Broken
Kapitel 24
Jeder weiß Bescheid
Die Weihnachtsferien vergingen für Ginny, Draco, Blaise und Pansy wie im Flug. Sie verbrachten den größten Teil ihrer Freizeit damit, draußen Quidditch zu spielen und sich Schneeballschlachten zu liefern. Während der Quidditchspiele tauschten sie immer ihre Teampartner. Meistens spielten die Mädchen gegen die Jungs. Ginny brachte Pansy ein paar neue Tricks bei und ihr Spiel verbesserte sich zusehends. Sie hasste es auch nicht mehr so sehr wie früher. Draco und Blaise verloren immer bei den Schneeballschlachten und waren anschließend sauer. Nun war der letzte Tag der Ferien angebrochen und die vier saßen drinnen, um ihre Hausaufgaben zu machen, die sie natürlich bis zum letzten Tag aufgeschoben hatten.
"Das ist unmöglich! Snape ist so unfair mit diesem Aufsatz!", sagte Ginny und knallte ihr Tränkebuch vor Frust zu.
"Es ist wirklich nicht so schwer. Solang du ausreichend Notizen gemacht hast, kannst du den Aufsatz locker schaffen", sagte Pansy, ohne von ihrem eigenen Pergament aufzublicken.
"Du bist ja die Einzige, die Notizen macht, Pans", meinte Blaise und versuchte, sich Pansys Notizen zu angeln, damit er sie abschreiben konnte.
"Finger weg!", sagte Pansy. Sie knallte ihre Hand auf ihre Notizen und zog sie zurück zu ihr und damit weg von Blaise.
"Kannst du nicht teilen, Pansy?", fragte Draco mit einer erhobenen Augenbraue.
"Das ist es nicht. Ich werde nur sicher nicht so sein wie Granger. Außerdem benötige ich sie gerade", sagte sie mit einem bösen Blick in Dracos Richtung.
"Können wir sie dann benutzen, wenn du fertig bist?", fragte Ginny, während sie ihr Verwandlungs-Buch hervor holte.
"Na gut", sagte Pansy mit einem Seufzen.
Es wurde wieder still im Zimmer. Alles, das man hören konnte, war, wenn jemand eine Seite in einem Buch umblätterte und das Kratzen der Federn auf dem Pergament. Ginny war mit ihrer Verwandlungs Hausübung innerhalb von fünfzehn Minuten fertig und ihre Zauberkunst Hausaufgabe hatte sie in etwa fünfundzwanzig Minuten geschafft. Diese Fächer gefielen ihr am Besten, und Zaubertränke am Schlechtesten, und Verteidigung gegen die dunklen Künste lag irgendwo in der Mitte, aber sie schaffte es nie, so gute Noten wie Draco oder Pansy zu bekommen.
"Okay, mir fehlen nur noch Zaubertränke und Zauberkunst", sagte Draco, während er seinen Text für Verteidigung gegen die dunklen Künste weg packte. "Ich sage, wir machen eine Stunde lang Pause, und zeigen's den Mädchen beim Quidditch", sagte er zu Blaise.
"Hört sich nach einem Plan an", sagte Blaise. Er schloss ebenfalls sein Buch.
"Nein, das tut es nicht", sagte Pansy.
"Ihr zwei könnt uns sowieso nicht schlagen", meinte Ginny mit einem Grinsen.
"Doch, mit Links."
"Ja ja, sicher."
"Das ist alles egal, denn wir müssen noch jede Menge Hausaufgaben fertig machen und mir ist nicht gerade nach Nachsitzen zumute", sagte Pansy stur.
"Sie hat Recht, am Samstag ist das Spiel Gryffindor gegen Slytherin und ich will es nicht verpassen, wenn Harry und Ron das Geschenk von Fred und George öffnen", sagte Ginny mit einem bösen Grinsen.
Die anderen drei stimmten zu und mit einem schweren Seufzen öffneten Draco und Blaise wieder ihre Bücher. Innerhalb der nächsten zwei Stundne hatten alle ihre Hausaufgaben erledigt und packten ihre Unterlagen für den Unterricht am nächsten Tag.
"Das war eine Tortur", sagte Ginny. Sie stand auf und ihr Rücken knackte.
"Was sollen wir jetzt tun?", fragte Blaise.
"Ich schätze, wir sollten zum Festessen in die Große Halle gehen", sagte Ginny und zuckte die Schultern.
"Müssen wir wirklich?", jammerte Draco.
"Ja, ich hab Hunger."
