Anmerkung: Liebe Leser,

ganz, ganz herzlichen Dank für eure wunderbaren Rückmeldungen, für unglaublich viele Favoriteneinträge, für das Teilen eurer Gedanken und Theorien, fürs Lesen, dafür, dass ihr so viel Anteil nehmt an dieser Geschichte.
In vielerlei Hinsicht ist das heutige Kapitel ein besonderes. (Eines folgt noch, als eine Art Epilog.) Ungefähr drei Viertel davon habe ich schon vor Ewigkeiten geschrieben und es stand bereits seit Beginn der Geschichte fest, dass es dieses Kapitel geben wird. Man kann beinahe sagen, dass das heutige Kapitel teilweise zu meiner Grundidee der kompletten Geschichte gehört.
Es beinhaltet einen lauten, großen Knall und etliche Auflösungen. Ich hoffe, es gefällt euch, auch wenn es von der Struktur her sehr anders ist als die vorangegangenen Vorlesungen.
Ich bin ziemlich gespannt (und unglaublich nervös) auf eure Meinungen.

Viel Spaß beim Lesen,

Maia.


Dreizehnte Vorlesung

Pansys Eule ist die erste. Sie weckt dich um exakt 5.37 Uhr, als sie hektisch mit ihrem Schnabel gegen deine Fensterscheibe pocht. Dein erster Gedanke ist, dass Pansy eindeutig ihre Schlafgewohnheiten überdenken sollte. Oder ihre Arbeitszeiten. Am besten, beides. Es kann einfach nicht gesund sein, jeden Morgen gegen 5 Uhr aufzustehen, diverse Zeitungen zu durchwühlen und dabei literweise Kaffee zu trinken.

„Jaja, ist ja schon gut", murrst du leise, kämpfst dich widerwillig aus deinem warmen Bett, schaltest mit einem Schlenker deines Zauberstabs die Nachttischlampe an und gehst rüber zum Fenster. Du öffnest es nur einen kleinen Spalt, damit die eiskalte Luft hübsch draußen bleibt, klaubst den Brief, den dir die Eule hinstreckt, von ihrem Bein und murmelst „Tschüss", als sie leise schuhuhend wieder davon fliegt, ohne dich vorher um Wasser oder Eulenkekse anzubetteln. Ein flüchtiger Blick auf den Umschlag zeigt dir, dass Pansys Schrift auf dem Pergament aussieht, als hätte sie es in Eile geschrieben.

Du runzelst die Stirn, kletterst wieder unter deine Decke und faltest im Lichtschein deiner Nachttischlampe den Brief auf. Du hoffst, für Pansy, dass es etwas Wichtiges ist, weshalb sie dich zu dieser frühen Stunde aus den Federn geholt hat.

Reg dich nicht auf, steht da. (Du wüsstest nicht, worüber. Und überhaupt, eine Begrüßung wäre nett gewesen, so eine Art Guten-Morgen-und-entschuldige-bitte-dass-dich-meine-Eule-so-früh-weckt, aber nein, da kannst du bei Pansy lange und vergeblich warten.) Dafür kriegen wir sie dran. Dafür können wir sie verklagen. Das ist Rufmord. Mach dir keine Sorgen. Ich kümmere mich darum. Das wird sie uns büßen, diese verdammte Kuh.

Du verstehst kein Wort. Ratlos starrst du den Brief an, faltest ihn dann schulterzuckend wieder zusammen und verstaust ihn mitsamt dem Umschlag auf deinem Nachttisch. „Egal", beschließt du brummend, schwenkst erneut deinen Zauberstab und lässt das Licht wieder erlöschen. 5.42 Uhr ist keine Uhrzeit, zu der du aufstehen und den Tag beginnen kannst. 5.42 Uhr ist eine Uhrzeit, zu der du dich noch einmal unter der Decke verstecken und die Augen schließen kannst.

Sieben Minuten später erscheint die nächste Eule vor deinem Fenster, schuhuht laut, lässt ihren Schnabel gegen das Glas der Fensterscheibe krachen und macht überhaupt einen derartigen Lärm, dass du keine andere Wahl hast, als dich erneut aus dem Bett zu kämpfen und schlaftrunken und barfuß zum Fenster zu schlurfen. In der linken Hand hältst du deinen Zauberstab, murmelst „Lumos!" und drehst mit der rechten Hand den Knauf, um das Fenster zu öffnen. Du bist gerade wirklich froh, dass du dich geweigert hast, die furchtbar altmodischen, englischen Fenster zum Schieben einbauen zu lassen, denn für derartig handwerkliche Kunstgriffe bist du nicht wach genug.

„Ja doch!", knurrst du die Eule gereizt an, wirfst ihr noch einen wütenden Blick zu (auch wenn du erheblichen Zweifel daran hast, dass sie das auch nur in geringster Weise kümmert) und nimmst ihr den zweiten Brief ab, den du an diesem Morgen erhältst. Die Eule kennst du nicht, aber genau wie Pansys flattert sie davon, bevor du sie versorgen kannst.

Müde richtest du deinen leuchtenden Zauberstab auf den Brief, den du in der Hand hältst, erkennst deinen Namen in einem Wirrwarr aus gekrakelten Linien blauer Tinte und runzelst die Stirn. Kalte Luft schlägt dir entgegen und du schließt hastig das Fenster, bevor sich dein Körper noch daran gewöhnt, nicht mehr im schönen, warmen Bett zu liegen. Du kehrst unter deine Decke zurück, tauschst nun doch das Zauberstablicht gegen die Lampe und öffnest seufzend den Umschlag.

Du überfliegst das Pergament, aber wirst daraus genauso wenig schlau wie aus Pansys kryptischer Nachricht. Und es liegt bestimmt nicht an deiner Müdigkeit. Pansy hat mir geschrieben, entzifferst du mühsam, Das ist ungeheuerlich. Das kann sie nicht tun, jedenfalls nicht ungestraft. Pansy sitzt mit Sicherheit schon im Büro und wälzt Gesetzestexte. Wir werden dir die beste Verteidigung erstellen, die du bekommen kannst. Und dann wird sich diese Frau wünschen, sie hätte ihren Schund niemals verfasst und gedruckt. Mach dir keine Sorgen. Dean.

„Was, bei Merlin ...?" Du schüttelst den Kopf, liest den Brief ein zweites und ein drittes Mal, ehe du ihn direkt auf den von Pansy legst. Irgendetwas geht dort draußen vor und offenbar bist du mittendrin. Allerdings kannst du dir eigentlich nichts vorstellen, was du verbrochen haben könntest. Ein Blick auf deinen Wecker verrät dir, dass es mittlerweile 6.03 Uhr ist. Wenn du dich beeilst, kannst du noch ein bisschen die Augen schließen und schlafen. Früher oder später wird dir Pansy schon erklären, was los ist.

Als zum dritten Mal eine verfluchte Eule ihren Schnabel gegen deine Fensterscheibe schlägt, vergräbst du stöhnend deinen Kopf unter dem Kissen und fragst dich, in welchem düsteren Alptraum du wohl gelandet bist. Schließlich kann das alles einfach nicht wahr sein. Vielleicht bildest du es dir ja auch nur ein? Das Pochen wird lauter, energischer und die Eule schuhut entrüstet, weil du sie ignorierst. Du holst deinen Kopf unter dem Kissen hervor, machst diesmal gleich die Lampe an und gehst mit verschränkten Armen Richtung Fenster.

Draußen sitzt Millicents Eule und blickt dir vorwurfsvoll entgegen. „Was?", herrschst du die Eule an, „Bist du von uns beiden derjenige, der ständig aus seinem Bett gerissen wird? Na also. Beschwer dich nicht." Als Antwort erhältst du ein überaus hektisches Pochen und du beschließt, dass es besser ist, das Fenster zu öffnen und den dritten Brief an diesem allzu frühen Morgen entgegenzunehmen. „Ihr seid eine Plage ...", murmelst du, nimmst der Eule den Brief ab und verdrehst die Augen, als sie empört ihr Gefieder aufplustert. „Da", sagst du und schiebst ihr einen Eulenkeks zu, von denen du auf der Fensterbank eine kleine Sammlung liegen hast.

Die Eule nimmt ihn dir gnädigerweise ab, knabbert ein bisschen daran und fliegt davon. Kopfschüttelnd siehst du ihr nach und überlegst, warum du auch beim dritten Mal noch nicht daran gedacht hast, in irgendwelche Pantoffel zu schlüpfen. Stattdessen bist du schon wieder ohne Socken und ohne Schuhe unterwegs und bekommst eiskalte Füße. „Und daran seid nur ihr Schuld!", beschließt du und starrst den Umschlag in deiner Hand vorwurfsvoll an.

