Broken

Kapitel 7

Entführt


Draco und Pansy warteten schon zwanzig Minuten lang im Korridor für Zauberkunst und machten sich langsam Sorgen.

„Vielleicht konnte sie nicht weg kommen", sagte Pansy.

„Nein, er wusste, dass er ihr den Brief nur geben durfte, wenn sie allein ist", sagte Draco und hielt im Korridor nach Ginny Ausschau.

„Vielleicht ist sie also gerade nicht allein", fauchte Pansy. Sie wurde frustriert, weil Ginny noch immer nicht aufgetaucht war.

„Vielleicht. Entweder das, oder sie wollte nicht kommen", sagte Draco, obwohl er es selbst nicht wirklich glaubte.

„Hätte sie uns dann nicht eine Nachricht zurückgeschickt?", forderte Pansy ihn heraus. „Ich meine, sie würde doch nicht einfach …" Aber Pansys Worte wurden durch das Geräusch sich nähernder Schritte unterbrochen. Sie dachten, dass das vielleicht Filch sein könnte, und machten sich daran, ein Versteck zu suchen. Als sie sich gerade hinter einer der Statuen verstecken wollten, sahen sie die tintenschwarze Eule näher kommen, dicht gefolgt von Ginny.

„Hey, wir dachten schon, du würdest nicht kommen", sagte Pansy, als Ginny nur mehr wenige Schritte entfernt war.

„Ich habe darüber nachgedacht", gab Ginny zu. „Was ist überhaupt los? Wo ist Blaise?", fragte Ginny und bemerkte erst jetzt, dass er nicht da war.

„Du meinst, er hat dir nichts gesagt?", sagte Pansy und blickte zur schwarzen Eule hinüber.

„Oder es dir gezeigt?", fragte Draco mit einem Grinsen.

„Wovon sprecht ihr?", fragte Ginny verwirrt.

„Komm schon, Blaise, sei kein Spielverderber und zeige es ihr", sagte Pansy zu der rabenschwarzen Eule.

Ginny sah voll Verwunderung zu, wie alle Federn der Eule plötzlich schmolzen. Die Flügel wurden länger und verwandelten sich langsam in Arme. Der Kopf wuchs ebenfalls und Ginny sah, wie aus den Kopffedern plötzlich Blaises schwarzes Haar wuchs. Die Beine wurden länger und die Krallen verwandelten sich langsam in menschliche Füße mit Zehen. Zum Schluss verwandelte sich der Körper der Eule und wurde immer menschlicher. Ginny bemerkte schockiert und zugleich verwundert, dass die Eule verschwunden war und Blaise plötzlich vor ihr stand.

„Äh … das ist so eklig, dir bei der Verwandlung zuzusehen", sagte Pansy.

„Niemand hat dir gesagt, dass du zusehen musst", antwortete Blaise mit einem Grinsen.

„Du bist ein Animagus?", fragte Ginny nach einem Augenblick der Stille. Blaise nickte und sein Grinsen wurde noch breiter. „Warum habt ihr mir das nicht erzählt?"

„Blaise sagte, er wollte, dass es seine Überraschung für dich ist", sagte Draco mit seinem klassischen malfoy'schen Lächeln.

„Das war es definitiv", meinte Ginny und starrte immer noch Blaise an. Draco warf Blaise wieder einmal einen bösen Blick zu, den er aber nicht bemerkte. Die Einzige, der dies auffiel, war Pansy, und sie beobachtete Draco bloß mit einer erhobenen Augenbraue.

„Gehen wir jetzt? Oder wollen wir uns von Filch erwischen lassen?", fragte Draco mit seinem üblichen gedehnten Tonfall.

„Aber wo gehen wir hin? Was tun wir?", fragte Ginny und sah zwischen den dreien hin und her. Sie hatten alle dieses Slytherin-Grinsen aufgesetzt und Ginny wusste, dass es nichts Gutes bedeuten konnte, wenn sie alle so grinsten.

„Wir werden dich kidnappen", sagte Blaise, als ob daran alles in Ordnung wäre.

„Oh wirklich?", fragte Ginny mit einer erhobenen Augenbraue. Blaise nickte nur. „Was, wenn ich nicht will, dass ihr mich kidnappt?"

„Niemand will freiwillig entführt warden", meinte Blaise.

„Was, wenn ich mich weigere, mit euch zu kommen?"

„Oh, darüber haben wir schon nachgedacht und uns etwas überlegt, wie wir das verhindern können", sagte Blaise mit einem noch größeren Grinsen. „Bereit, Draco?", fragte er seinen Freund. Draco nickte und ging hinüber zu Ginny. Er beugte sich langsam nach unten und schnappte Ginny an der Hüfte. Blaise sprach einen Schweigezauber aus, sodass niemand hören konnte, wie sie schrie, und keine Aufmerksamkeit erregt wurde. Draco hob sie in die Luft und warf sie sich über die Schulter.

