Anmerkung: Liebe Alle,
es hat wieder länger gedauert als angekündigt und erhofft, aber zwischendurch musste das Semester beendet und mussten zwei Hausarbeiten geschrieben werden. Und jetzt, pünktlich vor Semesterbeginn, kann ich die letzten Anlagen für diese Geschichte hochladen. Ich hoffe, sie gefallen euch; ich hoffe, sie können noch ein letztes Mal Anregung liefern (für die Vorlesung, aber natürlich auch für unseren lieben Dozenten). Ich hoffe, sie enttäuschen euch nicht.
Ich möchte an dieser Stelle auch ein riesiges und von Herzen kommendes Danke sagen, für's Lesen, für all eure wunderbaren Rückmeldungen, für Reviews (auch wenn ich fürchte, dass ich es diesmal nicht hinbekommen habe, auf alle zu antworten, kann das sein?) und Nachrichten, für Favoriteneinträge, die mittlerweile bei weitem alles übersteigen, was ich jemals an Erwartungen und Hoffnungen für diese Geschichte hatte. Danke.
Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen. (Und, übrigens: Wer Fragen hat zu Charlie und Theo – obwohl ich hoffe, dass man es verstehen kann –, der kann zwar nicht in meine Sprechstunde kommen, kann mir jedoch sehr, sehr gerne schreiben und fragen.)
Anmerkung:
Liebe Studierende,
anbei finden Sie wie üblich das Material für unsere nächste Sitzung. Wie bereits erwähnt möchte ich Sie bitten, sich die Zeit zu nehmen und sich mit den vorliegenden Texten ausführlich zu beschäftigen, sodass wir unsere letzte reguläre Vorlesung hoffentlich mit einer anregenden Diskussion beenden können. Mir ist bewusst, dass es sich dabei nicht immer um einfaches Material handelt, aber glauben Sie mir, dass es sich lohnen wird, zur nächsten Sitzung vorbereitet zu erscheinen.
Da Sie zu Theodore Nott und Charlie Weasley (vgl. Anlage 6) voraussichtlich nicht viel werden recherchieren können, da es sich hierbei um rein private Angelegenheiten handelt, möchte ich kurz erklärend hinzufügen, dass sich die beiden Herren im Dezember 1999 beruflich in Rumänien trafen. Im Zuge dessen kam es zu einer Auseinandersetzung, jedoch auch zu einer Art Waffenstillstand. Im Anschluss daran sind die Briefe entstanden, die ich Ihnen auszugsweise beigefügt habe. Sollten Sie hierzu Rückfragen haben, können Sie mir schreiben oder in meiner Sprechstunde vorbeikommen.
Ihnen eine angenehme Woche.
Anlage 1
F: Du bist gerade befördert worden und arbeitest nun für die Internationale Vereinigung von Zauberern – herzlichen Glückwunsch!
A: Danke sehr.
F: Hat sich damit für dich ein langgehegter Traum erfüllt?
A: In gewisser Hinsicht auf alle Fälle, ja. Der Job ist nicht gerade unwichtig und ich verbringe meine Zeit damit, beständig mit Zauberern und Hexen aus allen möglichen Ländern zusammenzuarbeiten. Das ist großartig und spannend.
F: Und mit viel Verantwortung gesegnet. Steigt einem das manchmal zu Kopf?
A: Nein. Nicht mehr. Man hat plötzlich all diese Macht – oder hätte sie zumindest, theoretisch, man ist ja eigentlich nur ein Abgeordneter, mehr nicht – und muss irgendwie damit umgehen können, ohne sie zu missbrauchen. Ich glaube, für manche ist das gerade am Anfang schwer, besonders, wenn wieder einmal ein Internationaler Kongress stattfindet und die Reporter an jeder Straßenecke campieren, um ein Photo zu erhaschen. Da kann man sich durchaus fühlen wie eine kleine Berühmtheit.
F: War es für dich ebenfalls schwierig?
A: Nein. Diese Lektion habe ich bereits vor Jahren abgehakt.
F: Inwiefern?
A: Ich hatte schon immer das, was man vermutlich hochtrabende Träume nennt. Ich war Vertrauensschüler und Schulsprecher, hatte erstklassige Noten – und das war mir wichtig. Ich wollte genauso gut sein wie meine beiden älteren Brüder, vielleicht sogar besser. Ich kannte die Regeln in- und auswendig und ich wollte, dass sie befolgt werden, weil ich dachte, dass dann alles viel besser läuft, wenn wir uns strikt an die Gesetze halten.
F: Und, was sagt deine Erfahrung? Stimmt es?
A: Eher nicht.
F: Nach deinem Schulabschluss hast du im Ministerium angefangen und dich von deiner Familie abgewandt, um deine Loyalität stattdessen deinem Vorgesetzten und dem Ministerium zu schenken.
A: Ja.
F: Warum?
A: Ich dachte, es wäre richtig so. Im Ministerium legt man die Regeln fest, nach denen wir uns richten und nach denen wir leben. Ohne diese Gesetze kann keine Gemeinschaft funktionieren. Und wer die Gesetze macht, der muss Recht haben, dachte ich, in allen Punkten.
F: Du hast nicht daran geglaubt, als Harry Potter die Rückkehr des Dunklen Lords verkündete, oder?
A: Ich weiß nicht genau. Ich wollte nicht daran glauben.
F: Weshalb nicht?
A: Der Gedanke, dass einer der mächtigsten Schwarzmagier der Geschichte wieder aktiv ist, behagt niemandem, möchte ich behaupten. Vielleicht hatte es etwas mit Verdrängung zu tun, mit Nichtglaubenwollen, weil es dann einfacher war, den Alltag zu ertragen und weiterhin ein normales Leben zu führen. In meiner frühen Kindheit herrschte Krieg, man musste ständig Angst haben.
F: Hast du viele Erinnerungen an diese Zeit?
A: Nein, nicht allzu viele. Manche sind verschwommen, schließlich war ich erst knapp vier Jahre alt, als der Dunkle Lord verschwand. Aber ich weiß noch, dass es Momente gab, in denen ich gemerkt habe, dass meine Eltern sich vor etwas fürchteten und dass sie nicht wussten, was sie dagegen unternehmen sollten. Zu dem Zeitpunkt habe ich vielleicht zum ersten Mal gespürt, dass meine Eltern nicht allmächtig sind, und es war viel zu früh, um das zu realisieren.
F: Weil es Kindern nur noch mehr Angst macht, wenn die Eltern sie ebenfalls haben?
A: Ja.
F: Aber war es später im Ministerium nicht genau das Gleiche? All die Hexen und Zauberer, die gesagt haben, dass es Schwachsinn sei, dass Voldemort zurück sei, hatten die nicht ebenfalls Angst?
A: Ich habe nie einen von ihnen gefragt, aber heute vermute ich es. Damals nicht. Ich schätze, sie waren bessere Schauspieler als meine Eltern. Sie klangen ziemlich überzeugt im Ministerium, vor allem dann, wenn sie irgendwelche alten Geschichten wieder herausgekramt und erzählt haben, dass Albus Dumbledore schon früher ganz gerne einmal abenteuerliche Theorien aufgestellt hat.
F: Also schien es, als seien sie unsterblich. Bist du deshalb bei ihnen geblieben statt bei deiner Familie?
A: Vielleicht.
F: Oder weil sie dir etwas anbieten konnten, was deine Familie nicht konnte? Eine hohe Stellung im Ministerium, Macht, eine Sonderposition, wie du sie sonst womöglich nicht hättest einnehmen können?
A: Ich sagte es ja: man muss lernen, mit dieser Macht umzugehen. Bei mir hat es eine Weile gedauert.
F: Du hast dich von deiner Familie losgesagt und hast sogar versucht, deinen Bruder Ron zu überreden, sich von seinem besten Freund Harry Potter abzuwenden.
A: Ja. Hat er mir übel genommen, übrigens.
F: Überrascht mich nicht. Trotzdem bist du zur Schlacht um Hogwarts gekommen und hast gekämpft. Warum?
