Broken
Kapitel 20
Wahre Gedanken
Draco und Ginny saßen auf der Couch in Pansys Wohnzimmer. Sie sahen durch das Fenster, wie der Schnee auf den Boden rieselte. Ginny liebte es, dem Wetter zuzusehen, egal ob es schneite, regnete, hagele oder ob es sonnig war. Sie liebte es, welch großen Unterschied die kleinsten Dinge ausmachen konnten. Wenn es sonnig war, waren die meisten Menschen guter Laune, aber sobald die kleinste Wolke die Sonne verbirgt, sind sie schlecht drauf. Ginny war nicht anders, sie war traurig, wenn es regnete, und doch half das Geräusch der fallenden Tropfen ihr dabei, die Ruhe zu bewahren. Sie war glücklich, wenn die Sonne schien, so glücklich sie eben sein konnte. Und sie spürte immer ein tiefes Gefühl der Hoffnung in ihr, wenn sie den Schnee beobachtete. Sie dachte, dass dies vielleicht mit Weihnachten in Zusammenhang stehen könnte.
Sie liebte Weihnachten. Auch wenn sie zu Hause nie ein schönes Fest gefeiert hatten, war es auch nie allzu schrecklich gewesen. Ihr Dad und ihre Brüder schlugen sie an Weihnachten nie und für ein paar Stunden konnte sie einfach vergessen, woher sie kam. Die Geschenke waren nie besonders toll. Von Ron bekam sie gar nichts, und von ihren Eltern bekam sie bloß immer selbst gestrickte Pullover und Sachen für die Schule. Aber von den Zwillingen und Bill und Charlie bekam sie immer wundervolle Geschenke. Schokolade, Süßigkeiten, Tagebücher und Kuscheltiere, als sie noch jünger gewesen war.
"Warum beobachten wir das Wetter?", fragte Draco in seiner normalen, gelangweilten Stimme.
"Weil das beruhigend ist", antwortete Ginny, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden.
"Warum musst du dich beruhigen?", fragte Draco. Er nahm sanft ihr Gesicht in seine Hände und brachte ihre Lippen an die seinen. "Ich wüsste da etwas noch Beruhigenderes", flüsterte er heiser und küsste sie sanft.
"Draco, du bist alles andere als beruhigend", sagte Ginny mit einem Grinsen. Draco öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, aber sie unterbrach ihn, indem sie den Kuss leidenschaftlich vertiefte.
"Also, was bin ich, wenn ich nicht beruhigend bin?", fragte Draco, nachdem er den Kuss wieder unterbrochen hatte.
"Nervig, arrogant, rüde, zickig, ..."
"Okay, ich hab's verstanden. Warum bist du dann überhaupt mit mir zusammen?", fragte Draco spielerisch.
"Weiß du außerdem lieb bist, dich sorgst, weil du süß bist, und wenn du es willst, bist du manchmal sogar sensibel."
"Ähhh ... warum hab ich überhaupt gefragt?"
"Weil du manchmal auch ein Idiot bist."
"Fährst du an Weihnachten nach Hause?", fragte Draco nach einem Augenblick der Stille.
"Nein. Ich habe beschlossen, hier zu bleiben. Ich habe keinen Grund, um nach Hause zu fahren", sagte Ginny und sah wieder zum Fenster hinaus.
"Das bedeutet, dass wir vier hier alle in diesen engen Räumen zusammen sein werden", sagte Draco, der sich daran erinnerte, dass Blaise und Pansy ebenfalls hier bleiben wollten.
"Wir vier sind immer hier zusammen in diesem Zimmer", wies Ginny ihn zurecht. "Außerdem werden Pansy und Blaise wahrscheinlich die meiste Zeit in ihrem Zimmer verbringen. Also sind nur du und ich hier herinnen."
