Broken

Kapitel 2

Der Traum eines Neuanfangs


Im Hogwarts-Express saß Ginny neben Harry und gegenüber von Ron und Hermione. Die Zugfahrt war angespannt. Hermione warf ihr ständig mitleidige Blicke zu und Harry und Ron starrten sie nur böse an. Harry und Hermione hatten die Sache mit Ginnys Missbrauch im Sommer vor ihrem dritten Schuljahr herausgefunden. Zuerst hatte Ginny gedacht, dass sie vielleicht versuchen würden, ihr zu helfen, oder zumindest Ron dazu bringen würden, damit aufzuhören. Aber Ron konnte sie davon überzeugen, dass dies für die Sicherheit von Ginny und allen anderen das Beste war. Er sagte, dass sie sie nur schlugen, wenn sie sich seltsam benahm – wenn sie dachten, dass sie vielleicht wieder besessen wäre.

Hermione hatte sie nie wirklich misshandelt, aber sie hatte ihr auch nie geholfen. Sie warf ihr jedes Mal bedauernde Blicke zu, wenn sie Ginnys Blutergüsse sah, aber sie heilte sie nie und erzählte niemals etwas einem der Lehrer. Harry hingegen hatte begonnen, mitzumachen. Er dachte, dass er damit alle vor Voldemort beschützen konnte.

„Ich kann nicht glauben, dass Snape dir und mir keine Noten gab, die gut genug sind, um heuer Zaubertränke zu belegen", beschwerte sich Ron gegenüber Harry.

„Ihr könntet versuchen, mit ihm oder Dumbledore zu reden", sagte Hermione.

„Das wird keinen Unterschied machen. Außerdem weiß ich nicht, ob ich dieses Jahr überhaupt Zaubertränke belegen möchte. Ich hab es satt, mir ständig von Snape anhören zu müssen, wie ich genau wie mein Vater durch die ganze Schule stolziere", sagte Harry mit einer vor Wut triefenden Stimme.

„Ich bin nur froh, dass dieses unser letztes Jahr sein wird. Ich schwöre euch, wenn das erst unser fünftes oder sechstes Schuljahr wäre, würde ich genau dasselbe machen wie Fred und George und hier abhauen", sagte Ron und biss den Kopf eines Schokoladenfrosches ab.

„Ron! Du brauchst deine solide Ausbildung. Sie würden uns nicht sieben Jahre lang zur Schule gehen lassen, wenn es nicht absolut notwendig wäre!", rief Hermione.

Ginny lehnte ihren Kopf gegen das Fenster und versuchte, die Unterhaltung auszublocken. Sie hätte sich gerne mit Luna oder Colin oder sogar Neville getroffen, aber sie wusste, dass Harry und Ron sie nicht weggehen lassen würden. Sie würden sie zwingen, hier zu bleiben, und Hermione würde sich einfach hinter einem Buch verstecken, so wie sie es immer tat. Sie konnte nicht glauben, dass nicht einmal Hermione Rons verfluchte Lügengespinste durchschauen konnte. Sie hätte Ginny wahrscheinlich geholfen, wenn sie nicht heimlich in ihn verliebt gewesen wäre.

Weder Harry, noch Hermione wussten, dass Ginny eigentlich geschlagen wurde, seit sie acht Jahre alt gewesen ist. Ihre Eltern hatten gesagt, sie musste perfekt sein, sonst müsste sie leiden. Sie musste sich wie ein Mädchen benehmen, obwohl sie in einem Haus voller Jungs aufgewachsen war. Sie wollte außerhalb ihres Zimmers einfach sie selbst sein. Sie wollte keine Angst haben, wenn sie in die Küche oder ins Wohnzimmer ging, und sie wollte nicht immer über ihre Schulter schauen müssen. Aber all dies war zu viel, als sie sich wünschen konnte.

Ginny betrachtete die vorbeiziehende Landschaft und erinnerte sich daran, dass dies ihr letztes Schuljahr war. Dieser Gedanke heiterte sie ein wenig auf. Langsam begann sie einzuschlafen. Sie beschloss, nicht gegen den Schlaf anzukämpfen, und kurz daraufhin war sie auch schon vollends eingeschlafen.


Sie saß mit drei anderen Leuten in einem großen, offenen Feld. Sie alle lachten und unterhielten sich laut, als ob ihnen nichts auf der Welt passieren könnte. Sie sah zu den Leuten, mit denen sie beieinander saß, hinüber, aber sie konnte ihre Gesichter nicht erkennen. Das helle Sonnenlicht wärmte ihre Haut, während sie sich weiter unterhielten. Sie wusste, dass dies nicht richtig war, dass wer auch immer diese Leute waren, sie nicht mit ihnen sprechen sollte. Aber momentan war sie einfach zu glücklich, um sich darüber Sorgen zu machen.