A: Manche mögen es Arroganz nennen, ich halte es für gesundes Selbstbewusstsein: ich weiß, dass ich überdurchschnittlich intelligent bin, auch wenn manche Beweise entschieden dagegen sprechen mögen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder klar sehen konnte, doch am Ende hat der gesunde Menschenverstand gesiegt. Voldemort war zurückgekehrt und hatte das Ministerium in der Hand. Ich weiß nicht, wie ich so lange die Augen davor verschlossen halten konnte. Also habe ich das einzig Richtige getan und habe gegen ihn und seine Anhänger gekämpft.
F: Lässt sich das denn mit den Gesetzen, an denen du so hängst, vereinbaren?
A: Definitiv. Und glaub bloß nicht, ich merke es nicht, wenn man mich aufzieht. Es hinterlässt seine Spuren, wenn man mit Fred und George aufwächst.
F: Tschuldige. Du wolltest sagen?
A: Unsere Gesetze sprechen sich gegen Diktatur und Willkürherrschaft aus. Sie besagen auch ziemlich eindeutig, dass die Herkunft einer Hexe oder eines Zauberers von höchstens geringfügiger Bedeutung ist und zwar insofern, dass nichtmagische Verwandtschaftsbeziehungen keinerlei negativen Einfluss haben und dass niemand aufgrund seiner Herkunft diskriminiert werden darf. Das mag in früheren Jahrhunderten anders gewesen sein, aber mittlerweile ist die Gesetzgebung in der Moderne angelangt. Ich bin so erzogen worden, dass ich keine Vorurteile gegenüber den sogenannten reinblütigen Hexen und Zauberern habe und auch keine gegenüber denjenigen, die aus Muggelfamilien stammen oder die einen gemischten Hintergrund haben. Letztenendes entscheiden unsere Handlungen, unser Fleiß, auch unser Talent und unsere Intelligenz darüber, welche Stellung wir innerhalb der magischen Gemeinschaft einnehmen.
Anlage 2
Auszug aus den Notizen zur laufenden Abschlussarbeit Zwei Enden eines Spektrums. Zur Rivalität zwischen Slytherin und Gryffindor im historischen und aktuellen Vergleich (2013, Hyacinth MacArthur, Historisches Institut, Magische Universität Oxford)
Hyacinth MacArthur (HM): Professor Finnigan, Sie haben jahrelang an Ihrem Buch über Slytherins gearbeitet und nächste Woche wird es endlich erscheinen. Sind Sie nervös?
Seamus Finnigan (SF): Um ehrlich zu sein: Natürlich bin ich ein wenig nervös. Ich habe keine Ahnung, wie die Öffentlichkeit auf das Buch reagieren wird, schließlich habe ich mich standhaft geweigert, vorab Auszüge im Tagespropheten abdrucken zu lassen. Das lag hauptsächlich daran, dass ich möchte, dass das Buch in seiner Gesamtheit bewertet wird und das lässt sich nun einmal nicht bewerkstelligen, wenn nur ein Bruchteil entnommen und rezipiert wird.
HM: Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?
SF: Das kann ich nur schwer sagen. Die erste Idee hatte ich vielleicht 2004, aber nur kurz. Da arbeitete ich gerade an meiner Doktorarbeit und beschäftigte mich stark mit Grindelwald, mit seinen Anhängern, mit der Gegenbewegung, mit Motiven, die manche Zauberer dazu brachten, sich ihm anzuschließen. Teilweise waren die Parallelen zu Voldemort nicht von der Hand zu weisen und das hat mich nachdenklich gestimmt, weil mir aufgefallen ist, dass ich zwar mit Voldemort aufgewachsen bin, sogar mit Harry Potter gemeinsam zur Schule gegangen bin, und trotzdem fühlte es sich an, als würde ich kaum etwas über die Hintergründe wissen. Das machte mich stutzig und ich überlegte, wie es wohl wäre, tiefer in die Materie einzutauchen. Die Idee kam allerdings zum denkbar ungünstigsten Moment.
HM: Weil Sie noch mit Ihrer Doktorarbeit zu tun hatten?
SF: Ja. Ich konnte es mir eigentlich nicht leisten, mich derart von meinem eigentlichen Thema zu entfernen, also habe ich die Gedanken vorerst beiseite geschoben und erst ein Jahr später, als die Doktorarbeit beendet und abgegeben war, wieder hervorgekramt. Timing scheint allerdings nicht zu meinen Stärken zu gehören, denn ich hatte im Frühjahr 2005 ein Forschungsprojekt bewilligt bekommen und mich verpflichtet, die Rechercheergebnisse, die ich hoffentlich zusammentragen würde, in einem Buch zu veröffentlichen. Ich musste meine Idee erneut verschieben.
HM: Aber Sie haben nie erwogen, die Idee zu verwerfen und sich stattdessen völlig auf andere Projekte zu konzentrieren?
SF: Nein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich fand es großartig, mich für meine Doktorarbeit mit Grindelwald zu befassen und dann im Zuge des Forschungsprojekts mit Unterschieden in britischer und irischer Zaubergeschichte, aber Voldemort und seine Verbundenheit mit den Slytherins, das hat mich nicht losgelassen. Ich dachte – und denke es noch immer –, es gehört zu meinen Pflichten, als Historiker und als Mensch, das Stück Geschichte, das ich unmittelbar miterlebt habe, verstehen zu wollen, und zwar nicht nur oberflächlich. Ich wollte in die Tiefe gehen, wollte mich nicht mit dem zufriedengeben, was der Tagesprophet mir vorbetete, was auf den Straßen hinter vorgehaltenen Händen getuschelt wurde.
HM: Woher kam dieses Interesse?
SF: Berufsneugier. Nein, im Ernst: Genau kann ich es nicht sagen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Slytherins immer eine Aura des Geheimnisvollen umgeben hat, während ich zur Schule gegangen bin. Man hatte nicht die geringste Ahnung, was sie da unten in ihren Kerkern eigentlich so trieben. Nach allem, was ich wusste, wäre es gut möglich gewesen, dass sie gefährliche Experimente veranstalten oder Hochzeiten zelebrieren. Nach allgemeiner Auffassung erlaubte Professor Snape seinen Schützlingen ja sowieso alles.
HM: Und die Hufflepuffs oder Ravenclaws waren nicht so spannend?
SF: Das würde ich so nicht sagen. Aber von ihnen wusste man mehr, mit ihnen unternahm man manchmal etwas, sagte Hallo, wenn man sich auf den Gängen begegnete, arbeitete gemeinsam an einem Kräuterkundeprojekt oder führte hitzige Diskussionen über Profiquidditchspieler. Mit Slytherins war das nicht möglich, weil es sofort zu Streitereien oder Duellen kam. Jeder von uns hatte so viele Vorurteile, die wir mit uns herumschleppten, dass wir gar nicht auf die Idee kamen, mal zu überprüfen, ob die überhaupt alle stimmen konnten.
HM: Wann und weshalb änderte sich diese Einstellung bei Ihnen?
SF: Rückblickend denke ich, dass die ersten Überlegungen während meines siebten Schuljahres kamen. Professor Snape war Schulleiter, die Carrows patrouillierten durch Hogwarts, als würde ihnen die Schule gehören, und jeder, der offen zeigte, dass er niemals mit den Todessern zusammenarbeiten würde, war gefährdet. Ich dachte, die Slytherins müssten sich fühlen wie im Himmel. Endlich waren sie sozusagen die Herren von Hogwarts.
HM: Aber?
SF: Nun, die Slytherins waren mir auch in den sechs Jahren zuvor nie durch ihre sonderlich gute Laune aufgefallen und daran änderte sich auch im siebten Schuljahr nichts. Das wunderte mich, weil es sich nicht mit meinen Erwartungen deckte. Stattdessen waren viele der Slytherins genauso still wie eh und je, manche, die vorher aufgefallen waren, wurden sogar ruhiger, zogen keine Aufmerksamkeit mehr auf sich. Damals hat mich das einfach nur irritiert, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Später wollte ich unbedingt wissen, wieso sie sich derart verhalten hatten.
