Broken
Kapitel 6
Dunkle Wolke am Himmel
Die erste Woche verlief so gut für Ginny, dass sie die Schwierigkeiten nicht kommen sah, die wie dunkle Wolken an einem sonnigen Tag am Himmel lauerten. Das Wochenende kam näher. Das bedeutete zwei Tage mit Ron im Gemeinschaftsraum oder draußen zu verbringen. Kein Unterricht, in den man flüchten konnte, keine Slytherins, die ihr den Rücken frei hielten. Ginny wusste, dass Pansy, Blaise und Draco sie während den Mahlzeiten und wann auch immer sie sich in den Gängen begegneten beobachten würden. Aber sie konnten nicht immer bei ihr sein. Sie fühlte sich noch mehr allein als je zuvor. Sie wollte ihnen aber auch keine Sorgen bereiten. Das Letzte, das sie wollte, war, dass sie sich nur mit ihr abgaben, weil es den Anschein hatte, dass sie mit der ganzen Situation nicht selbst klar käme.
Am Freitag Nachmittag fand eine Doppelstunde Zaubertränke statt. Blaise, Pansy und Draco bemerkten, dass Ginny angespannt und etwas verängstigt war. Mehr als einmal versuchten sie, sie zu fragen, was ihr durch den Kopf ging, aber jedes Mal, wenn sie etwas sagten, lächelte sie und stellte eine Gegenfrage, die mit dem Fragenkatalog zu tun hatte, den sie gerade durcharbeiteten. Die drei fanden nicht heraus, warum Ginny nicht mit ihnen sprach. Normalerweise hätte sie sofort etwas gesagt, wenn sie sie so besorgt anblickten.
Pansy war überrascht, als sie bemerkte, dass Draco und Blaise sich anscheinend echte Sorgen um Ginny machten. Sie wusste, dass Blaise mit Ginny mitfühlen würde, da sie wusste, dass seine Mutter dasselbe schon oft durchmachen musste. Draco andererseits hatte noch nie zuvor erwähnt, dass er schon einmal Zeuge einer Misshandlung gewesen wäre, obwohl sich Pansy sicher war, dass er schon einmal so etwas miterlebt hatte, auch wenn er nicht direkt daran beteiligt gewesen war. Der besorgte Blick auf Dracos Gesicht rief ihr die Ereignisse der vergangenen Nacht wieder in Erinnerung.
FLASHBACK
Pansy, Blaise und Draco saßen so wie jeden Abend in Pansys private Zimmer. Diese Nacht war allerdings anders. In dieser Nacht unterhielten sie sich nicht über ihre Sommerferien oder schimpften über die Professoren, und Blaise und Draco sprachen nicht einmal über Quidditch. In dieser Nacht herrschte Stille. Sie machten sich alle um Ginny Sorgen und wussten nicht, was sie sagen sollten, wenn sie nicht in der Nähe war. Sie hatten sich so daran gewöhnt, dass Ginny bei ihnen war, mit ihnen sprach, lachte, herumschimpfte und manchmal auch mit ihnen diskutierte. Sie hatten sich in den letzten paar Tagen seltsam nahe gestanden.
„Was sind wir für Ginny?", fragte Draco plötzlich und ließ Pansy und Blaise von der unangekündigten Unterbrechung der Stille zusammenzucken.
„Wovon sprichst du?", schnappte Pansy und wusste, dass ihr Unmut gegen die falsche Person gerichtet war. Sie wusste, sie war nur wütend, weil sie sich Sorgen um Ginny machte, aber sie konnte nicht anders.
Draco antwortete nicht sofort. Er sah aus, als würde er am liebsten gar nichts sagen wollten. „Ich … äh … es ist bloß …"
Blaise merkte, dass Draco mit sich kämpfen musste, und sprang ihm schnell zur Seite. „Er meint, dass er nicht will, dass ihr weh getan wird." Draco schenkte Blaise einen dankbaren Blick. Blaise wusste, dass Draco nie verbal ausdrücken konnte, was in seinem Kopf vorging, ohne sich dabei gedemütigt zu fühlen und sich von der Welt abzuschotten.
