Broken
Kapitel 27
Gefangen
Ginny erwachte mit einem leisen Stöhnen. Ihr Kopf und ihr Körper schmerzten so sehr. Sie öffnete ihre Augen noch nicht, weil es sich anfühlte, als würde sich die ganze Welt um sie herum drehen. Sie konnte feuchte Erde und einen moschusartigen Geruch rund um sich herum wahrnehmen. Sie konnte die Feuchtigkeit, die in der Luft lag, bis in ihre Gelenke spüren. Ihr war kalt und sie zitterte. Das Zittern schmerzte bereits in ihren mitgenommenen Muskeln. Sie konnte getrocknetes Blut auf ihrer Lippe schmecken, obwohl sie keine Ahnung hatte, wie es wohl dorthin gekommen war. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war dass sie nach dem Quidditch Spiel unten am See gesessen war und auf Draco gewartet hatte. Es kam ihr vor, als wäre sie wieder in ihrem ersten Jahr in Hogwarts, wo sie sich nicht mehr an die Dinge erinnern konnte, die sie getan hatte. Und nun wachte sie irgendwo auf, wo es kalt, dunkel und feucht war. Das erinnerte sie viel zu stark an ihr erstes Jahr. Sie erwartete fast, Tom Riddle vor sich zu sehen und wieder in Ohnmacht zu fallen, wenn sie ihre Augen öffnete. Nein! Dies war nicht ihr erstes Jahr, Tom Riddle war tot! Er würde nicht mehr zurückkommen.
Langsam öffnete sie die Augen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass ihr linkes Auge geschwollen war, bis sie versucht hatte, es zu öffnen. Zu allererst fiel ihr auf, dass sie nicht wieder in der Kammer des Schreckens war. Sie nahm an, dass sie in den Umkleideräumen war. Alles sah so verschwommen aus und es kam ihr noch immer so vor, als würde sich alles drehen, und dieses Gefühl benebelte ihren Verstand. Sie schloss ihre Augen fest und versuchte, sich an das zu erinnern, das passiert war, nachdem sie sich an den See gesetzt hatte.
Sie erinnerte sich daran, dass sie sich von Pansy und Blaise verabschiedet hatte, zum See hinabgegangen ist und sich unter eine Eiche gesetzt hatte, um auf Draco zu warten. Danach war alles ein wenig verschwommen.
Komm schon, Ginny! Erinnere dich! Ginny dachte angestrengt nach. Sie schloss die Augen noch fester und versuchte sich an die Details zu erinnern. Sie wusste noch, wie sie unter dem Baum saß und auf die glatte, spiegelnde Oberfläche des Sees hinaus sah. Sie erinnerte sich daran, wie der Schatten einer Person hinter ihr auftauchte ... Draco ... Nein, nicht Draco. Sie dachte, es wäre Draco gewesen, aber Draco hätte sie nicht hierher gebracht. Sie wusste jetzt, dass es Harry oder Ron gewesen sein musste. Sie waren die Einzigen, die wegen dem verlorenen Spiel so angepisst waren, weil sie während des Spiels so gedemütigt worden waren. Sie wusste, dass sie angepisst waren, weil sie Slytherin angefeuert hatte und auf den Slytherin Tribünen gesessen war.
Sie öffnete die Augen und setzte sich langsam auf. Ihr ganzer Körper schmerzte und sie stellte fest, dass sie ein paar Blutergüsse an den Beinen und an den Rippen hatte. Sie wartete eine Minute lang, damit ihr Blickfeld klarer wurde und sich alles aufhörte zu drehen, bevor sie sich genauer umsah. Sie war zweifellos in den Umkleideräumen, und sie war sich ebenfalls sicher, dass die Tür zugesperrt sein würde. So vorsichtig wie möglich stand Ginny auf und ging hinüber zur Tür, und wie sie erwartet hatte, war abgesperrt. Sie griff in ihre Robe, um ihren Zauberstab zu suchen, aber sie hätte wissen müssen, dass er nicht da ar. Sie ging zu den Regalen über den Bänken um nachzusehen, ob dort vielleicht jemand seinen Zauberstab vergessen hatte, aber sie fand nichts.
