Kurze Anmerkung: Liebe Leser,
eigentlich möchte ich vor dem Kapitel gar nicht viel sagen. Dafür gibt es diesmal ein kleines Nachwort.
Ich wünsche euch viel Spaß beim letzten Kapitel dieser Geschichte.
In vielerlei Hinsicht bin ich (noch) nervöser als beim vorherigen Kapitel, weil mit diesem hier nun einmal die Geschichte zu Ende ist und weil ich hoffe, sie zu einem würdigen Abschluss gebracht zu haben, ohne mich dabei jedoch tausendmal wiederholt zu haben.
Ich hoffe, es gefällt euch.
Ich möchte an dieser Stelle in aller Deutlichkeit Danke sagen bei allen Menschen, die diese Geschichte gelesen haben, die sie favorisiert haben, die ihr (und mir) Reviews hinterlassen haben, die wegen dieser Geschichte mit mir in Kontakt getreten sind. Tausend Dank dafür. Ich hoffe, ich kann ein wenig von dem, was ich von euch erhalten habe, mit dem letzten Kapitel auch zurückgeben.
Ein bisschen wie Sterben
Abschlusssitzung
Das Beste an der vergangenen Woche, findest du, sind zwei Punkte: Zum Einen, dass sie vergangen ist, und zum Anderen, dass es schlimmer wirklich nicht mehr kommen kann.
Du kennst das (hauptsächlich von früher, wenn die überraschende Erkenntnis, dass ihr mitten im Krieg lebt, dich mehrmals am Tag überfallen hat), dass sich dein Leben surreal und nicht ganz wie dein eigenes anfühlt, sondern eher wie ein Pullover, den du dir geliehen hast und der nicht richtig passt, dessen Ärmel zu lang sind und der dich beständig daran erinnert, dass er nicht dir gehört. Allerdings hast du gedacht, dass sich das mit der Zeit legen würde, denn je älter du geworden bist, desto besser hat sich dein Leben angefühlt. Du hast gedacht, du wärst angekommen. Jetzt weißt du, dass das Leben immer noch etwas in der Hinterhand hat.
[Zu deiner Verteidigung, findest du, lässt sich anbringen, dass man nun wirklich nicht damit rechnen konnte, dass in einer landesweiten Zeitung ein Verleumdungsartikel über dich erscheinen würde. (Du hast durchaus mehr Phantasie als gut für dich ist, manchmal, aber gewisse Grenzen überschreitest du nicht einmal in deiner Vorstellung.) Deine Erinnerung an den letzten Mittwoch ist ein bisschen verschwommen. Bilder von Draco und Millicent wechseln sich mit den Gesichtern deiner Studenten ab und verformen sich zu Lancelot, eurem Institutsleiter, der dich am Nachmittag in sein Büro gezerrt hat, wo Barnabas Cuffe auf euch gewartet hat.
(Du warst ganz froh darüber, dass du im Tagespropheten häufig genug die Anmerkungen des Herausgebers gelesen hast, um den Herausgeber dann auch wirklich erkennen zu können, wenn er leibhaftig vor dir steht.) Hättest du dich nicht im Mittelpunkt des Interesses befunden, hättest du dich vermutlich unglaublich darüber amüsiert, was für eine Show Lancelot abgezogen hat. Mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen hat dein Chef strenger ausgesehen als selbst Snape in seinen schlechtesten Momenten.
Barnabas Cuffe hat dir die Hand gereicht, nervös seinen Hut geknetet und hat abwechselnd dir und Lancelot in ausschweifenden Ausführungen immer wieder beteuert, wie unangenehm ihm die ganze „peinliche Angelegenheit" (bei dieser Formulierung hast du dir ein ungläubiges Schnauben erlaubt und dabei zugesehen, wie Cuffe unter Lancelots Blick noch ein paar Zentimeter seiner ohnehin nicht sonderlich beeindruckenden Körpergröße eingebüßt hat) doch sei und dass es natürlich Konsequenzen für Rita Kimmkorn haben werde und dass er gar nicht so recht wisse, wie –
An dieser Stelle ist Lancelot (stellvertretend für dich, offenbar, auch wenn du gar nicht damit gerechnet hast) implodiert und hat sich mit eisiger Stimme erkundigt, wie es überhaupt sein könne, dass eine „elendige, drittklassige Klatschreporterin, die es liebt, mit ausgedachten Geschichten anderer Menschen Leben zu ruinieren" vom Tagespropheten noch bezahlt würde, obwohl sich seit Jahren die Klagen gegen sie mehren. Am liebsten hättest du die Szene auf Film festgehalten, weil du glaubst, dass sie deinen Freunden, Millicent und Pansy im Besonderen, einige Genugtuung verschafft hätte.
Eine Antwort, Erklärung oder Ausrede hat Barnabas Cuffe euch nämlich nicht geben können. Ihr habt vor allem Gestammel zu hören bekommen, gepaart mit sich wiederholenden Entschuldigungen und der Ankündigung, einen Widerruf abzudrucken. „Das ist nun wirklich das Mindeste", hat Lancelot zurückgegeben und dir beruhigend eine Hand auf die Schulter gelegt, „Ist Ihnen überhaupt bewusst, welche Ausmaße Ihr kleiner Artikel haben kann? Was er für Professor Zabinis berufliche Zukunft bedeuten könnte? Denkt bei Ihrem dämlichen Käseblatt überhaupt jemand mal nach, bevor Sie etwas schwarz auf weiß veröffentlichen, was ein gesamtes Leben ruinieren kann?"
Du hast dich geräuspert und beschlossen, dass es spätestens an dieser Stelle angebracht wäre, dich mal persönlich einzuschalten. „Mister Cuffe", hast du gesagt, „ich rechne mit einem morgen erscheinenden, eindeutigen Widerruf des heutigen Artikels. Ich gehe außerdem davon aus, dass Sie Ihre Ankündigung wahr machen und dass Rita Kimmkorn die Konsequenzen ihres Handelns tragen wird." Lancelot hat seine spitze Zunge nicht im Zaum halten können. „Sie haben allerdings auch einen durchaus beachtlichen Anteil Schuld an der ganzen Angelegenheit", hat er Cuffe erinnert, „Ich schlage vor, dass Sie jetzt in Ihre Redaktion zurückkehren und versuchen, den Schaden zu beheben, den Sie angerichtet haben."
Du hast ihm zum Abschied deine Hand nicht verweigert, aber du hast ihm auch gesagt, dass er damit zu rechnen habe, von deinen Anwälten zu hören. Dir liegt nichts daran, einen Kleinkrieg auszufechten, doch dir liegt etwas daran, Rita Kimmkorn ein für alle Mal zu zeigen, dass sie mit ihrem Verhalten nicht auf ewig durchkommen wird. Und Lancelot hat Recht. Wenn du Pech hast, hat sie dir und deiner beruflichen Zukunft derartig große Steine in den Weg gelegt, dass du jede Hilfe, die du bekommen kannst, auch brauchst, um sie wieder wegzuräumen. Du weißt, dass du auf Pansy (und Dean und Ernie) bauen kannst und ihre juristischen Fähigkeiten sind dir noch nie so wertvoll erschienen.
Du bist noch ein bisschen an der Uni geblieben, anschließend, hast dich in deinem Büro verbarrikadiert und gearbeitet, bis Astoria vorbeigefloht ist, um dir Schokoladenkuchen und eine Umarmung vorbeizubringen. Den Rest des Tages hast du zu Hause auf deinem Sofa verbracht. Du hast die Fenster gegen weitere Eulenpost verschlossen und deinen Kamin versperrt. Stattdessen hast du anderthalb Flaschen Rotwein getrunken und der Versuchung widerstanden, dich durch alte Photoalben zu wühlen. Seamus' Gesicht anzusehen hättest du nicht ertragen, hast du gedacht. (Und dich abwechselnd gefragt, ob es nicht vielleicht doch das Einzige wäre, was dir die Schwere ein wenig von den Schultern nehmen könnte. Aber dann hast du dich nicht getraut, es auszuprobieren, weil du Angst hattest vor dem Ergebnis.)