HM: Hatten Sie denn während Ihrer Schulzeit häufig Kontakt mit Slytherins?
SF: Nein. Keinen. Das hat sich erst später entwickelt.
HM: Und wie?
SF: Beispielsweise durch meinen besten Freund, Dean Thomas. Nach Hogwarts beschloss er, Magisches Recht zu studieren, hauptsächlich, weil es ihn interessierte und weil er, bedingt durch seine Herkunft, auch bereits mit Vorurteilen konfrontiert worden war, mit Ungerechtigkeiten, die er aus dem Weg räumen wollte. Ich weiß noch genau, wie absolut perplex er war, als er am ersten Tag an der Uni Pansy Parkinson aus Slytherin in die Arme lief, nachdem sie die gleiche Vorlesung besucht hatten. Das hat ihn ziemlich aus der Bahn geworfen, weil er damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Sie vermutlich auch nicht. Dean und ich hatten uns an dem Tag zum Abendessen getroffen, da hat er es mir erzählt und wir haben darüber gerätselt, weshalb, bei Merlin, Pansy Parkinson Magisches Recht studieren wollte.
HM: Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen?
SF: Nur zu einem: Dass wir nichts wissen über die Slytherins, gar nichts.
HM: Und das hat sich noch geändert?
SF: Dean und Pansy kamen in eine Projektgruppe, gemeinsam mit Ernie, den wir ebenfalls noch aus Hogwarts kannten. Ich glaube, keiner der drei war sonderlich erfreut darüber, aber sie mussten sich zusammenraufen und an ihrem Projekt arbeiten. Es hätte nicht geklappt, wenn einer sich geweigert hätte. So waren sie also gezwungen, relativ viel Zeit miteinander zu verbringen und ich habe von Dean immer detaillierte Berichte über ihre Treffen bekommen. Anfangs war es hauptsächlich Gemecker: Parkinson würde sich wie eine verzogene, arrogante Ziege benehmen und hätte keinen Sinn für Teamarbeit. Irgendwann ließ das nach. Schließlich sagte er Pansy und nicht mehr Parkinson und bemerkte es nicht einmal. Ich sagte nichts, sondern hörte zu, hörte zu und beobachtete und prägte mir gewisse Details ein. Es dauerte eine ganze Weile, doch schließlich sagte Dean, dass die Zusammenarbeit vielleicht nicht ganz so schlecht wäre, wie er ursprünglich gedacht hätte, und dass Pansy durchaus ein paar brauchbare Ideen hätte.
HM: Sie haben sich also gegenseitig anerkannt?
SF: Genau. Gryffindors und Slytherins sind ja beide nicht gerade für Nachgiebigkeit bekannt, ich hatte zwischenzeitlich also häufiger mal Mitleid mit Ernie und fragte mich, wie oft er wohl zwischen Dean und Pansy vermitteln musste. Sie konnten sich immerhin kaum bei ihren Professoren beschweren gehen, denen war es nämlich vollkommen egal, in welchem Hogwartshaus ihre Studenten gewesen waren. Wichtig war nur, dass sie die persönliche Ebene ausblenden konnten, um konstruktiv zusammenzuarbeiten. Später würde sich ja auch niemand darum kümmern, ob sie beispielsweise ihre Mandanten sympathisch fänden oder nicht, sondern sie würden sachlich argumentieren müssen.
HM: Wie fanden Sie es, dass sich Ihr bester Freund ein neutrales, wenn nicht sogar positives Verhältnis zu einer ehemaligen Slytherin aufbaute?
SF: Gerade zu Beginn fand ich es merkwürdig und konnte es mir kaum vorstellen. Sie dürfen nicht vergessen, ich war damals auch gerade mal 18 Jahre alt und hatte mit Slytherins während meiner gesamten Schulzeit keine guten Erfahrungen gemacht. Das wirkliche Interesse an ihnen kam erst später. Und dann war es äußerst hilfreich, dass Dean bereits erste Kontakte geknüpft hatte.
HM: Würden Sie also sagen, dass Sie einen Teil Ihrer Neugier Dean zu verdanken haben?
SF: Zum Teil bestimmt, ja. Durch ihn kam ich auch dazu, vermehrt die Artikel über die Gerichtsverhandlungen diverser ehemaliger Todesser zu lesen und mich mit der Materie auseinanderzusetzen. Sie nutzten das im Studium natürlich aus, dass gerade ein paar der wahrscheinlich brisantesten Fälle der neueren Zaubereigeschichte behandelt wurden, und Dean erzählte mir häufig davon. Er berichtete von kleineren Prozessen, denen sie als Studenten beigewohnt hatten, und ich glaube, die Erkenntnis traf ihn überraschend und hart: Dass nicht alle Angeklagten auch wirklich schuldig waren.
HM: Er übernahm ja schließlich sogar die Verteidigung von Lucius Malfoy.
SF: Ja. Durch Dean bekam ich genug mit, um zu wissen, dass längst nicht alles stimmte, was die Zeitungen druckten. Ich wollte aber die Wahrheit erfahren. Das hat mich all die Jahre hindurch nicht losgelassen. Vielleicht wollte ich deshalb unbedingt mein Buch über Slytherins schreiben, weil ich das Gefühl hatte, von ihnen ihren Teil der Geschichte erfahren zu haben und weil es mir wichtig war, diese Geschichte zu teilen, mit der Öffentlichkeit, um das Bild, das viele von Slytherins haben, ein wenig geradezurücken.
HM: Wie sind Sie für Ihr Projekt vorgegangen?
SF: Zuerst habe ich mir ziemlich viele Notizen gemacht, Stichpunkte zu Themen, über die ich schreiben wollte oder für die ich Recherche betreiben musste, ich habe mir Fragen aufgeschrieben und Erinnerungen, Details, die mir im Gedächtnis hängengeblieben waren, und immer wieder Namen, hauptsächlich natürlich von meinen ehemaligen Klassenkameraden aus Slytherin. Ich habe mit meinem Doktorvater und mit Kollegen über die Idee gesprochen, habe Dean davon erzählt und mich vorsichtig an die Slytherins herangewagt.
HM: Hatten Sie zu einigen denn bereits Kontakt?
SF: Ja, allerdings. Zum Glück. Ich glaube, das ganze Projekt wäre sonst von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Man kann nicht über Slytherins schreiben, wenn man selbst in einem anderen Haus war und niemanden kennt, der einem sozusagen die hautnah erlebten Geschehnisse erzählt. Ich brauchte sie. Und obwohl ich mit ein paar ehemaligen Klassenkameraden mittlerweile befreundet war, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was sie sagen würden, wenn ich ihnen von meiner Idee berichten würde. Ich habe das eine ganze Weile vor mir hergeschoben, weil ich fürchtete, sie würden ablehnen.
HM: Aber das haben sie nicht getan?
SF: Nein, im Gegenteil. Die meisten waren begeistert von meiner Idee, auch wenn ich manche erst ein wenig überzeugen musste. Ich glaube allerdings, dass das weniger an mir lag, sondern vielmehr an der Tatsache, dass sie nicht daran glaubten, dass das Buch irgendjemanden interessieren würde, dass ihnen jemand zuhören wollte. Natürlich habe ich auch Absagen kassiert, aber das war in Ordnung. Ich kann und wollte niemanden zwingen und wenn mir jemand sagte, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen habe und lieber nicht ständig darüber sprechen wolle, dann akzeptiere ich das.
HM: Mit wie vielen Slytherins haben Sie sich getroffen und gesprochen?
SF: Eigentlich nur mit fünf, auch wenn ich während meiner Recherche noch viele andere Menschen getroffen habe, die ihren Teil zu meinem Projekt beisteuern konnten.
HM: Wer sind diese fünf?
SF: Blaise Zabini, natürlich, dann Draco Malfoy, Theo Nott, Pansy Parkinson und Millicent Bulstrode.
Anlage 3
Meldung des Tagespropheten vom 27. Dezember 1998
Kommt die Schwarze Witwe endlich zur Ruhe?
