Broken

Kapitel 10

Betäubt


Ginny wachte am Montag um halb fünf Uhr früh auf. Sie hatte den ganzen Sonntag in ihrem Schlafzimmer verbracht und jetzt war sie halb verhungert. Ohne zu versuchen, wieder einzuschlafen, machte sie sich auf den Weg von dem Schlafzimmer hinunter in den Gemeinschaftsraum. Sie ging durch die Korridore und spürte wieder diese angenehme Taubheit. Sie konnte ihre Gefühle schon ziemlich gut abschotten. Es hatte Zeiten gegeben, da saß sie in ihrem Schlafzimmer und dachte über alles nach und wollte am liebsten weinen oder schreien, aber jetzt konnte sie dem widerstehen. Nur wenn sie schlief, hatte sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Sie weinte, lachte, sprach und schrie im Schlaf. Zum Glück hatte sie einen Schweigezauber über ihrem Bett, damit sie die anderen Mädchen im Schlafsaal nicht störte.

Sie ging hinunter zu den Küchen und kam dabei an dem Gang vorbei, der zu Pansys privatem Zimmer führte. Sie verspürte das Verlangen, den Korridor entlang zu gehen und sich zu entschuldigen, aber sie zögerte und ging weiter. Sie konnte jetzt nicht mit ihnen reden, oder eigentlich gar nie. Außerhalb des Unterrichts würde sie wie all die anderen Gryffindors sein müssen und die Slytherins ignorieren. Das war das Beste, das sie tun konnte. Sie würde allerdings nicht lang um sie herum schauspielern müssen, denn die Schule war ja bald vorbei und dann würde sie sie nie wieder sehen. Der Gedanke daran, das Slytherin-Trio nie wieder zu sehen, stimmte sie plötzlich traurig, wobei sie versucht hatte, die Traurigkeit niederzukämpfen. Sie konnte nichts mehr fühlen. Das brachte sie nur in Schwierigkeiten. Sie würde einfach so wie jetzt weiter durchs Leben gehen. Sie würde fröhlich, traurig oder wütend aussehen, wenn es gerade passte, aber sonst würde sie komplett neutral sein.

Sie betrat die Küche und bestellte ihr Essen. Sie sah sich um und sah, dass die Plätze leer waren. Langsam ging sie hinüber. Sie wollte dem Rest der Welt noch nicht begegnen, sie brauchte noch ein bisschen Zeit, um sich einzufügen. Zwanzig Minuten später erschien das Essen am Tisch vor ihr. Sie aß langsam und sah sich in der geschäftigen Küche um. Vielleicht, wenn sie wirklich viel zu tun hatte, würde sie keine Zeit für Gefühle haben. Sie wusste, dass sie wegen der Schule viel zu tun hatte, aber das wäre noch nicht genug. Sie musste etwas Zusätzliches finden. Sie konnte nicht versuchen, ins Quidditch-Team zu kommen, Harry und Ron würden das sowieso nicht zulassen, und auch wenn sie ins Team kommen würde, würden sie das zu ihrem Vorteil nutzen. Nein, sie brauchte etwas, womit sie wirklich viel Zeit verbringen konnte ... aber was? Sie dachte darüber nach, zu lernen, wie man die Gefühle anderer Leute spüren konnte, so wie Pansy das machte, aber sie erinnerte sich daran, dass Pansy gesagt hatte, dazu müsse man sich den Menschen gegenüber öffnen. Ginny wollte sich aber vor ihnen verschließen.

Die Küchentüre öffnete sich und Ginny blickte hoch. Draco Malfoy stand in der Türe und bestellte Essen. Scheiße!, dachte Ginny. Sie hatte keine Möglichkeit, hier abzuhauen, ohne dass er sie sah. Hoffentlich bestellte Draco nur das Essen und ging wieder, ohne sich zu setzen und hier zu essen. Sie sah, dass er herumsah und begann, zu den Sitzplätzen zu gehen. Er sah Ginny noch nicht, aber sie wusste, dass es unmöglich war, dass er sie nicht entdecken würde. Er war noch einen Meter entfernt, als er sie erblickte. Sie sah, wie seine Augen sich vor Überraschung weiteten und am liebsten wäre sie unter diesem intensiven Blick im Boden versunken.