„Wir tun ihr nicht weh, wir helfen ihr", sagte Pansy und verstand nicht, was er meinte.
„Nein, ich meine, was sind wir für sie? Was sieht sie in uns? Wie müssen wir ihr vorkommen? Als ihre Beschützer? Ihre Freunde? Als die drei gruseligen Slytherins, die ihr den ganzen Tag lang folgen und sie beobachten?", brachte Draco schließlich hervor. Seine Wut überlagerte, dass es ihm peinlich war. Blaise verstand sofort, was Draco meinte. Pansy sah aus, als wüsste sie nur halb, worauf Draco hinaus wollte. „Ich meine nur, ich will nicht, dass sie von uns denkt, wir wären ihr nahe oder ihre Freunde, wenn wir das doch nicht sind. Das würde sie mehr verletzen, als Ron jemals könnte", meinte Draco mit einem Seufzen.
Pansy war total geschockt. Sie hatte noch nie zuvor gehört, dass Draco so über jemanden gesprochen hätte. Er schien sich nie viel aus anderen zu machen. Sie blickte zu Blaise und sah, dass auch er einen etwas schockierten Gesichtsausdruck zeigte, aber nicht so schlimm wie bei ihr. Blaise kannte Draco besser als jeder andere, er kannte Draco sogar besser als dieser sich selbst kannte. Eigentlich kannte Blaise anscheinend jeden besser als andere. Die Leute vertrauten Blaise automatisch.
„Wir sind ihre Freunde. Ich weiß, dass ich das nicht für jeden tun würde. Ich fühle mich … irgendwie zu Ginny hingezogen", sagte Blaise ein wenig beschämt. Pansy nickte bei seinen Worten, aber keinem fiel auf, dass Draco Blaise einen kurzen, wütenden Blick zuwarf.
„Okay. Solange wir uns einig sind", fügte Draco hinzu. Dann wurde es wieder still im Zimmer.
FLASHBACK ENDE
Pansy zuckte aus ihren Erinnerungen hoch und bekam beinahe eine Panikattacke, als sie sah, dass der Unterricht nur noch fünfzehn Minuten lang dauerte. Blaise bemerkte ihre Panik und schob diskret seine fertige Arbeit zu ihr hinüber. Sie schenkte ihm schnell ein dankbares Lächeln und schrieb seine Antworten in Rekordgeschwindigkeit ab.
Als die Stunde zu Ende war, ließ sich das Slytherin-Trio Zeit mit dem Einpacken und sauber machen. Ginny verstand und ließ sich ebenfalls zurückfallen. Als sie die Klasse verließen, war der Gang beinah menschenleer.
„Also, erzähl uns, was los ist, Gin", sagte Pansy, sobald sie die Tür zur Klasse hinter ihnen geschlossen hatte.
„Nichts ist los, Pansy. Mir geht's gut, Leute, ich schwöre es", erzählte Ginny in einer halben Lüge.
„Blödsinn. Komm schon, Gin. Dem allwissenden Blaise kannst du all deine Geheimnisse erzählen", sagte Blaise mit einem spielerischen Grinsen. Ginny lächelte und sah die anderen beiden an. „Oh, ignorier diese beiden einfach. Das sind nur unsensible Trottel", sagte Blaise und drehte sie ein wenig, sodas sie ihn ansah. Wieder bemerkte keiner, dass Draco Blaise einen bösen Blick zuwarf.
Ginny lachte leicht. „Es ist wirklich nichts. Zumindest nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsstet", sagte Ginny und sie begannen, sich in Bewegung zu setzen. Sie gingen immer noch langsamer als normal, sodass sie sich länger mit einander unterhalten konnte. „Also … was macht ihr so das ganze Wochenende über?", fragte sie beiläufig.
