Terence Bey beäugte misstrauisch die kleine Gruppe, als sie vor seinem Schreibtisch stand, aufgeregt und mit einem Leuchten in den Augen, das ihm ein ungutes Gefühl im Magen verursachte. Es konnte nichts Gutes bedeuten, wenn der größte Taugenichts in der Geschichte der Archäologie und die zwei jungen Frauen, die von nichts anderem als archäologischen Abenteuern träumten, vor seinem Tisch standen.
Evelyn faltete die Karte auf und legte sie vor dem Kurator auf den Tisch.
„Sehen sie das Ornament dort?", ihre Stimme und ihre Hand, mit der sie auf die Karte wies, zitterten vor Aufregung. „Das ist das königliche Siegel von Sethos den Ersten. Da bin ich mir sicher."
„Möglicherweise.", erwiderte Bey nur kurz und begutachtete die Karte.
„Zwei Fragen.", Katharina sah zu Jonathan hinüber. „Wer zum Teufel war Sethos der Erste und war er reich?"
Die junge Frau konnte nicht anders als mit den Augen zu rollen. Jeder kannte doch Sethos den Ersten.
„Er war der zweite Pharao der 19. Dynastie.", antwortete ihm Evelyn wie aus der Pistole geschossen, schließlich lernte sie jede Nacht vor dem Zubettgehen diese Daten auswendig, Katharina kannte das kleine Büchlein, in das die Brünette sorgfältig und penibel genau per Hand alles niedergeschrieben hatte. Immer wieder kamen neue Daten hinzu, von Wissenschaftlern, Abenteurern und Entdeckern und ihren wichtigen Entdeckungen.
„Angeblich der wohlhabendste aller Pharaonen.", fügte Katharina hinzu und Jonathan grinste breit über ihre Bemerkung.
„Gut, sehr gut.", er rieb sich die Hände. „Ich mag diesen Kerl, ich mag ihn sogar ganz mächtig."
„Das ist doch jetzt nicht so wichtig.", fuhr Evelyn wieder dazwischen. Ihr Blick war auf die Karte gerichtet, die sie liebevoll, als wäre es ihr eigenes Baby, betrachtete. „Ich habe die Karte datiert, sie ist etwa 3000 Jahre alt. Und wenn sie die hierarchische Schrift ansehen wollen." Wieder deutete sie auf die Karte und ihre Augen funkelten noch stärker als zuvor. „Das ist uhm… das ist Hamunaptra."
„Gott, das ist doch lächerlich!", fuhr Bey laut auf, dass Evelyn erschrocken zusammenzuckte. „Wir sind Gelehrte und keine Schatzsucher. Hamunaptra ist ein Mythos von Geschichtenerzählern aufgebauscht um griechische und römische Touristen zu unterhalten."
„Ja, ich kenne das alberne Geschwätz.", entgegnete Evelyn sofort, sie wirkte etwas beleidigt. „Meinst du, dass die Stadt durch einen Fluch geschützt wird, der auf einer Mumie liegt?", fragte Katharina und Evelyn sah zu ihr hinüber.
„Ja, genau. Aber meine Forschungen bestätigen mir, dass es diese Stadt tatsächlich gegeben haben könnte."
„Reden wir von dem Hamunaptra?", horchte Jonathan auf und sah zwischen den beiden Frauen neugierig hin und her.
„Ja, die Stadt der Toten.", Evelyn strahlte nun über das ganze Gesicht, ihre Lippen waren zu einem breiten Lächeln verzogen.
„Wo die frühen Pharaonen die Reichtümer Ägyptens versteckt haben sollen.", Katharina kannte sich beinahe genauso gut aus wie ihre ältere Freundin Evelyn. Die Freundinnen grinsten sich gegenseitig an.
„Ja, ja, ja und zwar in einer großen unterirdischen Schatzkammer.", stimmte Jonathan ihr zu.
„Pah.". fauchte Bey.
„Hören sie doch auf.", Jonathan verschränkte die Arme vor der Brust. „Jeder kennt diese Geschichte. Die Totenstadt war so konstruiert dass sie im Sand versinken konnte. Auf Befehl des Pharao, quasi auf Knopfdruck, unter den Sanddünen verschwand und mit ihr der Schatz."
