Broken
Kapitel 11
Fast verloren
Nachdem Draco Ginny durch das Portraitloch geholfen hatte, stand er am Gang und dachte über sie nach. Sie hatte so zerbrochen ausgesehen, als er sie gefunden hatte und sie nicht einmal ordentlich stehen konnte. Er wünschte, er wäre schon früher gekommen, dann wäre sie vielleicht gar nicht verletzt worden. Oder dass er mitten in dem Schlamassel gekommen wäre, dann hätte er Potter und das Wiesel aufhalten können. Aber er war zu spät gekommen. Er hätte wissen müssen, dass etwas nicht stimmte, als sie nicht zum Abendessen erschienen war. Er hätte schon früher nach ihr suchen sollen. Zumindest hast du sie heil zurückgebracht, sagte er sich in Gedanken, aber auch das war nicht wahr. Sie war niemals in Sicherheit, wenn Ron oder Harry da waren.
Obwohl Ginny nicht gesagt hatte, dass Harry es genauso sehr tat wie Ron, wusste er, dass Potter in der ganzen Sache involviert war. Er sah zu selbstgefällig aus, wenn er in die große Halle kam. Langsam begann Draco, sich von dem Portrait zu entfernen. Er musste irgendwo hin, um nachzudenken. Der einzige Ort im Schloss, an dem er Frieden finden würde, war der Astronomieturm. Dort oben konnte er über die Ländereien blicken und sich etwas ausdenken, wie er Ginny helfen konnte. Langsam ging er den Turm hinauf, und er musste die ganze Zeit über an das Bild von Ginny denken, wie sie am Boden gelegen war und versucht hatte aufzustehen. Das brachte sein Blut zum Kochen. Er wäre liebend gern zurück zum Gryffindor-Turm gegangen, um mit Harry und Ron zu kämpfen, aber er wusste, das konnte er nicht tun.
Als er den Turm betrat, blickte er aus dem Fenster. Der Mond warf seinen blassen, silbrigen Schein über die Ländereien. So sah alles aus wie eine Traumwelt. Draco wünschte sich fast, dass die vergangene Woche nur ein Traum gewesen wäre, dass er wieder am ersten September aufwachen und eine wirklich glückliche Ginny im Zug sehen würde. Er wünschte, dass sie das, was mit ihr passierte, nicht durchmachen musste, und er wünschte auch, dass sie ihn nicht abgewiesen hätte. Er konnte ihr aber nichts vorwerfen. Bis sein Vater nach Askaban gebracht wurde, hatte Draco auch täglich Schläge kassiert und er wusste, dass er jeden von sich gewiesen hätte, der ihm zu nahe gekommen wäre. Darum hatte es ihn auch überrascht, dass Ginny dann Pansy, Blaise und ihn selbst so schnell akzeptiert hatte. Der einzige Grund, warum er sie nie abwies, war, dass er sie schon sein ganzes Leben lang gekannt hatte. Aber er hatte ihnen auch nie erzählt, was er wirklich durchgemacht hatte.
Draco setzte sich auf das Fensterbrett und blickte hinaus auf die Ländereien. Von hier aus konnte er alles sehen: den Wald, das Quidditchfeld, Hagrids Hütte und den See. Egal, wohin er blickte und worauf er sich konzentrieren wollte, seine Gedanken kreisten immer wieder um Ginny. Er konnte sie in seinen Gedanken sehen, als würde sie gerade direkt vor ihm stehen. Er sah sie wieder vor sich, wie sie gebrochen und verletzt am Boden lag. Und dann konnte er sie sehen, als sie in der Küche gesessen hatte, verschlossen und emotionslos. Er konnte sie auch sehen, als sie an diesem einen Tag spazieren gegangen waren, der Tag, der alles verändert hatte. Sie hatte nicht wütend ausgesehen, aber sie war definitiv auch nicht glücklich gewesen. Sie hatte entschlossen ausgesehen, aber Draco konnte nicht sagen warum. Weshalb könnte sie so entschlossen gewesen sein, und warum hatte sie ihn und die anderen von sich gestoßen? Gehörte es zu ihrem Entschluss, ihn und die anderen abzuweisen?
