Broken
Kapitel 18
Hilfe ist auf dem Weg
Fred und George traten aus dem Feuer in Pansys Zimmer, kurz nachdem sie sie verständigt hatte. Sie sahen sich panisch nach Ginny um, aber sie sahen sie nirgendwo. Die Zwillinge blickten zurück zu Pansy und bemerkten, wie aufgewühlt sie war. Ihr Gesicht war blass und schockiert, sie hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut und ihre Hände zitterten ein wenig. Sogar ihre Augen schienen leer zu sein. Obwohl die Zwillinge Pansy nicht gut, oder besser gesagt, gar nicht kannten, spürten sie ihre Angst, die Wut, die Nervosität und den Schmerz. Sie wussten in diesem Moment mehr als jeder andere Mensch auf Erden, dass dieses Mädchen sich um ihre kleine Schwester sorgte und sie alles in ihrer Macht stehende für Ginny tun würde.
"Wo ist sie?", sagten sie gleichzeitig. In ihren Stimmen fehlte der normale, fröhliche Tonfall und auf ihren Gesichtern war nichts von ihrem normalen Humor zu sehen. Pansy sah sie einen Moment lang erschrocken an. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber sie wusste mit Sicherheit, dass sie nicht erwartet hatte, dass die beiden so sehr an Ginny hingen.
"Draco und Blaise müssten jede Minute mit ihr da sein", sagte sie leise.
Sie bemerkte, dass sie sich durch ihren unnatürlich deprimierten Zustand nur noch mehr Sorgen um Ginny machten. Die Zwillinge waren mit ihr aufgewachsen, sie hatten die Prügeleien aus erster Hand beobachtet. Pansy dachte, dass sie es wegen Ginny vielleicht von der komischen Seite her betrachten würden. Sie nahm an, dass sie wohl dachten, dass es wirklich schlimm gekommen war, denn sonst wären sie ja nicht gerufen worden. Und dabei, dachte Pansy traurig, hatten sie auch Recht.
Die Zwillinge sagten nichts. Sie gingen quer durch das Zimmer, setzten sich auf die Couch und standen eine Minute später wieder auf. Sie sahen einander ein paar Mal besorgt an und liefen im Zimmer auf und ab. Pansy hatte keine Ahnung, wie lange das schon so gegangen war. Es fühlte sich wie eine Stunde an, aber wahrscheinlich war nur eine Minute vergangen. Sie sah zu den Zwillingen hinüber und dachte, dass ihnen jetzt das Zeitgefühl wahrscheinlich genauso abhanden gekommen waren wie ihr. Sie versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Es war egal worauf, Hauptsache sie musste nicht die ganze Zeit an Ginny denken. Sie war versucht, die Gefühle der Zwillinge zu lesen, aber im Augenblick war sie zu schwach und aufgewühlt dafür. Obwohl sie wusste, dass sie ihre Fähigkeit nicht brauchte, um zu lesen, was in den Zwillingen vorging, denn es stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.
"Wie schlimm ist es?", fragte Fred. Pansy erschrak bei dieser Frage. Sie hatte nicht erwartet, dass jemand etwas sagen könnte, und schon gar nicht, dass sie solch eine Frage stellen könnten.
"Äh ... es sah ziemlich schlimm aus. Ich kann es euch aber nicht genau sagen, weil ich nicht lang dort gewesen bin. Sie war jedenfalls ohne Bewusstsein und es sah aus, als wäre ihre Hand gebrochen. Ich konnte auch sehen, dass ihr Kopf verletzt war, denn er blutete." Pansy unterbrach sich hier. Sie hätte auch noch die Schnitte, Blutergüsse und Abschürfungen erwähnt, aber die Zwillinge wurden bei ihren Worten so bleich, dass sie meinte, sie hätten somit wohl genug gehört.
"Was war passiert?", fragte George nach einer unangenehmen Minute des Schweigens.
Pansy erzählte ihnen langsam im Detail, was am Halloween-Fest geschehen war. Sie erwähnte auch, wie Draco und Ginny sich geküsst hatten, weil sie wusste zwar, dass es sie eigentlich nichts anging, dies aber doch sehr relevant für die späteren Ereignisse war. Sie war ein wenig überrascht, als sie merkte, dass der Kuss den Zwillingen nicht wirklich etwas ausmachte. Wenn überhaupt, waren sie froh darüber. Als sie zu dem Teil gelangte, wo sie von Snape keine Hilfe erhalten hatten und er sie praktisch aus seinem Büro geworfen hatte, begannen die Zwillinge vor Wut zu zittern.