Barnabas Cuffe hat sein Versprechen gehalten und am nächsten Tag groß und mittig auf Seite 1 einen Widerruf gedruckt, von dem du heimlich vermutest, dass Pansy Cuffe einen Großteil diktiert hat. Direkt darunter stand die Ankündigung, zukünftig auf Zusammenarbeit mit Rita Kimmkorn zu verzichten. Nach Genugtuung fühlt es sich allerdings noch nicht an.]
Heute steht deine Abschlusssitzung bevor und sie wird anders werden als jede Abschlusssitzung, die du zuvor gehalten hast. Du hast während der letzten Woche keine Post von deinen Studenten bekommen, vielleicht, weil Lancelot ein Machtwort gesprochen hat, vorstellen könntest du es dir. Üblicherweise würdest du in der letzten Sitzung nur Fragen durchgehen, die deine Studenten haben. Meistens machen sie sich Sorgen wegen der bevorstehenden Prüfung, wollen wissen, wie die Klausur ablaufen wird, ob sie Hilfsmittel benutzen dürfen, wie streng du mit der Benotung bist, worauf du besonders viel Wert legst.
Du hast lange überlegt, was du heute machen wirst, ob eine Rückkehr zur Normalität das Beste wäre oder doch ein feiges Übersehen der letzten Woche, auch wenn dein Privatleben deine Studenten hundertmal nichts angeht. Du hast mehrere Briefe an Seamus begonnen und ihn um Rat gebeten (weil er vielleicht nicht mehr dein Partner sein mag – und diese Formulierung ist die Einzige, die du vor dir selbst erträgst –, aber immer noch dein Kollege ist und sich mit Unikram und deinen Methoden auskennt und weil du seinem Urteil vertraust), hast jedoch keinen einzigen abgeschickt.
Stattdessen hast du mit Draco und Astoria gesprochen, die dich so häufig zum Essen eingeladen haben, dass dein Patensohn ganz begeistert gefragt hat, ob du nun bei ihnen einziehst. Dracos erschrockenes Gesicht hat diese beschissene Woche definitiv aufgehellt. Pansy und Millicent haben sich damit abgewechselt, dir Predigten zu halten. Sogar Theo hat sich gemeldet. (Und dir nur bewusster gemacht, dass der eine Brief, auf den du gewartet hast, nicht gekommen ist.) Aber am Ende hast du trotzdem alleine entscheiden müssen, wie du heute vorgehen willst.
Du hast es dir selbst nicht gerade leicht gemacht, hast abgewägt und pro und contra argumentiert. Schließlich hat ein Punkt auf deiner Pro-Seite gewonnen: Deine Studenten trifft keine Schuld. Niemand von ihnen hat Anteil an dem Artikel, niemand von ihnen hat dir in irgendeiner Weise Vorwürfe gemacht. Im Gegenteil, sie haben dir zugehört, haben dich ausreden lassen, wie sie es das gesamte Semester über getan haben. Du kannst nicht in ihre Köpfe schauen, vielleicht zweifeln sie mittlerweile alles an, was du ihnen erzählt hast, aber du hoffst, dass du es geschafft hast, Zweifel an vielem (und nicht nur an dir) in ihre Köpfe zu pflanzen.
Osburga hast du gestern vorgewarnt. Sie hat gelacht und gesagt, dass du deinen prominenten Gast bitten sollst, ihr ein Autogramm zu geben. Lancelot hat dein Programm ebenfalls abgesegnet und Harry selbst hat sofort zugesagt, als du ihn gefragt hast, ob er bereit wäre, seinen Besuch heute wahrzumachen. (In gewisser Weise, hat er dir gesagt, kann er vielleicht besser verstehen als viele Andere, was du durchgemacht hast, weil er die ganze Palette an Kimmkorns Schikanemanövern auch schon durchlebt hat.)
Du schaltest deinen Wecker aus, noch ehe er klingeln kann, und hievst dich aus dem Bett. Ein Blick aus dem Fenster verrät dir, dass der Morgen hellblau und kühl aussieht, aber mit dem Winterwetter kannst du dich arrangieren und immerhin ist der Himmel eulenlos. Du schlurfst ins Badezimmer und stellst dich solange unter das Wasser, bis sich deine Füße ganz aufgeqollen anfühlen. Anschließend gönnst du dir eine rasche Rasur und ein nicht ganz so rasches Abtrocknen mit einem riesigen, flauschigen Handtuch. In deinem Schlafzimmer weht dir vom offenen Fenster her Februarluft entgegen und bringt deine Haut zum Kribbeln, ehe du in frische Kleider schlüpfst.
Heute ist es dir egal. (Oder, nein, gerade heute ist es dir nicht egal, was du anhast. Heute ist dir nur egal, was deine Studenten darüber denken werden.) Es bleibt bei der schwarzen Hose, aber heute greifst du nach dem grünen Hemd. Wenn schon Slytherin, dann richtig, findest du. Die Haare rubbelst du kurz trocken, kämmst sie ein paar Mal mit den Fingern durch und lässt Zeit und Wärme in der Küche den Rest erledigen. Den Tagespropheten hast du nach dem Widerruf vorerst abbestellt und so konzentrierst du dich beim Frühstück ganz auf deinen Kaffee, während deine Gedanken das vergangene Semester streifen.
Die Vorlesung hat dir Spaß gemacht. Das Vorbereiten hat dir Spaß gemacht. Das Zusammensuchen von Material, die einzelnen Interviews, das Zusammenklauben winziger Artikel. Die Unterschiedlichkeit mancher Anlagen (und ihre Gemeinsamkeiten). Es hat dir gefallen, deine Studenten zu provozieren, ihre Denkmuster zu durchbrechen und sie mit Dingen zu konfrontieren, mit denen sie vorher vermutlich nie in Berührungen gekommen sind. Es hat dir gefallen, ein Stück Geschichte mit ihnen zu teilen, das für dich zu deinem Leben gehört und für sie vornehmlich Vergangenheit ist, wenn auch sehr, sehr nahe.
Du weißt, dass du manchmal viel Glück hattest, unverschämt viel Glück sogar. Osburga wird niemals Zeitzeugen mit in ihre Vorlesungen bringen können, du schon. Du kennst sie beinahe alle und die Meisten von ihnen sind bereit, ihre Geschichte weiterzuerzählen. Eure Generation versucht sich an dem Spagat zwischen Damals und Jetzt und ist bemüht, beiden gerecht zu werden und trotzdem in die Zukunft zu schauen. (Manchmal weißt du nicht, wie vieles von dem Gepäck, das du mit dir herumträgst, Ballast ist und wie viel überlebensnotwendig. Aber du wirst es herausfinden.)
Dein Kaffee wird langsam kalt neben dir und du verziehst das Gesicht, als du ihn lauwarm in einem Schluck austrinkst. Draußen klettert tatsächlich die Sonne nach oben und es wird Zeit für dich. (Zeit, aufzustehen und einen Schlussstrich zu ziehen.) (Worunter? Du überlegst noch. Für den Anfang genügt es vielleicht, einen unter die Vorlesung zu setzen und nach diesem Vormittag an deinen Plänen für das kommende Semester zu feilen. Für mehr bist du gerade noch nicht bereit.)
Du räumst deine Tasse in die Spüle, ziehst dir deine Schuhe an und Schal und Mantel über. Deine Tasche erwartet dich fertig gepackt neben der Tür und du wirfst keinen Blick zurück, als du die Tür ins Schloss fallen lässt.
