Broken

Kapitel 3

Unerwartete heimliche Freunde


Am Gryffindor-Tisch saß Ginny neben Harry und gegenüber von Ron und Hermione, genauso wie im Zug schon. Sie schenkte der Zeremonie mit dem Sprechenden Hut nicht wirklich ihre Aufmerksamkeit, sie applaudierte einfach mit, wenn die anderen in ihrem Haus klatschten. Abwesend beobachtete sie, wie ein junges Mädchen mit roten Haaren nervös auf dem Stuhl Platz nahm. Sie wurde abgelenkt, als jemand rechts von ihr Ginny versehentlich am Arm stieß. Sie blickte das Mädchen neugierig an und fragte sich, ob es ein Versehen war oder ob das Mädchen wirklich ihre Aufmerksamkeit erregen wollte.

„Entschuldige", murmelte das Mädchen, wandte sich wieder zurück zu ihren Freundinnen und begann wieder mit ihnen zu plaudern.

Ginny sah auf ihren Arm hinab. Obwohl die Spuren von vorhin von ihrem Ärmel überdeckt waren, meinte sie, sie sehen zu können. Sie erinnerte sich zurück an die Zugfahrt und musste ihren Kopf ein wenig senken, um die Tränen zurückzuhalten, während sich ihre Erinnerung nochmals vor ihren Augen abspielte.

FLASHBACK

Ginny lief, so schnell sie konnte, zurück zum Abteil, aber trotzdem kam sie zwei Minuten zu spät an. Ron starrte sie böse an. Er konnte ihr nichts tun, solange Harry und Hermione da waren, weil er es vor ihnen nicht rechtfertigen konnte. Ginny wusste jedoch, dass ihn das nicht davon abhalten würde, ihr weh zu tun, nachdem sie gegangen waren. Sie setzte sich und starrte weiterhin aus dem Fenster, bis der Zug zum Stehen gekommen war und die Lautsprecherdurchsage verkündete, dass sie alle aussteigen sollten.

„Wir treffen uns also draußen", sagte Ron zu Harry und Hermione, während er Ginny zurückhielt. Sobald seine Freunde gegangen waren, drehte sich Ron zu ihr um. „Du warst spät dran. Was hast du gemacht?", fragte er. Die Wut war in seiner Stimme zu hören.

"Ich habe jemanden über den Haufen gerannt und wollte nur sicher gehen, dass es ihm gut geht", erzählte Ginny die Wahrheit.

„Wer war es?", fragte Ron zornig.

„Ich weiß nicht", log Ginny. Sie wollte nicht, dass ihre Brüder wussten, dass sie sich um einen Slytherin gesorgt hatte. Es gelang ihr jedoch nicht, ihre Maske schnell genug aufzusetzen, und Ron konnte sagen, dass sie ihn angelogen hatte. Noch etwas, das sie nicht tun durfte.

„Wage es nicht, mich anzulügen", sagte Ron mit einem gefährlichen Unterton. Er fasste mit einem strengen Griff nach ihrem Arm. „Wer war es?", fragte er noch einmal und schüttelte sie kräftig.

„Es war ein kleinerer Junge, ein Hufflepuff, glaube ich", sagte Ginny und hielt ihre Maske aufrecht, obwohl Ron ihr Schmerzen zufügte. Es fühlte sich an, als würde Ron langsam ihre Knochen zersplittern.

Ron warf sie ungraziös auf die Bank, wobei Ginnys Kopf gegen das Fenster knallte. Sie hörte ein ohrenbetäubendes Knacken, aber zum Glück war es nur das Glas und nicht ihr Schädelknochen.

„Beeil dich, damit es aussieht, als wär nichts gewesen", fauchte Ron sie an, während er zur Abteiltür ging.

FLASHBACK ENDE

Ginny schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Sie konnte noch immer den Schmerz spüren, wo ihr Kopf auf das Fenster geknallt war, und sie konnte sagen, dass sich gerade ein handflächenförmiger Bluterguss auf ihrem Arm bildete. Unbewusst begann sie, ihren verwundeten Arm zu reiben, als Dumbledore mit der Rede für das neue Schuljahr begann. Und wieder hatte sie keine Ahnung, dass sie, seit sie sich gesetzt hatte, von zwei Augenpaaren stetig beobachtet worden war.


Blaise und Pansy hatten Ginny beobachtet, seit sie sich an den Slytherin-Tisch gesetzt hatten. Sie bemerkten, dass sie während der Zeremonie abwesend aussah, aber da nicht viele der älteren Schüler aufpassten, fiel es nicht so auf. Als sie danach einige Minuten lang zu Boden blickte, wurden sie etwas besorgt.

