Broken

Kapitel 13

Hogsmeade


Ginny lief zurück zum Gryffindor-Turm und versuchte, nicht an das zu denken, was sie gerade mit Draco erlebt hatte. Das war nicht gut. Sie wollte sie da nicht mit hineinziehen. Sie konnte Dracos Lippen immer noch auf ihren spüren. Das alles hatte sich so richtig und natürlich angefühlt. Dieses Gefühl hatte sie noch nie zuvor verspürt. Als sie Dean und Michael geküsst hatte, kam es ihr vor, als müsse sie es tun, aber mit Draco fühlte sie sich so verstanden. Sie hätte sich in dem Kuss verlieren können, wenn er noch länger gedauert hätte. Sie legte sich auf ihr Bett und schloss ihre Augen. Sie konnte sehen, wie Draco sich für einen weiteren Kuss zu ihr lehnte. Er hatte ihre Lippen nicht wie die anderen angesehen – er hatte ihr direkt in die Augen geblickt. Sie liebte diesen Kuss. Er war sanft, süß, liebevoll und einfach perfekt. Aber zugleich war das alles so falsch.

Sie war eine Weasley und er war ein Malfoy. Sie sollte eigentlich nicht einmal mit ihm reden, schon gar nicht durfte sie ihn küssen. Wenn Harry und Ron das herausfinden sollten, dann würden sie sie köpfen. So sehr sie auch versuchte, den Kuss zu vergessen, ihre Gedanken trugen sie doch immer wieder zurück zu dieser Erinnerung. Sie konnte seinen heißen Atem auf ihren Lippen spüren, wie sich seine Arme um ihren Rücken schlossen, wie sein Haar ihre Stirn kitzelte und er mit seinen Augen ihren Blick gefangen hielt. Sie wollte am liebsten zu ihm zurücklaufen und ihn wieder küssen, aber das konnte sie nicht. Sie musste ihm fern bleiben. Sie konnte nun nicht einfach nicht mehr mit ihnen reden, nicht nach dem, was heute Nacht geschehen war, aber sie konnte so tun, als wäre zwischen ihr und Draco nichts passiert. Sie durfte bloß nicht wieder mit ihm allein sein.

Sie rollte sich herum und schlug auf ihr Kissen ein. Sie war noch nie zuvor so verwirrt gewesen. Sie wollte den Kuss nicht wieder erwähnen, aber gleichzeitig wollte sie nicht, dass Draco sich vorkam, als hätte sie ihn damit einfach zurückgewiesen. Von einer Weasley zurückgewiesen zu werden, würde seinen Stolz ziemlich verletzen. Sie musste erklären, warum sie jetzt mit niemandem zusammen sein durfte. Aber was, wenn er gar nicht mit ihr zusammen sein wollte? Was, wenn er nur mal schnell rumknutschen wollte? Sie schrie vor Frust in ihr Kissen.

Sie sah auf die Uhr und merkte, dass sie diese Nacht nur noch wenig Schlaf bekommen würde, bevor der Unterricht wieder begann. Sie wälzte sich etwa eine Stunde lang im Bett hin und her, bevor sie endlich einschlief. Sie träumte in diesen wenigen Stunden von Dracos Lippen und davon, dass sie sich bald wieder der Wirklichkeit stellen musste.


Der nächste Monat verging für Draco, Pansy, Blaise und Ginny wie im Flug. Der Unterricht wurde schwerer und Harry und Ron bekamen wegen der vielen Hausaufgaben immer schlechtere Laune. Und Draco und Ginny sprachen nie über ihren ersten Kuss. Das Slytherin Trio überzeugte Ginny schließlich, dass sie nirgendwohin gehen würden, und sie sich endlich an sie gewöhnen sollte. Im nächsten Monat waren sie nur von einander getrennt, wenn Ginny essen oder in ihrem Schlafsaal schlafen musste - was nicht recht häufig vorkam.

An diesem Wochenende fand das erste Hogsmeade Wochenende statt und Ginny hatte vor, sich mit Fred und George zu treffen. Pansy überzeugte sie, das Slytherin Trio mitzunehmen und ihnen ordentlich ihre Brüder vorzustellen. Ginny musste zugeben, dass sie dies ein wenig nervös machte. Sie wusste, dass Fred und George Malfoy nicht mochten, aber das war, weil Ron und Harry immer abwertend über ihn gesprochen hatten. Vielleicht wären sie diesbezüglich aufgeschlossener ... hoffte sie zumindest.