Der Weg zur Uni fällt dir, wenig überraschend, um einiges leichter als letzten Mittwoch. Aber du hast seitdem, mit Ausnahme des Wochenendes, auch jeden Tag geübt, deine Schritte wieder beschwingter werden zu lassen und die Blicke, die dich manchmal streifen, an dir abprallen zu lassen. Immerhin (und du grinst bei dem Gedanken daran) kannst du dir relativ sicher sein, dass deine Studenten heute wohl eher deinen Gast als dich anstarren werden.
Harry wartet in der Caféteria auf dich und wird von Osburga in Beschlag genommen. Sie erzählt und fuchtelt mit den Armen und du hoffst, für Harry, dass es nichts mit Runen und Altenglisch zu tun hat. Vor den Beiden stehen zwei dampfende Tassen und ein Blick auf die Uhr verrät dir, dass du noch Zeit hast, dir einen zweiten Morgenkaffee zu holen und dich zu ihnen zu setzen. Sidonie strahlt dir gut gelaunt entgegen und wünscht dir einen „Bezaubernden Morgen".
Osburga und Harry schauen gleichzeitig hoch, als du dich auf einen Stuhl fallen lässt. „Morgen", grüßt du, ein bisschen weniger enthusiastisch als Sidonie, aber du bist immerhin noch vor dem zweiten Kaffee. Harry nickt „Hallo" und lächelt. Er nippt an seinem Tee und beobachtet interessiert, wie Osburga dir mütterlich eine Hand auf den Oberarm legt und sachte zudrückt. „Blaise", sagt sie, „Guten Morgen. Bereit für deine letzte Sitzung?"
Du zuckst mit den Achseln und rührst in deinem Kaffee. „Ich denke schon", erwiderst du, „Ein besseres Programm hat wohl kaum eine letzte Sitzung zu bieten, oder?" Du deutest mit dem Kopf in Richtung Harry und Osburga lacht. „Das glaube ich allerdings auch", stimmt sie dir zu, „Dagegen kann ich vermutlich einpacken. Lass das nur ja nicht zur Gewohnheit werden, hier Kriegshelden anzuschleppen, hörst du? Sonst kann ich die Studenten, die sich in meine Vorlesung schleppen, wohl bald an zwei Händen abzählen." Harry wird rot und plötzlich bist du ihm wahnsinnig dankbar dafür, dass er es tatsächlich wahr macht und deine Vorlesung besucht. Er müsste es nicht tun (und du bist nicht sicher, weshalb er zugesagt hat; es kann viele Gründe geben und du hast früh entschieden, für dich selbst zu glauben, dass es daran liegt, dass Harry selbst kein Schwarzweißdenken mag), aber es gäbe niemanden, den du dir mehr als Gast wünschen könntest.
Harry sieht dich über seine Tasse hinweg an. „Muss ich noch irgendwas vorher wissen?", erkundigt er sich, „Ich meine, hast du dir ein bestimmtes Programm ausgedacht oder wie soll es ablaufen?" Du schluckst Kaffee und merkst, wie du unter seinem Blick stetig wacher wirst. „Wir gehen rein", sagst du, „So in ungefähr zehn Minuten. Ich stelle dich vor, auch wenn das vielleicht ein bisschen lächerlich sein mag, aber trotzdem. Die Genugtuung, Harry Potter in meinem Hörsaal zu haben, möchte ich mir schon gönnen." Osburga lacht und Harry grinst, halb verlegen und halb verschmitzt. Er hat lange genug Zeit gehabt, sich an seine Berühmtheit zu gewöhnen, aber das bedeutet nicht, dass er sie gerne ausstellt.
„Dann", fährst du fort, „werde ich mich an mein Pult setzen und dir einen Stuhl anbieten. Ich schätze, dass meine Studenten währenddessen zwischen Begeisterung und Panik schwanken werden. Lass dich davon nicht irritieren, ja? Keine Ahnung, ob dir das hilft, aber stell dir vor, sie wären der Goldene Schnatz und du müsstest sie einfangen. Lass sie nicht aus den Augen. Zeig ihnen nicht, dass du nervös bist. Und dann fang einfach an zu reden. Du kannst sprechen, worüber du möchtest. Ich will dir keine Vorgaben machen, weil ich nicht möchte, dass es gestellt und auswendig gelernt klingt. Egal, was du sagen wirst, es wird auf alle Fälle mit dem zusammenhängen, was wir im letzten Semester besprochen haben. Du kannst also keine Fehler machen, wenn dich das beruhigt. Und wenn du irgendwann das Gefühl hast, alles gesagt zu haben, werde ich dir danken und mich bei den Studenten erkundigen, ob es Fragen gibt. Entweder sind sie in eine Art Schockstarre verfallen oder aber sie überfallen dich mit Fragen. Versuche, dich auf beide Möglichkeiten einzustellen. Dann monologisiere ich vielleicht noch ein bisschen und das war's."
Harry nickt und atmet ein paar Mal tief durch. Du weißt, dass er Interviews hasst, und du rechnest ihm umso höher an, dass er hergekommen ist. „Danke, übrigens", sagst du und lächelst ihn kurz an, „Nur für den Fall, dass ich nachher vergesse, es dir zu sagen." Er winkt ab und nuschelt „Schon in Ordnung" in seinen Tee. Manche Dinge ändern sich wohl nie, denkst du. (Du wünschst, Draco müsste heute nicht arbeiten. Du wünschst, er könnte im Hörsaal sitzen und zuhören. Es hat sich etliches gebessert und geändert zwischen ihnen, aber Dickköpfe haben sie alle beide.)
Du trinkst deinen Kaffee aus und schielst auf die Uhr. „Wollen wir?", schlägst du vor und die Frage ist eigentlich eine versteckte Aufforderung. Harry stöhnt leise auf und ist ein bisschen grün im Gesicht, was ihn sehr menschlich macht und Osburga dazu bringt, ein Lächeln hinter vorgehaltener Hand zu verbergen. „Es war mir eine Ehre", sagt sie dann zu Harry gewandt und lässt ihr Lächeln nun in aller Deutlichkeit erstrahlen, „und vor allem eine Freude." Ihre Worte lassen die ungesunde Gesichtsfärbung wieder ein wenig verblassen. „Danke sehr", antwortet Harry ihr, „Es war sehr schön, Sie kennenzulernen. Und wer weiß, vielleicht schleiche ich mich mal in Ihre Vorlesung und versuche doch noch, das Runenalphabet zu lernen. Hermione hat ja immer derart von Alte Runen geschwärmt."
Osburga lacht und verspricht, dass immer ein Platz für ihn frei sein wird. Sie drückt deine Schulter und ihr Blick ist weich und ein winziges bisschen besorgt, aber vor allem wünscht er dir Glück für deine letzte Sitzung. „Sag Bescheid, wie es lief, ja?", bemerkt sie leichthin, doch du weißt natürlich, dass dahinter die Furcht steht, dass dir die vergangene Woche noch allzu stark in den Knochen steckt. „Natürlich", nickst du, „Wir sehen uns morgen zum Mittagessen, in Ordnung? Ich schicke Asmund noch einen Institutskauz vorbei." Ihr teilt ein Lächeln, dann nickst du Harry zu und ihr steht auf, um zu dem Hörsaal zu laufen, der im letzten Semester jeden Mittwoch deiner war.
„Wenn dir irgendetwas unangenehm ist, musst du darauf selbstverständlich nicht eingehen", erteilst du Harry ein paar letzte Ratschläge, bevor ihr die Tür öffnet und euch der Meute stellt, „Und vergiss nicht, du bist da drinnen nicht alleine. Ich sitze direkt hinter dir und wenn etwas Gefahr läuft, schief zu gehen, dann greife ich ein. Okay?" Harry atmet aus und antwortet „Okay." Plötzlich kommt es dir vor, als wärt ihr kurz davor, ein riesengroßes Abenteuer zu beginnen (und irgendwie stimmt es ja auch). Du grinst „Dann mal los" und stößt die Tür auf. Du wagst dich als Erster hinein, aber Harry folgt dir auf dem Fuß.