London, 25. Dezember 1998. Glauce Zabini (38), besser bekannt unter ihrem Spitznamen Die Schwarze Witwe, hat erneut das getan, wofür sie berühmt (und berüchtigt) wurde: Sie hat geheiratet. Allerdings fand ihre achte Hochzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sehr zur Verwunderung der Zauberergesellschaft. Die Hexe – nachwievor bekannt für ihre atemberaubende Schönheit – hat bereits sieben vorherige Ehemänner überlebt und dabei mit der Zeit ein beträchtliches Vermögen erworben. Zu den teils mysteriösen Todesumständen ihrer Gatten wollte sie sich jedoch bisher nie äußern und weist Vorwürfe, sie habe ihre umfassenden Giftkenntnisse ein wenig zu sehr genutzt, entschieden von sich. Ihren verblichenen Ehemännern scheint sie jedoch in keinem Fall sonderlich lange nachgetrauert zu haben.
Den Namen ihres achten Gemahls wollte Ms Zabini nicht preisgeben. Bisher steht auch nicht fest, ob sie nun, nach der Hochzeit, weiterhin ihren Mädchennamen tragen wird oder ob sie schließlich den Namen „Zabini" doch noch ablegen wird. Es scheint diesmal jedoch außer Frage zu stehen, dass die Hochzeit tatsächlich als Liebesheirat bezeichnet werden kann. Einer zuverlässigen Quelle zufolge – und von Ms Zabini nicht dementiert! – handelt es sich bei ihrem Ehemann keineswegs um einen reichen, britischen Zauberer (auch nicht um einen reichen Zauberer aus anderen Ländern …), sondern um einen Muggel.
Ob diesen Gerüchten wirklich Glauben geschenkt werden kann, bleibt vorerst fraglich. Ms Zabini ließ der Presse ausrichten, dass sie gedenke, Weihnachten mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn Blaise (18) zu verbringen und dass sie während der Feiertage nicht von Eulen verfolgt zu werden wünsche. Wir sind jedenfalls gespannt, wie lange ihre achte Ehe wohl halten mag – und ob wir demnächst eine weitere, obskure Todesanzeige werden lesen können, unterzeichnet mit In tiefer Trauer und voller Zuneigung, Glauce. Eine Überraschung wäre es zumindest nicht.
Anlage 4
Artikel in Iustitia (Fachzeitschrift für Magisches Recht), Oktober 2011
Augenbinde, Schwert und Waage – Eine Reportage zum fünfjährigen Bestehen der Kanzlei Macmillan, Parkinson und Thomas.
Es ist exakt fünf Jahre her, dass drei Juristen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, mit einem rauschenden Fest den Einzug in ihre erste, eigene Kanzlei feierten. Die Adresse ist geblieben (Winkelgasse Nummer 73), die Inhaber sowieso, aber mittlerweile, wie uns Dean Thomas amüsiert mitteilt, sind die Räume sogar eingerichtet und jeder der drei hat sein eigenes Büro. „Als wir angefangen haben, hatten wir fünf Stühle und einen großen Tisch", berichtet Ernie Macmillan. „Und eine Kaffeemaschine", ergänzt Pansy Parkinson, „Vergiss die Kaffeemaschine nicht. Die war das wichtigste Gerät im ganzen Raum!" Die drei Juristen grinsen sich an und schwelgen für einen Moment in Erinnerungen.
Reisen wir in der Zeit ein wenig zurück. Es ist der Oktober 1998, die Magische Welt hat sich von der Schlacht um Hogwarts und der Vernichtung des Dunklen Lords zu einem Großteil wieder erholt. Die Universitäten Großbritanniens bereiten sich auf den Beginn des Herbstsemesters vor, Absolventen von Hogwarts und anderen Schulen für Hexerei und Zauberei haben sich beworben und eingeschrieben, man kehrt vorsichtig zur Normalität zurück. Ausbildungen und Studiengänge, die nah an der Lebenswirklichkeit orientiert sind, liegen in der Beliebtheit weit vorne: man wird Auror, Heiler oder studiert Magisches Recht, die Köpfe voller Träume von Gleichberechtigung und dem Kampf gegen Unterdrückung.
In der Theorie ist alles ganz wunderbar. In der Theorie sind alle froh darüber, dass Voldemort besiegt wurde, dass Muggelgeborene wieder sorglos durch die Winkelgasse spazieren können und dass man seine Kinder wieder nach Hogwarts schicken kann, ohne dabei befürchten zu müssen, dass sie von manchen Lehrern mit Todesserideologie beeinflusst werden. In der Theorie gibt es endlich keine Unterschiede mehr, keinen Grund, auf jemanden herabzuschauen, nur weil er Muggelverwandte hat, in Hogwarts in einem bestimmten Haus war oder sich mit drei Jahren die Nase gebrochen hat, weil man ja unbedingt den Rennbesen des großen Bruders ausprobieren musste. Wie gesagt – in der Theorie.
In der Praxis, sagt Dean Thomas, hat nicht viel gefehlt und er wäre, vor all seinen neuen Kommilitonen und vor seinen Professoren, bei der Einführungsveranstaltung ausgerastet, als er Pansy Parkinson im gleichen Hörsaal entdeckte. In der Praxis, sagt Ernie Macmillan, hat er sein Möglichstes getan, um in der Masse zu verschwinden und nur ja nicht aufzufallen, weil er es Leid war, ständig auf die Narbe angesprochen zu werden, die sich von seinem Hals bis hin zu seiner Schulter zog und die er als Souvenir an die Schlacht um Hogwarts behalten hatte. In der Praxis, sagt Pansy Parkinson, hat es sie wahnsinnige Anstrengung gekostet, mit erhobenem Kopf den Hörsaal zu betreten und mit starrem Gesicht so zu tun, als würde sie das feindselige Murmeln nicht hören und als würde sie nicht bemerken, dass die Plätze neben ihr frei blieben.
In der Praxis ist im Oktober 1998 noch nicht viel wieder in Ordnung. Stattdessen liegt die Welt in Trümmern und wird nur langsam, Schritt für Schritt, wieder aufgebaut. Aber manche Wunden brauchen ewig, um zu heilen, und einige tun es nie. Hätte man einen der drei damals gefragt, hätte jeder von ihnen (darin sind sie sich sofort einig) geantwortet, dass die Rivalität zwischen Slytherin und den anderen Hogwartshäusern etwas ist, was für immer bestehen wird, auch nach Voldemort.
Dean Thomas war in Gryffindor, hat sechs Jahre lang mit Harry Potter in einem Schlafsaal geschlafen und gemeinsam mit ihm heimlich in Dumbledores Armee gegen Dolores Umbridge gekämpft. Ernie Macmillan war in Hufflepuff, er war Vertrauensschüler, ebenfalls Mitglied in Dumbledores Armee und hatte Muggelkunde belegt. Pansy Parkinson nicht. Pansy Parkinson war in Slytherin, ihr Vater war ein Todesser (einer, der durch Voldemort starb, aber weder Dean noch Ernie wussten das und Pansy hielt noch nie sonderlich viel davon, familiäre Angelegenheiten zu teilen) und bei der Schlacht um Hogwarts schlug sie mehr oder minder vor, Harry Potter auszuliefern.
Dass diese drei irgendwann gemeinsam eine Kanzlei eröffnen würden, hätte wohl niemand für möglich gehalten. „Am wenigsten", sagt Pansy trocken, „wir selbst." Aber immer der Reihe nach.
Alle drei stimmen darin überein, dass die erste Begegnung im Unialltag nicht sonderlich gut verlief. Sie vermieden es, sich anzusehen und hielten stets einen Sicherheitsabstand zueinander – vor allem zu Pansy. In den Vorlesungen saßen sie so weit wie möglich voneinander entfernt und vielleicht wäre alles anders gekommen, wären sie nicht zufällig in das gleiche Seminar gelost worden. Magisches Recht ist ein Studiengang mit zu vielen Studenten, um nur eine einzige Veranstaltung anzubieten, und um Gerechtigkeit walten zu lassen, entschied das Los, wer welche Übung besuchen würde. Ernie, Dean und Pansy erwischten die gleiche – Montag morgens um acht Uhr. Mit Gerechtigkeit, fanden sie, hatte das Ganze herzlich wenig zu tun.
