Anmerkung der Autorin: Liebe Leser, tausend Dank für all eure wunderbaren Rückmeldungen! Ich freue mich wahnsinnig, dass die Geschichte noch immer so viel Anklang findet.

Da es in den Reviews immer wieder angesprochen wurde und es offenbar ein wenig Verwirrung diesbezüglich gab: Die nächste Vorlesung (also die, zu der die unten stehenden Anlagen sind) wird sich nicht mit Snape befassen, sondern erst die Anlagen zur übernächsten, sozusagen. Da müsst ihr euch noch ein klein wenig gedulden.

Ich hatte ursprünglich vorgehabt, die Geschichte bis zum Januar beendet zu haben, aber wenn ich so auf den Kalender sehe, erscheint mir der Plan nicht allzu realistisch. Vier Kapitel gibt es noch, geplant sind sie sowieso alle, aber es bestehen (außer bei einem) hauptsächlich Fragmente. Mal sehen, wie ich es schaffe. Ich will keine leeren Versprechungen abgeben, aber: Ich arbeite an den Kapiteln.

Jetzt wünsche ich euch allerdings erst einmal ganz viel Spaß mit den heutigen Anlagen!


Anmerkung:

Liebe Studierende,

anbei erhalten Sie wie üblich das vorzubereitende Material für unsere nächste Sitzung. Ich bitte Sie, die verschiedenen Texte zu lesen und sich Ihre Gedanken zu machen. Es kann durchaus sein, dass Personen angesprochen werden, von denen Sie noch nichts (oder nicht viel) gehört haben. Bitte betreiben Sie in diesem Fall ein wenig Recherche.

Ihnen eine angenehme Woche.


Anlage 1

Eintrag aus Lexikon der Zauberei, 391. Auflage

Werwolf. Übersetzt zu „in einen Wolf verwandelter Mensch".Altenglisch werewulf. Siehe Lateinisch vir für „Mann", Altenglisch wulf für „Wolf", mögliche Herkunft aus dem Indogermanischen. Griechisch lýkos (vergl. ↗Lykanthropie, wissenschaftlicher Ausdruck für „Werwolfkrankheit" ), Lateinisch lupus.

Als Werwolf bezeichnet man einen Menschen, der in Vollmondnächten seine menschliche Gestalt ablegt und sich stattdessen in einen Wolf (bzw. Werwolf) verwandelt. Hervorgerufen wird dies durch den Biss eines anderen Werwolfs (siehe hierzu auch: Adalbert van Trouten: Ungelöste Fragen zu Magieherkunft; Kapitel 3: Am Anfang war der Mond; Amsterdam 1873; selbst aktualisierend). Wer eine solche Verletzung überlebt, ist seinerseits gezwungen, von diesem Moment an die schmerzhafte Verwandlung durchzustehen. Ein Werwolf lässt bei seiner Verwandlung mehr zurück als nur seine menschliche Hülle: Er verliert auch sein menschliches Bewusstsein, stattdessen übernimmt das sprichwörtliche Tier in ihm die Kontrolle. Werwölfe gelten als blutrünstig und gefährlich. Den meisten Schrecken verbreitet jedoch das Wissen, dass ihr Biss die betroffene Person mit Lykanthropie ansteckt.

Werwölfe können sich gegen die monatlichen Verwandlungen nicht wehren. Trotz intensiver Forschungsarbeit auf diesem Gebiet gibt es noch immer keine Heilung dieser Krankheit. Mit der Erfindung des ↗Wolfsbanntranks wurde jedoch bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung unternommen. Dieser Trank ermöglicht es Werwölfen, ihr menschliches Bewusstsein während der Verwandlung und die gesamte Vollmondnacht hindurch zu bewahren, wodurch sie an Gefährlichkeit für ihre Mitmenschen einbüßen, da sie nicht länger einem Blutdurst folgen müssen. Allerdings steht der Wolfsbanntrank längst nicht allen Werwölfen zur Verfügung. Derzeit wird weiter an einer Verbesserung des Tranks gearbeitet.

Abgesehen von den der Verwandlung einhergehenden körperlichen Beschwerden (wie etwa starke Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit in den Tagen vor dem Vollmond, sowie die schmerzhafte Verwandlung an sich) leiden viele Werwölfe auch unter den sozialen Aspekten ihrer Krankheit. Besonders das jahrelang geltende ↗Anti-Werwolf-Gesetz (siehe hierzu auch ↗Umbridge, Dolores) machte es vielen Werwölfen quasi unmöglich, ein normales, in die Gesellschaft integriertes Leben zu führen. Klassifiziert als ↗Tierwesen der höchsten Gefahrenstufe konnten sie nur in seltenen Fällen Arbeit finden. Der Möglichkeit beraubt, sich innerhalb der Zauberergemeinschaft eine Existenz aufzubauen, schlossen sich etliche Werwölfe ↗Lord Voldemort an, da er ihnen versprach, ihre desaströse Lage zu ändern und zu verbessern.

Seit dem Sturz des ↗Dunklen Lords arbeitet das ↗Werwolf-Unterstützungsamt des ↗Zaubereiministeriums jedoch unermüdlich daran, die Situation für Werwölfe gerechter zu gestalten und die Rechtslage anzupassen. Dennoch ist, aufgrund jahrhundertelang gehegter Vorurteile, noch immer mit Übergriffen auf Werwölfe zu rechnen, wenngleich diverse Projekte gegründet wurden, um Werwölfen zu festen Arbeitsstellen zu verhelfen, um sie mit Wolfsbanntrank zu versorgen und um ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, damit ihr Leben nicht von einer Reihe aufeinanderfolgender Vollmondnächte beherrscht wird.

Weiterführende Literatur:

Anonym: Haarige Schnauze, menschliches Herz, Edinburgh 1975.

Belinda Hawbeck: Eine kleine Sozialgeschichte der Lykanthropie, London 2008.

Jogaila Donelaitis: Werwolfsglaube in Litauen und anderen Ländern, Vilnius, 1965.


Anlage 2

Artikel aus Zaubertränke heute, 13. Januar 2009

Ein Hoffnungsschimmer am Silberhorizont?

London, 12. Januar 2009. Die jährlich wiederkehrende Versammlung Alchimisten aus aller Welt, die 2009 in Großbritannien stattfand, ist vorgestern zu Ende gegangen. Neben Diskussionen zu verschiedenen Forschungsprojekten stand bei der zehntägigen Konferenz vor allem eines im Vordergrund: Die Frage, ob es tatsächlich gelingen könne, den Wolfsbanntrank weiterhin zu verbessern, weniger kostenintensiv zu produzieren und somit einer größeren Anzahl an Werwölfen zur Verfügung zu stellen.

Der Wolfsbanntrank, erfunden und entwickelt von Damocles Belby, galt lange Zeit als bahnbrechende Erfindung, sogar als Goldenes Ei der Alchimisten des 20. Jahrhunderts. Der Trank kann, bei kontinuierlicher Einnahme vor Vollmondnächten, zwar nicht die Verwandlung in einen Werwolf per se verhindern, ermöglicht es jedoch, das menschliche Bewusstsein des Werwolfs zu bewahren, sodass die tierische Natur zurückstecken muss. Der Werwolf wird somit weitaus ungefährlicher, da er nicht, von Blutdurst getrieben, durch die Lande zieht, auf der Suche nach einem Opfer, das er beißen kann.

Abgesehen von vernachlässigbaren geschmacklichen Kriterien (der Trank hat eine unangenehme, bittere Note), sehen sich Alchimisten, Tränkeforscher und Kräuterkundler noch mit ganz anderen Schwierigkeiten konfrontiert: Der Trank lässt sich kaum konservieren, muss also regelmäßig frisch gebraut und sofort verwendet werden anstatt ihn auf Vorrat brauen zu können. Da der Wolfsbanntrank allerdings zu den Höchst komplexen Tränken zählt, ist es technisch gesehen den meisten Zauberern und Hexen (und somit höchstwahrscheinlich auch dem Großteil der Werwölfe) nicht möglich, den Trank selbst herzustellen. Für seine Zubereitung muss man daher auf speziell ausgebildete Fachkräfte zurückgreifen. Und die gibt es nun einmal nicht wie Sand am Meer.

Auf einen professionellen Tränkemeister kommen, statistisch gesehen, mehr Werwölfe als ein Zauberer alleine betreuen kann. Selbst mit Hilfe diverser zaubertechnischer Mittel, wie etwa Zeitumkehrer, konnte dieses Problem bisher nicht behoben werden. Auch die Überlegung, Gruppen von Werwölfen drei Tage vor Vollmond an bestimmten Orten zu versammeln und somit gleichzeitig mit Wolfsbanntrank zu versorgen, scheiterte in der praktischen Umsetzung.

Als wäre all dies nicht genug, darf auch der finanzielle Aspekt nicht unterschätzt werden. Für den Wolfsbanntrank werden eine Vielzahl an Kräutern benötigt, die hierzulande kaum oder gar nicht wachsen und daher für Unmengen an Galleonen aus dem Ausland importiert werden müssen. Diese Preise tragen nicht gerade dazu bei, den Wolfsbanntrank erschwinglicher zu machen, besonders, wenn man sich vor Augen führt, dass Werwölfe teilweise noch immer gegen Vorurteile zu kämpfen haben und daher selten eine feste Anstellung finden.