Sie merkte, wie sie in Panik verfiel. Sie wusste, wenn sie hier nicht bald raus kam, würde sich alles bloß noch verschlechtern. Auf keinen Fall hätten Harry und Ron sie hier in diesem Zimmer eingesperrt, wenn sie nicht etwas ausheckten. Sie spürte an ihrem Körper, wo sie sie bereits geschlagen hatten. Sie hatten sie geschlagen, als sie bewusstlos war. Sie zitterte bei dem Gedanken an das, das sie wohl sonst noch geplant hatten. Sie machte sich wieder auf den Weg zur Tür, ignorierte die Schmerzen in ihren Beinen, stellte sich auf die Zehenspitzen und sah so gut es ging aus dem Fenster, das sich im oberen Teil der Tür befand.
Das Spielfeld war komplett verlassen. Sie konnte nicht einmal gegen die Tür klopfen, um Aufmerksamkeit zu erregen, denn niemand war hier, um ihre Schreie zu hören, und es würde auch so bald niemand kommen. Ginny rutschte an der Tür hinab und begann, ihre Optionen zu überdenken. Sie hatte allerdings nicht sehr viele Möglichkeiten. Sie konnte warten, bis Harry und Ron zurückkehrten und sie bewusstlos prügelten, und dann würden sie die Tür aufgesperrt lassen, damit sie gehen konnte. Sie konnte an die Tür hämmern in der Hoffnung, dass jemand sie hörte, allerdings bezweifelte sie, dass jemand vor Harry und Ron hier vorbeikommen würde. Oder sie konnte auf Harry und Ron warten und dann versuchen, gegen sie anzukämpfen, aber ohne einem Zauberstab war das sehr gefährlich.
Sie spürte, wie ihr die brennenden Tränen in die Augen stiegen. Sie schloss ihre Augen und drängte die Tränen zurück. Harry und Ron würden sie nicht wieder zum Weinen bringen. Obwohl sie sie geschlagen, bedroht, sie angeschrien und nun praktisch auch noch entführt hatten, weigerte sie sich, ihnen die Genugtuung zu geben, die ihre Tränen mit sich führen würden.
Sie durchsuchte die Taschen ihrer Robe und holte alles hervor, dass sich darin befand. Sie hatte ein paar zerbrochene und eine ganze Schreibfeder darin, die Schlüssel zu Pansys privatem Zimmer, ein paar Blätter Pergament und den kleinen Taschenspiegel, den Pansy ihr geschenkt hatte. Sie wusste, dass Professor Trelawney ihnen in Wahrsagen beibringen wollte, wie man mit einem Spiegel spionieren konnte. Sie erinnerte sich an den Unterricht. Wenn man es ordentlich machte, konnte man durch den Spiegel sehen, was an einem anderen Ort passierte.
Sie hielt sich den Spiegel vors Gesicht und versuchte, weiter zu sehen als nur bis zu ihrem Spiegelbild. Sie konzentrierte sich auf Harry und Ron und versuchte herauszufinden und zu sehen, wo sie waren und ob sie in der Nähe waren. Sie erkannte Ron in sich selbst, da sie ihm ähnlich war. Sie hatten Großteils an den selben Stellen Sommersprossen im Gesicht. Sie hatte seine Augen und seine Lippen, der einzige größere Unterschied außer dem Geschlecht war Ginnys Nase, denn sie hatte die Nase ihrer Mutter geerbt. Nachdem sie zwanzig Minuten lang in den Spiegel gestarrt und nichts gesehen hatte, warf Ginny den Spiegel vor lauter Frust kräftig durch die Gegend. Sie sah, wie sich die Splitter des Spiegels auf dem Boden verteilten, und bekam eine Idee. Wenn sie nur das Fenster über der Tür zerbrechen könnte, dann könnte sie sich vielleicht hochziehen und versuchen, hinauszuklettern.
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Pansy, Blaise und Draco saßen mit Fred und George in Pansys Zimmer. Draco war ruhelos. Er wollte jetzt nicht hier sitzen, er wäre lieber draußen, auf der Suche nach Ginny und auf der Jagd nach Harry und Ron.
