Broken
Kapitel 12
Wieder weg
Draco lief mit Ginny in seinen Armen so schnell er konnte. Er wollte sie nicht in den Krankenflügel bringen, weil dann würden nur unangenehme Fragen aufkommen, die sie vielleicht noch nicht bereit war zu beantworten. Er lief durch die Gänge bis zu Pansys Zimmer.
„Pansy! Ich brauche deine Hilfe!, schrie Draco, als er die Türe aufriss.
„Was ist los, Dra... Oh mein Gott! Was ist passiert?", fragte Pansy, als sie ihre Schlafzimmertüre aufriss und Ginny bewusstlos in Dracos Armen sah.
„Sie sprang in den See und wäre fast ertrunken", erklärte Draco, drückte sich an Pansy vorbei und legte Ginny auf das Sofa. „Komm schon, Ginny, wach auf", sagte er und kontrollierte wieder ihren Puls. Ihr Herzschlag war stark. Zumindest das war ein gutes Zeichen.
„Warum hast du sie hierher gebracht? Warum nicht in den Krankenflügel?", fragte Pansy. Sie kniete sich neben Draco hin und sah Ginny an.
„Stell dir vor, welche Fragen sie ihr stellen würden", sagte Draco, ohne Pansy anzusehen. „Dafür ist sie noch nicht bereit", fügte er in einem Flüstern hinzu und strich Ginny ein wenig das Haar aus dem Gesicht.
„Ich hole ihr eine Decke", sagte Pansy, stand auf und ging in ihr Schlafzimmer.
Draco blieb bei Ginny. Er sprach einen Trocknungszauber über ihr Haar und ihre Kleidung aus und konnte nicht glauben, dass er es geschafft hatte, rechtzeitig zu ihr zu kommen. Eine Minute später, und Ginny wäre wahrscheinlich gestorben. Pansy kam mit einer dicken Decke zurück und setzte sich wieder neben Draco hin. Sie zog Ginnys Robe aus. Darunter kam der Rock und die Bluse ihrer Schuluniform zum Vorschein. Sie breitete die Decke über ihr aus.
„Ist sie überhaupt aufgewacht?", fragte sie.
„Ja, ganz kurz. Sie hat das Wasser ausgehustet, das in ihrer Lunge war", sagte Draco. Er wollte nicht erwähnen, dass er Ginny von Mund zu Mund beatmet hatte.
„Tja, sie atmet und ihr Pulsschlag ist stark. Das Einzige, das wir machen können, ist sicher zu gehen, dass sie es warm hat. Und dann warten wir, bis sie aufwacht. Wenn das nicht bald passiert, bringe ich sie in den Krankenflügel", sagte Pansy in einem finalen Tonfall, sodass Draco nicht mit ihr streiten wollte. Er wollte nur, dass es Ginny gut ging, sowohl geistig, als auch körperlich.
Pansy und Draco warteten eine Viertelstunde lang, bevor Pansy beschloss, dass sie Blaise rufen sollten. Sie ging los, um ihn zu holen, und Draco setzte sich auf den Zweisitzer vor der Couch, sodass er auf Ginny aufpassen konnte, ohne auf dem Boden sitzen zu müssen. Er saß da und beobachtete Ginnys schlafende Gestalt, und er versuchte sich auszumalen, was passiert war, nachdem er sie zum Gemeinschaftsraum gebracht hatte, dass sie dazu trieb, in den See zu springen. Es gab viele Möglichkeiten, und sie alle brachten sein Blut zum Kochen. Er konnte sehen, wie Harry und Ron Ginny wieder schlugen, als ob er selbst dabei gewesen wäre, wenn es passierte. Er musste etwas tun, oder er würde noch verrückt werden, während er wartete. Aber er wollte Ginny nicht allein lassen. Er wollte nicht, dass sie aufwachte, wenn niemand da war.
Draco saß einfach da und wartete. Ein paar Mal bewegte Ginny sich im Schlaf, aber sie wachte nicht auf. Er streckte seine Hand aus und nahm ihre. Er dachte, wenn er vielleicht zu ihr sprach, dass sie ihn dann hören und aufwachen und erzählen könnte, was passiert war.
