Broken

Kapitel 17

Hilfe


Ginny wurde aus der Großen Halle hinaus und die Korridore entlang geführt. Sie zogen sie in den Gang, der den Kerkern am nächsten lag. Ginny wusste, dass sie in Schwierigkeiten war. Sie war sich beinah sicher, dass Harry sie in dieser Nacht gewaltsam nehmen würde. Ron sprach einen Schweigezauber über ihr aus, bevor er seine Hand von ihrem Mund nahm, während Harry den Tarnumhang umarrangierte, sodass der Eingang verdeckt wurde. Ginny wusste, dass wenn der Umhang so vor dem Gang hing, die Schüler und Lehrer vorbeilaufen konnten, während sie gerade geschlagen wurde, und niemandem etwas auffallen würde.

"Was denkst du?", fragte Harry und schlug ihr ins Gesicht. Ginny verdrehte bei dieser Frage die Augen. Sie konnte ihm so nicht antworten.

"Löse den Zauber, Ron, ich hab bereits einen Schweigezauber über den Gang gelegt", bellte Harry Ron an. Ron tat, was man ihm gesagt hatte, wie ein braver kleiner Hund.

"Also sag es mir. Was hast du dir dabei gedacht, du kleine Scheiß-Schlampe?", zischte Harry und schnappte ihre Kehle.

"Welchen Unterschied macht es denn? Du hast ja auch schon vorhin gedacht, ich wäre eine Schlampe", fauchte Ginny. Harry festigte seinen Griff um ihren Hals und sie bekam keine Luft mehr.

"Ich könnte dich umbringen. Es wäre allen egal und niemand würde jemals vermuten, dass ich es gewesen wäre. Die dummen Slytherins vielleicht, aber wer würde ihnen schon glauben?", zischte Harry.

Ginny sah ihn mit großen Augen an. Zuerst dachte sie, er würde nur bluffen. Harry würde sein liebstes Opfer nicht einfach umbringen, aber dann sah sie den mörderischen Ausdruck in seinen Augen und wusste, dass er nicht zögern würde. Sie wusste auch, dass er Recht hatte, niemand würde Draco, Pansy oder Blaise glauben. Jeder würde wahrscheinlich annehmen, dass einer der Slytherins es getan hätte, schließlich waren sie die Bösen, und Harry und Ron waren die tollen, mutigen Gryffindors. Was für ein Schwachsinn! Harry ließ Ginnys Kehle los und sie fiel auf den Boden. Sie schnappte nach Luft und musste husten. Ron trat sie in die Rippen und sie keuchte noch lauter auf. Es fühlte sich an, als hätte sie keine Luft mehr in ihrem Körper. Sie dachte, sie würde nun sterben.

"Hast du eine Ahnung, wie blöd ich wegen dir dagestanden bin? Du hast Malfoy geküsst! All das wird auf mich zurückfallen! Aber es ist dir egal, oder? Solang du deinen Willen bekommst, du dumme kleine Hure", fauchte Ron und trat ihr wiederholt in die Rippen.

Etwas in Ginnys Kopf machte Klick. Sie wusste, dass seine Worte falsch waren. Sie wusste, das alles, das aus seinem Munde kam, Blödsinn war. Aber es kam ihr doch so vor, als hätte er irgendwo Recht. Sie versuchte, sich zu sagen, dass Ron immer blöd dastehen würde, das schaffte er auch ohne ihre Hilfe. Aber es funktionierte nicht. Diese Worte von ihrem eigenen Bruder zu hören, egal ob es nun stimmte oder nicht, es verletzte sie.

"Du hast ihn praktisch da draußen auf der Tanzfläche gevögelt! Wir konnten dein Stöhnen trotz der Musik hören. Er hatte überall seine Hände auf dir, und du sahst nicht mal wie eine gute Küsserin aus", fauchte Harry und zog sie an ihrem Haar hoch.