Auf der diesjährigen Alchimistenversammlung wurde nun beschlossen, die Grenzen innerhalb der magischen Welt weiter aufzureißen und enger zusammenzuarbeiten, um die Einfuhr diverser Pflanzen zu erleichtern. Den Zaubereiministerien verschiedener Länder sollen nun Vorschläge vorgelegt werden, um die strengen Kontrollgesetze zu entschärfen. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit erörtert, spezielle Gewächshäuser einzurichten, um das Anbauen von nichtheimischen Pflanzen zu ermöglichen. In diesen Gewächshäusern soll ein bestimmtes Klima simuliert werden. Etliche bekannte Kräuterkundler aus dem Ausland haben sich bereits während der Versammlung dazu bereit erklärt, für ein derartiges Projekt eine Zeitlang nach Großbritannien überzusiedeln, um den Anbau der Pflanzen zu überwachen.

Es liegt nun an den Ministerien, dieses Projekt zu erlauben und die nötigen finanziellen Mittel zu bewilligen. Eine Entscheidung wird innerhalb der nächsten vier Wochen erwartet. Sollten die Zaubereiministerien (nicht nur in Großbritannien, sondern unter Anderem auch in Litauen, Bolivien, Marokko und Indien) zustimmen, könnte das größte internationale Projekt seit Jahrhunderten schon in den nächsten Monaten mit der Planung beginnen.

Zunächst einmal müssten hierfür Orte ausgewählt werden, um Gewächshäuser zu bauen und mit komplexen Klimazaubern zu belegen. Wichtig für die Auswahl ist, dass ein kompetentes Team (bestehend aus Zauberern und Hexen der verschiedensten Fachrichtungen) mit Rat und Tat zur Seite stehen und rund um die Uhr zur Stelle sein kann. Die britische Gilde der Alchimisten hat bereits ihre vollste Unterstützung zugesichert, ebenso wie das Sankt-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen in London. Weiterhin wird damit gerechnet, dass sich diverse Gruppierungen (wie etwa der Britische Bund für Angewandte Kräuterkunde) innerhalb der nächsten Tage zu Wort melden werden.

Sollte das Projekt tatsächlich die Unterstützung des Zaubereiministeriums erhalten, könnte dies einen ernormen Fortschritt für die Zukunft des Wolfsbanntrankes bedeuten. Die Pflanzen, die derzeit noch teuer aus dem Ausland bezogen werden müssen, könnten dann hierzulande angebaut werden, sodass die Produktionskosten gesenkt werden könnten. Ausgewählte Alchimisten arbeiten darüber hinaus schon seit Monaten fieberhaft daran, eine Möglichkeit zu finden, den Trank in seiner Struktur minimal zu verändern, um das Endergebnis nicht zu beeinträchtigen, aber dabei auch Mittel und Wege zu finden, den Trank zu konservieren.

Sollte das Experiment gelingen (und ein paar große, gewichtige Falls stehen noch im Weg), könnte zum ersten Mal in der Geschichte der Zauberei eine Vielzahl an Wolfsbanntrank hergestellt und den betroffenen Werwölfen zur Verfügung gestellt werden. „Auf lange Sicht betrachtet und im optimalsten aller Fälle würde das bedeuten, dass jeder Werwolf mit Hilfe des Trankes eine ruhige Vollmondnacht verbringen und ansonsten ungehindert einem geregelten Leben nachgehen kann", sagte Amaryll Lynton, seines Zeichens Sprecher der britischen Gilde der Alchimisten.

Das Werwolf-Unterstützungsamt des Zaubereiministeriums hat bereits zugesichert, in jeder nur denklichen Weise zu helfen, sollte das Projekt demnächst starten. Begeistert äußerte sich Ellinor Hammerton, Leiterin des Unterstützungsamts: „Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, in der wir Werwölfen ihr normales Leben zurückgeben können", zeigte sie sich hoffnungsvoll, „Über Jahrhunderte hinweg wurden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen, diskriminiert und verfolgt. Dank der neuesten Entwicklungen könnte sich das vielleicht bald ändern."

Das Zaubereiministerium wollte sich bisher nicht offiziell zu den Ergebnissen der Alchimistenversammlung äußern. Bei seinem Besuch des gestrigen Quidditchspiels der Kenmare Kestrels gegen Puddlemere United zeigte sich Minister Shacklebolt jedoch zuversichtlich und bestätigte, dass er alles in seiner Macht stehende unternehmen werde, um die Situation der Werwölfe in Großbritannien zu verbessern.


Anlage 3

F: Können Sie sich noch an Ihre Reaktion erinnern, als Professor Dumbledore Ihnen verkündete, dass er beabsichtigte, einen Werwolf in Hogwarts aufzunehmen?

A: Das war vermutlich eine der aufregendsten Lehrerversammlungen, an denen ich je teilgenommen habe. Also: Ja, ich erinnere mich noch sehr gut.

F: Was machte das Ganze denn so aufregend?

A: Nun, Werwölfe galten – damals noch viel mehr als heute – als höchst gefährliche Kreaturen und ich schätze, kaum einem Lehrer wäre auch nur im Traum eingefallen, einen Werwolf als Schüler zuzulassen. Man denke nur an die möglichen Gefahren und Konsequenzen für sämtliche Mitschüler, ganz zu schweigen von dem Proteststurm, den man von den Eltern zu erwarten hatte. Die ganze Idee war eine vollkommene Utopie.

F: Die Professor Dumbledore jedoch durchsetzte.

A: Natürlich. Dafür war er ja schließlich Albus Dumbledore.

F: Wie hat er das Kollegium überzeugt?

A: Er hatte bereits vor der Konferenz einen detaillierten Plan ausgearbeitet, den er uns vorstellte. Der Plan schien keine Fragen offen zu lassen und hatte, zumindest auf den ersten Blick, keine wesentlichen Sicherheitslücken. Dass das Ganze in der Theorie weitaus simpler wirkte als schließlich in der Praxis – nun, das durften wir noch herausfinden.

F: Wie waren die Reaktionen unter den Lehrern?

A: Bei den meisten würde ich sagen: Völlige Verblüffung. Mit einem derartigen Vorschlag hatte wohl keiner von uns gerechnet, als wir uns zu unserer gemütlichen, wöchentlichen Teerunde trafen. Einige waren hellauf empört, manche hielten es für einen Scherz (besonders die jüngeren Kollegen, die noch keine jahrelange Erfahrung mit den Ideen von Albus Dumbledore hatten), ein paar waren schlicht verwirrt. Einen Werwolf als Schüler aufzunehmen, davon hatte man noch nie gehört. Werwölfe waren geächtet und vom gemeinschaftlichen Leben ausgeschlossen. Aus gutem Grund, wie man dachte, denn schließlich stellten sie eine Bedrohung für andere Zauberer und Hexen dar.

F: Welchen Plan hatte Professor Dumbledore?

A: Er hatte sich überlegt, sich die vielen Kuriositäten, die Hogwarts bereithält, zu Nutzen zu machen und ihnen eine weitere hinzuzufügen. Er wollte einen Baum pflanzen, der es unmöglich machte, sich ihm zu nähern, ohne dabei Schaden zu nehmen, indem er mit seinen Ästen beständig um sich schlug. Dieser Baum sollte, soweit sein Plan, am Rande des Verbotenen Waldes stehen und einen Geheimgang bewachen, der noch gegraben werden musste und der zu einer damals ebenfalls noch nicht existenten Hütte führen sollte. In dieser Hütte sollte sich der Werwolf dann während der Vollmondnächte aufhalten, um zu gewährleisten, dass er keinen seiner Klassenkameraden anfallen könnte. Gleichzeitig würde der Baum auch verhindern, dass andere Schüler den Geheimgang entdecken würden.

F: Und dieser Plan hat das Kollegium überzeugt?

A: Wir haben hinterher häufig gescherzt, dass Pomona (Anmerk. d. I.: Sprout) in dem Moment einverstanden war, in dem Albus diesen riesigen Baum erwähnte, der erst noch gezüchtet werden musste. Da war sie nämlich sofort in ihrem Element und fing an zu überlegen, wie man das am besten anstellen könnte.

F: Und der Rest von Ihnen?

A: Bei einigen hatte Albus große Überzeugungsarbeit zu leisten. Nun, man darf nicht vergessen, dass die Lehrer, besonders die Hauslehrer, viel Verantwortung übernehmen. Sie sind für ihre Schüler so etwas wie der Elternersatz und umgedreht sind die Schüler auch eine Art Kinder für viele von uns. Man möchte nicht, dass ihnen etwas passiert. Und natürlich hatten wir keinerlei Garantie dafür, dass Albus' Plan funktionieren würde. Wie sollten wir denn im Zweifelsfall wütenden Eltern erklären, dass ihre Tochter oder ihr Sohn von einem Werwolf angegriffen wurde?