In den Seminaren wurden sie in kleine Gruppen eingeteilt, um in Partnerarbeit verschiedene Projekte zu erstellen, wohl gemerkt Projekte, die benotet werden würden. Und man mag den dreien vieles unterstellen, aber Ehrgeiz ist etwas, das sie bereits 1998 miteinander verband (auch wenn die Chancen gut stehen, dass sie das niemals und unter gar keinen Umständen voreinander zugegeben hätten, obwohl es derart offensichtlich war). „Mit irgendwem", stellt Ernie fest, „hatten wir es uns offenbar gründlich verdorben, denn wir landeten nicht nur im gleichen Seminar, sondern auch in der gleichen Gruppe. Der Professor las die Verteilungen vor, wünschte uns allen schulterzuckend viel Erfolg und damit hatte sich die Geschichte für ihn. Für uns nicht. Wir saßen wie festgefroren auf unseren Stühlen und drehten die Köpfe nur, um uns gegenseitig feindselige und entsetzte Blicke zuzuwerfen."
Natürlich hätten sie protestieren können, wie es ein Mädchen aus ihrem Seminar tat, das nicht mit jemandem zusammenarbeiten wollte, dessen Onkel sich gerade wegen angeblicher Kontakte zu Todessern vor Gericht verantworten musste. Allerdings fiel die Reaktion ihres Dozenten so aus, dass Dean, Pansy und Ernie spontan beschlossen, in den sauren Apfel zu beißen und sich zusammenzuraufen. „Ehrlich", grinst Dean, „Ich hab' noch nie erlebt, dass ein Professor so wütend wurde. Er hat das Mädchen vor versammelter Mannschaft gefragt, ob Magisches Recht wirklich der richtige Studiengang wäre und ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, noch einmal ein paar Jahre verstreichen zu lassen, um erwachsen zu werden und ein wenig Toleranz zu erwerben."
Das erste Treffen der ungleichen Projektgruppe verlief katastrophal. Im Nachhinein betrachtet, sagt Ernie, ist er froh, dass sie sich in einem Café verabredet hatten, weil da immerhin genügend andere Menschen um sie herum waren, sodass sie nicht in Versuchung gerieten, sich gegenseitig die übelsten Flüche an den Hals zu hexen. Es hat wohl trotzdem nicht viel gefehlt, wenn man Pansys Erzählung glaubt. Dennoch: sie mussten zusammenarbeiten, um eine gute Note zu bekommen, und das Semester hatte gerade erst begonnen. Vor ihnen lagen noch lange Monate – und niemand von ihnen war erfreut über diese Aussicht.
Am Anfang war die Stimmung: „angespannt" (meint Ernie), „miserabel" (Dean) oder schlichtweg „beschissen" (Pansy), was vor allem daran lag, dass jeder der drei zu Hause zwar Vorbereitungen traf oder in der Bibliothek recherchierte, aber die Ergebnisse nicht mit den Anderen teilte. „Von Kommunikation konnte kaum die Rede sein", erzählt Pansy, „Wir haben alle verbissen geschwiegen, weil dann die Wahrscheinlichkeit höher war, dass wir uns nicht anschreien oder gegenseitig Vorwürfe machen würden. Auf Dauer konnte das allerdings nicht funktionieren, auch wenn wir das nicht einsehen wollten." Die Erkenntnis schlug, wie die drei bestätigen, ein wie eine Bombe: ihr Professor erkundigte sich nach dem aktuellen Stand der Dinge und bekam „keine sonderlich zufriedenstellende Antwort", wie Ernie es diplomatisch ausdrückt.
„Er hat nichts weiter dazu gesagt, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände", berichtet Dean. Heute können sie darüber lachen; damals sorgte der kleine Zwischenfall dafür, dass sie sich zusammenrauften und begannen, miteinander zu arbeiten anstatt gegeneinander. „Und zu unserer jeweiligen Überraschung mussten wir feststellen, dass die Anderen, trotz aller Zweifel und Vorurteile, sich genauso sehr für das Studium ins Zeug legten wie man selbst", gibt Pansy zu, „Ich glaube, keinem von uns gefiel es, aber nach und nach mussten wir uns selbst und den Anderen eingestehen, dass wir nicht in einer Gruppe aus Idioten gelandet waren."
„Manchen von uns", ergänzt Ernie und wirft amüsiert Blicke zu seinen beiden Partnern, „fiel das ein wenig schwerer." Wenn man Dean Thomas und Pansy Parkinson heute betrachtet, kann man das kaum glauben. Beide geben sich, auf Ernies Aussage hin, die größte Mühe, wie unschuldige Engel zu wirken. Beide scheitern. „Sicher", gibt Dean zu, „Gerade in den ersten Wochen war das Misstrauen sehr groß und ich denke, am liebsten hätte jeder von uns alleine gearbeitet und alle Aufgaben im Alleingang vorbereitet. Ging leider nicht, denn dafür war es definitiv zuviel Arbeit, also mussten wir sie verteilen. Und die Überraschung war riesig, als wir schließlich das erste richtige Treffen ansetzten, Pansy mit Unmengen an Notizen auftauchte und Ernie ständig gähnte, weil er sich die Nächte in diversen Archiven um die Ohren geschlagen hatte, nur um an die Informationen zu kommen, die wir dringend benötigten."
Und Dean?, wollen wir wissen. „Ist das Wagnis eingegangen und hat uns in seine Wohnung eingeladen", grinst Pansy, „Außerdem kocht er ziemlich guten Kaffee. Und, ja, zugegeben, gut vorbereitet war er auch." Das ungleiche Team riss sich zusammen und beschloss, für die Zeiten, in denen sie sich trafen, eine Art Waffenstillstand zu vereinbaren. Gewisse Themen, erzählen sie uns, waren tabu. Voldemort, Todesser, Hogwarts im Allgemeinen, ihre Freunde im Besonderen. Stattdessen sprachen sie nur über ihre Arbeit und kamen stetig besser voran – eigentlich zu gut, denn ihre Rechnung (es irgendwie zu erdulden und nach vollendeter Projektarbeit endlich wieder getrennte Wege gehen zu können) ging nicht auf. Ihr Professor war begeistert von ihren Leistungen und beschloss, sie für die nächste Gruppenarbeit wieder zusammenzubringen. Das Ergebnis waren zuerst lange Gesichter, Unzufriedenheit und Nörgeleien, dann die besten Noten des Seminars und schließlich – Jahre später – eine der erfolgreichsten Kanzleien der britischen Inseln. (Ihr Professor erschien übrigens zur Eröffnung und wurde mit gebührendem Dank überschüttet.)
Heute sind die Drei erwachsen und stimmen darin überein, dass Zeit und Toleranz die vermutlich wichtigsten Zutaten waren, um eine angenehme Zusammenarbeit zu ermöglichen. „Manchmal", sagt Ernie, „muss man seinen Stolz runterschlucken, sich zusammenreißen und zugeben, dass man vielleicht einen Fehler gemacht hat. Dass man den Anderen falsch eingeschätzt hat. Dass man Vorurteile hatte. Dass man bereit ist, sich eine neue Meinung zu bilden, gegründet auf der Gegenwart, nicht auf der Vergangenheit. Für manche von uns ist das leichter als für andere." Und Ernie muss wissen, wovon er spricht, denn seine Partner sind beide, wie er uns grinsend anvertraut, Sturköpfe. Doch wenn selbst ein ehemaliger Gryffindor und eine ehemalige Slytherin über ihren Schatten springen können, dann sollte es dem Rest von uns ebenfalls gelingen.
Anlage 5
F: Seit der Krieg vorüber ist, bist du einige Male nach Hogwarts zurückgekehrt. Weshalb?