"Wir haben sie verzaubert", sagte Fred.
Draco schenkte ihnen nicht viel Aufmerksamkeit, aber er wusste, dass sie über die Anhänger sprachen, die jeder zu Weihnachten bekommen hatte. Nachdem Blaise Draco und Pansy gezeigt hatte, dass sein Anhänger glühte, holten sie ihre eigenen Anhänger und sahen, dass diese ebenfalls glühten. Sie riefen danach sofort Fred und George zu sich und fragten sie, was mit den Anhängern los war.
"Wir haben einen Zauber gewählt, der eure Stimmung aufgreift. Wenn ihr gestresst seid, schickt er einen Alarm zu den anderen Anhängern, und deshalb leuchten sie", fuhr George fort.
"Okay ... aber vorhin glühte er orange, jetzt ist er ein wenig rötlicher", merkte Pansy an.
"Die Farbe hängt vom jeweiligen Stressfaktor ab. Gelb ist besorgt oder traurig, orange ist ängstlich und rot sind die Schwierigkeiten", sagte Fred.
"Was meinst du mit Schwierigkeiten?", fragte Draco in einem nicht so netten Tonfall.
"Tja, wenn sich Ginny große Sorgen macht oder stärkere Emotionen zeigt als normal, dann glüht er rot", erklärte George.
"Wir haben uns das ausgedacht, weil wir denken, dass ihre Gefühle am stärksten sind, wenn sie geschlagen wird", fuhr Fred fort.
"Na das ist ja toll! Jetzt wissen wir also, dass sie in Schwierigkeiten steckt! Was für ne große Scheiße! Das wussten wir auch schon, bevor wir diese dämlichen Anhänger gefunden haben! Wie wär's, wenn sie uns einfach verraten, wo sie ist? Können sie das auch?", schrie Draco. Er atmete schwer und war auf den Beinen, obwohl er sich nicht einmal daran erinnern konnte, wie er aufgesprungen war.
"Draco, beruhige dich! Es wird ihr schon gut gehen, sie werden sie nicht umbringen", sagte Pansy in einem Versuch, ihren Freund zu beruhigen, aber es funktionierte nicht.
"Ich weiß, dass sie sie nicht umbringen werden", schrie Draco wieder. Langsam setzte er sich hin und holte tief Luft. "Aber es gibt auch Schlimmeres", meinte er.
"Könnt ihr die Anhänger irgendwie umzaubern, sodass sie uns verraten, wo sie ist?", fragte Blaise.
"Naja, irgendwie ...", meinte Fred und dachte über all die Zauber nach, die bei den Anhängern benutzt worden waren.
"Es gibt einen Weg, aber es ist nicht sicher", fuhr George fort.
"Sagt es uns einfach!", schrie Draco. Er hatte genug von diesem Gespräch. Er wollte losziehen und endlich etwas tun.
"Sie leuchten heller, je näher wir ihr sind", sagten Fred und George zusammen. Dracos Ausbruch störte sie gar nicht, es wäre viel schlimmer gewesen, wenn er so getan hätte, als wäre nichts passiert.
"Aber wenn sie heller leuchten, woher wissen wir dann, ob es Ginny schlechter geht oder ob wir ihr näher kommen?", fragte Blaise.
"Das ist ja das Problem", sagte Fred.
"Das kann man nicht sagen", meinte George.
"Ist mir egal. Ich werde sie schon finden", sagte Draco.
Ohne einen Blick auf die anderen zu werfen, war er aufgestanden und zur Tür hinaus gegangen. Seine Wut wurde mit jedem Schritt, den er machte, größer. Alles, woran er denken konnte, war Ginny und das, was ihr womöglich gerade jetzt zustoßen könnte. Er kam ans Ende des Ganges, sah auf seinen Anhänger hinab und versuchte herauszufinden, in welche Richtung er gehen sollte. Er hörte Schritte hinter sich, wirbelte herum und sah, dass Fred, George, Pansy und Blaise hinter ihm her liefen.
"Okay, also in welche Richtung?", fragte Blaise, als sie Draco einholten.