F: Aber der Plan wurde in die Tat umgesetzt?

A: Ja, das wurde er. Eine kleine Hütte, am äußeren Rand des Schulgeländes und an der Grenze zu Hogsmeade, wurde gebaut, mit Zaubern versehen und mit Möbelstücken ausgestattet. Die Idee dahinter war, dass die Zauber den Werwolf davon abhalten würden, die Wände oder Fenster der Hütte zu zerstören und hinaus zu gelangen. Warum genau es uns damals wichtig erschien, Möbelstücke hinzuzufügen, weiß ich nicht mehr. Aber Remus (Anmerk. d. I.: Lupin) sagte mir später einmal, dass sie dabei halfen, die Aggressionen irgendwie loszuwerden. Das klingt furchtbar. Ich glaube, bei all unseren theoretischen Plänen haben die Meisten von uns keinen Gedanken daran verschwendet, wie sich der Schüler, den wir erst einmal nur als den „Werwolf" kannten, fühlen würde.

F: Welche Maßnahmen wurden noch ergriffen, außer der Hütte?

A: Pomona steckte viel Arbeit und Mühe in diesen Baum, den sich Albus ausgedacht hatte. Heraus kam am Ende die sogenannte Peitschende Weide. Man hatte zuvor einen künstlichen Geheimgang angelegt, der von der Hütte bis zum Schulgelände führte. Direkt an den verborgenen Eingang wurde der Baum gepflanzt.

F: Und wie sollte der Schüler in den Gang gelangen, wenn er dabei von einer wütenden Weide angegriffen wurde?

A: Das war der Trick an der Sache. Wenn man eine bestimmte Wurzelknolle drückte, dann hielt der Baum inne, er erstarrte sozusagen, und man konnte unbehelligt in den Geheimgang steigen. Um diesen Trick anwenden zu können, benötigte man jedoch eigentlich einen Zauberstab, da man ohne Magie nicht nahe genug an die Wurzelknolle herankam ohne sich dabei Verletzungen zuzuziehen.

F: Also sollte der Schüler sich selbst in die Hütte geleiten und dort über Nacht bleiben?

A: Nein. Jemand sollte den Schüler begleiten und am nächsten Morgen auch wieder abholen. Das hatten wir bereits frühzeitig besprochen.

F: Und dieser Jemand waren Sie.

A: Ja. Diese Aufgabe fiel mir zu. Wir dachten damals, dass es nicht schaden könne, jemanden zur Stelle zu haben, der sich um etwaige Verletzungen kümmern konnte.

F: Sie klingen ein wenig verbittert.

A: Es ist einfach so, dass wir keine Ahnung hatten, was auf uns zukam. Ich glaube, viele von uns stellten sich vor, einem hünenhaften, leicht verrohten Jungen zu begegnen, der auch im Unterricht ständig für Ärger sorgen würde, weil er sich mit seinen Klassenkameraden prügeln oder duellieren würde, um überschüssige Energie loszuwerden. Wir lagen ja so unglaublich falsch.

F: Inwiefern?

A: Albus hatte sich bereits frühzeitig aufgemacht, um mit den Eltern des Jungen in Kontakt zu treten und ihnen zu erklären, dass er ihrem Sohn gerne ermöglichen würde, nach Hogwarts zu kommen und seinen Schulabschluss zu machen. Er hatte dabei auch den Jungen schon kennengelernt, uns gegenüber jedoch nie ein Wort über ihn verloren. Wir schwammen also völlig im Ungewissen. Wir wussten bis zum Schuljahresbeginn nicht einmal seinen Namen, weil Albus sich in den Kopf gesetzt hatte, dass wir all unseren Erstklässlern unvoreingenommen begegnen sollten.

F: Und dann?

A: Es war am ersten Tag, nach dem Abendessen. Ich war in der Krankenstation, um zu überprüfen, ob meine gelagerten Heiltränke noch in Ordnung waren. Albus und ich hatten vereinbart, dass der Junge sich direkt am ersten Abend bei mir melden sollte, damit wir uns kennenlernen konnten, schließlich würde ich ihn von nun an einmal im Monat betreuen. Es klopfte also an der Tür, ich rief „Herein" und ein kleiner, schmächtiger Junge schob sich herein. „Guten Abend", sagte er leise und sehr höflich, „Bitte entschuldigen Sie die Störung, aber Professor Dumbledore sagte mir, ich solle bitte bei Ihnen vorbeischauen. Remus Lupin." Er streckte seine Hand aus und ich stand da und musterte ihn von oben bis unten, bis mir auffiel, dass es nicht gerade nett war, ihn so anzustarren. Es war, als hätte er all meine Vorurteile gepackt und zertreten.

F: Wie ging es weiter mit Ihnen und Remus Lupin?

A: Ich dachte, der erste Vollmond würde der schrecklichste werden, weil ich schließlich keine Ahnung hatte, worauf ich mich da überhaupt eingelassen hatte. Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen und ja, ich hatte Angst, Remus zu spät in die Hütte zu bringen oder ihn zu früh wieder abzuholen, sodass ich mich möglicherweise mit einem Werwolf konfrontiert sähe. Natürlich geschah nichts von alldem. Albus hatte von den Hauselfen ein kleines Päckchen mit Essen vorbereiten lassen, sodass Remus das Abendessen ausfallen lassen konnte. Stattdessen kam er zu mir in die Krankenstation und gemeinsam schlichen wir uns nach draußen. Natürlich ist es nicht sonderlich schwer, sich aus dem Schloss zu schleichen, wenn jeder beim Abendessen sitzt, aber mir schlug das Herz trotzdem bis zum Hals. Was hätte ich wohl geantwortet, wenn uns ein Schüler begegnet wäre, der mich gefragt hätte, wohin wir so spät noch unterwegs waren? Es ging jedoch alles gut. Ich brachte die Weide zum Stillstand, bis wir beide in den Geheimgang gerutscht waren. Dann liefen wir weiter. Ich redete die ganze Zeit, hauptsächlich, um Remus und mich abzulenken.

F: Abzulenken wovon?

A: Wie gesagt, ich war nervös. Und ich hatte den Eindruck, dass Remus auch nicht gerade sonderlich erfreut über die Situation war. Ich versuchte, ihn aufzumuntern, aber das funktionierte nicht. Es gibt keine Worte, die darüber hinweg trösten können, dass man sich gleich in einen Werwolf verwandeln wird, fürchte ich. Wir kamen in der Hütte an, ich packte das Abendessen aus und besprach mit Remus noch einmal, wann ich ihn wieder abholen würde. Dann ging ich. Es gab ja schließlich nichts, was ich für ihn tun konnte.

F: Und? War der erste Vollmond der schrecklichste?

A: Damals dachte ich das noch. Ich konnte die ganze Nacht über nicht schlafen, stattdessen stand ich in der Krankenstation am Fenster und behielt das Schulgelände im Auge, weil ich mir einbildete, ich würde es schon bemerken, sollte bei Remus etwas schiefgehen. Irgendwann kam Albus vorbei, mit einer Tasse Tee und ein paar Ingwerkeksen. Und dann saßen wir zu zweit in der Krankenstation und starrten nach draußen, bis die Sonne aufging. Ich wusste ja nicht, in was für einer Verfassung ich Remus finden würde, also habe ich eine gesamte Tasche voller Heiltränke und Salben gepackt und habe obendrein noch Frühstück von den Hauselfen mitgenommen.

F: Haben Sie die Tränke benötigt?

A: Vor allem die Salben. Ich … Ich dachte nicht, dass er nach dieser einen Nacht so aussehen würde, wie er es tat. Ich kam in der Hütte an und Remus lag auf dem Boden, er schlief, vollkommen erschöpft von dieser Nacht, aber sein Umhang und seine Kleider waren zerrissen, er blutete an Armen, Beinen, dem Oberkörper, hatte Schrammen im Gesicht. Ich glaube, es war gut, dass er nicht merkte, wie ich hereinkam. Ich habe mich ziemlich erschreckt, als ich ihn gesehen habe, und vielleicht hätte ihn das nur noch mehr verunsichert. Schließlich war ich von uns Beiden die Erwachsene, also hätte ich darauf gefasst sein müssen, hätte wissen sollen, was mich erwartete. Aber es war mein erster Vollmond. Seiner nicht.

F: Über die Jahre hinweg dürften Sie allerdings gut in Übung gekommen sein, oder nicht?

A: Das dachte ich auch. Richtig gewöhnen konnte ich mich jedoch nie. Bei jedem Vollmond dachte ich am nächsten Morgen: So schlimm ist es bisher noch nie gewesen. Und es gab ja nichts, was ich für Remus tun konnte, außer ihn hinterher zu verarzten. Er verletzte sich beständig selbst, weil er ja nichts hatte, woran der Werwolf sich abreagieren konnte. Dazu kam noch Remus' konstante Furcht, dass einer seiner Mitschüler herausfinden könne, wohin er jeden Monat verschwand. Gerade während der ersten Zeit in Hogwarts war diese Furcht sein heimlicher Begleiter. Sie war wie Remus' Schatten, er konnte sie einfach nicht ablegen.