Ein paar Sekunden herrscht eindrucksvolle Stille, dann beginnen offenbar alle gleichzeitig zu reden. Du hörst aufgeregtes Zischen und Raunen und nicht gerade subtiles „Merlin, das ist Harry Potter! HARRY POTTER!" Du bekommst hautnah mit, wie es sich für Harry wohl anfühlen muss, einen Raum voller Hexen und Zauberer zu betreten (und du fragst dich, wie es ihm gelingt, durch die Winkelgasse zu spazieren, ohne dabei die Geduld zu verlieren). Harry schenkt dir ein fast schon entschuldigendes Lächeln, das dich zum Schmunzeln bringt. Er wirkt ein wenig verloren in all der Begeisterung, die ihm entgegenschwappt.
Du legst deine Tasche auf deinem Pult ab, schlüpfst aus dem Mantel und lässt deinen Studenten noch exakt zwei Sekunden, ehe du lautstark um „Ruhe!" bittest. Sie kehrt nur langsam ein und du nutzt den Moment, um mit deinem Zauberstab einen Stuhl für Harry zu zeichnen. „Guten Morgen", sagst du dann leichthin, „Herzlich willkommen zu unserer letzten gemeinsamen Sitzung in diesem Semester. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Woche." Du kannst geradezu sehen, wie sich Alasdair MacLaine auf die Lippen beißt und du glaubst zu wissen, was er dir gerne erwidert hätte. (Vermutlich angenehmer als Ihre, Professor. Dürfen wir Sie fragen, wie es Ihnen geht, oder steht uns das nicht zu?) Aber du glaubst auch, dass es nicht nötig sein wird, es auszusprechen. Am Ende der Vorlesung wird er wahrscheinlich wissen, wie es dir geht.
„Wie Sie sehen können", fährst du fort und streckst eine Hand aus, um auf Harry zu zeigen, „dürfen wir heute einen Gast bei uns willkommen heißen. Bitte begrüßen Sie gemeinsam mit mir Mister Harry Potter." Sie klatschen und trommeln auf die Tische und starren abwechselnd dich und Harry an wie Einhörner. „Mister Potter", sagst du in den abebbenden Applaus hinein, „hat sich freundlicherweise bereit erklärt, heute hier zu sein und vor Ihnen über seine Erfahrungen zu sprechen. Es versteht sich hoffentlich von selbst, dass ich von Ihnen erwarte, ihm den gebührenden Respekt zu zollen. Hören Sie zu. Machen Sie sich Notizen, wenn Sie wollen. Sie werden über das, was Sie heute erfahren, nicht geprüft werden, aber das bedeutet nicht, dass Sie es nicht anwenden dürfen. Sollten sich für Sie Fragen ergeben, können Sie diese im Anschluss stellen, sowohl an Mister Potter als auch an mich."
Du wirfst einen Blick in die Runde und wartest ab. Deine Studenten bleiben ruhig. „Gut", nickst du und lehnst dich dann gegen dein Pult. Du drehst den Kopf zu Harry, der mittlerweile seine Jacke ausgezogen und sie über den Stuhl gehängt hat. „Du kannst", lächelst du und Harry nickt zurück. Er bleibt stehen und sieht deine Studenten an. „Guten Morgen", sagt er, „Ich freue mich, hier sein zu dürfen und Sie kennenzulernen." Ihr Schweigen erzählt von dem Erstaunen, das wohl jeden ergreifen muss, der Harry Potter nicht, so wie du, aus der Schule kennt und der weiß, wie bescheiden er sein kann. Und wie sehr er seinen Ruhm oft genug verwünscht.
Er lässt sich Zeit, jeden einzelnen der Reihe nach anzuschauen. Du hast ihm vorher absichtlich nichts über deine Studenten gesagt, weil du nicht möchtest, dass er voreingenommen ist. (Und weil die Leben deiner Studenten ebenso privat sind wie dein eigenes. Du weißt sowieso schon mehr über sie als gut ist.) Irgendwann setzt sich Harry auf den Stuhl und begutachtet seine Finger. „Ich bin kein geborener Redner", beginnt er, „und das, was ich Ihnen jetzt erzähle, habe ich vorher nicht geplant. Also entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich manchmal wiederhole oder Pausen mache, um meine Gedanken wieder zusammenzusuchen."
Du machst es dir auf deinem Pult bequem und beschließt, für den Augenblick lieber deine Studenten zu beobachten als Harry. Immerhin kannst du seine Emotionen an den Gesichtern deiner Studenten ablesen. Er hat noch nicht einmal richtig angefangen und sie hängen schon an seinen Lippen.
„Ich gehe davon aus", sagt er und lächelt, verlegen, „dass Sie einen Großteil meiner Geschichte kennen. Verzeihen Sie mir, wenn ich jetzt trotzdem ganz am Anfang beginne. Ich bin nicht unter Hexen und Zauberern aufgewachsen. Meine Kindheit habe ich bei meinem Onkel und meiner Tante, der Schwester meiner Mutter, verbracht. Ich wusste nicht, dass es noch eine andere Welt gibt, eine, in der Magie existiert, eine, in der meine Eltern verehrt und betrauert wurden. Ich bin als Muggel groß geworden, auch wenn ich den Begriff damals nicht kannte.
Meine Kindheit war keine glückliche, das wissen Sie vermutlich. Ich bin später häufig gefragt worden, ob ich für Muggel Hass oder Abscheu oder Ähnliches empfinde. Ich habe bei der Antwort nie gezögert und habe immer sofort „Nein" gesagt. Warum sollte ich die Erfahrungen, die ich mit meinen Verwandten gemacht habe, auf alle Muggel übertragen? Das wäre schwachsinnig und hochgradig ungerecht. Nur, weil ich mit ein paar wenigen Personen Pech gehabt hatte, musste ich das doch nicht auf die Gesamtheit übertragen."
Du lächelst und Harry sieht dich an und sein erschrockener Blick verrät dir, wie traurig dein Lächeln sein muss, obwohl du dir Mühe gibst, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Aber du weißt viel zu genau, wohin sein kleiner Exkurs führen wird und du vermutest, dass es niemals eine Zeit geben wird, in der du es nicht traurig finden wirst, dass deine Generation von Slytherins in vielerlei Hinsicht eine verlorene ist.
„An meinem elften Geburtstag fand ich heraus, dass ich ein Zauberer war und dass meine Eltern keinesfalls bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Ich kam nach Hogwarts und es war, als hätte ich endlich mein Zuhause gefunden. Ich fand Freunde – und machte mir Feinde. Ich machte meine eigenen Erfahrungen und folgte häufig genug Vorurteilen", spricht er weiter und sieht wieder deine Studenten an, „Ich fand immer mehr über meine Eltern heraus, über Voldemort, über die Todesser, über seinen Wahn vom reinen Blut.
Natürlich war es nicht immer leicht in Hogwarts, aber ich war glücklich dort. Ich war gerne in Gryffindor, ich hatte Freunde, ich konnte Quidditch spielen. Manchmal leistete ich mir ein Gefecht mit Draco Malfoy oder Professor Snape. Manchmal auch mit Beiden. Ich hatte Ron und Hermione und Hagrid. Ich hatte Professor Dumbledore. Es war, als hätte ich die ersten elf Jahre meines Lebens nur geträumt und würde jetzt zum ersten Mal richtig aufwachen. Magie war das Puzzlestück, das gefehlt hatte, um mich zu vervollständigen.
Im Laufe meiner Jahre in Hogwarts musste ich lernen, mit allerlei Problemen zurechtzukommen. Mal waren es Verleumdungen, mal unfähige Lehrer, mal Herausforderungen, bei denen ich kaum wusste, wie ich sie meistern sollte. Manchmal waren es auch einfach nur die üblichen Problemen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt. Neid, Streit, Eifersucht, Liebe. Aber", Harry holt tief Luft und schaut für eine bedeutende Sekunde zu dir, „ich bin nicht hier, um Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich glaube, die kennen Sie auch so ganz gut."