A: Anfangs aus dem simplen Grund, dass ich das Schloss wieder sehen wollte. Es war sechs Jahre lang mein Zuhause gewesen, ich habe beinahe alle Ferien, abgesehen von den Sommerferien, dort verbracht und ich habe mich dort wohler gefühlt als es bei meiner Tante und meinem Onkel je der Fall gewesen ist. Hogwarts hat mir viel gegeben und ich dachte, vielleicht wäre es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Ich habe versucht, bei dem Wiederaufbau zu helfen. Voldemort war zwar besiegt, aber es hat Opfer gefordert, von denen ich nicht erwartet hatte, dass wir sie bringen müssten. In gewisser Weise hat es mir geholfen, dabei zusehen zu können, wie Hogwarts Stück für Stück wieder aufgebaut wurde. Es hat mir Hoffnung zurückgegeben. Und ich glaube, Hoffnung konnten wir damals alle gut gebrauchen.
F: Du hast deinen Schulabschluss nicht nachgeholt, sondern direkt eine Ausbildung zum Auror begonnen. Wieso hast du dich dafür entschieden?
A: Es wurde mir angeboten. Ich hatte ja meine ZAG-Ergebnisse und die Prüfungsnoten aus meinem sechsten Jahr, das reichte. Ich wollte etwas tun und ich dachte, dass es mir nicht genügen würde, wieder normalen Unterricht zu besuchen. Also habe ich beschlossen, Auror zu werden. Ich hatte es sowieso vorgehabt.
F: Abgesehen von deinen Pflichten als mittlerweile Leiter der Aurorenzentrale bist du außerdem ab und zu in Hogwarts zum Unterrichtsgespräch eingeladen. Macht dir das Spaß?
A: Ja, sehr sogar. Ich sehe mich nicht als Lehrer, aber es ist schön, manchmal dort vorbeizuschauen und in Verteidigung gegen die Dunklen Künste ein paar praktische Zauber mit den Schülern zu üben.
F: Das ist allerdings nicht das Einzige, was du dort tust.
A: Das stimmt. Manchmal reden wir auch nur.
F: Worüber?
A: Über alles, was ich gefragt werde. Über Hogwarts. Über Professor Dumbledore, über Voldemort, über Professor Snape. Über Gryffindor und Slytherin. Manchmal auch über Quidditch.
F: Dein jüngerer Sohn heißt Albus Severus. Mal ehrlich: wie schwer war es, Ginny zu dem Namen zu überreden?
A: (lacht) Um ganz ehrlich zu sein: Es ging. Unseren Ältesten, James, haben wir nach meinem Vater und meinem Paten benannt. Und irgendwie fand ich, dass es ganz nett wäre, die anderen Menschen, die für mich wichtig waren, ebenfalls zu berücksichtigen.
F: Das 'Severus' kam für viele überraschend.
A: Für mich auch. Es war ja schon in meinem ersten Schuljahr ein Schock, als ich feststellen musste, dass Professor Snape versucht hatte, mich zu retten – und nicht etwa mich umzubringen, wie ich ursprünglich gedacht hatte.
F: Was hat dich zum Sinneswandel bewegt?
A: Ich will nicht so tun, als hätten Professor Snape und ich ein herzliches Verhältnis zueinander gehabt. Du weißt das. Merlin, jeder weiß das. Ich habe ihn während meiner Schulzeit nur allzu häufig verflucht für all die Punkte, die er mir abgezogen hat, und für all die Stunden Nachsitzen, die er mir aufgebrummt hat. Ich fand, dass er den Slytherins alles durchgehen ließ und uns nichts. Ich fand ihn ungerecht und seine offensichtliche Abneigung mir gegenüber machte das Ganze nicht besser.
F: Aber?
A: Dumbledore vertraute ihm. Und ich vertraute Dumbledore. Snape erledigte Aufträge für den Orden des Phönix, er arbeitete als Spion in Voldemorts Reihen für unsere Seite. Ich mochte ihn noch immer nicht, aber ich akzeptierte ihn, irgendwie. Ich dachte, wenn all die klugen Köpfe – Professor Dumbledore, Professor McGonagall – kein Misstrauen gegenüber Snape haben, dann sollte ich mein eigenes vielleicht überdenken.
F: Und, hast du?
A: Nicht wirklich. Immerhin musste ich mitansehen, wie Snape Dumbledore umbrachte. Ich glaube, in dem Moment war mir alles egal, was mir Professor Dumbledore vorher erklärt und eingeschärft hatte. Snape war ein Todesser und Verräter; er hatte uns die ganze Zeit über betrogen, da war ich mir nun sicher. Als Snape in dieser Nacht floh, bestätigte er meinen Verdacht nur und auch alle Anderen wussten nicht mehr, was sie davon halten sollten.
F: Niemand wusste Genaueres?
A: Nein. Nur Dumbledore und der war tot. Wir Anderen kannten nur Bruchstücke und egal, wie wir sie zusammensetzen, sie ergaben immer das gleiche Bild: Snape war ein Verräter. Das Puzzlestück, das uns vom Gegenteil überzeugt hätte, fehlte.
F: Warum?
A: Weil Snape es hatte. Und er hatte nicht vor, es mit jemandem zu teilen.
F: Er kehrte zu den Todessern zurück. Er wurde von ihnen als Direktor in Hogwarts eingesetzt.
A: Ja. Du kannst dir ja vorstellen, wie prima das für mich zusammenpasste. Es kam mir vor, als hätte er endlich alles erreicht, was er sich immer gewünscht hatte, und als wäre es ihm egal, welchen Preis er dafür bezahlen musste, sei es nun das Leben seines Vorgesetzten oder auch die Tatsache, dass der Orden ihm nun nicht mehr traute.
F: Mittlerweile ist ja bekannt, dass der Mord an Albus Dumbledore sozusagen mit dessen Einverständnis geschah, sogar von ihm befohlen worden war. Snape hatte nur einen weiteren Schritt von Dumbledores Plan in die Tat umgesetzt; er arbeitete im Geheimen noch immer gegen Voldemort. Wusste davon jemand?
A: Niemand. Er behielt es für sich, er behielt alles für sich. Keine Ahnung, wie er diese Monate überstanden hat, ohne verrückt zu werden.
F: Ohne dein energisches Eintreten für ihn wäre Snape womöglich nie rehabilitiert worden. Du hast dafür gesorgt, dass die Geschichte gerade gerückt wird. Weshalb?
A: Ich war es ihm schuldig, oder nicht? Ich glaube, niemand von uns kann nachvollziehen, was er all die Jahre über getan hat. Das Mindeste, was wir im Gegenzug tun können, ist, dafür zu sorgen, dass seine Leistungen anerkannt werden.
F: Willst du darüber sprechen, was dich dazu gebracht hat, deine Meinung zu ändern?
A: Nein. Es sind persönliche Gründe. Meine Freunde kennen sie, aber … es ist nichts, was ich mit der Öffentlichkeit teilen möchte.
F: Ich verstehe.
A: Ich wünschte, diese ganze Geheimniskrämerei wäre nie nötig gewesen, weißt du? Vielleicht hätte ich Snape dann nie derart gehasst. Ich war ihm gegenüber sicher auch nicht immer fair, aber es war mir nicht bewusst. Ich glaube, dass ich auch heute noch längst nicht alles erfahren habe. Snape hatte, aufgrund seiner Erfahrungen mit meinem Vater und meiner Mutter, in gewisser Hinsicht schon eine Meinung über mich, bevor er mich überhaupt kannte, und diese Meinung war nicht unbedingt positiv. Trotzdem sah er es als seine Aufgabe an, mich zu beschützen. Gleichzeitig hat er sich mir gegenüber jedoch weiterhin derart … mh, naja … du weißt ja, wie er war … verhalten, dass ich gar nicht auf den Gedanken gekommen bin, ihm dankbar zu sein, dass er meinetwegen regelmäßig sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Ich glaube, er war in dieser Hinsicht wahnsinnig stolz. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, Severus Snape verstehen zu können. Es gibt vieles, was ich ihn gerne fragen würde. Vieles, wofür ich mich entschuldigen würde. Und etliches, wofür ich ihm danken möchte. Kann ich aber nicht. Ich habe all das erst erfahren, als es zu spät war. Meinen Sohn nach ihm zu benennen, hat sich richtig angefühlt.
