Broken

Kapitel 30

Eine freundschaftliche Unterhaltung


Ginny konnte nicht glauben, wie sehr sich Draco in den letzten paar Wochen verändert hatte. Nicht nur, dass sie nicht mehr zusammen waren, sie sah ihn außerhalb des Unterrichts und der Mahlzeiten gar nicht mehr, und auch wenn er im selben Zimmer war oder am selben Tisch saß wie sie, schien er immer so weit weg zu sein. Ginny hatte bemerkt, dass Draco sich nicht mehr mit Blaise und Pansy abgab und wieder zurück zu Crabbe und Goyle als Kameradschaft gewechselt war. Sie saßen während der Mahlzeiten und in der Bibliothek zusammen und Draco fragte sogar, ob ere sich in all ihren Fächern umsetzen durfte, damit er nicht länger bei Ginny, Pansy und Blaise sitzen musste, sondern zu Crabbe und Goyle wechseln konnte. Er schlief nicht mehr in Pansys Zimmer und war wieder in den Slytherin Gemeinschaftsraum gegangen. Das erinnerte Ginny an ihre ersten paar Jahr in Hogwarts. Pansy und Blaise waren anscheinend nicht allzu böse, dass Draco sich nicht mehr mit ihnen abgab, aber Ginny konnte sagen, dass es sie schon ein wenig störte.

Ginny saß in Verteidigung gegen die dunklen Künste und versuchte, dem Professor aufmerksam zuzuhören, aber ihr Blick wanderte immer wieder zu Draco. Sie hatte heute in der Bibliothek nicht einmal gesehen, dass er sie angesehen hatte, seit er mit ihr Schluss gemacht hatte.

Ginny fiel es schwer, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten und sich nicht in sich selbst zurückzuziehen, so wie sie es in diesem Schuljahr schon einmal gemacht hatte. Pansy und Blaise waren eine große Hilfe gewesen, aber es fühlte sich immer noch an, als würde ein heißes Messer direkt in ihrem Herzen stecken. Sie hasste es, dass ein Kerl sie so vereinnahmen konnte, sie hätte sich nicht so schnell an ihn gewöhnen sollen. Sie hätte wissen müssen, dass es genauso schnell vorbei sein würde, wie es begonnen hatte. Aber Draco war einer der Ersten, der ihr je gezeigt hatte, dass sie ihm etwas bedeutete. Das war etwas, das sie nicht so leicht vergessen konnte.

In letzter Zeit hatte sich alles angefühlt, als würde sie schlafen und als wäre es nur ein Traum. Sie sagte sich immer wieder, dass sie nicht so tun hätte sollen, als würde es ihr nichts bedeuten. Wenn sie vielleicht etwas mehr Gefühle gezeigt hätte, vielleicht hätte Draco es sich dann anders überlegt. Aber sie wusste, dass sie nicht gewollt hätte, dass er bei ihr bliebe, nur weil sie nicht damit umgehen konnte, wenn man mit ihr Schluss machte. Pansy piekste ihr fest in die Rippen und brachte sie zurück in die Realität.

"Au! Wofür war das denn?", sagte Ginny und begann, sich die Rippen zu reiben.

"Der Unterricht ist zu Ende", sagte Pansy und stand auf.

"Oh." Ginny sah sich um. Fast alle waren schon gegangen, inklusive Draco. Sie stand auf und schwang sich ihre Tasche über die Schulter. Pansy und Ginny waren gerade aus dem Klassenzimmer getreten, da fiel Ginny etwas auf.

"Wo ist Blaise?", fragte sie und sah um Pansy herum, als würde sie erwarten, dass er jeden Moment hinter ihr auftauchen könnte.

"Er sagte, er müsste gehen und sich um etwas kümmern", sagte Pansy mit einem Schulterzucken. Ginny konnte sagen, dass Pansy ihr etwas verheimlichte, aber das bedeutete wahrscheinlich nur, dass es etwas mit Draco zu tun hatte, also ließ sie das Thema wieder fallen.