„Ginny! Wo warst du? Wir haben uns zu Tode gesorgt", sagte Draco, als er sich ihr gegenüber setzte.

Ginny antwortete nicht sofort. Plötzlich bekam sie dieses wundervolle Gefühl im Bauch, von dem sie wusste, dass sie es nur bekam, wenn Draco, Pansy oder Blaise da waren. Sie hatte sie alle so sehr vermisst, dass sie erst einmal dieses Gefühl genießen wollte, jetzt, wo Draco bei ihr saß. Es fühlte sich an, als wäre alles in ihrem Leben wieder in Ordnung. Das hatte sie noch nie zuvor gefühlt, nicht einmal Pansy oder Blaise vermittelten ihr das Gefühl, als wäre alles okay. Aber Draco schon, und dies wollte sie nicht wieder loslassen. Plötzlich merkte sie, was hier gerade passierte, und sie verschloss ihre Emotionen rasch wieder. Sie durfte nicht fühlen, es wäre zu schmerzhaft.

„Ich habe dir gesagt, warum ich gegangen bin. Und du wusstest, wo ich war. Ich kann sonst nirgendwo hin", sagte Ginny in einem gefühllosen Tonfall, der sogar Draco beunruhigte.

Er konnte sehen, dass sie versuchte, all ihre Gefühle abzuschotten. Er hatte es früher auch gemacht, er konnte sich noch gut an dieses Gefühl erinnern. Aber es war nicht richtig. Sie würde daran zerbrechen, und wenn sie zu lange so blieb, würde sie nie wieder im Stande sein zu fühlen. Sie würde Sachen machen, um die Fähigkeit zu fühlen zurückzuerlangen, aber das konnte auch in ihrem Tod resultieren. Draco würde das nicht zulassen. Man konnte mit Gefühlen manchmal nicht leicht umgehen, aber das musste man, sonst würde man nur noch mehr darunter leiden.

„Ginny, wir wollen dir helfen und dich in Sicherheit bewahren. Es gefällt uns gar nicht, zu wissen, dass wenn du nicht in unserer Nähe bist, du in körperlicher Gefahr bist", sagte Draco in einem sanften Tonfall, der klang, als würde er nicht zu ihm passen. Er sah, dass Ginny ihn mit großen Augen ansah, bevor sie ihren Gesichtsausdruck wieder auf neutral stellte.

„Es geht mir gut, ehrlich. Ron schlägt mich nicht mehr. Er schlug mich am Samstag, aber nur ein Mal. Und gestern hat er mich nicht einmal angefasst. Es geht mir ehrlich gut, mach dir um mich keine Sorgen. Ihr habt alle euer eigenes Leben", sagte sie, stand auf, ging zur Türe und öffnete sie.

„Ich weiß, was du vorhast. Es wird nicht funktionieren und es ist nicht sicher", rief Draco. Ginny blieb wie erstarrt stehen. Er sah, dass sie leicht zitterte, aber sie drehte sich nicht um. Sie ging einfach ohne ein weiteres Wort hinaus.

Dracos Essen erschien daraufhin. Er war nicht länger hungrig. Er stand auf und ging hinaus auf den Gang, um zu Ginny aufzuschließen. Er lief durch den Gang, aber sah sie nicht mehr. Er seufzte und machte sich auf den Weg zurück zu Pansys Zimmer.


Ginny lief zurück zum Turm und nahm ein langes, heißes Bad. Sie weigerte sich, etwas zu spüren oder überhaupt zu denken. Sie wusste, dass sie Draco, Pansy und Blaise vermisste, aber sie hätte nicht gedacht, dass es sie so mitnehmen würde, einen von ihnen zu sehen. Sie war nur froh, dass es passiert war, als sie alleine waren, anstelle des Unterrichts, wenn sie alle zusammen waren. Sie weigerte sich, daran zu denken, was Draco gesagt hatte, als sie aus der Küche ging. Sie wusste, wovon er sprach, und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er Recht hatte. Zwei Stunden später war das Wasser schon eiskalt geworden. Sie kletterte aus der Wanne und machte sich fertig für den Unterricht.