F: Gibt es in Hogwarts etwa kein Porträt von Snape, mit dem du sprechen könntest?
A: Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er mir antworten würde?
F: Auch wieder wahr. Harry, dein Ältester wird in ein paar Jahren nach Hogwarts kommen. Wie wichtig ist es dir, in welches Haus er einsortiert wird?
A: Nicht so sehr, aber, um ehrlich zu sein … James kommt sehr nach den beiden Herren, nach denen wir ihn benannt haben, deswegen glaube ich, dass er vermutlich ebenfalls ein Gryffindor wird. Sollte Professor McGonagall dann noch Hauslehrerin sein, möchte ich sie an dieser Stelle gerne vorwarnen. Ich schätze, er hat Ginnys Temperament und das Unruhestiftergen meines Dads geerbt.
F: Und Albus?
A: Ist ruhiger als sein Bruder, aber gut, er ist ja auch ein wenig jünger.
F: Und sollte er nach Slytherin kommen?
A: Werden sich einige Leute vermutlich köstlich amüsieren. Nein, im Ernst: Warum sollte das so schlimm sein? Ich glaube, dass wir auf dem besten Weg sind, die Häuserrivalitäten langsam abzulegen und stattdessen das zu betonen, was wir an den Anderen schätzen. Jedes Haus hat seine ganz eigenen Vorzüge. Ich hatte während meiner Schulzeit nicht unbedingt gute Erfahrungen mit Slytherins, muss allerdings zugeben, dass sich das jetzt, nach dem Krieg, langsam wandelt.
F: Ist dir das wichtig?
A: Ja, schon. Wenn ich in Hogwarts im Unterricht zu Besuch bin, versuche ich, die Schüler allesamt gleich zu behandeln und nicht darauf zu achten, welches Wappen sie auf ihrem Umhang tragen. Ist übrigens schwieriger als gedacht, manchmal. Trotzdem muss man seine Vorurteile beiseite legen können. In Hogwarts bekommt jeder Schüler die gleichen Chancen, man wird nach seinem Handeln beurteilt, nicht nach seiner Häuserzugehörigkeit. Ich finde es falsch, jemanden als geringer einzuschätzen, nur weil er nicht aus einer reinen Zaubererfamilie kommt. Da wäre es ziemlich heuchlerisch, jemandem von vorneherein nicht zu trauen, weil er nach Slytherin eingeordnet wurde. Ich glaube, wir vergessen manchmal ganz gerne, dass jedes der vier Häuser seine Berechtigung hat.
F: Auch Slytherin?
A: Auch Slytherin. Dadurch dass ich ein Gryffindor bin, fällt es mir häufiger schwer, Slytherins vollkommen verstehen zu können, weil sie eben anders denken und handeln als ich, aber das gestattet es mir noch lange nicht, ihre Taten als falsch abzustempeln. Sie setzen vielleicht ihre Prioritäten anders, doch das heißt nicht, dass es in Slytherin nicht ebenso loyale Freundschaften gibt wie in den drei anderen Häusern.
F: Das klingt ziemlich weise und erwachsen.
A: Na, hoffentlich! Erwachsenwerden bedeutet schließlich auch, in der Lage zu sein, mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und andere Meinungen und Haltungen zu respektieren.
Anlage 6
Briefwechsel zwischen Theodore Nott und Charlie Weasley (Ausgewählte Briefe; Dezember 1999 bis Juni 2000)
19. Dezember 1999
Drachenhüter,
heute ist die Sonne nicht richtig aufgegangen. Ollivander sagt, das ist normal, wenn hier oben Winter herrscht. Er hat gelächelt und ich glaube, er weiß, dass ich darauf warte, dass wieder Frühling wird. (Zwei Sätze und schon bin ich mir sicher, dass du die Augen verdrehen wirst, weil du es für Kitsch hältst, was ich dir schreibe. Aber vermutlich wirst du dich sowieso fragen, weshalb ich dir schreibe.) Es ist kälter hier als bei dir in Rumänien und noch karger, obwohl ich das kaum für möglich gehalten hatte.
Wir wohnen bei einem Bekannten und Kollegen von Ollivander, der früher wohl einmal ein recht guter Zauberstabhersteller gewesen ist, bevor seine Hände alt und knotrig wurden. (Er sagt, sie sind zu nichts mehr zu gebrauchen, nur noch zum ungelenken Schälen von Kartoffeln, und dass sie für seinen Zauberstab zu sehr zittern, aber er sagt es mit einem breiten Lächeln im Gesicht und ohne Traurigkeit. Kannst du dir das vorstellen?) Außer ihm leben den Winter über sein Enkelsohn und seine Enkeltochter hier im Haus. Beide sind magisch begabt und ich zweifele nicht daran, dass sie mitbekommen haben, was bei uns auf der Insel passiert ist, aber bisher hatten sie nur einen neugierigen Blick und freundliche Worte für uns übrig.
Abends sitzen Bent (so soll ich ihn nennen) und Ollivander vor dem prasselnden Feuer und schwelgen in Erinnerungen. Sie lachen und trinken und es klingt, als hätte es den Krieg nie gegeben. (Oder eher: als hätte es ihn zwar gegeben, aber all die Toten, die er gefordert hat, nicht.) Manchmal glaube sogar ich, ich hätte es nur geträumt. Dann wache ich morgens auf und alles ist gut, bis mir wieder einfällt, dass es eben kein Traum war, sondern die Realität. So grausam könnten Träume auch gar nicht sein.
Ich gewinne hier Abstand von dem, was zu Hause passiert ist. Ich glaube, dass dieser Abstand dabei helfen kann, es irgendwann zu verstehen. Willst du es eigentlich verstehen oder möchtest du es lieber vergessen?
25. Dezember 1999
Fröhliche Weihnachten, Drachenhüter.
Du hast mir nicht geantwortet. Musst du auch nicht. Ich habe es weder erwartet noch darum gebeten. Aber du hast mir auch nicht verboten, dir weiterhin zu schreiben. (Möglicherweise verfütterst du meine Briefe ungeöffnet an deine flammenspeienden Freunde. Das Risiko bin ich bereit einzugehen.)
Bents Enkelsohn, Sverre, hat einen gigantischen Weihnachtsbaum angeschleppt, den er eigenhändig und ohne Magie, dafür mit einer altertümlich anmutenden Axt gefällt hat. Wir haben vorgestern den gesamten Tag damit verbracht, den Baumschmuck, den Lise Mari (die Enkeltochter) während der Adventszeit gebastelt hat, aufzuhängen. Offenbar gehört das zur Tradition, genauso wie die Unmengen an Plätzchen, die sie gebacken hat.
Hier wird Heiligabend mehr gefeiert als bei uns. Es gab ein Festessen und sogenanntes Weihnachtsbier. Ich glaube, es hätte dir geschmeckt, Drachenhüter. Bents gesamte Familie war hier, es war laut und fröhlich und chaotisch, mit ungefähr einem Dutzend Kindern, die wild durch das Haus gerannt sind. Es war ungewohnt, zumindest für mich. Und offenbar halten sie mich für unterernährt, ich habe nämlich immer die größten Portionen bekommen.
(Wahrscheinlich unterstellst du mir jetzt Sentimentalität – und hättest damit noch nicht einmal Unrecht –, aber: ich fand es schön, umsorgt zu werden. Du willst es vielleicht nicht hören, doch das interessiert mich nicht, denn ich glaube, du musst manchmal daran erinnert werden. Egal, was passiert ist, du hast noch immer eine Familie, die dich liebt. Vergiss das nicht.)
03. Januar 2000
Wie begrüßt man angemessen ein neues Jahrtausend? Ich stand draußen im norwegischen Schnee und hab zugesehen, wie sie über Trondheim Feuerwerksraketen abgefeuert haben. Es gab einen Funkenregen in allen möglichen Farben und der Himmel war sternenübersät. Um Mitternacht habe ich die Glocken läuten hören und mich gefragt, ob jetzt alles anders wird. (Ich weiß, dass das naiv ist, das musst du mir nicht erst sagen. Vielleicht ist Hoffnung immer naiv, aber ich bin stolz darauf, dass ich überhaupt noch welche haben kann.)