"Ginny, mach endlich weiter, oder wir werden ohne dich gehen und sie ohne dich treffen!", rief Pansy durch die Badezimmertür hindurch.

"Es wird sicher nicht schwer sein, die rothaarigen Zwillinge im Hogs Head zu finden", rief Blaise.

"Schön, ich komme!", fauchte Ginny. Sie hatte bemerkt, dass sie in der Anwesenheit der Slytherins einen Tonfall angenommen hatte, den sie in dieser Form an ihr selbst nicht gekannt hatte. Sie verließ das Badezimmer und ging quer durch das Zimmer zur Tür. "Kommt ihr jetzt oder nicht?", fragte sie die Slytherins, die immer noch wie angewurzelt dastanden.

"Ich glaube, wir haben einen schlechten Einfluss auf die unschuldige, kleine Gryffindor", sagte Blaise mit einem Grinsen und begann, mit Pansy und Draco zur Tür zu gehen.

Ginny verdrehte bloß ihre Augen und trat hinaus auf den Gang. Sie ging mit Draco vorne und Pansy und Blaise gingen hinter ihnen. Sie versuchten zu verstecken, dass sie gerade Händchen hielten. Ginny drehte sich zu Draco und deutete mit dem Kopf auf Pansy und Blaise. Er spähte in ihre Richtung und grinste zurück zu Ginny.
Zwanzig Minuten später saßen sie in einer der Kutschen, die sie nach Hogsmeade brachten. Ginny hatte Harry und Ron nirgendwo gesehen, als sie das Schloss verließen, aber sie wusste, dass sie wohl angepisst waren, weil sie diesmal nicht mit ihnen mitging. Seit sie wieder bei den Slytherins war, hörte Ginny wieder, wie die anderen Schüler mit Harry und Ron über sie sprachen. Sie dachten, dass sie das vielleicht täte, weil Ron zu beschützerisch wäre, oder dass sie so versuchen wollte, Harry mit Draco eifersüchtig zu machen. Sie wollte am liebsten lachen und jedem erzählen, warum sie bei den Slytherins war, sobald sie diese Gerüchte hörte. Stattdessen verdrehte sie bloß wegen diesen Tratschereien die Augen.

"Wir sind da", sagte Blaise, sobald die Kutsche zum Stillstand gekommen war.

"Wirklich wahr, Sherlock Holmes", schnarrte Draco.

"Kommt schon, Jungs, seid nett. Ich will nicht, dass ihr euch heute gegenseitig umbringt", sagte Ginny in einem mütterlichen Tonfall.

"Sie will mich nur nicht tot sehen. Du bist ihr völlig egal, Draco", sagte Blaise mit einem Grinsen.

"Nein, ich will bloß nicht hinter euch die Leichenteile wegräumen müssen", sagte Ginny und hüpfte aus der Kutsche. Draco musste wegen ihrer Worte grinsen und folgte ihr. Blaise blieb noch ein wenig geschockt stehen. Pansy stupste ihn an und grinste, und schließlich setzten sie sich alle in Bewegung.

"Wir haben wirklich einen schlechten Einfluss auf sie", sagte Blaise, der neben Pansy die Straße entlang ging.

Die vier liefen an den Geschäften vorbei und ignorierten die bösen Blicke der anderen Schüler. Sie kamen fünfzehn Minuten zu spät im Hogs Head an. Als sie durch die Tür traten, erkannten sie Fred und George sofort. Blaise hatte Recht. Es war nicht schwer, die rothaarigen Zwillinge in der Menge zu finden.

"Da ist sie ja!", sagte George.

"Macht sich nicht mal die Mühe ...", meinte Fred.

"Hier pünktlich ..."

"Zu erscheinen um ..."

"Ihre Lieblingsbrüder zu sehen!", beendeten sie den Satz gemeinsam.

"Machen die das immer so?", fragte Blaise Ginny.

"Immer", antworteten die Zwillinge gemeinsam.

"Gruselig", sagte Pansy mit einem kleinen Grinsen.

"Also das müssen ..."

"Die Slytherins sein ..."

"Die dich gekidnappt haben."

"Okay, ehrlich jetzt, das ist so verstörend", sagte Draco, gerade als Fred und George wieder zum Sprechen ansetzen wollten.

"Sie können nicht anders. Das machen sie schon seit Jahren so", sagte Ginny und verdrehte ihre Augen.

"Würdest du uns wirklich genauso sehr lieben, wenn wir das nicht machen würden?", fragten sie Ginny. Sie verdrehte die Augen und setzte sich hin.