„Bereit?", fragte er. Ginny trat und schlug ihn die ganze Zeit über.

„Jap, gehen wir", sagte Pansy mit einem Lächeln.

Die drei Slytherins gingen mit der um sich tretenden Ginny den Gang entlang und achteten darauf, nicht auf Filch zu treffen. Ginny passte nicht auf, wohin sie gebracht wurde, aber sie konnte sagen, dass sie noch nie zuvor in diesem Teil des Schlosses gewesen war. Die Wände und Fußböden sahen gleich aus, aber es gab überall Türen und neben jeder einzelnen brannte eine Fackel. Ginny wusste, dass die Türen zu dicht aneinander lagen, um Klassenzimmer dahinter zu verbergen. Sie sahen eher aus wie Zimmertüren in einem normalen Haus.

„Wir sind fast da", sagte Pansy, als sie um eine Ecke bogen.

„Das wissen wir. Wir waren schon oft genug hier", sagte Draco und verdrehte die Augen.

„Ja, und du hast dich hier auch oft genug verlaufen", sagte Pansy und verdrehte ebenfalls die Augen. „Hier."

Pansy öffnete eine der Türen mit einem Passwort, das Ginny nicht hören konnte. Sie betraten alle das Zimmer und entzündeten die Fackeln, bevor Draco Ginny absetzte. Sie wollte sprechen, aber es kamen keine Worte heraus. Sie schlug auf Blaise ein.

„Was ist denn los?", fragte Blaise und war von der Situation amüsiert. Ginny deutete auf ihren Mund und kam sich die ganze Zeit dabei dumm vor. „Komm schon, Ginny, sprich."

„Oh, lass sie in Frieden", sagte Draco, verdrehte die Augen und zog seinen Zauberstab hervor. Er zeigte damit auf Ginny und befreite sie von dem Schweigezauber.

„Danke", sagte Ginny, ging hinüber zu Draco und schlug ihm auf den Hinterkopf.

„Wofür war das denn?", fragte Draco und rieb sich den Kopf dabei.

„Dafür, dass du mich hierher geschleppt hast", sagte Ginny in einem möchtegern wütenden Tonfall, aber ihr Lächeln verriet sie.

„Und was ist mit Blaise? Er hat dich zum Schweigen gebracht!", sagte Draco und blockte einen weiteren Schlag von ihr ab.

„Hey! Mich hat sie schon geschlagen!", sagte Blaise, der sein Gesicht mit seinen Händen bedeckte.

„Wo sind wir?", fragte Ginny und sah sich in dem großen Zimmer um, in dem sie sich befanden. Es ähnelte einem kleinen Wohnzimmer, denn hier befanden sich eine Couch und ein Zweisitzer sowie zwei kleine Lehnstühle. Außerdem gab es ein Kaffeetischchen und zwei Beistelltischchen. Sie blickte sich um und bemerkte noch eine Tür, die offenbar zu einem weiteren Zimmer führte.

„Dort ist mein privates Zimmer", sagte Pansy.

„Ich wusste nicht, dass ihr eigene Zimmer habt. Ich dachte, nur der Schulsprecher und die Schulsprecherin hatten eines", sagte Ginny und sah sich weiter um.

„Yeah, das stimmt, aber Hogwarts bietet manchen Schülern auch private Zimmer an. Du kannst dich setzen, weißt du", sagte Pansy und deutete auf die Couch.

Ginny setzte sich auf die Couch und sah weiterhin im Zimmer hin und her. Der Raum war nicht sehr eindrucksvoll, und doch war sie gleichzeitig erstaunt. „Warum hast du ein eigenes Zimmer bekommen?", fragte sie Pansy, nachdem sie sich zu ihr gesetzt hatte.

„Sie verrät es uns nicht, wir haben es schon versucht", erklärte Draco und setzte sich neben Ginnys anderer Seite hin.

„Was, kein Platz mehr für mich?", fragte Blaise und tat so, als wäre er verletzt.

„Du kannst neben mir sitzen", sagte Pansy und rückte ein Stück näher zu Ginny. Ginny rutschte ein Stück weiter, damit Pansy mehr Platz hatte, und Draco bewegte sich schließlich auch ein bisschen, aber nicht so viel wie die Mädchen.

„Also was tun wir hier?", fragte Ginny.

„Das. Das machen wir jedes Wochenende", sagte Blaise.

„Ja, sie haben kein eigenes Leben, also mischen sie sich in meines ein", sagte Pansy mit einem Grinsen.

„Das ist nicht wahr", sagte Blaise abwehrend. Pansy hob nur ihre Augenbraue hoch. „Naja, nicht ganz wahr. Denn du hast auch kein eigenes Leben", meinte Blaise. Pansy starrte ihn nur böse an.