Vereinzelt lachen deine Studenten peinlich berührt auf, denn natürlich kennen sie jedes einzelne, veröffentlichte Detail aus Harry Potters Leben. Allzu viele Helden hat die britische Zauberergemeinschaft schließlich nicht zu bieten. (Obwohl er dein Gast ist, obwohl du ihn hierher eingeladen bist, weißt du nicht, was er jetzt erzählen will, und es kostet dich einiges an Anstrengung, die Neugier nicht auf deinem Gesicht durchscheinen zu lassen.)
„Ich will Ihnen keinen Moralvortrag halten", sagt Harry, „Das wäre Unsinn. Sie sind allesamt erwachsene Menschen, die für sich selbst denken können. Ich will Ihnen nicht vorschreiben, was richtig und was falsch ist. Aber ich will Ihnen zeigen, was jenseits des Bildes liegt, das die Öffentlichkeit von mir hat. Manche betreiben Heldenverehrung, in einem Ausmaß, das mir Bauchschmerzen hat, weil ich ihre Artikel lese und ihre Reden hören und mich darin nicht wiedererkenne. Andere gehen in die entgegegengesetzte Richtung und ich bilde mir ein, dass das ebenfalls nicht der richtige Weg ist."
(Zumindest deine Aufmerksamkeit ist ihm spätestens jetzt sicher.)
„Ich bin kein Goldjunge", verkündet Harry und deine Studenten saugen jedes Wort auf, „Es gab Momente, in denen ich mir gewünscht habe, ich wäre ein Anderer. Jemand mit einem normalen Leben. Jemand, der nicht ohne Eltern aufwachsen musste. Jemand, der nicht die Zukunft der Zaubererwelt auf seinen schmalen, elfjährigen Schultern tragen musste. Jemand, der in seinen Träumen nicht seine sterbende Mutter schreien hören musste. Jemand, der nicht diese verdammte Narbe auf der Stirn hatte.
Es ist für Außenstehende leicht, nur die Sonnenseite zu sehen. Es ist leicht, sich darauf zu konzentrieren und sich darüber lustig zu machen. Es ist leicht, auf dem goldenen Jungen herumzureiten, wenn alle ihn als Retter sehen und man als Gleichaltriger nur allzu deutlich merkt, dass er eben auch nur ein Junge ist wie jeder Andere. Es ist leicht, ihn zu beneiden, um den angeblichen Ruhm, um die Sonderbehandlung, die oft angeblich und manchmal tatsächlich stattfand.
Es ist schwer, sich mühsam alle Details zusammenzusuchen, die das gesamte Bild ergeben. Nicht alle haben sich diese Mühe gemacht. Nicht alle mochten das Bild, das dabei herausgekommen ist. Manche fanden den Ausschnitt, den sie von mir bekommen haben, bei weitem schöner. Aber das bin nicht ich. Manchmal habe ich die ganze Welt gehasst und sie verflucht für all die Ungerechtigkeit, die sie mir zugeschoben hat. Ein Jahr lang dachte ich, der beste Freund meiner Eltern hätte sie verraten, nur, um dann herauszufinden, wie es wirklich gewesen war. Dann freute ich mich darauf, bei dem Mann zu leben, der mein Patenonkel war und so nahe an meinen Vater herankam wie sonst kaum jemand. Dann starb er. Dann starb Professor Dumbledore. Dann starb Remus Lupin.
Professor Dumbledore war mein Mentor", sagt Harry leise, „und trotzdem war ich zwischendurch nahe dran, ihn zu hassen. Es gab Zeiten, in denen meidete er mich. Nach seinem Tod war ich wütend, wie viel er mir verheimlicht hatte. Wie viel Arbeit er mir übrigließ. Wie viel er mir zumutete. Manchmal, glaube ich, führte ich mich auf wie ein verwöhntes Kind. Und manchmal fand ich, dass es mein gutes Recht war. Ich wollte nicht benutzt werden. Ich wollte nicht Harry Potter, Retter der Zauberwelt sein, sondern Harry Potter, der Junge. Der, der gerade seiner Quidditchmannschaft den Sieg gekostet hatte. Der unglücklich verliebt war. Der seine besten Freunde vergrault hatte. Ich wollte ich sein. Und ein Großteil der Menschen um mich herum wollte dieses Ich nicht sehen. Oder konnte es nicht."
Er macht eine kurze Pause und ein paar deiner Studenten kritzeln eifrig mit, aber die Meisten sitzen einfach nur da und hören zu. Du kannst es ihnen nicht verübeln, dir geht es genauso (und dabei kennst du Harry eigentlich lange genug, um vieles von dem, was er erzählt, entweder zu kennen oder geahnt zu haben).
„Wissen Sie", sagt er und lehnt sich auf seinem Stuhl ein wenig nach vorne, „Manchmal war ich auch nicht besser als die, die in mir nur die Sonnenseite sehen wollten. Ich sah in Professor Snape nur den Lehrer, der mich hasste und schikanierte. Ich sah in der Masse der Slytherins nur heranwachsende Todesser. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin über meine Erfahrung mit Muggeln gesagt habe? Damals habe ich meinen eigenen Rat nicht befolgt. Meine Erfahrungen mit Slytherins beschränkten sich auf Professor Snape, Draco Malfoy, die Quidditchmannschaft – und Lord Voldemort. Kein Wunder, dass ich Slytherins nicht leiden konnte, oder?"
Ein paar deiner Studenten tun ihm den Gefallen und fallen auf ihn herein. Sie nicken und Harry lächelt bitter. „Falsch", meint er ruhig, „Die Erfahrung, die ich mit Wenigen gemacht hatte, übertrug ich auf alle, gepaart mit dem, was an Gerüchten und Vorurteilen über Slytherins sowieso im Umlauf war. Sie wissen vielleicht, dass Slytherins in Hogwarts nicht gerade einen guten Ruf genossen, auch wenn sich das mittlerweile langsam ändert. Ich machte mir nicht die Mühe, sie näher kennenzulernen. Ich hatte keine Lust. Und ich hatte nie das Gefühl, dass sie scharf darauf waren, mich näher kennenzulernen.
Ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, wie bescheuert das eigentlich von mir war." (Harrys trockene Ehrlichkeit ist etwas, das du an ihm sehr zu schätzen weißt. Und das dich zum Schmunzeln bringt.) „Es gab auch in Gryffindor Menschen, die mich misstrauisch musterten, sobald mal wieder ein Artikel über mich erschien, der mich nicht gerade als Held dastehen ließ. Warum also sollte es in Slytherin nicht auch Schüler geben, die nicht der Todesserideologie folgten?
Das sind Fragen, die ich mir erst später gestellt habe. Nach dem Krieg. Als immer deutlicher wurde, wie viele Slytherins sich vor Gericht verteidigen mussten, obwohl sie unschuldig waren. Soll ich Ihnen was verraten? Ein bisschen hat es mich entsetzt. Nicht, dass sie unschuldig waren, sondern dass der Rest von uns so bereitwillig war, ihnen die Gesamtschuld zuzuschieben. Und warum? Weil es einfach war. Die Vorurteile gegen Slytherins existierten seit langem, man konnte problemlos auf sie zurückgreifen und sie funktionierten. Simpel. Aber nicht die Wahrheit.
In Wahrheit trägt das Ministerium eine große Schuld. In Wahrheit haben viele Menschen die Augen davor verschlossen, dass Voldemort zurück war und dass er im Begriff war, sich eine Anhängerschaft aufzubauen, die seine frühere überbieten würde. In Wahrheit hat man weder mir noch Dumbledore glauben wollen, als wir versucht haben, vor Voldemort zu warnen. Wieso? Weil es so viel schöner, so viel beruhigender war zu glauben, dass die Gefahr nachwievor gebannt sei. Weil niemand noch einmal erleben wollte, mit welcher Schrecklichkeit und Grausamkeit Voldemort über die Zaubererwelt hereinbrechen würde."