"Ich bin mir sicher, ihr kennt diese Slytherins hier", sagte sie zu den Zwillingen und nickte in Richtung des Slytherin Trios, das sich gerade setzte. "Ich würde euch ja gern sagen, wer Fred und wer George ist, aber ihr würdet sie sowieso nie auseinanderhalten können, also vergesst es", sagte Ginny zu den Slytherins.

"Also was kann ich euch bringen?", fragte die Kellnerin.

"Zwei Feuerwhiskey", sagten die Zwillinge gemeinsam. Die Kellnerin hob ihre Augenbraue hoch, bevor sie sich zu Draco, Ginny, Blaise und Pansy umdrehte.

"Für uns bitte nur vier Butterbiere", sagte Ginny mit einem süßen Lächeln, das dafür sorgte, dass die Zwillinge würgende Geräusche von sich gaben.

"Also, wie geht es unserer Lieblingsschwester?", fragte Fred Ginny, sobald die Kellnerin wieder weg war.

"Ich bin ja eure einzige Schwester", sagte Ginny und verdrehte ihre Augen.

"Richtig. Also bist du automatisch unsere lieblings. Also, wie geht es dir?", sagte George.

"Ganz gut, schätze ich", sagte Ginny und zuckte die Schultern.

"Mit den dreien hier wirst du ja sicher prächtig unterhalten", sagte Fred, während George auf die Slytherins deutete.

"Das stimmt. Einfach das Übliche, schätze ich", sagte Ginny mit einem Lächeln. Unterdessen wurden ihre Getränke gebracht.

"Ich wünschte, ich könnte Ron in Stücke reißen", sagte Fred in einem gefährlichen Tonfall, welchen er nur selten benutzte.

"Und ich würde Harry gern eine neue Narbe verpassen, über die er dann rumzicken könnte", sagte George im selben Tonfall.

"Das würden wir alle gern", meinte Pansy über sich selbst und die anderen beiden Slytherins.

"Yeah, aber Ginny lässt uns nicht", sagte Blaise offenbar enttäuscht.

"Warum nicht?", fragten die Zwillinge Ginny.

"Weil sie glaubt, wir würden dann in Schwierigkeiten geraten, weil niemand glauben würde, dass der Narbenjunge Ginny je misshandeln könnte", antwortete Draco für Ginny. Er wusste, dass sie diese Frage schon so oft hatte beantworten müssen, dass sie ihr langsam auf die Nerven ging.

"Tja, da hast du Recht. Ich bezweifle stark, dass irgendjemand glauben würde, dass Ron oder Harry, die beiden, die die Welt jedes Jahr im Juni retten, je die kleine Ginny Weasley misshandeln würden. Besonders da Harry dich in deinem ersten Jahr gerettet hatte", sagte Fred.

"Genau. Diese Kerle begreifen es anscheinend einfach nicht", meinte Ginny und deutete mit dem Kopf in Richtung der Slytherins.

"Wir begreifen es sehr wohl. Aber das heißt nicht, dass wir ihnen nicht trotzdem weh tun wollen", antwortete Blaise.

Die sechs unterhielten sich einige Stunden lang über alles, was sich in der Schule und im Laden der Zwillinge tat, bis hin über den Abgang der Zwillinge von Hogwarts, als Umbridge an die Macht gekommen war. Fred und George konnten keinen Grund finden, nicht zu versuchen, sich einen Plan zu überlegen, wie man Ginny helfen konnte. Die Slytherins hatten anscheinend alles soweit unter Kontrolle. Die Zwillinge wussten, dass sie ihr mehr halfen, als sie je zugeben würde. Am Nachmittag verabschiedeten sich Ginny und die Slytherins von den Zwillingen und traten wieder hinaus auf die Straßen von Hogsmeade.

"Wohin wollt ihr nun gehen?", fragte Ginny in der kühlen Oktoberluft.

"Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir bald wieder zurück, das Halloweenfest findet heute Nacht statt", sagte Pansy, als sie die dicht bevölkerte Straße hoch blickte.

"Das beginnt doch erst in ein paar Stunden", protestierte Blaise.

"Was möchtest du tun, Draco?", fragte Ginny und lenkte somit Blaise und Pansy vor dem beginnenden Streit ab, der jede Sekunde losbrechen könnte.

"Ist mir egal", sagte Draco mit einem Schulterzucken. Ginny schenkte ihm einen Blick, der eindeutig ausdrückte: Herzlichen Dank für deine wunderbare Unterstützung.

"Warum gehen wir nicht zu Honeydukes oder Zonko?", fügte er hinzu. Ginny lächelte und nickte.