„Es sieht aus, als würde sie ihre Tränen verstecken", erklärte Blaise, als Pansy zu ihm blickte.

„Woher willst du das wissen?", fragte sie mit einem kleinen Grinsen und einer erhobenen Augenbraue.

„Meine Mutter hat immer zu Boden geschaut, wenn sie nicht wollte, dass ich sie weinen sah oder wenn sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen", sagte Blaise mit einem Schulterzucken.

Pansy sagte dazu nichts. Blaise sprach kaum über seine Mutter oder sein Leben zu Hause. Alles, was Pansy wusste, war, dass seine Mutter schon ein paar Mal geheiratet hatte und all ihre Ehemänner sie geschlagen hatten. Sie fühlte sich schuldig und war schon kurz davor, ihre Hand zum Trost auf seinen Arm zu legen, als sie sich anders entschied und das Thema einfach fallen ließ. Blaise stupste sie in die Seite und nickte in Ginnys Richtung. Sie sah hinüber und merkte, dass Ginny leicht den Kopf schüttelte. Außerdem bemerkte sie, einen kurzen Schmerz über das Gesicht des Rotschopfes blitzen zu sehen, bevor sie es verstecken konnte. Sie sahen aufmerksam zu, wie Ginny ihren rechten Arm, knapp über dem Handgelenk, zu reiben begann.

Sie warfen einander einen besorgten Blick zu; Pansy wusste, was Blaise durch den Kopf ging. Er dachte definitiv, dass Ginny auf irgendeine Weise missbraucht wurde. Er hatte es schon so oft gesehen und Ginny zeigte anscheinend genau die gleichen klassischen Anzeichen. Sie konnte sie nur ein wenig besser verstecken als seine Mutter. Pansy andererseits wollte nicht daran denken, dass die Weasleys ihre Tochter und Schwester misshandeln könnten, aber sie konnte nicht bestreiten, dass all die Anzeichen da waren.

Draco sah zu seinen Freunden hinüber und bemerkte ihre besorgten Gesichter. Er stupste sie leicht und fragte, was ihnen so früh im neuen Schuljahr solche Sorgen bereitete. Sie sahen ihn an und nickten in Ginnys Richtung. Draco blickte hinüber und rollte mit den Augen, da er nicht bemerkte, dass Ginny wirklich nervös aussah und kaum etwas aß.

„Warum konzentriert ihr euch plötzlich so auf die Weaslette?", fragte Draco sie in einem Flüsterton.

„Weil irgendwas nicht stimmt", sagte Pansy und warf ihm einen bösen Blick zu.

„Ja? Das geht euch aber nichts an", sagte Draco und rollte noch einmal mit den Augen. Er widmete sich wieder seinem Essen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Draco, dass Pansy ihn böse anstarrte und Blaise nur traurig den Kopf schüttelte, bevor er sich wieder zu Ginny drehte, die einfach dasaß und nichts aß, sondern nur mit verklärtem Blick in die Luft schaute. Draco seufzte und ließ sein Essen stehen. Er schaut in Ginnys Richtung, beobachtete sie ein paar Minuten lang, und sogar er konnte feststellen, dass etwas nicht stimmte. Sie sah ausgezehrt und ein wenig deprimiert aus. Er wusste, dass jeder mal schlecht drauf sein konnte, aber es war definitiv zu früh für Ginny, so dreinzusehen. Er runzelte die Stirn, als er sah, dass sie nichts aß, sondern das Essen nur mit der Gabel auf dem Teller hin und her schob. Das war nicht gesund für sie. Sie war so schon dünn genug.

Blaise und Pansy beobachteten aus den Augenwinkeln, wie Draco seine Aufmerksamkeit weg von seinem Essen und auf Ginny lenkte, die selbst nichts aß, sondern nur mit einem verschleiertem Blick auf dem Gesicht in die Luft starrte. Zuerst fiel ihm anscheinend nichts auf, dann sahen sie aber sein Stirnrunzeln, als Ginny begann, mit dem Essen herumzuspielen. Sie konnten nicht anders, sondern mussten darüber ein wenig lächeln, denn nicht viele Menschen wussten, dass Draco auch besorgt sein konnte. Nur eben nicht auf die Art, wie die meisten anderen Leute.

Die drei Slytherins sahen, dass Ron Weasley sich über den Tisch lehnte und Ginny etwas zuflüsterte. Die drei starrten Ron böse an, als sie sahen, wie blass Ginny plötzlich wurde und wie verängstigt sie aussah. Sie sahen einander mit einer Mischung aus Hass, Sorge und Verwirrung an. In diesem Augenblick trafen sie stillschweigend eine Vereinbarung, dass die drei ein Auge auf Ginny haben würden, bis sie wussten, was hier genau vor sich ging.