„Ginny, du musst aufwachen. Wir machen uns solche Sorgen um dich. Ginny, bitte wach auf", flüsterte er in ihr Ohr.
Pansy und Blaise betraten leise das Zimmer. Sie sahen, wie Draco Ginnys Hand hielt und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Sie beschlossen, ihm ein paar Minuten Zeit zu geben, und gingen in Richtung Küche, um Essen für alle zu holen.
Draco hatte keinen Sinn mehr für die Zeit. Er wusste nicht mehr, ob Pansy vor fünf Minuten oder vor einer Stunde gegangen war. Die Zeit schlich dahin, während er darauf wartete, dass Ginny aufwachte. Er saß da und wartete und konnte Ginnys Erscheinung komplett in sich aufnehmen. Sie war auf keinen Fall hässlich, durch ihre blasse Haut sah sie beinah aus wie ein Engel. Ihr feurig rotes Haar passte perfekt zu ihrer Haut und sie hatte nicht so viele Sommersprossen wie die anderen Weasleys. Sie war hübsch, sehr hübsch.
„Ginny, du musst aufwachen. Wir machen uns solche Sorgen. Bitte, Ginny", wiederholte er und drückte dabei sanft ihre Hand. Es fühlte sich so fremd an für ihn. Er hatte noch niemanden zuvor auf solch eine liebevolle Art berührt.
Ginny erwachte langsam und öffnete ihre Augen. Sie wusste nicht, wo sie war, aber sie wollte nicht gehen. Sie fühlte sich hier so geborgen. Langsam sah sie sich um und merkte, dass sie in Pansys Zimmer war. Sie sah, dass Draco mit gesenktem Kopf vor ihr saß und ihre Hand hielt und sie konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das auf ihren Lippen erschien.
„Hey", sagte sie in einem heiseren Flüstern.
Dracos Kopf ruckte hoch und er sah sie mit großen Augen an. „Hey", sagte er mit einem kleinen Lächeln. „Was ist passiert? Wie fühlst du dich", fragte er sanft.
„Ich weiß nicht wirklich, was passiert ist. Ich erinnere mich daran, dass ich in den See gesprungen bin und es so kalt war. Ich wurde hinuntergezogen, weil ich plötzlich zu viele Gefühle auf einmal gespürt hatte." Als sie es laut aussprach, bemerkte Ginny erst, wie unglaubwürdig sich das alles anhörte. „Wie bin ich hierher gelangt?", fragte sie nach einem Augenblick der Stille.
„Ich war oben im Astronomieturm, und dort oben habe ich gesehen, wie du zum See gegangen und hineingesprungen bist. Ich lief durch das ganze Schloss und hinaus und sprang dir nach. Was hast du bloß getan?", fragte Draco so sanft er konnte. Der Gedanke daran, dass Ginny sich selbst umbringen würde, machte ihn wütend, aber er wollte nicht, dass sie diese Wut sah.
„Ich wollte wieder etwas spüren. Ich musste etwas Echtes spüren. Ich wollte mich aber nicht umbringen", sagte Ginny, als hätte sie Dracos Gedanken gelesen. „Aber wenn du nicht gekommen wärst, wäre ich wahrscheinlich gestorben. Danke", fügte sie hinzu. Sie spürte, wie sie errötete, und musste sich von seinem Blick abwenden. „Wo sind all die anderen?", fragte sie.
„Pansy ist los, um Blaise zu holen, aber ich weiß nicht, wie lang sie schon weg ist", sagte Draco, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Er war froh, dass sie sich nicht umbringen wollte, aber trotzdem war er immer noch besorgt. „Ginny, bist du okay? Ich meine, bist du noch ..." Draco schweifte ab. Er kam sich nicht gut dabei vor, sie zu fragen, ob sie wohl noch gefühlstaub wäre. Das war eine zu persönliche Frage.
„Ich kann wieder etwas spüren. Aber ich weiß nicht, ob das etwas Gutes ist oder nicht.", sagte Ginny und blickte wieder hoch in seine grauen Augen.
„Das ist etwas Gutes", sagte Draco einfach. Ginny setzte sich auf und drehte sich ein wenig herum, sodass sie nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Sie hielten sich noch immer an den Händen.