"Er hat nichts unternommen? Dieses verdammte Schwein!", sagten sie gemeinsam.
"Wir haben ihm nicht genau gesagt, was passiert ist", erklärte Pansy.
"Trotzdem ist er ein Schwein", sagte Fred böse.
Pansy erklärte ihnen anschließend, wie sie Ginny gefunden hatten. Sie erzählte ihnen von Potter und dem Tarnumhang und beobachtete, wie sie ihre Hände vor Wut zu Fäusten ballten.
"Und dann kam ich hierher, um euch zu benachrichtigen", schloss Pansy. Die Zwillinge nickten und es wurde wieder unheimlich still.
Einen Moment später tauchten Blaise und Draco auf. Blaises Augen waren geweitet und er war still. Draco sah aus, als wäre er kurz davor, in Tränen auszubrechen, oder Potter und Weasley in Stücke zu zerhacken, oder beides gleichzeitig zu tun. Draco trug Ginny in seinen Armen und nachdem er an den Zwillingen vorbeigegangen war, legte er sie vorsichtig auf die Couch und trat einen Schritt zurück, damit Fred und George sie besser sehen konnten. Die Zwillinge traten einen Schritt vorwärts und mussten nach Luft schnappen.
Ginny hatte am ganzen Körper Blutergüss - im Gesicht, an Armen, Beinen und an ihrem Oberkörper. Sie hatte eine Wunde am Kopf, die blutete, und ihre Nase sah irgendwie gebrochen aus. Ihr Gesicht war aufgedunsen und geschwollen. Niemand im Raum war sich sicher, ob sie ihre Augen öffnen könnte, wäre sie wach gewesen. Das, was alle am meisten beängstigte, schockierte und wütend machte, waren die Schnitte auf ihrem Oberkörper. Sie hatten sie alle schon gesehen, nachdem sie Schläge kassiert hatte, aber sie war noch nie mit einem Messer verletzt worden. Sie hatte einen circa fünfzehn Zentimeter langen Schnitt entlang ihres Schlüsselbeines, der immer noch ein wenig blutete, und jeweils vier etwa halb so lange Schnitte quer über ihre beiden Brüste. Draco dachte, dass sie vielleicht noch mehr Verletzungen hatte, aber er konnte es nicht mit Sicherheit sagen, ohne Ginny zu entkleiden.
"Diese verdammten Ärsche!", sagten Fred und George wütend.
"So schlimm war es noch nie gewesen!", meinte Fred.
"Und Ron würde nicht solch einen Schaden verursachen, nicht einmal Dad würde das tun", sagte George.
"Potter", meinte Draco böse durch zusammengebissene Zähne.
Alle sahen ihn traurig an. Pansy und Blaise wussten, wie sehr er sich wirklich um Ginny sorgte. Sie wussten, dass er alles für sie tun würde, wenn sie ihn nur darum bat. Jetzt gerade war er ziemlich kurz davor, loszustürmen und Potter für sie umzubringen. Fred und George konnten ebenfalls sagen, dass er sich um sie sorgte, allerdings wussten sie nicht so gut Bescheid wie Pansy und Blaise, aber sie wussten doch, dass er sich immer um ihre Schwester kümmern würde. Deswegen konnten die Zwillinge ihn sofort akzeptieren. Sie wussten, dass die Slytherins Ginny als eine von ihnen betrachteten und nicht als die kleine Gryffindor, die ihre Hilfe benötigte. In diesem Moment wurde allen vieren klar, dass die ganze Rivalität zwischen den Häusern kein Thema mehr war.
"Wisst ihr, warum wir euch gerufen haben?", fragte Draco die Zwillinge. Fred und George blickten zu ihm zurück, dann wieder zu Ginny, und dann nickten sie ein wenig.
"Wir machen eine Liste, was wir alles brauchen", sagte George im Flüsterton.
"Wovon sprecht ihr?", fragte Blaise und sah zwischen den dreien hin und her.