Ihre Worte hallten in seinem Kopf wider. Er hörte sie, wenn es im Gemeinschaftsraum still war oder wenn er versuchte zu schlafen. „Ich bin Harry versprochen, ich muss ihn heiraten." Draco begann jedes Mal, vor Wut zu zittern, wenn er an Potter und Ginny zusammen dachte. Er wollte Harry umbringen, jetzt noch lieber als sonst immer. Er wollte ihm genauso weh tun, wie er Ginny weh getan hatte und wie er es noch tun würde, wenn sie in der Zukunft zusammen wären. Er wollte ihn auf ein Nichts reduzieren, ihn brechen. Er wollte Ginny vor sich sitzen sehen, wie sie lächelt, lacht und endlich glücklich ist. Er wollte sie glücklich machen.
„Was soll ich nur tun?", fragte Draco sich selbst und schlug mit dem Kopf gegen das Fenster.
Er musste sich nicht nur etwas ausdenken, wie er Potter und das Wiesel dazu bringen konnte, Ginny in Ruhe zu lassen, nein, er musste auch noch einen Weg finden, damit Ginny aufhörte, sich emotional zu verschließen. Mehr als einmal hatte er daran gedacht, Pansy und Blaise davon zu erzählen, aber er wusste, dass sie sie bedrängen und alles noch schlimmer werden würde. Sie musste sich nach und nach erst wieder an Gefühle gewöhnen. Sie alle sofort wieder zu spüren, würde weh tun und könnte sie dazu bringen, sich erst wieder zu verschließen. Er wusste, dass sie damit nicht so schnell konfrontiert werden durfte wie er damals. Er wollte, dass sie etwas spürte, aber nicht so viel, dass sie es nicht mehr aushält und alldem für immer ein Ende bereiten will.
Er sah wieder hinab auf die Ländereien. Hier heroben konnte er sogar das Heulen der Wölfe im Wald hören. Er konnte sogar die Tentakel der Riesenkrake im See ausmachen. Dann ergatterte etwas Anderes seine Aufmerksamkeit. Ein Schüler lief über die Ländereien. Zuerst dachte er, es wäre nur ein dummer Erstklässler, der versuchte, heimlich den Wald zu erkunden. Dann fiel das Mondlicht auf den Schüler und Draco sah das feuerrote Haar. Das musste Ginny sein. Er sah genauer hin und erkannte, dass sie es wirklich war. Er konnte ihr Gesicht zwar nicht erkennen, aber er erkannte alles andere an ihr wieder. Er sah zu, wie sie über die Wiesen ging. Sie blieb einen Moment lang stehen und sah zum Mond hoch. Dies brachte ihn dazu, ebenfalls nach oben zu blicken. Als er wieder zu ihr sah, merkte er, dass Ginny zum See gegangen war. Der Wind zerzauste ihr Haar, ihre Robe wurde um sie herum geweht. Dann fiel Draco vor Schock beinah vom Fensterbrett hinunter. Ginny war in den See gesprungen!
Ginny verließ das Schloss und ging auf die Ländereien hinaus. Sie trug keine Schuhe und konnte die Grashalme unter ihren Füßen spüren. Sie mochte dieses Gefühl, das war etwas, das sie nicht mehr gespürt hatte, seit sie ein kleines Kind gewesen war. Sie hörte die Wölfe im Wald und sah, wie die Riesenkrake alle paar Minuten ihre Tentakel aus dem Wasser streckte. Sie war von den einzigen Dingen umgeben, die ihr je das Gefühl von Frieden vermittelt hatten, und dennoch spürte sie nichts. Sie versuchte zu weinen, aber es kamen keine Tränen. Sie zwang sich zu einem Lächeln, aber das tat weh. Sie gab auf. Es gab nur eines, das funktionieren würde, und sie würde jetzt keinen Rückzieher machen.
Sie trat in den Mondschein hinaus und blickte in den Himmel hoch. Die Sterne waren so hell, und der Mond war voll. Einen Moment lang verlor sie sich in dieser Schönheit, aber nicht einmal das funktionierte wirklich. Mit einem Seufzen ging sie weiter zum See. Als sie am Rande des Ufers stand, gewann der Wind an Stärke und wirbelte ihr durch das Haar und ließ ihre Robe flattern. Sie holte tief Luft und sprang in den See.
Das kalte Wasser traf auf ihre Haut. Es fühlte sich an, als würden tausend Messer in sie stechen. Das Wasser war kälter, als sie erwartet hätte. Sie wollte nur wieder etwas spüren, etwas Wirkliches spüren. Das Wasser, das sie umgab, war wirklich und plötzlich brachen all ihre Gefühle gemeinsam mit dem Wasser über ihr zusammen. Sie fühlte sich glücklich, gebrochen, traurig, wütend, deprimiert, zufrieden, einsam, besorgt und verängstigt.