Widerstrebend (immerhin bist du dir nicht sicher, ob du eine weitere kryptische Botschaft ertragen kannst) reißt du ihn auf und holst den Brief heraus. Wie so oft, wenn Millicent dir schreibt, sieht das Pergament aus, als sei ein hektischer, kleiner Vogel in ein Tintenfass gefallen und anschließend über das Blatt gelaufen. Entziffern kannst du den Brief zwar, aber der Inhalt lässt dich genauso ratlos zurück wie die anderen beiden Nachrichten, die du schon erhalten hast.

Ich hab gerade mit Pansy gesprochen. Die Kuh machen wir platt. Die wird erledigt. Die wird sich wünschen, niemals eine Flotte-Schreibe-Feder angefasst zu haben. Die wird sich wünschen, niemals das Alphabet gelernt zu haben, verdammt nochmal! Und wenn wir vor Gericht nicht gewinnen sollten, dann kann ich ihr immer noch ein paar hübsche, kleine Tränke unterjubeln, deren Wirkung du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen vorzustellen wagst! Oh, wie ich sie hasse! Aber bleib du ganz ruhig. Ich mache sie fertig!

So langsam bekommst du wirklich das Gefühl, etwas sehr Entscheidendes zu verpassen. Oder wie kann es sein, dass deine Freunde dich beschwören, nicht die Ruhe zu verlieren, wenn du überhaupt keinen Grund weißt, warum du dich aufregen solltest? Denn offenbar kennen sie ja einen. Und das macht dich doch ein klein wenig nervös. Wenn Millicent sogar droht, mit Tränken aus dem Sankt Mungo's um sich zu werfen, dann steht es in der Tat sehr schlecht, so ernst, wie sie ihren Job und die damit verbundene Verantwortung immer nimmt.

Als zum vierten Mal ein Schnabel gegen deine Fensterscheibe pickt, seufzst du nur auf und murmelst „Immer hereinspaziert", auch wenn die Eule dich natürlich nicht hören kann. Millicents Brief legst du auf deiner Bettdecke ab und spazierst, mal wieder, Richtung Fenster. Die Eule, die draußen wild flattert, erkennst du sofort und eigentlich, findest du, sollte sich die Flut an Briefen damit auch erschöpft haben. Wenn Draco dir nun geschrieben hat, hat sich ein Großteil all jener gemeldet, die von Pansy mobilisiert werden könnten.

„Ganz ruhig!", befiehlst du der hektisch schuhuhenden Eule und beißt die Zähne zusammen, als sie dich nicht gerade sanft in den Finger beißt, kaum dass du ihr das Fenster geöffnet hast. Offenbar liegt Draco viel daran, dass du den Brief jetzt sofort öffnest und liest, wenn sich seine Eule derartig verhält. Du verstehst die Welt sowieso nicht mehr, da kannst du genauso gut noch ein viertes Mal eine mysteriöse Botschaft entziffern und versuchen, sie zu entschlüsseln.

Am rechten Bein der Eule ist ein Umschlag befestigt und am linken Bein eine Ausgabe des Tagespropheten. Du runzelst die Stirn, pflückst zuerst den Brief ab und überlegst, ob die Zeitung wohl für dich bestimmt ist. Schließlich bekommst du normalerweise dein eigenes Exemplar, jedoch bestimmt nicht von Dracos Eule. „Aua!", fauchst du entrüstet, als dich der Schnabel der Eule an dem weichen Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger erwischt. Offenbar ist die Zeitung tatsächlich für dich gedacht, denn die Eule gibt nicht eher Ruhe, bis du auch den Tagespropheten von ihrem Bein gelöst hast. Anschließend setzt sich das Federvieh auf deine Fensterbank und sieht dich erwartungsvoll an.

„Oh, schon gut", knurrst du unwillig und reißt den Umschlag auf. Draco wäre nicht Draco, wenn er seine Eule nicht darauf abgerichtet hätte, von dir eine Antwort zu erzwingen. Du bist dir sicher, dass sie dich misstrauisch beobachtet, während du den Brief hervorkramst und auseinanderfaltest. Er sieht aus, als hätte Draco ihn in aller Eile geschrieben und du kannst nicht gerade behaupten, dass dich sein Inhalt beruhigt. Seite 1, rechts, Mitte. Seite 2. Lies. Und dann raste nicht aus. Wir kriegen das hin.

Du fühlst dich, als hätte dir jemand mit voller Wucht in den Magen geschlagen, als du den Brief hastig sinken lässt und stattdessen nach dem Tagespropheten greifst. Du hättest Dracos Anweisungen nicht gebraucht. Die Schlagzeile springt dir auch so ins Gesicht, fett gedruckt und schwarz, anklagend und hämisch lachend.

Heute wird Geschichte geschrieben

- von Rita Kimmkorn

Wie korrupt sind unsere Universitäten?

Haben Sie sich in den letzten Jahren vielleicht auch einmal gefragt, warum ein ehemaliger Klassenkamerad von Harry Potter plötzlich ein Loblied auf die armen, unschuldigen Slytherins singt? Falls ja: das Geheimnis ist gelüftet. Und die Antwort ist weitaus niederträchtiger als wir sie uns vorzustellen gewagt hätten. Des Rätsels Lösung: Emotionaler Missbrauch. (Lesen Sie weiter auf S. 2)

"Skandal in der Zauberwelt! Hatte es vor einigen Jahren noch den Anschein gemacht, als müssten sämtliche Geschichtsbücher zu Gunsten der armen, vernachlässigten Slytherins umgeschrieben werden, so hat sich das Blatt nun gewendet und es scheint, wieder einmal, als seien alle Vorwürfe, die man erhoben hat, auch wahr. Sie erinnern sich an Seamus Finnigans Grün ist die Hoffnung? An die Verblüffung, die damals durch die Zaubergemeinschaft ging? Das leise Raunen, das Tuscheln hinter vorgehaltenen Händen, die Verwunderung darüber, dass ausgerechnet ein Klassenkamerad von Harry Potter, der die Bosheiten der Slytherins doch am eigenen Leib erfahren haben muss, sich plötzlich um 180 Grad dreht?

Im Frühjahr 2013 erschien das vielgerühmte und gepriesene Grün ist die Hoffnung, ein Buch mit Slytherins und über Slytherins, geschrieben von einem waschechten Gryffindor, der den verzweifelten Versuch gestartet hat, seine missverstandenen Klassenkameraden wieder ins rechte Licht zu rücken. Mithilfe verschiedener Slytherins (darunter unter Anderem Draco Malfoy, Sohn des berüchtigten Todessers Lucius Malfoy, sowie Theodore Nott, dessen Vater ebenfalls sein Leben lang in Diensten des Dunklen Lords stand) wurde den Lesern vorgegaukelt, dass hinter der kalten Fassade des Schlangenhauses ein zartes Herzlein pochte.

Die Überaschung war groß. Häufig wurde darüber gerätselt, was, um Merlins willen, Seamus Finnigan dazu bewegt hat, dieses Buch zu schreiben. Und gerade weil er ein Gryffindor war und man sich nicht vorstellen konnte, welche Vorteile er aus diesem Buch würde ziehen können, wurde ihm Glauben geschenkt und überall fragte man sich, ob man den Slytherins womöglich jahrhundertelang Unrecht getan hatte.

Aber nun, beinahe zwei Jahre nach Erscheinen des Buches, ist endlich die Wahrheit ans Licht gekommen: Mister Finnigan hat sein Werk keinesfalls aus uneigennützigen Gründen geschrieben, sondern wurde vielmehr dazu gezwungen und auf höchst geschickte Weise manipuliert. Man muss kein Genie sein, um dahinter die Handschrift eines Slytherins erkennen zu können …

Wie ich in den letzten Wochen dank intensivster Recherchearbeit herausfinden konnte, verband Mister Finnigan eine jahrelange Liaison mit Blaise Zabini, seines Zeichens Slytherin, Busenfreund von Draco Malfoy und anderen zwielichtigen Gestalten, und darüber hinaus Professor für Geschichte an der Magischen Universität von Oxford und somit Kollege von Seamus Finnigan.

Es besteht Grund zur Annahme, dass sich Mister Finnigan, damals noch jung, unschuldig und naiv, in den weitaus gerisseneren Blaise Zabini verliebte, der diesen Zustand schamlos ausnutzte, um Mister Finnigan einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Wie sonst lässt sich Mister Finnigans plötzlich aufkommendes Interesse für die Slytherins erklären? Oder seine Versuche, seine ehemaligen Klassenkameraden – und vor allem seinen Liebhaber – in der Gesellschaft zu rehabilitieren?

