von jedem, der dir gegenüber loyal ist, verlangen, dass er dich umbringt", wendet Tobias Miller mit gerunzelter Stirn ein und scheint in der Hitze der Diskussion vergessen zu haben, dass er sich gerade, streng genommen, gegen Dumbledore und für Snape einsetzt, was dich ein bisschen amüsiert, weil er vor Kurzem noch so sehr dagegen gewettert hat, Slytherins überhaupt objektiv betrachten zu wollen.

„Snape hat's aber getan", sagt Gwendolen Hopkins in die auftretende Stille hinein, „Inwiefern Dumbledore auch immer es von ihm verlangt haben mag, fest steht, dass der Plan nicht aufgegangen wäre, wenn sich Snape geweigert hätte. Hat er jedoch nicht. Keine Ahnung, ob er sich manipuliert gefühlt hat oder nicht. Ich scheitere jedenfalls an der bloßen Vorstellung, wie er sich gefühlt haben muss, hinterher, nachdem er den Mann hat töten müssen, der, nach allem, was wir wissen, nicht nur sein Vorgesetzter, sondern auch sein Vertrauter war. Er hat seine Pflicht erfüllt und niemand aus dem Orden wusste es. Wie war das, im September wieder nach Hogwarts zurückzukehren und von allen als Verräter betrachtet zu werden, wenn er allein der Einzige war, der wusste, dass er Dumbledores Willen erfüllt hatte, dass er den Plan Schritt für Schritt befolgt hatte? Hat Dumbledore gewusst, was er ihm damit antat?"

„Ein Seelenheil gegen ein anderes", nickst du ihr zu, „Severus Snapes gegen das von Draco Malfoy. Ich glaube, Dumbledore wusste, was er verlangte. Ich glaube, er wusste es genau und ich glaube nicht, dass es ihm leichtfiel, aber … ich denke, dass er keine andere Möglichkeit sah. Ihm war klar, dass er sterben würde und wenn er es verhindern könnte, dann würde Draco Malfoy seinetwegen nicht zum Mörder werden. Also musste es ein Anderer tun und zwar möglichst so, dass Draco dabei noch gut wegkam, weil ansonsten damit zu rechnen gewesen wäre, dass er wegen der Nichterfüllung seiner Aufgabe bestraft worden wäre."

Du kannst sehen, dass ein paar deiner Studenten schwer schlucken. „Ich verrate Ihnen was", sagst du langsam, „Ich weiß auch keine Antwort in dieser Diskussion. Glauben Sie mir, dass ich es schon oft genug versucht habe, aber ich drehe mich doch nur immer wieder im Kreis. Das Problem ist, gelinde gesagt, äußerst komplex und ich glaube, keiner von uns kann es wirklich nachvollziehen oder gar lösen, weil wir selbst glücklicherweise noch nie in einer derartigen Situation waren. Und mit diesem optimistischen Schlussgedanken", du grinst schief in die Runde, „würde ich unsere heutige Sitzung gern beenden. Unsere Zeit ist leider vorbei. Wenn Sie noch unbedingt etwas zu diesem Thema loswerden möchten, würde ich Sie bitten, es sich zu notieren und in der nächsten Vorlesung noch einmal anzusprechen. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine angenehme Woche."

Es löst sich nur zäh auf, heute. Während du vom Pult gleitest und deine Zettel zusammensuchst, um sie wieder in deine Tasche zu stopfen, fällt dir auf, dass etliche deiner Studenten noch in kleinen Grüppchen zusammenstehen und sich leise unterhalten. Ihre Gesichter sehen ernst und angespannt aus und ja, du hättest dir sicher ein fröhlicheres Ende gewünscht, aber du hast nur ihre Anregungen aus der Sitzung aufgegriffen und früher oder später wärt ihr sowieso über die Frage gestolpert, ob, und wenn ja, wie viel, Manipulation hinter manchen Aufgaben steckte, spätestens dann, wenn du Severus Snape behandeln wirst. Und vielleicht, denkst du, ist es gar nicht einmal so schlecht, dass sie sich bereits jetzt ein paar Gedanken machen.

Du tust schließlich, Tag für Tag, genau das Gleiche.