Das Sonnenlicht verschwand und Ginny dachte zuerst, dass sich eine Wolke vor die Sonne geschoben hätte. Aber als sie hoch sah, bemerkte sie, dass ein Mensch seinen Schatten auf sie warf. Diesmal wusste sie, wer es war. Sie konnte sein Gesicht erkennen und sah, dass er verärgert war.

„Was machst du hier bei diesen Leuten, Ginny?", fragte er. Seine Stimme war voll Wut und Hass.

„Wir sitzen hier und unterhalten uns. Nicht mal du kannst so dumm sein, um das zu bemerken", sagte eine der drei Personen. Die Person hatte eine weibliche Stimme und Ginny zuckte zusammen. Sie würde bestraft werden, weil ihre Freunde sich für sie stark machten.

„Verpiss dich, du schleimiger Idiot, und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten", sagte eine andere Stimme. Diesmal gehörte sie zu einem Jungen.

„Sie ist meine Angelegenheit", giftete Ron.

„Nein, ist sie nicht. Sie ist ein eigenständiger Mensch, deine Schwester, und sie verdient das nicht, was du ihr die ganze Zeit antust", sagte eine andere männliche Stimme.

Ginny sah zu der Gruppe hin, die sie verteidigte, aber sie konnte ihre Gesichter noch immer nicht erkennen. Die Stimmen gehörten nicht zu Neville, Luna oder Colin, aber sie waren ihr doch vertraut. Die sah hoch in Rons Gesicht und begann, vor Angst heftig zu zittern. Sie hatte ihn noch nie so wütend erlebt. Er sah aus, als würde er Ginny und ihre drei Freunde sofort umbringen. Ein Arm legte sich beschützend um Ginny und sie begann, sich zu beruhigen, sobald sie die Wärme um ihre Schultern spürte.

„Ist schon gut. Wir lassen nicht zu, dass er dir etwas tut", flüsterte die weibliche Stimme in ihr Ohr.


Ginny riss die Augen auf. Sie war immer noch im Zug. Hermione, Ron und Harry unterhielten sich immer noch, aber die Landschaft draußen hatte sich verändert. Es war nicht länger hell und sonnig, sondern dunkel und irgendwie unheilvoll.

„Ginny, bist du in Ordnung? Du siehst irgendwie blass aus", sagte Hermione mit besorgter Stimme.

„Nur ein seltsamer Traum", sagte Ginny und setzte schnell ein falsches warmes Lächeln auf.

„War der über ihn?", fragte Ron durch gefletschte Zähne. Bei diesen Worten zog er auch Harrys Aufmerksamkeit auf sie. Er hatte den selben Ausdruck in den Augen, den er immer bekam, wenn er kurz davor war, sie zu schlagen. Hermione sah verängstigt aus und begann, eines ihrer Bücher aus der Tasche zu holen.

„Nein, er war nur seltsam, das ist alles", sagte Ginny mit dem selben falschen Lächeln im Gesicht.

„Worum ging es?", fragte Hermione vorsichtig.

„Ich kann mich nicht mehr dran erinnern", sagte Ginny, nachdem sie so getan hatte, als würde sie kurz darüber nachdenken. Tatsächlich konnte sie sich an den gesamten Traum erinnern, aber sie würde ihnen keinesfalls die Wahrheit erzählen. „Ich glaube, wir sind fast da. Ich werde mich umziehen gehen, wenn das in Ordnung ist", fragte Ginny und blickte aus dem Fenster.

„Ja, aber beeil dich. Fünf Minuten sollten mehr als ausreichend sein."

Ginny nickte und schlüpfte mit ihrer Schuluniform aus dem Abteil. Ihr falsches Lächeln verschwand von ihrem Gesicht, als sie den Gang hinab zum WC ging. Nachdem sie zugesperrt hatte, zog sie sich schnell um und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie sah genauso aus wie gestern, außer dass der Bluterguss über ihrem Auge verschwunden und der auf ihrem Kinn zu klein war, als dass er jemandem auffallen könnte. Mit einem kleinen Seufzen verließ sie das WC wieder und begann, zurück zu ihrem Abteil zu laufen.

Als sie an den anderen Abteilen vorbei ging, warf sie einen kurzen Blick in jedes Fenster. In jedem Abteil saßen Freunde, lachten, spielten Schach, unterhielten sich oder spielten Snape explodiert. Sie seufzte vor Traurigkeit und spürte ein bisschen Neid auf die Leute, die nichts hatten, worüber sie sich Sorgen machen mussten. Sie wandte sich wieder von den Fenstern ab und knappte in jemanden hinein.