Seit damals war Mister Finnigan nun also gefangen in einer Beziehung, aus der er nicht herauskam. Er war blind vor Liebe und hätte in diesem Zustand selbstverständlich alles getan, worum ihn sein angeblicher Partner gebeten hätte. Blaise Zabini nutzte die Verliebtheit des jungen Iren schamlos zu seinem Vorteil aus und machte sich einen Spaß daraus, mit Mister Finnigan zu spielen.

Mister Zabini geht, ähnlich wie seiner Mutter (der legendären Schwarzen Witwe), der Ruf voraus, ein Charmeur und Casanova zu sein, damals wie heute. Sehr wahrscheinlich war er auch während der für ihn höchst lohnenswerten Beziehung zu Mister Finnigan alles andere als treu und man kann sich nur vorstellen, wie sehr Mister Finnigan darunter gelitten haben muss, von dem Menschen, den er über alles liebte, immer und immer wieder betrogen worden zu sein.

Dennoch fuhr Mister Finnigan damit fort, die angeblich zerstörte Ehre der Slytherins wieder herzustellen und die Slytherins weiterhin in den Himmel zu loben, stets in der Hoffnung, damit seinen Partner glücklich zu machen und ihn, wenn möglich, enger an sich zu binden, damit endlich die ständigen Affären aufhören würden.

Seit November 2014 macht es allerdings den Anschein, dass es Mister Finnigan schließlich doch gelungen ist, sich aus dieser selbstzerstörerischen Beziehung zu befreien und die Ketten abzuschütteln, die ihn noch an Mister Zabini gebunden haben. Die Beziehung der beiden scheint beendet zu sein und man kann nur hoffen, dass Mister Finnigan bald einen Partner finden wird, der ihn aufrichtig liebt und ihn verdient.

Jetzt ist – wenn auch relativ spät für Mister Finnigan – die Wahrheit ans Licht gekommen und die Zaubererwelt hat ein Recht darauf, zu erfahren, mit welch unmenschlichen Mitteln die Slytherins nachwievor versuchen, uns zu beeinflussen und uns vorzutäuschen, dass sie eigentlich missverstandene, arme Wesen wären, die Hilfe benötigen. Bleibt zu hoffen, dass die nachfolgende Geschichtsschreibung die Geschehnisse der letzten Jahre wieder gerade rücken wird und dass die Magische Universität Oxford angemessen darauf reagieren wird, dass einer ihrer Professoren seit Jahren einen anderen Dozenten emotional erpresst. Schließlich kann es nicht angehen, dass jemand wie Blaise Zabini sich anmaßt, unseren Kindern beizubringen, was richtig und was falsch ist, während er selbst derart unmoralisch lebt und vor nichts zurückschreckt, um sich und seine Freunde als Gutmenschen darzustellen.

Ob sich Mister Finnigan zu seinen früheren Werken über die Slytherins noch äußern oder gar einen Widerruf schreiben wird, ist bislang noch unklar. Die Redaktion hat darauf verzichtet, ihn mit Eulen zu bombardieren und nach seinem Privatleben auszuhorchen, da wir der Meinung sind, dass der arme Mister Finnigan eine ruhige Zeit verdient hat, um sich von den Strapazen der letzten Jahre zu erholen, die zweifellos stark an ihm nagen.

Wünschen wir ihm, dass die Zukunft rosiger aussehen wird!"

Die Worte verschwimmen vor deinen Augen, zerrinnen zu einem schwarzen Buchstabenmeer, das über dir zusammenschlägt und dir den Atem nimmt, vor Wut, vor Entrüstung, vor Schock. Du weißt überhaupt nicht, mit welcher Emotion du beginnen sollst, sie fühlen sich alle richtig und falsch zugleich an (denn eine angemessene Reaktion, die gibt es nicht, beschließt du), aber dann ist Schreien doch wichtiger als Stille und du brüllst ihn heraus, all deinen Zorn, so laut, dass Dracos Eule empört mit den Flügeln schlägt und dich kritisch mustert.

Der Tagesprophet in deiner Hand verwandelt sich in eine zerkrumpelte Masse, du ballst die Faust um das Papier, bis du nichts mehr erkennen kannst, keine anklagenden Überschriften und schon gar nicht Seamus' Gesicht (gestohlen von einer Photographie, die in eine Zeit gehört, in der du noch glücklich warst, in der dein Leben heil und gut war), weil du es einfach nicht erträgst, weil dir schlecht wird bei dem Gedanken an das, was Rita Kimmkorn dir vorwirft und der ganzen Zaubererwelt als angebliche Wahrheit offenbart.

„Draco", fauchst du in deinen Kamin, weil du jetzt sicher nicht alleine sein kannst, und beinahe fühlt es sich an, als würden die Flammen aus deinem Mund lodern, aber das ist natürlich Unsinn. Astorias Gesicht erscheint im Feuer, sie lächelt, trotz allem, und sagt „Blaise, guten Morgen" und im Hintergrund brüllt Scorpius „Ich will auch!" und Astoria verdreht die Augen und verspricht „Ich schicke dir Draco gleich rüber, Blaise. Melde dich, wenn du etwas brauchst, ja?" und du nickst und würgst ein „Danke" hervor, ehe sich die Flammen wieder ins Nichts auflösen.

Es dauert nicht länger als zwei Minuten, dann taucht Draco in einem Wirbel aus giftgrünem Feuer in deinem Kamin auf, sein Gesicht eine mühsam beherrschte Maske. „Das wird sie bitter bereuen", spuckt er dir anstelle eines Morgengrußes regelrecht entgegen, „Pansy ist bereits in der Kanzlei und überprüft, in welche Schlupflöcher sich die Kimmkorn diesmal retten will, aber das wird ihr nicht gelingen, schon gar nicht, wenn Pansy, Dean und Ernie gemeinsam an der Sache arbeiten." Du nickst, weil du nicht weißt, was du sonst tun sollst, und starrst Draco einfach nur an, denn ein bisschen hoffst du tatsächlich, dass du mitten in einem Alptraum steckst und dass du gleich aufwachen wirst. Du fürchtest nur, dass du soviel Glück nicht hast.

Draco hat sich in der Zwischenzeit an deinem Flohpulver bedient und „Millicent Bulstrode" verlangt. Wenn du dich mal aus deiner Schockstarre lösen könntest, wärst du beeindruckt von der Effizienz, mit der deine Freunde vorgehen. Millicents Gesicht erscheint flüchtig in den Flammen, sie ruft „Sekunde, bin sofort da", verschwindet wieder und steht gleich darauf leibhaftig vor dir, bewaffnet mit ihrer Notfalltasche und mit einem wirklich hässlichen Ausdruck im Gesicht. „Womit soll ich anfangen?", will sie wissen, „Beruhigungstrank für Blaise oder schmerzlich langsamwirkendes Gift für die Kimmkorn?"

Draco runzelt die Stirn. „Woher, bei den Barthaaren von Flamel, hast du schmerzlich langsamwirkendes Gift?", erkundigt er sich, „Solltest du deine Galleonen nicht damit verdienen, Menschen zu heilen statt ihnen Qualen zuzufügen?" Und obwohl es eigentlich Wichtigeres gibt, worüber ihr diskutieren solltet, bist du irgendwie froh, dass sich deine Freunde verhalten wie immer, auch wenn gerade deine Welt explodiert. Millicent zuckt ungerührt mit den Achseln und zieht es vor, sich in mysteriöses Schweigen zu hüllen, während sie dich kritisch mustert, als würde sie abwägen, ob sie dir einen oder gleich mehrere Flakons einflößen soll.

(Ein bisschen wünschst du dir Astoria her, ihre Diplomatie und ihren unerschütterlichen, sturen Optimismus, aber es ist vor sieben Uhr am Morgen, sie hat ein Kleinkind und einen Job, um die sie sich kümmern muss, da kann sie frühestens am Nachmittag mal vorbeiflohen und dir eine Portion Lächeln mitbringen.)

„Nicht", schüttelst du den Kopf und schaust Millicent an, „Keinen Beruhigungstrank. Ich will mich nicht beruhigen und schon gar nicht will ich mich betäuben. Ich will bei klarem Verstand sein, wenn ich mich über Rita Kimmkorn aufrege." Millicents Blick verrät dir, dass sie aufregen noch für ein ziemlich schwaches Wort hält für das, was sie vermutlich am liebsten mit Rita Kimmkorn anstellen würde. „Soll ich dich krankschreiben?", will sie wissen, „Ich kann verstehen, wenn du heute nicht in die Uni willst, aber …"

„Nein", unterbrichst du sie beinahe augenblicklich, „Alles, nur das nicht. Glaubst du, die Genugtuung gönne ich ihr? Dann schreibt sie morgen den nächsten Artikel und zwar darüber, wie feige und rückgratlos ich bin, dass ich nicht einmal mehr nach draußen gehe, weil ich mich zu sehr schäme, und weißt du, was dann ihre Schlussfolgerungen wären, ihre und die der halben Zauberergemeinschaft? Dass sie, verflucht nochmal, Recht hatte mit allem, was sie mir vorgeworfen hat."