Draco sagte nichts darauf. Er wusste, warum er mit Ginny allein sein wollte, und er war sich sicher, dass sie es ebenfalls wusste, aber er wollte sie nicht bedrängen. Er wollte bei ihr sein, wenn sie so weit war, und er wusste, dass sie nach Potters Drohung noch einige Zeit dafür brauchen würde. Bei dem Gedanken an Potters Worte spürte Draco, wie der pure, weiße Hass ihn durchflutete. Er wollte Potter in Stücke reißen, ihm ein Körperteil nach dem anderen ausreißen. Hätte Ginny nicht protestiert, hätte er es längst schon getan.
Draco war geschockt, wenn er daran dachte, wie sehr er sich in den letzten paar Monaten geändert hatte. Er wusste, dass dies wegen Ginny war, und das machte ihm Sorgen. Obwohl er wusste, dass er nicht wie sein Vater war und alles, was sein Vater ihm einzubläuen versucht hatte, idiotisch war, dachte er manchmal immer noch daran, dass er vielleicht Recht haben könnte. Es brauchte mehr als ein paar Monate, um die jahrelange Gehirnwäsche auszulöschen. Das Eine, das Draco am meisten Sorgen bereitete, war, dass er mit seiner Veränderung zufrieden war. Er war froh, dass Ginny ihn so verändert hatte.
"Was wünschst du dir zu Weihnachten, Draco?", fragte Ginny.
"Nichts", sagte Draco, ohne sie anzusehen. Er merkte gar nicht, dass seine Worte ziemlich bitter klangen.
"Was stimmt denn nicht?", fragte Ginny ein wenig verletzt.
"Ich habe nur nachgedacht", antwortete Draco schon etwas ruhiger.
"Worüber hast du nachgedacht?"
"Nichts."
"Wie kannst du nachdenken, wenn du an nichts denkst?"
"Ich habe einfach über alles nachgedacht."
"Über mich?", fragte Ginny verspielt.
"Ja", antwortete er wahrheitsgetreu.
"Gut oder schlecht?"
"Ein bisschen von beidem."
"Was war der gute Teil?"
"Du."
"Okay ... Und der schlechte Teil?"
"Du", sagte Draco mit einem Grinsen. Ginny schlug ihm feste auf den Oberarm. "Es ist wahr!", sagte Draco, der nun seinen Arm rieb.
"Was ist so schlimm an mir?", fragte Ginny. Draco grinste bloß und zog sie auf seinen Schoß.
"Wo soll ich anfangen?", sagte er verspielt. Ginny starrte ihn nur böse an. "Du bist eine Weasley, du bist eine Gryffindor, und du bist manchmal ein kleiner Idiot, denn du hast mich geschlagen! Hmm ... ich weiß, dass ich noch etwas vergessen habe ... Oh! Und du bist eine Weasley", sagte er und küsste sie.
Ginny schlug ihn noch einmal. "Außerdem misshandelst du mich", meinte Draco.
"Wenn ich so schrecklich bin, warum bist du dann mit mir zusammen?", fragte Ginny.
"Weil du außerdem anders bist und du mich dazu bringst, anders zu denken. Das ist überraschenderweise etwas Gutes", sagte Draco komplett wahrheitsgetreu. Er zog sie näher und gab ihr einen langen, leidenschaftlichen Kuss. Etwas später kamen Blaise und Pansy herein.
"Nehmt euch ein Zimmer!", rief Blaise und warf ein Kissen auf Ginny und Draco.
"Wir hatten eines ganz für uns allein, bevor ihr zwei herein gekommen seid", meinte Draco.
"Nehmt euch euer eigenes Zimmer. Dieses hier gehört mir", sagte Pansy und setzte sich neben ihnen hin.
"Heißt das, wir kriegen dein Schlafzimmer?", fragte Ginny. Dracos Kopf schnellte in ihre Richtung und er sah sie an, und eine Sekunde später wurde ihm klar, dass sie nur einen Scherz gemacht hatte, damit sie seine Reaktion darauf sehen konnte. Ginny, Pansy und Blaise brachen in Gelächter aus.
"Was machen wir alle an Weihnachten?", fragte Pansy ein paar Minuten später.
"Hier bleiben ...", schlug Blaise vor.