Harry leckt sich nervös über die Lippen. „Blaise hat mir viele der Materialien zukommen lassen, die Sie hier im Rahmen der Vorlesung besprochen haben", sagt er, „Erinnern Sie sich an das Interview mit Kingsley Shacklebolt? Er hat gesagt, dass er im Krieg getötet hat. Sie wissen alle, dass die Unverzeihlichen Flüche ihren Namen nicht ohne Grund tragen. Alle, die als Todesser vor Gericht standen, wurden gefragt, ob sie einen der Flüche angewandt haben. Alle, die tatsächlich Todesser waren, haben bejaht. Vielleicht können Sie sich vorstellen, zu welchen Tumulten das in den Gerichtsälen geführt hat. Und die Anderen? Die Auroren und all jene, die gegen Voldemort gekämpft haben? Ich kann's Ihnen sagen, weil ich dazu gehört habe. Wir haben die Unverzeihlichen auch benutzt. Natürlich. Weil es um Leben und Tod ging, weil es Reflexe gibt, die man nicht unterbinden kann, weil man vermutlich immer entscheiden wird, jemanden zu töten statt dabei zuzusehen, wie jemand, den man liebt, umgebracht wird. Wurden diese Anderen dafür bestraft, die Flüche gesprochen zu haben? Nein. Sie standen nie vor Gericht. Wieso auch? Schließlich kämpften sie für die richtige Seite."
Du verstehst, warum er nervös ist. Was er gerade sagt, ist schwierig und ein Balanceakt, aber es ist auch wichtig. „Ich verrate Ihnen etwas", fährt Harry sehr leise fort, „Manchmal wünsche ich mir, wir hätten vor Gericht gestanden. Dann hätten wir es erklären können, dann müssten wir es nicht totschweigen, obwohl doch jedem klar sein muss, dass auch unsere Seite getötet hat. Anders ging es nicht, anders konnte dieser verdammte Krieg nicht beendet werden. Aber wir mussten uns nie zu unserer Schuld bekennen, weil jeder sie als einen Preis empfunden hat, den wir für den Frieden eben zahlen mussten. Das heißt allerdings nicht, dass wir diese Schuld je komplett ablegen konnten. Kingsley sagt es in seinem Interview: Die Gesichter der Menschen, die er in der Schlacht getötet hat, verfolgen ihn bis in den Schlaf. Und ob wir nun getötet oder einen anderen, grausamen Fluch benutzt haben – es geht jedem von uns genauso. Nur, dass die Allgemeinheit es nicht hören will. Begreifen Sie?"
Das Schweigen ist voller unausgesprochener Worte. Deine eigenen kleben dir zwischen den Lippen fest. Du denkst an Draco, der in eurem sechsten Schuljahr beinahe jede Nacht von rotäugigen Schrecken bis in seine Träume begleitet wurde, und der sich weigerte, mit euch darüber zu reden. Du denkst an Pansy, die nach dem Tod ihres Vaters nicht wusste, wohin mit all ihrer Wut und Trauer und Verzweiflung. Du denkst an Millicent, die nach Voldemorts Rückkehr bis zur Schlacht um Hogwarts nie aufgehört hat, sich Sorgen um ihre Mutter zu machen. Du denkst an Theo, dem der Krieg die Eltern und die Unschuld genommen hat. (Manchmal denkst du, dass es mehr als nur ein Wunder gebraucht haben muss, um euch alle nicht wahnsinnig werden zu lassen.)
„Die Methoden", fährt Harry langsam fort, „waren auf beiden Seiten ähnlich. Und es gab genügend Todesser, die Voldemort nicht mehr aus Überzeugung folgten, sondern aus Angst. Ich weiß nicht", er schluckt und seine Stimme klingt belegt, „inwiefern wir uns ein Urteil über sie erlauben können, wenn keiner von uns sagen kann, wie er an ihrer Stelle gehandelt hätte." Er sieht dich an und du weißt, dass er an Draco denkt. An Draco, der Dumbledore niemals hätte töten können, an Draco, der daran zerbrochen wäre, an Draco, der sich weigerte, Harry Potter zu verraten, an Draco, der Angst um seine Eltern hatte. (An Narcissa, die für Harry gelogen und ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat, um dafür ihren Sohn zurück zu bekommen.)
Die Pause, die folgt, ist die bisher längste, aber niemand traut sich, sie zu durchbrechen. Du erwiderst Harrys Blick und versuchst, ihm zu sagen, wie dankbar du bist, dass er hier ist. (Du glaubst, dass er es weiß, doch du willst lieber auf Nummer sicher gehen und es ihm nach der Vorlesung noch einmal in aller Deutlichkeit sagen.)
Irgendwann wendet sich Harry wieder deinen Studenten zu. „Ich will nicht behaupten, alle Todesser wären unschuldig gewesen und von Voldemort dazu gezwungen worden, ihm die Treue zu schwören", fährt er fort und du schnaubst auf. Ihr Slytherins wisst vielleicht am besten, dass es Fanatiker gegeben habt. Die anderen drei Häuser waren in Hogwarts nicht die Einzigen, die versuchten, den Carrows am besten aus dem Weg zu gehen.
„Aber", sagt Harry unbeirrbar, „ich will auch nicht behaupten, dass der Rest von uns Unschuldsengel war. Wir sind, alle miteinander, ein Ergebnis unserer Umstände. Wir sind keine fertigen Produkte, wir wachsen mit den Niederschlägen, die wir einstecken müssen, und wir können uns ändern. Wir können sogar zugeben, dass wir im Unrecht waren, auch wenn es manchen von uns schwerer fällt als anderen." Er grinst und du glaubst, dass er an sich, Ron Weasley und Draco denkt.
Harry zuckt mit den Achseln. „Die ultimative Weisheit kann ich Ihnen leider nicht mit auf den Weg geben. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es nicht schadet, sich ab und zu mal umzusehen und zu versuchen, die Welt durch andere Augen zu betrachten. Wechseln Sie die Position, fühlen Sie sich in andere Menschen hinein. Und wenn Ihnen das noch nicht genug ist, dann erinnern Sie sich daran, dass Harry Potter oft genug die Schnauze voll hatte und dass er keine Sekunde gezögert hat, den Cruciatus-Fluch gegen Amycus Carrow zu sprechen, aber dass Draco Malfoy nicht im Stande war, Albus Dumbledore zu töten. Denken Sie daran, dass auch Helden nicht nur auf der Sonnenseite leben. Und daran, dass zum Glück nur die wenigsten Menschen von Grund auf böse sind.
Manchmal", fügt er an, „verschließen wir unsere Augen vor dem ganzen Bild, weil uns der kleine Ausschnitt, den wir sehen, besser gefällt. Aber ein Ausschnitt zeigt niemals die ganze Geschichte. Versuchen Sie, die ganze Geschichte zu kennen, bevor Sie ein Urteil fällen, das schnell ausgesprochen ist, jedoch nur schwer zurückgenommen werden kann."
Er verstummt und dann nickt er dir verlegen lächelnd zu. „Fertig", sagt er leise. Du musst deine Studenten dazu nicht auffordern, sie fangen auch so an zu applaudieren. Du wartest ab, bis sie sich wieder beruhigen und siehst anschließend Harry an. „Danke", erwiderst du, „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, hierher zu kommen und vor uns zu reden. Ich denke, ich spreche für alle, wenn ich dir sage, dass es eine Erfahrung war, die man mit Sicherheit nicht jeden Tag sammeln kann. Ich danke dir für deine Offenheit und für deine Bereitwilligkeit, private Details mit uns zu teilen. Gibt es von Ihrer Seite aus noch Fragen an Mister Potter?", wendest du dich an deine Studenten.