„Wie kann sie es eigentlich wagen?", knurrt Millicent, „Wie kann sie die Frechheit besitzen und behaupten, du … du …" „Hättest Seamus erpresst?", hilfst du bereitwillig aus und Millicents Verblüffen verrät dir, dass du klingst wie Eis und Stahl. „Ja", faucht sie, „Und woher, bei Salazar, hat sie all diese Informationen? Persönliche Informationen? Woher wusste sie überhaupt von dir und Seamus? Und woher wusste sie von eurer … naja, Trennung? Ihr wart so verdammt vorsichtig, all die Jahre über, wie kann es sein, dass sie ausgerechnet jetzt diesen Artikel verfasst?" Draco sieht dich an, bestürzt und unverhohlen wütend zugleich. „Du glaubst doch nicht, dass …", beginnt er und verliert offenbar nach der Hälfte den Mut, denn er lässt den Satz unbeendet stehen.

Du weißt auch so, was er dich fragen will. „Nein", sagst du erneut und schaust ihn an, „Nein, ich glaube nicht, dass Seamus ihr etwas erzählt hat." Du magst es dir nicht vorstellen (weil es falsch wäre, auf so vielen Ebenen), aber du kannst es auch gar nicht. Das, was zwischen euch war, das geht auch nur euch etwas an. So ist es immer schon gewesen. Vorher und auch jetzt. All die Jahre gehen nicht spurlos an jemandem vorbei und der Artikel schreit Kimmkorn, doch er schreit nicht Verrat. Du weißt nicht, wie sie es geschafft hat, all diese Informationen zu sammeln, du weißt nur, dass keiner deiner Freunde etwas damit zu tun hat.

„Ich bring' sie einfach um", faucht Millicent in die Stille hinein, „Ehrlich. Ein paar Tropfen ausgesuchten Gifts und keiner würde je erfahren, wie es passiert ist." Du schmunzelst, schwach, aber du schmunzelst. „Spitze", erwidert Draco trocken, „Pansy wird sich bedanken, wenn sie deine Verteidigung übernehmen muss, weil du einen Mord begangen hast, der angeblich todsicher war, dann jedoch blöderweise herausgekommen ist. Ich kann sie bereits vor mir sehen, wie sie ausrastet und sich darüber auslässt, wie bescheuert dein Plan war. Wollen wir wetten?" Du bist dir ziemlich sicher, dass Draco diese Wette gewinnen würde.

Du holst tief Luft und versuchst, irgendwie, ein bisschen Struktur in diesen Morgen zu bekommen. „Anziehen", murmelst du zusammenhanglos und machst eine abrupte Bewegung Richtung Badezimmer, „Ich … bin gleich wieder da. Macht es euch gemütlich, ja?" Du wartest Millys und Dracos Antwort nicht ab, sondern verschwindest direkt im Bad, schließt die Tür hinter dir und lässt deinen Kopf gegen das Holz sinken. Du zwingst dich zu ein paar ruhigen, beherrschten Atemzügen und bemühst dich, an nichts weiter zu denken als an Atmen. Ein, aus. Ein, aus, so schwierig ist das nicht.

Dann gibt es ungefähr zehn schwarze Sekunden, von denen du nicht weißt, was in ihnen passiert ist, aber als die Welt wieder langsam Gestalt annimmt, starrst du in deinen zerbrochenen Spiegel und die Luft ist schwer von deinem Rasierwasser, das an dem Glas entlang nach unten tropft, auf die Scherben der Flasche, in der es sich eben noch befunden hat. Draußen brüllt Millicent „Blaise! Was, zur Hölle, tust du da drin?" und Draco hämmert mit Fäusten gegen die Tür und beschwört dich, zu öffnen, aber du blendest ihre Stimmen aus und rutschst langsam zu Boden, bis du auf den Fliesen sitzt und erneut deinen Kopf gegen die Badezimmertür lehnen kannst.

Scherben, denkst du, bedeutet das nun Glück oder doch ein kaputtes Leben?

Und du wünschtest, du würdest die Antwort kennen.

Aber im Moment weißt du nur, dass du dich nicht den Rest des Tages in deinem Badezimmer verkriechen kannst und dass du deinen Schlafanzug loswerden solltest, denn er riecht nach vergossenem Rasierwasser und einem besseren Leben.

Mit eiserner Willenskraft schälst du dich aus deinen Kleidern und steigst unter die Dusche, weil warmes Wasser doch irgendwie immer hilft, oder nicht? Zumindest spült es dir die letzten Reste Schlaf aus dem Gesicht, auch wenn davon heute nicht ganz so viel übrig ist wie an anderen Tagen, denn, überraschenderweise, hat es einen ganz schön muntermachenden Effekt, wenn man den Morgen damit beginnt, Verleumdungsartikel über sich selbst im Tagespropheten zu lesen. Das Wasser rauscht in deinen Ohren und du verlierst jegliches Zeitgefühl. Beinahe ist es so, als würde die Welt außerhalb deines Badezimmers nicht existieren, schließlich kannst du sie weder sehen noch hören, aber blöderweise ist dein Verstand schon wach und klar genug, um dich daran zu erinnern, dass das leider nicht der Wahrheit entspricht.

Du streckst schließlich die Hand aus und drehst das Wasser wieder ab, schüttelst den Kopf, dass die Tropfen fliegen, und reibst dich mit dem Handtuch ab, bis deine Haut kribbelt. (Anschließend stellst du fest, dass du vergessen hast, dir etwas Frisches zum Anziehen mitzunehmen, aber wirklich überraschen kann dich das nicht, wer hat schon Zeit für Alltägliches, wenn gerade alles Andere kaputtgeht?) Du ziehst dir deinen Morgenmantel über und öffnest die Tür. Auf dem Flur begrüßt dich der Duft von frischem, starkem Kaffee und der vertraute Klang von lauten Stimmen, der dir verrät, dass sich Draco und Millicent über irgendetwas uneinig sind.

Die Beiden können noch einen Augenblick warten, beschließt du, und verschwindest zuerst in deinem Schlafzimmer, um den Bademantel gegen frische Unterwäsche, Hose und Hemd einzutauschen. Nur die Socken lässt du vorerst weg, denn der Fußboden ist angenehm warm und du vermutest, dass Millicent einen Zauber auf ihn gelegt hat, weil sie das im Winter immer tut. Es ist ganz gemütlich, findest du (soweit man das von diesem Morgen sagen kann), und beinahe breitet sich ein Gefühl von Behaglichkeit in dir aus, bis dir wieder einfällt, dass nichts gut ist.

Barfuß machst du dich auf den Weg in die Küche und ziehst die Augenbrauen in die Höhe, als du mitten in eine Diskussion zwischen Draco und Millicent stolperst. „Gar nicht wahr", beharrt Milly gerade recht barsch, „Nur, weil du dich an dieses Weichspülergesöff gewöhnt hast, bedeutet das nicht –", aber sie kommt nicht dazu, den Satz zu beenden, denn Draco unterbricht sie sofort und du lehnst dich gegen den Türrahmen, um das Spektakel, das sich dir bietet, nicht zu verpassen. „Weichspülergesöff?", wiederholt Draco und verschränkt die Arme vor der Brust, „Sagtest du soeben Weichspülergesöff?" Obwohl die Frage eine rhetorische ist, betrachtet Millicent sie offenbar als Steilvorlage, um Draco ein „Siehst du, es beeinträchtigt sogar schon dein Gehör!" an den Kopf zu werfen.

„Nicht, dass ich mich nicht großartig amüsieren würde", schiebst du rasch dazwischen, „Aber ich fände es trotzdem angenehmer, einer Diskussion über Millicents Kaffee zu lauschen, während ich eine Tasse mit ihrem Kaffee in der Hand halten und trinken kann. Wäre das irgendwie machbar?" Draco schnaubt ein „Teufelszeug!", doch Millicent ist vollkommen unbeeindruckt und schenkt dir eine Tasse ein. Der Kaffee dampft und riecht angenehm herb, er ist dunkel wie die Nacht und schmeckt, als hättest du nie etwas Besseres gekostet.