"Wir brauchen Ausstattung", sagte Draco einfach, ohne seinen Blick von Ginny jemals abzuwenden.
"Draco, ich weiß, dass du Potter am liebsten umbringen würdest, aber du weißt, dass Ginny das nicht will. Du solltest warten, bis sie aufwacht, und zuerst mit ihr darüber sprechen", sagte Pansy behutsam.
"Ich spreche nicht über das Thema, Potter umzubringen", sagte Draco, obwohl er wünschte, er könnte ihn auslöschen.
"Was geht denn hier vor sich?", fragte Blaise wieder.
"Wir können sie nicht ins Krankenhaus bringen, also brauchen wir hier eine entsprechende Ausstattung, sonst kann sie nicht ordentlich genesen", sagte Fred. Draco und George nickten.
"Sie wird den Unterricht nicht besuchen können, und auch wenn sie hingehen würde, würde sie so wie jetzt aussehen und die Leute würden anfangen, darüber zu tuscheln. Und das wollen wir schließlich verhindern", erklärte George weiter.
"Warum können wir nicht einfach Heilzauber ausführen?", fragte Pansy.
"Weil sie zu mitgenommen dafür ist. Das würde nicht funktionieren. Wir brauchen Tränke und andere Heilmittel", sagte Fred.
"Wie wollt ihr die bekommen, ohne erwischt zu werden?", fragte Blaise verdächtigend. Er wusste, dass man solcherlei Dinge nicht einfach kaufen konnte, denn man brauchte hierfür eine medizinische Lizenz, und das bedeutete, dass sie in den Krankenflügel einbrechen mussten.
"Wir haben das schon oft für sie getan", sagten die Zwillinge und zuckten mit den Schultern.
"Woher wusstest du, dass sie das können, ohne erwischt zu werden?", fragte Pansy Draco.
"Ich habe angenommen, dass sie wohl wissen, wie man in der Schule Sachen klaut, nach all den Streichen, die sie gespielt haben. Also habe ich angenommen, dass auch wenn sie es noch nie zuvor getan hätten, sie es doch tun würden, nur um ihr zu helfen", sagte Draco.
Die vier saßen um Ginny herum und erstellten eine Liste mit Tränken, medizinischen Tests, Cremen und anderen medizinischen Utensilien. Sie beschlossen, so viel wie möglich zu besorgen, für den Fall, dass sie Nachschub brauchten, aber sie konnten den Krankenflügel nicht komplett leer räumen, weil sonst kein anderer kranker Schüler mehr behandelt werden könnte.
"Fehlt uns noch etwas?", fragten Fred und George eine Stunde später, als sie mit der Liste fertig waren und gerade zur Tür hinaus gehen wollten.
"Ja, schreibt noch einen Vergewaltigungs-Test auf", sagte Draco zögerlich. Fred viel vor Schock beinah vorne über.
"WAS?", riefen sie alle.
Draco erklärte rasch, was in Hogsmeade gesagt wurde und was Ginny im weiteren Verlauf dieser Nacht erzählt hatte. Sie sahen alle aus, als müssten sie gleich kotzen.
"Wir werden ihn umbringen!", sagten sie alle durch zusammengebissene Zähne.
"Warum können wir nicht einfach warten, bis sie aufgewacht ist, und sie zuerst fragen? Ich bezweifle, dass es ihr gefallen würde, wenn sie wüsste, dass ihr so einen Test mit ihr gemacht habt", sagte Pansy. Sie wusste, wie persönlich und einschneidend so ein Test sein konnte.
"Wir können nicht allzu lang warten, sonst könnte es zu spät sein, um bei mancherlei Dingen vorzusorgen. Und wir werden den Test nicht durchführen. Du wirst es machen", sagte Draco mit einem wissenden Blick.
"Erst wenn wir nicht länger warten können. Ich werde es nicht machen, sofern wir keine andere Wahl haben", sagte Pansy nach einem Augenblick.
Draco nickte und wandte sich wieder an die Zwillinge. "Seid ihr bereit?", fragte er.
"Ja", meinte Fred.
"Ist ja nicht so, als könnten wir warten, wenn wir nicht bereit wären", sagte George. Die Slytherins konnten den humorvollen Unterton in seiner Stimme erkennen und deuteten das als gutes Zeichen.