Sie senken die Köpfe über ihre aufgeschlagenen Hefte und du gibst ihnen ein bisschen Zeit, um zu verdauen, dass sie Harry Potter fragen können, was sie wollen. Eliza Carter hebt schließlich die Hand und Harry schaut zu dir, weil du von euch beiden immerhin der Dozent bist. „Miss Carter", rufst du sie auf, „Bitte." Sie lächelt dich kurz an, dann heften sich ihre Augen auf Harry. „Ich hoffe, ich trete Ihnen damit nicht zu nahe", beginnt sie vorsichtig, „Aber ich habe mich gefragt, ob es wohl etwas gibt, was Sie bereuen, wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken. Gerade in Bezug auf die Slytherins."
Harry hebt ein wenig verloren die Schultern und lässt sie wieder fallen. „Keine Ahnung", gibt er unumwunden zu, „Natürlich weiß ich im Nachhinein, dass ich mich nicht immer korrekt verhalten habe. Und dass es umgedreht genauso war. Manchmal waren meine … unsere Handlungen sicher gerechtfertigt. Draco und ich, beispielsweise, ich glaube, wir haben uns damals nie etwas geschenkt. Das beruhte schon auf Gegenseitigkeit. Und ich denke, dass ich jetzt, Jahre später, darauf zurückblicken kann und etwas gelernt habe. Vielleicht ist das mehr wert als Reue."
Sie sagt leise „Danke". Dann räuspert sich Tobias Miller und meldet sich. Du nickst ihm zu und wartest ab. Er ist sehr still gewesen in den letzten Wochen und du glaubst (hoffst), dass es daran liegt, dass er vieles überdacht und dass es ihn große Mühe gekostet hat. „Wie können Sie das?", fragt er und klingt zu gleichen Teilen ehrlich interessiert und verwundert, „Wie können Sie die Menschen, die für all das Leid in Ihrem Leben verantwortlich sind, nicht länger hassen?"
Harry lacht und jeder (auch die, die ihn nicht kennen) kann sehen, dass es vor Verlegenheit ist. „Hass macht vieles kaputt", antwortet er nachdenklich, „Haben Sie schonmal überlegt, dass Voldemorts Hass auf seinen Vater überhaupt erst vieles hat entstehen lassen? Ich fühle mich immer ein wenig wie Professor Dumbledore, wenn ich das sage, nämlich weise und gütig und viel älter, als ich bin, aber es stimmt nun einmal: Hass zerstört. Leben, Liebe, Glück. Hass verankert uns in der Vergangenheit, er lässt uns nicht los und verhindert, dass wir nach vorne sehen. Warum sollte jemand so etwas freiwillig in seinem Leben behalten?"
Du schluckst. „Weitere Fragen?", erkundigst du dich, „Ich muss Ihnen wohl kaum sagen, dass das hier eine einmalige Gelegenheit ist."
„Warum sind Sie nicht Profi-Quidditchspieler geworden?", platzt Lucinda Johnson heraus und dein Hörsaal erzittert regelrecht vor Gelächter. Du verdrehst die Fragen, weil du an so etwas sicher nicht gedacht hast, aber andererseits kann es vielleicht nicht schaden, die Stimmung zu lockern. Ihr habt wahrlich genügend deprimierende Stunden miteinander verbracht, das hat die Thematik deiner Vorlesung nun einmal mit sich gebracht.
Harry grinst und fährt sich mit einer Hand durch die Haare. Sein Gesicht entspannt sich und er wirkt nicht älter als Mitte 20, wie er dort auf dem Stuhl sitzt. Du kannst den unbeschwerten Teenager in ihm wiederfinden und denkst, voller Triumph, dass der Krieg euch eben doch nicht alles genommen hat. (Du denkst das Gleiche, wenn du siehst, wie Draco Astoria anlächelt, wenn Pansy dir von der Zusammenarbeit mit Dean und Ernie vorschwärmt, wenn – (wenn du Seamus küsst).) „Manchmal", antwortet er, „ist es ganz gescheit, sein Hobby eben nicht zum Beruf zu machen, sondern als Hobby zu behalten. Außerdem", und er zwinkert schelmisch, als er es sagt, „hätte mir niemand garantieren können, dass ich nicht doch irgendwann Oliver Wood noch einmal als Trainer bekommen hätte. Und ich glaube, dafür wäre ich nicht fit genug gewesen." Diesmal lachst du mit. Dann kehrt wieder Stille ein. Du nutzt die Zeit, um deine Studenten der Reihe nach anzusehen. Du hast sie im Laufe des Semesters kennengelernt, hast mitbekommen, wie sie arbeiten und denken, hast ihnen Fragen gestellt und sie vor Herausforderungen gebracht. (Und manchmal haben sie das Gleiche mit dir getan.) Dir fällt auf, dass du neugierig bist, ihre Abschlussessays zu lesen. Neugierig und gespannt und voller Vorfreude.
Du wartest, aber die Fragen bleiben aus. Vermutlich wärst du genauso eingeschüchtert, wenn man dir ohne Vorankündigung einen Held deiner Kindheit vor die Nase gesetzt hätte. „In Ordnung", sagst du daher, „Dann würde ich den Moment gerne nutzen, um Ihnen zu sagen, dass mir das vergangene Semester mit Ihnen viel Spaß gemacht hat. Spätestens nach letzter Woche wissen Sie wahrscheinlich alle, dass wir hier ein Thema behandelt haben, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Ich habe Ihnen ganz zu Beginn gesagt, dass wir an der Wahrheit kratzen werden, die dort draußen herumschwirrt. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Graustufen behandle. Ich hoffe, ich habe Sie in dieser Hinsicht nicht enttäuscht und bin meinem Versprechen treu geblieben.
Vielleicht haben Sie sich zwischendurch gefragt, warum wir dieses oder jenes Thema besprechen. Warum wir den Familien Black, Weasley und Malfoy so viel Zeit eingeräumt haben. Warum ich Ihnen Interviews zu lesen gegeben habe, die teilweise extrem persönlich waren und die mitunter von Menschen stammten, von denen Sie wohl noch nie gehört hatten und die man eher als Randfiguren abstempeln würde. Ich hoffe, dass Sie sich diese Fragen mittlerweile selbst beantworten können.
Niemand von uns ist ohne Fehl und Tadel. Wir wünschen es uns manchmal, weil es vieles einfacher machen würde, und weil es schön wäre, Ideale und Vorbilder zu haben, nach denen man sich richten kann. Aber wir machen alle Fehler. Machen Sie nur nicht den Fehler, Andere vorschnell zu verurteilen. Nehmen Sie sich Zeit, alle Details kennenzulernen. Mithilfe der verschiedenen Materialien, die ich Ihnen immer zugeschickt habe, habe ich versucht, Ihnen zu zeigen, auf wie vielen verschiedenen Wegen man sich der Wahrheit annähern kann, um sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten zu können."
Du räusperst dich und lässt den Blick erneut durch die Runde schweifen. „Gibt es von Ihrer Seite aus noch Fragen zur bevorstehenden Prüfung?"
Sie haben ungefähr drei Dutzend und du bemühst dich, jede einzelne geduldig zu beantworten. Beim nächsten Blick auf die Uhr ist eure Zeit abgelaufen und dich überfällt ein wenig Wehmut. „In Ordnung", sagst du, „Das war's. Ich will Ihnen keine Abschlussrede halten. Ich glaube, Sie haben letzte Woche und auch heute schon genügend Monologen gelauscht. Wenn es noch etwas Wichtiges gibt – Sie kennen meine Sprechzeiten und mein Büro. Sie sind jederzeit willkommen."
Sie klatschen und du schaust sie überrascht an. Harry lacht (vermutlich über deinen dämlichen Gesichtsausdruck) und sobald sie ihre Sachen zusammengepackt haben, kommen sie nacheinander nach unten zu dir, um sich einzeln zu verabschieden.