Ein glückliches neues Jahr, Drachenhüter. Möge es besser werden als das alte.
14. März 2000
Drachenhüter,
wir sind jetzt in Russland angekommen. Unser Gastgeber heißt Iwan und Ollivander hat mir verboten, ihn „Iwan den Schrecklichen" zu nennen, trotz der griesgrämigen Miene, die er immer spazierenträgt. Er sagt nicht viel, sein Englisch ist eingerostet und mein Russisch quasi nicht existent, aber Ollivander spricht es überraschend gut und an unserem dritten Abend konnte ich beobachten, wie er Iwan am Kaminfeuer bei Kartoffelsuppe und Wodka in ein lebhaftes Gespräch verwickelt hat. Und weißt du, was ich da dachte, Drachenhüter? Dass ich das auch können möchte. Einfach auf jemanden zugehen und mit ihm reden, ohne mich dabei stets fragen zu müssen, ob mein Gegenüber weiß, wer ich bin, wer mein Vater war.
Ich habe es dir gesagt und ich stehe nachwievor dazu: Ich habe mir selbst geschworen, dass es mir egal ist, was man über mich sagt. Ich kenne die Wahrheit und das muss genügen, um über den Dingen zu stehen. Tut es aber nicht immer. Mich stört, wie vorsichtig es mich macht. Ich hatte in Norwegen keinen Grund, zu vermuten, dass mir jemand Vorurteile entgegenbringen würde. In Rumänien, bei dir, war es anders. Und hier in Russland kann ich es nicht einschätzen.
Hast du manchmal Angst, Drachenhüter? Oder darf man das nicht, als Gryffindor? Vermutlich denkt ihr Löwen, dass wir Slytherins alle feige sind. Sind wir nicht. Wir trauen uns nur, vor uns selbst und vor Anderen zuzugeben, wenn wir Angst haben. Manchmal habe ich Angst. Weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt. Weil ich nicht weiß, was es mit mir machen wird, dieses beständige Weglaufen. Weil ich Angst habe, dass ich dabei mehr zurücklasse als nur unliebsame Erinnerungen. (Was bleibt denn noch, wenn ich mich selbst verliere? Hast du dich verloren? Oder doch schon wieder gefunden?)
29. März 2000
Gestern habe ich mehr Wodka getrunken als je zuvor in meinem Leben. Hättest du vielleicht auch, wenn du dir hättest anhören müssen, auf wie viele unterschiedliche, dabei aber stets gleich grausame Arten die Menschen hier Familienmitglieder verloren haben. Nicht unter Voldemort; bis hierhin hat er seine Macht nicht ausweiten können. Unter Grindelwald. Und weißt du was, Drachenhüter? Am Ende haben die Menschen mich mitleidig angesehen, weil mein Vater sich nicht von Voldemort hatte lossagen können, weil Voldemort meine Kindheit zerstört hatte, weil die Menschen in meiner Heimat gelernt hatten, mir zu misstrauen.
Sie haben mir Geschichten erzählt, von widerwärtigen Foltermethoden, von Jahren, die ihnen so dunkel erschienen sind, dass sie sie am liebsten aus dem Kalender löschen würden. Aber es sind nur Geschichten, haben sie gesagt (und ich habe nicht gewusst, wie viel Trauer in einer Stimme stecken kann, auch wenn die Sprache fremd ist; und Ollivander hat beim Übersetzen gezittert und am liebsten hätte ich ihm gesagt, dass er das nicht tun muss, dass er aufhören kann, doch er wollte nicht, er wollte weitermachen, weil er gesagt hat, dass es wichtig ist, es zu erfahren und natürlich hatte er Recht) und sie haben mich angelächelt und mir die Hand gedrückt, weil es bei ihnen die Urgroßeltern waren, die man getötet hatte, und weil sie nicht so direkt betroffen waren wie ich.
Es ist das erste Mal, Drachenhüter, dass jemand versteht, dass ich (und nicht nur ich, auch die Anderen, all die, die man nicht zu Wort kommen lässt, sondern denen man ungefragt unterstellt, Muggel zu hassen) auch gelitten habe unter dem Krieg. Lohnt es sich dafür nicht, Tausende von Meilen von zu Hause weg zu sein?
01. April 2000
Vielleicht nehme ich mir jetzt mehr heraus als ich darf oder sollte, aber ich riskiere es trotzdem. Ich hoffe, dass du heute nicht alleine bist. Ich hoffe, meine Eule findet dich nicht in Rumänien, sondern muss bis nach England fliegen.
17. April 2000
Junge,
ja, du nimmst dir zuviel heraus und ich weiß nicht, was ich davon halten soll, dass du offensichtlich weißt, weshalb mir dieses Datum wichtig ist, aber gleichzeitig finde ich es bewundernswert, dass du dich getraut hast, den Brief abzuschicken. Und all die Briefe zuvor, obwohl ich dir keinen Grund dazu gegeben habe. (Ich dachte immer, unverfrorene Frechheit und blinder Mut seien typische Gryffindormerkmale. Vielleicht muss ich das überdenken.)
Lass dir nicht die Finger abfrieren, das wäre schlecht für's Handwerk, und bleibe unter vier Gläsern Wodka pro Tag.
29. April 2000
In Anbetracht der Tatsache, dass du vorher offenbar nie das Bedürfnis hattest, mir zu antworten, liest sich dein Brief regelrecht herzlich. Slytherins zeichnen sich im Übrigen auch durch Hartnäckigkeit aus. Ich dachte, das solltest du wissen, schließlich hast du mit deinem Antwortbrief dafür gesorgt, dass ich dir auch weiterhin schreiben werde, weil ich jetzt sicher sein kann, dass meine Post bei dir ankommt und dass du deine Drachen nicht mit ihr fütterst.
In ein paar Tagen werden wir Russland verlassen. Ich mochte es hier. Mittlerweile kann ich sogar ein paar Sätze Russisch sprechen und mich unterhalten, ohne sofort nach Ollivander rufen zu müssen. Trotzdem freue ich mich auch, etwas Neues zu sehen, fremde Menschen kennenzulernen. Ich bin noch immer rastlos. Du auch?
Ab und zu schicke ich Briefe nach England. Ich weiß nicht, ob du das überhaupt lesen willst, aber mich interessiert, ob die Menschen, mit denen ich sieben Jahre lang in einer Klasse war, mit denen ich zum Teil den Schlafsaal bewohnt habe, mit denen ich Tag und Nacht zusammen war, sich langsam wieder ein Leben aufbauen können, das den Namen verdient hat. Wir sind nicht alle schlecht, weißt du?
05. Mai 2000
Ich weiß.
07. Mai 2000
War die Eule so lange unterwegs oder hast du so lange gebraucht, um das zuzugeben, Drachenhüter?
12. Mai 2000
Schreib das auf die lange Liste der Fragen, auf die du niemals eine Antwort bekommen wirst.
03. Juni 2000
Junge,
warum hast du mich damals nicht verraten? Warum hast du meinem Chef nicht gesagt, dass ich dich verprügelt habe? Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich glaube heute, ich hätte es verdient gehabt.
07. Juni 2000
Hast du das schon vergessen, Drachenhüter? Der erste Schlag kam von mir. Damit du dich mal abreagieren konntest. Wenn schon, dann haben wir uns miteinander geprügelt, und das kann auch unter uns bleiben.
Du hast mich verurteilt, ohne mich zu kennen, und hast mir Dinge vorgeworfen, die ich nie getan habe, aber wenigstens warst du ehrlich und offen in deiner Ablehnung. Irgendwie konnte ich das respektieren. Und du wirst es nicht lesen wollen, aber: du hast mir Leid getan. Und wir sind uns ähnlicher, als du dir vielleicht einzustehen bereit bist.
(War das eigentlich deine Art, „Entschuldigung" zu sagen?)
18. Juni 2000
Vielleicht.
23. Juni 2000
Angenommen.