„Okay … aber warum bin ich hier?", fragte Ginny.

„Hab ich dir doch schon gesagt. Wir haben dich entführt. Du kannst hier nicht vor Sonntag Nacht weg", sagte Blaise mit seinem üblichen Grinsen.

„Ich kann nicht das ganze Wochenende über hier bleiben! Ron wird durchdrehen", sagte Ginny und biss sich auf die Unterlippe.

„Wir werden uns später etwas überlegen, das du Ron sagen kannst. Aber du bleibst zumindest heute Nacht hier", sagte Pansy.

„Aber … ich habe nichts zum Umziehen", sagte Ginny, blickte an sich herab und sah, dass sie immer noch ihre Schuluniform trug.

„Das können wir leicht ändern. Komm mit mit mir", sagte Pansy, stand auf und führte Ginny in das andere Zimmer.

„Warum durften wir noch nie dein Zimmer sehen?", rief Blaise ihnen nach.

Pansy und Ginny ignorierten Blaise und betraten Pansys Schlafzimmer. Dies war eines der hübschesten Zimmer, das Ginny je gesehen hatte. Die Wände waren in einer blutroten Farbe gestrichen und der Teppich war rabenschwarz. In einer Ecke stand ein großer Tisch, ein riesiges Bett stand an einer der Wände und es gab einen Schrank, der groß genug aussah, als könnte sich darin ein weiteres Zimmer befinden. Als Ginny genauer hinsah, bemerkte sie, dass die Wände mit blassgoldenen Streifen eingerahmt waren.

„Gryffindor-Farben?", fragte Ginny mit einem Grinsen.

„Ja, aber erzähl es den beiden nicht. Das ist einer der Gründe, warum sie hier nicht herein dürfen. Das würden sie mir ewig vorwerfen. Das und dass es mein Schlafzimmer ist", sagte Pansy, während sie zu dem großen Schrank ging.

„Warum sind die Wände in Gryffindor-Farben gestrichen?", fragte Ginny.

„Ich mag einfach rot und gold", sagte Pansy mit einem Achselzucken. „Hier, du kannst das anziehen", sagte sie und reichte Ginny ein smaragdgrünes Tank Top und eine schwarze Shorts, die wirklich kurz geschnitten war. „Das Bad ist da drüben", fügte sie hinzu, als sie bemerkte, dass Ginny immer noch da stand.

„Okay, danke", sagte Ginny und ging hinüber zum Badezimmer. Sie ging hinein und bemerkte, dass die Wände hier im Slytherinstyle grün mit silbernen Rändern waren.

Sie zog sich rasch um, ging aber nicht sofort wieder hinaus. Sie betrachtete sich im Spiegel und war geschockt. Das Tank Top zeigte ein Stück ihres Bauches und hatte einen tiefen Ausschnitt, und die Shorts saß tief auf ihren Hüften und zeigte jede Menge nackter Haut ihrer Oberschenkel. Langsam verließ sie das Bad und sah zu Pansy, die dort mit einem breiten Grinsen stand.

„Du siehst umwerfend aus", sagte Pansy, als Ginny herauskam und die Tür schloss.

„Ich kann so nicht da hinaus gehen", sagte Ginny peinlich berührt. „Aber danke übrigens", fügte sie hinzu.

„Du kannst und du wirst dort hinausgehen. Diese beiden haben schon leichter bekleidete Mädchen gesehen als dich", sagte Pansy mit einem Grinsen.

„Wie geht das, noch leichter bekleidet als das?", fragte Ginny und war geschockt, dass es Mädchen gab, die mit noch weniger Stoff bekleidet herumlaufen würden.

„Ach komm schon", sagte Pansy, nahm Ginnys Uniform und warf sie auf das Bett. Sie zog Ginny hinaus in das Wohnzimmer und schloss rasch die Tür zu ihrem Schlafzimmer.

Sie betraten langsam das Wohnzimmer und Ginny bemerkte, dass Blaise und Draco sie mit leicht geöffneten Mündern anstarrten.

„Klappe zu, Jungs", sagte Pansy mit einem Grinsen und setzte sich zwischen Blaise und Draco. „Komm schon, Ginny", sagte sie und klopfte auf den Platz zwischen sich und Draco.

Ginny setzte sich erleichtert hin. Sie versuchte, sich selbst so gut es ging zu bedecken. Sie schlang ihre Arme um ihren Bauch, um die nackte Haut dort zu bedecken, und legte ihre Beine übereinander, aber es war vergeblich. Sie fühlte sich angespannt und nicht wohl in dieser Kleidung.

„Hat jemand Hunger?", fragte Blaise, um die Stille zu durchbrechen.

„Ja, ich eigentlich schon. Bietest du dich etwa an, in die Küche zu gehen?", sagte Pansy und schenkte ihm einen treuherzigen Blick.