F: War die Angst denn begründet?

A: Ich denke schon. Kinder sind neugierig. Sie wittern manchmal Geheimnisse, wo es gar keine gibt. Und welcher elfjährige Junge vermutet wohl kein Abenteuer, wenn der Schulkamerad jeden Monat verschwindet? Natürlich dachte Remus sich Lügen aus. Seine Mutter sei krank, sagte er häufig. Manchmal war ich in der Nähe, wenn er das erzählte, weil er nach dem Vollmond ab und zu noch einen Tag in der Krankenstation verbringen musste und dann Besuch bekam. Dann sagte er, seiner Mutter ginge es nicht gut und dass ich ihm Ruhe verordnet hätte, weil er sich so große Sorgen mache. Ganz blass wurde er da immer und er konnte niemandem in die Augen sehen. Er war kein guter Lügner. Wenn man sich ein bisschen anstrengte, dann konnte man kaum ignorieren, wie viel Überwindung es ihn kostete, seine Klassenkameraden und Freunde anzulügen.

F: Fiel es ihm leicht, Freunde zu finden?

A: Ich glaube, zu Beginn hat er versucht, sich mit niemandem anzufreunden. Ich weiß nicht genau, weshalb. Vielleicht hatte er es, nachdem er gebissen worden war, bei sich zu Hause nicht leicht gehabt, seine Freunde zu behalten. Vielleicht lebte er einfach schon zu lange mit diesem Vorurteil, dass Werwölfe keine Freunde haben können, weil sie früher oder später blutrünstig über sie herfallen werden. Geschichten dieser Art gibt es ja wirklich genügend. Vielleicht hatte er Angst, sich mit jemandem anzufreunden und dann irgendwann einmal damit rechnen zu müssen, dass sie ihn wie eine heiße Kartoffel fallen ließen, sollten sie die Wahrheit herausfinden.

F: Aber?

A: Aber er hatte seine Rechnung ohne seine Klassenkameraden aus Gryffindor gemacht. Es waren außer ihm noch drei andere Jungen im Schlafsaal und nachdem James Potter und Sirius Black sich mal zusammengerauft und ihre anfänglichen Schwierigkeiten überwunden hatten, schienen sie es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, Remus Lupin unter ihre Fittiche zu nehmen. Egal, wie sehr er sich auch dagegen wehren mochte: Sie wollten unbedingt, dass sie alle Freunde wurden. Das haben sie auch geschafft und ich bin mir sicher, nicht nur ein Lehrer hat insgeheim darüber mal geflucht. Einzeln waren sie ja noch ganz gut zu ertragen, aber im Viererpack wurde es mit den Jahren immer schwieriger, sie unter Kontrolle zu haben.

F: Hat er ihnen erzählt, dass er ein Werwolf ist?

A: Nein. Sie haben es herausbekommen. Und da Sirius Black ein ziemlich loses Mundwerk hat, war auch mir recht schnell klar, dass sie hinter Remus' Geheimnis gekommen waren. Albus hat dann allerdings noch ein Gespräch mit den Herren Potter, Black und Pettigrew angesetzt, um ihnen deutlich zu machen, wie immens wichtig es war, dass sie dieses Geheimnis für sich behielten, weil es hierbei eben nicht um Kleinjungenstreiche ging, sondern um viel mehr. Albus mochte uns Lehrer überzeugt haben, doch auch ihm war bewusst, dass Remus Lupin vermutlich die längste Zeit in Hogwarts gewesen wäre, sollte seine Lykanthropie an die Öffentlichkeit gelangen. Den meisten Eltern würde dieser Umstand nämlich eher nicht gefallen.

F: Wissen Sie, wie Remus reagiert hat, als er damit konfrontiert wurde, dass seine Freunde sein Geheimnis gelüftet hatten?

A: Da ich mich sozusagen direkt nebenan in meinem kleinen Büro befand, während Sirius Black Remus noch im Krankenbett offenbarte, dass sie Bescheid wussten – ja, ich konnte seine Reaktion ein wenig miterleben. Er wurde weiß wie die Wand, klammerte sich an seiner Decke fest und stammelte verzweifelt etwas von seiner kranken Mutter. Seine Freunde schauten ihn allerdings nur mitleidig an und Sirius erklärte ihm, dass er sich doch wirklich mal eine andere Ausrede einfallen lassen sollte. Ich bin mir sicher, im Nachhinein konnten alle Vier darüber lachen, doch in dem Moment war Remus vermutlich einfach nur schrecklich panisch. Jahrelang hatte er sich darum bemüht, sein Geheimnis zu bewahren, und in wenigen Sekunden stürzte das gesamte Konstrukt ein. Ich weiß nicht, was ihm in diesem Augenblick durch den Kopf gegangen ist, aber ich schätze, er hat sich gefragt, ob es bald ganz Hogwarts wissen wird, ob er die Schule verlassen muss, ob er seine Freunde verliert. Die Panik war ihm ins Gesicht geschrieben. Ich bin dann lieber einmal aus meinem Büro gekommen und habe seine drei Freunde zu Albus geschickt, damit Remus sich ein wenig beruhigen konnte.

F: Und seine Freunde? Haben sie so reagiert, wie er es befürchtet hat?

A: Nein. Sie haben zu ihm zugehalten. Ich glaube, in gewisser Hinsicht hielten sie es für einen großen Spaß, vielleicht für den größten, den sie jemals hatten. Es war nun nicht mehr länger Remus' Geheimnis, sondern sie teilten es zu viert. Manches ist dadurch sicher leichter geworden, weil Remus zumindest seine Freunde nicht länger anlügen musste, aber ich denke, je mehr Leute ein Geheimnis teilen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass einem mal ein falsches Wort entwischt.

F: Ist das während seiner Schulzeit passiert?

A: Nein. Jedenfalls nicht in diesem Sinne.

F: Aber?

A: Dafür später. Remus Lupin kehrte ja als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste nach Hogwarts zurück und hat schließlich zum Schuljahresende seine Stelle wieder aufgegeben, als … bekannt wurde, dass er ein Werwolf war.

F: Wie kam es dazu, dass er als Lehrer erneut an die Schule gerufen wurde?

A: Es war Albus' Idee, natürlich. Wir hatten, wie üblich, wieder einmal Schwierigkeiten, einen passenden Lehrer für dieses Fach zu finden. Albus hat, soweit ich weiß, über viele Jahre hinweg mit Remus Kontakt gehalten. Er wusste, dass Remus über sehr gute Kenntnisse in diesem Fach verfügte und bot ihm die Stelle an.

F: Und?

A: Arbeitsplätze sind rar gesät, wenn man unter Lykanthropie leidet. Man kann es vielleicht zu Beginn noch verstecken, aber irgendwann fällt auf, wenn man jeden Monat punktgenau zum Vollmond fehlt. Und es gibt nur sehr wenige Arbeitgeber, die bereit sind, Werwölfe zu beschäftigen, schließlich sind sie in der Gesellschaft noch immer verschrieen. Man findet also kaum eine Stelle, kann demnach kein Geld verdienen, keine Lebensmittel kaufen, keine Wohnung mieten. Albus' Angebot war ein Glücksgriff für Remus und trotzdem noch mit genügend Schwierigkeiten verbunden, um nicht wie ein Almosen zu wirken. Ich glaube, das hätte Remus nicht angenommen, jedenfalls nicht ohne viel Überzeugungsarbeit. Allerdings wurde es mit den Jahren immer schwieriger für Albus, passende Lehrkräfte zu finden, sodass er Remus mit Sicherheit aufzeigte, was für einen großen Gefallen Remus ihm damit eigentlich täte.

F: Wissen Sie etwas darüber, wie Remus Lupin die Jahre zwischen seinem Schulabschluss und der späteren Rückkehr nach Hogwarts verbracht hat? Hatte er eine Arbeitsstelle, ein geregeltes Leben?

A: Wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Ich glaube, damals hatte kein Werwolf ein geregeltes Leben. Die Lage ist, glücklicherweise, gerade dabei, sich ein wenig zu wandeln und zum Besseren zu gestalten, aber damals war es quasi unmöglich, eine Arbeit zu finden. Soweit ich weiß, hat sich Remus mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten, auch in der Muggelwelt, schließlich gehören Werwölfe dort ins Reich der Phantasie und kaum jemand überprüft einen Mondkalender. Aber auch Muggel halten nicht viel von Angestellten, die einmal monatlich krank werden und fehlen. Als Remus als Lehrer wiederkehrte, sah er meiner Ansicht nach nicht gerade aus, als würde er ein sorgenloses Leben führen.

F: Wie hat er als Erwachsener die Vollmonde in Hogwarts verbracht? Wieder in der Heulenden Hütte?

A: Nein. Severus hat ihm Wolfsbanntrank gebraut, jeden Monat. Den musste Remus vor dem Vollmond regelmäßig einnehmen. Das hat ihn zwar nicht vor der Verwandlung bewahrt, doch immerhin davor, sein menschliches Bewusstsein zu verlieren. Das heißt, er konnte sich als Remus in Wolfsform in seinem Büro aufhalten und schlafen.