„Gelungene Überraschung heute", sagt Lucinda Johnson und nickt dir anerkennend zu. Du nickst zurück und glaubst, spätestens jetzt einen Frieden herausgehandelt zu haben, mit dem du zu Beginn des Semesters niemals gerechnet hättest.
„Hat Spaß gemacht", sagt Caitlin Roberts und lächelt dich an, „Wirklich. Ich hab's mir anders vorgestellt, aber es war gut. Ich mag, wie Sie an das Thema rangegangen sind."
„Danke", sagt Trystan Bickerton und sieht dir direkt in die Augen, „Ich habe nicht gewusst, dass mir Geschichte mal so viel Spaß machen könnte und dass es für mich etwas Anderes sein könnte als reine Pflichterfüllung."
Julianna Shaw lächelt dich schüchtern an. „Sie haben es geschafft, dass ich über Dinge nachgedacht habe, die vorher wahrscheinlich an mir vorbeigegangen sind", sagt sie, „Und Sie haben es geschafft, dass ich mich einmische und diskutiere und nicht all meine Gedanken für mich behalte."
Tobias Miller lächelt nicht, aber die Unsicherheit in seinen Augen spricht sowieso eine eigene und sehr klare Sprache. „Sie glauben es vielleicht nicht", sagt er, „aber Sie haben mir vieles beigebracht. Vielleicht hauptsächlich über mich selbst. Manchmal wäre ich gerne ausgerastet. Manchmal dachte ich wirklich, Sie wollten alle Todesser zu armen Opfern machen. Und manchmal hab' ich versucht, hinter Fassaden zu schauen. Das war schwierig und kaum etwas von dem, was ich gesehen habe, hat mir gefallen. Vielleicht ist das Erwachsenwerden."
„Geben Sie mir Bescheid", grinst Bo Turner, „wenn Sie in Ihrer nächsten Vorlesung wieder einen nervigen, alles hinterfragenden Philosophiestudenten brauchen, in Ordnung?"
„Danke", sagt Rosaleen O'Connor und streicht sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, „Manchmal kann man in wenigen Monaten mehr lernen als in all der Zeit zuvor. Danke, dass Sie so vieles mit uns geteilt haben."
„War gut", sagt Boreas Flynn ein bisschen verlegen, „Danke, dass Sie mich manchmal in die richtige Richtung geschubst haben. Danke, dass Sie mich zum Nachdenken gebracht haben."
„Schade", sagt Charles Grey, „dass ich solange warten musste, um Ihre Vorlesung zu besuchen."
„Tut mir Leid", sagt Eliza Carter, „dass ich am Anfang so viel verpasst habe. Ich hoffe, Sie wissen, dass sich jede einzelne Sitzung gelohnt hat."
„Sie haben es geschafft, so viele Elemente einzubringen, die mich interessieren", sagt Stephen Hart, „und über so vieles zu sprechen, was mich wütend macht und worüber noch viel mehr Menschen nachdenken sollten. Aber irgendwo ist eben immer der Anfang. Danke dafür."
„Sie sind ein guter Dozent", sagt Gwendolen Hopkins und mustert dich durch ihre Brillengläser, „Sie stellen die richtigen Fragen und Sie stellen sie nicht nur uns, sondern auch sich selbst. Vielleicht beantworten Sie mir ja im nächsten Semester mal ein paar von meinen." Sie lächelt, kurz und schmal, aber ehrlich, und ihr nickt euch zu.
„Sie haben es geschafft, viele Ihrer eigenen Emotionen draußen vor der Tür zu lassen", sagt Alasdair MacLaine, „Das hätte nicht jeder geschafft. Schon gar nicht letzte Woche. Danke, dass Sie uns beigebracht haben, so analytisch und neutral wie möglich an die Sache heranzugehen."
Du sagst gar nichts außer immer wieder „Danke", bis sie schließlich alle aus dem Hörsaal verschwunden sind und nur noch Harry übrig bleibt. Er sieht dir entgegen und lächelt kurz. Und das letzte halbe Jahr mag in vielerlei Hinsicht das schwierigste und beschissenste seit langem gewesen sein, aber es war auch großartig und hat dich immer und immer wieder daran erinnert, dass du Freunde hast, die dich durch alles hindurch begleiten.
Du nimmst Harry mit zu deinem Büro, damit er deinen Kamin benutzen kann, um nach Hause zu flohen. Du schüttest deine Tasche auf deinem Tisch aus und beginnst, all die Papiere, die du mitgeschleppt und heute sowieso nicht gebraucht hast, in einem Ordner zu verstauen, auf dem „Wintersemester 2014/15" geschrieben steht. Er ist prall gefüllt und fein säuberlich sortiert, damit du die Materialien der einzelnen Sitzungen schnell wiederfinden kannst, wenn du sie brauchst. Du lässt dir Zeit beim Einräumen, weil du sie brauchst, um abzuschließen, mit einem Semester, das abwechslungsreicher und schwieriger war als all deine vorherigen. (Es wird nicht das Letzte gewesen sein. Und trotzdem kannst du Abschieden noch immer nichts abgewinnen, seien sie temporär oder endgültig oder nicht näher definiert.) Irgendwann ist der Ordner dennoch fertig gepackt, du schließt die Bürotür hinter dir und spazierst durch die wintersonnigen Gassen Oxfords, mit der Universität im Rücken.
Als du nach Hause kommst, spielt in der Küche das Grammophon, das nicht dir gehört, ein Lied, das du eigentlich nicht leiden kannst. Aber das gehört zu den Dingen, die du hinnehmen kannst.
(Jedes Ende, denkst du, ist nur der Übergang zu etwas Neuem. Und manche Enden sind überhaupt keine, auch wenn du es fälschlicherweise angenommen hast. Du bist eben nicht perfekt. Und manchmal irrst du dich. Doch selten hat es dir so wenig ausgemacht wie in diesem Moment.)
Ende.
Und das Schlusswort. Ich hoffe, es hat euch ein wenig gefallen. Diese Geschichte hat mich eine sehr lange Zeit begleitet und viele von euch Lesern sind den Weg von Anfang an mit mir gegangen. Etliche sind unterwegs dazu gekommen. Ich möchte euch allen von Herzen danken, dass ihr dieser Geschichte eine Chance gegeben hat, auch wenn sie in einiger Hinsicht sicher keine typische Fanfiction ist.
Ich weiß, dass noch etliche Fragen offen geblieben sind. Das ist keine böse Absicht oder Schikane von mir, aber vieles, was nicht beantwortet wurde, hat nicht in die Geschichte (bzw. den Rahmen, in dem ich sie erzählt habe) gepasst. Blaise sagt es ja selbst in diesem Kapitel: Das Leben seiner Studenten ist privat. Und auch Blaises Zukunft hat in dieser Geschichte keinen Platz.
(Mein Versprechen bleibt natürlich: Wem eine Frage unter den Nägeln brennt, darf sie mir selbstverständlich gerne schreiben und ich versuche, sie zu beantworten.)
Mir hat diese Geschichte sehr viel Spaß gemacht. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, mich an sehr vielen verschiedenen Charakteren und auch Schreibtechniken auszuprobieren. Um "Ein bisschen wie Sterben" herum hat sich für mich ein kleines Universum entwickelt. Trotzdem wird es von dieser Geschichte in der gleichen Form keine Fortsetzung geben. Ich glaube, sie steht ganz gut für sich alleine.
Und nun bleibt mir nichts außer mich noch einmal und aufs Herzlichste bei jedem zu bedanken, der diese Geschichte begleitet hat. Danke für euer phantastisches Feedback, für euer anhaltendes Interesse an der Geschichte (trotz der längsten Pausen …) und für eure Bereitschaft, euch auf sie einzulassen.
Hoffentlich liest man sich einmal wieder.
Maia