„Manche Amerikaner würden sagen, dass ist doch Quatsch mit Soße", erwiderte Bey nur, und fuchtelte beängstigten Nahe mit der Karte an einer Kerze herum. „Ach du meine Güte. Was ist denn hier geschehen."
Die drei jungen Leute schrien entsetzt auf, als die Karte Feuer fing und der Kurator nur halbherzig die Flammen, die sich in die alte Karte hineinfraßen, zu löschen begann.
„Oh Gott. Sie haben sie verbrannt.", schrie Jonathan entrüstet aus. „Sie haben den Teil mit der verlorenen Stadt angezündet."
„Das wird wohl das Beste sein, denke ich.", Bey faltete die halb verbrannte Karte unwirsch zusammen. „Viele Menschen haben bei der Suche nach Hamunaptra ihr Leben vertan. Keiner hat sie je gefunden. Die meisten wurden nie mehr gesehen."
Evelyn nahm ihm die Karte ab und strich sie zärtlich wieder gerade. Das Funkeln war wieder aus ihren Augen verschwunden und auch Katharina sah enttäuschter denn je aus. Für einen Moment schienen sie vor einer großen Entdeckung gestanden zu haben.
„Warten sie bitte.", die kleine Gruppe blieb auf den Gang stehen. Der Kurator war hinter ihnen hergeeilt. „Miss Summers. Kommen sie doch bitte in mein Büro, ich möchte mit ihnen alleine reden."
Überrascht warf Katharina Evelyn einen Blick zu, doch diese zuckte nur ebenso verwirrt mit den Schultern.
Terence Bey, der zwar als ihr Pflegevater durchging, sprach Katharina nie vor anderen mit ihrem Vornamen an. Er behandelte sie immer wie eine Angestellte, obwohl er sie groß gezogen und mit ihr die Pros und Kontras eines alleinerziehenden Vaters durchlebt hatte. Katharina konnte sich noch gut daran erinnern, als er sie in sein Büro bat, nachdem er feststellen musste, dass sie mit einem seiner jungen Angestellten angefangen hatte zu flirten. Eine Tragödie war das für ihn und erst als sie beide alleine im Büro waren redete er mit ihr, als sei er ihr eigener Vater, was auf die eine oder andere Art ja stimmte.
„Katharina.", seufzte Bey resigniert, als er sich wieder in seinen Stuhl fallen ließ. „Hamunaptra?"
„Ja?", fragte die junge Frau und zog die Augenbrauen markiert nach oben.
„Ich bin mir sicher, dass ich dich anders groß gezogen habe. Du hast doch nicht vor einem solchen Märchen nachzujagen."
Katharina presste die Lippen beleidigt zusammen. Das passte zu dem Kurator und ihrem Ziehvater, wenn er der Meinung war, dass ein Verbot nicht fruchtete, dann appellierte er immer an ihren gesunden Menschenverstand. Damals bei Achmed ging es darum, dass ihr ja bewusst sein müsste, dass eine solche Beziehung niemals akzeptiert werden würde und sie doch intelligent genug sei das einzusehen.
Immer schön Salz in die Wunde streuen, dachte Katharina in diesen Momenten. Dabei fand sie die Idee mit Hamunaptra nicht allzu abwegig. Sie glaubte nicht an die Geschichte eines Fluches, genauso wenig wie an irgendwelchen esoterischen Aberglauben, allerdings glaube sie an die Monumente und die Reichtümer des ehemaligen Königs. Zudem kam hinzu, dass sie Evelyn mit ihrer Datierung zustimmen musste.
„Ich bin noch nie Märchen nachgejagt."
Bey lächelte unsicher, er war sich nicht sicher wie die junge Frau das meinte. „Ich mache mir doch nur Sorgen um dich. Jonathan Carnahan ist ein Taugenichts, er wird dich nur in Schwierigkeiten bringen. Er ist in ganz Kairo bekannt, er feilscht und betrügt gerne ohne dabei an die Konsequenzen zu denken. Er ist kein guter Umgang für dich. Ich bitte dich inständig, Katharina, gehe ihm aus dem Weg."
„Das wird äußerst schwierig sein. Er ist Evys Bruder.", erwiderte Katharina.