Du fühlst Millicents und Dracos Blicke auf dir ruhen, sie erzählen von Besorgnis und schlecht verhehlter Wut, wenn auch natürlich nicht dir gegenüber. „Okay", sagt Millicent schließlich, „Was ist zu tun? Hast du einen Schlachtplan?" Du lässt dich auf einem Stuhl am Küchentisch nieder und trinkst einen weiteren Schluck Kaffee, ehe du den Kopf schüttelst. „Kein Schlachtplan als solcher", erwiderst du, „Kaffee trinken. Frühstücken. Mantel anziehen. In die Uni gehen. Vorlesung halten. Im Büro arbeiten. Zurück nach Hause flohen."

„Astoria meinte, dass sie am Nachmittag mal vorbeikommen würde", bietet Draco dir an, „Mit Kuchen. Und vorzugsweise ohne Scorpius, sagte sie, auch wenn sie das nicht versprechen kann." Du lächelst kurz. „Sie kann ihn auch mitbringen", antwortest du sofort, „Ich hab schließlich nur das eine Patenkind, das muss ich dann auch ein wenig verwöhnen." Draco verdreht die Augen und murmelt etwas von wegen „All die gute Erziehung, völlig umsonst", aber es ist ein Spiel zwischen euch und du weißt, dass es ihn nicht wirklich stört, wenn du Scorpius erlaubst, bei dir auf dem Bett herumzuspringen. („Solange er nicht nach Hause kommt und es dann auf meinem und Astorias Bett auch tun will", pflegt Draco zu sagen, in solchen Situationen.)

„Bist du dir sicher, dass du in die Uni willst?", fragt dich Millicent rundheraus und du willst gerade zu einer glühenden, kleinen Rede ansetzen, als dir etwas einfällt und du aufstöhnst. „Was?", will Milly alarmiert wissen, „Schmeckt dir der Kaffee etwa doch nicht?" Es bringt dich zum Lachen, immerhin. Du schüttelst den Kopf. „Keine Sorge", versicherst du ihr, „Du weißt, wie sehr ich an deinem Kaffee hänge. Mir ist nur gerade wieder eingefallen, dass ich für die heutige Vorlesung eigentlich einen Überraschungsgast hatte. Entschuldigt mich, ich muss mal eben Harry Potter absagen." Du lässt deine Kaffeetasse auf dem Küchentisch stehen und gehst nach nebenan, zurück in dein Schlafzimmer, um den Kamin zu benutzen, von dem du glaubst, dass er noch nie derart häufig vor 8 Uhr morgens frequentiert wurde.

Du wirfst ein paar Krümel Flohpuder in den Kamin und verlangst „Harry Potter". Sekunden später erscheint sein Gesicht in den Flammen und du kannst seinen Augen ablesen, dass er heute bereits einen Blick in die Zeitung geworfen hat. „Morgen", sagt er, ein bisschen atemlos, und scheint ein Stück Toast herunterzuschlucken, das er bis eben noch gekaut hat. „Morgen", grüßt du zurück, auch wenn du dich gerade nicht wirklich nach Höflichkeit und Floskeln fühlst. Du verschwendest deine Zeit nicht mit leeren Phrasen (was solltest du denn auch in die Flammen flüstern, Gut geschlafen? vielleicht?), sondern kommst direkt auf den Punkt. „Wir müssen deinen Besuch verschieben", erklärst du freiheraus.

„Okay", erwidert Harry langsam und er fragt nicht nach dem Warum, was dir nur deine These bestätigt, dass er den Artikel schon gelesen haben und daher wissen wird, weshalb du die heutige Vorlesung vermutlich nicht wie geplant abhalten kannst. (Merlin, du hast nicht die geringste Ahnung, wie du sie halten sollst, aber darum kannst du dich gleich kümmern, wenn Harry Potters Kopf nicht mehr in deinem Kamin sitzt.) „Brauchst", Harry zögert kurz und du ziehst eine Augenbraue in die Höhe. Er räuspert sich und schafft es doch, den Satz zu Ende zu führen. „Brauchst du irgendwas?", erkundigt er sich und klingt besorgter, als dir recht ist.

„Nein", lehnst du ab, „Draco und Millicent sind hier. Es ist alles unter Kontrolle. Ich schicke dir morgen eine Eule, dann können wir besprechen, ob wir deinen Besuch vielleicht auf nächste Woche verschieben, okay?" Du denkst, dass das ganz davon abhängt, wie dich deine Studenten heute behandeln und ob du nächste Woche noch Lust darauf hast, ihnen Harry Potter persönlich vorzustellen, doch du hütest dich davor, den Gedanken laut auszusprechen.

„Okay", antwortet Harry und sieht dich aus den Flammen heraus unentschlossen an. Er scheint nicht so recht zu wissen, wie er mit der Situation umgehen soll (und in einem Anflug von Galgenhumor fragst du dich, ob er nicht der Experte sein müsste, nach all den gefühlt tausend gedruckten Artikeln und Hetzkampagnen gegen ihn) und du entscheidest, es ihm leicht zu machen (weil er Harry Potter ist, weil er ein Gryffindor ist, weil er mit Seamus befreundet ist, weil du niemanden brauchst außer den Freunden, die sowieso schon deine Küche blockieren oder sich früh am Morgen deinetwegen durch Gesetzestexte wühlen, weil du in niemandes Schuld stehen willst, weil er dir sowieso schon einen Gefallen tut, indem er versprochen hat, in deine Vorlesung zu kommen – und du könntest die Liste ewig fortführen). „Gut", sagst du leichthin, „Dann bis zur Eule. Mach's gut."

Und Harrys Gesicht verschwindet.

„Na", neckt dich Draco, als du zurück in die Küche kommst, „Wie hat er es aufgefasst, dass du ihm abgesagt hast?" Manchmal fühlst du dich spontan um Jahre zurückversetzt. Manchmal, das sind die Augenblicke, in denen Draco es nicht lassen kann, gegen den ein oder anderen Gryffindor zu stacheln (und es muss nicht einmal Harry Potter sein, Ron Weasley tut es genauso), obwohl ihr doch längst alle erwachsen sein solltet, obwohl Pansy sich eine Kanzlei mit Ernie Macmillan und Dean Thomas teilt (und weil alles in Dreiheiten kommt, vervollständigst du auch diesen Gedanken mit einem weiteren: obwohl du mit Seamus zusammen warstbistseinwirst).

Du zuckst die Achseln, lässt dich wieder auf den Stuhl sinken und legst die Hände um die Tasse, deren Inhalt jemand (du vermutest, Milly) magisch warm gehalten hat. „Gut", meinst du, „Er wollte wissen, ob ich irgendwas brauche." Draco verdreht die Augen und murmelt etwas von wegen „Menschen retten" und „Syndrom" und „Hört das denn nie auf?", aber Millicent wirft ihm einen rügenden Blick zu und sagt „Das war nett von ihm, aber unnötig. Wenn hier jemandem die Ehre gebührt, Rita Kimmkorn fertigzumachen, dann bin ich das. Das steht ja wohl fest, oder etwa nicht?"

Du nimmst einen Schluck Kaffee und weißt plötzlich nicht, woher Millicent ihre Energie nimmt, denn dir fehlt sie gerade völlig. Du fühlst dich, als hätte dir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Welt um dich herum verschwimmt ein wenig, verliert Konturen und erweckt den Anschein, als würde ein Dementor draußen vor dem Küchenfenster geistern, nur mit dem Unterschied, dass er dich im Moment nicht deine schlimmsten Erinnerungen durchleben lässt, sondern solche, die dich mit Magenschmerzen zurücklassen, weil du nicht sicher bist, ob du sie jemals zurückbekommen wirst.

(Die Wohnungstür fällt knallend ins Schloss und Draco dreht sich zu dir um. Er hat eine Augenbraue in die Höhe gehoben und auf seinem Gesicht liegt kein Urteil, nur Neugier und Unglaube. „Ernsthaft?", sagt er und seine Stimme klingt so erstaunt wie es sein Blick ist, „Finnigan?" Du fährst dir mit einer Hand über das Gesicht und überlegst, was du darauf wohl am besten erwiderst, um die Antwort so diplomatisch und informativ wie möglich zu gestalten. Herauskommt allerdings ein „Ja" und das ist weder sonderlich diplomatisch noch informativ, sondern einfach nur geradeheraus, aber dann wiederum, denkst du, ist das vielleicht das Beste. Draco verdient die glatte Wahrheit und er ist sowieso viel zu lange nicht in deinem Leben gewesen, da kannst du dich nicht mit überflüssigen Erklärungen aufhalten.)