Nachdem das Fest zu Ende war und Dumbledore einige abschließende Worte gesprochen hatte, stand Ginny langsam vom Tisch auf. Rons Worte hallten immer noch in ihrem Kopf nach. Ich bin noch nicht fertig mit dir wegen dem Zwischenfall im Zug. Ich weiß, dass es kein Hufflepuff gewesen ist, du hättest mich nicht anlügen sollen. Dafür wirst du bezahlen. Sie versuchte, nicht zu zittern, als sie sich auf den Weg zum Gryffindor-Turm machte. Als sie in den Gemeinschaftsraum schlüpfte, dachte sie daran, ins Bett zu gehen, um Ron auszuweichen, aber als sie ihn anblickte, erkannte sie an seinem Gesichtsausdruck, dass er das verhindern würde.

Langsam ging sie zu dem Trio hinüber. Sie setzte ihr falsches Lächeln auf, setzte sich zu ihnen und zog ein Buch hervor. Fünf Minuten später konnte sie Rons Blick auf sich spüren, aber sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt, und konzentrierte sich auf die Zeilen.

„Wir müssen reden, Ginny", sagte Ron durch zusammengebissene Zähne.

„Okay", sagte Ginny, stand auf und folgte Ron aus dem Gemeinschaftsraum. Sie gingen schweigend durch ein paar Korridore, bevor sie vor einem Wandteppich stehen blieben.

„Also, wem hast du jetzt wirklich geholfen?", sagte Ron in gefährlichem Tonfall. Ginny wusste, dass sie dieser Frage nicht ausweichen konnte, aber sie wusste auch, solange sie ihre Maske aufrecht erhielt, musste sie nicht die ganze Wahrheit sagen.

„Es war ein Slytherin", sagte Ginny und zuckte zusammen, als Rons Augen sich weiteten. „Aber ich wusste es nicht, bis er aufstand und sagte, dass es ihm gut ging", sagte Ginny schnell, als Ron seine Hand hob, um sie zu schlagen.

Er ließ seine Hand wieder ein Stück sinken. „Wer war es?", fragte er nach einem Moment giftig.

"Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich kenne ihn nicht", log Ginny. Sie konnte sagen, dass Ron ihr glaubte, und bemerkte den inneren Kampf, den er gerade ausfocht. Er konnte sich nicht entscheiden, ob sie nun bestraft werden sollte oder nicht.

Plötzlich hob er wieder seine Hand und schlug ihr mit der Rückhand ins Gesicht. „Das ist dafür, dass du mich angelogen hast … zwei Mal", sagte er und schlug sie nochmals auf die andere Wange.

Sie sah durch tränende Augen, dass Ron weg ging. Sanft berührte sie ihre Wangen und spürte, dass sich an den Stellen, wo er sie geschlagen hatte, Hitze ausbreitete. Sie holte schnell ihren Zauberstab hervor und sprach einen Heilungszauber aus. Aber wegen dem düsteren Licht und der Stelle in ihrem Gesicht konnte sie nicht richtig zielen. Es verblieb auf jeder Wange ein kleiner roter Fleck. Still und leise trat sie hinaus in den Korridor und lief brüsk zurück zum Gryffindor-Turm.


Draco, Blaise und Pansy gingen durch den Korridor und dachten über Ginny nach. Sie sprachen nicht viel miteinander, aber die Blicke, die sie einander zuwarfen, sagten deutlich, was sie dachten. Sie kamen zu der Schlussfolgerung, dass Ginny misshandelt wurde, obwohl sie nicht wussten von wem. Sie verdächtigten stark ihren Bruder. Sie stimmten überein, dass sie ihn so weit wie möglich von ihr fernhalten wollten. Sie wussten, dass sie in ihren Jahrgang aufgestuft worden war, und beschlossen, dass sie es sich so einteilen würden, dass mindestens einer von ihnen die selben Fächer mit ihr besuchen würde.

Sie gingen durch den Zauberkünste-Korridor und kamen an einem Wandteppich vorbei, als plötzlich der Rotschopf dahinter hervor kam. Sie bemerkten sofort die roten Flecken auf ihrem Gesicht. Blaise und Pansy sahen aus, als könnten sie töten, und Draco sah besorgt aus. Pansy begann, auf sie zuzugehen, aber Draco und Blaise hielten sie zurück.

„Noch nicht. Es ist zu früh", flüsterte Blaise ihr ins Ohr. Pansy nickte widerwillig und die drei gingen gemeinsam zurück in die Kerker.