Draco blieb plötzlich stehen, nun verstand er. „Was machst du denn?", fragte er Ginny, bevor die anderen beiden antworten konnte. Er warf ihnen einen Blick zu und sie kapierten nun auch, worum es ging.
„Nichts. Ich hänge nur im Gemeinschaftsraum herum und bin wahrscheinlich draußen auf den Ländereien", antwortete sie. Sie hoffte, dass niemand bemerkte, dass ihre Stimme ein wenig zitterte.
„Mit Ron, Harry und Hermione?", fragte Pansy wütend.
„Vielleicht. Oder vielleicht mit Colin, aber ich bezweifle es. Wir sprechen nicht so viel mit einander", sagte Ginny ohne nachzudenken oder Pansys Tonfall zu bemerken.
Sie hatten nun die Große Halle betreten und konnten nicht länger miteinander sprechen. Ginny ging hinüber zum Gryffindor-Tisch und die Slytherins sahen zu, wie Ron beinahe begann, sie anzuschreien.
„Wir können sie mit denen nicht das ganze Wochenende allein lassen. Und ihr wisst, dass wir sie nicht die ganze Zeit über beobachten können", sagte Draco zu den anderen beiden, sobald sie sich gesetzt hatten und sicher waren, dass ihnen niemand zuhörte.
„Ich weiß, aber wie sollen wir sie wegkriegen, ohne sie dabei in Schwierigkeiten zu bringen?", fragte Pansy und biss sich vor Sorge auf die Unterlippe.
„Schade, dass sie nicht in Slytherin ist, oder sie wenigstens ihr eigenes Zimmer hat", sagte Blaise.
„Was hatten wir überhaupt vor für dieses Wochenende?", fragte Pansy ihre beiden Freunde nach ein paar Momenten unbehaglicher Stille.
„Ich dachte, wir würden alle das ganze Wochenende über in unserem Gemeinschaftsraum rumhängen, so, wie wir es normal immer tun. Nicht mal zum Essen runterkommen, nur das Essen aus der Küche stibitzen", sagte Draco, als wäre dies das Offensichtlichste der Welt.
„Warum können wir sie nicht kidnappen?", fragte Blaise todernst.
„Wovon sprichst du?"
„Wir schicken ihr eine Nachricht und sagen ihr, dass wir uns irgendwo in der Nähe deines Zimmers treffen, und dann bringen wir sie dorthin und lassen sie nicht mehr gehen", erklärte Blaise.
„Du bist ein sadistischer, kleiner Bastard, weißt du das, Blaise?" fragte Draco und schüttelte den Kopf.
„Tja, danke. Schön, dass du das endlich bemerkt hast", gab Blaise mit einem sehr slytherin'schen Grinsen zurück.
„Aber das hört sich an, als könnte es klappen ...", gab Draco zu.
„Natürlich wird es klappen. Ist ja meine Idee", sagte Blaise.
„Kümmert es eigentlich irgendjemanden hier, dass das alles in meinem Zimmer stattfinden wird?", fragte Pansy mit einem gespielten, genervten Ton.
„Nicht wirklich", antworteten sie unisono.
„Würdet ihr Ginny wirklich Ron zum Fraß vorwerfen?", sagte Blaise.
„Natürlich nicht!"
„Dann ist alles klar. Wir schicken ihr nach dem Abendessen eine Nachricht."
Ginny saß im Gemeinschaftsraum und stellte gerade die Hausübungen für dieses Wochenende fertig. Sie wusste, dass sie dafür zwei ganze Tage Zeit hatte, aber sie wollte alles fertig haben, damit Ron nicht deswegen herumzicken konnte. Nicht dass man mit ihm etwa über rechtzeitig erledigte Hausübungen sprechen konnte.
