Broken
Kapitel 9
Keines Glückes wert
Pansy und Blaise starrten Draco geschockt an. Ginny würde doch auf keinen Fall weggelaufen sein. Sie hatte doch anscheinend eine tolle Zeit hier, was könnte schief gegangen sein?
„Was meinst du damit, sie ist weg?", fragte Pansy und setzte sich neben Draco.
„Ich meine, dass wir spazieren gegangen sind und uns unterhalten haben und dann sagte sie nur, dass sie uns nicht mit in dieses Chaos hineinziehen hätte dürfen, und dass sie es jetzt beenden würde. Oder so irgendwie", sagte Draco, ohne aufzublicken. Er kam sich vor, als wäre alles seine Schuld. Er hätte sie nicht so drängen dürfen.
„Worüber habt ihr euch unterhalten?", fragte Blaise in einem ein wenig vorwurfsvollen Tonfall.
„Wir sprachen über Ron und Harry", sagte Draco nur. Er konnte ihnen nicht sagen, dass Ginny Harry versprochen war. Es war nicht an ihm, dies zu erzählen. Er dachte, er hätte nicht einmal das Recht dies überhaupt zu wissen.
„Gib ihr bis Montag Zeit, bis dahin wird sie sich beruhigt haben", sagte Pansy. Sie konnte spüren, dass ein Streit bevor stand, und wollte nicht zulassen, dass Blaise seinen besten Freund schlug oder etwas tat, worüber er keine Kontrolle hatte.
„Ja, ich schätze, du hast Recht", sagte Blaise mit einem Seufzen.
„Es gibt nichts, was wir sonst tun könnten", sagte Pansy.
In der Zwischenzeit ging Ginny hoch in den Gryffindor-Turm und musste die ganze Zeit ihre Tränen zurückbeißen. Sie wünschte, sie wäre nicht einfach so vor ihnen weggelaufen. Nach allem, das sie für sie getan und aufgegeben hatten, war sie einfach gegangen. Aber sie wusste, wenn sie zurückgegangen wäre und versucht hätte, alles zu erklären, hätten sie sie dazu gebracht zu bleiben, und sie hätte ihnen nachgegeben.
Sie wusste, dass sie das Richtige tat. Dennoch fühlte es sich etwas falsch an. Sie wusste ohne jeden Zweifel, dass Ron sie entweder so lang geschlagen hätte, bis sie beinah gestorben wäre, oder dass er ihnen nachgesetzt hätte. Ihr Dad hätte wahrscheinlich alle Eltern informiert und sie wären nun in der Tinte, weil sie versucht hatten, jemandem zu helfen. Diese Bürde konnte sie nicht tragen. Sie war schon fast beim Turm angekommen, als sie es sich anders überlegte und den Gang wieder zurück ging. Sie ging ins Lernzimmer und schnappte sich Tinte, eine Feder und ein Blatt Pergament. Sie musste mit jemandem sprechen und ihr fielen nur zwei Menschen ein, die verstanden, was sie durchmachen musste.
Langsam ging sie in die Eulerei, setzte sich hin und schrieb einen Brief. Sie liebte die kalte Luft an ihrem Gesicht und das Gefühl, als wäre sie allein auf dieser Welt. In Augenblicken wie diesen wünschte sie sich, die Zeit würde einfach stehen bleiben. Aber die Zeit verging jedes Mal nur noch schneller, wenn sie sich auch nur annähernd glücklich fühlte, und sie verlangsamte sich, wenn sie deprimiert war oder kurz davor stand, wieder geschlagen zu werden. Anscheinend war nichts und niemand mehr auf ihrer Seite. Nicht die Zeit, nicht ihre Freunde, nicht ihre Familie, nicht einmal sie selbst. Sie hatte sich immer selbst versprochen, dass sich alles ändern würde. Dass sie nicht länger unglücklich und gebrochen wäre. Sie würde leben, lachen und frei sein. Aber jedes Mal, wenn sie diesen Gefühlen näher kam, sorgte etwas in ihrem Inneren dafür, dass sie auf Abstand ging. Sie fühlte sich, als sollte sie nicht glücklich sein. Dass sie kein Glück verdiente. Sie wusste, dass dies falsch war und dass sie so etwas nicht fühlen dürfte, aber nachdem sie das schon ihr ganzes Leben lang zu hören bekommen hatte, hatte sie dies bereits verinnerlicht.