Bey faltete die Hände vor seinem Gesicht und seufzte abermals laut. „Ich weiß, ich weiß. Aber nichtdestotrotz ist er kein Umgang für dich. Ich möchte dich einfach nicht in Schwierigkeiten sehen."
Katharina rollte mit den Augen, sie kam sich wie ein kleines Kind vor, dem man nichts die leichteste Aufgabe zutraute.
„Ich habe nicht vor mich mit ihm zusammenzutun, er ist gar nicht mein Typ.", fügte sie noch einmal vorsorglich hinzu und entlockte mit diesen Worten dem Kurator ein kleines Lächeln.
Katharina stieß in der völlig verwüsteten Bibliothek wieder auf die Carnahans. Evelyn und Jonathan bemerkten die junge Frau erst gar nicht. Sie blieb an der Tür stehen und beobachtete Evelyn, wie sie wild auf Jonathan einredete.
„Jonathan, das war meine Chance… unsere Chance. Wie konnte Bey das nur tun? Damit hätte mich die Bembridge Stiftung garantiert aufnehmen müssen.", sie riss die Hände in die Luft. „Ach, verflixt noch mal, gibt es denn keine andere Möglichkeit. Wieso waren wir nur so dumm und haben sie Bey gezeigt."
„Schwesterchen, jetzt beruhige dich doch erstmal.", versuchte Jonathan seine aufgebrachte jüngere Schwester zu beruhigen. „Es gibt vielleicht doch noch eine Möglichgleit."
Evelyn verharrte in ihrer Bewegung, sie starrte Jonathan mit ihren großen braunen Augen entrüstet an. „Wie bitte? Und das sagst du erst jetzt?"
„Hätte ich es tun sollen, als Bey dabei war? Der hat die Karte doch mit purer Absicht verbrannt."
„Das … das glaube ich nicht.", entgegnete Evelyn, doch sie hörte sich nicht sehr überzeugend an.
Wenn Katharina ehrlich zu sich selbst war, dann kam es ihr auch so vor, als hatte Bey die Karte absichtlich in Brand gesteckt. Sie war sich zwar nicht sicher, aber er schien ziemlich erschrocken gewesen zu sein, als Evelyn die Karte vor ihm ausgebreitet hatte. Irgendetwas schien ihr jedenfalls faul an der Sache zu sein.
„Ich muss dir gestehen, Evelyn. Diese Box… naja, ich habe sie nicht wirklich selber in Theben gefunden.", gestand Jonathan. Es war Katharina gleich aufgefallen, dass Jonathan in dieser Hinsicht gelogen hatte.
„Was willst du damit sagen?", fragte ihn Evelyn schockiert.
„Naja, ich habe sie jemanden abgenommen."
„Du hast sie gestohlen?", Evelyn hörte sich immer wütender an. „Wie kannst du…"
„Ich würde es nicht stehlen nennen… sie ist nur irgendwie…von seiner Hosentasche in meine Hand gelangt.", versuchte Jonathan sich mehr schlecht als recht herauszureden. Bevor Evelyn sich weiter aufregen konnte fuhr Jonathan fort. „Es ist ja jetzt auch egal wie ich daran gekommen bin. Die Person, kennt vielleicht noch den Weg dorthin, da ist nur eine Sache…"
Evelyn presste die Lippen fest aufeinander und atmete tief ein und aus. Man konnte ihr ansehen, dass sie versuchte ruhig zu bleiben und sich nicht sicher war, ob sie wissen wollte, was Jonathan noch zu sagen hatte.
„Der Kerl sitzt im Gefängnis… gab wohl einen Streit…oder so."
So wie es sich anhörte, dachte Katharina, war Jonathan bei diesem Streit bestimmt auch beteiligt gewesen.
„Im Gefängnis?", Evelyn blieb der Mund offen stehen.
„Er kennt vielleicht den Weg dorthin. Ich meine, es ist ja… mal seine Box…gewesen."
„In Ordnung."
„In Ordnung?", Jonathan sah nun seinerseits seine Schwester groß an. „Mehr nicht? Willst du nicht weiter schimpfen?"
Evelyn lächelte ihn schelmisch an. „Ich halte zwar nicht viel davon, wie du an die Box gelangt bist, aber Hamunaptra…", sie begann zu träumen, „Hamunaptra wäre DER Fund. Vielleicht finden wir dort sogar das Buch des Anubis."