Sie beschloss, das Frühstück ausfallen zu lassen. Sie konnte nicht bei den anderen Schülern sein. Sie wollte nicht die Gesichter der Gryffindors sehen, die sich fragten, wo sie war, und worüber sie und Ron gesprochen hatten. Sie ging zum Klassenzimmer für Zauberkunst und setzte sich auf ihren Platz. Sie wollte nur so lange wie möglich allein sein. Sie sah, dass Pansy, Blaise und Draco herein kamen. Sie sahen sie alle besorgt an, aber sagten nichts. Sie konnte sehen, dass sie warten würden, dass Ginny zu ihnen kam, wenn sie so weit war.

Zauberkunst ging vorüber, genauso wie Verwandlung und die Doppelstunde Zaubertränke. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, worum es in den Stunden ging. Sie wusste nicht, ob sie irgendetwas von den Aufgaben richtig hatte, sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass sie sich Notizen gemacht hatte, obwohl sie in ihr Buch gekritzelt waren. Zum Abendessen ging sie in die große Halle, aber plötzlich spürte sie, wie zwei Hände nach ihr griffen und sie in einen leeren Korridor zogen. Zuerst dachte sie, es wären Blaise und Draco, aber sie erkannte den Griff dieser rauen Hände wieder. Sie gehörten Ron und Harry.

„Du hattest kein Recht, so mit mir zu sprechen", fauchte Ron und schlug sie mit dem Handrücken.

„Was ist in dich gefahren, Ginny? Zuerst fängst du an, mit den Slytherins herumzuhängen, und jetzt gibst du Widerworte? Wer zum Teufel glaubst du, das du bist?", fragte Harry und verpasste ihr eine. „Und mit Malfoy! Parkinson und auch Zabini wären das Eine, aber du und das Frettchen?", fügte er hinzu und schlug ihr in den Bauch. Ginnys Knie gaben nach und sie fiel zu Boden. Harry beugte sich zu ihr nach unten und flüsterte ihr ins Ohr.

„Ich wette, du fickst mit ihm, du dumme Hure. Du bist mir versprochen, ich will dich nicht, wenn du unrein bist. Er würde dich nicht nehmen. Ich aber schon", sagte er und trat ihr in die Rippen. Ron blickte nur angeekelt auf sie hinunter. Er schüttelte den Kopf und ging mit Harry davon.

Ginny war über eine Stunde lang nicht fähig aufzustehen. Harrys Worte hallten in ihrem Kopf wider. Sie wusste, was er meinte, als er gesagt hatte, er würde sie „nehmen". Und sie wusste, dass er es auch wirklich tun würde. Langsam stand sie auf. Ihre Knie wackelten und sie musste sich an der Wand festhalten, um nicht hinzufallen. Sie blickte sich um und sah, dass sie nicht allzu weit vom Gryffindor Turm entfernt war. Wenn sie es bis dorthin schaffen konnte, würde sie sich waschen können. Sie begann zu gehen, aber brach fast wieder zusammen. Also beschloss sie, sich einfach hinzusetzen und zu warten, bis sie wieder laufen konnte. Sie saß etwa eine halbe Stunde lang da, als sie spürte, dass jemand seinen Arm unter ihren hakte und sie hochhob. Sie wusste nicht, wer das war, war aber zu müde, um dagegen anzukämpfen. Er legte einen von Ginnys Armen um seinen Hals und hob sie hoch. Als er losging, gewann ihre Neugier doch die Überhand und sie drehte vorsichtig den Kopf, um nachzusehen, wer ihr zur Hilfe gekommen war. Es war Draco Malfoy.

Er trug sie den ganzen Weg zum Turm und half ihr, durch das Portraitloch zu klettern, bevor er sich wieder umdrehte und ging. Er hatte kein einziges Wort zu ihr gesagt und Ginny wusste nicht, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes war, aber er hatte ihr geholfen. Sie machte sich langsam auf den Weg in ihr Schlafzimmer, und mied die neugierigen und besorgten Blicke ihrer Mitschüler. Sie ging in ihr Schlafzimmer und schloss die Vorhänge um ihr Bett herum. Sie legte sich hin und drehte sich vorsichtig um, als sie den Brief sah. Sie setzte sich zu schnell wieder auf. Die Schmerzen in ihren Rippen machten sie schwindelig und sie musste sich fast übergeben. Sobald es ihr wieder besser ging, nahm sie den Brief und öffnete ihn.