Sie setzte sich in der Eulerei hin und begann, ihren Brief zu schreiben. Sie erwartete keine Antwort, denn sie wusste, dass sie zwar mit ihr mitfühlen, aber nicht wissen würden, was sie tun sollten. Es machte ihr ein wenig Angst, dass Fred und George nicht wissen würden, was sie tun sollten, da sie immer irgendeinen brillanten Plan auf Lager hatten. Aber diesmal würde ihnen nichts einfallen. Sie würden es zwar versuchen und sich schlecht fühlen, da sie nicht helfen konnten, aber sie würde dennoch keine Antwort bekommen. Sie seufzte und blickte auf die Ländereien hinab. Im Tageslicht sah alles so friedlich aus. Sie erinnerte sich daran, als sie noch in ihren jüngeren Hogwartsjahren war, blickte sie immer hinaus und stellte sich ein besseres Leben vor. Sie betete, hoffte, wünschte und träumte, dass es wahr werden würde, aber das wurde es nie. Sie würde immer so wie jetzt sein. Allein, deprimiert und gebrochen. Niemand würde sie retten, sie lieben, sich um sie kümmern, für sie da sein, wenn sie jemanden brauchte. Diesen Menschen würde sie nie finden. Aber was, wenn du das schon getan hast und ihn nur von dir weggestoßen hast? Ihre Gedanken rasten, aber sie schob sie beiseite. Jetzt war nicht die richtige Zeit für Zweifel oder Träume. Nun war es an der Zeit, alles zu akzeptieren.
Liebe Brüder,
wie geht es euch? Ich hoffe, im Laden läuft alles gut. Ich vermisse euch beide so sehr, aber ich weiß, warum ihr nicht vorbeikommen könnt, und das akzeptiere ich. Ich schreibe euch, weil ich ein Problem habe. Ich frage euch nicht nach brillanten Antworten oder einem tollen Ausweg, ich muss nur etwas loswerden. Es tut mir Leid, dass es euch beide trifft, aber ich wusste nicht, wem ich sonst schreiben sollte. In letzter Zeit läuft alles schlecht. Ich bin ein Jahr aufgestuft worden, also werde ich im Juni mit der Schule fertig, aber Dad ist nicht froh darüber. Ron ist so wie immer, und Harry ist ein riesen Arsch, so wie immer. Allerdings ist heuer etwas Seltsames passiert. Am ersten Unterrichtstag setzten sich drei Slytherins, Draco Malfoy, Pansy Parkinson und Blaise Zabini, in jedem Fach zu mir und passen seither auf mich auf. Sie wissen Bescheid über das, was vor sich geht. Ich weiß nicht, wie sie es herausgefunden haben, aber sie wissen alles. Obwohl sie Slytherins sind, sind sie wirklich ziemlich nett. Schon die ganze Woche über haben sie ein Auge auf mich geworfen, und ich weiß, dass alles noch viel schlimmer wäre, wenn sie das nicht getan hätten. Ich weiß, dies hört sich nach positiven Nachrichten an, aber das stimmt nicht, ich will sie da nicht mit hineinziehen. Es ist nicht deren Problem, um das sie sich kümmern müssen. Sie haben ihr eigenes Leben zu leben. Und das müssen sie nicht verschwenden, indem sie sich um mich kümmern, wenn es doch keine Chance gibt, dass meine Situation besser wird. Also habe ich sie von mir weggestoßen. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen. Ich will nur, dass sie mich vergessen, aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das das Richtige ist. Ich wünschte, ich könnte sein wie ihr beide. Die Schule und zu Hause zu verlassen, ein tolles Geschäft zu gründen und dem Ganzen zu entkommen. Aber ich weiß, dass ich das nicht kann. Ich werde immer so bleiben – gebrochen. Ich bin Harry versprochen, also auch wenn ich die Familie nie wieder sehen würde, würde er doch genauso schlimm oder noch schlimmer sein. Ich plappere hier nur rum, es tut mir so Leid. Macht euch nicht zu viele Sorgen.
Ich liebe euch beide.
Gin
Sie las sich den Brief noch fünf Mal durch, bevor sie beschloss, ihn abzusenden, obwohl sie genau wusste, dass ihre Brüder deswegen weinen würden. Sie wollte ihre Gefühle teilen, und sie wollte einfach nichts mehr spüren. Sie wollte sich von allen Gefühlen dieser Welt abschotten und nie mehr irgendwas fühlen. Sie würde zwar nicht glücklich sein, aber sie würde überleben. Und das war alles, was sie momentan wollte. Sie schickte den Brief ab und sah der Eule zu, wie sie in die Ferne flog. Der Himmel veränderte seine Farbe von blau zu blutrot. Die Zeit verging wieder schneller, der Himmel änderte so schnell seine Farbe. Sie blickte auf die Schüler in den Ländereien hinab und anscheinend flogen auch sie dahin. Langsam ging sie durch die Gänge. Dies waren die letzten Momente der relativen Ruhe für sie, bevor sie sich wieder dem realen Leben stellen musste. Und wieder geschah alles um sie herum so schnell, dass die vorbeilaufenden Schüler nur Farbschleier waren und sie anscheinend stand, während das Leben um sie herum so schnell weiterging.