"Links geht es zur Eingangshalle und den Haupttüren nach draußen. Rechts geht es in Richtung der Kerker, und geradeaus geht es zum Zauberkunst-Gang und zu den anderen Klassenzimmern", sagte Pansy.
"Danke dafür, Pansy, aber wir kennen diese Schule in und auswendig", schnarrte Draco.
"Wir sollten alle in eine andere Richtung gehen und sehen, wessen Anhänger am hellsten leuchtet", sagte Fred.
"Gute Idee. Ich gehe in Richtung Eingangshalle und draußen", sagte Blaise.
"Ich gehe in Richtung des Zauberkünste-Korridors", bot Pansy sich an.
"Ich schätze, dann werde ich wohl in die Kerker gehen", meinte Draco.
"Geht nicht zu weit, bleibt nah genug beieinander, damit ihr euch hört, wenn ihr euch ruft", sagte George.
Pansy, Draco und Blaise gingen alle in die verschiedenen Richtungen davon und behielten die ganze Zeit über ihren Anhänger im Auge. Draco ging in Richtung der Kerker und spürte eine ungewohnte Nervosität in sich aufsteigen. Mit jedem Schritt, den er machte, erwartete er, dass sein Anhänger heller leuchtete, aber mit jedem Schritt wurde er massiv enttäuscht. Er wollte schon umdrehen und zurückgehen, als er Blaise in einiger Entfernung schreien hörte. Draco wirbelte am Absatz herum und lief zurück an die Stelle, wo er die anderen verlassen hatte.
"Haben eure geleuchtet?", fragte Blaise Pansy und Draco, als sie sich alle wieder trafen.
"Nein", sagten Pansy und Draco zusammen.
"Okay, dann muss sie draußen sein. Ich war nur wenige Schritte vom Eingangstor entfernt, da hatte meiner stärker geleuchtet", sagte Blaise.
Die fünf rannten den Gang entlang, aus dem Blaise gekommen war. Sie hatten alle ihre Augen auf ihre Anhänger gerichtet und passten kaum auf, wohin sie liefen. Sie kamen an zwei verschiedene Pfade, die sie weiterverfolgen konnten, aber als Blaise von der Eingangstüre ein paar Schritte weg trat, leuchtete er nicht mehr so hell. Sie wussten, dass dies bedeutete, dass sie wirklich nach draußen gehen mussten, um sie zu finden. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, liefen sie nach draußen und begannen die Umgebung abzusuchen, aber sie sahen nichts. Sie wussten alle, dass Ginny draußen sein musste, aber wahrscheinlich war sie draußen noch viel schwieriger zu finden, als wenn sie im Schloss gewesen wäre.
Ginny stand vor der Tür der Umkleide. Sie hatte sich einen Besen aus einem der schuleigenen Besenschränke geschnappt. Sie nahm an, dass das Glas unbrechbar gezaubert war, aber sie würde den Versuch sicher nicht ungenutzt lassen. Das war ihre einzige Hoffnung außer derjenigen Möglichkeit, einfach darauf zu warten, dass jemand kam. Wahrscheinlich würden Harry und Ron zu ihr kommen, bevor die anderen sie fanden.
Sie hielt den Besen in beiden Händen, richtete das Ende des Besenstiels auf das Fenster, schloss die Augen und flog direkt auf das Glas zu. RUMMS! Sie hatte das Holz getroffen und war durch den Aufprall zurück auf den Hintern gefallen. Sie stand auf, hob den Besen wieder auf, sah hinab auf den Griff und merkte, dass er etwas zersplittert war. Wenn sie diesmal das Glas nicht traf, würde der Besen mit Sicherheit bersten. Sie brachte sich wieder in Position, zielte diesmal mit dem Besen etwas höher und flog wieder direkt auf das Fenster zu.
RUMMS!
Etwas hatte die Tür getroffen, bevor Ginny versuchen konnte, das Glas zu zerbrechen.
RUMMS!
Jemand war draußen, und wie es sich anhörte, wollte dieser jemand genauso dringend herein, wie sie hinaus wollte.
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