„Tut mir Leid. Bist du in Ordnung?", fragte Ginny die Person, in die sie hineingerannt war. Er stand langsam auf und schenkte ihr ein halbes Lächeln.

„Ich bin nicht aus Glas. Eine kleine Gryffindor kann mich nicht so schnell verletzen", sagte er. Ginny erkannte ihn, es war Blaise Zabini, ein Siebtklässler aus Slytherin und der beste Freund von Draco Malfoy. Sie rollte mit den Augen und ging weiter. Sie blickte auf ihre Uhr und bemerkte, dass ihre fünf Minuten fast vorbei waren, also begann sie zu laufen. Sie wusste jedoch nicht, dass sie die ganze Zeit über beobachtet worden war.

Blaise Zabini war stehen geblieben und beobachtete leicht amüsiert, wie das Weasley Mädchen mit den Augen rollte und an ihm vorbei ging. Dann begann sie zu laufen und Blaise konnte nicht genau sagen warum. Sie würden noch mindestens zehn Minuten unterwegs sein und der Servierwagen war bereits leer. Er zuckte einfach mit den Schultern und lief zurück zu seinem Abteil, wo Pansy Parkinson und Draco Malfoy saßen.

„Das Weasley Mädchen ist seltsam", sagte er, als er sich neben Draco setzte.

„Sag mir nicht, dass du versuchst, sie dir zu schnappen", sagte Draco, rollte mit den Augen und verzog angewidert das Gesicht.

„So schlimm ist sie auch nicht, Draco. Sie ist ganz anders als ihre Brüder, sie ist nett, aber yeah, ein bisschen schüchtern und seltsam", sagte Pansy. Sie rollte mit den Augen, als sie Dracos angeekeltes Gesicht sah.

„Pansy, wirst du dich jemals wie du selbst benehmen, wenn wir drei nicht unter uns sind?", fragte Blaise mit einem Grinsen.

„Ich benehme mich die ganze Zeit über wie ich selbst. Ist doch egal, wer dabei ist."

„Na klar tust du das. Gib's zu, wenn noch jemand anderes hier im Abteil wäre, hättest du nie so über das Weasley Mädchen gesprochen", meinte Draco mit einem Grinsen, das dem von Blaise nahe kam.

„Ich bin nur zu den Leuten gemein, zu denen ich gemein sein muss. Sie hat mir nichts getan, und ich hab ihr nichts getan", sagte Pansy abwehrend. „Warum hast du überhaupt angefangen, von ihr zu sprechen?", fragte sie Blaise und versuchte, das Thema in eine andere Richtung zu lenken.

Blaise grinste sie an und zeigte ihr, dass er genau wusste, was er tat, und dass er noch nicht mal annähernd fertig war mit ihr. „Ich bin mit ihr am Gang zusammengestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat mich gefragt, ob ich in Ordnung bin, und als ich sie ein bisschen beleidigt hatte, hat sie die Augen verdreht und ist davongelaufen."

„Was ist daran so seltsam?", fragte Draco.

„Das, was danach passiert ist", sagte Blaise. Das Grinsen war von seinem Gesicht verschwunden, also schenkten ihm die beiden anderen ihre volle Aufmerksamkeit. Blaise grinste immer, außer wenn etwas nicht stimmte. „Sie ging ein paar Schritte weiter und sah auf ihre Uhr. Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich bin mir fast sicher, dass ihr Körper sich versteift hatte und sie dann schneller den Gang entlang gelaufen ist, als ich es für möglich gehalten hätte. Es war einfach seltsam, sie sah aus ... als hätte sie Angst ..." Blaise verlor den Faden.

Draco zuckte einfach die Achseln und sah wieder aus dem Fenster. Pansy sah hingegen so aus, als würde sie sich Sorgen machen. Blaise wollte sie schon fragen, was sie über das Weasley Mädchen dachte, als der Zug quietschend zum Stillstand kam und durch die Lautsprecher verkündet wurde, dass alle aussteigen sollten.

Blaise, Pansy und Draco stiegen aus und begannen, zu den Kutschen zu gehen, die sie hoch zur Schule bringen würden. Die ganze Zeit über bemerkte Draco, dass Pansy und Blaise ein bisschen besorgt aussahen und die Schülerschar nach jemandem absuchten. Ihre Blicke landeten auf der selben Person und sie beobachteten sie sorgfältig, bevor sie in die Kutsche kletterten. Draco war der Letzte, der einstieg, aber zuvor sah er noch in die selbe Richtung wie seine Freunde. Er sah Ginny Weasley und das Dream-Team. Er rollte mit den Augen und schloss die Kutschentür. Der leicht panische Ausdruck auf ihrem Gesicht war ihm im Gegensatz zu Blaise und Pansy entgangen.