Sie erklomm die Stufen zum Portrait und seufzte tief, bevor sie hinein ging. Diesmal machte sie sich nicht einmal die Mühe, eine neutrale Maske aufzulegen. Sie würde nicht mehr dagegen ankämpfen. Sie ging hindurch und sah Ron, Harry und Hermione, die auf der Couch saßen. Langsam ging sie hinüber zu ihnen und setzte sich hin.
„Wo bist du gewesen?", zischte Ron in einem giftigen Tonfall, den Ginny noch nie zuvor gehört hatte.
Ginny sah ihn mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck an. „Draußen", war alles, was sie sagte, bevor sie sich wieder dem Feuer zuwandte.
„Du kommst mit mir mit", zischte Ron und zog sie von der Couch hoch. Sie versuchte gar nicht erst, gegen ihn anzukämpfen, sie ließ einfach zu, dass er sie durch das Portraitloch und hinter eines der Gemälde am Korridor draußen zog. „Ich frage dich noch einmal, wo bist du gewesen?", zischte Ron.
„Ich hab dir doch gesagt, ich war draußen. Ich sage dir nicht wo, nur draußen. Also fang verdammt noch mal schon an, mich zu schlagen, und bringen wir es hinter uns." Ginny wollte das nicht sagen. Etwas in ihrem Inneren brach.
KLATSCH
Ginny spürte, wie Rons Handfläche auf ihre Wange traf. Sie konnte den roten Abdruck fühlen, der zurückbleiben würde. Sie sah ihm in die Augen. Sie sah Wut, Hass, Schock und ein wenig Spaß, aber kein schlechtes Gewissen. Er hob seine Hand, um sie wieder zu schlagen, aber hielt an, bevor er sie traf.
„Warum benimmst du dich so?", fragte er.
„Was? Findest du es schwer, jemanden ohne Emotionen zu schlagen? Jemand, der von dem ganzen Scheiß genug hat, um sich noch Gedanken darüber zu machen? Mach schon, Ron, schlag mich, ich werde nicht mehr versuchen, die Spuren zu überdecken. Es ist mir egal. Ich hab es früher gemacht und sieh, wo ich gelandet bin. Sieh, was ihr alle aus mir gemacht habt. Schlag mich einfach, damit ich zu Bett gehen kann", fauchte Ginny. Sie wusste nicht, warum, aber als er mit ihr sprach, zerbrach sie. Normalerweise konnte sie ihre Gefühle in Zaum halten, aber sie wollte nur noch zeigen, dass es ihr egal war. Sie zwang sich selbst dazu, gefühlskalt zu sein.
Ron schlug sie nicht wieder. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, aber es kamen keine Worte heraus. Er schaute sie nur böse an und ging davon. Ginny setzte sich auf den Boden und dachte wieder nach. Sie vermasselte wieder alles. Sie wusste jetzt, dass sie nie zufrieden oder glücklich sein konnte. Gefühlskalt zu sein, hätte sie zufrieden gemacht. Bei Pansy, Draco und Blaise hätte sie glücklich gemacht. Aber Ginny erlaubte sich nicht, zu ihnen zu gehen. Sie fauchte ihren Bruder an, sie zeigte ihm, dass es ihr egal war, aber sie zeigte zu viel von ihrem Inneren. Sie war von dem Slytherin-Trio davongerannt, sie war einfach gegangen. Wahrscheinlich sorgten sie sich halb zu Tode. Der Gedanke an die drei, wie sie in Pansys Zimmer saßen und sich fragten, was passierte, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sie musste weinen, denn dies wäre die perfekte Erleichterung, aber aus irgendeinem Grund konnte sie nicht. Sie ließ nicht zu, dass sie weinte. Sie stand auf und ging zurück in den Turm. An einem anderen Tag hätte sie sich zu dem goldenen Trio gesetzt, bis Ron ihr erlaubte zu gehen, aber heute war es ihr egal. Sie ging direkt hoch in ihr Schlafzimmer und ließ sich in ihr Bett fallen.