"Was sollen wir sonst machen?", fragte Draco.
"Ich weiß, dass wir hier bleiben. Aber was wollen wir tun?", fragte Pansy und verdrehte die Augen.
"Nichts", sagten Blaise und Draco gemeinsam.
"Warum laden wir nicht die Zwillinge ein? Ihr wisst doch, dass sie sich schon was einfallen lassen werden", schlug Ginny vor.
"Werden sie mein Zimmer zerstören?", fragte Pansy, die sich besorgt umsah.
"Nein ... naja ... vielleicht ein bisschen ...", sagte Ginny und versuchte sich vorzustellen, was die Zwillinge wohl anstellen würden.
"Dann weiß ich nicht so recht ..."
"Sie können sich benehmen. Naja, für ihre Standards eben benehmen ... sie werden sich schon nicht zu wild aufführen", sagte Ginny.
"In Ordnung ...", sagte Pansy nachgiebig.
"Das wird ein interessantes Jahr werden", meinte Draco.
"War nicht dieses Jahr auch schon interessant?", fragte Blaise.
"Schon ..."
Die vier saßen in Stille da. Sie dachtan aber alle an das selbe. Was sollten sie einander zu Weihnachten schenken? Draco war komplett verloren, was Ginny betraf. Er wusste nicht allzu viel über sie, daher wusste er auch nicht, was ihr wohl gefallen würde. Er musste wohl Pansy befragen. Ginny wusste ebenfalls nicht, was sie für Draco besorgen sollte. Sie wollte, dass er etwas bekam, das ihm richtig gut gefiel, aber sie wusste nicht, was er wohl noch nicht hatte. Sie müsste am besten Blaise befragen.
"Was machen wir wegen Hogsmeade?", fragte Blaise eine Minute später.
"Was meinst du?", fragte Pansy.
"Wir müssen alle einkaufen gehen, Sachen für einander einkaufen, da können wir nicht überall gemeinsam hin."
"Dann müssen wir uns eben alle aufteilen", sagte Ginny, als wäre das offensichtlich. Die anderen sahen sie an. "Oh kommt schon! Ich brauche nicht die ganze Zeit über einen Body Guard!"
"Einer von uns wird immer bei dir sein", sagte Draco.
"Das bedeutet, dass ich sehen werde, was ich von einem von euch geschenkt bekomme!", sagte Ginny in hoffnungsvollem Ton.
"Guter Versuch. Nein, das wirst du nicht."
"Wir könnten uns abwechseln ... ich könnte zum Beispiel mit Ginny gehen, wenn sie Geschenke für euch zwei besorgt", schlug Pansy vor.
"Nein! Dann wirst du uns die ganze Zeit damit nerven, dass du weißt, was wir bekommen!", sagte Blaise.
"Okay ... habt ihr eine bessere Idee?"
"Ihr könntet mich alle den einen Tag lang allein lassen. Ich glaube, ich brauche Urlaub", sagte Ginny. Die anderen ignorierten sie.
"Was, wenn ich mit Ginny gehe, wenn sie eins von euren Geschenken besorgt, und dann wechseln wir uns ab. Ich bin bei ihr, wenn sie dein Geschenk besorgt, Draco, und du kannst bei ihr sein, wenn sie Pansys Geschenk kauft, und dann wirst du, Pansy, bei ihr sein, wenn sie meines besorgt. Wir wechseln uns alle ab", schlug Blaise vor.
"Also wissen wir alle, was der andere bekommt", sagte Pansy.
"Ja, aber hast du eine bessere Idee?"
"Wir treffen uns immer vor den Drei Besen oder irgendwo, damit wir uns abwechseln können", sagte Draco.
"Ja, sagen wir immer nach einer Stunde", meinte Pansy.
"Das wird morgen ein anstrengender Tag werden", sagte Draco, als er daran dachte, dass sie sich jede Stunde treffen müssten.
"Habe ich hier auch noch etwas zu sagen?", fragte Ginny.
"Nein", sagten sie alle zusammen.