Die Gefühle waren mehr, als sie ertragen konnte. Sie schloss die Augen, obwohl sie versuchte, sie offen zu halten. Sie kam langsam in Atemnot, also versuchte sie, sich in Richtung Wasseroberfläche zu treten, aber ihr ganzer Körper war zu schwach. Langsam driftete sie in die Tiefen des Wassers hinab. Niemand würde sie hier vor morgen früh finden. Alle würden traurig sein, sogar die, die sie nicht gekannt hatten. Aber sie wäre dann für immer erlöst. Harry und Ron würden das ganze Mitgefühl bekommen, obwohl es ihnen nicht einmal etwas wert war. Die Tiefen des Sees umschlangen sie und ihre Gedanken wurden vernebelt. Sie konnte nicht mehr richtig denken, sie wusste nicht mehr, wie man die Arme oder Beine bewegte. Sie überließ sich einfach dem Wasser.
Als das Nichts ihre Gedanken umschloss und sie sich darin fallen ließ, spürte sie etwas im Wasser. Sie versuchte, ihre Augen zu öffnen, um zu sehen, was es war, aber sie blieben geschlossen. Das war es wohl. Sie würde diese Welt für immer verlassen. Das dachte sie, als sie eine Berührung spürte, und eine Sekunde später wurde sie bewusstlos.
Draco rannte so schnell wie möglich aus dem Schloss. Er kümmerte sich nicht um die Lehrer oder Filch, um ehrlich zu sein, hätte er sich gefreut, jemandem zu begegnen. Aber niemand kam. Er lief hinaus auf die Länderein und rannte zum See. Er sah auf die Wasseroberfläche und merkte, dass es nirgendwo Kräuselungen gab. Ginny war da drinnen, und sie versuchte nicht, wieder nach oben zu kommen. Ohne einen zweiten Gedanken und ohne zu zögern tauchte auch er in das eiskalte Wasser hinab.
Er verdrängte die Kälte, die sich tief in seine Haut bohrte. Er musste nur kurz suchen, bevor er sie gefunden hatte. Sie sank nur langsam nach unten. Sie musste bereits ohnmächtig sein, Er schwamm näher und griff nach ihrem Arm, er trat mit all seiner Kraft gegen das Wasser an und zog sie mit sich hoch an die Wasseroberfläche, wo er erst einmal nach Luft schnappte. Er ging sicher, dass Ginnys Kopf die ganze Zeit über dem Wasser blieb, während er zum Ufer schwamm und sich selbst und Ginny aus dem Wasser zog.
Er legte Ginny zu Boden und kontrollierte ihren Puls. Er war noch da, aber sehr schwach. Er sah auf ihren Oberkörper und merkte, dass sie nicht mehr atmete. Er wusste nicht, was er tun sollte. Wenn sie nicht bald Sauerstoff bekam, wäre ihr Gehirn nicht mehr versorgt und sie würde sterben. Er erinnerte sich an alte Filme, in denen die Muggel den Kopf des Verletzten zurücklegten und ihnen in den Mund atmeten. Ihm fiel nichts besseres ein, wusste aber, dass er es nicht rechtzeitig mit ihr zum Krankenflügel schaffen würde. Langsam legte er Ginnys Kopf nach hinten und öffnete ihren Mund. Er legte seine Lippen an ihre und pustete los ... Nichts passierte.
Er versuchte, sich daran zu erinnern, ob sie noch etwas anderes in den Filmen getan hatten. Er atmete weiter in ihren Mund, und dann erinnerte er sich daran, dass sie ein paar Mal auf die Brust des Verunglückten drückten, um das Wasser herauszubekommen. Er atmete noch einmal in ihren Mund und drückte ihr auf den Brustkorb. Nachdem er dies fünf Minuten lang verzweifelt wiederholt hatte, kontrollierte er wieder ihren Puls. Er ging jetzt etwas stärker. Er pustete noch einmal in ihren Mund und sah, wie ihre Brust sich hob und senkte. Er lehnte sich zurück, hielt seine Hand über ihren Mund und spürte, dass sie atmete. Sie rollte sich zur Seite und spuckte ein wenig Wasser aus, das sich in ihrer Lunge befunden hatte. Sie holte tief Luft und wurde wieder bewusstlos. Sanft hob er sie in seine Arme und ging mit ihr zurück zum Schloss.
Ü/N: Nur um das klarzustellen, sie wollte sich nicht umbringen. Sie wollte nur wieder irgendetwas fühlen. Was meint ihr dazu?