Draco lief alleine hinab ich Richtung der Küchen. Er hasste es, mit Crabbe und Goyle abzuhängen. Sie waren solche Trottel. Aber er wollte nicht mit Pansy und Blaise abhängen, während Ginny auch da war. Er wollte sie mit seiner Anwesenheit nicht verletzen. Er wusste, dass sie ihn im Unterricht angestarrt hatte, und während den Mahlzeiten, und wann immer sie ihn erblickte. Er hatte sie auch beobachtet und versucht herauszufinden, ob es ihr wirklich gut ging oder ob sie nur so tat als ob. Anscheinend kam sie aber wirklich gut damit klar. Sie lachte mehr, plauderte mehr und sah glücklicher aus. Draco betrat die Küche und war sofort von einer Traube Hauselfen umgeben.

"Überrascht mich einfach mit irgendwas, das ihr auch oben servieren würdet. Nichts Seltsames", sagte Draco bitter. Die Elfen nickten verständnisvoll und sausten los, um sein Essen zuzubereiten.

Draco ging in den hinteren Teil der Küche, wo sich die Sitzplätze für die Professoren und die Schüler befanden. Er wollte sich gerade in eine der Nischen fallen lassen und aufhören, ständig an Ginny zu denken, aber er hatte kein Glück dabei.

"Hey Blaise", sagte Draco in einem nicht ganz so freundlichen Tonfall.

"Sind wir heute nicht so vergnügt?", fragte Blaise in einem viel zu freundlichen Tonfall.

"Warum bist du hier?"

"Ich bin hierher gekommen, um dir etwas Vernunft einzureden", sagte Blaise mit einem Schulterzucken. Es machte keinen Sinn, dies zu verheimlichen, denn Draco wusste dies bereits. "Aber ich weiß, dass dies wahrscheinlich nicht funktionieren wird, also bin ich hier, um mit dir zu essen. Pansy und ich haben dich jetzt schon länger nicht mehr gesehen", fügte er hinzu.

Draco zog eine Augenbraue hoch. "Also versuchst du doch nicht, mir etwas Vernunft einzureden? Wie du es so schön formuliert hast."

"Das habe ich nie gesagt. Nur das es mein Plan war, und es ist auch noch immer mein Plan, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich mich schon länger nicht mehr mit dir unterhalten habe, Kumpel."

Draco ließ sich mit einem Seufzen in die Nische fallen. Es stimmte, dass er Pansy und Blaise mied, und das gefiel ihm nicht, aber sie waren immer bei Ginny. Er war froh, dass sie bei ihr waren, so wusste er wenigstens, dass sie in Sicherheit war, aber es gefiel ihm auch, dass Blaise zu ihm hier herunter gekommen war, um gemeinsam mit ihm zu essen.

"Woher hast du gewusst, dass ich hier sein würde?", fragte er nach einer Weile.

"Du verpasst immer mindestens eine Mahlzeit pro Woche, und es ist Freitag und du warst die ganze Woche über zum Essen in der großen Halle, also habe ich überlegt, dass du nun genug haben musst. Nicht dass ich dir das vorwerfen würde, aber ich weiß nicht, wie du es all die Jahre lang mit diesen beiden aushalten konntest", sagte Blaise, der merklich zusammenzuckte. Er hatte Crabbe und Goyle schon immer gehasst, und er hatte sich nur wegen Draco mit ihnen abgegeben.

"Tja, benimmst du dich da nicht gerade wie ein kleiner Auror, der mir nachspioniert?", fragte Draco mit einer erhobenen Augenbraue.

"Ich observiere bloß."

In diesem Moment tauchten die Elfen nicht nur mit Dracos Essen, sondern auch mit Blaises Essen auf.

"Hier ist Ihr Abendessen, Sirs", sagte einer der Elfen mit seiner kreischigen Stimme. Er verbeugte sich tief und lief schnell wieder davon.

Draco hatte Kartoffelbrei, ein Steak und grüne Bohnen bekommen, und auf Blaises Teller befand sich Roast Beef, ein Steak, Bohnen und ein Salat.

"Also, sag mir, warum du wirklich hier bist", sagte Draco, nachdem er ein paar Bissen gegessen hatte.

"Hab ich dir doch schon gesagt, weil ich dich schon länger nicht mehr gesehen habe ... Oh, und um dir zu sagen, dass du ein kompletter Idiot bist!", sagte Blaise und aß weiter ein paar Bissen seines Essens.

Draco verdrehte die Augen. "Das habe ich dir doch schon erklärt."

"Ich weiß, und ich glaube, dass das, was du tust, falsch ist, aber ich verstehe es."

