8. Die Wahrheit kann weh tun
Auf dem Gang angekommen, war keine Spur von ihrem Freund. Doch Zoey hoffte, dass er noch nicht ganz so weit gekommen war. Sie rannte in Richtung des Ausgangs und fand Liam tatsächlich kurze Zeit später an die große Eingangstür gelehnt. Zoey atmete kurz erleichtert auf und ging dann langsam auf ihren Freund zu. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und hasste sich selbst dafür, dass sie den erstbesten Satz aussprach, der ihr in den Kopf kam: „Was ist los, Schatz?" Sofort kam sie sich vor, wie der letzte Idiot, ließ sich aber nicht anmerken, dass sie etwas extrem Dummes gesagt hatte. Liam hatte es anscheinend auch nicht gemerkt, denn er sah weiterhin einfach nur zu Boden. Kurz überlegte Zoey, ob sie wieder gehen sollte, da er gerade offensichtlich nicht mit ihr reden wollte. Doch dann blickte er auf und sah Zoey direkt in die Augen. Es war nicht der gewohnte, liebevolle Blick, mit dem er sie sonst ansah und den Zoey so an ihm liebte. Doch er war auch nicht hasserfüllt oder sonstiges in dieser Art. Viel mehr fragend und Zoey meinte auch etwas Enttäuschung in ihm sehen zu können. „Was los ist?", sagte er, „Das war der wichtigste Auftritt im ganzen Jahr für mich und meine eigene Freundin verpasst ihn! Und das nachdem wir uns so lange gemeinsam darauf vorbereitet haben.." Zoey sah in schuldbewusst an und stotterte ein leises „Es tut mir leid..", doch Liam hob die Hand, was ihr wohl sagen sollte, dass sie leise sein soll. Also schloss sie ihren Mund wieder und sah zu Boden. Dann sprach er weiter. „Was war denn so wichtig, dass du eine halbe Stunde auf dem Gang verbringen und die Hälfte der Auftritte verpassen musstest!?" „Ich habe eine SMS bekommen, dass ich raus kommen sollte.", begann sie zu erklären. „Deshalb war ich nicht da." „Und mit wem hast du dich getroffen?", fragte Liam jetzt etwas lauter und jagte Zoey somit auch etwas Angst ein. „Er muss dir ja wirklich wahnsinnig wichtig sein, dass du gleich mal vergisst, wieder rein zu kommen, zu deinem Freund!"
„Ich habe mich nur mit einer Freundin getroffen, nichts weiter Besonderes. Und wir haben einfach die Zeit vergessen."
„Nichts weiter Besonderes?", Ariana sah Zoey und Liam, der nun offenbar gar nichts mehr verstand, geschockt an. Zoey hatte nicht bemerkt, dass sie hier war. Viel zu sehr war sie mit ihrem Freund und dessen Anschuldigungen beschäftigt. Ariana stand noch immer mit offenem Mund an der Ecke und konnte nicht fassen, was sie da gerade gehört hatte. „Wenn ich 'nichts weiter Besonderes' bin, warum küsst du mich dann und sagst mir, dass du mich liebst!?" Zoey konnte sich nicht bewegen, was in diesem Moment wohl auch besser war, da sie sonst den entsetzten Gesichtsausdruck von Liam gesehen hätte, der Ariana nur voller Hass betrachtete.
Dann wandte sie sich an ihn: „Und du bist?", schrie sie Liam schon fast an. „Ihr Freund.", gab dieser nur kurz und emotionslos zurück.
Ariana konnte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte. ‚Ihre' Zoey hatte sie die ganze Zeit über nur belogen! Sie fühlte sich, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggerissen und musste sich daher erst einmal an der Wand neben ihr festhalten. Als sie realisiert hatte, was gerade passiert war, stieß sie sich ab und ging auf Zoey und Liam zu. Sie konnte es einfach nicht mehr ertragen, Zoey in die Augen zu sehen. Kurz überlegte sie, ob sie wirklich machen sollte, woran sie soeben gedacht hatte. Doch schon im nächsten Augenblick holte sie aus und traf Zoey mit der flachen Hand mitten ins Gesicht. Dann drehte sie sich um und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, an ihnen vorbei und verschwand durch die Eingangstür.
Auch Liam hatte mittlerweile begriffen, was hier vor sich ging und sah Zoey, deren Hand nun vorsichtig die Stelle, die Ariana vor wenigen Sekunden getroffen hatte, berührte, voller Abscheu an. „Du liebst ein Mädchen und küsst sie auch noch!? Das ist echt das Letzte! Du hast mich die ganze Zeit betrogen!", schrie er sie wütend an. „So etwas hätte ich wirklich nie von dir gedacht! Ich habe immer gehofft, du wärst nicht so eine von denen, die ihren Freund nur verarschen wie es ihnen passt. Aber da habe ich mich wohl geirrt! Entscheide ich, Zoey. Entweder sie, oder ich! Aber ich glaube kaum, dass du überhaupt noch einen bekommst!"Damit verschwand auch Liam aus der Schule und lies sie mitten im Gang stehen, allein.
Zoey sank auf die Knie. Tränen liefen ihr über die Wangen, als ihr bewusst wurde, was sie getan hatte. Sie hatte soeben die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren.
Wie hatte das nur passieren können?, eine Frage, die Zoey nicht beantworten konnte. Sie hätte wissen müssen, dass diese Lüge zum Scheitern verurteilt war. Sie hätte es nicht tun sollen. Das wusste sie jetzt und sie wusste nicht, warum sie das nicht eher gewusst hatte.
Die erste Träne tropfte Zoey vom Gesicht, aber erste beider dritten Träne merkte sie, dass sie weinte. Sie weinte um ihren Freund, um ihre Freundin, um ihr Leben. Aber was war eigentlich passiert? Zoey hatte es noch immer nicht realisiert. Ihr Leben hatte eine schreckliche, überraschende Wendung genommen. Sie hatte das nie gewollt! Sie hatte das alles nicht gewollt! Sie wusste, dass das jetzt nicht mehr half, aber sie konnte einfach nur an diesem Gedanken hängen bleiben, weil sie nicht auf andere Gedanken kommen wollte. Ihr war klar, dass das einen noch größeren Schmerz auslösen würde.
Zoey sank zu Boden. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand der Schule. Ihr war jetzt alles egal, sie hatte hoch gepokert und viel verloren. Betäubt durch den unendlichen Schmerz, den sie verspürte, merkte sie nicht, dass es langsam dunkel wurde. Sie merkte nicht, dass sie eigentlich nach Hause gehen sollte. Und schließlich merkte sie nicht einmal, wie ein Auto auf den Parkplatz fuhr und jemand sie am Arm griff und nach oben zog. Eine Weile sah sie die beiden Personen an. Dann sagte sie: „Woher wusstet ihr wo ich bin?". Zoey wurde zum Auto geführt und dann antworte ihr jemand: „Ariana hat uns angerufen, sie hat sich Sorgen gemacht. Sie hat geweint." Damit stiegen alle drei ins Auto und ihre Eltern fuhren Zoey nach Hause.