Ginny schnappte nach Luft und Harry warf ihren Kopf gegen die Wand. Ginny verletzte sich am Kopf und konnte spüren, wie das Blut neben ihrem Auge hinunter tropfte. Alles drehte sich, aber sie kämpfte gegen den Schwindel an. Harrys Worte hatten sie genauso getroffen wie Rons Worte. Sie wusste, dass das alles gelogen war. Sie hatte überhaupt nicht so laut auf der Tanzfläche gestöhnt, Pansy hätte sicher etwas gesagt. Sie hatte die ganze Zeit über ihre Arme um Dracos Nacken gelegt, und Dracos Hände hatten sich nur an ihrem Rücken auf und ab bewegt. Sie sah zu Harry hoch und stand auf, als hätte sie nichts gespürt, obwohl sie sich vorkam, als würde sie gleich wieder zu Boden fallen.

"Was? Hast du Angst, mich nicht so zum Stöhnen bringen zu können wie Draco?" Ginny beschloss, in sein Spiel mit einzusteigen. Sie sah, wie seine Augen vor Wut aufblitzten, aber es war ihr egal. Es war an der Zeit, dass er mal zu spüren bekam, was sie sonst immer von ihm vorgehalten bekam. "Bist du eifersüchtig? Du weißt, dass du nie in der Lage wärst, mich dazu zu bringen, komplett den Verstand zu verlieren. Das würde dir bei keinem Mädchen gelingen. Sie wollen dich nur wegen deines Ruhmes", fauchte Ginny.

Harry schnappte sie wieder an den Haaren und begann, ihr hart in den Bauch zu boxen. Er zog den Dolch hervor, den er von Sirius bekommen hatte, und zog die Klinge über ihr Schlüsselbein. Ginny spürte, wie sich ihre Haut teilte und ihr das Blut über die Brust lief. Sie schnappte vor Schock und Schmerz nach Luft. Harry lachte böse und schnitt mit der Klinge immer tiefer und fester zu, bis er die Haut ihrer beiden Brüste zerschnitten hatte. Ginny sah nach Hilfe flehend zu Ron. Dieser starrte sie nur böse an und zuckte mit den Schultern, was ihr so viel vermittelte wie: "Du hast es schließlich nicht anders verdient." Wie konnte ihm das nur egal sein? Sie wusste, dass er sie hasste, aber wie konnte er einfach dabei zusehen? Harry hielt inne und Ginny spürte stechende Schmerzen und wie ihr das Blut den Körper hinab lief.

"Wer würde dich jetzt noch wollen? Diese Narben bleiben dir für immer. Sogar Malfoy wird sich davor ekeln", fauchte Harry.

Ron kam eine Sekunde später näher und Ginny konnte seinerlei Mitgefühl in seinen Augen sehen - nur Hass.

"Wenn du so weitermachst, wird alles, das wir tun, nur noch schlimmer", sagte er und schlug ihr ins Gesicht.

Ginny konnte spüren, wie ihre Lippen anschwollen. Er boxte sie wieder in den Bauch und sie fiel schließlich auf den Boden. Ihr ganzer Körper zitterte. Solche Schmerzen hatte sie noch nie zuvor erlebt. Harry und Ron hatten sie noch nie so so geschlagen und sie noch nie mit Harrys Dolch verletzt. Sie wusste, dass sich alles nur verschlimmern würde, wenn sie das mit Draco am Laufen hielt, aber wie sollte sie ihm das sagen? Er würde sofort losziehen und Harry und Ron umbringen, und Ginny wollte dies noch immer nicht. Sie wollte mit Draco zusammen sein, sie wollte, dass Harry und Ron sie in Ruhe ließen, sie wollte in Pansys Zimmer gehen und mit ihr bis in die frühen Morgenstunden lachen, und sie wollte mit ihnen in der Sonne sitzen, so wie sie es geträumt hatte.

Sie konnte spüren, wie Harry und Ron sie traten. Sie hörte, wie ihr Schmerzensschreie über die Lippen kamen, aber es spürte sich alles ein wenig an wie in einem Traum. Nach etwa zehn Minuten hörten Harry und Ron auf. Ginny war geistig nicht mehr anwesend. Sie weigerte sich, dass Bewusstsein zu verlieren, solange sie da waren. Sie wollte nicht daran denken, was sie mit ihr anstellen würden, wenn sie ohnmächtig wäre. Sie wusste, sobald sie weg waren, würde sie nicht länger dagegen ankämpfen können, sie würde das Bewusstsein verlieren und dann würde sie vielleicht irgendwann irgendjemand finden.