"Fein", sagte Pansy.

Die vier gingen die Straße entlang. Pansy begann, im kalten Wind zu zittern, und Ginny lächelte, als sie sah, dass Blaise seinen Arm um sie legte. Sie gingen zu Zonko, verließen das Geschäft aber wegen all den vielen Schülern bald wieder. Sie gingen weier zu Honeydukes. Am Weg dorthin begann Ginny ebenfalls vor Kälte zu zittern und war schockiert, als sie merkte, dass Draco seinen Arm um ihren Rücken legte und sie nah an ihn zog. Sie blickte hoch zu ihm, aber er starrte einfach geradeaus. Sie beschloss, dies nicht in Frage zu stellen, und lächelte einfach. Der Tag verlief so gut, dass niemand von ihnen wollte, dass er jemals zu Ende ging.

Ginny dachte gerade daran, wie seltsam es war, dass sie weder Ron noch Harry bislang gesehen hatten, als die zwei gerade gemeinsam mit Hermione den Süßigkeitenladen verließen. Ron starrte Ginny böse an und sie sah, wie seine Hand zuckte. Sie wusste, dass er sie wirklich gerne schlagen wollte. Harry wollte gerade ohne ein Wort zu sagen an ihnen vorbei gehen, aber plötzlich sah er, dass Dracos Arm um Ginny gelegt war. Er blieb abrupt stehen und starrte sie einen Moment lang an.

"Ich wusste es doch. Du eklige, kleine Hure. Erinnere dich an das, was ich gesagt habe. Glaub nicht, ich würde es nicht tun", fauchte er.

"Was war das, Potter?", sagte Draco wütend. Er konnte nicht glauben, dass Harry Ginny als Hure bezeichnet hatte.

"Du weißt, dass du sie nicht haben kannst, Malfoy. Sie gehört mir. Ich weiß nicht mal, ob ich sie jetzt noch will, wo ich sehe, was für eine Nutte sie in letzter Zeit geworden ist. Ich wette, das habeich dir zu verdanken, Pansy", zischte Harry.

Bei diesen Worten warf Blaise sich auf Harry. Draco schnappte ihn rasch und hielt ihn zurück. Obwohl er liebend gern gesehen hätte, wie Blaise auf ihn losging, hielt er ihn aus dreierlei Gründen auf. Einerseits waren sie in der Öffentlichkeit. Andererseits wollte Ginny nicht, dass sie kämpften. Und außerdem wollte Draco selbst Potter etwas antun, sobald die Chance dazu gekommen war.

"Verzieh dich, Potter", fauchte Draco gefährlich. Harry grinste sie nur an und ging mit Ron und Hermione davon.

Nachdem er auf Nummer sicher gegangen war, dass Blaise ihnen nicht nachlaufen würde, ließ er ihn los und ging zurück zu Ginny. Sie sah mitgenommen aus, aber nicht komplett schockiert. Draco sah das als gutes Zeichen. Er legte seinen Arm wieder um sie und sie gingen wieder weiter die Straße entlang.

"Geht es dir gut?", fragte er sie leise.

"Ja. Können wir jetzt wieder zum Schloss zurückgehen?", fragte Ginny und blickte hoch in seine Augen.

"Sicher. Aber ich glaube, wir sollten darüber sprechen, was der Narbenkopf gemeint hat, sobald wir zurück sind, okay?", fragte Draco sanft und rieb dabei beruhigend über Ginnys Rücken.

"Okay, aber es wird dir nicht gefallen. Du musst mir versprechen, dass du nichts Dummes anstellen wird", sagte Ginny.

Draco wusste, dass sie sich auf einen Kampf bezog, wenn sie davon sprach, nichts Dummes anzustellen. "Versprochen", sagte er.

"Gut, oder ich bin gezwungen, dir weh zu tun", sagte Ginny mit einem verspielten Grinsen.

"Das würde ich gern sehen", sagte Draco und verdrehte die Augen dabei.

"Eines Tages vielleicht."

"Haha, das glaube ich dir sogar."

Ginny bemerkte, dass sie gerade flirteten, und beschloss, das Thema fallen zu lassen. Allerdings blieb sie weiterhin dicht in Dracos Armen.

"Kommt schon, ihr verliebten Vögel! Wir gehen zurück zum Schloss", rief Ginny nach hinten zu Blaise und Pansy.

"Selber!", rief Pansy mit einem Lächeln zurü Ginny als auch Draco drehten sich um und starrten Pansy böse an, die ihrerseits nur unschuldig lächelte.