"Warum werde ich dann einfach so abgestempelt?", fragte Draco. Er spürte, wie sein Gemüt sich aufheizte und er wusste, wenn Blaise ihn weiter bedrängte, würde Draco sich nicht länger unter Kontrolle halten können.

"Es ist nicht, weil du mit ihr Schluss gemacht hast. Es ist nicht einmal, weil du sie um jeden Preis meiden willst. All das kann ich verstehen. Aber es ist dieser Scheiß, von wegen, du rettest sie vor dem Schmerz. Es ist die Tatsache, dass du sie an dem Tag geküsst hast, an dem du Schluss gemacht hast! Und von dem, was ich gehört habe, war es auch kein einfacher und freundschaftlicher Kuss", sagte Blaise, dessen eigenes Gemüt langsam aufbrodelte.

Draco sagte gar nichts. Er sah Blaise auch nicht an. Er starrte einfach seinen Teller an. Plötzlich hatte er keinen Hunger mehr. Nachdem er sein Essen ein paar Minuten lang mit seiner Gabel hin und her geschoben hatte, riskierte er einen Blick in Blaises Richtung. Blaises Blick lag immer noch auf ihm, es war, als ob seine Augen sich in ihn bohrten.

"Was?", fragte Draco, als hätte er kein Wort von dem gehört, das Draco gesagt hatte.

"Warum hast du sie geküsst?", fragte Blaise. Draco wusste, dass es ihm schwer fiel, sein eigenes Temperament unter Kontrolle zu halten.

"Sie hat mich um einen Kuss gebeten. Sie hat gesagt, jedes Pärchen bekommt einen letzten Kuss, bevor es Schluss macht", sagte Draco, als hätte er nichts Falsches getan, auch wenn er wusste, dass er sie besser nicht geküsst hätte.

"Ein letzter Kuss als Symbol des Abschlusses einer gesunden Beziehung ist in Ordnung, aber man gestaltet diesen Kuss nicht so leidenschaftlich, wenn man der anderen Person die Hoffnung nehmen will, wieder zusammen zu kommen!", schrie Blaise ihm beinah entgegen.

"Ich weiß! Ich hab es vergeigt, okay?", schrie Draco. Er hasste es, dass Blaise ihn damit konfrontierte, wenn er Ginny doch beschützen wollte.

Blaise sah gar nicht schockiert aus, dass sein Freund ihn gerade angeschrien hatte. Er wirkte komplett ruhig, als hätte er es erwartet. Ohne ein Wort zu sagen, stand er auf und machte sich auf den Weg in den vorderen Teil der Küche. Auf halbem Weg blieb er stehen und wirbelte noch einmal herum, um Draco anzusehen.

"Pansy und mir gefällt es wirklich nicht, dass wir dich nicht mehr sehen", sagte er ehrlich.

"Ich weiß", war alles, das Draco sagen konnte. "Aber ihr müsst auf sie aufpassen, und wenn ich dabei bin, wird sie das momentan bloß verletzen", fügte er hinzu, da Blaise sich nicht rührte.

"Ich weiß. Wir haben auch nicht die Absicht, sie aus den Augen zu lassen. Du weißt, dass es nicht nur deshalb ist, weil sie Ginny ist und wegen dem, das sie durchmachen musste, richtig? Ich würde dir immer unter allen Umständen beistehen, und Pansy genauso, aber ich weiß, warum du das tust. Wenn du sie weiterhin in dem Glauben lässt, dass es vielleicht eine Chance gibt, obwohl da keine mehr ist, dann bin ich gezwungen, ihre Seite zu wählen und nicht deine, und das will ich aber eigentlich gar nicht. Mach das wieder gut, Draco. Das meine ich ernst", sagte Blaise, bevor er ohne ein weiteres Wort davon ging.

Draco schob seinen Teller weg und setzte sich wieder in die Nische. Er wusste, dass Blaise Recht hatte, dass Draco wirklich damit aufhören musste, egal auf welche Art und Weise. Entweder er musste ein komplettes Arschloch sein und Ginny verletzen, damit sie ihm fern blieb und ihn nicht länger bei jeder sich bietenden Gelegenheit beobachtete, oder er musste mit ihr sprechen und ihr erklären, was er tat und wie er es wieder gut machen konnte. Draco wusste, welche Möglichkeit er wählen sollte. Er wusste, welcher Weg der Richtige war, aber Draco tat nie das Richtige. Denn so war er nicht erzogen worden.

"Verdammt, Blaise."