Ginny, Draco, Blaise und Pansy gingen durch die Korridore zur Feier. Sie passten nicht auf, was in ihrer Umgebung passierte. Die Schüler waren bereits zurückgekehrt und begannen, sich in der Großen Halle wegen der Feier zu versammeln. Ginny bemerkte, dass ihr immer mehr Schüler einen bösen oder seltsamen Blick zu warfen. Sie nahm an, dass der Grund dafür war, dass sie bei den Slytherins war, aber sie konnte nicht verstehen, warum die Leute immer noch überrascht waren.
"Man möchte meinen, die Schule hätte sich nun schon daran gewöhnt, mich bei euch dreien zu sehen", sagte sie zu den Slytherins. Pansy zuckte die Schultern und Draco und Blaise gaben fiese Kommentare über jedes Haus außer Slytherin von sich.
"Setzt du dich wieder an den Gryffindor Tisch?", fragte Draco Ginny, als sie sich der Großen Halle näherten.
"Ja, ich schätze, das sollte ich wohl. Ron wird sonst böse werden und ich will nichts provozieren. Wir sehen uns nach der Feier", sagte Ginny. Sie wollte ihn umarmen, aber sie wusste, dass sie das nicht in der Öffentlichkeit tun konnte.
"Bye, Gin", sagte die anderen drei und gingen in die entgegengesetzte Richtung der Großen Halle davon.
Ginny ging los und setzte sich an ihrem Tisch weit weg von Ron und Harry. Sie bemerkte, dass die Blicke, die sie schon am Gang erhalten hatte, nicht weniger wurden. Sie schüttelte dies ab, drehte sich um und sah zu Dumbledore. Sie tat so, als würde sie ihm zuhören, während er wie jedes Mal eine langweilige Rede hielt. Eine Stunde später hatte Ginny gegessen und wurde langsam ziemlich müde. Sie stand langsam auf und begann, die Große Halle zu verlassen. Sie sah hinüber zum Tisch der Slytherins. Pansy, Blaise und Draco unterhielten sich gerade mit Snape. Draco sah herüber und warf ihr einen Blick zu, der soviel sagte wie: "Wir werden in einer Minute nach kommen."
Ginny war erst wenige Schritte vom Eingang der Großen Halle entfernt, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie dachte, es wären Pansy und die anderen, also lief sie weiter. Plötzlich spürte sie einen eisernen Griff an ihrem Arm. Sie wusste sofort, das konnten nur Ron und Harry sein.
"Du musst uns einiges erklären", zischte Ron ihr ins Ohr. Ginny verdrehte die Augen. Hier ging es wohl darum, warum sie über Weihnachten nicht nach Hause gefahren war.
"Ich spreche nicht mit euch, außer es ist genau hier in der Öffentlichkeit", fauchte Ginny zurück. Sie wollte sich nicht dafür verprügeln lassen, weil sie beschlossen hatte, über Weihnachten in der Schule zu bleiben.
"Was soll das alles?", sagte Ron. Er drückte ihr ein Stück Papier in die Hände.
Ginny blickte hinab auf das Papier und schnappte vor Schock nach Luft. Sie hielt ein Foto in schwarz-weiß in Händen, auf dem sie an dem Tag, als sie in Hogsmeade einkaufen war, abgelichtet wurde. Sie stand mit Draco in der kleinen Seitengasse. Die Ginny auf dem Bild hatte ihre Arme um Draco geschlungen und küsste ihn leidenschaftlich. Jemand muss sie beobachtet und das Foto gemacht haben.
Jetzt wusste Ginny, warum sie diese Blicke geerntet hatte.
"Woher hast du das?", sagte Ginny in einem überraschenderweise gleichmäßigen Tonfall.
"Das hing überall im Zug herum. Hast du eine Ahnung, was das für ein Licht auf unsere Familie wirft? Malfoy hat schon die halbe Schule überzeugt, wir Weasleys wären der Abschaum der ganzen Zaubererwelt, und nun glaubt auch noch die andere Hälfte der Schule, wir wären Verräter! Sie werden behaupten, dass du genauso ein Todesser werden wirst wie Malfoy und sein Vater", schrie Ron beinahe. Sein Gesicht war rot vor Zorn und er zitterte vor Wut.
"Ich werde keine Todesserin wie seine Familie. Das war bloß ein Kuss! Ich denke, ich darf ihn wohl noch küssen!", sagte Ginny. Sie unterdrückte das Bedürfnis, ihre Augen zu verdrehen.
"Was bringt dich auf die Idee, du dürftest das Frettchen küssen?", sagte Harry gefährlich. Ginny wusste, dass er sagen wollte, sie gehöre ihm, aber eine Gruppe Drittklässler lief in diesem Augenblick vorbei.
"Du darfst nur das tun, was ich dir sage und was ich dir erlaube!", sagte Ron wutentbrannt.