„Soll ich –?", beginnt Millicent und du hast keine Ahnung, was sie vorschlagen will, aber du schüttelst dennoch den Kopf. „Nein", sagst du und seufzst, du fühlst dich müde, als hättest du hundert Jahre nicht geschlafen. Und dagegen kann nicht einmal Millys Mörderkaffee etwas verrichten. „Danke", schiebst du hintenan, „Wirklich. Es ist nur … Ich brauche einen Moment Zeit, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich mit einem Mal interessant genug bin, um in der Klatschspalte des Tagespropheten zu landen." Du verziehst das Gesicht und kannst selbst hören, wie angestrengt das eben geklungen hat, ausgerechnet bei dir, dem für gewöhnlich so rasierklingenscharfe Sprüche einfallen, dass Astoria mal meinte, man müsse aufpassen, sich nicht an ihnen zu schneiden.

(Eigentlich bräuchtest du Zeit, um mal darüber nachzudenken, wie es sein konnte, dass du etwas, was in deinem Leben so richtig gut lief, so rasant gegen die Wand gefahren hast. Du überlegst, wann du die falsche Abzweigung genommen hast, wann du angefangen hast, Seamus zu verlieren, oder er dich, aber das Problem ist, dass du dich bisher standhaft geweigert hast, dich damit auseinanderzusetzen, denn dann müsstest du unter Umständen einsehen, dass er weg ist und du bist nicht sicher, ob du dafür bereit bist.)

Sie sind leise geworden, Draco und Millicent. Sie kabbeln sich nicht einmal und das kommt selten genug vor (so selten, dass du findest, dass du definitiv die Augen offen halten solltest, denn ja, du sitzt hier gerade wie ein Häufchen Elend, aber man kann ja nie wissen, nicht wahr?). Beide tragen einen merkwürdigen Ausdruck auf dem Gesicht, irgendetwas zwischen Wut und Verzweiflung und Mitleid und du fragst dich, wie du mit deinen Studenten zurechtkommen sollst, wenn es dir bereits so schwer fällt, hier deinen Freunden gegenüberzusitzen.

„Trink deinen Kaffee", befiehlt dir Millicent leise, „Ich verspreche, ich habe dir nichts heimlich hineingeschüttet." Draco schnaubt und du gehorchst. Es ist ein Reflex, geboren aus Jahren, in denen du bei jeder (kleinen oder großen) Krankheit zu Millicent gekrochen bist, um dir einen Heiltrank einflößen zu lassen, aber Reflexe sind immerhin überlebensnotwendig und wer weiß, vielleicht rettet dich diese Tasse Kaffee über einen beschissenen Morgen hinweg.

„Was hast du nun vor?", erkundigt sich Draco und du vermutest stark, dass er sich nicht auf dein Frühstück bezieht. „Uni", erwiderst du, stellst die Tasse auf dem Tisch ab und spielst ein wenig mit ihr, „Erst Vorlesung, dann ab ins Büro. Post ist sicher genügend übriggeblieben, um mich den gesamten Nachmittag lang beschäftigt zu halten. Sag Astoria, dass sie ruhig an der Uni vorbeiflohen kann, wenn sie mich hier nicht erwischt."

Millicent runzelt die Stirn. „Was für eine Vorlesung ist das heute?", will sie wissen, „Warum hattest du Harry eingeladen?" Du lächelst, doch es bleibt dir schief in den Mundwinkeln hängen. „Grenzen überschreiten", antwortest du, „Zwischen Rivalität und Freundschaft, Hass und Liebe, Verrat und Loyalität. Zwischen Leben und Sterben." Millicent schürzt die Lippen und spricht das aus, was ihr vermutlich gerade alle Drei denkt. „Wie passend", findet sie und in ihre Stimme hat sich ein Zug Bitterkeit geschlichen, der dir nicht gefällt.

„Ich kann's nicht ändern", meinst du, „Das Thema ist gut." Milly atmet zischend aus. „Das Thema ist privat", stellt sie fest, „Oder zumindest kann es das werden. Gerade heute." Du zuckst die Achseln. „Wir sprechen über den Krieg", erwiderst du, „Glaubst du nicht, dass bisher all meine Vorlesungen in irgendeiner Weise privat waren? Lass es meine Sorge sein, wirklich." Sie sieht dich skeptisch an, aber dann nickt Millicent und seufzt „Na gut". Sie sagt dir nicht, dass sie sich nur Gedanken um dich macht, weil ihr euch lange genug kennt, dass sie weiß, du verstehst sie und ihre Art.

Ihr sitzt schweigend am Küchentisch, Milly und Draco wie zwei Leibwächter an deinen Seiten, und du trinkst schweigend deinen Kaffee aus. Die Zeiger der Uhr ticken weiter; die Welt bleibt nicht stehen, nur weil es sich für dich so anfühlt, stellst du fest. Irgendwann (nachdem du ruhig warst und nachdem du ausgerastet bist, immer im Wechsel) schickst du deine Freunde weg, nach Hause, zu ihren Arbeitsplätzen, nachdem du ihnen versichert hast, dass du zurechtkommst und dass du dich melden wirst, wenn etwas passiert. (Du fällst und fällst und fällst, aber wenigstens weißt du, dass es ein Sicherheitsnetz gibt, das ständig bereit ist, dich aufzufangen.)

Nachdem Draco und Millicent in grünen Flohpulverflammen verschwunden sind, packst du deine Sachen zusammen, ziehst dich fertig an und versuchst, irgendwie zu begreifen, dass noch immer der gleiche Tag ist wie heute Morgen, als du von der ersten Eule geweckt wurdest. Seitdem ist so viel passiert, dass du – trotz Kaffee – glaubst, du hättest hundert Nächte nicht geschlafen und ein ganzes Leben verpasst.

Jahre, Stunden, Wochen, Minuten später fühlst du dich noch immer wie betäubt, als hätte dir jemand (Millicent?) heimlich doch einen Beruhigungstrank verpasst, der allerdings nicht so ganz angeschlagen hat, weil tief in dir drinnen Wut tobt, aber kalte, eiskalte Wut, die dich beinahe selbst zittern lässt und die mit jedem Schritt, den du machst, weiterwächst und dieses betäubende Gefühl mehr und mehr verdrängt. (Vielleicht stehst du unter Schock. Es passiert schließlich nicht jeden Morgen, dass du die Zeitung öffnest und einen Artikel lesen musst, in dem behauptet wird, dass du deinen – ja, deinen was eigentlich genau? – emotional erpresst haben sollst, um die Ehre der Slytherins wieder aufzubauen. Wenn es nicht so tragisch wäre, würdest du dich amüsieren, wie lächerlich das alles doch ist.)

Du hastest die Straße entlang und stellst deinen Mantelkragen auf, als Schutz gegen den beißenden Wind und gegen die Blicke, die du dir einbildest, die dich mustern, von oben bis unten betrachten, die über dich urteilen, obwohl sie dich überhaupt nicht kennen. Merlin, du hättest große Lust, sie anzuschreien, die ganze Welt anzuschreien, auch wenn du weißt, dass es nichts an deiner Situation ändern wird, aber wer weiß, vielleicht wirst du dich hinterher besser fühlen, wenn zumindest ein kleiner Teil dieser Wut nach draußen dringen kann.

Die Universität ist dir noch nie so kühl und herablassend erschienen wie an diesem Morgen. Du hast das Gefühl, als würde ihre Außenfassade dich ebenso spöttisch mustern wie die Passanten. Natürlich ist das Unfug und trotzdem kommst du dir beobachtet vor und weißt nicht, wie du diesen Tag eigentlich überstehen sollst. (Vielleicht hättest du dich wirklich krankmelden sollen.) (Nein, das hättest du nicht getan. Du bist viel zu wütend, um dich zu verstecken.) Die Tasche in deiner Hand schwankt bedenklich, während du die Stufen zum Eingang erklimmst, die Tür aufstößt und die Uni betrittst. Du weißt nicht, wann du zuletzt so nervös gewesen bist.

Auf den Gängen ist es leer und still. Du bist noch unentschlossen, ob du wirklich in die Caféteria gehen möchtest, an diesem Morgen von allen, aber du brauchst deinen zweiten Koffeinschub, sonst kannst du für nichts garantieren und zu Hause warst du irgendwann zu beschäftigt damit, mit Tassen um dich zu werfen, auch wenn die Tassen noch zur Hälfte voll waren mit Kaffee, den Millicent dir gekocht hatte. Bis sie dir gesagt hat, dass dein Geschirr keine Schuld trifft und dass du mal über einen Aggressionsbewältigungskurs nachdenken solltest. Verdammte Heiler.