„Ja, sieht wohl so aus", seufzte Blaise. Er konnte diesem Blick nicht widerstehen. „Willst du mit mir mitkommen, Ginny?", fragte er mit einem verspielten Grinser. Ginny schenkte Blaise einen Todesblick, bei dem er tatsächlich zusammenzuckte.

„Sie bleibt bei mir", sagte Pansy. „Draco wird dich begleiten."

„Warum muss ich ihn begleiten?", fragte Draco.

„Weil wir Mädels wollen, dass ihr Jungs für ein paar Minuten verschwindet", sagte Pansy mit einem sauren Blick.

„Schön. Gehen wir", sagte Draco zu Blaise.

Sobald sich die Tür hinter Draco und Blaise geschlossen hatte, wandte sich Pansy mit einem breiten Lächeln zu Ginny.

„Was?", fragte Ginny komplett verwirrt.

„Ich werde dir erzählen, warum ich ein eigenes Zimmer habe", sagte Pansy mit einem Lächeln.

„Okay …", sagte Ginny und war noch immer verwirrt.

„Ich habe dieses Zimmer, weil es mich verrückt machen würde, mit den anderen Slytherins in einem Schlafsaal zu sein", sagte Pansy.

„Warum?"

„Wegen meiner … Fähigkeit", erklärte Pansy.

„Ich verstehe noch immer nicht. Welche Fähigkeit? Und warum hast du Blaise und Draco nichts erzählt?"

„Ich kann die Gefühle anderer Leute spüren. Du verstehst also, dass es mich wahnsinnig machen würde, bei all den anderen Slytherins zu schlafen. In der großen Halle und im Unterricht ist es schlimm genug", sagte Pansy mit einem Grinsen. „Und ich hab den beiden nichts erzählt, weil wenn, dann würden zwei Dinge passieren. Sie würden immer fragen, wie ihre Freundinnen sich gerade fühlen, und sie würden sich selbst emotional abschotten. Und das kann gar nichts", fügte Pansy mit einem Grinsen hinzu.

„Das ist Wahnsinn! Ich wusste nicht, dass man die Gefühle anderer Leute spüren kann", sagte Ginny mit einem Lächeln.

„Das ist cool und nützlich, aber manchmal auch nervig. Und man kann sich selbst beibringen, sich zu öffnen und die Gefühle anderer wahrzunehmen", erklärte Pansy.

„Wie funktioniert das?", fragte Ginny komplett begeistert. „Warte eine Minute … hast du so herausgefunden, dass mit mir etwas nicht stimmt?"

„Irgendwie ja, aber Blaise konnte es auch sehen und Draco auch, nachdem er ein wenig aufmerksamer war", erklärte Pansy mit einem traurigen Lächeln.

„Oh … wie kann ich mir also beibringen, die Gefühle anderer zu spüren?", fragte Ginny.

„Ich kann's dir beibringen. Es ist leichter, wenn du ein Naturtalent wie mich hast, die es dir beibringt", sagte Pansy mit einem Lächeln.

„Okay. Wann können wir beginnen?"

„Nach den Weihnachtsferien. Ich brauche eine Menge Zeit, um mich vorzubereiten", erklärte Pansy.

„Und du kannst alle Gefühle spüren?"

„Alle. Freude, Traurigkeit, Deprimiertheit, Wut, Zufriedenheit … Liebe", sagte Pansy mit einem Lächeln zu Ginny.

„Liebe? Wirklich?", fragte Ginny.

„Japp. Manchmal kann ich sie vor ihnen spüren, weil das so ein starkes und verwirrendes Gefühl ist. Die Leute sind sich normal nicht ganz bewusst, dass sie sich verliebt haben. Ich kann dir sagen, dass weder Draco, noch Blaise wirklich verliebt waren. Und du auch nicht, obwohl du gerade nah dran bist", sagte Pansy.

Ginny wollte gerade fragen, was sie damit meinte, aber Draco und Blaise kamen gerade mit einem schwebenden Tablett voll verschiedenster Speisen herein. Sie saß da und dachte darüber nach, was Pansy gesagt hatte, von wegen Ginny wäre gerade nah dran, sich zu verlieben. Ginny hatte keine Ahnung, in wen sie sich verlieben könnte. Ihr ganzes Leben lang war sie so besorgt wegen allem, das zuhause passierte, als dass sie je über Liebe hätte nachdenken können. Klar, sie hatte sich mit Dean und Michael verabredet, aber sie wusste, dass dies nicht mal annähernd Liebe gewesen war. Nachdem Ron das herausgefunden hatte, hatte es die schlimmste Prügel ihres Lebens bekommen. Sie zitterte bei der Erinnerung daran und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Slytherins und dem Essen vor ihr zu.