F: Wissen Sie, wie er das empfunden hat?

A: Wir haben darüber gesprochen, ja. Ich war schließlich jahrelang diejenige, die ihn am Morgen nach den Vollmondnächten zu Gesicht bekam und seine Wunden verarztete. Da baut sich durchaus ein kleines Vertrauensverhältnis auf. Er empfand den Trank als Erleichterung, auch wenn es ihm nicht ganz behagte, auf jemand Anderen angewiesen zu sein. Aber ich glaube, er war dankbar dafür, dass ihm die Möglichkeit geboten wurde, den Trank einnehmen zu können.

F: Mal abgesehen davon, dass der Trank die Gefährlichkeit von Werwölfen minimiert – was, denken Sie, hat ihn für Remus Lupin derart hilfreich gemacht?

A: Schlicht und ergreifend die Tatsache, dass er immer noch er selbst bleiben konnte. Er steckte vielleicht in einem anderen Körper, aber er konnte den Wolfskörper plötzlich ebenso lenken wie seinen menschlichen. Niemand verliert gerne die Kontrolle über sich selbst und Remus war da keine Ausnahme. Ich schätze, ihm hat es noch nie gefallen, plötzlich nicht mehr klar denken zu können, nicht mehr seine eigenen Handlungen überwachen zu können.

F: Hat der Kontakt mit Remus Lupin Ihren eigenen Blick auf Werwölfe verändert? Und falls ja, in welche Richtung?

A: Ich weiß nicht genau, wie mein Blick vorher aussah. Relativ verschleiert, schätze ich. Ich kannte keinen Werwolf persönlich, war allerdings davon überzeugt, dass man es den betroffenen Zauberern und Hexen auf den ersten Blick würde anmerken können, weil sie doch sicherlich zu Gewalt neigen müssten. Ein elfjähriger, schüchterner Junge kann dieses Bild durchaus geraderücken. Sicher sind nicht alle Werwölfe so höflich und zuvorkommend wie Remus Lupin es war, aber das trifft auch nicht auf alle Hexen und Zauberer zu, nicht wahr? Pauschalisierungen greifen eben nicht.

F: Nicht einmal diese?

A: (lacht) Nein, vermutlich nicht einmal diese.


Anlage 4

Kurzmeldung des Tagespropheten vom 15. Juni 1942

Wie Armando Dippet, seines Zeichens Schulleiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, dem Ministerium am gestrigen Abend mitteilte, kam es am vergangenen Samstag an der Schule zu einem tragischen Vorfall. Die vierzehnjährige Myrtle Grey wurde tot aufgefunden. Professor Dippet versicherte dem Tagespropheten, dass er höchstpersönlich dafür sorgen werde, dass derartige Unfälle in Zukunft nicht wieder vorkommen werden. In der Zwischenzeit wurden außerdem die Sicherheitszauber, die Hogwarts umgeben, für wenige Stunden gelockert, um es den Eltern der muggelstämmigen Myrtle Grey zu ermöglichen, den Leichnam ihrer Tochter nach Hause zu holen.

„Ich bin zutiefst bekümmert über die jüngsten Vorkommnisse", meldete sich Schulleiter Dippet zu Wort, „Gleichzeitig möchte ich jedoch betonen, dass für unsere Schüler keinerlei Gefahr droht. Die Sicherheit unserer Schüler hat für meine Kollegen und mich höchste Priorität und wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, um diese Sicherheit jederzeit gewährleisten zu können. Ich bedauere sehr, dass es zu diesem tödlichen Unfall kommen konnte. Ganz Hogwarts, und besonders Ravenclaw, trauert um seine Schülerin."


Anlage 5

F: Was ist Ihre schlimmste Erinnerung?

A: Oh, nu, da gibt es mehrere, nich'? Is' nich' so einfach zu beantworten.

F: Sie müssen nicht, aber würden Sie sie mit uns teilen? Wenn es zu persönlich wird, können Sie jederzeit abbrechen.

A: Nuja, die erste is' der Tag, an dem mein Dad gestorben is', schätz ich. War schlimm für mich, so als zwölfjähriger Knirps. Ich … hab nich' damit gerechnet, er war noch nich' so alt, eigentlich, aber manchmal kann man nichts mehr machen, was? Aber ich war nich' bei ihm, als es passiert is'. Das tut mir heute noch Leid.

F: Und Ihre Mutter?

A: Die war schon lange fort. 'S war'n mein Dad und ich, immer. Wir zwei, verstehn' Se? Und plötzlich war ich allein. Da gab's dann nur noch Hogwarts und Dumbledore, 'türlich.

F: Bevor wir auf Professor Dumbledore zu sprechen kommen: Was ist Ihre andere schlimmste Erinnerung?

A: Azkaban. Ich dacht', ich würde sterben. Hab's mir sogar gewünscht, so grauenhaft war's dort. Voll mit Dementoren und die ham mich an Sachen denken lassen … Meinen Dad, wie sie mir erzählt ham, dass er gestorben is' … wie sie mich aus Hogwarts rausgeworfen ham … Plötzlich is' mir nix mehr eingefallen, was gut war in meinem Leben. Als wär das alles ausgelöscht wor'n, als wär's nie passiert, dabei wusst' ich doch, dass es passiert war.

F: Wie kam es dazu, dass Sie von Hogwarts ausgeschlossen wurden?

A: 'S war in meinem dritten Jahr, als es diese Vorfälle gab. Die Kammer des Schreckens wär geöffnet wor'n, hieß es, und der Erbe von Slytherin würde umgehen. Ich versteh' nich' viel davon, ich weiß nur, dass merkwürdige Dinge passiert sind. Angriffe. Und niemand wusst' nix genaues nich', nich'mal Dumbledore. Dann is' jemand getötet wor'n, 'n Mädchen, muggelstämmig. Ich wusst' nich', wie's passiert is'. Aber Riddle, Riddle hat mich bei was erwischt und Professor Dippet gesagt, ich wär's gewesen. Ich wär' Schuld an allem.

F: Wobei hat er Sie erwischt?

A: Ich … ich hab' ne Schwäche für magische Kreaturen, also solche, die nich' genügend Beachtung kriegen, weil se für gefährlich oder so gehalten werden. Als ich zwölf war, hat mir wer ein Ei geschenkt und ich hab' mich drum gekümmert, hab' dafür gesorgt, dass es immer schön warm is', so, als würd' es bebrütet wer'n. Es hat auch tatsächlich geklappt, 'ne richtige Acromantula is' geschlüpft, ein Männchen. Ich hab' ihn Aragog getauft und ihn aufgezogen.

F: Wie haben Sie das angestellt?

A: 'S war natürlich verboten, Acromantulas in Hogwarts zu halten, aber ich konnt' Aragog ja schlecht weggeben, er war doch noch so klein. Ich hab' ihn in 'nem Schrank versteckt, wo er's schön dunkel hatte, Acromantulas mögen das nämlich. Ich hab' ihm Essensreste besorgt und ihn so oft wie möglich besucht, damit er 'n bisschen Gesellschaft hatte und auch mal raus konnte. Dann ham die Angriffe angefangen und Riddle hat rausgekriegt, dass ich Aragog hatte und er dachte, er wär's, aber Aragog hätt' sowas nie nich' getan.

F: Doch Professor Dippet hat Ihnen nicht geglaubt?
A: Nee. Sie wussten, dass 'n Monster die Schule unsicher macht und ich hatte 'ne Acromantula, für ihn hat da alles zusammengepasst. Kann's ihm nich' vorwerfen, schätz' ich. Aragog konnt' zum Glück noch flieh'n, aber mich ham sie rausgeworfen. Ham gesagt, ich wär' Schuld, dass das Mädchen gestorben is' und ham meinen Zauberstab zerbrochen. 'S is' nich' weiter verwunderlich, ne? Riddle war Vertrauensschüler, hatte gute Noten. Dippet mochte ihn. Und ich, ich war 'n bisschen tollpatschig, hatte noch nie 'n Händchen für komplizierte Sprucharbeit. Mit Tier'n konnt ich besser umgehen als mit Menschen und Zaubersprüchen.

F: Wie ging es weiter, nachdem man Sie von der Schule verwiesen hatte?

A: Professor Dumbledore hat sich für mich eingesetzt, nich'? Hat Dippet gefragt, ob's nicht möglich wär, dass ich bei Mr Ogg, dem Wildhüter, bleiben könnt', um sein Gehilfe zu werden. Er wusste, wie viel mir das bedeuten würde. Ich meine, nach Hause hätt' ich zwar gekonnt, aber was hätt' ich da gesollt? Mein Dad war tot und meine Mutter längst weg. Ich war dreizehn, hatt' keine Ausbildung und, mal ehrlich, einer wie ich fällt auf, grad unter Muggeln. 'S war das Beste, was mir passieren konnt', dass ich in Hogwarts bleiben konnt', wenn schon nich' als Schüler, dann eben als Wildhütergehilfe.