Natürlich stolperst du Osburga in die Arme, kaum, dass du dich mit einem Tablett bewaffnet hast. „Blaise", beginnt sie langsam und vorsichtig, sie streckt eine Hand nach dir aus, als wärst du ein wutschnaubendes, gefährliches Raubtier, das sie beruhigen möchte, doch wenn du zum jetzigen Zeitpunkt für eines nicht in der Stimmung bist, dann ist das Beruhigen. „Nein", erwiderst du schärfer als beabsichtigt, „Sag jetzt nichts, Osburga. Wirklich. Es ist besser so." Du willst es nicht hören, ihr mitfühlendes Es tut mir Leid, willst die Aufrichtigkeit in ihrer Stimme nicht hören, weil sie beinahe wie Hohn klingt, nach all den falschen Worten, die Rita Kimmkorn in dein Gedächtnis eingebrannt hat.

Osburga seufzt und lässt die Hand sinken. „In Ordnung", sagt sie leise, „Aber du weißt, dass wir alle hinter dir stehen? Hinter euch?" Der Zynismus liegt schwer und bitter auf deiner Zunge (Welches euch? Gibt es das noch?), doch du schluckst ihn herunter, denn Osburga hat nur versucht, dir etwas Nettes zu sagen, nachdem du ihr regelrecht verboten hast, dich irgendwie zu trösten. Stattdessen nickst du und murmelst etwas von wegen „Ich brauche Kaffee, entschuldige mich bitte" und hast dich noch immer nicht entschieden zwischen den zwei Impulsen (ausrasten oder in dir zusammenfallen), die in dir kämpfen und dich weiterhin aufrecht stehen lassen.

Sidonie lächelt und sagt kein Wort, als du deinen Kaffee bezahlst, doch du siehst an ihrem Blick, dass die Schlagzeile auch an ihr nicht spurlos vorüber gegangen ist. Sie wünscht dir „Einen schönen Tag, Professor" und es klingt ehrlich und ein bisschen traurig. Der erste Schluck Caféteriakaffee schmeckt nach Enttäuschung und kaputtem Leben. Du hast nie gedacht, dass es so enden würde. Eure Beziehung auf der Titelseite, in der Klatschspalte des Tagespropheten, zerrissen von Rita Kimmkorn höchstpersönlich. Und selbst wenn: Du bist immer davon ausgegangen, dass es nicht weiter schlimm wäre, schließlich wäre Seamus an deiner Seite und gemeinsam schafft ihr alles. Wie naiv du doch warst. Wie jung und hoffnungslos naiv (und so furchtbar verknallt).

Jemand legt dir eine Hand auf die Schulter, sie fühlt sich warm und tröstlich an (und du willst sie gerade wirklich nicht da haben), du drehst den Kopf und schaust Asmund entgegen, ihr nickt einander kurz zu, dein Griff um deine Tasche wird fester, du holst Luft, nippst erneut an deinem Kaffee und sagst „Meine Vorlesung wartet". Asmund und Osburga sehen dich an, als würden sie dich gerne begleiten, ihre Blicke sind beinahe zu viel (verdammtes Slytherindasein, verdammter Stolz) und du reißt dich los, reißt dich los aus der Lethargie und lässt die kalte Wut über dich hinwegspülen wie Meereswellen am Strand.

Deine Beine sind bleiern und schwer und es dauert länger als sonst, aber sie tragen dich zuverlässig zu deinem Hörsaal. Du holst Luft und wünschst dir, du könntest dir einreden, dass deine Studenten den Tagespropheten bestimmt nicht zum Frühstück lesen, doch du würdest es dir sowieso nicht glauben, also sparst du dir die Mühe. Du wirst das Gefühl nicht los, dass du deine Energie an diesem Tag noch besser wirst gebrauchen können. Du stößt die Tür auf und betrittst den Saal, kommst herein in eine Mischung aus neugierigem Wispern und irritiertem Schweigen. Sei wie immer, sagst du dir mit eiserner Disziplin, sei wie immer, lass sie nicht merken, dass sie dich heute verunsichern, es sind nur Studenten, keine Raubtiere, aber vielleicht wäre das besser, denn du bist dir nicht sicher, ob Raubtiere dich derart beurteilen können wie es deine Studenten können.

(Verurteilen.)

„Guten Morgen", nickst du in die Runde und legst deine Tasche auf dem Pult ab. Es bleibt still im Raum, du spürst die Blicke auf dir ruhen, sie fragen, sie bohren, sie sind abschätzig und mitleidig, verwirrt und aufmunternd, neutral und misstrauisch, oder vielleicht bildest du dir auch all das nur ein und stattdessen sitzen deine Studenten ruhig auf ihren Plätzen. Dein Blick ist an den Tagespropheten hängengeblieben, die vor verschiedenen Studenten liegen und soeben eilig zusammengefaltet werden. Seamus' Gesicht blitzt dir von der Titelseite entgegen und verpasst dir einen Schlag in die Magengrube.

Du starrst sie an, die jungen Männer und Frauen, die vor dir sitzen, so wie du vor Jahren selbst dort gesessen hast, um Osburga zu lauschen, du starrst sie an und fragst dich, wie es sein kann, dass du gestern noch halbwegs zufrieden warst mit deinem Leben (so zufrieden, wie man eben ist, wenn man sich in Arbeit vergräbt und dabei die eigene Beziehung zugrunde richtet) und dass du heute fassungslos zuschauen musst, wie es zerbricht.

(Und dann, dann wirst du wütend. Auf Rita Kimmkorn, die keine Ahnung hat von dem, worüber sie schreibt. Auf Seamus, weil er einfach weggegangen ist, obwohl er dich doch kennt, obwohl er doch weiß, wie anstrengend du sein kannst. Aber am wütendsten bist du auf dich selbst. Weil du da stehst und keinen Finger rührst, weil es sich anfühlt, als hätte dich der Schock lahmgelegt, während Pansy damit beschäftigt ist, dich zu rächen, Pansy und Draco und Millicent und so viele Andere, und was tust du?)

Jemand hebt vorsichtig eine Hand in die Höhe, beginnt zögernd mit „Ähm, Sir? Professor Zabini?"

„Ruhe", sagst du und deine Stimme klingt wie gefrorenes Wasser, „Heute rede nur ich."

Deine Studenten schauen dich an, ihre Gesichter sind blank, oder vielleicht bist du nur einfach so sehr gefangen in deinem eigenen Kopf, deinem eigenen Leben, dass du dich heute, in diesem Moment, weigerst, etwas aus ihren Mienen herauszulesen, obwohl es dir sonst so viel Spaß macht, obwohl du sonst versuchst, ihre Erwartungen vorher zu erraten und sie dann lächelnd gerade nicht zu erfüllen, obwohl du dich bemühst, sie zu überraschen, sie dazu zu zwingen, eigenständig zu denken und alles zu hinterfragen.

(Heute hinterfragen sie dich. Um das zu wissen, musst du nicht in ihre Gesichter sehen.)

„Sie haben Rita Kimmkorn gelesen", beginnst du ohne Umschweife, „Sie alle. Nicht wahr? Nein", wehrst du hastig ab, als einige Studenten versuchen, sich zu melden und dir zu antworten, „Ich will von Ihnen heute nichts hören. Haben Sie das verstanden?" Du klingst fremd und ernst und vielleicht wäre eine andere Herangehensweise die bessere gewesen, doch jetzt ist es gleich, jetzt hast du angefangen und jetzt wirst du es zu Ende bringen, das bist du dir (und Seamus, oder nicht?) schuldig.

„Mein Privatleben", fährst du fort, „geht niemanden etwas an. Weder Sie noch meine Kollegen noch Rita Kimmkorn, und schon gar nicht die Öffentlichkeit. Ich bin nicht hier, um Ihnen weitere Details zu bieten oder einen noch tieferen Einblick in mein Leben außerhalb dieses Hörsaals. Ich frage Sie im Gegenzug schließlich auch nicht nach Informationen, die Sie – zurecht – als privat betrachten würden. Ich bin nicht hier, um Ihnen Rede und Antwort zu stehen. Ich bin nicht hier, um mich zu rechtfertigen. Ich bin hier, um zu erklären, weil das immer noch mein Job ist.

Sie fragen sich, wie ich Sie lehren kann, dass nicht jeder Slytherin böse ist, wenn ich doch selbst einer war, einer bin? Sie fragen sich, wie ich behaupten kann, dass Draco Malfoy und Theo Nott es nicht gerade leicht hatten, wenn ich mit beiden befreundet bin und man annehmen könnte, dass ich vieles sagen würde, um sie zu verteidigen? Sie fragen sich, wie ich darüber urteilen kann, was richtig und was falsch ist, wenn die Gesellschaft doch sowieso beschlossen hat, dass die Seite, auf der ich stehe, die falsche ist? Tatsächlich? Wenn Sie sich all das fragen und noch mehr, dann weiß ich nicht, ob Sie mir im vergangenen Semester zugehört haben.