"Wir können sie hier nicht so liegen lassen. Jemand wird sie finden, wahrscheinlich ein Lehrer. Und die werden sie zwingen, alles zu verraten", hörte sie Ron entfernt sagen.

"Wir können sie aber auch nicht mitnehmen. Wir müssen sie hier lassen, aber wir tarnen sie. Ich komme in ein paar Tagen zurück", sagte Harry. Sie hörte ihn herumstapfen, und dann spürte sie, wie der wässrige Stoff des Tarnumhanges sie bedeckte.

"Schön, gehen wir endlich", sagte Ron. Ginny hörte, wie sie davon gingen, und sie versuchte, den Mantel von sich zu ziehen, aber vergebens. Sie war zu schwach. Niemand würde sie hier finden. Sie würde unter Schmerzen und unsichtbar für die ganze Welt irgendwann aufwachen.


Pansy, Blaise und Draco liefen in Richtung der Kerker. Sie wussten nicht, ob es Ginny gut ging oder ob sie wohl schreckliche Schmerzen litt. Draco hatte das überwältigende Gefühl, dass es ihr nicht gut ging. So sehr er auch hoffte, dass es ihr gut ging, er wusste doch, dass Harry und Ron ihr wahrscheinlich schon jegliches Gefühl aus dem Körper geprügelt hatten. Als sie sich den Kerkern näherten, sah Draco in jedem Korridor nach, an dem sie vorbei liefen, in der Hoffnung, Ginny dort vielleicht zu sehen. Sie war nirgendwo. Draco hoffte, dass Harry und Ron sie nicht aus dem Schloss gebracht hatten. Am Eingang zu den Kerkern ging Draco wieder in den angrenzenden Gang, um sich umzusehen. Nichts. Aber irgendetwas stimmte nicht. Der Korridor wirkte ruhig, aber auch irgendwie ... verschwommen. Draco wusste nicht, woran es lag, aber irgend etwas stimmte hier nicht.

"Draco, komm schon!", rief Pansy.

Draco wandte seinen Blick von dem Korridor ab und schloss zu Pansy und Blaise auf. Er konnte sich um diesen Gang Gedanken machen, sobald sie Ginny gefunden und sichergestellt hatten, dass es ihr gut ging. Sie liefen in Stille zu Snapes Büro und klopften an die Tür. Sie wussten, dass er wahrscheinlich angepisst war, aber momentan war es ihnen egal, dass er ihnen vielleicht eine Strafarbeit aufbrummen könnte. Die Türe schwang auf und ein äußerst wütend aussehender Tränkemeister kam heraus.

"Was hat diese Belagerung zu bedeuten? Warum sind Sie nicht beim Halloween-Fest?", fragte Snape sie und trat zur Seite, um sie herein zu lassen.

"Professor, Ginny Weasley wird vermisst", sagte Pansy ungeduldig.

"Warum kommen Sie deswegen zu mir? Warum gehen Sie nicht zu ihrer Hauslehrerin?", fragte Snape, während er sich hinter seinen Schreibtisch setzte.

"Wir machen uns Sorgen um sie. Sie ist in ...", begann Blaise über Harry und Ron zu erklären, aber ein warnender Blick seitens Draco ließ ihn innehalten. "Sie würde nicht einfach so davon laufen", sagte er stattdessen.

"Sehen Sie", sagte Snape mit einem Seufzen. "Es ist sehr seltsam, Sie drei mit dem Weasley-Mädchen zu sehen. Nicht, dass das schlecht wäre. Sie ist überhaupt nicht wi ihre Brüder, und ich glaube auch nicht, dass sie wirklich nach Gryffindor gehört. Nun, ich erinnere mich, wie Sie mich in meiner ersten Stunde gebeten haben, Ginny nicht zu ihrem Bruder und Potter zu setzen. Sie haben gesagt, sie wollte das nicht und wurde dazu gezwungen, und ich habe sie umgesetzt. Ich verabscheue es, wenn Männer Frauen zu etwas zwingen. Aber obwohl ich weiß, dass hier etwas vor sich geht, will ich mich nicht in einen kleinen Familiendisput einmischen. Ich verstehe, warum ihr Bruder böse auf sie ist. Sie ist eine Weasley und gibt sich mit den drei meistgehassten Slytherins ab. Vielleicht dachte sie, wäre es an der Zeit, sich auszusprechen oder zurückzugehen", erklärte Snape. Zum ersten Mal verlor Draco jeglichen Respekt für seinen Lieblingsprofessor. "Ich kann Ihnen nicht helfen", sagte Snape. Die drei Slytherins sahen ihn einfach nur verwirrt an.