F: Aber Gehilfe sind Sie ja nicht geblieben.

A: Nee. Als Mr Ogg aufgehört hat und in den Ruhestand wollt', da hat mich Professor Dumbledore gleich gefragt, ob ich nich' seinen Posten haben wollt'. Zu der Zeit war er nämlich schon Schulleiter. Weiß nich', ob er das hätt' durchsetzen können, wenn Dippet noch Direktor gewesen wär'. War kein schlechter Mann, Dippet, aber ich glaub', er hat immer gedacht, ich wär Schuld, dass das Mädchen damals gestorben is'.

F: Es war auch Albus Dumbledore, der Ihnen später die Stelle des Lehrers für Pflege Magischer Geschöpfe angeboten hat, nicht wahr?

A: Ja. Großartiger Mensch, Dumbledore. Hat immer an mich geglaubt, mir den Rücken gestärkt, mich verteidigt, wenn jemand schlecht über mich geredet hat. Er wusst' genau, wie gern ich mit magischen Tiere arbeite und dass ich viel von ihnen versteh', ich hab' mich ja jahrelang um die Geschöpfe gekümmert, die im Verbotenen Wald von Hogwarts leben und das sin' ne Menge!

F: Hatten Sie Bedenken, als Sie den Job angenommen haben?

A: Nuja, 's gibt immer welche, die's einem nich' gönnen, nich'? Die sagen, man hätt's nicht verdient und man würd's nich' können. Auf die darf man gar nich' hör'n. Ich hab' bestimmt nich' immer alles richtig gemacht im Unterricht … hab' manchmal zu viel erwartet oder nich' dran gedacht, dass die Schüler nich' die gleichen Erfahrungen ham wie ich, aber ich wusst' immer, dass ich's kann, wenn ich mich nur anstreng'.

F: 1995 hat Rita Kimmkorn durch einen Artikel im Tagespropheten publik gemacht, dass Sie mütterlicherseits von einer Riesin abstammen. Wie haben Sie die damalige Zeit erlebt?

A: Schön war's nich'. Wissen Se, mein Dad hat immer gesagt, ich soll mich nich' dafür schämen, wer ich bin, und ich hab' mich immer daran gehalten, nur nach dem Artikel nich'. Ich dachte, jetzt weiß es jeder, und was diese Kimmkorn da geschrieben hat … Das war nich' nur, dass ich 'n Halbriese bin, sie hat auch Schüler zitiert und behauptet, ich würde denen Angst machen und dass mein Unterricht gefährlich wär', dabei wollt' ich nie, dass jemand verletzt wird. Und die Riesen … das is' wie mit den Werwölfen, nich'? Gibt so viele Vorurteile und alle glauben se dran, ohne sich mal Gedanken zu machen.

F: Welche Vorurteile meinen Sie?

A: Na, dass Riesen so blutrünstig sin' und immer nur kämpfen und töten. Klar sin' se nich' nett und klar ham se sich damals dem Dunklen Lord angeschlossen, aber warum, hm? Weil der ihnen alles versprochen hat, was die Zauberer ihnen nich' gegeben ham. Hat gesagt, sie wär'n dann nich' länger verfolgt und müssten nich' mehr versteckt leben. Das hat ihnen natürlich gefallen, is' doch klar. So hat er sie dazu gebracht, dass se für ihn gekämpft ham und Riesen sin' nunma stark. Sie ham diese dicke Haut, die se vor den meisten Zaubern schützt, und sie ham jede Menge Kraft, sin' ja auch groß.

F: Wurden Sie offen angefeindet, nachdem herauskam, wer Ihre Mutter war?

A: Viele ham Dumbledore geschrieben, Hexen und Zauberer, die mich noch aus ihrer Schulzeit kannten, und ham ihm gesagt, dass er's ja nich' wagen soll, mich rauszuwerfen. Das fand ich schön, die Briefe hat er mir alle gezeigt. Aber 's gab auch andere, 'türlich. Welche, die nich' wollten, dass ihre Kinder von wem unterrichtet wer'n, der Riesenblut in seinen Adern hat. Dumbledore war das egal, er hat sich geweigert, mich gehen zu lassen und hat mir klar gemacht, dass es mir auch egal sein sollt', was solche von mir denken.

F: Neben Ihrer Arbeit als Wildhüter und Lehrer haben Sie außerdem Aufgaben für den Orden des Phönix erledigt. Weshalb sind Sie beigetreten?

A: Na, weil's wichtig war, oder nich'? 'S is' doch völlig egal, was man für Eltern hat und wie man aufgewachsen is', es zählt nur, wie man sich entwickelt, was man macht, wofür man einsteht. Manche der besten Hexen und Zauberer aller Zeiten war'n muggelstämmig, also was soll der Blödsinn von wegen, nur Reinblüter soll'n nach Hogwarts gehen? Wär's danach gegangen, hätt' ich nie 'ne Ausbildung gekriegt und schon gar keine zweite Schangse.

F: Sie sind für Dumbledore sogar zu den Riesen gegangen.

A: Ja. Er hat mich gefragt und wer bin ich schon, dass ich zu Albus Dumbledore Nee sag', nach allem, was er für mich gemacht hat? Man kann keine Zauberer als Abgesandte zu den Riesen schicken, das geht nich', das akzeptier'n sie nich', da denken sie gleich wieder, die Zauberer würden sich für was Besseres halten. Und allzu viele Riesen laufen nunma nich' rum, die man fragen und bitten könnt', oder? 'Türlich hab' ich's gemacht. War nur nich' so erfolgreich, wie ich's mir gewünscht hätt'.

F: Weshalb?

A: Weil er 's Gleiche gemacht hat, der Dunkle Lord. Und weil sie ihm mehr geglaubt ham als mir. Wissen Se, für die meisten Zauberer bin ich 'n waschechter Riese und keiner von ihnen. Aber für die Riesen bin ich einer, der keinen Riesen zum Vater hat und deshalb gehör' ich nich' zu ihnen. Ich bin kleiner als sie und ich leb' lieber unter Zauberern als in 'ner Horde. Das finden se nich' gut, also gibt es für sie keinen Grund, auf mich zu hör'n, schon gar nich', wenn einer kommt, der ihnen mehr versprechen kann.

F: Hoffen Sie, dass es irgendwann aufhört? All die Vorurteile, sei es gegenüber Riesen oder auch Werwölfen, ganz zu schweigen von Muggelstämmigen?

A: 'Türlich hoff' ich das. 'S wär schlimm, wenn's keine Hoffnung mehr gäb'.


Anlage 6

F: In deinem zweiten Schuljahr wurde die Kammer des Schreckens geöffnet. Wie hast du die Zeit damals erlebt?

A: Abgesehen davon, dass irgendwann vermutlich jeder zweite Schüler dachte, ich wäre der Erbe Slytherins und würde das Monster auf sie hetzen, wenn ich sauer auf sie war?

F: Äh, ja. Dazu kommen wir später bestimmt auch noch. Aber wie hat es begonnen?

A: Gerade am Anfang dachte ich, ich wäre auf dem besten Weg, verrückt zu werden. Ich konnte eine Stimme hören und sie schien aus den Wänden zu kommen. Mir war klar, dass das trotz all der Rätsel und Wunder, die Hogwarts zu bieten hat, nicht ganz normal sein kann. Und außer mir schien niemand diese Stimme wahrzunehmen. Das war ziemlich verwirrend, nicht nur für mich, auch für Ron und Hermione, denen ich das Ganze natürlich erzählt habe. Und wenn etwas geschieht, für das Hermione keine Lösung weiß, dann kann das schon ein wenig beängstigend sein.

F: Und dann begannen die Angriffe.

A: Ja. Es war schrecklich. Der Angriff auf Mrs Norris, Colin, schließlich Hermione. Wir hatten schon vorher ziemlich viel versucht, um herauszukriegen, wer hinter all dem steckte, aber als es dann auch Hermione traf, wurde das Ganze doch sehr persönlich. Abgesehen davon war es auch nicht sonderlich beruhigend, dass immer klarer wurde, dass auch die Lehrer keine Ahnung hatten, wer hinter diesen Angriffen steckte und wie sie vonstatten gingen.

F: Wie habt ihr mehr herausgefunden?

A: Hermione hat Professor Binns gefragt, doch allzu viele Informationen haben wir von ihm nicht gerade erfahren. Immerhin hatten wir dann ein Datum, zu dem die Kammer des Schreckens schon einmal geöffnet worden war. Und die Verbindung zu Salazar Slytherin wurde offensichtlich, da es sich ja schließlich um seine geheime Kammer handeln sollte, gebaut, um ein Monster zu beherbergen, das ihm dabei helfen sollte, Hogwarts von all den Schülern zu befreien, die unwürdig waren, dort zur Schule zu gehen und Zauberei zu lernen, kurz: um muggelgeborene Schüler zu töten.

F: Inwiefern hat euch das Datum weitergebracht?