"Du bist nicht Dad, Ron! Ich habe deine dummen, kleinen Macht-Trips, die du hier abziehst, so satt! Ich kann küssen, wen auch immer ich will!", schrie Ginny. "Und insbesondere meinen Freund!" Eigentlich wollte sie den letzten Teil nicht laut aussprechen, aber sie war so wütend, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Ron war sehr blass geworden. Er war immer noch wütend, aber nun sah er komplett durchgeknallt aus. Seine Augen flackerten vor Wut und er ballte seine Hände immer wieder zu Fäusten.
"Du bist nicht mit Malfoy zusammen", sagte er.
"Wirklich? Ich dachte, sogar du hättest mittlerweile herausgefunden, dass ich es bin. Du hast es hier doch schwarz auf weiß auf dem Foto!", sagte Ginny und wedelte mit dem Bild vor seinem Gesicht herum.
In diesem Moment hatte Ron offenbar genug. Er trat einen Schritt auf sie zu und schlug ihr direkt ins Gesicht.
Zu Rons Glück war der Gang leer. Ginny stand ein wenig geschockt da, aber dann trat sie vor Zorn mit ihrem Knie aus, traf ihn direkt in die Eier, wirbelte auf dem Absatz herum und ging davon. Ron blieb am Steinboden und in der Fötalposition zusammengekauert liegend zurück.
Ginny ging zurück zu Pansys Zimmer und brach auf der Couch zusammen. Sie konnte nicht glauben, dass sie Ron gerade verletzt hatte. Sobald er sich erholt hatte, würde er sehr zornig auf sie sein. Sie spürte einen Funken Triumph durch ihren Körper jagen, als sie daran dachte, wie er auf dem Boden lag und weinte wie ein Baby, aber dieser Gedanke wurde sofort wieder zerstört, als sie sich daran erinnerte, dass er sie ernsthaft dafür bestrafen würde, für das, was sie getan hatte. Sie begann zu weinen und zerknüllte das Bild von ihr und Draco in ihrer Faust. Sie weinte nicht aus Angst oder Schmerz. Sie weinte wegen der puren, weißen, heißglühenden Wut.
Zehn Minuten später kamen Pansy, Blaise und Draco zurück. Ginnys Tränen waren versiegt, aber ihre Augen waren immer noch rot und geschwollen. Die drei bemerkten das natürlich sofort und mit einem großen Schritt war Draco bei ihr auf der Couch. Er schlang seine Arme um sie und hielt sie eine Minute lang fest. Pansy und Blaise machten sich Sorgen, aber ihre Sorge konnte das kleine Lächeln auf ihren Gesichtern nicht überlagern, als sie Dracos Zuneigung sahen.
"Was ist passiert?", fragte Draco einen Moment später. Ginny sagte nichts. Stattdessen reichte sie ihm das zerknüllte Bild, auf dem sie in dem Gässchen zu sehen waren.
"Woher hast du das?", fragte Draco. Er war eindeutig genauso geschockt wie Ginny.
"Offenbar hing das überall im Zug, deshalb haben mir auch alle diese seltsamen, schmutzigen Blicke zugeworfen", sagte Ginny. Blaise und Pansy betrachteten das Bild und ihre Augen weiteten sich geschockt.
"Wer hat dir das gegeben?", fragte Pansy, obwohl sie sicher war, dass sie die Antwort darauf bereits kannte.
"Harry und Ron", sagte Ginny.
"Ist das Harrys Arbeit oder die von Ron?", fragte Blaise und deutete auf den Handabdruck auf Ginnys linker Wange.
"Ist das nicht egal?"
"Nein! Ich will wissen, wen ich dafür verprügeln muss", sagte Draco und begutachtete Ginnys Wange.
"Es war Ron, aber du darfst ihn nicht schlagen, weil ich das schon erledigt habe", sagte Ginny mit einem kleinen Grinsen.
"Du hast Ron geschlagen?", sagte Pansy in einem Tonfall, der aus einer Mischung aus Überraschung und Zufriedenheit bestand.
"Ja, ich hab ihm in die Eier getreten", sagte Ginny immer noch grinsend. Die drei Slytherins sahen sie eine Minute lang oder so geschockt und verwundert an.
"Gehen wir in mein Zimmer, dann behandle ich deine Wange", sagte Pansy. Sie nahm Ginnys Hand und zog sie von der Couch hoch.
"Was glaubst du, wer hat das Foto gemacht?", fragte Blaise Draco, nachdem Pansy ihre Schlafzimmertür geschlossen hatte.
"Ich weiß genau, wer es gemacht hat", sagte Draco.
"Wer?"
"Creevey", antwortete er. Die Wut war deutlich in seiner Stimme zu hören, als er das Bild in seiner Hand wieder zerknüllte.