Mit einem kurzen Nicken verließ Draco das Büro. Pansy und Blaise folgten ihm. Sie traten auf den Korridor und gingen langsam zurück in den Hauptteil des Schlosses.

"Glaubt ihr, dass er Recht haben könnte? Dass sie zurückgegangen ist, meine ich", fragte Blaise.

"Nein", sagte Draco kurz angebunden.

"Sie hat es ja schon mal gemacht", meinte Pansy.

"Nein, sie ist nicht zurückgegangen. Harry und Ron hätten nicht so zufrieden ausgesehen, wenn dem so gewesen wäre. Und auch wenn sie zurückgegangen wäre, wisst ihr genau, dass sie sie sowieso verletzt hätten", sagte Draco in finalem Tonfall.

"Was sollen wir tun?", fragte Pansy, als sie sich einem der Haupt-Gänge des Schlosses näherten.

"Weiter suchen", sagte Draco.

Sie liefen in Stille weiter. Pansy und Blaise wussten, dass Draco sich ehrlich Sorgen um Ginny machte. Sie wussten auch, dass er glauben würde, es wäre seine Schuld, wenn Ginny etwas passierte wäre. Als sie den Gang erreichten, der Draco vorhin so interessiert hatte, sah er wieder hinein. Er schimmerte nicht länger, er sah aus wie ein normaler Gang. Draco dachte, dass er sich das wohl eingebildet hatte. Er schüttelte leicht den Kopf und lief weiter.

Er war schon beinahe zwei Gänge weiter, als ihm etwas klar wurde. In diesem Korridor war etwas gewesen, das er zuvor nicht gesehen hatte. Ohne ein Wort zu den anderen lief er zurück zu diesem Gang und sah noch einmal nach. Es sah aus wie ein Paar Schuhe. Er betrat langsam den Gang und sah näher nach. Am Ende stand ein Paar Schuhe, aber sonst nichts. Dann setzte sich alles zusammen und er hätte sich am liebsten wegen seiner eigenen Dummheit geschlagen.

"PANSY! BLAISE! KOMMT HIER RÜBER!", rief er und näherte sich den Schuhen. Innerhalb weniger Sekunden waren Pansy und Blaise bei Draco angelangt.

"Was ist denn?", fragte Blaise.

"Potter und sein Scheiß Tarnumhang!", sagte Draco und er beugte sich langsam und vorsichtig nach unten, wo Ginny sein sollte. Er ergriff sanft den Umhang und zog ihn herunter.

Das, was sie sahen, war schrecklich, traurig, schockierend und machte sie wütend. Ginny lag ohnmächtig am Boden und war quasi auseinander genommen worden. Auf ihrem ganzen Körper befanden sich Blutergüsse und an ihrem Kopf, ihrer Brust und ihrem Bauch befand sich eingetrocknetes Blut. Draco schlang vorsichtig seine Arme um sie. Er war so wütend, dass er Harry und Ron am liebsten mit bloßen Händen umgebracht hätte.

"Geh und flohe die Zwillinge an. Sie sollten hier bei ihr sein", sagte Draco zu Pansy. Sie nickte und lief rasch zu ihrem Zimmer. "Blaise, hilf mir, sie zu Pansy zu bringen."

"Wäre sie nicht im Krankenflügel besser aufgehoben?", fragte Blaise vorsichtig, als sie sich in Bewegung setzten.

"Zu viele Fragen", sagte Draco knapp.

Blaise antwortete nichts darauf. Er wusste, wenn Draco so außergewöhnlich ruhig war, brodelte eine enorme Wut in seinem Inneren. Harry und Ron würden sterben, wenn Draco seinen Kopf durchsetzen würde.