A: Im Nachhinein betrachtet war es wohl ziemlich dumm und unvorsichtig, was ich tat, aber gut. Ich habe zufällig ein Buch gefunden, ein Tagebuch, mit lauter leeren Seiten. Der Name, der darin geschrieben stand, sagte mir nichts. Das Datum passte allerdings, der Kalender stammte exakt aus dem Jahr, in dem angeblich die Kammer des Schreckens zum ersten Mal geöffnet worden war. Ich habe ein bisschen etwas ausprobiert und dann festgestellt, dass ich dem Tagebuch schreiben konnte. Und dass es mir antwortete. Also habe ich gefragt, ob es mir etwas über die Kammer des Schreckens sagen konnte.

F: Was war die Antwort?

A: Dass es mir nichts sagen könne, dafür aber etwas zeigen.

F: Hast du eingewilligt?

A: Ja. Ich war schließlich neugierig. Ich wollte unbedingt herausfinden, wer damals die Kammer des Schreckens geöffnet hatte, weil ich dachte, dass es vielleicht Hinweise darauf geben könnte, wer jetzt für all die Angriffe verantwortlich war.

F: Was hat dir das Tagebuch gezeigt?

A: Ich bin sozusagen in eine Erinnerung desjenigen gefallen, dem das Tagebuch gehörte. Wie sich ja später herausstellen sollte, war das Tagebuch Eigentum von Lord Voldemort, von daher war das Ganze natürlich mit Vorsicht zu genießen, aber das wusste ich damals noch nicht, weil ich keine Ahnung hatte, dass sein bürgerlicher Name Tom Riddle war.

F: Hättest du die Erinnerung anders behandelt, wenn du gewusst hättest, von wem sie stammte?

A: Ja, sicher. Dass Lord Voldemort gut darin ist, Menschen zu manipulieren und sich Dinge zurechtzubiegen, ist kein Geheimnis. Ich hätte vermutlich geahnt, dass etwas an der Sache faul war, dass es nur eine Illusion war, eine Täuschung, der ich erliegen sollte, weil Riddle das so geplant hatte. Es war schließlich kein Zufall, dass er mir ausgerechnet diese Erinnerung vorführte. Er wollte, dass ich Hagrid gegenüber misstrauisch wurde.

F: Was genau hat sich also in der Erinnerung verborgen?

A: Riddle führte mich zurück zu dem Abend, an dem der – angeblich – Schuldige gefasst worden war. Ich begleitete Riddle durch Hogwarts und erlebte zuerst mit, wie der Schulleiter ihm mitteilte, dass er keinesfalls über die Sommerferien in der Schule bleiben könnte und daher zurück in das Waisenhaus gehen sollte, in dem er aufgewachsen war, da Hogwarts wegen der Angriffe nicht länger sicher sei. Ich schätze, Riddle hat deswegen die Erinnerung an dieser Stelle beginnen lassen, weil er wollte, dass ich Mitleid mit ihm empfand und sein Handeln besser nachvollziehen konnte.

F: Hat das funktioniert?

A: Ich sagte es ja: Voldemort war gut darin, Menschen zu manipulieren. Zum damaligen Zeitpunkt hat es funktioniert und ich habe ihm mehr geglaubt als einem meiner Freunde. Aber der Reihe nach: Riddle deutete an, dass er mehr über die Angriffe und den Verantwortlichen wusste, als er dem Schulleiter gegenüber preiszugeben bereit war. Ich folgte ihm in der Erinnerung durch das nächtliche Hogwarts, wo er durch die Gänge schlich und schließlich einen Mitschüler dabei ertappte, wie dieser ein Tier freiließ. Es schien, als wäre dieses Tier das Monster aus der Kammer des Schreckens und als wäre der Junge, der sich um dieses Tier kümmerte, der Verantwortliche für die Angriffe.

F: Und wer war dieser Junge?

A: Hagrid. Wie man es auch drehte und wendete, alles deutete darauf hin, dass er damals Schuld gewesen war. Ich dachte zwar nicht, dass er es absichtlich gemacht hatte, das auf keinen Fall, aber ich dachte trotzdem, dass einer meiner besten Freunde mit der Kammer des Schreckens zu tun hatte. Das ist wirklich schlimm genug, finde ich.

F: Hattest du vorher jemals Gelegenheit gehabt, Hagrid zu misstrauen?

A: Nein, nie. Im Gegenteil.

F: Wie habt ihr euch kennengelernt?

A: Hagrid war der Erste aus der Zaubererwelt, den ich traf, der Erste, der mir überhaupt etwas über diese Welt erzählte und mir sagte, dass ich ebenfalls zu ihr gehörte. Meine Verwandten hatten verhindert, dass ich meinen Hogwartsbrief bekam, also hat Dumbledore Hagrid losgeschickt, um mich zu suchen. Von Hagrid habe ich erfahren, wer meine Eltern waren, wie sie gestorben sind. In gewisser Weise hat er mir gesagt, wer ich eigentlich bin. Er hat mir die Winkelgasse gezeigt und mir meine Schneeeule geschenkt. In Hogwarts hat er mich zu Tee und selbstgebackenen Keksen eingeladen, er hat mir eine Flöte geschnitzt und ein Album mit Photographien meiner Eltern gegeben. Er ist der erste Freund, den ich je hatte.

F: Und Riddle hat es geschafft, dieser Freundschaft einen Riss zu verpassen?

A: Das nicht, nein. Aber ich habe mich hinterher unglaublich dafür geschämt, ihm geglaubt zu haben, obwohl ich doch hätte wissen müssen, dass Hagrid natürlich unschuldig war. Stattdessen war es Riddle – Voldemort –, der die Kammer geöffnet und den Basilisken auf die Schüler losgelassen hatte. Wie ich schon sagte: Er war ein Meister der Manipulation.

F: Später wurde Hagrid nicht nur dein Freund, sondern auch dein Lehrer. Wie hast du das empfunden?

A: Ein bisschen merkwürdig war es schon. Klar habe ich Respekt vor Hagrid und all das, aber trotzdem habe ich nie vergessen, dass es mein Freund ist, der da vor meiner Klasse steht und versucht, uns etwas beizubringen, unsere Begeisterung für mehr oder minder gefährliche Tiere zu wecken und dabei eine gute Figur abzugeben. Sagen wir es so: Wenn bei einem der anderen Lehrer – Professor McGonagall oder Flitwick – im Unterricht etwas schieflief, dann war mir das schnuppe, manchmal war es sogar witzig. Ich machte mir jedenfalls keine Sorgen um ihren Ruf als Professoren. Bei Hagrid war das anders. Da habe ich bei jeder noch so kleinen Panne mitgelitten, ganz zu schweigen von den, äh, etwas größeren.

F: Ignorier das dämliche Wortspiel, aber apropos groß: Du wusstest lange Zeit nicht, dass Hagrids Mutter eine Riesin war, oder?

A: Stimmt. Es gab, über die Jahre hinweg, immer wieder Situationen, in denen nur allzu deutlich wurde, dass ich eben unter Muggeln aufgewachsen war und dass mir manches, was für Zauberer selbstverständlich war, unbekannt war. Als ich zufällig mitbekam, dass Hagrid von einer Riesin abstammte, fand ich es nicht sonderlich schlimm, aber die Reaktion, die Ron daraufhin zeigte, machte mir ziemlich deutlich, dass es in der Zaubererwelt längst nicht so gelassen gehandhabt wurde.

F: Hat das für dich irgendetwas geändert, in deiner Beziehung zu Hagrid?

A: Nein. Nichts.

F: Aber glaubst du, dass es für Andere etwas geändert hat?

A: Ich weiß nicht. Vermutlich nicht für diejenigen unter uns, die mit Hagrid befreundet waren oder schon über längere Zeit hinweg ein gutes Verhältnis zu ihm hatten. Das gilt in besonderer Weise wohl für die Gryffindors und da auch am meisten für die, die genauso alt waren wie ich, schätze ich, weil sie durch mich wahrscheinlich noch einen anderen Bezug zu Hagrid hatten. Und für die Anderen – keine Ahnung. Wenn man jemanden nicht mag oder sich abfällig über ihn äußern möchte, dann findet man immer etwas, worüber man sich lustig machen kann, schätze ich. Und Hagrids Familiengeschichte hat vielleicht einen besonderen Anreiz geliefert.

F: Hat Hagrid das ähnlich locker gesehen wie du?

A: Nicht im Geringsten. Und das war wirklich merkwürdig. Hagrid ist niemand, den etwas so leicht aus der Bahn werfen kann, er hat schon so einiges erlebt und auch überstanden, aber nachdem Rita Kimmkorn der Öffentlichkeit verraten hatte, dass Hagrid von einer Riesin abstammte, verkroch er sich in seiner Hütte und weigerte sich eine Zeitlang, mit uns zu reden, bis wir, äh, relativ lautstark deutlich machten, dass es uns wohl kaum egaler sein konnte, ob seine Mum nun eine Riesin war oder nicht. Jedenfalls hat mich das nachdenklich gemacht. Dass ein Vorurteil wie die Abstammung von Riesen jemanden wie Hagrid derart aus der Bahn werfen konnte.