„Warum warst du zum Abendessen spät dran?", fragte Ron in einem tiefen und gefährlichen Tonfall.
„Ich hab dir doch gesagt, dass Snape mit uns über unseren Trank sprechen wollte", log Ginny.
„Aber warum war er dann schon am Lehrertisch, bevor du in die Große Halle gekommen bist?", sagte Ron mit erhobenen Augenbrauen.
„Ich weiß es nicht. Er kennt sicher schnellere Wege hoch aus dem Kerker als wir", sagte Ginny gelangweilt und wandte sich wieder ihren Aufgaben zu. Sie wusste, dass Ron nach einem Grund suchte, sie zu schlagen. Sie hatte ihm in letzter Zeit nicht viele Gründe dafür gegeben, weil sie ihn so gut wie möglich mied. Aber jetzt musste sie auch nur neben ihm husten, damit er diesen Blick in seinen Augen bekam, die danach schrien, dass er sie verletzen wollte.
Sie beendete ihre Aufgaben sehr früh, aber wusste, dass Ron sie nicht hoch in ihr Schlafzimmer gehen lassen würde. Er wollte ein Auge auf sie werfen. Also holte sie ein Buch hervor und begann zu lesen. Sie vertiefte sich in einen Roman über drei Ausreißer, die vor ihrem gewalttätigen Onkel davonliefen, der sie jagte. Das kam Ginny so vertraut vor, und bald musste sie sich zusammenreißen, um nicht zu weinen. Als sie sich im Zimmer umblickte, stellte sie fest, dass es beinahe komplett leer war. Nicht einmal Ron, Harry oder Hermione waren zurückgeblieben. Sie liebte es, wenn sie alleine war, kuschelte sich in den Sessel und starrte eine Weile lang in die Flammen.
Ginny fand es erstaunlich, wie etwas so einfaches wie die Flammen dabei zu beobachten, wie sie das Holz auffraßen, so beruhigend sein konnte. Kurzzeitig vergaß sie, dass sie das ganze Wochenende mit Ron allein sein würde und er am Ende sicher wieder einen Grund fand, um sie zu schlagen. Sie starrte weiter in die tanzenden Flammen, bis sie aus ihrer Starre gerissen wurde. Irgendetwas tappte gegen das Fenster. Sie drehte sich um und sah eine rabenschwarze Eule. Stirnrunzelnd stand sie auf und öffnete das Fenster.
„Hast du dich verflogen? Sonst ist niemand da", sagte sie zu der Eule, als sie zu dem Stuhl flog, auf dem sie gesessen war.
Die Eule schuhute als Antwort und streckte für Ginny das Bein aus. Langsam ging sie hinüber und nahm die kleine Pergamentrolle. Sie war an sie adressiert, aber sie hatte keine Ahnung, wer ihr wohl um diese Uhrzeit noch einen Brief schicken könnte. Langsam öffnete sie das Papier und musste die Nachricht gleich zwei Mal lesen.
Ginny,
bitte treffen wir uns in zwanzig Minuten im Korridor für Zauberkünste.
Die Nachricht war nicht unterschrieben. Aber Ginny wusste, von wem sie stammte. Sie runzelte wieder die Stirn und überlegte, ob sie gehen sollte oder nicht. Wenn sie ging und erwischt wurde, würde Ron durchdrehen, aber wenn sie nicht ging, würden sie glauben, dass sie ihnen aus dem Weg ging. Sie starrte wieder in die Flammen, als ob sie die Antworten auf all ihre Fragen bereithielten.
„Was denkst du, dass ich machen sollte?", fragte sie die rabenschwarze Eule.
Die Eule schuhute sanft und tippte mit dem Schnabel gegen den Brief. Dann sah sie zum Portraitloch. Ginny nahm an, sie wollte, dass sie losging. Langsam und leise ging sie zum Portraitloch und trat hinaus. Die Eule folgte ihr die ganze Zeit über.