Liebe Ginny-Maus!

Als dein Brief ankam, hatten wir gehofft, alles würde besser werden oder zumindest gleich bleiben, aber es hört sich an, als wäre es schlimmer geworden. Wir wissen, dass wir nicht sehr oft da sein konnten, aber vielleicht sollten wir dich einmal in der Schule besuchen kommen. Das nächste Mal, wenn ein Hogsmeade-Wochenende ansteht, treffen wir uns im Hogs-Head um 11 Uhr. Wir müssen uns dringend unterhalten. Im Laden läuft übrigens alles großartig und es geht uns gut. Ich wünschte, es gäbe etwas, das wir für dich tun könnten, aber wir haben schon versucht, sie zum Aufhören zu bewegen. Sie werden nie aufhören, bis du einmal wegläufst.

Was du gesagt hast über die Slytherins... Wir trauen zwar Draco und Pansy nicht, und wir wissen nichts über Blaise, aber wir wissen sehr wohl, dass die Menschen nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Potter ist ein Vorzeigebeispiel, das dumme Schwein. Wir werden nicht zulassen, dass du ihn heiratest. Versprochen hin oder her, wir werden dich nach der Schule verstecken, wenn du nicht davonläufst. Wir beide haben uns darüber unterhalten und wir glauben, dass du den Slytherins eine Chance geben solltest. Anscheinend wollen sie dir wirklich helfen. Wir verstehen, warum du sie von dir stößt, aber es ist ihre Entscheidung, wenn sie sich in dieses Chaos einmischen wollen.

Es tut uns so Leid, dass wir dir nicht mehr helfen können, aber wir können dir eines sagen: Egal, wie schwer es wird, aber verschließe dich nicht vor der Welt. Wir haben das auch einmal gemacht und es hat sich als ziemlich dumm herausgestellt. Menschen brauchen Gefühle. Es tut weh, aber es ist notwendig. Bitte tu nichts, wodurch du noch mehr verletzt wirst. Du kannst uns jederzeit schreiben.

Wir haben dich immer lieb.

Gred und Forge

Ginny las den Brief und wusste, dass sie Recht hatten. Sie sollte nicht versuchen, sich abzuschotten. Sie wusste von Anfang an, dass es falsch war, das zu versuchen. Aber es war um so vieles leichter, als mit all diesen Schmerzen zurecht zu kommen. Sie versuchte, fröhlich zu sein, zu lachen, und an die Zwillinge zu denken, wie sie abwechselnd jeder eine Zeile des Briefes schrieben, genauso wie wenn sie sprachen. Sie versuchte, an die Zeit zu denken, die sie mit den Slytherins verbracht hatte, und musste lächeln. Sie versuchte sogar, an die Schläge zu denken, die sie in der letzten Zeit bekommen hatte, aber nicht einmal das machte sie wütend oder traurig. Sie fühlte gar nichts. Sie war dumpf und leer. Sie stand auf und sah in den Spiegel. Sie hatte bekommen, wonach sie gebeten hatte. Sie war gefühllos. Aber immer noch gebrochen.

Es gab nur eines, das ihr helfen würde, wieder etwas zu spüren. Das war, wenn alles wieder besser wäre. Sie blickte hinaus aus dem Fenster und sah, dass es stockdunkel war. Kein Schüler würde draußen sein. Sie wäre frei, es in Ruhe und Frieden zu tun. Langsam verließ sie das Zimmer und kletterte durch das Portraitloch. Sie ignorierte weiterhin die Blicke, die sie erntete. Sie ging durch die Gänge und fühlte sich leerer denn je zuvor. Als sie die Tür öffnete, die nach draußen führte, schlug ihr die kalte Luft ins Gesicht und sie atmete tief ein. Sie fühlte sich nicht einmal mehr frei. Früher hatte sie sich immer frei gefühlt, bis sie wieder zurück ins Schloss musste. Aber nun spürte sie gar nichts. Sie seufzte und machte sich auf den Weg zum See. Dies war der einzige Weg, um alles besser zu machen.