F: Du hast die Zaubererwelt erst im Alter von elf Jahren kennengelernt. Ist sie dir wie eine Gesellschaft erschienen, in der viele Vorurteile herrschen?

A: Du meinst, im Vergleich zur Muggelwelt?

F: Nicht zwangsläufig, aber wenn du darauf eine Antwort hast, bitte.

A: Ich fürchte, beide Welten haben ihre Klischees und Vorurteile, die nur schwer abgelegt werden können. In der Muggelwelt war es lange Zeit die Hautfarbe; in der Zaubererwelt war es, soweit ich das beurteilen kann, über Jahrhunderte hinweg die Frage nach der Herkunft, also, ob es in der Verwandtschaft Muggelstämmige gab oder nicht. Außerdem waren Riesen und Werwölfe verpönt; Hauselfen wurden unterdrückt und wie Tiere gehalten; auf Kobolde wurde herabgeschaut. Man musste nur den Blick ein wenig schärfen, dann hat man das alles sehen können.

F: Das klingt, als würde ein Aber folgen.

A: Vielleicht, ja. Aber ich glaube, dass viele eben nicht hingeschaut haben.

F: Warum? Hast du eine Vermutung?

A: Vielleicht aus Gewöhnung? Ich weiß es nicht. Als Hermione mitbekam, dass es Hauselfen gab und dass sie im Prinzip keinerlei Rechte hatten, war sie fürchterlich empört, während Ron, der ja aus einer Zaubererfamilie stammt, es kaum nachvollziehen konnte, weil er mit dem Bild des typischen Hauselfen aufgewachsen war, auch wenn es in seiner Familie keine gab. Vielleicht braucht es manchmal jemanden von außerhalb, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

F: Um mal kurz den Advocatus Diaboli zu spielen: Allerdings haben Klischees irgendwo ihren Ursprung, einen wahren Kern.

A: Ja, sicher. Riesen sind nun einmal groß und stark und daher bestimmt furchteinflößend, aber zu den Monstern, als die man sie lange betrachtet hat, wurden sie erst im Laufe der Zeit, als man begann, sich Schauermärchen über sie zu erzählen, sie zu meiden, sie zu bekämpfen – ist es da verwunderlich, wenn sich die Riesen immer weiter zurückzogen und lieber unter sich blieben, nachdem sie mit Hexen und Zauberern schlechte Erfahrungen gemacht hatten? Gleiches gilt für die Werwölfe. Irgendwer ist schließlich auf die Idee gekommen, dass es ratsamer ist, sich bedeckt zu halten, anstatt sich offen anfeinden zu lassen. Und wer kann ihnen das verübeln?

F: Mit Werwölfen hast du deine ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Willst du kurz darüber berichten?

A: In unserem dritten Schuljahr war Remus Lupin als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste in Hogwarts. Ich wusste bis kurz vor den Ferien nicht, dass er ein Werwolf war. Es gab keinerlei Anzeichen, nichts von dem, was man klischeemäßig erwartet hätte. Er war ein toller Lehrer. Er half mir, die Dementoren zu bekämpfen, opferte seine Freizeit, um mir den Patronus-Zauber beizubringen. Er war der erste Lehrer, der mit uns praktischen Unterricht machte. Wir mochten ihn, alle. Dann fand ich heraus, dass er meine Eltern gekannt hatte, mit ihnen befreundet gewesen war. Und dann kam die Nacht, in der wir die Wahrheit über Sirius Black erfuhren.

F: Und die Wahrheit über Remus Lupin.

A: Ja. Auch wenn Hermione es wohl schon eine ganze Weile gewusst hatte. Ron rief Remus zu, dass er, der Werwolf, von ihm wegbleiben solle. Im Nachhinein glaube ich, dass es Remus ziemlich verletzt haben muss. Er und Sirius sprachen darüber, dass sie sich damals gegenseitig misstraut hatten, als es darum ging, wer Geheimniswahrer für meine Eltern werden sollte. Sirius hatte es ursprünglich werden sollen, aber sie änderten den Plan und erzählten Remus nichts davon. Keiner der Beiden erwähnte es, doch ich denke, dass es irgendwo damit zusammenhing, dass Remus ein Werwolf war. Vielleicht nicht bewusst, auf keinen Fall bewusst, immerhin waren sie jahrelang befreundet gewesen, aber vielleicht lagerte das alte Vorurteil irgendwo im Hinterkopf.

F: Hat sich dieses Vorurteil für dich irgendwie bestätigt?

A: Nein. Ich weiß, dass es Werwölfe gab und gibt, die völlig anders sind als Remus es war. Mir ist allerdings auch bewusst, dass etliche dieser Werwölfe keine andere Wahl hatten. Bei all den Problemen, die es für sie noch immer gibt in der magischen Gesellschaft, ist es vermutlich schwer, optimistisch zu bleiben und nicht einfach auszurasten, vor allem, wenn man diesen Wolf in sich trägt und er manchmal nur knapp unter der Oberfläche lauert. Das soll keine Entschuldigung sein, aber ich kann verstehen, wie es ist, wenn sich die ganze Welt schwarz und hoffnungslos anfühlt.

F: Inwiefern hat Remus dein Bild vom Werwolfen geprägt?

A: Ziemlich vollständig, würde ich sagen. Er war der erste Werwolf, den ich kannte, und über die Jahre hinweg habe ich miterlebt, wie schwer er daran getragen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, was es für eine Last und Qual sein muss, sich jeden Monat verwandeln zu müssen und rein gar nichts dagegen tun zu können. Remus hatte nichts getan. Er wurde als Kind gebissen und im Prinzip wurde damit sein Leben zerstört. Ja, es gab einen Albus Dumbledore, der ihm den Schulbesuch ermöglichte, immerhin, aber später musste Remus dennoch sehen, wie er zurechtkam, wo er eine Arbeit finden konnte, wo er ein paar Galleonen oder Pfund verdienen konnte, um nicht elendig verhungern zu müssen. Was für ein Leben ist das?

F: Siehst du eine Chance auf Besserung?

A: Ja. Es gibt den Wolfsbanntrank, den Remus später auch genommen hat, und der eine enorme Verbesserung ist, soweit ich das beurteilen kann. Mithilfe des Trankes kann man, hoffentlich, auch das Bild ändern, das die Gesellschaft vom Werwolf hat, denn immerhin vermindert der Trank die Gefahr, die vom Werwolf ausgeht. Dann wird es vielleicht sogar möglich sein, geregelte Arbeiten zu finden und die allgemeine Lebenssituation von Werwölfen zu verbessern. Dazu müssen wir allerdings alle etwas beitragen und uns von unseren Vorurteilen verabschieden.

F: Nur noch einmal kurz als Ende unseres Interviews: Du hast selbst häufig genug gegen Anfeindungen kämpfen müssen, wenn beispielsweise in Zeitungen behauptet wurde, dass du – und auch Dumbledore – den Verstand verloren hättest und Lügen erzählen würdest. Aber du hast auch erfahren müssen, wie es ist, wenn man mit Klischees konfrontiert wird.

A: Ja. Wir hatten es ja am Anfang schon kurz angesprochen, nämlich mein zweites Schuljahr, als plötzlich halb Hogwarts dachte, ich wäre der Erbe von Slytherin und hätte das Monster losgelassen, um Muggelstämmige zu töten.

F: Worauf ging das zurück?

A: Auf die Tatsache, dass ich Parsel sprechen konnte – etwas, was mir zum damaligen Zeitpunkt zwar bewusst war, aber ich hatte von dem Begriff Parsel noch nie etwas gehört und wusste auch nicht, dass mit ihm offenbar nicht gerade positive Aspekte verbunden wurden. Ich konnte also mit Schlangen reden, habe das blöderweise vor der gesamten Schule getan und war hinterher als Slytherins Erbe verschrieen, da er als großer Parselmund gilt.

F: Was war das für eine Erfahrung?

A: Naja. Ich habe am eigenen Leib gespürt, wie verbohrt und festgefahren die Zauberergemeinschaft sein kann, wenn es um bestimmte Charakterzüge oder Ähnliches gilt, die seit Jahrhunderten in Geschichten immer weiter ausgeschmückt werden. Ich bin davon überzeugt, dass es irgendwann mal weiter verbreitet war, mit Schlangen sprechen zu können, dann starb diese Fähigkeit langsam aus, sodass es zu etwas Besonderem wurde, und dann erinnerte man sich plötzlich nur noch daran, dass Salazar Slytherin das konnte und weil Salazar Slytherin als böse galt, war nun auch diese Fähigkeit eine böse. Ende.

F: Und hat sich das mittlerweile geändert?

A: Keine Ahnung. Vielleicht. Die Fähigkeit ist eigentlich eine ganz nützliche, also sollten wir aufhören, sie mit gut oder böse zu belegen, sondern stattdessen lieber versuchen, mit ihr zu arbeiten. Warum muss man Unbekanntes immer erst einmal schlecht machen? Sicher, man hat Angst vor dem Unbekannten, aber man könnte doch versuchen, es zu entdecken und zu verstehen anstatt es unbesehen zu verteufeln.