„Ist es das wirklich? Ich wollte, dass das alles weggeht. Ich wollte nicht länger ein gebrochenes Mädchen sein. Aber ich habe gemerkt, dass ich immer gebrochen war. Ich werde immer gebrochen sein", sagte Ginny und eine Träne rollte ihr über die Wange. Draco lehnte sich zu ihr und wischte die Träne vorsichtig weg.
„Du bist kein gebrochenes Mädchen. Du musstest viele schreckliche Dinge durchmachen, du musst sie immer noch durchmachen. Aber du bist stark, Ginny. Du wirst nie gebrochen sein", sagte er. Seine Hand lag an ihrer Wange, als er sprach.
„Woher wusstest du, was ich gemacht habe?", fragte Ginny. Das war etwas, das sie seit dem Tag in der Küche beschäftigt hatte.
„Ich konnte die Zeichen sehen", sagte Draco einfach. Er war sich nicht sicher, ob er ihr schon sagen sollte, was er selbst durchgemacht hatte. Ginny sah ihn erwartungsvoll an. Sie wusste, dass da mehr dahinter steckte, aber er es ihr nicht sagte. Sie beließ es dabei und beschloss, ihn nicht zu drängen.
„Wird es jemals aufhören?", fragte Ginny. Draco wusste, dass sie von dem Schmerz sprach, und er wusste nicht wirklich, wie er ihr das beantworten sollte. Er sah, dass noch mehr Tränen ihre Wangen hinab strömten, und aus einem Impuls heraus schlang er seine Arme um sie und zog sie in seine Umarmung. Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust und ließ den Tränen freien Lauf.
„Ich weiß nicht, ob alles verschwinden wird. Aber ich weiß, dass es nicht heute oder morgen komplett aufhören wird. Und ich weiß auch, dass es den Schmerz nur verlängern wird, wenn du das alles allein durchstehen willst", flüsterte Draco ihr in ihr Haar. Bei diesen Worten spürte er, wie Ginny mit dem Kopf nickte, und dann begann ihr Körper unter Schluchzern zu erzittern. Er wusste nicht, wie er ihr helfen konnte, also hielt er sie einfach fest. Alles, was passierte, fühlte sich so richtig und gleichzeitig so falsch an. Nach einigen Minuten beruhigte sie sich und blickte hoch in seine Augen.
„Danke", flüsterte sie.
„Du hast mir schon gedankt", sagte Draco und verdrehte spaßhalber die Augen.
„Nein, ich meine danke für das, was gerade passiert ist. Das alles tut mir so Leid", sagte sie.
„Ist schon gut. Vielleicht solltest du dich ein wenig ausruhen", sagte er und sah ihr in die Augen.
Er wusste nicht, was ihn dazu veranlasste, denn wenn ihn jemand gefragt hätte, hätte er es bestritten, aber als er in diesem Augenblick in ihre wunderschönen braunen Augen hinab sah, lehnte er seinen Kopf nach unten und küsste sie ganz zart. Ihre Lippen fühlten sich so weich an den seinen an. Er hatte noch nie zuvor so einen sanften Kuss erlebt. Ginny erwiderte den Kuss langsam und Draco musste gegen den Drang ankämpfen, sie nicht näher zu ziehen und den Kuss zu vertiefen.
Plötzlich unterbrach Ginny den Kuss und sah mit großen Augen zu ihm hoch. Draco sah die Angst und schlug sich gedanklich selbst für das, was gerade geschehen war.
„Es tut mir Leid", sagte Ginny und stand auf. „Ich muss gehen", fügte sie hinzu und verließ das Zimmer.
Pansy und Blaise kamen ein paar Minuten später mit einem Tablett voll Essen zurück. Sie sahen sich nach Ginny um und wandten dann ihre Aufmerksamkeit Draco zu, der mit seinem Kopf in den Händen vergraben da saß.
„Wo ist sie?", fragte Pansy und hoffte, dass Ginny bloß auf der Toilette war.
„Sie ist aufgewacht, es geht ihr gut. Sie ist gerade gegangen", sagte Draco und sah zu ihnen hoch. Er stand langsam auf und verließ ebenfalls das Zimmer.