Es ist nicht wichtig, in welchem Haus ich in Hogwarts war. Es ist nicht wichtig, mit wem ich befreundet bin und es ist überhaupt nicht wichtig, mit wem ich eine Beziehung führe. Mein Privatleben hat nichts mit meinem Job zu tun. Historiker zu sein bedeutet auch, dass man sich distanzieren kann, von der Vergangenheit, der Gegenwart, den eigenen Gefühlen, dass man stattdessen versucht, sachlich und neutral etwas zu analysieren. Hatten Sie in den letzten Monaten etwa den Eindruck, dass mir diese Fähigkeit vollkommen fehlt?"

Du lässt deinen Blick über die bunte Runde deiner Studenten wandern, aber offenbar wirkt dein Einwand von vorhin noch immer und keiner versucht, dir zu antworten. Ein paar schauen dir entgegen und vielleicht lächeln sie sogar, doch heute verschwimmen sie vor deinen Augen und alles, was du siehst, sind die Scherben, die du in deinen Spiegel und dein Leben geschlagen hast.

„Natürlich liegt mir etwas daran, das Bild, das die Öffentlichkeit von Slytherins hat, geradezurücken", nimmst du den Faden wieder auf, „Das täte es jedoch auch, wenn ich nicht selbst davon betroffen wäre. Gerade weil ich in Slytherin war, bemühe ich mich umso mehr, dass man mir das nicht anmerkt, dass man mir keinesfalls Voreingenommenheit vorwerfen kann. Wir haben Slytherins besprochen, ja, allerdings nicht ausschließlich. Wir haben Gryffindors und Hufflepuffs und Ravenclaws zu Wort kommen lassen und ich habe mich nach Kräften bemüht, ein bestimmtes Bild – das der Slytherins – von allen Seiten zu beleuchten."

Eigentlich wolltest du über alles reden, nur nicht über Seamus, aber es kommt dir vor, als würde das nicht funktionieren, weil Seamus eben mit dir verbunden ist, mit dem, was du tust, mit dem, was du geworden bist.

„Sie haben Rita Kimmkorn gelesen", wiederholst du, „Und sie hat den unverzeihlichen Fehler begangen, sich in mein Privatleben einzumischen und mir etwas vorzuwerfen, was eine ungeheuerliche Anschuldigung ist. Was zwischen mir und Seamus Finnigan vorgefallen ist, geht niemanden etwas an außer ihn und mich. Ich möchte nur … einige Dinge klarstellen. Ich habe ihn niemals zu irgendetwas gezwungen. Die Idee, Grün ist die Hoffnung zu schreiben, kam von ihm. Ich habe ihn darin unterstützt und Material für das Buch beigetragen. Ich leugne nicht, dass sein Kontakt mit Theo, Draco, Millicent und Pansy enger wurde, je näher wir beide uns kamen, aber ich habe ihn zu keiner Zeit unter Druck gesetzt. Wir studierten das gleiche Fach, unsere Interessen waren ähnlich, wir bekamen beide Anstellungen im Historischen Institut, wir lehrten an der gleichen Universität, wir verfolgten beide unsere jeweiligen Forschungsprojekte. Die meisten der Interviews, die Sie in diesem Semester besprochen haben, stammen von Seamus. Viele der übrigen habe ich geführt. Mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu wissen."

Und beinahe glaubst du dir selbst, als du das sagst.

(„Scheiße, verdammt!", brüllt er dich an und seine Wut ist vielleicht das Ehrlichste, was du in den letzten zehn Monaten erlebt hast, „Wem zur Hölle willst du was beweisen? Deinen Freunden? Dir? Wie lange willst du das noch weiterlaufen lassen? Du bist so verflucht feige, weißt du das eigentlich? Du hast eine solche Angst, vor mir, vor allem, vor dem Leben, dass du gar nicht merkst, wie es an dir vorbeirauscht.")

Das Echo vergangener Jahre (Zeit, denkst du verschwommen, so viel Zeit, die seit damals einfach verschwunden ist, und wo ist sie hin?) ist noch immer stark genug, um dich jetzt in diesem Moment zusammenzucken zu lassen, aber nein, findest du, es hat nichts mit Feigheit zu tun, wenn du beschließt, deinen Studenten nichts von deinem Privatleben zu erzählen, und Seamus wäre der Erste, der dir da zustimmen würde. Es ist sowieso vorüber, es gibt nichts mehr zu erzählen. Und wenn doch: Die Geschichte ist nicht allein deine und du hast nicht das Recht, sie zu teilen.

(„Spar dir den Mist", fährst du ihn an, Jahre später, „Es war doch von Anfang an klar, dass es nicht gutgehen würde." Er funkelt dich an, irgendwo zwischen eiskaltem Zorn und lodernder Wut. „Achja?", schnaubt er, „Warum beenden wir es dann nicht hier und jetzt?" Und dein Verstand setzt aus. „Das ist 'ne tolle Idee. Vermutlich die beste, die du je hattest. Hab ein beschissenes, angenehmes Leben." Und beide lauft ihr weg.)

„Hören Sie", sagst du und holst tief Luft, „Ich will Ihnen keine Ideologie eindoktrinieren. Ich will, dass Sie nachdenken. Ich will, dass Sie hinterfragen. Auch mich. Gerade mich. Aber wenn Sie das tun, dann tun Sie es wenigstens mit dem richtigen Hintergrundwissen und verlassen Sie sich nicht auf Rita Kimmkorn. Rita Kimmkorn weiß nichts über mich. Rita Kimmkorn liefert Ihnen und dem Rest ihrer Leserschaft keine Fakten, keine Belege, nichts. Sie hat es in diesem Artikel noch nicht einmal geschafft, irgendwelche angeblichen Freunde und Zeugen zu zitieren, die mit ihren Aussagen hätten beweisen sollen, dass die Vorwürfe wahr sind.

Rita Kimmkorn hat keine Methode, und schon gar keine wissenschaftliche. Vielleicht glauben Sie ihr ja. Aber dann machen Sie sich wenigstens die Mühe, den Artikel so zu analysieren wie wir es in diesem Semester mit allen Texten gemacht haben, die ich Ihnen zum Lesen gegeben habe. Überlegen Sie, was Sie über Rita Kimmkorn wissen, was Sie über ihre Art zu schreiben wissen, über ihren Ruf in der Zauberergemeinschaft. Überlegen Sie, was Rita Kimmkorn über Harry Potter und Albus Dumbledore geschrieben hat. Denken Sie daran, inwiefern Leser- und Verkaufszahlen die Interessen von Verlegern und Schreibern beeinflussen können. Wenden Sie das an, was ich versucht habe, Ihnen beizubringen. Und wenn Sie dann immer noch glauben, dass Rita Kimmkorn die Wahrheit geschrieben hat, wäre ich an Ihrer Argumentation interessiert. Es kann schließlich nicht schaden, zu wissen, wie man Menschen manipuliert und ihnen auf geschickteste Weise etwas Ungeheuerliches als Fakt verkauft."

Du klingst zu bitter für dein Alter, findest du, aber heute bist du über den Punkt hinaus, an dem es dich noch kümmert. Du schaust in die Runde und greifst nach deiner Tasche, die du nur auf deinem Pult abgelegt hattest. „Für heute soll das genügen", sagst du, „Das Thema der Stunde war Grenzen überschreiten. Zwischen Rivalität und Freundschaft, Hass und Liebe, Verrat und Loyalität. Zwischen Leben und Sterben. Denken Sie als Hausaufgabe mal darüber nach, wie Geschichtsschreibung Ihrer Ansicht nach aussehen sollte und wie es möglich ist, damit Grenzen zu überschreiten." Du bist versucht, anzufügen, dass Rita Kimmkorn in ihrem Artikel auch gewisse Grenzen überschritten hast, dann verkneifst du es dir doch, weil du die Hoffnung nicht aufgeben willst, dass deine Studenten das auch alleine gemerkt haben.

„Schönen Tag noch", nickst du und gehst, nach der kürzesten Vorlesung, die du je gehalten hast. Hinter dir mag die Sintflut hereinbrechen, du würdest es nicht einmal mitbekommen, denn wenn man dich fragt, dann kann der Tag nicht mehr schlimmer werden. (Aber immerhin, denkst du – und es lässt dich trotzig und stolz den Kopf recken –, hast du bis hierhin überlebt. Da schaffst du auch die Stunden, die noch vor dir liegen.)


tbc.